NAFTA und das Migrationsproblem zwischen Mexiko und den Vereinigten Staaten (USA)


Diplomarbeit, 2007
94 Seiten, Note: 2,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Die Determinanten der Migration
2.1 Theorien zur internationalen Migration
2.1.1 Die Neoklassische Theorie
2.1.2 Die neue Migrationsökonomik
2.1.3 Das Gravitationsmodell und der Push-Pull-Ansatz
2.1.4 Die Duale Arbeitsmarkttheorie
2.1.5 Die Netzwerktheorie
2.2 Handel und der Migrationsbuckel

3 NAFTA - Vertrag, Kontroverse, Motivation

4 Einfluss der NAFTA auf die Migrationsdeterminanten in den USA
4.1 Makroökonomische Rahmenbedingungen zum Beginn von NAFTA: Technologieboom und Rezession
4.2 Wirkungen von NAFTA am Beispiel Kaliforniens
4.3 Determinanten der Arbeitsnachfrage in den USA nach In-Kraft- Treten von NAFTA und die Migrationspolitik der USA
4.4 Die Pullfaktoren in den USA - ein Resümee

5 Einfluss von NAFTA auf die Migrationsdeterminanten in Mexiko
5.1 Die Ausgangssituation Mexikos und die makroökonomischen Rahmenbedingungen
5.2 Die Auswirkungen von NAFTA auf die Push-Faktoren der Migration in Mexiko
5.3 Die Entwicklung der regionalen Wirtschaftsstrukturen
5.3.1 Sektor Maquiladora
5.3.2 Die Landwirtschaft
5.4 Pushfaktoren in Mexiko - ein Resümee

6 Schlusswort

7 Anhang

8 Literaturverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Der Migrationsbuckel

Abbildung 2: Anteil Ausländer an der Gesamtbeschäftigung in Kalifornien, 1960­2004

Abbildung 3: Ausbreitung der mexikanischen Immigranten in den USA - Vergleich der Jahre 1990 und 2000

Abbildung 4: Entwicklung des durchschnittlichen Reallohnes in Mexiko 1987­2002

Abbildung 5: Monatliche Entlohnung in der mexikanischen Fertigung 1994-2006

Abbildung 6: Historische Entwicklung der arbeitsaktiven Bevölkerung in Mexiko 1895-2000

Abbildung 7: Verteilung der Maquiladorawerke in Mexiko 2004

Tabellenverzeichnis

Tabelle 1: Zusammenfassender Überblick über die Migrationstheorien und die Einflussfaktoren

Tabelle 2: Überblick über Vor-NAFTA Studien zu Auswirkungen der NAFTA auf die Migration und die Lohnannäherung

Tabelle 3: Entwicklung des realen BIP, der Beschäftigungsrate und der Arbeitslosenquote in den USA von 1988-2005

Tabelle 4: Entwicklung der Arbeitslosenquote in den USA 1988-2007

Tabelle 5: Jährliche Arbeitslosenrate im kalifornischen Arbeitsmarkt 1988-2006

Tabelle 6: Jährliche Anzahl der Beschäftigen inner- und außerhalb der Landwirtschaft auf dem kalifornischen Arbeitsmarkt 1990-2006

Tabelle 7: Jährliche Anzahl der Beschäftigten in ausgewählten Arbeitsmarktsegmenten auf dem kalifornischen Arbeitsmarkt 1990­2006

Tabelle 8: Erwerbstätige Bevölkerung nach Geburtsort und prozentualer Verteilung nach Sektoren und Beschäftigung in den USA für 1995, 2000 und 2005

Tabelle 9: Durchschnittliche Beschäftigung US-Landarbeiter in Tausend von 1989-2006

Tabelle 10: Vergleich der Lohnentwicklung in den USA 1981-2005

Tabelle 11: Entwicklung des BIP pro Kopf in den USA und Mexiko 1990-2008

Tabelle 12: Entwicklung der Einreise mexikanischer Arbeitskraft für den Zeitraum vor 1975 - 2005

Tabelle 13: OECD-Daten zu Mexiko 1980-2005

Tabelle 14: Demographische Basisindikatoren für Mexiko 1970, 1988 und 2000

Tabelle 15: Jährliches Bevölkerungswachstum im Durchschnitt in Mexiko 1960­2000

Tabelle 16: Jährliche städtische Arbeitslosenrate in Mexiko 1990-2005

Tabelle 17: Nominale Entlohnung in der Fertigung für Produktionsarbeiter und Angestellte 1994-2006

Tabelle 18: Entwicklung des BIP nach Region 1993-2004

Tabelle 19: Anteil des BIP pro Wirtschaftssektor nach Region 2004

Tabelle 20: Mexiko: Anteil der ADI nach Bundesstaaten 1994-2007

Tabelle 21: BIP pro Kopf der mexikanischen Bundesstaaten 1993-2004

1 Einleitung

“Wir werden den illegalen Auswanderungsstrom der Emigranten nicht reduzieren können, solange diese Emigranten keine angemessene Stelle zu angemessenen Tageslöhnen in Mexiko gefunden haben. Unsere besten Chancen, diese illegale Auswanderung zu reduzieren, liegen in einem erhöhten und starken wirtschaftlichen Wachstum Mexikos.” So lautete die offizielle Stellungnahme der US-amerikanischen Justizministerin Janet Reno im Jahr 1993 zu den er­hofften Auswirkungen des Freihandelsabkommens unter dem Namen North American Free Trade Arrangement (NAFTA) auf den mexikanischen Einwanderungsstrom in die USA.

Wie die Geschichte zeigt, kann eine Freihandelszone, wie die am 1. Januar 1994 zwischen Mexiko, Kanada und den USA in Kraft getretene NAFTA, die Arbeitsmarktsituationen in den Mitgliedsländern verändern und dadurch legale und illegale Migrationsbewegungen beein­flussen.

Ein gutes Beispiel für die Umgestaltung der Wanderungsströme durch wirtschaftliche Integra­tion lieferte die Europäische Wirtschaftsgemeinschaft (EWG). Länder wie Italien und Spa­nien, die in den siebziger und achtziger Jahren noch einen Großteil der Gastarbeiter in Deutschland stellten, wandelten sich von einem Auswanderungsland in ein Einwanderungs­land. Der Grundstein für den Rückgang der Auswanderungsströme wurde durch die Einbin­dung in den europäischen Binnenmarkt mit dem Abbau der Handelsbarrieren gelegt. Neben den Entwicklungsunterschieden, die zwischen Italien und Deutschland herrschten, war Deutschland in den siebziger und achtziger Jahren ein attraktiver Anziehungspunkt wegen seines enormen Bedarfs an Arbeitskräften. Diese Situation wandelte sich für Italien und Spa­nien mit dem durch die Einbindung in die EWG hervorgerufenen Wachstum, so dass vorhan­dene Migrationsanreize wie zum Beispiel Einkommensunterschiede gemindert wurden.

In der historischen Entwicklung der Migrationsbeziehungen zwischen Mexiko und den USA lassen sich vergleichbare Ursachen der Migration nachvollziehen. Neben den vorherrschen­den Entwicklungsunterschieden zwischen den betrachteten Ländern, begannen die USA in den zwanziger Jahren des letzten Jahrhunderts, mexikanische Arbeitskräfte für den Einsatz in der Landwirtschaft im Wege von Gastarbeiterprogrammen ins Land zu holen. Mexiko wurde unabhängig vom Status seiner Auswanderer als legale oder illegale Migranten zu einer be­gehrten Quelle für preiswerte Arbeitskraft. Der mexikanische Anteil innerhalb der Migrati­onsströme löste zunehmend den europäischen Anteil ab. Im Laufe der Zeit entwickelte sich Mexiko zum größten Entsendungsland für Migranten in die USA. Die mexikanischen Migran- ten avancierten zur größten Minderheit, wobei sich der Anstieg der Wanderungsbewegung neben der legalen insbesondere auch in der illegalen Einwanderung niederschlug. An dieser Stelle - bei der illegalen Einwanderung - endet die Vergleichbarkit mit der spanischen und italienischen Migration nach Deutschland, doch gibt es eine weitere Parallele zwischen den beiden Migrationsbewegungen. Der Großteil des Verdienstes der Migranten floss hauptsäch­lich in Form von Geldüberweisungen (Remittances) in ihr Herkunftsland. Für Mexiko sind diese Geldüberweisungen heute noch von großer Bedeutung, weil sie Deviseneinkünfte dar­stellen und die Entwicklung einzelner Regionen vorantreiben können. In Anbetracht der posi­tiven Entwicklung für Italien stellt sich die Frage, ob und wie durch NAFTA bereits beste­hende Wirtschaftsstrukturen, die den mexikanischen-US-amerikanischen Migrationsstrom beeinflussen, auf beiden Seiten bis dato verändert wurden und für die Zukunft verändert wer­den. Im Mittelpunkt dieser Arbeit steht daher die Untersuchung, ob und wie NAFTA den me­xikanischen Strom an legalen und illegalen Arbeitern in die USA reduziert oder gar erhöht hat.

Daher werden zuerst die grundsätzlich für Migration geltenden Determinanten dargestellt (Kapitel 2). Dazu werden im ersten Teil die wichtigsten Theorien der internationalen Migrati­on vorgestellt. Sie liefern Erklärungsansätze für die Auslöser von Migrationsströmen sowie für deren Aufrechterhaltung. Im zweiten Teil werden Beiträge dargestellt, die sich mit dem Einfluss von Freihandel auf die Migration beschäftigen. Besonders hervorgetan haben sich dabei Philip Martin und Wayne A. Cornelius, die für den kurz- und mittelfristigen Zeitraum nach Einrichtung einer Freihandelszone zunächst eine Erhöhung der Migrationsströme und langfristig einen folgenden Rückgang derselben vorhersagen. Anschließend werden der NAFTA-Vertrag und seine Inhalte vorgestellt (Kapitel 3), ebenso die damit verbundenen Zie­le und Hoffnungen sowie die arbeitsmarktbezogene Kontroverse, die die Verhandlungen und die Ratifizierung des Freihandelsabkommens begleitet hat.

Im Folgenden werden die Auswirkungen von NAFTA auf Mexiko und die USA betrachtet und die damit zusammenhängende Entwicklung der Migration. Dazu wird in Kapitel 4 der Einfluss von NAFTA auf die Migrationsdeterminanten in den USA herausgearbeitet. Dabei werden zuerst die Entwicklungen auf der makroökonomischen Ebene betrachtet. Am Beispiel Kaliforniens wird der Einfluss von NAFTA auf den Arbeitsmarkt dargestellt, gefolgt von ei­ner Gesamtbetrachtung des US-amerikanischen Arbeitsmarktes nach dem In-Kraft-Treten von

NAFTA. Das Kapitel schließt mit einem Zwischenfazit zu den Veränderungen der Migrati­onsdeterminanten in den USA seit dem In-Kraft-Treten von NAFTA.

In Kapitel 5 wird die Situation in Mexiko betrachtet, wobei zur makroökonomischen Entwick­lung die Pesokrise dargelegt wird. Die Auswirkungen von NAFTA auf die für die Migration entscheidenden Faktoren Löhne und Beschäftigung in Mexiko werden untersucht. Dabei wer­den die für die mexikanische Wirtschaft wichtigen Sektoren, die Maquiladora-Industrie und die Landwirtschaft, vertieft betrachtet. Dieses Kapitel endet mit einem Zwischenfazit zu den Veränderungen der in Mexiko wirkenden Migrationsdeterminanten seit dem In-Kraft-Treten von NAFTA.

Im Schlusswort folgen eine Zusammenfassung der einzelnen Erkenntnisse und ein Fazit, ob und wie NAFTA die Hoffnungen der beteiligten Handelspartnerländer erfüllt hat, insbesonde­re ob NAFTA die Migration zwischen Mexiko und den USA positiv oder negativ beeinflusst hat.

2 Die Determinanten der Migration

In diesem Kapitel werden die theoretischen Grundlagen für die Untersuchung gelegt. Im Ab­schnitt 2.1 folgt eine migrationstheoretische Einbettung des Themas anhand der Theorien zur internationalen Migration. Eine Darstellung der zu den Auswirkungen von Freihandel auf die Migration schließt sich im Abschnitt 2.2 an.

2.1 Theorien zur internationalen Migration

Migration (Wanderung) ist ein sehr weitgreifender Begriff. Dem entsprechend ist eine alles umfassende Definition dieses komplexen Phänomens in der Migrationsforschung nicht zu finden. Daher wird zum Zweck der wissenschaftlichen Untersuchung von Migrationsent­wicklungen eine Typisierung des Begriffes anhand der folgenden vier Kriterien vorgenom­men: Raum, Zeit, Kausalität und Rechtslage. Bei der Betrachtung des Kriteriums Raum wer­den zwei Migrationsarten unterschieden: Während der Begriff der Binnenmigration die Wan­derung innerhalb eines Landes bezeichnet, wird von internationaler Migration gesprochen, sobald Ländergrenzen überquert werden. Dabei wird zwischen Immigration (Einwanderung) in das Zielland und Emigration (Auswanderung) aus dem Herkunftsland unterschieden.[1] Die zeitlichen Faktoren liefern eine Dreiteilung der Migration: Zirkulation (Berufspendler, Tou­rismus), nicht permanente beziehungsweise temporäre Migration (Saisonarbeit, Gastarbeiter) und permanente Migration (Auswanderung). Die zwei letztgenannten Migrationsformen ha­ben den Wechsel des Wohn- und Lebensraumes gemeinsam. Bei der Anwendung kausaler Faktoren gilt grundlegend, dass die Erwartungen und/oder Bedürfnisse der Migranten im Ent­sendungsland nicht erfüllt werden. Drastische Beispiele sind Krisen- und Kriegssituationen, die die physische Existenzsicherheit bedrohen, sowie politische Verfolgung und religiöse Diskriminierung. Unter solchen Umständen wird der Begriff der unfreiwilligen oder auch er­zwungenen Migration verwendet. Freiwillige Migration dagegen beschreibt die Wanderung, die von den betroffenen Menschen aus freien Stücken vollzogen wird. Dabei wird auch die von wirtschaftlichen Bedürfnissen motivierte Migration oft als freiwillige Wanderung be- zeichnet.[2] Ein weiterer Aspekt, der in den letzten Jahren an Bedeutung gewonnen hat, bezieht sich auf den gesetzlichen Status der Migranten im Zielland. Dabei wird zwischen legaler und illegaler Wanderung unterschieden. Illegale Einwanderung liegt vor, wenn bei der Überque­rung der Ländergrenze (internationale Migration) gegen das Einwanderungsgesetz des Ziel­landes verstoßen wird. Bei der legalen Einwanderung sind die Einreise und der Aufenthalt im Zielland gesetzlich gestattet.[3] Die dargestellten Einteilungen dienen der Vereinfachung, je­doch überschneiden sie sich in der Realität, wie am Beispiel der illegalen Immigration, bei der räumliche und gesetzliche Kriterien zusammenwirken, deutlich wird. Die vorliegende Arbeit untersucht die Migrationsvariante der internationalen Arbeitsmigration, also die Auswande­rung in ein fremdes Land zum Zweck der Arbeitsfindung und/oder Verbesserung der Ein­kommenssituation. In der Regel findet diese Art von Wanderung von einem industriell unter­entwickelten Land in ein Industrieland statt, in der vorliegenden Untersuchung insbesondere die Migration mexikanischer Staatsbürger in die USA. Im Anschluss folgt ein Überblick über diejenigen Theorien zur Migration, die auf internationale Wanderungsströme anwendbar sind. Das Ziel dabei ist, die Determinanten herauszuarbeiten, die Migration beeinflussen.[4]

2.1.1 Die Neoklassische Theorie

Die klassische Theorie nach Adam Smith erklärt den Urbanisierungsprozess im Zuge der In­dustrialisierung und die damit verbundene Arbeitsmigration. Zwar verfolgte der Ansatz ur­sprünglich nicht das Ziel, das internationale Migrationsphänomen zu untersuchen, er liefert jedoch einen ersten Einblick in migrationsauslösende Faktoren. Ausgangspunkt der Migrati­onsentscheidung sind die bestehenden Lohnunterschiede zwischen Sender- und Empfänger­land, die den Migranten veranlassen, dort hinzugehen, wo er seinen Nutzen über das Ein­kommen maximieren kann.

Der neoklassische Ansatz wird in zwei Modellen verfeinert. Im mikroökonomischen Modell steht das individuelle Kosten-Nutzen-Kalkül im Vordergrund. Ausgehend vom Humankapi­talansatz von Larry A. Sjaastad (1962) wird die internationale Migration als eine langfristige Investition in das Humankapital betrachtet, die sich im Laufe der Zeit amortisiert. Der abdis­kontierte Einkommensgewinn des Migranten entsteht durch die Differenz zwischen den er­warteten Einkommen im Ziel- und Herkunftsland. Der Humankapital-Bestand des Indivi­duums beeinflusst die Entlohnung und die Beschäftigungswahrscheinlichkeit. Produktivität ist in diesem Ansatz mit Humankapital gleich zu setzen, ihr Anstieg geht mit einer höheren Ent­lohnung einher. Reduziert wird der Einkommensgewinn durch die Mobilitätskosten. Sie um­fassen die Transportkosten vom Herkunfts- zum Zielort, die Unterkunftskosten am Zielort und auch die psychische Belastung, Freunde und Familie verlassen zu müssen.[3] Bei der illega­len Migration kommen noch Kosten hinzu, die durch die physische Belastung der Grenzüber­querung und die Bezahlung von Grenzschleppern, so genannten Coyote, erzeugt werden.[4] Folglich steigt die Migrationswahrscheinlichkeit „...je höher die Einkünfte im Zielland im Vergleich zu den jetzigen Einkommen im Herkunftsland, je kleiner die Wanderungskosten sind, je mehr Jahre im Erwerbsleben noch verbracht werden müssen.“[5] Bereits im Zielland ansässige Migranten aus dem gleichen Herkunftsland stellen einen Kosten reduzierenden Fak­tor dar. Sie können die psychische Belastung lindern, fern der Heimat zu sein. Eine vertiefen­de Darstellung hierzu folgt im Abschnitt 2.1.5.

Die internationale Arbeitsmigration hört dann auf, wenn die Einkommensgewinne der Migra­tion die Migrationskosten ausgleichen, der Nettomigrationsgewinn folglich den Wert Null an- nimmt.[6]

Das Roy-Modell analysiert die Zusammensetzung der Immigranten nach dem Humankapital. Es nimmt an, dass das Einkommen nur von ihren Fähigkeiten und Kenntnissen abhängt, die in vollem Umfang auf den ausländischen Arbeitsmarkt übertragbar sind. Gleichzeitig werden Mobilitätskosten im Roy-Modell ausgeschlossen. Demnach wird die Migrationsentscheidung vom Einkommensvergleich bestimmt und führt zu einer Selbstselektion. Dabei wird zwischen positiver Selektion (qualifizierte Arbeitnehmer) und negativer Selektion (ungelernte und nied­rig qualifizierte Arbeitnehmer) unterschieden. Positive Selektion liegt demnach vor, wenn Migranten mit hohem Humankapital-Bestand auswandern, da sie gemäß ihrer Bildung im Ausland besser bezahlt werden als in ihrem Herkunftsland. Negative Selektion liegt vor, wenn im Entsendungsland die Entlohnung für hohes Humankapital die des Empfängerlandes über­steigt, so dass hauptsächlich Menschen mit einem niedrigen Humankapital-Bestand immigrie­ren. Wichtiger Ausgangspunkt für diese Betrachtung ist die Einkommensverteilung bezie­hungsweise der Entwicklungsstand im Herkunftsland. In Ländern mit ausgeglichener Ein­kommensverteilung gilt relativ gleiche Entlohnung für qualifizierte und ungelernte Arbeit­nehmer. Gründe hierfür liegen in staatlichen Maßnahmen wie der Besteuerung von Qualifizie­rung und der Arbeitslosenversicherung für ungelernte Arbeitnehmer. In solchen Ländern tritt das als Brain Drain bekannte Phänomen auf: besonders gebildete Menschen wie beispielswei­se Akademiker verlassen das Land, weil sie im Empfängerland eine höhere Entlohnung für ihr Bildungsniveau erhalten, womit ihr Humankapital abwandert. Das Gegenteil gilt für Länder mit ungleicher Einkommensverteilung. Aus diesen wandern hauptsächlich niedrig qualifizier­te oder ungelernte Arbeitskräfte aus. Folglich lässt die Zusammensetzung der Immigrations­ströme im Zielland Rückschlüsse auf den Entwicklungsstand des Herkunftsgebietes zu.[7]

Der neoklassische Ansatz erklärt aus makroökonomischer Sicht die Lohnunterschiede mit der unterschiedlichen Ausstattung der Produktionsfaktoren Arbeit und Kapital in den jeweiligen Ländern.[8] Das Land mit relativ großer Ausstattung an Arbeitskräften im Verhältnis zum Ka­pital zeichnet sich durch ein niedriges Lohnniveau aus, ist also arbeitsreich und kapitalarm.

Das andere Land weist ein hohes Lohnniveau auf, weil es in Relation zum Kapital mit einem geringeren Arbeitskräfteangebot ausgestattet ist, also arbeitsarm und kapitalreich ist. Auf die­se beiden Länderkonstellationen bezogen gilt das Gegenteil für die Entlohnung des Faktors Kapital, das Zinsniveau. Das kapitalreiche Land verfügt über ein niedriges Zinsniveau, wäh­rend das kapitalarme Land ein hohes Zinsniveau aufweist. Dementsprechend wandern Ar­beitskräfte vom (arbeitsreichen) Niedriglohnland in das (arbeitsarme) Hochlohnland, während Kapital (Investitionen) vom (kapitalreichen) Niedrigzinsland ins (kapitalarme) Hochzinsland fließt. Wird der Faktor Kapital um Humankapital erweitert, resultiert daraus eine gegenläufige Parallelbewegung der Migrationsströme von hoch qualifizierten Arbeitnehmern einerseits und niedrig qualifizierten beziehungsweise ungelernten Arbeitnehmern andererseits. Sobald die Lohnunterschiede verschwinden, kommt aus makroökonomischer Sicht die Auswanderung aus den jeweiligen Senderländern zum Erliegen. Daraus schlussfolgernd kann die Kontrolle von Migrationsströmen durch die Regulierung der Arbeitsmärkte in Sender- und/oder Emp­fängerland erreicht werden. Beispiele für solche Regulierungsmaßnahmen sind unter anderem die Erhöhung der Beschäftigungswahrscheinlichkeit im Herkunftsland oder Sanktionen gegen Arbeitgeber im Zielland, die wissentlich illegale Migranten einstellen. Außerdem können langfristige Entwicklungsprogramme die Einkommen im Herkunftsland erhöhen.

Dem neoklassischen Modell zufolge ist der Schlüsselfaktor, der die Migration zwischen Me­xiko und den USA erklärt, der bestehende Lohnunterschied zwischen den beiden Ländern.[9]

2.1.2 Die neue Migrationsökonomik

Die Theorie der neuen Migrationsökonomik entfernt sich von der individuellen Sichtweise und betrachtet die Migrationsentscheidung als eine Gruppenentscheidung (Familie), genauer als eine Entscheidung des Haushaltes, d.h. aller im Haushalt lebenden Individuen. Dieser Theorieansatz geht davon aus, dass das Entsendungsland keine oder nur schlecht funktionie­rende Kapitalmärkte und Versicherungsmärkte hat.[10] Daher ist das Ziel der Migranten, neben der Einkommensmaximierung auch die Risikodiversifizierung des Familieneinkommens zu erreichen, indem das entsandte Familienmitglied Einkommensüberweisungen tätigt.[11] Die Hauptrisiken in Mexiko, die das Familieneinkommen bedrohen, sind Zinsvolatilitäten, Preis­inflation und die Entwertung der mexikanischen Währung.[12] Diese Risiken können deutlich verringert werden, wenn die Überweisungen in Dollar stattfinden, zumal der Dollar oft eine Schattenwährung im Entsendungsland darstellt. Die Unvollkommenheit der Märkte im Ent­sendungsland ist der Auslöser für die internationale Arbeitsmigration.

Neben der Nutzenmaximierung durch das absolute Einkommen ist ein zusätzlicher Ansatz­punkt in der Neuen Migrationsökonomik die Reduzierung der Deprivation. Unter dem Begriff der Deprivation versteht man im engeren Sinne den Nutzenverlust durch das Nichthaben eines Gutes. Die Deprivationsverlustfunktion unterscheidet sich von der Nutzenfunktion in den fol­genden zwei Punkten: zum einen wird eine Referenzgruppe eingeführt, also eine Vergleichs­gruppe, an der sich der Haushalt misst. Zum anderen ist der Grenznutzen des Einkommens jetzt außerdem abhängig von dem relativen Einkommen der anderen Haushalte in der Refe­renzgruppe. Gemäß der Theorie schicken die Haushalte ihre Familienmitglieder nicht nur ins Ausland, um ihr Einkommen in absoluten Werten zu verbessern, sondern auch um ihr Ein­kommen im Verhältnis zu anderen Haushalten zu erhöhen.[13] Somit berücksichtigt die Theorie also neben dem Einkommen des Migranten auch dessen Position, die er/sie in der Referenz­gruppe im Entsendungsland einnimmt. Folglich sind weitere Auslöser der internationalen Mi­gration die im Entsendungsland bestehenden Einkommensunterschiede. Soweit sich diese ver­tiefen, steigt der Anreiz zur Wanderung. „Regelungen und ökonomische Entwicklungen, die die Einkommensverteilung im Sendungsgebiet beeinflussen, wirken sich auf die relative De­privation der Haushalte aus und somit auf die Anreize zur Migration. Regelungen und öko­nomische Entwicklungen, die ein höheres Durchschnittseinkommen in Auswanderungsländern hervorrufen, können sogar die Emigration verstärken, sofern relativ arme Haushalte nicht an diesem Einkommenszuwachs teilhaben.“[14] Höhere Durchschnittseinkommen können aber auch aus den ausländischen Einkommensüberweisungen resultieren. Dementsprechend verstärkt die internationale Migration also die relative Deprivation und hält die Wanderung aus den Re­ferenzgruppen aufrecht. Sobald die Mehrheit der Haushalte ein oder mehrere Familienmit- glieder als Arbeitsmigranten vorweisen kann, geht nach dieser Theorie die Wanderungsbewe­gung zurück.[15]

2.1.3 Das Gravitationsmodell und der Push-Pull-Ansatz

Eine der ersten makrotheoretischen Grundlagen für das Push-Pull-Modell liefert Ernest George Ravenstein (1885) mit der Veröffentlichung „Gesetze der Migration“, die auf einer empirischen Studie über das Migrationsverhalten zwischen Schottland und Irland und dem Königreich England und Wales seit 1840 beruht.[16]. Sie besagt, dass die Mehrheit der Wande­rungsvorgänge über kurze Strecken erfolgt. Migranten, die längere Entfernungen zurücklegen müssen, bevorzugen als Zielorte große Industrie- und Handelsstädte. Mit der Verbesserung und Weiterentwicklung des Transportwesens steigt also das Migrationsvolumen. Diese Er­kenntnisse wurden in das klassische Gravitationsmodell überführt. Dessen Kernaussagen beinhalten, dass die Migrationsströme mit der Bevölkerungsanzahl in beiden Ländern steigen und mit der Distanz zwischen den Ländern fallen. Die Migranten assoziieren mit dem Bevöl­kerungsanstieg im Zielland höhere Standortattraktivität und besseren Chancen. Für das Ent­sendungsland gilt, dass mit Anstieg der Bevölkerung das Abwanderungspotential steigt.[17] Der Ansatz wurde um ökonomische Aspekte wie den des unterschiedlichen Lohn- und Einkom­mensniveaus erweitert. In das Gravitationsmodell von Ira S. Lowry (1966)[18] werden als zu­sätzliche Faktoren die Arbeitslosigkeit und die Anzahl der Beschäftigten in bestimmten Sek­toren außerhalb der Landwirtschaft einbezogen. Wenn die Arbeitslosenquote im Herkunfts­land hoch ist, wirkt sie abstoßend (Pushfaktor). Im Zielland wirkt dementsprechend eine nied­rige Arbeitslosenquote anziehend (Pullfaktor).

Der Push-Pull-Ansatz erklärt folglich das Zustandekommen der internationalen Migration mit dem Zusammenspiel von Pushfaktoren (Arbeitslosigkeit, niedriges Lohnniveau, Armut) im Entsendungsland und Pullfaktoren (Beschäftigung, höhere Gehälter und soziale Sicherheit) im Empfängerland. Hiermit kann jedoch nicht nur Arbeitsmigration erklärt werden. Denn dieser Ansatz erkennt an, dass die internationale Wanderung nicht nur ausschließlich von wirtschaft­lichen Faktoren bedingt wird, und erweitert infolgedessen den Faktorenkatalog um soziale und politische Aspekte. (Bildungssystem, Gesundheitssystem, politische Sicherheit, Chancen für den sozialen Aufstieg).[19]

2.1.4 Die Duale Arbeitsmarkttheorie

Die Duale Arbeitsmarkttheorie[20], deren stärkster Vertreter Michael J. Piore (1979)[21] ist, erklärt die Migration vor allem mit der Nachfrage im Empfängerland. Der Arbeitsmarkt im Empfän­gerland wird zum einen in einen sicheren primären kapitalintensiven Primärsektor für qualifi­zierte Tätigkeiten mit guter Bezahlung und guten Arbeitsbedingungen (beispielsweise Ge­werkschaftsorganisation, Abfindung bei Entlassung) und zum anderen in einen instabilen ar­beitsintensiven Sekundärsektor für gering qualifizierte beziehungsweise ungelernte Tätigkei­ten mit niedrigen Löhnen und schlechten Arbeitsbedingungen (beispielsweise Beschäfti­gungsunsicherheit) segmentiert.[22]

Die Nachfrage (Pullfaktor) nach Arbeitern für den letztgenannten Sektor wird vor allem durch Immigranten bedient, weil sie im Empfängerland selbst nicht bedient werden kann. Die inlän­dischen Arbeitnehmer betrachten die Arbeit nicht nur als Einkommensquelle, sondern verbin­den sie mit Prestige und sozialem Status. Eine Beschäftigung am unteren Ende der Beschäfti­gungshierarchie ist daher für die Inländer gleichbedeutend mit dem Verlust von beruflichen Aufstiegsmöglichkeiten sowie sozialem Ansehen. Eine höhere Entlohnung könnte den Verlust kompensieren und den Bedarf nach ausländischen Arbeitskräften reduzieren. Jedoch bestehen für die Arbeitgeber keine Anreize, diese Tätigkeiten besser zu bezahlen als sie der Produktivi­tät gemäß Wert sind. Also bleiben diese Löhne auf niedrigem Niveau, die Arbeitsgeber halten die Nachfrage nach ausländischen Arbeitern aufrecht. Regierungen, die durch Gastarbeiter­programme den Bedarf an Arbeitskräften befriedigen, handeln im Interesse der Arbeitgeber. Gleichzeitig fördern sie die internationale Migration. Lohnunterschiede zwischen Empfänger­und Senderland spielen in dieser Betrachtung eine sekundäre Rolle. Als Hauptauslöser der internationalen Migration wird der strukturelle Bedarf der Wirtschaft an Niedriglohn­Arbeitnehmern im Empfängerland angesehen, der die Migranten anzieht.[23] Der Theorie zufol­ge kann die internationale Arbeitsmigration nur durch eine Veränderung der wirtschaftlichen Organisation des Arbeitsmarktes im Empfängerland beeinflusst werden. Die Einführung von Kombi-Löhnen könnte beispielsweise niedrige Arbeitslöhne im Inland durch staatliche Trans­ferzahlungen aufstocken und so die inländische Bereitschaft steigern, Tätigkeiten im Sekun­därsektor anzunehmen.

Wayne A. Cornelius und Enrico A. Marcelli (2001)verweisen auf die nach Michael J. Piore (1979) wichtige Unterscheidung zwischen Gastarbeitern und Immigranten, die sich im Emp­fängerland niederlassen. Legale Gastarbeiter zeichnen sich durch eine zeitlich begrenzte Auf­enthaltsdauer im Empfängerland aus. Sobald eine bestimmte Einkommensmenge akkumuliert wird, kehren sie in das Entsendungsland zurück. Immigranten dagegen lassen sich für einen unbegrenzten Zeitraum im Empfängerland nieder. Diese Unterscheidung ist notwendig, weil anzunehmen ist, dass die Immigranten stärkere wirtschaftliche Effekte auf das Empfängerland haben als Gastarbeiter.[24]

Bei der Betrachtung der Immigrationskosten und -gewinne nach George J. Borjas (2005)[25] rückt die Humankapitalausstattung der Immigranten in den Mittelpunkt. Die inländischen niedrig qualifizierten und ungelernten Arbeitnehmer gelten danach als Verlierer, weil sie sich den Arbeitsmarkt mit den Immigranten teilen müssen. Durch den Anstieg des Arbeiterange­botes fallen die Löhne. Die einheimischen Steuerzahler zählen ebenfalls zu den Verlierern. In der aggregierten Betrachtung übersteigt die Nutzung sozialer Leistungen durch die niedrig qualifizierten und ungelernten Immigranten ihre Steuereinzahlungen. Die Regierung reagiert auf die daraus resultierende Steuerbelastung wiederum mit der Erhöhung der inländischen Steuern. Die Inländer tragen quasi Kosten in Form von zusätzlichen Steuern. Als Gewinner werden die inländischen Arbeitgeber betrachtet, die von den niedrigen Löhnen profitieren.[26]

Die bisher dargestellten Determinanten können Migration auslösen und aufrechterhalten, so lange sie fortbestehen. Es folgt nun zunächst ein zusammenfassender Überblick über die bis­herigen Migrationstheorien und deren Einflussfaktoren. Im Anschluss daran folgt eine Dar­stellung der Netzwerktheorie, die sich insbesondere mit den Fragen befasst, wie und warum bereits bestehende Migrationsströme aufrechterhalten werden.[27]

Tabelle 1: Zusammenfassender Überblick über die Migrationstheorien und die Einflussfakto-ren

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: eigene Erstellung (2007).

2.1.5 Die Netzwerktheorie

Die Netzwerktheorie setzt an den familiären und freundschaftlichen Verbindungen an, die zwischen Migranten, ehemaligen Migranten und Nicht-Migranten bestehen. Diese Netzwerk­verbindungen reduzieren die Kosten und Risiken der Migration, weil sie beispielsweise In­formationen über Beschäftigungs- und Unterkunftsmöglichkeiten im Empfängerland sowie über relativ sichere Grenzübergänge bei illegaler Migration vermitteln. Damit erhöhen sie die Migrationswahrscheinlichkeit in den Sendegebieten.[28] Folglich reduzieren diese Netzwerke die Unsicherheit beziehungsweise verwandeln eine Entscheidung unter Risiko in eine Entschei­dung unter Unsicherheit. Sowohl monetäre (Umzugskosten) als auch nichtmonetäre Verluste (Familienbande etc.) werden gesenkt, womit die Erfolgswahrscheinlichkeit der Migration steigt.

Demzufolge werden die Migrationsströme weniger von Lohnunterschieden und Beschäfti­gungsraten beeinflusst, da sie über die Zeit von den positiven Effekten der Netzwerkverbin­dungen übertroffen werden. Dies erschwert die Einflussnahme der jeweiligen Regierungen auf die Immigrationsströme und deren Volumen, insbesondere die der Illegalen, da monetäre Anreize nur begrenzt wirken. Die Auswirkungen solcher Netzwerke werden durch politische Maßnahmen, die die Familienzusammenführung im Empfängerland gewähren, sogar ver- stärkt.[29]

2.2 Handel und der Migrationsbuckel

Im Modell vom Migrationsbuckel fassen erstmal Philip Martin und Wayne A. Cornelius (1993) ihre Untersuchungen zu den möglichen Auswirkungen der NAFTA-Freihandelszone auf die Landwirtschaft Mexikos und der USA zusammen und prognostizieren mit Hilfe des Modells die daraus resultierenden Auswirkungen auf die Migrationsströme zwischen den bei­den Ländern. Die Fokussierung ihrer Untersuchungen auf den landwirtschaftlichen Sektor be­gründet sie damit, dass die meisten der in den USA lebenden Mexikaner aus ländlichen Ge­bieten Mexikos stammen.[30] Zur Aufstellung des Modells wurden Bestandteile der bisher dar­gestellten Theorien vereinigt und folgende Prognosen aufgestellt: durch wirtschaftliche Integ­ration und durch Freihandel zwischen Sender- und Empfängerland steigen Migrationsströme zunächst kurz- und mittelfristig an, langfristig gehen sie dann zurück. Allgemein müssen hier­für folgende Voraussetzungen erfüllt sein: bestehende Migrationsbeziehungen zwischen den betrachteten Ländern - in der vorliegenden Arbeit: Mexiko und USA -, fortbestehende De- mand-Pullfaktoren im Empfängerland, ansteigende Supply-Pushfaktoren im Senderland und bestehende Netzwerke.[31]

Es folgt eine graphische Darstellung des Migrationsbuckels und seiner prognostizierten Ver­änderung im Laufe der Zeit.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: Martin, Philip (2004), S. 2.

Die Gerade stellt den Status quo des Migrationsflusses zwischen Herkunfts- und Zielland oh­ne Freihandel dar. Die Kurve beschreibt die Entwicklung des Migrationsvolumens über die Zeit mit Freihandel. Die Fläche A stellt die zusätzliche Migration mit Freihandel dar, den so genannten Migrationsbuckel. Im Punkt B erreicht das Migrationsvolumen mit Freihandel nach fünfzehn Jahren das gleiche Niveau wie ohne Freihandel. Die verhinderte Migration durch Freihandel wird durch die Fläche C dargestellt. Nach dreißig Jahren wandelt sich das Arbeit exportierende Land in einen Arbeitsnettoimporteur, dargestellt durch die Fläche D.[32] In diesem Zusammenhang muss erwähnt werden, dass Philip Martin im Jahr 2003 das zehn Jahre zuvor aufgestellte Modell hinsichtlich der Dauer des Migrationsbuckels modifiziert hat. Zunächst wurde der Rückgang der Migrationsströme nach sechs Jahren prognostiziert; nach einer späte­ren Modifizierung ist der Rückgang gemäß der obigen Zeichnung erst nach15 Jahren anzu­nehmen.[33] Gründe für den langfristigen Rückgang der Migration liegen im wirtschaftlichen

Wachstum, das mehr Arbeitsplätze schafft und mit einem Anstieg der Entlohnung einhergeht, in Kombination mit weniger Arbeitnehmern aufgrund der demographischen Entwicklung in Mexiko.[34]

Es folgt jetzt die theoretische Erklärung für den Migrationsbuckel.

Als Ausgangspunkt dient das Heckscher-Ohlin-Samuelson Modell[35], wonach Handel und der Faktor Arbeit (=Migration) kurz- und langfristig Substitute darstellen. [36] Jedes der zwei Länder spezialisiert sich auf die Produktion desjenigen Exportgutes, mit dem es seinen komparativen Kostenvorteil realisiert. Im Freihandelsszenario ohne internationale Faktormobilität gleichen sich die Faktorpreise durch Güterpreise zwischen den Länder an und Lohnunterschiede ver­schwinden. Im Szenario mit Protektionismus und internationaler Faktormobilität gilt, dass durch die Angleichung der Faktorpreise die Güterpreise angeglichen werden. In beiden Vari­anten sind der Handel und der Faktor Arbeit (=Migration) perfekte Substitute. Es folgen jetzt Beispiele, wie durch die Lockerung einzelner Annahmen der Faktor Arbeit (=Migration) und der Handel Komplemente sind.

1. Beide Länder verfügen über die gleichen relativen Faktorausstattungen, unterscheiden sich jedoch in ihrer Technologie (Produktivität) bei der Produktion eines Gutes. Im Autar­kiezustand verfügt das produktivere Land (LH) im Vergleich zum weniger produktiven Land (Lf) über ein höheres relatives Faktorpreisverhältnis (w/r in LH > w/r in LF (8)). Kommt es jetzt zum Freihandel „country H will export good x and import good y untilp is equalized between the two countries. The free trade price ratio must lie between pH and pF. Therefore the output ratios will become more divergent, Hence, the post-trade factor price ratios (w/r) will grow even more divergently than in (8): in country H, which increases its relative output of the labor-intensive good (x), labor will become even more expensive than capital, compared to the pre-trade situation.”[37] Unter Bezugnahme auf das Rybczynsik-Theorem[38] und die freie Faktormobilität wird der Export des Gutes x in LH noch weiter steigen. Handel und der Faktor Arbeit sind Komplemente, weil sie sich ge­genseitig verstärken.[39]

2. Wenn sich die Länder in ihrer Größe aber nicht in ihrer Faktorausstattung unterscheiden und Economies of Scale in der Produktion des arbeitsintensiven Gutes x bestehen, zeigt James R. Markusen (1983), dass das größere Land das Gut x exportieren wird. Unter die­sen Voraussetzungen erfolgt die gleiche Kausalkette wie unter Beispiel 1 mit Berücksich­tigung des Rybczynsik-Theorems. Handel und Faktor Arbeit verstärken sich abermals ge- genseitig.[40]

3. Eine weitere Annahme ist „that adjustments to changing prices and wages are instantaneous, and the process of adjustment does not affect the comparative-static equilibrium" Der Liberalisierungsprozess bringt die Löhne zwischen den betrachteten Ländern nicht unmittelbar in Einklang. Im arbeitsreichen Land kommt es zu einer verzö­gerten Bewegung des Faktors Arbeit zwischen den Produktionssektoren der zwei Güter. Der Produktionssektor, der vom Export profitiert, schafft nicht umgehend genügend Ar­beitsplätze, um den Faktor Arbeit aus dem anderen Produktionssektor aufzunehmen. Der Faktor Arbeit ist mobil und wandert ins kapitalreiche Land. Handel und Faktor Arbeit sind Komplemente.[41]

4. Robert C. Feenestra und Gordon H. Hanson (1995) entwickeln ein an den Heckscher- Ohlin-Mechanismen ausgerichtetes Modell. Dabei erweitern sie den Faktor Arbeit um die Qualifikation „ungelernt“ oder „qualifiziert“ und heben die Faktorimmobilität des Kapi­tals und der Arbeit auf. Es kommt zu einer Ausrichtung der Exportstruktur nach den kom­parativen Kostenvorteilen; zusätzlich tätigt das kapitalreiche und arbeitsarme Land aus­ländische Direktinvestitionen (ADI) im kapitalarmen und arbeitsreichen Land. In Kombi­nation mit den qualifizierten Arbeitnehmern im Zielland der ADI (=Entsendungsland der qualifizierten und ungelernten Migranten) ergibt sich eine gewinnträchtige Produktion. Die qualifizierten Arbeitnehmer profitieren von der Liberalisierung und ihre Löhne stei­gen, die Löhne der ungelernten Arbeitnehmer steigen dagegen nicht. Die Lohnspreizung im Entsendungsland steigt und damit der Migrationsanreiz der ungelernten Arbeitnehmer, während dieser für qualifizierte Arbeitnehmer zurückgeht. Handel und FDI verstärken die Migration der ungelernten Arbeitnehmer.[42]

Die obigen theoretischen Ausführungen zeigen, dass Teile der Migrationsströme erst langfristig zurückgehen, kurz- bis mittelfristig jedoch steigen, „especially if the countries being integrated have income gaps of five or more, that is, average per capita income in one country is four or five times higher than in the other; if there are established migration networks between; and if supply-push emigration pressures increase as a result of economic restructuring“.[43]

Hiermit schließt der theoretische Beitrag zu den Auswirkungen des Freihandels auf das Mi­grationsvolumen. Es folgt nun der Beitrag zum NAFTA-Abkommen.

3 NAFTA - Vertrag, Kontroverse, Motivation

In diesem Abschnitt wird der Inhalt des Freihandelsabkommens NAFTA (North American Free Trade Agreement) zwischen USA, Kanada und Mexiko vorgestellt. Es soll dargestellt werden, wann und aus welchem Anlass die NAFTA gegründet wurde, welchen Kontroversen das Abkommen ausgesetzt war und warum es doch schließlich unterschrieben wurde. Am En­de des Abschnittes folgt eine Darstellung verschiedener Hypothesen zu den Auswirkungen der NAFTA auf die Migration in Verbindung mit Ergebnissen empirischer Vor-NAFTA- Studien.

Das Abkommen NAFTA etablierte zwischen Mexiko, Kanada und den USA eine Nordameri­kanische Freihandelszone, die am 1. Januar 1994 in Kraft trat. NAFTA ist ein Pionier unter den Freihandelsabkommen, weil ein solches erstmals zwischen Ländern abgeschlossen wurde, die sehr unterschiedliche Entwicklungsniveaus aufweisen. Die hoch industrialisierten Länder USA und Kanada stehen dem Schwellenland Mexiko mit vorwiegend agrarischer Struktur gegenüber. Eine weitere Besonderheit von NAFTA ist der Umfang der Vereinbarungen. Sie umfassen neben den Regelungen zum Abbau von Handelsbarrieren auch Regelungen zur Li­beralisierung von Investitionen und des Dienstleistungssektors.

[...]


[1] Vgl. Münz, Rainer (2002); Fassmann. Heinz (2001).

[2] Vgl. Kröhnert, Steffen (2003).

[3] Vgl. Pflugbeil, Stephan Dirk (2005), S. 9.

[4] Einen guten Überblick mit empirischen Belegen liefern hierzu die Aufsätze von Massey, Douglas S. u.a. (1994) und Massey, Douglas S., Espinosa, Kristin E. (1997).

[5] Detailliert in: Sjaastad, Larry A. (1962).

[6] Für legale Einwanderung ergibt sich das jeweilige Einkommen in den betrachten Ländern sich aus einer Multi­plikation des erwarteten Lohnes mit der Beschäftigungswahrscheinlichkeit. Bei der illegalen Einwanderung fließt die Wahrscheinlichkeit Festnahme und Abschiebung zu vermeiden in die Einkommensberechnung mit ein.

[7] Vgl. Massey, Douglas S. u.a. (1993), S. 434 f.

[8] Vgl. Hanson, Gordon H. (2006), S. 16.

[9] Haug, Sonja (2000), S. 6.

[10] Vgl. Massey, Douglas S. (1993), S. 435.

[11] Vgl. Borjas, George J. (2005), S. 333 f.

[12] Vgl. Massey, Douglas S. (1993), S. 432ff.

[13] Vgl. Massey, Douglas S., Espinosa, Kristin E. (1997), S. 947.

[14] Es folgen Beispiele für die Unvollkommenheit der verschiedenen Märkte. 1. Getreideversicherungsmarkt: Ü­berweisungen sichern gegen Ernteausfälle (=kein Einkommen, keine Lebensmittel) ab oder steigern die Bereit­schaft neue Saat auszuprobieren. 2. Arbeitslosenversicherung: Überweisungen sichern gegen die Verschlechte­rung der lokalen wirtschaftlichen Bedingungen ^Arbeitslosigkeit, kein Einkommen) ab. 3. Kapitalmärkte: Bei einem unzureichenden Finanzsystem existieren nur eine geringe Anlagebereitschaft der Bevölkerung und/oder ein geringer Zugang zu Kapital für mittellose Personen aufgrund zu hoher Zinsen. Migration (=Überweisungen) wird als Mittel gesehen, um Produktivität zu steigern und Konsum zu sichern. Vgl. Massey, Douglas S. u.a. (1993), S. 437 ff.

[15] Vgl. Massey, Douglas S., Espinosa, Kristin E. (1997), S. 953.

[16] Vgl. Massey, Douglas S. u.a. (1993), S. 436.

[17] Vgl. Stark, Oded, Taylor, J. Edward (1989), S. 2ff.

[18] Haug, Sonja (2000), S. 8.

[19] Vgl. Stark, Oded, Taylor, J. Edwards, Yitzhaki, Shlomo (1989), S. 736.

[20] Vgl. Corbett, John (o. J.).

[21] Vgl. Pflugbeil. Stephan Dirk (2005), S. 29 f.

[22] Detailliert in: Lowry, Ira.S. (1966).

[23] Vgl. Kröhnert, Steffen (2003).

[24] Vgl. Mansoor, Ali, Quillin, Bryce (2007), S 77 f.

[25] Die Duale Arbeitsmarkttheorie ignoriert Pushfaktoren im Entsendungsland. Der Ansatz ergänzt die vorherge­henden Theorien in den Kapiteln 2.1 und 2.2, kann sie aber nicht ersetzten, was aus der Logik des Push-Pull- Ansatzes folgt.

[26] Detailliert in: Piore, Michael J. (1979).

[27] Vgl. Massey, Douglas S. u.a. (1994), S. 715.

[28] Vgl. Massey, Douglas S. u.a. (1993), S. 441 f.

[29] Vgl. Marcelli, Enrico A., Cornelius, Wayne A. (2001), S.123.

[30] Detailliert in: Borjas, George J. (2005), S. 338 ff.

[31] Vgl. ebd., sowie Hanson, Gordon H. (2005), S. 4 f, S. 37 f.

[32] Weitere Theorien zur Aufrechterhaltung der Migration sind in den Papers von Haug, Sonja (2000) und Lebhart, Gustav (2002) zu finden.

[33] Vgl. Massey, Douglas S. u.a. (1993), S. 448.

[34] Vgl. ebd.

[35] Vgl. Cornelius, Wayne A. und Martin, Philip (1993).

[36] Vgl. Martin, Philip, (1993) S. 134, sowie Martin, Philip (2005), S. 451 f.

[37] Vgl. Cornelius, Wayne A. (2002), S. 288 f; Martin, Philip (2003), S. 10.

[38] Vgl. Martin, Philip (2003), anders als Martin, Philip (1993).

[39] Vgl. Martin, Philip (2005), S. 450f.

[40] Vgl. Grimwade, Nigel (2000), S. 29 ff.

[41] Vgl. hierzu und zum folgenden Razin, Assaf, Sadka, Efraim (1992), S. 21. Detailliert in: Mundell, Robert A. (1957). Mundell zeigt in seinem an den Heckscher-Ohlin Mechanismen angelehntem Modell wie durch Protekti­onismus mit freier Faktormobilität Lohndifferenzen vergrößert werden. Die Wanderung des Faktors Arbeit wird intensiviert. Sobald Lohnkonvergenz erreicht wird, hört die Migration auf.

[42] Razin, Assaf, Sadka, Efraim (1992), S. 24.

[43] Das Rybczynski-Theorem: Wenn die Faktorausstattung (Arbeit oder Kapital) eines Gutes steigt, dann steigt die Produktion desjenigen Gutes, welches diesen Faktor intensiv nutzt. Vgl. Clemens, Christiane (2005), S.36.

Ende der Leseprobe aus 94 Seiten

Details

Titel
NAFTA und das Migrationsproblem zwischen Mexiko und den Vereinigten Staaten (USA)
Hochschule
Eberhard-Karls-Universität Tübingen  (Wirtschaftspolitik)
Note
2,0
Autor
Jahr
2007
Seiten
94
Katalognummer
V164497
ISBN (eBook)
9783640797578
ISBN (Buch)
9783640797769
Dateigröße
3858 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
NAFTA, Migrationsproblem, Mexiko, Vereinigten, Staaten
Arbeit zitieren
Ksenija Kos (Autor), 2007, NAFTA und das Migrationsproblem zwischen Mexiko und den Vereinigten Staaten (USA), München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/164497

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