Elite - Herkunft, Rekrutierungsmuster und die Bedeutung des sozialen und kulturellen Kapitals


Hausarbeit, 2010
14 Seiten

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Begriffsbestimmung
2.1. Herkunft
2.2. Wandel und Problematik für Deutschland

3. Wirtschaftskarrieren und soziale Herkunft
3.1. Habitus nach Bourdieu
3.2. Habitus – Kriterium zum Erfolg

4. Gatekeeperfunktionen
4.1. Schlüsselpositionen und Auslesemechanismen

5. Selbstdarstellung der Elite

6. Schlussbetrachtung

Literatur

1. Einleitung

Elite – Oberschicht, die Mächtigen, die Herrscher, die ‚Oberen 1000‘, die Manager – ein viel debattierter Begriff, der in den letzten Jahren bis heute Hochkonjunktur hat. Häufig ist er in Diskussionen und unter der breiten Bevölkerung negativ konnotiert. Ist es Neid in Anbetracht der Gehälter von Topmanagern, ist es die Art und Weise wie sich ihre Mitglieder präsentieren oder die scheinbare Undurchlässigkeit ihres Handels und dem zweifelhaften Weg ihres Erfolgs?

Häufig existiert neben dem negativ geprägten Bild der Elite auch die Sehnsucht nach Elite. Seit den 1990er Jahren ist die Rede von einem Mangel an Elite in Deutschland und dem Ruf nach Elite. Vertreter aus Politik, Wirtschaft und Wissenschaft wollen aus der „Mittelmäßigkeit Deutschlands“ entfliehen und fordern eine leistungsfähige Elite die fähig ist, den internationalen Anforderungen standzuhalten und wettbewerbsfähiger zu sein. Dies erscheint auf den ersten Blick bizarr, denn vordergründig unterstellt man ihnen Versagen, macht sie für das Treffen von Fehlentscheidungen verantwortlich und weißt auf ihre Versäumnisse hin.[1]

In dieser Hausarbeit möchte ich mich mit dem Begriff der Elite, ihrer Herkunft und dem Bezug zum Begriff des Habitus nach Bourdieu befassen. Meine These lautet: Die Elite rekrutiert sich aus ihr ähnlichen Personen, die ihnen und ihrem Habitus entsprechen. Die Auswahl wird nicht wie häufig angegeben aufgrund von Leistung getroffen. Des Weiteren beschäftige ich mich mit der unvorteilhaften Selektion von Grundschülern durch Lehrer unter Einbeziehung von sozialem und kulturellem Kapital.

Im Folgenden werde ich im ersten Teil meiner Arbeit einen kurzen Abriss über den Begriff und dessen Anwendung wiedergeben. Im zweiten Teil befasse ich mich mit der sozialen Herkunft und der Frage nach Gatekeepern im Bezug auf Leistung versus Habitus. Abschließend werde ich kurz auf die Selbstdarstellung der Elite eingehen und mein Fazit ziehen.

2. Begriffsbestimmung

2.1. Herkunft

In den etymologischen Nachschlagewerken, Fremdwörterbüchern und Lexika ist neben der Übersetzung eine Reihe von Interpretationsspielraum zu dem Begriff der Elite gegeben. Insgesamt gibt es Auslegungen von Auslese, Auserlesene, Das Auserlesenste bis hin zu den Besten, Die Vornehmsten, die Auslese, der Kern der Besten, die Führungsgruppe und Anlehnungen an den höchsten Wert und die höchste Leistung.

Der französische Begriff Elite stammt vom lateinischen eligere = auswählen ab und taucht erstmals während der Aufklärungs- und Revolutionzeit auf. Zunächst bezeichnet der Begriff Waren der höchsten Güteklasse. Bis zum 19. Jahrhundert fand er hauptsächlich Anwendung im Bereich des Militärs. Im Lexikon zur Soziologie[2] wird er definiert als „[1] die Summe der Inhaber von Herrschaftspositionen, derer Entscheidungen aufgrund von ihrer Positions-Rollen gesamtgesellschaftliche Folgen haben können. [bzw.] [2] Die Summe der Inhaber der höchsten Rangplätze auf der Macht- oder Prestigeskala der Gesellschaft, die aufgrund sozial akzeptierter Qualifikationen (z.B. Zugehörigkeit zum Adel, Besitz an Kapital, Leistungsnachweise) die hierarchisch höchsten Positionen in den sozialen Subsystemen einnehmen …“.

Der Begriff der Elite kann bis auf Platon[3] zurückgeführt werden. Seinem Verständnis nach sollte eine Gruppe, aufgrund von besonderen Qualifikationen herrschen und dabei immer das Gemeinwohl als Ziel vor Augen haben. Platons Ordnungsmodell basiert zentral auf der Idee der Tugend. Er entwickelt in seiner „politeia“[4] den Gedanken der Gerechtigkeit am Staat. Gerechtigkeit entsteht dann, wenn jeder Bürger sich entsprechend seinen Fähigkeiten am Ganzen beteiligt. In der Analogie zur menschlichen Seele konstruiert Platon die dreiteilige Polis. Sie besteht aus Handwerkern und Bauern, die für das leibliche Wohl zuständig sind, aus Wächtern, die für den Schutz nach innen und nach außen verantwortlich sind sowie aus Philosophen, die als Herrscher fungieren.

Platon ordnet jedem dieser drei Teile entsprechend eine Tugend zu, deren Applikation im abgestuften Staat stattfindet. Gerechtigkeit wird erst durch die Philosophenherrschaft möglich, da den Philosophen die Tugend der Weisheit zugeordnet wird, von der die Realisation der anderen Tugenden zentral abhängt. Somit hält schon Platon eine kleine Gruppe der Bevölkerung für auserwählt die Anderen zu führen, denn sie besitzen die dafür notwendigen Tugenden und stellen die Herrscher, die Elite, dar. Das Problem von Konzepten, die auf der Bürgertugend beruhen, ist die Notwendigkeit freiwilliger, mit Engagement verbundener, Teilhabe des Einzelnen am Ganzen. Das Wegfallen dieser Basis, die sich auf den Bürger stützt, ist mit der Auflösung der Gesellschaft als Sozialverband verbunden.

2.2. Wandel und Problematik für Deutschland

Seit dem letzten Drittel des 19. Jahrhunderts kam es zur Ausbreitung der Massengesellschaft und somit zu einem immer größer werdenden Spannungsverhältnis zwischen den vielen Gleichen und den wenigen Anderen. Reflektiert und theoretisch betratet wird dieses Verhältnis „erst mit Gaetano Mosca[5], Vilfredo Pareto[6] und Robert Michels[7], die das Konzept der Elite vor dem Hintergrund der zweiten großen Industrialisierungs- und Demokratisierungswelle am Ende des 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts entwickelten.“[8]

Sie sind der Ansicht, dass die Eliten die Massen führen und letztere sich nach Le Bon[9] (1964) führen lassen, da sie eine „willenlose, triebhafte, unvernünftige, rohe und barbarische Einheit“[10] sind. Der Kampf findet ihrer Ansicht nicht zwischen Elite und Masse statt, sondern zwischen Eliten und Gegeneliten um die Führung der Masse.“[11] Mit einer der ersten Elitetheorien und der Gegenüberstellung von Massen und Elite führten sie, wenn auch unbeabsichtigt, zur ideologischen Grundlage des Faschismus. Somit führen sie zu einem Wandel, insbesondere der deutschen Elitenforschung nach dem Zweiten Weltkrieg.

Der Elitebegriff sollte ab 1945 nicht mehr im Bezug zur sozialen Herkunft oder gar der Rasse bestimmt sein, sondern von individueller Leistung abhängig gemacht werden. Die Loslösung des Begriffs von der nationalsozialistischen Verwendung bedurfte besonderer Vorsicht und Anstrengung. Zu Anfang verhalf Otto Stammer, der an der Freien Universität Berlin Politologie lehrte, dem Elitebegriff eine neue Definition. Unter dem von ihm eingeführten Begriff der Funktionseliten ­­sind "funktional und positionell abgrenzbare Führungsgruppen des politischen Systems“[12] zu verstehen.

Darauf folgten weitere funktionalistische Denkansätze von Ralf Dahrendorf und Hans Peter Dreitzel. Dahrendorf beschreibt sie als pluralistisch, ohne verbindende Merkmale mit unterschiedlichsten Zugängen bzw. Lebenslaufkonzepten. Dreitzel definiert, ähnlich Dahrendarf, den Elitebegriff folgendermaßen: „Eine Elite bilden diejenigen Inhaber der Spitzenposition in einer Gruppe, Organisation oder Institution, die auf Grund einer sich wesentlich an dem (persönlichen) Leistungswissen orientierenden Auslese in diese Position gelangt sind, und die kraft ihrer Positions-Rolle die Macht oder den Einfluß haben, über ihre Gruppenbelange hinaus zur Erhaltung oder Veränderung der Sozialstruktur und der sie tragenden Normen unmittelbar beizutragen oder die auf Grund ihres Prestiges eine Vorbildrolle spielen können, die über ihre Gruppe hinaus das Verhalten anderer normativ mitbestimmt.“[13] Demzufolge gehört nicht ausschließlich zur Elite, wer eine elitäre Abstammung vorweisen kann, sondern es gilt das Leistungsprinzip unabhängig von sozialer Herkunft.

Trotz neuer Definitionen, wird der Begriff bis in die 80er Jahre des 20. Jahrhunderts nur sehr eingeschränkt und vorsichtig verwendet. Dahrendorf begründet dies folgendermaßen: „Die Ideologie der ‚nivellierten Mittelstandsgesellschaft‘ geht so weit, dass jede Erwähnung des ‚Oben‘, sei es als ‚Elite‘, sei es als ‚herrschende Klasse‘, schockierend empfunden und beiseite geschoben wird.“[14]

Dagegen steht die kritische Elitenforschung. Sie setzt sich skeptisch mit den Kernthesen des funktionalistischen Ansatzes auseinander. Dazu werde ich später Bourdieus Habitustheorie vorstellen. Er untersuchte die Rekrutierungsmechanismen von Eliten in modernen Gesellschaften und stellte anhand ihrer Ergebnisse die These auf, dass die soziale Herkunft einen direkten Einfluss auf den Karriereverlauf nimmt. Indem sie das reine Leistungsprinzip als Rekrutierungsmechanismus in Frage stellen, kritisieren sie den funktionalistischen Denkansatz in seiner Kernthese.

Herfried Münkler, als ein Vertreter der aktuellen Eliteforschung, geht mit Dreitzels und Dahrendorfs Meinung, der Leistung als zentrale Funktion der Elite, auch vier Jahrzehnte später einher. Jedoch müsste man seiner Ansicht nach, dem Bildungssystem eine zentrale Bedeutung beimesse, „Überdurchschnittliche akademische Abschlüsse und erfolgreiche berufliche Bewährung als wichtigste Kriterien für den Zugang zur Elite sind […] die Ursache dafür, dass die soziale Rekrutierungsbasis der Eliten heute so breit ist wie niemals zuvor.“[15]

Die Potsdamer Elitestudie von 1995 und die drei Mannheimer Elitestudien von 1968, 1972 und 1981, zeigen die Bedeutung dieses Themas für eine Gesellschaft, die sich im Laufe der letzten 200 Jahre in wachsendem Maß ausdifferenziert hat, so dass eine eindeutige Aufteilung in soziale Schichten schwer fällt.

Dennoch lässt sich die Aufgabe bzw. die Notwendigkeit einer Elite nach Sven Papcke wie folgt formulieren: „Die Demokratie benötigt als Zivilgesellschaft existenziell Eliten, die über den Tellerrand privater Bedürfnisse oder beruflicher Professionalität schauen, nicht hingegen erfolgreiche und vor allem dem eigenen Wohl verpflichtete Chancenabsahner.“[16]

[...]


[1] Münkler, Herfried: Einleitung. In: Herfried Münkler, Grit Straßenberger und Matthias Bohlender (Hg.): Deutschlands Eliten im Wandel. Frankfurt, New York : Campus Verl., 2006, S. 11.

[2] Fuchs-Heinrich, Werner … (Hrsg.): Lexikon zur Soziologie. 3. völlig neu bearb. und erw. Aufl., durchges. Nachdr. Opladen : Westdt. Verl., 1995, S. 163.

[3] Platon (427 – 347 v. Chr.).

[4] Vgl. Llanque, Marcus/Münkler, Herfried (Hrsg.): Politische Theorie und Ideengeschichte : Lehr- und Textbuch. Berlin : Akademie Verl., 2007.

[5] Mosca (1858 – 1941).

[6] Pareto (1848 – 1923).

[7] Michel (1876 – 1936).

[8] Münkler, Herfried: Einleitung. S. 12.

[9] Le Bon (1841 - 1931): franz. Arzt und Soziologe, Begründer der Massenpsychologie.

[10] ebd. S. 13.

[11] ebd. S. 13.

[12] Beyme, Klaus von: Die poltischen Theorien der Gegenwart : eine Einführung. München, Zürich :..6., überarb. und erg. Aufl. 1986, S. 262.

[13] Dreitzel, Hans P.: Elitebegriff und Sozialstruktur : eine soziologische Begriffsanalyse. Stuttgart : Ferdinand Enke Verl. 1962, S. 71.

[14] Dahrendorf: Gesellschaft und Freiheit. München: Piper. 1961, S. 177.

[15] Münkler, Herfried: Werte, Status, Leistung : über die Probleme der Sozialwissenschaften mit der Definition von Eliten. In: Kursbuch 136: Die neuen Eliten. Berlin : Rowohlt, 2000. S. 82.

[16] Papcke, Sven: Über Eliten – Wie sie sein sollten und doch nicht sind. Merkur. Deutsche Zeitschrift für europäisches Denken, 1998, Nr. 52, S. 1125.

Ende der Leseprobe aus 14 Seiten

Details

Titel
Elite - Herkunft, Rekrutierungsmuster und die Bedeutung des sozialen und kulturellen Kapitals
Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin  (Institut für Kulturwissenschaft)
Veranstaltung
Masse - Elite - Individuum
Autor
Jahr
2010
Seiten
14
Katalognummer
V164236
ISBN (eBook)
9783640791934
ISBN (Buch)
9783640791576
Dateigröße
552 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Elite, Herkunft, Rekrutierungsmuster, Bedeutung, Kapitals
Arbeit zitieren
Lisa Balihar (Autor), 2010, Elite - Herkunft, Rekrutierungsmuster und die Bedeutung des sozialen und kulturellen Kapitals, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/164236

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