Der Begriff Rattenlinie bezeichnet allgemein im Spionagejargon einen präparierten Weg, über welchen Flüchtlinge oder auch Agenten verdeckt in ein Land hinein oder aus einem Land herausgeschleust werden. Die Fluchtrouten der Nazis, die ebenso Rattenlinien oder auch Klosterrouten genannt wurden, verliefen vordergründig über Italien nach Nord- und Südamerika, v.a. nach Argentinien, aber auch in den Nahen Osten, wie Syrien und Ägypten. Entlang dieser Routen existierten gleichnamige Unterschlupfmöglichkeiten, die so genannten „Rattenhäuser“. Die Rattenlinie wurde auch als Klosterroute oder Vatikanlinie bezeichnet, da sich unter der Bezeichnung „Rattenhäuser“ nicht nur öffentliche Gasthäuser und Unterkünfte bei Privatleuten subsumieren, sondern eben auch Unterschlupfmöglichkeiten in Klöstern.
Die geleistete Fluchthilfe entwickelte sich von einer zunächst improvisierten Hilfe Einzelner zu einem umfassenden, länderübergreifenden Fluchthilfegefüge. Die transnationalen Hilfestellungen zur Flucht waren weit gefächert und unterschiedlich motiviert. Argentinien zum Beispiel bemühte sich deutsche Fachkräfte für Militär und Technik anzuwerben und nutzte nach dem Zweiten Weltkrieg unter dem Staatspräsidenten JUAN PERÓN auch diesen illegalen Weg für sich aus, um Argentinien zum führenden Industrieland zu machen.
Inhalt dieser Arbeit soll nicht nur die Skizzierung der Fluchthilfe sein, sondern auch eine Betrachtung moralisch-ethischer Aspekte. Es muss die Frage untersucht werden, ob das Verhalten der katholischen Kirche in dieser konkreten Situation angemessen war, d.h. ob sie gemäß ihres Auftrages als Institution Kirche agiert hat oder ob sie den ethischen Ansprüchen, die an sie gestellt werden, nicht gerecht werden konnte. Bereits die Forschungspositionen, die sich ein Urteil über das Verhalten der katholischen Kirche im Nationalsozialismus allgemein gebildet haben, divergieren sehr stark: Sie reichen von weitgehender Anpassung bis zu einem durchaus durchgehaltenen Widerstandscharakter der Kirche. Dementsprechend wird eine ethische Konklusion in diesem spezifischen Fall vermutlich auch ambivalent ausfallen und sowohl die Verhaltensweise des Vatikans scharf kritisieren als auch mögliche Gründe zu seiner Entschuldigung anführen.
Inhaltsverzeichnis
1 EINLEITUNG
2 FLUCHT AUF DER RATTENLINIE
2.1 Akteure der Rattenlinie
2.1.1 Mythos Odessa
2.1.2 Flüchtlingsland Argentinien
2.1.3 Internationales Rotes Kreuz
2.1.4 Katholische Kirche und Vatikan
2.1.4.1 Kroatischer Franziskaner-Priester Krunoslav Draganovic
2.1.4.2 Österreichischer Bischof Alois Hudal
2.1.4.3 Papst Pius XII und Giovanni Montini
2.2 Moralisch-ethische Bewertung dieser Fluchthilfe
3 SCHLUSSBEMERKUNG
Zielsetzung und Themen der Arbeit
Die vorliegende Arbeit untersucht die Rolle der katholischen Kirche und des Vatikans bei der Fluchthilfe für nationalsozialistische Kriegsverbrecher nach 1945. Dabei steht insbesondere die Frage im Mittelpunkt, ob dieses Verhalten institutionell angemessen war oder inwiefern ethische Prinzipien durch strategische politische Interessen, insbesondere den Antikommunismus, untergraben wurden.
- Die Organisationsstrukturen der sogenannten "Rattenlinien" über Italien.
- Die Mitwirkung internationaler Akteure wie des Roten Kreuzes und des Vatikans.
- Die Rolle spezifischer Funktionsträger wie Alois Hudal und Krunoslav Draganovic.
- Die moralisch-ethische Analyse der kirchlichen Unterstützung für NS-Täter.
- Der Einfluss des Antikommunismus als treibende Kraft hinter der Fluchthilfe.
Auszug aus dem Buch
2.1.4.2 Österreichischer Bischof Alois Hudal
Neben DRAGANOVIC agierte der österreichische Bischof ALOIS HUDAL als zweite zentrale Figur der katholischen Kirche bei der Fluchthilfe. Der Direktor des deutschsprachigen Kollegs Santa Maria dell’ Anima in Rom besaß eine am Nationalsozialimus orientierte ideologische Gesinnung: Im Jahr 1937 erscheint in Wien seine Schrift „Die Grundlagen des Nationalsozialismus“, die sowohl bei den Nationalsozialisten als auch der katholischen Kirche anstößig wirkt, obwohl er mit dieser Publikation die beiden Parteien einander näher bringen wollte. Er strebte hiermit einen wesenhaft christlichen Nationalsozialismus an, d.h., dass er eine klare Trennung der Politik (Aufgabe des Staates) und der Weltanschauung (Aufgabe der Kirche) erreichen wollte. Diese Idee zeugt von großer Naivität HUDALs, da der Nationalsozialismus die Kirche vernichten wollte und ein angestrebter christlicher Nationalsozialismus ganz und gar nicht im Sinne der Reichsführung lag. Er sympathisierte aus mehreren Gründen mit dem Nationalsozialismus, doch einen entscheidenden Grund nennt er zwischen den Zeilen: „Die Aufgabe der deutschen Katholiken mußte es deshalb sein, alles zu tun, um zu verhindern, daß der linke Flügel im NS aufwärtskommt.“
HUDAL hatte Angst vor dem Sozialismus und dem Bolschewismus. Sowohl der NS-Staat als auch die katholische Kirche verfolgten dieses gemeinsame Ziel. Er war der Leiter des österreichischen Komitees der Päpstlichen Hilfskomission, welches bereits nach kurzer Zeit die Ausgabe von Ausweisdokumenten zur Hauptaufgabe hatte. In seinen Memoiren notierte er: „Ich habe gegen tausend unterschrieben, aber weitherzig nicht wenige Reichsdeutsche miteinbezogen, um sie in diesen schwierigen Monaten vor KZ und Gefängnis zu bewahren.“
Zusammenfassung der Kapitel
1 EINLEITUNG: Die Einleitung thematisiert die späte wissenschaftliche Aufarbeitung der Flucht von NS-Kriegsverbrechern und den Zugang zu entsprechenden Geheimdienstarchiven.
2 FLUCHT AUF DER RATTENLINIE: Dieses Kapitel detailliert die logistischen Abläufe der Fluchtrouten über Italien, beleuchtet die verschiedenen helfenden Organisationen und Akteure und bewertet die ethischen Hintergründe dieser Handlungen.
3 SCHLUSSBEMERKUNG: Die Schlussbemerkung resümiert, dass die katholische Kirche aufgrund institutioneller Eigeninteressen und Antikommunismus maßgeblich zur Flucht von NS-Verbrechern beitrug und ihr Verhalten moralisch nicht zu rechtfertigen ist.
Schlüsselwörter
Rattenlinie, NS-Kriegsverbrecher, Vatikan, katholische Kirche, Fluchthilfe, Alois Hudal, Krunoslav Draganovic, Odessa, Antikommunismus, Argentinien, Internationales Rotes Kreuz, Fluchtrouten, Moral, Nationalsozialismus, Täterschutz
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit analysiert die Unterstützung, die hochrangige Vertreter der katholischen Kirche und des Vatikans NS-Kriegsverbrechern nach dem Zweiten Weltkrieg bei ihrer Flucht nach Übersee geleistet haben.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Im Fokus stehen die Organisationsstrukturen der Fluchthilfe (Rattenlinien), die Rolle kirchlicher Hilfskommissionen sowie die ideologischen Motive, wie etwa der Antikommunismus.
Welches ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Die Untersuchung zielt darauf ab zu ergründen, ob das Handeln der katholischen Kirche als Institution angesichts der Unterstützung von NS-Mördern ethisch vertretbar war.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zur Anwendung?
Es handelt sich um eine historische Dokumentenanalyse, die auf primärwissenschaftlichen Forschungsergebnissen sowie zeitgeschichtlichen Quellen basiert.
Welche Inhalte werden im Hauptteil schwerpunktmäßig behandelt?
Der Hauptteil befasst sich mit den Akteuren (u.a. Hudal, Draganovic), dem Vorgehen des Roten Kreuzes, der Rolle des Vatikans und einer kritischen moralisch-ethischen Bewertung dieser Aktivitäten.
Durch welche Schlüsselwörter lässt sich die Arbeit charakterisieren?
Zentrale Begriffe sind Rattenlinie, NS-Kriegsverbrecher, Vatikan, Fluchthilfe, Antikommunismus und moralische Verantwortung.
Inwiefern spielte der Antikommunismus eine Rolle bei der Fluchthilfe?
Die Arbeit legt dar, dass der Vatikan nach dem Krieg den Kommunismus als größte Bedrohung sah und daher die Flucht von NS-Tätern in Kauf nahm, da diese als potentielle Verbündete gegen den sowjetischen Einfluss angesehen wurden.
Wie bewertet die Arbeit die Rolle von Bischof Alois Hudal?
Hudal wird als eine der zentralen Figuren der kirchlichen Fluchthilfe identifiziert, die NS-Tätern aktiv zur Flucht verhalf und sein Handeln nachträglich mit einer vermeintlichen christlichen Nächstenliebe zu rechtfertigen versuchte.
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- B.A. Ann-Christin Graé (Author), 2010, Die katholische Kirche und die so genannte Rattenlinie, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/164367