Intermediale und intertextuelle Bezüge in der Fernsehserie "The Sopranos"


Hausarbeit, 2010

15 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhalt

1 Einleitung

2 Der Name „Soprano“

3 Die Eröffnungssequenz

4 The Godfather in The Sopranos
4.1 Ursprung des Gangster-Film Genre
4.2 Genreaufleben und Überarbeitung durch Coppolas The Godfather I-III
4.3 Intertextuelle Bezugnahme
4.4 Selbstreferenzialität

5 Fazit

Literatur

Filmverzeichnis

1 Einleitung

Das Fernsehformat The Sopranos (Die Sopranos, 1999-2007) gehört zu einer der erfolgreichsten HBO Produktionen. Kreiert und produziert von David Chase entstanden in neun Jahren sechs Staffeln mit insgesamt 86 Episoden. Neben vielen Auszeichnungen in Amerika konnte das Format ebenso internationale Erfolge verzeichnen. Die Serie besitzt fünf entscheidende Kennzeichen, die sie als Qualitätsfernsehen klassifizieren. Dazu zählen high production values, weighty themes, careful characterization, creative impulse und artistic vision of the creator.[1]

Als Kernfrage soll in dieser Arbeit herausgefiltert werden, welche intermediale und intertextuelle Einflüsse in der Serie vorhanden sind und welche Auswirkungen sie auf den Plot bzw. die Charakteren haben. Die Untersuchung bezieht sich hierbei ausschließlich auf die erste Staffel. Um direkt in die Thematik einsteigen zu können, wird die Kenntnis der ersten 13 Episoden vorausgesetzt und auf eine Plotskizze verzichtet.

Da der Zuschauer nicht umhin kommt, beim schauen der ersten Staffel auf die Filmtrilogie The Godfather Part I-III (Der Pate I-III, 1972, 1974, 1990) aufmerksam gemacht zu werden und da diese Reihe entscheidende Prägungen im Gangster-Film Genre festgelegt hat, dient sie als Grundlage zur Beispielfindung. Die Aufführung der Beispiele ist wichtig, da hierdurch nicht nur ein Beleg für intertextuelle, bzw. selbstreferenzielle Bezüge geleistet wird, sondern ebenso die verschiedenen Mittel zur Umsetzung verdeutlicht werden.

2 Der Name „Soprano“

Namen wie Corleone, Lucchese, oder Carpone stehen für bekannte Gangsterfamilien, die skrupellos über Leichen gehen und in der Rangliste des organisierten Verbrechens ganz oben stehen. Der Familienname Soprano gehört seit der Erstausstrahlung der Serie The Sopranos, am 10. Januar 1999 (auf HBO) ebenso dazu. Dennoch besteht unter den vier genannten Namen ein entscheidender Unterschied. Corleone, Lucchese und Carpone sind reine italienische Nachnamen ohne einen erkennbaren Bedeutungshintergrund. Soprano hingegen wurde von den Machern der Erfolgsserie gezielt ausgewählt, um den Protagonisten Anthony „Tony“ Soprano (James Gandolfini) bereits durch den ersten Eindruck, der durch den Namen hervorgerufen wird, zu charakterisieren.

Tony, der Anführer einer Mafiaorganisation aus New Jersey (einem Vorort von New York), steht für Respekt und Skrupellosigkeit unter seinen Kollegen. Der Name Soprano auf der anderen Seite entstammt dem Musikgenre und ist ein Begriff für eine meist weibliche Tonlage beim Gesang. Betrachtet man den geschichtlichen Hintergrund der Sopranisten und Sopraneure, so spielt der Begriff Kastrat eine entscheidende Rolle. Um die hohe Tonlage damaliger junger Männer zu erhalten, wurden sie vor der Pubertät kastriert und somit ihrer Manneskraft entledigt. Auch Tony Soprano hat neben seinem Beruf mit der Entmannung seiner Person zu kämpfen. Er steht in einem ständigen Konflikt zwischen seinem Job, seiner Familie und seiner Psyche. Eine Schlüsselfunktion spielen in letzteren beiden Fällen jedoch immer die Frauen in seinem Leben.[2] Ironischer weise kommt ihm der gebührende Respekt, den er in seiner Arbeit erlangt, in seinem Privatleben nicht entgegen. Seine Frau und seine Tochter lehnen sich ständig gegen Tony auf und geben ihm ein Gefühl von Minderwertigkeit. Seine verwitwete und leicht senile Mutter hingegen lehnt jegliche Form von persönlicher Beziehung ab, was Tony sowohl wütend als auch traurig macht. Gefangen im Zwiespalt zwischen Familie, Moralvorstellung und Berufserfüllung erleidet Tony gelegentliche Nervenzusammenbrüche. Er findet schließlich Hilfe bei einer Psychiaterin, die eine weitere entscheidende Frau in seinem Leben darstellt.

Ein Sopranist aus dem Musikgenre übernimmt meist die Rolle des Solisten, Tony Soprano übernimmt die Rolle des Mafiabosses. Diese Verbindung ist jedoch die einzige Parallele, die man einem Mafiaboss zuschreiben würde. Die feminine Seite und seine psychische Schwäche bilden in dieser Hinsicht totale Kontroversen zum Gangstergenre und ironisieren es auf eine sachliche Art und Weise. Durch den Namen Soprano wird somit die satirische Besonderheit auf eine verschlüsselte Weise zur Schau gestellt, bevor der Plot dem Zuschauer bekannt ist.[3]

3 Die Eröffnungssequenz

Auch wenn sich diese Arbeit auf die erste Staffel der Serie beschränkt ist an dieser Stelle zu erwähnen, dass die Eröffnungssequenz von The Sopranos die Besonderheit besitzt, in allen sechs produzierten Staffeln sich bis auf eine einzige Sequenz nie verändert zu haben. Die kleine Veränderung erfolgte aufgrund der Tragödie vom 11. September 2001. In einer kurzen Einstellung waren bis zum Ende der dritten Staffel die World Trade Center towers zu sehen, zu Beginn der vierten Staffel wurde dieses Image jedoch entfernt. Da es sich bei diesem Image jedoch nur um eine Einstellung von einer Sekunde handelte war diese Veränderung kaum merklich.[4]

Betrachtet man die Eröffnungssequenz unter einem inhaltlichen Aspekt, so fällt auf, dass diese, einer anderen sehr bekannten Eröffnungssequenz ähnelt. Vater Tony Soprano fährt mit seinem amerikanischen Auto aus der großen Stadt New York nach Hause in den kleineren Familienvorort New Jersey, heim zu Frau und Kindern. Dabei passiert er eine Reihe von Schauplätzen, auf die im nächsten Absatz näher eingegangen wird. Nach dem selben Modell fährt auch der Familienvater Homer Simpson aus dem Serienformat The Simpsons (Die Simpsons, 1989-heute) nach Hause, wenn auch mit weniger symbolischer Bedeutung als in The Sopranos. Diese Parallele ist eine bewusst ausgewählte Inszenierung um abermals einen Hauch Ironie in das ernste Gangstergenre zu bringen.

[5] Die Heimfahrt von Tony Soprano wird zum Großteil aus seiner eigenen Sicht illustriert. Nur selten bekommt der Zuschauer einen kurzen Blick auf den Protagonisten selbst. Die Montage entspricht jedoch keinesfalls der Realität, da es einen langen Umweg mit sich ziehen würde, um alle aufgezeigten Images zu passieren. Bei der Eröffnungssequenz wird eine Vielzahl an schnell wechselnder Cuts verwand, wobei hinter jedem Image eine Aussage steckt. So sehen wir beispielsweise Tony an einer Mautstation, wie er auf ganz legale Weise ein Ticket löst. Abgesehen von der Tatsache, dass er mit beiden Händen während der Fahrt eine Zigarre anzündet, sind keine Rückschlüsse auf Tonys kriminelle Arbeit und seinem Leben fern ab von jeglichen Gesetzten zu schließen. Ihn umgibt ein Urbanes Leben, das seinen geregelten Lauf nimmt. Ebenfalls humoristisch sind jedoch Images wie die der Freiheitsstatue oder wehender amerikanischer Flaggen, da Tony zwar von tiefem Herzen der italienischen Kultur loyal gegenüber steht, jedoch keineswegs ein amerikanischer Patriot ist.

Ohne, dass der Zuschauer auch nur die erste Sequenz der ersten Episode zu Gesicht bekommt wird die Serie sowohl durch ihren Namen als auch durch die Einführungssequenz stark geprägt, da immer wieder neue Kontroversen in den Raum gestellt werden. Sobald der Zuschauer diese jedoch erkennt und richtig interpretiert dienen die Kontroversen als humoristischer Unterton der Serie.

4 The Godfather in The Sopranos

Als intertextuelle Basis der Serie The Sopranos ist klar die Filmtriologie The Godfather (Der Pate I-III, 1972, 1974, 1990) zu erkennen. Der prägende Einfluss von The Godfather auf das gesamte Gangstergenre spielt hierbei keine unwesentliche Rolle. Aus diesem Grund wird an dieser Stelle kurz auf die Prägung des Genres eingegangen.

4.1 Ursprung des Gangster-Film Genre

Der klassische Gangsterfilm hat seinen Ursprung bereits in den 30er Jahren. Als etablierende Filmbeispiele sind zu nennen: Little Caesar (Der kleine Cäsar, 1930), The Public Enemy (Der öffentliche Feind, 1931) und Scarface (1932). Alle drei Filme handeln inhaltlich zunächst um den mühsamen Aufstieg eines Kleinkriminellen bis an die Spitze der ortsspezifischen Verbrecherorganisation. Wie es in kriminellen Kreisen üblich ist, ist der Machterhalt jedoch nie von ewiger Dauer und so enden alle Filme mit dem Sturz des Helden durch Korruption.[6] Das Genre, in der Tradition Hollywoods, unterstützt demnach die Ideologie einer hierarchischen, sozialen Ordnung. Der meist ethnische Gangster steigt aus der Welt der Arbeiterklasse durch illegale Aktivitäten zu einer sozialen Prominenz auf und wird von einer Autorität gefangen genommen oder von seinem Rivalen getötet. Die Figur des Gangsters wird als Sympathieträger dargestellt, so dass seine körperliche und ökonomische Aggressivität seine charismatische Ausstrahlung zusätzlich verstärkt.[7] Der Gangster ist in diesen Filmen ein tragischer Held, der vom amerikanischen Kapitalismus zerstört wird, welcher ihn jedoch erst zu einem Kriminellen gemacht hat.[8] Der Mythos des sich auflehnenden und zugleich sympathischen Individuums stößt hierbei kontrovers auf den Mythos des sozialen Individuums.[9]

4.2 Genreaufleben und Überarbeitung durch Coppolas The Godfather I-III

„Coppola´s The Godfather both revived and revised the gangster-film genre.”[10]

Mit dem ersten Teil von The Godfather aus dem Jahr 1972 hat Francis Ford Coppola dem Gangstergenre eine neue Richtung gegeben. Der dominante Schwerpunkt des Films lag nicht länger auf dem Individuum, sondern auf dem Gemeinschaftsmodell „Familie“, ganz im Vorbild der italienischen Mafia. Von nun an wurden die kriminellen Aktivitäten und Methoden durch die Prinzipien der Familienidentität und der Loyalität motiviert.[11] Der Begriff „Mafiosi“ bezeichnet fortan ein mediterranes Aussehen, meist versehen mit einem italienischen Akzent sowie die ständige Thematisierung von Ehre und Respekt in Mono- und Dialogen.[12] Durch opulente Settings und einer intensiven Emotionalisierung ähnelte die Kriminalgeschichte den klassischen Merkmalen einer Oper.[13]

„The distinctiveness of The Godfather trilogy lies at the intersection of the tradition of the European art-cinema. These words exhibit a very high level of craft in the making of the film. The sets, costumes, lighting, cinematography, sound, music, editing, and so on together provide an extraordinary level of sensuous delight in cinematic design and presentation.”[14]

Inhaltlich bringt die Trilogie Coppolas die Thematiken Kriminalität, Kapitalismus und Familie in einen gemeinsamen Kontext. Diese Neuerung wird fortan als Standard aufgegriffen und bildet die Basis für bekannte Gangsterfilme wie GoodFellas (Good Fellas – Drei Jahrzehnte in der Mafia, 1990) oder Casino (1990) bis hin zur Erfolgsserie The Sopranos.[15]

4.3 Intertextuelle Bezugnahme

Als genreprägendes Filmbeispiel ist es nicht verwunderlich das die Macher von The Sopranos eine Vielzahl an Parallelen zur Trilogie The Godfather aufgegriffen haben. Auffällig sind besonders die Szenen in denen der Prätext einen hohen, fast identischen Grad an Similarität zum Folgetext aufweist. An dieser Stelle sollen einige Beispiele hierzu genannt werden:

(I,3: „Denial, Anger, Acceptance“) In dieser Folge rächt sich Corrado „Uncle Junior“ Soprano (Dominic Chianese) gewaltsam an Christopher Moltisanti (Michael Imperioli) und Brendan Filone (Anthony DeSando). Der Racheakt wird durch eine cross-cutting Montage zwischen dem Angriff auf Christopher, dem Angriff auf Brendan und dem Chorauftritt von Tonys Tochter Meadow Soprano (Jamie-Lynn Sigler) illustriert. Die Tonspur aus der Szene von Meadows Gesangsdarbietung, mit dem Titel „All through the Night“, überlagert als Haupttonspur alle drei cross-cutting Szenen.[17] Diese Wechselwirkung zwischen Familienidylle und dem kalten, gewaltsamen Business hinter der warmen Fassade ist ein typisches Merkmal aus The Godfather.[18] Am Ende des ersten Teils sitzt Michael Corleone (Al Pacino) in der Kirche und leistet den Eid als Pate für den Sohn seiner Schwester, während parallel dazu in mehreren Kurzszenen die Ermordung von Feinden der Corleone Familie gezeigt wird. Auch hier überlagert eine Tonspur mit andächtiger Kirchenmusik alle cross-cutting Szenen. In beiden Fällen wird der Akt der Rache zur Erhaltung und Wahrung der Familieneintracht durch die audiovisuelle Ausgestaltung in einen kontroversen Kontext von Spiritualität und Gnade gesetzt.[16]

[...]


[1] Cardwell, Sarah, „Is Quality Television Any Good?“, In: Janet McCabe, Kim Akass (Hg.), QUALITY TV – Contemporary American Television and Beyond. London [u.a.]: Tauris, 2007, S.26.

[2] Neal, Chris: „GANGSTAS, DIVAS, AND BREAKING TONY´S BALLS. MUSICAL REFRENCE IN THE SOPRANOS”. In: David Lavery (Hg.): The Sopranos. Hit TV from HBO. New York: I.B. TAURIS 2006. S.121 ff.

[3] Ebd. S.123.

[4] Chase, David. (1999). "The Sopranos" commentary track. [DVD]

[5] Yacowar, Maurice (Hg.), The Sopranos on the couch. The ultimate guide. New York/London: continuum, 2007, S. 330.

[6] Lyden, John C. (Hg.), Film as religion: myths, morals and rituals. New York/London: NY University Press, 2003. S. 153.

[7] Browne, Nick (Hg.), Francis Ford Coppola´s The Godfather Trilogy. Cambridge: UP, 2000. S. 109.

[8] Lyden, a.a.O., S. 153.

[9] Browne, a.a.O., S. 109.

[10] Yacowar, a.a.O., S. 350.

[11] Yacowar, a.a.O., S. 350.

[12] Vorauer, Markus (Hg.), Die Imagination der Mafia im italienischen und UD-amerikanischen Spielfilm. Münster: Nodus, 1996. S. 124 f.

[13] Yacowar, a.a.O., S.109.

[14] Brownee, a.a.O. S. 2.

[15] Yacowar, a.a.O., S. 350.

[16] Alle intertextuellen Bezüge wurden in Eigenrecherche aus The Sopranos und The Godfather Part I-III herausgefiltert.

[17] Yacowar, a.a.O., S. 31-34.

[18] Creeber, Glen, „TV RUINED THE MOVIES: TELEVISION; TARANTINO; AND THE INTIMATE WORLD OF THE SOPRANOS”. In: David Lavery (Hg.): This thing of ours: Investigating the Sopranos. New York: Columbia University Press, 2002. S.130.

Ende der Leseprobe aus 15 Seiten

Details

Titel
Intermediale und intertextuelle Bezüge in der Fernsehserie "The Sopranos"
Hochschule
Philipps-Universität Marburg  (Medienwissenschaft)
Note
1,3
Autor
Jahr
2010
Seiten
15
Katalognummer
V164258
ISBN (eBook)
9783640790128
ISBN (Buch)
9783640790463
Dateigröße
559 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Sopranos, Der Pate, Gangster-Film Genre, Fernsehserie, HBO, Qualitätsfernsehen
Arbeit zitieren
Stefanie Gareiss (Autor), 2010, Intermediale und intertextuelle Bezüge in der Fernsehserie "The Sopranos" , München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/164258

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