Das „Defense-of-Democracy“- Regime der OAS zwischen 1990-2009

Interamerikanische Kooperation zwischen weitreichender Interessenkonvergenz und multilateralem Minimalkonsens


Hausarbeit (Hauptseminar), 2010
32 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung: Die OAS – ein Phoenix in der Asche

2. Der Rational-Choice-Institutionalismus: Internationale Kooperation als Nutzenmaximierung

3. Das „Defense-of-Democracy“- Regime der OAS zwischen 1990-2009: Von weitreichender Interessenkonvergenz zum multilateralen Minimalkonsens
3.1. Institutionelle Revitalisierung (1990-1995)
3.2. Implementierung und Verstetigung (1996-2001)
3.3. Stagnation und wachsende Interessendivergenz (2002-2009)

4. Schlussbetrachtung

5. Bibliographie

1. Einleitung: Die OAS – ein Phoenix in der Asche

„At a time when traditional perspectives on international relations are being reevaluated, it is appropriate to devote some attention to the situation in the Americas. Our hemisphere cannot escape the whirlwind of change set loose by recent events in Europe. As new arrangements for peace and security, for democracy and for development, are feverishly worked out in the East and the West, it is only natural to ask what course of action we should follow in our hemisphere.“ (Peréz 1990: 52)

Zum zwanzigsten Jubiläum der amerikanischen Fachzeitschrift für Internationale Politik „Foreign Policy“ veröffentlichte der damalige venezolanische Präsident Carlos Andrés Pérez im Jahr 1990 den Artikel „OAS Opportunities“.[1] Darin postulierte Pérez mit Blick auf das Ende des „Kalten Krieges“ und den damit verbundenen neuen politischen Realitäten, die Notwendigkeit einer Neujustierung der interamerikanischen Kooperation im Rahmen der Organisation Amerikanischer Staaten (OAS). Die OAS wurde im Frühjahr 1948 in Washington als Nachfolgeorganisation der panamerikanischen Konferenz von 1889 mit dem Ziel gegründet, die regionale Multilateralisierung zwischen Nord- und Südamerika auf den Feldern der Wirtschaftspolitik sowie der Sicherheits- und Friedenspolitik voranzutreiben und die interamerikanischen Beziehungen zu stabilisieren.[2] Während die lateinamerikanischen Staaten in der OAS ein effektives Instrument der politischen Interessenaggregation gegenüber den hegemonialen Interessen der USA sahen, war Washington darum bemüht durch den institutionellen Mantel der OAS den eigenen Einfluss auf Lateinamerika zu legitimieren, um in der Kombination aus politischem Bündnis und sicherheitspolitischer Zusammenarbeit im Kontext des sich anbahnenden Ost-West-Konflikts einen wirkmächtigen Zugriff auf den eigenen „Hinterhof“ zu wahren (vgl. Berndt 1995: 9 f.). Die Dominanz der USA innerhalb der OAS und die wiederholten militärischen und politischen Interventionen führten jedoch dazu, dass der Staatenzusammenschluss seit den späten 1950er Jahren sukzessive zum US-amerikanischen Vehikel der Auseinandersetzung mit der Sowjetunion verkam. Die Gründungsidee, die verbunden war mit der Sicherung demokratischer Freiheitsrechte und einer übergreifenden interamerikanischen Solidarität rückte vor den beidseitigen machtpolitischen Interessen der Amerikas in den Hintergrund. Erst mit dem Ende der Konfrontation zwischen den USA und der Sowjetunion Anfang der neunziger Jahre gewann der regionale Multilateralismus erneut an Bedeutung und die längst angekündigte multilaterale „Chronik des Todes“, welche sich Ende der 1980er Jahre im Zuge der katastrophalen Finanzsituation der OAS endgültig zu bewahrheiten schien, konnte zugunsten der Wiederbelebung der Gründungsideale von Demokratie, Freiheit, Wohlstand und Sicherheit abgewendet werden (vgl. ebd.: 2 ff.). Stellvertretend für die „institutionelle Auferstehung“ der OAS steht die 1991 verabschiedete Resolution 1080 - ein Meilenstein im Kontext der Reorganisation und Reformulierung der Leitbilder und Aufgabenfelder der OAS.

Doch nicht nur in den Bereichen „Sicherheit“ und „Herrschaft“, sondern auch auf dem Feld der wirtschaftlichen und kulturellen Integration schien es Mitte der 1990er Jahre möglich, dass die OAS der Supranationalisierung nach europäischem Vorbild nacheifern könne. Hatten die neuen endogenen (u.a. Beitritt Kanadas zur OAS) und exogenen Faktoren („dritte Demokratisierungswelle“, Ende des „Kalten Krieges“) die OAS zunächst zu einem vermeintlich wichtigen Akteur der Multilateralisierung in Amerika werden lassen, ist seit Beginn des neuen Jahrtausends ein erneuter Bedeutungsverlust der OAS erkennbar, der sich zuletzt 2009 an der Handlungsunfähigkeit und den uneinheitlichen Reaktionen der Mitgliedstaaten auf den Militärputsch in Honduras zeigte (vgl. Oettler/Peetz 2010: 89 ff.). Trotz des hohen Institutionalisierungsgrades, der vergleichsweise langen Organisationsgeschichte und den beachtlichen Anfangserfolgen verlor die OAS im Vergleich zu der Vielzahl an neu gegründeten Konkurrenzorganisationen (u.a. UNASUR, ALBA, NAFTA und MERCOSUR) insbesondere im multilateralen Integrationsprozess, aber auch in ihrem Kernbereich als „Defense-of-Democracy“-Regime an Bedeutung. Doch weshalb stagniert das Akteurspotential der OAS in den letzten Jahren, obwohl die formale Institutionalisierung zuvor stark forciert wurde? Aus organisationstheoretischer Perspektive bietet der Neo-Institutionalismus – insbesondere der Rational-Choice-Institutionalismus – einen Erklärungsansatz für diesen Paradigmenwechsel. Demzufolge ist davon auszugehen, dass internationale Institutionen – in diesem Fall die OAS – lediglich als Transmissionsriemen zur Verwirklichung nationalstaatlicher Interessen dienen, welche ohne die intergouvernementale Kooperation nur mit hohen Transaktionskosten und geringer Erwartungsverlässlichkeit gegenüber anderen nationalstaatlichen Akteuren durchzusetzen wären (vgl. u.a. Braun 1999: 235 ff.; Koremenos/Lipson/Snidal 2001: 762).

Ziel der vorliegenden Arbeit ist es daher vor dem theoretischen Hintergrund des Rational-Choice-Institutionalismus die Entwicklung der OAS als „Defense-of-Democracy“-Regime seit 1990 nachzuzeichnen und herauszuarbeiten wie die Handlungs- und Entscheidungsstrategien einzelner Akteure hierbei die Politikergebnisse, die Leistungsfähigkeit und die institutionelle Problemlösungskompetenz der OAS beeinflussen. Dabei gilt es zunächst den Ansatz des Rational-Choice-Institutionalismus zu skizzieren und auf die spezifische Konstellation innerhalb der OAS zu übertragen. Es wird sich zeigen, dass der anhaltende Interessenkonflikt zwischen den USA und den lateinamerikanischen Staaten im Zuge der konkurrierenden Interaktionsorientierungen sowie den sich verändernden Einflussdominanzen maßgeblich die heutige Institutionengestalt und die schleppende Institutionalisierungsdynamik der letzten Dekade vorstrukturierte. Anhand des Interessendualismus zwischen den USA und Lateinamerika wird daher im zweiten Schritt der Analyse eine Phaseneinteilung vorgenommen, welche die Verlaufsform des Institutionalisierungsprozesses sowie die verschiedenen Kooperationsstrategien, die endogenen und exogenen Einflussfaktoren und den institutionellen Output der OAS integrierend betrachtet, um somit die Transformationsprozesse und das derzeitige Macht- und Orientierungsvakuum der OAS innerhalb der regionalen Multilateralisierung erklärbar zu machen.

2. Der Rational-Choice-Institutionalismus: Internationale Kooperation als Nutzenmaximierung

Nahezu zeitgleich mit dem Ende des Ost-West-Konflikts erfuhr die Politikwissenschaft eine neue „institutionelle Wende“, die dazu führte, dass bei der Analyse von Politikergebnissen zunehmend institutionelle Aspekte und deren Auswirkungen auf politische, ökonomische und gesellschaftliche Prozesse miteinbezogen wurden. Ausschlaggebend für die Wiederbelebung dieses „Neuen Institutionalismus“ (Neo-Institutionalismus) war neben den Transformationsprozessen in den ehemaligen Ostblockstaaten die Erkenntnis, dass trotz Globalisierung und fortschreitender internationaler Kooperation weiterhin erhebliche institutionelle Divergenzen zwischen den politischen Systemen bestanden, die auch bei tiefgreifenden Integrationsprozessen (bspw. EU) nicht zwangsläufig zu einer stärkeren Isomorphisierung führten (vgl. Csigó 2006: 27). Mit dem Neo-Institutionalismus entwickelte sich ab Mitte der 1980er Jahre eine neue Spielart institutionellen Denkens. Dabei geht der Neo-Institutionalismus von der Prämisse aus, dass Institutionen „zentrale Muster sozialer Interdependenzbewältigung und [...] wichtige Gegenstände von Theorien sozialer Ordnung“ (Schimank 2007: 162) darstellen. Es handelt sich im Gegensatz zum Institutionalismusbegriff des „klassischen“ Institutionalismus somit um einen weiten (politischen) Institutionenbegriff der neben formalen Institutionen (nationale und internationale Organisationen, Netzwerke) auch handlungsleitende immaterielle Elemente wie Regime, Verträge, Abkommen, festgeschriebene Normen sowie kulturelle und symbolische Elemente umfasst (vgl. Müller 1993: 28 ff.; Ortiz 2004: 92 ff.). Innerhalb des Neo-Institutionalismus formierte sich in den letzten zwei Dekaden eine erhebliche Vielfalt an eigenständigen theoretischen Perspektiven, die zum Teil auf unterschiedlichen Annahmen basieren. Trotz dieser Unterschiede einen die verschiedenen „Neo-Institutionalismen“ folgende Grundannahmen (vgl. Peters 1999; Csigó 2006: 34):[3]

- Institutionen sind wichtige Variablen, welche die Struktur und den Wandel politischer und gesellschaftlicher Systeme beeinflussen und erklären können
- Institutionen beeinflussen individuelles Verhalten – sie können Handlungsoptionen einschränken und ermöglichen
- Institutionen bilden anhand von Werte- und Deutungsmustern wichtige Handlungsregulationen
- institutionelle Stabilität ist abhängig von multikausalen Erklärungsmustern sowie einer Vielzahl endogener und exogener Faktoren

Anhand der Gewichtung der Grundannahmen sowie dem fachdisziplinären Hintergrund der Theorieansätze lassen sich drei Hauptströmungen des Neo-Institutionalismus ausmachen: Rational-Choice, historischer und soziologischer Neo-Institutionalismus. Während der ökonomische Ansatz des Rational-Choice-Institutionalismus auf das strategische und nutzenmaximierende Verhalten der Akteure abstellt, betont der Ansatz des historischen Institutionalismus die Spezifität des historisch-politischen Kontextes einer Institution. Beim organisationssoziologisch bzw. strukturalistisch-kulturell orientierten Ansatz liegt der Fokus auf der strukturierenden Rolle von Institutionen in gesellschaftlichen und politischen Prozessen sowie der Bedeutung von Lerneffekten als Mittel der Anpassung und Überlebensfähigkeit von Institutionen (vgl. Hall/Taylor 1996: 17 ff.; Csigó 2006: 34). Die drei Ansätze unterscheiden sich im Wesentlichen in ihrer Definition des Verhältnisses von Institutionen und Akteuren sowie in ihrer Konzeptionalisierung des politischen Einflusses von Institutionen. Wie bereits skizziert liegt dem Rational-Choice-Institutionalismus das Paradigma des rationalen und nutzenmaximierenden Individuums („Homo Oeconomicus“) zugrunde:

„Jedes Individuum entscheidet und handelt in jeder Situation rational, d.h. es wählt immer die Alternative die den höchsten Nutzen verspricht oder mit den geringsten Kosten verknüpft ist (Prinzip der ökonomischen Rationalität)“. (Thiery 2001: S. 231)

Die Entstehung sowie die Kooperation im Rahmen von Institutionen unterliegen demnach der ökonomischen Handlungslogik. Institutionelle Arrangements dienen der Reduzierung von Transaktionskosten sowie der Herstellung von Erwartungsstabilität (vgl. Hall/Taylor 1996: 11 ff.). Die Überlebensfähigkeit einer Institution steht in Abhängigkeit zu den Präferenzen der Akteure, welche die Institution konstituieren. So lange alle relevanten Akteure davon ausgehen, dass sich die eigenen Interessen innerhalb des institutionellen Rahmens effektiver und kostengünstiger realisieren lassen, wird kooperiert. Ändern sich die eigenen Präferenzstrukturen oder kommt es zu einer Neubewertung der Situation ist institutionelle Instabilität bzw. zu neue Institutionendynamik wahrscheinlich (vgl. Peters 1999: 43 ff.). Institutionelle Stabilität und funktionale Äquivalenz unterliegen somit zwei Voraussetzungen: a) Institutionen müssen mit relativ geringem Aufwand reformierbar sein und b) es muss Anreizsysteme geben, die es für die Akteure attraktiv macht, eine Anpassung der Institution an die gegebenen politischen Realitäten vorzunehmen (vgl. Ortiz 2004: 98). Auch wenn der Rational-Choice-Instiutionalismus das Verhältnis von Institution und Akteur grundlegend als Transmissionsriemenbeziehung zur Durchsetzung akteursspezifischer Interessen begreift, üben die internen institutionellen Mechanismen starken Einfluss auf den Handlungsspielraum der Akteure aus. Sie strukturieren die Interaktionsoptionen, indem bestimmte Handlungsalternativen ermöglicht bzw. verhindern, sei es durch Sanktionen, Informationsaustausch oder Anreizsysteme (Braun 1999: 236 f.). Die Präferenzstruktur der Akteure ist somit nicht genuin exogener Natur, sondern unterliegt endogenen Einflüssen. Eine Institution ist daher umso so erfolgreicher, je besser es ihr gelingt die Präferenzen ihrer Mitglieder in solcher Weise zu manipulieren, dass kollektive Dilemmata bestmöglich bewältigtbar werden (= „bounded rationality“):

„Politische Akteure versuchen zwar ihren Nutzen zu maximieren, doch werden ihre Handlungsoptionen durch den institutionellen Rahmen eingeschränkt. Institutionen einerseits als Restriktionsfaktoren bei der Auswahl von Handlungsoptionen, andererseits aber auch als Garanten für die Berechenbarkeit der Handlungen anderer Akteure in einem unsicheren Umfeld zu sehen, ist ein weiteres charakteristisches Merkmal des Rational Choice Institutionalismus.“ (Csigó 2006: 38)

Diese Annahme der „begrenzten Rationalität“ unterscheidet den Rational-Choice-Institutionalismus von der klassischen Rational-Choice-Theorie. Im Gegensatz zur „reinen“ Lehre der Institutionenökonomik berücksichtigt die neo-institutionalistische Variante die entscheidende Rolle von Institutionen bei der Eingrenzung egoistischer Handlungsmotive zugunsten des Abbaus von Informationsunsicherheit und Opportunismus. Zwar steht die Maximierung des eigenen Nutzens weiterhin im Vordergrund, dennoch besitzen die Akteure die Bereitschaft ihre Ziele im institutionellen Rahmen zu verwirklichen, insofern darin der bestmögliche Output generiert werden kann. Die Kooperationsbereitschaft legitimiert sich somit aus einem rationalen Kostenkalkül und ist ausschlaggebend für den Vertrauensvorschuss der Akteure. Die Vereinbarkeit von individueller und kollektiver Rationalität ist daher ein elementares Forschungsinteresse des Rational-Choice-Institutionalismus (vgl. ebd.: 39). Institutioneller Wandel und die Entstehung von Institutionen wird im Rational-Choice-Instiutionalismus anhand funktionalistischer Argumente konzeptionalisiert. Wie bereits deutlich wurde, errichten die Akteure Institutionen zur Lösung kollektiver Probleme. Für die Entstehung und den Wandel von Institutionen sind ihre Wirkungsweise und ihre Funktionalität entscheidend (vgl. Patzelt 2007: 72). Wird eine Institution als dysfunktional angesehen, werden die Fehlfunktionen von den Akteuren korrigiert, indem die Anreiz- und Sanktionsstrukturen angepasst werden. Sollte die Situation entstehen, dass eine Kooperation die Transaktionskosten nicht mehr reduziert und auch sonst keinen nachvollziehbaren Nutzen für den Akteur erbringt, wird die institutionelle Zusammenarbeit beendet.

In der Regel offenbaren sich am Beispiel des institutionellen Wandels die argumentativen und methodischen Schwächen des Rational-Choice-Institutionalismus. Die Hauptkritikpunkte beziehen sich dabei vor allem auf die simplifizierende Argumentationslogik, die fundamentale Faktoren institutioneller Kontextbedingungen (u.a. historische Perspektive, Werte, Normen, Einstellungen) ausklammert (vgl. Peters 1999: 47; 61). Funktionalistische Motive mögen notwendige, aber nicht gänzlich hinreichende Erklärungsvariablen für die Entstehung und den Wandel von Institutionen sein. In diesem Zusammenhang geht dem Rational-Choice-Institutionalismus oft der empirische Zusammenhang verloren, wenn beispielsweise der Einfluss der einzelnen Akteure auf das Politikergebnis überbewertet wird oder institutioneller Wandel unabhängig von Effizienzsteigerung oder offensichtlicher Nutzenmaximierung erfolgt (vgl. Hall/Taylor 1996: 19 f.). Terry Moe verweist zudem auf den zentralen Unterschied der Freiwilligkeit in Ökonomie und Politik, welche die Anwendung ökonomischer Erklärungsansätze auf politisches Verhalten erschwert. Während die Politik im Sinne des Gemeinwesens eine Sphäre legitimer Zwangsgewalt konstituiert (u.a. Strafverfolgung, Steuerabgaben, Rechtsordnung), beruht die Konfliktbewältigung in der wirtschaftlichen Sphäre zumeist auf Freiwilligkeit (vgl. Csigó 2006: 41). Eine weitere Problematik besteht in der Vernachlässigung des Verhältnisses von intendierten und nichtintendierten Institutionalisierungseffekten. Der Rational-Choice-Institutionalismus tendiert dazu, die Präferenzen der Akteure als stabil anzusehen und versteift sich zumeist in der Annahme, dass die Institutionen tatsächlich so funktionieren, wie dies von den Akteuren intendiert wurde. Dies führt dazu, dass dem neo-institutionalistischen Rational-Choice-Ansatz oft vorgeworfen wird, eine ahistorische und statische Perspektive auf Institutionen einzunehmen, die bestimmte institutionelle Entstehungs- und Veränderungskontexte weder berücksichtigt noch erklären kann (vgl. Ortiz 2004: 98). Diese Kritikpunkte wurden von Seiten der Rational-Choice-Vertreter aufgegriffen und versucht mit dem funktionalistisch orientierten Ansatz in Einklang zu bringen:

Other rational choice analysts have begun to incorporate ‘culture’ or ‘beliefs’ into their work to explain why actors move toward one outcome when a conventional analysis specifies many possible equilibrium outcomes. [...] In an especially intriguing analysis of games with multiple equilibria, Scharpf shows how behavior might be determined jointly by both the ‘decision rules’ that represent the incentives institutions provide to the actors as rational calculators and the ‘decision styles’ of those actors, which can be interpreted to mean the beliefs about appropriate behavior that cultural analysts emphasize. [...] (Hall/Taylor 1996: 23)

Mit Blick auf die OAS nimmt dieser historisch-kulturalistische Aspekt der „eingeschränkten Rationalität“ eine gewichtige Stellung in der Analyse der Institutionendynamik ein. So müssen die Probleme kollektiven Handelns und die strukturierte strategische Interaktion der Akteure vor dem Hintergrund des Verhältnisses zwischen Nord- und Südamerika betrachtet werden, wobei die USA als Referenzpunkt bei der Auseinandersetzung mit Lateinamerika anzusehen sind. Trotz des Beitritts Kanadas (1990) und der Mitgliedschaft der karibischen Kleinstaaten, bilden die USA und die lateinamerikanischen Staaten die zwei hauptsächlichen Interessenpole, welche sich für die Konflikt- und Kooperationslinien innerhalb der OAS verantwortlich zeigen (vgl. Berndt 1995: 1 f.). Zwar lassen sich die verschiedenen lateinamerikanischen Staaten aufgrund ihrer unterschiedlichen wirtschaftlichen, geschichtlichen, kulturellen und gesellschaftspolitischen Ausgangslage sowie ihrer Bedeutung für die Internationale Politik nicht als homogener Blockakteur charakterisieren, dennoch eint die lateinamerikanische Staatengemeinschaft, unabhängig von den sonstigen Einzelinteressen, das Nutzenkalkül mit Hilfe der OAS die Einhegung der US-amerikanischen Hegemonialmacht zu bewirken und darüber hinaus die OAS für eigene entwicklungspolitische Interessen nutzbar zu machen (vgl. ebd.: 6; 10 ff.). Graduelle Abweichungen bezüglich des Interessendualismus zwischen USA und Lateinamerika bestehen dennoch. So unterliegt die politische und ökonomische Nähe zu den USA einem eindeutigen Nord-Süd-Gefälle, wobei Mexiko, Zentralamerika und die karibischen Staaten aufgrund von Arbeitsmigration, Kapitalinvestitionen und ausgelagerten US-Industriesektoren naturgemäß eine stärke Bindung zu den USA besitzen als die diversifizierteren Kooperationsbeziehungen in Brasilien, Argentinien, Chile oder Venezuela (vgl. Tussie 2009: 175).

Daraus ergibt sich eine zweifache Interessenorientierung: Während die USA ein multilaterales Kooperationskonstrukt mit der Option zur Sicherung des regionalen Führungsanspruch präferieren, sind die lateinamerikanischen Staaten daran interessiert, die US-Vormachtstellung weitestgehend zu neutralisieren bzw. in den institutionellen Rahmen der OAS einzubinden. Gleichzeitig gilt es die Konkurrenzbeziehungen zu den Nachbarstaaten durch gezielte Kooperation mit den USA auszutarieren. Hierin zeigt sich, dass die Stabilität und Funktionalität einer Institution nicht zwangsläufig abhängig von der Konvergenz aller Zielorientierungen ist, sondern vielmehr von dem Glauben der Akteure innerhalb der Kooperation die bestmöglichen Chancen a) zur Lösung der Probleme kollektiven Handelns und b) zur Senkung der eigenen Transaktionskosten bzw. Erhöhung der eigenen Erwartungsstabilität vorzufinden. Im Umkehrschluss bedeutet dies, dass institutionelle Instabilität entsteht, sobald die Zielpräferenzen der Akteure nicht zufriedenstellend realisiert werden.

Vor dem Hintergrund der bisher aufgezeigten Anwendungszusammenhänge soll im Folgenden der Rational-Choice-Institutionalismus als theoretische Folie zur Untersuchung der OAS-Institutionendynamik als „Defense-of-Democracy“-Regime im Zeitraum von 1990-2009 nutzbar gemacht werden. Dabei wird unter der Prämisse des Rational-Choice-Ansatzes die These vertreten, dass die einstige Basis einer geteilten Problemwahrnehmung bzw. einer gemeinsamen Interessenkonvergenz der OAS-Akteure aufgrund von verschiedenen endogenen und exogenen Faktoren mit Beginn des neuen Jahrtausends zunehmend erodierte und zum derzeitigen Bedeutungsverlust der OAS im Kontext der amerikanischen Multilateralisierung führte.

3. Das „Defense-of-Democracy“- Regime der OAS zwischen 1990-2009: Von weitreichender Interessenkonvergenz zum multilateralen Minimalkonsens

Unternimmt man den Versuch die Institutionendynamik der OAS in den letzten zwei Dekaden zu konzeptionalisieren, steht man vor der Problematik einen Referenzpunkt als Ausgangssituation der Institutionenanalyse wählen zu müssen. Im Kontext des Rational-Choice-Institutionalismus erscheint es sinnvoll die beiden großen Akteursgruppierungen (USA und Lateinamerika) und deren Handlungs- und Interessenorientierung als Raster für die Analyse zu verwenden. Verfährt man nach diesem Prinzip muss man in Kauf nehmen die Interessenlage sowie die Kontextbedingungen der einzelnen lateinamerikanischen Staaten zugunsten der Gesamtbetrachtung in einem nicht unbeträchtlichen Maß zu vernachlässigen. Zudem räumt man den anderen OAS-Mitgliedern wie Kanada oder den karibischen Staaten zwangsläufig eine nachgeordnete Bedeutung innerhalb der OAS ein, was sich zumindest im Fall von Kanada als durchaus problematisch erweist (vgl. Cooper 2001: 295 f.; Major 2007: 85 ff.). Neben der Simplifizierungsproblematik stellt sich auch die Frage nach der Gewichtung von exogenen und endogenen Faktoren als erklärenden Variablen der spezifischen Institutionenentwicklung. Mit exogenen Faktoren sind in diesem Fall alle Determinanten bezeichnet, welche außerhalb der institutionellen Entwicklungen Einfluss auf das Handeln und die Präferenzstruktur der Akteure nehmen (Wirtschaftskrisen, Regierungswechsel, Ideologien etc.). Unter den endogenen Faktoren sind alle organisationsinternen Elemente zu fassen (Mitglieder, Organisationsstruktur, Normen, Prinzipien, Personal etc.). Hierbei fällt auf, dass die Unterscheidung zwischen endogenen und exogenen Faktoren nicht trennscharf durchgehalten werden kann, da sich, wie im vorherigen Abschnitt bereits dargestellt, die Institutionalisierungseffekte maßgeblich aus den Interessen der einzelnen Akteure speisen, die wiederum durch die institutionellen Rahmenbedingungen der Kooperation ihre individuellen Zielorientierungen nur mit begrenzter Rationalität verfolgen. Trotz der soeben benannten Einschränkungen scheint es dennoch angebracht die Interessenlage und Kontextbedingungen der USA bzw. der lateinamerikanischen Staaten als Ausgangsposition der Institutionenanalyse zu nehmen, da u.a. Carolyn M. Shaw in ihrer Studie zum hegemonialen Einfluss der USA auf die OAS deutlich macht, dass die Bereitschaft der lateinamerikanischen Staaten zur gemeinsamen Kooperation mit den USA fundamentale Auswirkungen auf die Handlungsfähigkeit der OAS hat:

[...]


[1] Pérez, Carlos Andrés: OAS Opportunities. In: Foreign Policy No. 80 (1990), S. 52-55.

[2] Vgl. OAS (1948): Charter of the Organization of American States, Chapter I/II. URL: http://www.oas.org/dil/treaties_A-41_Charter_of_the_Organization_of_American_States.htm (10.03.2010)

[3] Im Folgenden werden die Begriffe Rational-Choice-Neo-Institutionalismus und Rational-Choice-Institutionalismus synonym verwandt.

Ende der Leseprobe aus 32 Seiten

Details

Titel
Das „Defense-of-Democracy“- Regime der OAS zwischen 1990-2009
Untertitel
Interamerikanische Kooperation zwischen weitreichender Interessenkonvergenz und multilateralem Minimalkonsens
Hochschule
Universität Hamburg
Note
1,0
Autor
Jahr
2010
Seiten
32
Katalognummer
V164495
ISBN (eBook)
9783640795604
ISBN (Buch)
9783640795369
Dateigröße
637 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Regime, Interamerikanische, Kooperation, Interessenkonvergenz, Minimalkonsens
Arbeit zitieren
Torben Fischer (Autor), 2010, Das „Defense-of-Democracy“- Regime der OAS zwischen 1990-2009 , München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/164495

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