Gedanken zum Kleist-Jahr 2011

Interpretation zu zwei Aufsätzen von Kleist


Essay, 2011

15 Seiten


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Die Betrachtungen über den Weltlauf (Interpretation)
Kleist als Mensch und Verfasser der Betrachtungen über den Weltlauf
Die Bedeutung der „Betrachtungen über den Weltlauf“

Die Außenseiter (ein Essay über das „Marionettentheater“ von Kleist)
Kleist - ein Außenseiter seiner Zeit
Wissenschaft ist nichts - der Geist ist alles
Die Marionetten und das Theater drum herum

Die „Betrachtungen über den Weltlauf“ von Heinrich v. Kleist

Eine Interpretationüber Autor und Text von Regina Karl

Kleist als Mensch und Verfasser der „Betrachtungen über den Weltlauf“

Der Aufsatz „Betrachtungen über den Weltlauf“ spricht von einer unglaublichen Wahrnehmungsgabe und einer sehr großen Sensibilität des Heinrich von Kleist. In jungen Jahren begreift er bereits die Wahrheit, dass sich durch ein mehr an Regeln nichts zum Besseren wendet, wenn das Herz der Menschen den Regeln keine Beachtung schenkt.

Die Folgerichtigkeit seiner Betrachtungen und die Deutlichkeit seiner Sprache spiegeln einen für sein zartes Jugendalter sehr weit gereiften Menschen Heinrich von Kleist wieder. Dass so viel persönliche Reife und Größe in keine zeitgemäßen Standards passt, erklärt wohl auch den Umstand, warum Kleist zeitlebens als Außenseiter seiner Zeit galt und in seiner Bedeutung für die deutsche Literatur bis in die jüngste Vergangenheit gilt.

Es verwundert in Hinblick auf seine Biografie1 deshalb keineswegs, dass Heinrich von Kleist bereits mit 22 Jahren nach einem „festen und verbindlichen Lebensplan“ sucht. Das Militär, welchem er 7 Jahre lang angehörte, weil die Eltern seine Erziehung so geplant hatten, schien dazu schon mal das völlig verkehrte Mittel zu sein. Kleist hungerte nicht nach diktatorischen Vorgaben (die es in seiner Zeit schon zur Genüge gab), sondern nach geistigen Werten2. Er suchte Antworten auf seine geistigen „Betrachtungen über den Weltlauf“ in der Rechtswissenschaft - vielleicht auch getrieben durch ein unstillbares Verlangen nach Gerechtigkeit, wofür die Justizwaage als Symbol von alters her steht. Kleist suchte auch Antworten der Logik über seine Betrachtungen über den Weltlauf in der Naturwissenschaft und da besonders in der Mathematik.

Er sehnte sich nach einer Ordnung, die sein Herz bereit war zu erfüllen - die es aber in seiner Welt so nicht gab. Das Streben nach dem Ultimativen, nach geistig „endgültigen“ Antworten, trieb Heinrich von Kleist auch auf das Feld der Philosophie.

Oft wird sein lebenslanges Streben nach geistigen Werten mit einem „unsteten Lebenswandel“ gleichgesetzt. Doch tun wir Kleist damit nicht unrecht? Ist nicht jeder Mensch, der sich auf einer Suche befindet, von steter Unstetheit befallen?

Ab 1801 wurde sein Glaube an all seine Ideale, nach denen er zeitlebens gerungen hatte, auf das Tiefste erschüttert. Bekannt ist diese Zeit auch als Kant-Krise. Kants allzu rationelle Vernunft-Kritiken passten so gar nicht zu einem zart besaiteten und vollkommen dem Idealismus ergebenen Denker der Menschlichkeit, wie es Kleist war. 1804 erleidet Kleist einen körperlichen und seelischen Zusammenbruch.

Dass er 1805 eine Anstellung im Finanzministerium annahm, um das zu tun was fürs Staatswesen „rechtens“ ist, ist ein weiteres Indiz dafür, dass er fest verbindliche Werte und Normen für sein Leben suchte. Zwar brachte diese Anstellung Geld und Brot um Geldbeutel und Magen zu befriedigen, doch der geistige Hunger nach „festen und verbindlichen Werten“ wurde dadurch nicht gestillt.

Vielleicht war es die Summe aller Ereignisse, die sein Leben in den Grundfesten erschüttert und ihn letztlich in tiefe Verzweiflung und in den Selbstmord getrieben haben:

- das Militär, welches zwar feste Normen bot aber ein freies Denken verbot.
- die lebenslange, erfolglose und verzehrende Suche nach geistigen Normen und Werten, deren Idealvorstellung weit über das hinausging, was die Welt des 18. Und
- 19. Jahrhunderts zu bieten hatte,
- die menschliche Unvollkommenheit seiner selbst und seiner Mitmenschen, die für Reibereien und Missverständnis sorgten und für Verständnis und Wohlwollen untereinander so gar keinen Platz bot.
- Der darauf folgende gesundheitliche Zusammenbruch seiner Psyche
- Seine Überbewertungen menschlich geschaffener Normen als „verbindliche Normen“ und vielleicht die immer dringendere Einsicht, dass fehlerhafte Menschen nur Fehlerhaftes hervorbringen können - trotz aller Mühen.

Es ist gleichgültig, warum er diese endgültige Entscheidung fällte - doch sein Leben und sein Denken als Lehrbeispiel und Botschaft für eine menschlichere Zukunft zu verstehen, sollte jedem von uns nicht gleichgültig, sondern eher ein dringliches Bedürfnis sein.

Die Bedeutung der „Betrachtungen über den Weltlauf“ von H. v. Kleist

Der Aufsatz „Betrachtungen über den Weltlauf“ ist nur ein sehr kurzes Werk von Kleist. Bestenfalls 1 Buchseite. Doch Kleist bringt in der Kürze seiner Gedanken tiefgreifende Wahrheiten auf den Punkt. Und das macht den kleinen Aufsatz so besonders.3

Er klagt die Wissenschaft seiner Zeit an, welche sich als „Wissenschaft der Tugend“ sieht und kritisiert offen den Drang der Wissenschaft nach dem Symbolismus, welcher - nach Kleists Vorstellung - der Kunst, der „höchsten Stufe menschlicher Kultur“, den Ursprung nimmt. In diesem Zusammenhang zeigt Kleist auf, dass dies bei den Römern und Griechen in ganz umgekehrter Ordnung zu finden sei und bezeichnet die Epoche der Antike als die „höchste, die erschwungen4 werden kann“. Im zweiten Abschnitt des letzten Satzes stellt Kleist einen didaktischen Abgleich des Verfalls menschlicher Ideale und Werte auf, welche auch auf unsere heutige Zeit gut passt und jedem als klare und lehrreiche Botschaft dienen kann. Es heißt dort (hier mal etwas untergliedert):

a. „ als sie5 in keiner menschlichen und bürgerlichen Tugend6 mehr Helden hatten,
dichteten sie welche;
b. als sie keine mehr dichten konnten, erfanden sie dafür Regeln;
c. als sie sich in den Regeln verwirrten, abstrahierten sie die Weltweisheit selbst;
d. und als sie damit fertig waren, wurden sie schlecht. “

Wie können wir das verstehen? In einem Wikipedia-Artikel7 heißt es über die vorsokratische Zeit: „ Mit der Erfindung der Philosophie beginnt sich das Denken selbst zu entdecken. Denken ist dabei vor allem Dialog. “

In der Schlussfolgerung bedeutet dies: Das Denken hat mit der Begründung der Philosophie ein eigenes Selbstbewusstsein geschaffen, was im krassen Gegensatz zum biblischen, demutsvollen Geistmenschen steht, der sich am liebsten selbst verleugnet. Diese Streitfrage, ob nun „studierter Stolz auf Eigenes“ oder moralisch geschulte Demut als Herzenseinstellung das Richtige ist, muss einen auf Menschlichkeit bedachten Denker wie Kleist viel Kraft gekostet haben.

Zu a) „ als sie8 in keiner menschlichen und bürgerlichen Tugend9 mehr Helden hatten, dichteten sie welche “ ;

Helden der Antike, welche die menschliche Geistes-Tugend verkörperten und die Gesellschaft und menschliche Zivilisation (bis heute) prägten, waren z.B. Aristoteles, Platon, Heraklit, Sokrates. Im damaligen Griechenland galten diese mit Sicherheit als weise Männer, zumal die Väter der Geisteswissenschaft gleichzeitig auch die geistigen Väter und Mentoren mächtiger Staatsmänner waren - wie z.B. von Alexander dem Großen.

Zusätzlich muss erwähnt werden, dass damalige Geistes-Gelehrte in einem viel umfassenderen und universalen Sinne geschult und ausgebildet wurden als dies heute üblich ist. Kleinkarierte Fakten zu sammeln war nicht von Belang - bekannte Fakten in einen fürs Volk verständlichen Zusammenhang zu bringen, war die Hauptaufgabe der antiken Philosophie. Doch diese hochanspruchsvolle Geisteshaltung verlangte ein Höchstmaß an Grundsatzliebe und Liebe zur Weisheit (was „Philosophie“ ja auch übersetzt bedeutet). Kommende Generationen an Gelehrten nahmen sich die Alten als Vorbilder und gestalteten sinngemäße Sprachbilder.

[...]


1 Quelle: Literaturwissen für Schule und Studium - Heinrich von Kleist, von Sabine Doering, Reclam-Verlag, 2001

2 Wie zum Beispiel „ Gerechtigkeit “ , „ Standhaftigkeit “ , „ Gleichbehandlung “

3 Quelle: „Ü ber das Marionettentheater - Aufs ä tze und Anekdoten “ , Heinrich von Kleist, Insel-Bücherei Nr. 481, Seite 24 + 25

4 Sprachliche Ableitung von „ erschwinglich “ im Sinne von „ erstrebenswert “

5 Pluralform für „ die Menschen “ bzw. „ die Menschheit “ insgesamt

6 Es ist wahrscheinlich, dass Kleist hier insbesondere auf Wissenschaften wie Mathematik, Physik, Architektur und die Geisteswissenschaften wie die Philosophie und Religion abzielte, denn diese Wissenschaften brachten sowohl Rom als auch Griechenland gro ß hervor.

7 http://de.wikipedia.org/wiki/Philosophie

8 Pluralform für „ die Menschen “ bzw. „ die Menschheit “ insgesamt

9 Es ist wahrscheinlich, dass Kleist hier insbesondere auf Wissenschaften wie Mathematik, Physik, Architektur und die Geisteswissenschaften wie die Philosophie und Religion abzielte, denn diese Wissenschaften brachten sowohl Rom als auch Griechenland gro ß hervor.

Ende der Leseprobe aus 15 Seiten

Details

Titel
Gedanken zum Kleist-Jahr 2011
Untertitel
Interpretation zu zwei Aufsätzen von Kleist
Veranstaltung
Literarischer Wettbewerb anlässlich Kleist-Jahr 2011
Autor
Jahr
2011
Seiten
15
Katalognummer
V164327
ISBN (eBook)
9783640807581
ISBN (Buch)
9783640807703
Dateigröße
858 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Kleist, Heinrich von Kleist, Literatur, Germanistik, Kleist-Jahr2011, Essay, Interpretation, Marionettentheater, über den Weltlauf, Betrachtung, Regina Karl, Autor, Autorin, FDA, Autorenverband, Literaturwissen
Arbeit zitieren
Regina Karl (Autor), 2011, Gedanken zum Kleist-Jahr 2011, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/164327

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