Die kultische Organisation in urbanen Gebieten des hethitischen Reichs

Eine Untersuchung anhand der Ambazzi-Texte CTH 391, CTH 429 und CTH 463 des 14. und 13. Jh. v.Chr.


Seminararbeit, 2010

23 Seiten


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I Prolog
1. Forschungsstand und Methodik
1.1 Eingrenzung auf das Genre ,Ritualtexte' und deren materielle Uberlieferungssituati-on
1.2 Die philologische Aufarbeitung und daraus folgende Rückschlüsse auf das Kultver- ständnis der Hethiter

II Hauptteil
2. Untersuchungen der materiellenüberlieferungen
2.1 Modell und Aufbau eines Ritualtexts
2.2 Fundkontexte
2.3 Interkulturelle Einordnung
3. Philologische Untersuchungen
3.1 Form und Definition der Ritualtexte
3.2 Inhaltliche Kohärenzstörungen
3.3 Textentwicklung durch redaktionelle Modifizierungen
3.4 Datierungsmöglichkeiten
3.5 Die Namensnennung im Kolophon und Incipit
4. In kultische Handlungen involvierte Individuen
4.1 Die Rolle der Götter
4.2 Der König
4.3 Der Hof
4.4 Der Priester
4.5 Die weise Frau
4.6 Die Privatperson

III Epilog

V Literaturverzeichnis

I Prolog

Als Grundlage für Untersuchungen der Organisation innerhalb des hethitischen Tempelwesens werden mit Hilfe mehrerer archäologischer Methoden die verschiedenen Kulte isoliert. An- hand der Textgruppe der Ritualtexte wird das Kultwesen aus einer Nischenposition als Aus- gangspunkt aufgeschlüsselt. Die Ambazzi-Texte CTH 391, CTH 429 und CTH 463 dienen hierzu als Modell.

Die Textgruppe wird zuerst anhand philologischer Diskussionen skizziert, ein Profil der davon unmittelbar betroffenen Individuen erstellt und schliesslich anhand materieller Hinterlassenschaft in einen umfassenderen archäologischen Zusammenhang gesetzt.

Ziel der Arbeit ist, aus den Untersuchungen eine Annäherung an das Tempelwesen als Modell zu formulieren. Das soziale Konstrukt wird dabei innerhalb des 14. und 13. Jahrhunderts vor Christus isoliert.

1. Forschungsstand und Methodik

Während für HAZENBOS1 die kultische Organisation der Hethiter des 13. Jahrhunderts v.Chr. gut durch materielle Hinterlassenschaften und stark strukturierte kultische Organisation be- legbar ist, vermisst CHRISTIANSEN2 immer noch wichtige Schlüsselstellen. Dazu gehört zum Beispiel die spezifische Stellung der jeweiligen Kultfunktionäre innerhalb der Hierarchie des Hofes und dessen Funktion. Es mag sein, dass durch den Bruchteil der bis heute erhaltenen Funde niemals eine ganze Kultur und deren alltägliches Leben rekonstruiert werden kann. Mit Hilfe von verschiedenen archäologischen Disziplinen gelingt es jedoch, sich durchaus daran anzunähern. Man darf dabei jedoch nie aus dem Auge verlieren, dass Modelle nicht als gesi- chertes Wissen gelten dürfen.

1.1 Eingrenzung auf das Genre ,Ritualtexte' und deren materielle Uberlieferungssituati-on

Abgesehen von den architektonischenüberresten konnten eine Vielzahl von Texten und Objekten ausgegraben werden, die in kultischem Zusammenhang stehen.

Die materiellen Hinterlassenschaften der Hethiter die als Textträger fungieren sind beachtlich in ihrer Quantität; so ist es möglich, diese in verschiedene Genres zu unterteilen und zu cha- rakterisieren. Darunter finden sich Votivgaben3, Schwüre4, Flüche5, Träume6, Orakel7, Feste8, Rituale und Beschwörungen9. Anzumerken ist, dass es sich im kultischen Bereich vor allem um Texte handelt, die auf Stein- oder Tonplattenüberliefert wurden.10

Leider wurden frühere Ausgrabungen stratigraphisch nicht den heutigen Methoden entspre- chend dokumentiert; so sind viele Fundorte der Objekte nur ungefähr bekannt. Zur näheren Illustration eines kultischen Textes wird in dieser Arbeit als Beispiel der Ritualtext herangezo- gen.

Durch diverse Ausgrabungen in Anatolien liegen zu heutiger Zeit die Befunde von mehreren Städten vor, dieüber eine Akropolis verfügen. Das Herzstück dieser ist der Palast, der oft direkt neben dem Tempelareal situiert ist. Der Tempel selbst wurde bis jetzt als das Zentrum des urbanen Kultlebens betrachtet, wobei auch unterschiedliche Rituale ausserhalb dieses Areals stattgefunden haben müssen. Nicht zu vergessen sind nichturbane Heiligtümer, die sich weitab der Stadt in eher provinziellen Gebieten befanden; auf diese wird in der Arbeit aber nicht wei- ter eingegangen. Die Stadt, die im Rahmen dieser Arbeit als Beispiel dient, ist Hattusha.

Eine beachtliche Anzahl Ritualtexte befand sich im Palastareal, wobei detaillierte stratigraphi- sche Befunde der ersten Expeditionen11 fehlen. Dieser Fehler konnte erst bei späteren Ausgra- bungen bereinigt werden.12 HAZENBOS13 weist hier auf die Unterscheidung von Kultinventaren und Palastinventaren14 hin. Diese werden zwar in den gleichen Arealen gelagert und erfahren somit die gleiche administrative Handhabung, gehören aber je einem anderen Textgenre an. Es darf auch angenommen werden, dass bestimmte kultische Texte innerhalb des Reiches zirku- lierten.15

Nahezu ein Drittel der kultischen Textbestände wurden im Tempelareal16 gefunden, wobei sie auf dieöstlichen Lagerräume und an der Wand des südlichen Areals konzentriert waren. Auch aus der Tempelumgebung wurden einige Texte ausgegraben. Der Rest der Funde stammt aus Büyükkale17, wo sie sich ebenfalls imöstlichen Teil des Tempelareals befanden.18

Verschiedene Tafeln aus Buyukkale wurden im und um das „Haus am Hang" gefunden, wobei auch einzelne Exemplare in der ganzen Unterstadt verteilt waren.19

Die restlichen Tafeln aus Bogazkale20 wurden unter anderem innerhalb der Räume von Privathäusern lokalisiert, die auf ein grösseres Areal verteilt waren.21

Die Befunde gelten allerdings nicht als Beleg für die Lagerung der Texte an einem bestimmten Ort. In Hattusha ergeben sich breit gefächerte Fundorte der Texte; beide Tempel, sowie der Palast von Hattusha bargen Teile des Kultbestandes.22 HAZENBOS23 sieht aus diesem Fundkontext den Palast als treibende Kraft für kultische Handlungen.

1.2 Die philologische Aufarbeitung und daraus folgende Rückschlüsse auf das Kultverständnis der Hethiter

Da sich ein grosser Teil des Kultbegriffs nicht auf einer materiellen Ebene erklären lässt, ist es unbedingt notwendig die ausgegrabenen Objekte anhand philologischer Methoden zu unter- suchen. Bei religiösen Statuen, die oft Inschriften tragen, kann durch die Disziplin der Glyptik auf weitere Zusammenhänge geschlossen werden. Bei Tafeln kann diese Methode nur bei Zeichnungen angewandt werden. Der grosse Teil der kultischen Tafeln besteht aber aus Nie- derschriften von Beschwörungen, Orakeln oder weiteren religiösen Praktiken24.

Die meist aus Ton bestehenden Tafeln sind zwar nicht mehr vollständig erhalten, es existieren jedoch mehrere Kopien desselben Textes. Die verschiedenenüberlieferungen sind nicht nur für dieübersetzung von elementarem Wert, sondern bieten auch gute Ansätze für entwick- lungsgeschichtliche Forschungen. Es können diverse Schreibformen isoliert werden, die an- schliessend nach geographisch-kultischen Aspekten aufgeschlüsselt werden können. Aus der Stratigraphie gewonnene Datierungsvorschläge können nach diesen Untersuchungen zusätz- lich präzisiert werden.25

Um im Anschluss die Struktur des Tempelwesens zu erschliessen, zeigt es sich als notwendig zuerst das thematische Feld der Religion abzugrenzen; es darf angenommen werden, dass die Hethiter an eine höhere Macht glaubten, die in Form von Polytheismus in das alltägliche Le- ben eingebunden wurde. Die Götter und deren Willen wurden nun mit Hilfe von materiellen Gerätschaften, Kulten und deren Dokumentation repräsentiert. Das Tempelwesen ʹ in direkter Verbindung mit dem königlichen Hof ʹ fungierte nun als Schlüsselstelle zwischen diesen beiden Ebenen; dem Irdischen und dem Göttlichen.

Für den reibungslosen Ablauf und die Durchführung der Kulte waren Hethiter aus mehreren Gesellschaftsschichten, z.B. Priester und Mitglieder diverser anderer Berufsgruppen, zuständig. Der König, der ]die höchste Position in der Hierarchie einnahm, war zwar auch notwendig, jedoch als Repräsentant und Befehlshaberüber die tieferen Ränge.26 Die Individuen mit kultischer Verantwortung werden im Kapitel 4 weiter aufgeschlüsselt.

[...]


1 Hazenbos 2003, S. 1

2 Christiansen 2006, S. 26

3 Votivgaben sind Objekte, die oft im Rahmen einer Schenkung in kultischen Zusammenhang gebracht werden. Ihre Hauptfunktion ist nicht die eines blossen Textträgers; somit sind die Votivgaben in ande- rem Kontext zu betrachten. Aufgrund den Inschriften die zum Teil Beschwörungen enthalten können, werden sie in dieser Aufzählung genannt. In dieses Genre gehören Statuen, Statuetten, Weihplatten oder Opfergaben, die meist an den Tempel für den lokalen Gott gespendet werden, und folglich eine mehr oder minder ausführliche Weihinschrift tragen. Die Spender wurden im Gegenzug namentlich als solche in Inventarlisten aufgeführt, und bekamen teilweise Land oder Ermässigungen zugesprochen.

4 In den Inschriften der Votivgaben sind meist Versprechen zu finden, die durch hethitische Könige oder Königinnen gegeben werden. Sie thematisieren unter anderem Aufgaben gegenüber dem Tempel, zu denen sich die Mitglieder der königlichen Familie selbst verpflichtet haben. Die Votivgaben wurden nun den Göttern geschenkt, um diese gnädig zu stimmen und somit die Erfüllung des Versprechens zu be- günstigen. Die meisten auf Votivgaben verzeichneten Schwüre stammen von Hattushili III und Puduhe- pa.

Schwüre werden als Textgattung von Ritualtexten abgegrenzt, obwohl sich beide Genres zum Teil sehrähnlich sind. Die Schwüre sind persönlicher und können meist direkt einem spezifischen Ereignis zuge- ordnet werden.

Die Auswertung der Fundsituation gestaltet sich jedoch etwas schwieriger, da hierzu nicht viel bekannt ist. Der verhältnismässig kleine Anteil der Votivtexte stammt fast ausschliesslich von Büyükkale und dem grossen Tempelareal. Einige wenige wurden auch in der Nähe des ͣ,ĂƵƐĞƐ Ăŵ ,ĂŶŐ͞ ŐĞĨƵŶĚĞŶ͘ ŝĞ Fundorte sind zwar vergleichbar mit denen der Ritualtexte, variieren jedoch im Verhältnis der Quantität. Hazenbos 2003, S. 8

5 Ein weiteres Textgenre sind die Fluchinschriften, die den Zweck hatten die lokale Bevölkerung zu einer Unterlassung einer Handlung zu bewegen. Angedroht wurden Strafen durch die politischen Mächte oder durch Götter. Anzumerken ist, dass wahrscheinlich nur die Elite lesen und schreiben konnte; so war die Effizienz beimöffentlichen Publikum von Vornherein in Frage gestellt.

6 Weniger in religiöser Hinsicht, sondern in kultischer, müssen die Träume und deren Deutung betrachtet werden. Durch die Vielzahl der hinterlassenen Texte wird die Wichtigkeit dieses Genres ausgedrückt, das einen unmittelbaren Bezug zum alltäglichen Leben herstellt. Es wirdähnlich wie die Orakeltexte gewertet, da es sich hierbei um Glück oder Unglück in der Gegenwart und noch mehr in der Zukunft handelt, sowie die Frage, wie damit umzugehen sei. Dabei stehen Rituale in unmittelbarem Zusammenhang, um den Lauf des Schicksals zu beeinflussen.

7 Durch die grosse Masse anüberlieferten Orakeltexten der hethitischen Kultur fällt das Augenmerk auf die verschiedenen Aspekte des Kultes an sich. Die Vogelschau, die Art Feste zu feiern, der Status der Kultobjekte in der Gesellschaft und die Ausführung der Kultpraxis durch die entsprechenden Personen fliesst in dieses Gebiet mit ein. Auch der Umgang mit dem Tempelinventar ist wichtig; hier im Bezug auf die Ritualtexte. Diverse Exemplare der Ritualtexte beziehen sich wiederum auf Orakel. Die Durchmischung der verschiedenen Textgattungen geht also in eine tiefere Ebene.

Entweder waren beide Gattungen ein Teil derselben Prozedur oder in ihnen liegt ein gemeinsamer Ursprung. Es ist nicht unwahrscheinlich, dass Orakelbefragungen den Anfang einer kultischen Manifestation innerhalb einer Kulturgruppe bildeten. Dafür spricht, dass die Fundorte der einzelnen Texte fast willkürlich wirken; eine Konzentration findet sich in der Umgebung von Büyükkale, wobei die Gebäude A und E 72 eine grössere Anzahl der Orakeltexte freigaben. Hazenbos 2003, S. 8

8 Feste werden innerhalb einer geographisch-kultischen Gruppe in regelmässigen Abständen ʹ meist Jährlich ʹ durchgeführt. Ein Grossteil der Bevölkerung war dabei anwesend, wobei der König die Hauptrolle innehatte. Der Anlass war bei jedem der Feste ein anderer, wobei der Grundton von landwirtschaftlichen Ereignissen geprägt war. So wurden zum Beispiel die Jahreszeiten eingeläutet oder die Erntezeit einer bestimmten Pflanze gefeiert.

9 Die Niederschriften von bestimmten Ritualen und Beschwörungen werden nach CHRISTIANSEN als Ritualtexte bezeichnet. Sie werden vor allem in den Palast- und Tempelarchiven gelagert und stehen so für den Respekt des Palasts gegenüber dem Kultwesen ein. Auf diese Textgattung wird später noch ausführlicher eingegangen. Hazenbos 2003, S.8

10 Nur bei den Votivgaben treten andere Formen auf; prominent ist hierbei vor allem das mit einer Inschrift versehene Rundbild.

11 Unter anderem in Bogazkale.

12 Hazenbos 2003, S. 6

13 Hazenbos 2003, S. 7

14 Das Palastarchiv fungierte wie ein Konto als Gefäss für Quittungen, Ausgaben des Palasts, Palastbesitze, Lieferungen, Inventarlisten und diversen anderen Listen. Ein Teil dieser Texte behandelte durchaus kultische Themen. Im Archiv befanden sich zusätzlich eine Reihe kultischer Objekte. Von Interesse für kultische Nachforschungen sind hier unter anderem Notizenüber eine Gruppe von Steuerabgaben, die für einen bestimmten Gott reserviert wurden.

15 Hazenbos 2003, S. 7

16 Hazenbos 2003, S. 8

17 Die Königsburg.

18 Hazenbos 2003, S. 6

19 Hazenbos 2003, S. 7

20 Die heutige Bezeichnung für Hattusha.

21 Hazenbos 2003, S. 6

22 Hazenbos 2003, S. 7

23 Hazenbos 2003, S. 7

24 Weitere Informationen hierzu befinden sich als Anmerkung in den Fussnoten 3-10.

25 Diese Thematik wird in Kapitel 3 ausführlicher behandelt.

26 Hazenbos 2003, S. 201

Ende der Leseprobe aus 23 Seiten

Details

Titel
Die kultische Organisation in urbanen Gebieten des hethitischen Reichs
Untertitel
Eine Untersuchung anhand der Ambazzi-Texte CTH 391, CTH 429 und CTH 463 des 14. und 13. Jh. v.Chr.
Hochschule
Universität Bern
Autor
Jahr
2010
Seiten
23
Katalognummer
V164182
ISBN (eBook)
9783640789900
ISBN (Buch)
9783640789412
Dateigröße
513 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Kult, Riten, Philologie, Textanalyse
Arbeit zitieren
Lena Papailiou (Autor), 2010, Die kultische Organisation in urbanen Gebieten des hethitischen Reichs, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/164182

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