Ordnung und Gesetze in José Donosos "Casa de campo"


Hausarbeit (Hauptseminar), 2003

28 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die einzelnen Gruppen im Casa de campo
2.1 Die Eltern
2.2 Die Kinder
2.3 Die Diener
2.4 Die Eingeborenen
2.5 Die Ausländer

3. Gesetze und Regeln im Casa de campo
3.1 Das Gesetz der apariencia
3.2 Das Gesetz der Kreuzritter
3.3 Das Gesetz der Hierarchie
3.4 Das Gesetz zur Einhaltung und Erhaltung der Gesetze

4. Mittel zur Erhaltung und Einhaltung der Gesetze
4.1 Der Schleier
4.2 Strafen und Belohnungen
4.3 Die Gerüchte
4.4 Die Rituale
4.5 La Marquesa salió a las cinco

5. Die Gegner der Gesetze
5.1 Die Kinder
5.2 Adriano Gomara
5.3 Die Diener
5.4 Die Eingeborenen

6. Sinn und Zweck der Gesetze

7. Resümee

8. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Donosos Roman „Casa de campo”[1] schildert das Leben einer Gesellschaft auf dem Landsitz Marulanda, die im Wesentlichen aus fünf Personengruppen besteht: den Erwachsenen, ihren 33 Kindern, der Dienerschaft, den Eingeborenen und den Ausländern.

Die Gemeinschaft innerhalb des Landhauses wird durch ein kompliziertes System aus Gesetzen und Ritualen organisiert, das ich in meiner Arbeit näher vorstellen möchte.

Dazu werde ich zunächst eine kurze einführende Charakterisierung der einzelnen Gruppen vornehmen, um dann auf die Gesetze einzugehen, die für sie jeweils gültig sind. Im weiteren Verlauf werde ich dann die Mittel anführen, die sowohl die Erhaltung, als auch die Einhaltung dieser Gesetze sicherstellen sollen.

Es wird dann herauszustellen sein, ob sich diesen Gesetzen jemand entgegenstellt und wenn, auf welche Weise.

In einem letzten Kapitel werde ich dann die These, dass die Gesetze nicht sinnlos sind, sondern tatsächlich einen wohl durchdachten Zweck erfüllen, anhand weiterer Ausführungen untermauern.

2. Die einzelnen Gruppen im Casa de campo

In José Donosos Casa de campo tauchen fünf verschiedene Gruppen auf, die entweder unmittelbar im Landhaus leben oder aber von außen Einfluss auf die Familie nehmen. Ich möchte zunächst die drei Gruppen vorstellen, die innerhalb des Landhauses leben, bevor ich auf die übrigen Gruppen eingehe.

2.1 Die Eltern

Die Eltern sind zunächst sicherlich die wichtigste Gruppe innerhalb der Mauern Marulandas. Schon ihr Name lässt auf ihr Programm schließen: „Ventura“ bedeutet Glück, vor allem im Sinne des äußeren Erfolges[2]. Tatsächlich sind die Erwachsenen rein äußerlich mit allem gesegnet, was ein Mensch begehren kann: Reichtum, Macht, Besitz. So ist auch ihr Augenmerk auf Äußerlichkeiten fokussiert, nicht jedoch auf innere Werte.

Zudem wird bereits relativ früh verdeutlicht, dass die Erwachsenen der Familie das Oberkommando über Kinder, Diener und andere Personen führen, die mit der Familie in Kontakt kommen. Besonders auffällig ist ihre Rücksichtslosigkeit im Umgang mit anderen Menschen, ihre Kinder eingeschlossen.

Einen ersten Eindruck von den Eltern bekommt man mit dem Auftritt Wenceslaos, eines achtjährigen Jungen, der unter den Kindern nur die „poupeé diabolique“ genannt wird. Er ist der Protagonist des Romans.

Tatsächlich wird Wenceslao von seiner Mutter gekleidet wie ein Mädchen und – schlimmer noch – behandelt wie eine Puppe. Er wird also nicht nur seines Geschlechtes – und damit des grundlegendsten Merkmales seiner Identität – beraubt, sondern darüber hinaus sogar seiner Menschlichkeit: eine Puppe ist zwar ein menschliches Abbild, jedoch ist sie leblos, willenlos und kann nach Belieben gelenkt werden.

Wenceslao ist aber auch der erste, der die Erwachsenen direkt charakterisiert:

Esto era lo que los grandes hacían con los seres que no podían absorber en su estructura; lo que intentaban hacer con todos los que no eran exactamente como ellos; lo que harían con él, Wenceslao, cuando tuviera la edad de su padre; lo que hacían con sus hijos mediante la incredulidad, mediante la vigilancia de los sirvientes, mediante su falta de placer en ellos, mediante las leyes arbitrarias inventadas y consagradas por ellos mismos pero que se atrevían a llamar leyes naturales […] (S. 51)

Anhand dieser Beschreibung erfährt der Leser zweierlei: zum einen sind es tatsächlich die Erwachsenen, die die Regeln aufstellen, zum anderen handelt es sich hierbei um willkürliche Regeln, die jedoch als Naturgesetze proklamiert werden.

Aber wer die Regeln aufstellt, der besitzt auch den Schlüssel zur Wahrheit. Denn nur wer die Macht hat, um Gesetze einzuführen, der hat auch die Macht, anhand dieser Gesetze nicht nur über „richtig“ und „falsch“ zu entscheiden, sondern tatsächlich auch über „wahr“ und „unwahr“.

Ihre Macht gibt den Eltern die Möglichkeit, Wahrheiten zu kreieren, die sich mit ihrem Lebensstil und ihrer Ideologie vereinbaren lassen. Damit sind ihnen aber auch jegliche Grenzen genommen: sie als Machthaber können sich so von jeder Schuld freisprechen.

So ist es zu erklären, dass für alle unangenehmen Vorkommnisse innerhalb der Familie eine sog. „offizielle“ Version erfunden wird, die mit der Realität nur wenig zu tun hat.[3] Im Laufe der Zeit ersetzt diese offizielle Version in den Köpfen der Erwachsenen die tatsächliche. So hat niemand in der Familie jemals ein schlechtes Gewissen, die saubere, offizielle Version der Ereignisse verdrängt die Erinnerung an die eigene Schuld.

Einer der Diener der Familie, Juan Pérez, formuliert dies an einer späteren Stelle als den Vorteil der Familie: ihre stärke bestünde im „Fehlen jeglichen Zweifels“[4]. Pérez trifft damit den Kopf des Nagels: in allem, was die Erwachsenen tun, haben sie niemals Gewissensbisse, mehr noch: die Erinnerung an ihre (Un-)Taten wird durch eine kreierte „Wahrheit“ ersetzt.

So lässt sich auch die Tatsache erklären, dass Erwachsene ihre eigenen Kinder foltern lassen, wenn sie gegen bestimmte Regeln verstoßen, sich trotzdem jedoch keiner Schuld bewusst sind.

Umso absurder nimmt sich dagegen die Selbstcharakterisierung der Eltern aus:

Pero ellos eran Ventura, seres civilizados, cultores de la ironía y de las artes de la paz, acatadores de la legalidad y de las instituciones, que odiaban la violencia y eran incapaces por convicción y tradición de ejercerla.(S. 265)

Am Ende des Romans sind es schließlich die Ausländer, die es mit ihrer Kritik an der Haltung der Familie auf den Punkt bringen: die „Subjektivität, mit der sie alles, was die Familie betrifft, beurteilten, hätte nichts mit der tatsächlichen Realität zu tun“[5].

2.2 Die Kinder

Die erste Charakterisierung der Kinder erhält der Leser direkt aus dem Munde der Erwachsenen. Sie bezeichnen ihre Kinder vor den Dienern als „weich“ und „empfänglich für Geschwätz“. So sei es auch zu erklären, dass die Kinder „Opfer von Gerüchten würden, die jedoch schädlich wären, da sie nicht aus der Familie kämen“. Zudem seien sie – wenn auch unwissentlich – „Agenten der Menschenfresser“[6].

In der Tat fürchten sich sämtliche Kinder vor den „Menschenfressern“, kannibalistischen Eingeborenen, die dem Gerücht nach in der Ebene um das Landhaus leben. Das Gerücht wird dadurch geschürt, dass die Kinder niemals auch nur einen Eingeborenen zu Gesicht bekommen.

Als „menschenfresserisch“ gilt innerhalb der Mauern Marulandas alles, was nicht mit den Dogmen und Regeln der Familie konform geht.

Um diesen Dogmen und der elterlichen Autorität ausweichen zu können, haben die Kinder ein Spiel erfunden, das sich La Marquesa salió a las cinco nennt und nichts anderes als eine Maskerade, ein Rollenspiel ist. Auf dieses Spiel wird in Kapitel 4 noch einmal genauer einzugehen sein.

Da sie fast ihre gesamte Zeit auf die Ausübung von La Marquesa salió a las cinco verwenden, werfen die Eltern ihren Kindern zudem „Egoismus“ vor. Sie seien egoistisch, da sie „kein Pflichtbewusstsein hätten, sondern La Marquesa salió a las cinco spielen würden“. Zudem würden sie „aufgrund dieses Zeitvertreibes nicht merken, dass die Zeit tatsächlich vergeht und ihre Eltern nicht zurückkehrten“[7].

Die treffendste Charakterisierung der Kinder findet sich jedoch an einer früheren Stelle:

Los niños son tan descuidados que se pueden hacer daño con ellas ya que, en sus manos, las armas las carga el diablo. (S. 138)

Denn am Ende des Romans werden es in der Tat die Kinder sein, die die Familie und ihre Macht zugrunde richten. Dieser Textstelle kommt daher – in Bezug auf den Ausgang der Erzählung – eine zentrale Bedeutung zu.

2.3 Die Diener

Auffällig an den Dienern des Hauses sind ihre zwei Gesichter: während sie tagsüber unterwürfig und gehorsam sind, sind sie nachts brutal und überwachen die Kinder anhand willkürlicher Regeln. Zur Bestrafung bei Ungehorsam schrecken sie dabei auch vor Folterung nicht zurück. Diese Folterungen dürfen jedoch keinerlei Spuren hinterlassen[8], die den Schein der ordentlichen Familie trüben könnten.

Die Gewaltbereitschaft der Angestellten wird von den Erwachsenen geschickt gefördert: sie stellen an ihre Bediensteten den Anspruch der völligen Identifikation mit ihrer Livree. Auch die Familie ihrerseits reduziert jeden Angestellten völlig auf seine Uniform und der ihr zugeordneten Bedeutung. Die Diener sind dadurch keine Menschen, keine Individuen mehr, sondern nur noch Stallknecht, Gärtner oder Küchenhilfe.

Obwohl jeder Diener nur ein Jahr für die Familie „rekrutiert“ wird, hinterlässt diese einjährige Demut und die völlige Identitätslosigkeit ihre Spuren: allen Dienern bleibt eine gekrümmte Haltung zueigen, anhand derer sie sich auch Jahre später noch untereinander erkennen können.

Indem man sie so jeglicher Identität beraubt, fördert man den Drang, eben diese oder zumindest irgendeine Identität oder Besonderheit wiederzuerlangen: und sei es durch besondere Brutalität.

Oberhaupt der Angestellten ist der Mayordomo, der mit seiner Uniform die Ordnung und die Macht der Familie repräsentiert. Er wird wie folgt beschrieben:

El entrenamiento en los complicados organismos de cualquiera de los grandes casas siempre limitaba sus miras ancilares, eliminaba sus imaginaciones, porporcionándoles rencores tan bien encaminados por la disciplina de todos esos años que no conocieron nada más, que, bajo el nombre de fidelidad o valor, la crueldad florecía como corola suprema que en la casa de campo se ponía al servicio de los Ventura, y a la obediencia inculcada por el largo adiestramiento que solía comenzar en la niñez se le podía dar el apodo de pericia. (S. 41)

Doch gerade die Forderung nach völliger Unterordnung macht die Dienerschaft verletzlich: sie sind dadurch „bestechlich“, leicht mit Menschlichkeit wie einem „Lob oder einem Lächeln“ zu manipulieren[9].

In den Augen der Kinder besteht die Schwäche der Diener jedoch vor allem dadurch, dass sie sich „zu sehr von der Macht beeindrucken lassen, die sie nachts haben“[10].

2.4 Die Eingeborenen

Zu Beginn des Romans erfährt man nur wenig über die Eingeborenen, die in der Ebene um das Landhaus leben. Sie kursieren zunächst in den Gerüchten von den „Menschenfressern“, die nachts in das Landhaus einzudringen versuchen, um die Kinder zu rauben und aufzufressen.

Die erste genauere Beschreibung erhält der Leser erst durch Adriano Gomara, den Mann Balbinas. Adriano ist Arzt und sieht es nicht nur in seiner Verpflichtung, Mitgliedern der Familie zu helfen, sondern auch Außenstehenden, wie eben den Eingeborenen. So ist er – zunächst - der einzige innerhalb der Familie, der einen engeren Kontakt zu den Nativos unterhält. Er beschreibt sie als „sehr sauber“[11], berichtet jedoch, dass dies auch einmal anders war: in früheren Zeiten seien die Abwässer des Landhauses in den Fluss geleitet worden, dieser wurde dadurch verschmutzt und vergiftet die Eingeborenen, die von seinem Wasser leben mussten. In dieser Zeit häuften sich Erkrankungen, die von den hoffnungslosen Menschen jedoch ergeben hingenommen wurden. Erst nachdem sie auf Anraten Adrianos das Dorf weiter flussaufwärts verlegten, wurden sie wieder gesund und erhielten ihren alten Mut und ihre Lebensfreude zurück.

Ein weiteres Merkmal ist ihre Nacktheit. Adriano bezeichnet sie als „Protest“[12]. Da die Vorfahren der lebenden Ventura ihnen ihre Kleider genommen hätten, hätten sich die Eingeborenen geweigert, sich in andere Kleidung zu hüllen.

Weiterhin räumt er mit dem Vorurteil auf, dass sie Kannibalen wären: sie würden überhaupt kein Fleisch essen, sondern vegetarisch leben[13]. Das Gerücht um die vermeintlichen „Menschenfresser“ wird somit entkräftet.

[...]


[1] José Donoso: Casa de campo. Editorial Seix Barral, Barcelona 1978.

Im folgenden zitiere ich nach dieser Ausgabe unter Angabe der Seiten in Klammern.

[2] Vgl. dazu Rosemarie Bollinger: Kinder der Angst. In: Deutsches Allgemeines Sonntagsblatt, 35/1986

[3] José Donoso: Casa de campo. Editorial Seix Barral, Barcelona 1978. Ein harmloses Beispiel dafür ist noch die Geschichte des Todes von Cesareón, dem Ehemann der ältesten Ventura, Adelaida: er wurde nicht von einer Kutsche überfahren, sondern starb bei einer Prügelei in einer zwielichtigen Hafenkaschemme. (vgl. S. 402)

[4] Vgl. ebd. S. 270

[5] Vgl. ebd. S. 448

[6] Vgl. ebd. S. 40

[7] Vgl. ebd. S. 261

[8] vgl. ebd. S. 37 ff.

[9] Vgl. ebd. S. 41

[10] vgl. ebd. S. 41

[11] vgl. ebd. S. 66

[12] Vgl. ebd. S. 85

[13] Vgl. ebd. S. 83

Ende der Leseprobe aus 28 Seiten

Details

Titel
Ordnung und Gesetze in José Donosos "Casa de campo"
Hochschule
Universität Duisburg-Essen  (FB Romanistik)
Veranstaltung
José Donoso
Note
2,0
Autor
Jahr
2003
Seiten
28
Katalognummer
V16420
ISBN (eBook)
9783638212816
ISBN (Buch)
9783638892902
Dateigröße
561 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Ordnung, Gesetze, José, Donosos, Casa, José, Donoso
Arbeit zitieren
M. A. Imke Strauß (Autor), 2003, Ordnung und Gesetze in José Donosos "Casa de campo", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/16420

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