Das Gottesbild im Wandel der Zeiten

Ist das Gottesbild des Mittelalters heute noch zeitgemäß?


Essay, 2011
25 Seiten

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Geschichtlicher Rückblick

Gott als Schöpfer

Gott als Beschützer

Gott als Richter

Gott als Wundertäter

Der transzendente Gott

Das Gebet

Der Teufel

Literatur

Zahlen in Klammern verweisen auf das Literaturverzeichnis.

Geschichtlicher Rückblick

Jede Zeit formt ihre eigene Gottesvorstellung auf Grund ihres vom Erleben und der Wissenschaft geformten Weltbilds. Es ist nicht so, dass eine primäre Gottesvorstellung oder gar eine Offenbarung Gottes die Grundlage für die Erfahrung der Welt wäre, sondern erst die Erfahrung der Welt führt in jeder Kultur zu einer speziellen, nur für diese Welterfahrung zutreffenden Gottesvorstellung.

Das Gottesbild ergibt sich aus der Transzendenz des Weltbilds. Gott ist das Unfassbare, das über die bekannte Welt hinausreicht. Wenn sich das Weltbild eines Naturvolkes auf die unmittelbare Umwelt und die eigene Sippe beschränkt, so besteht die Gottesvorstellung aus den Geistern der Verstorbenen und den mächtigen Naturgewalten oder Raubtieren. Umfasst das Weltbild nur den eigenen Staat, z. B. im alten Ägypten, so ist Gott der regierende Herrscher, der Pharao. Das kann sogar noch heute in Monarchien oder Diktaturen vorkommen. Das geozentrische Weltbild der Antike und des Mittelalters hat auch zu einem geozentrischen Gottesbild geführt. Der Gott des Mittelalters war ein persönlicher, in erster Linie am Wohlergehen des Menschen interessierter Gott, der nicht für außerirdische Welten zuständig war. Gott war auf das Innigste mit der Menschheit verbunden, ja er hat sogar in Jesus Christus menschliche Gestalt angenommen.

Um 1600 begann dieses geozentrische Weltbild zu zerfallen. Giordano Bruno hat bereits 1584 ein revolutionäres neues Weltbild als Hypothese postuliert. In seiner Schrift "De l'Infinito, Universo e Mondi" (14) erklärte er die Sterne damit, dass sie wie unsere Sonne seien, dass das Universum unendlich sei, es eine unendliche Anzahl von Welten gebe und diese mit einer unendlichen Anzahl intelligenter Lebewesen bevölkert seien. Dieses Weltbild und der in Widerspruch zur Kirchenlehre stehende Pantheismus beruhte damals zum Teil auf naturwissenschaftlichen Forschungen, insbesondere dem Werk "De Revolutionibus Orbium Coelestium" (15), von Nikolaus Kopernikus geschrieben und erst 1543 in Nürnberg gedruckt, das zu den Meilensteinen der Astronomiestronomie in der Neuzeit gehört, und zum Teil auf rein philosophischen Überlegungen. Heute spricht man von der "Kopernikanischen Wende" als dem Übergang vom geozentrischen zum heliozentrischen Weltbild.

Eine fundamentale Rolle spielte dabei Galileo Galilei, der dieses neue Weltbild zwar nicht erfunden hatte, es aber als erster in der Form eines populär-wissenschaftlichen Dialogs (16) einer breiten Öffentlichkeit verständlich machen wollte. Der Bann seiner Lehren durch die katholische Kirche war aber gerade nicht, wie man heute vielfach glaubt, ein Irrtum der Theologen, für den sie sich nachträglich entschuldigen müssten, sondern die einzig richtige und logische Konsequenz, denn eine naturwissenschaftliche Revolution dieser Art hätte nicht nur die Naturwissenschaft, sondern das überlieferte Gottesbild in Frage gestellt und so eine theologische Revolution von ungeahntem Ausmaß bewirkt. Vom Standpunkt der Theologie war es daher richtig, mit allen Mitteln gegen das neue heliozentrische Weltbild vorzugehen und zugleich am bisherigen Gottesbild fest zuhalten. Der naturwissenschaftliche Umbau des Weltbilds führte aber mit Charles Darwin und Albert Einstein schließlich zu unserem Bild eines relativistischen und evolutionären Universums, in dem die Erde nur noch ein Nichts am Rande eines unendlich großen expandierenden Universums und der Mensch nur noch eine zufällig in Jahrmillionen entstandene Lebensform unter unendlich vielen möglichen außerirdischen Lebensformen ist, und nicht mehr als ihr Endziel im Zentrum der Schöpfung steht.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Titelseite aus dem Dialogo (16) von Galileo Galilei

Quelle:

Galileos Dialogue Title Page

2007-08-04 (first version); 2007-07-31 (last version)

URL: http://en.wikipedia.org/wiki/File:Galileos_Dialogue_Title_Page.png

Die Theologie hat diese Geistesentwicklung nicht mitgeprägt, sondern es verabsäumt, das Gottesbild an die neuen Erkenntnisse anzupassen. Vielmehr hat sie versucht, mit einer endgültigen Trennung von Theologie und Wissenschaft das Lehrgebäude der Theologie unbeschädigt und weil es a priori den Anspruch auf ewige Gültigkeit erhebt, weitestgehend unverändert seit dem frühen Mittelalter zu erhalten.

Seit dem Zerfall des geozentrischen Weltbilds hat es verschiedene Ansätze für ein geändertes Gottesbild gegeben, die allerdings nicht den Status einer neuen Religion erreichen konnten und nicht in die bestehenden Religionen integriert wurden.

Deismus

Der Deismus der englischen Freidenker (Lord Henry Bolingbroke, Matthew Tindal, Anthony Collins) beschränkt das Gottesbild auf die Rolle des Schöpfers, der aber nicht mehr als oberster Richter oder Wundertäter in den Lauf der Welt eingreift. Der Deismus bekämpft zugleich jede kirchliche Autorität und Überlieferung.

Pantheismus

Der bereits auf Giordano Bruno zurückgehende Pantheismus sieht Gott als allmächtig und unendlich, in allem Seienden innewohnend, weshalb auch das Universum unendlich sein muss. Gott ist in der Welt im kleinsten Teil überall enthalten, somit verliert Gott überhaupt seine Eigenständigkeit als Wesen. Wenn die Materie aber zugleich göttlich ist, kann man noch einen Schritt weiter gehen und ihre materielle Natur ganz in Frage stellen. In dieser extremen Form definiert der Pantheist die Realität als Geistesprodukt des Individuum und leugnet die Existenz der Materie.

Darüber hinaus gibt es noch mehrere Kombinationen und Varianten dieser neuen Anschauungen.

Das Weltbild war bis ins 17. Jahrhundert, abgesehen von einzelnen abweichenden Hypothesen und Vermutungen, das geozentrische Kugelschalenmodell von Ptolemäus mit der Erde als Zentrum, die von 8 Sphären umgeben ist, auf deren äußerster sich alle Fixsterne befinden und sich darüber der Himmel als der Ort Gottes, der Engel und Heiligen ausdehnt. Heute ist unser Weltbild nicht endgültig und unveränderlich, es ist in einem Zustand ständiger Erforschung und Neugestaltung. Demnach gibt es kein Zentrum des Universums. Es gibt mehr als hundert Milliarden Galaxien, von denen jede etwa hundert Milliarden Fixsterne und ein schwarzes Loch im Zentrum enthalten. Die Sonne ist nur ein Fixstern am Rand der Milchstraßengalaxis und sie wird in ferner Zukunft ihre Leuchtkraft verlieren, zum roten Riesen mutieren und alle Planeten mit allen Lebewesen vernichten. Die Größe des Universums ist nach wie vor unbekannt, denn der vierdimensionale Raum expandiert kontinuierlich, und es ist noch nicht geklärt, ob dieser Raum flach, positiv oder negativ gekrümmt ist, woraus sich wiederum eine Aussage über die mögliche Größe ergeben würde. Auf alle Fälle ist es unendlich viel größer als jede Größenvorstellung zur Zeit des geozentrischen Weltbilds. Darüber hinaus weiß man, dass es wegen der endlichen Lichtgeschwindigkeit dem Menschen niemals möglich sein wird, das gesamte Universum zu beobachten, weil sich die am weitesten entfernten Objekte mit höherer Geschwindigkeit entfernen als das Licht.

Eine so revolutionäre Wandlung des astronomischen Weltbildes müsste eigentlich eine noch stärkere Revolution des Gottesbildes bewirkt haben. Die Frage, die sich auf Grund des heutigen Weltbildes ergibt, ist nicht ob Gott existiert oder nicht, sondern nur die Frage nach dem neuen Bild Gottes, wenn man denn seine Existenz als Hypothese voraussetzt und zugleich das wissenschaftliche Weltbild als heute gültigen Erkenntnis-Konsens annimmt. Das Ziel ist dabei, wie zu allen Zeiten, auch heute ein einheitliches, alle Disziplinen, also Wissenschaft und Theologie umfassendes und in sich widerspruchsfreies Weltbild. Wie müsste ein Gottesbild aussehen, das dem heutigen naturwissenschaftlichen Weltbild entspricht? Dieses Weltbild findet seine Grenzen in der unermesslich großen Ausdehnung und Lebensdauer des Universums. Erst dort, wo das sichtbare Universum endet, beginnt Gott.

Peter Sloterdijk beschreibt die Wandlung des Weltbildes und ihre Auswirkung auf das Geborgenheitsempfinden und die Wandlung der Welt zu einem "Glashaus" im All so:

"Die so genannte "Kopernikanische Wende" war nach Ansicht des Philosophen Peter Sloterdijk der Anfang der "Ent-Täuschungsgeschichte" des Menschen. Der Preis der Aufklärung sei die Vertreibung aus einem Paradies gewesen, allerdings aus einem illusionären. Das alte aristotelische Weltbild mit Erde und Mensch als Mittelpunkt war laut Sloterdijk nur "ein vermeintlich privilegiertes". Das Beste, das Gute, das Schöne habe damals am oberen Rand der Kugel-Sphären gelegen - die Erde dagegen war in dieser Vorstellung stets der Hölle nahe. Der Mensch habe das Dach des eigenen Hauses abgerissen und fände sich vor in einem "Weltglashaus", dessen Himmel immer leerer werde. Doch dieses "kalte Firmament" erschüttere vor allem die Gutgläubigen, die Geistreichen und Überreizten. Die meisten Menschen würden sich nicht daran erkälten: Sie schaffen sich ihre eigenen häuslichen Immunsysteme wie Versicherungspolicen, die Klimatechnik oder eine elektronische Medienhaut. Alle modernen Weltbilder seien "aus dem göttlichen Rahmen gefallen". Immer wichtiger würden daher die "Erkundigungen nach dem Wo", nach neuen Raumschöpfungen für das "ekstatische Wesen Mensch". 17)

Gott als Schöpfer

Die fundamentale Rolle Gottes ist die des Schöpfers und Ursprungs von allem. Diese Funktion kann sich nur auf Objekte beschränken, die keinen anderen, in der Welt selbst liegenden, bekannten Ursprung haben.

Beispiel: wenn es unbekannt ist, wie ein Blitz entsteht, kann man einen Gott des Blitzes als Urheber von Blitzen annehmen. Sobald aber bekannt ist, dass Blitze durch elektrische Entladung von Wolken entstehen, wäre es unsinnig, einen speziellen Gott zum Urheber der Blitze zu erklären.

In analoger Weise wird die Funktion eines universalen Schöpfers immer mehr reduziert, je mehr die Entstehung der Welt und der Lebewesen auf natürliche, in der Materie selbst liegende physikalische oder evolutionäre Ursachen zurückgeführt werden kann.

Die Schöpfungslehre in Genesis 1 wird durch die neuere Kosmologie komplett widerlegt und in den Bereich des Mythos verwiesen. "Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde..." stimmt nicht nur in Bezug auf die Dauer von 6 Tagen nicht, sondern vor allem ist auch die Reihenfolge verkehrt. Nicht am 4. Tag nach der Erde sind die Sonne, Mond und die Gestirne entstanden, sondern die Erde ist erst lange nach den Fixsternen durch Zusammenballung von Gas und Staub entstanden. Im heutigen, relativistischen Weltbild wird zumindest die Hypothese aufgestellt, dass die gesamte Entwicklung des Universums nach dem Urknall ohne den Eingriff eines überirdischen Schöpfers nach rein physikalischen Gesetzen abgelaufen ist. Die Annahme eines Schöpfergottes wird damit auf die Zeit vor dem Urknall, also auf eine von heute betrachtet unendlich lange Vergangenheit, zurückdatiert. Das bedeutet aber für das heutige Gottesbild: wenn es einen Gott gibt, so hat dieser zum letzten Mal vor mehr als 13,6 Milliarden von Jahren (die genaue Zeit ist unbekannt) in den Lauf der Welt eingegriffen und hält sich seither verborgen. Daher ist auch nicht zu erwarten, dass dieser unsichtbare Gott ausgerechnet heute oder demnächst sich zeigen oder offenbaren wird. Vielmehr ist davon auszugehen, dass für diesen Gott ein anderer Zeitmaßstab gilt als für uns Menschen. Für ihn ist die Lebenszeit des Universums nur wie ein kurzer Augenblick, ein Wimpernschlag im Auge Gottes. Man kann aber noch weiter gehen, wenn man der Hypothese von Steven Hawking folgt, es gäbe überhaupt keinen Schöpfer, weil alles Existierende schon immer, wenn auch in anderer Form und Gestalt existiert habe, so dass niemals ein Schöpfungsakt erforderlich war. Damit entfällt im Gottesbild des Atomzeitalters die Rolle Gottes als Schöpfer des Universums gänzlich, und es bleiben nur noch die anderen, in den weiteren Kapiteln analysierten Rollen.

Peter Sloterdijk formuliert den Bewußtseinswandel durch den Verlust des Schöpfer-Gottes so:

[...]

Ende der Leseprobe aus 25 Seiten

Details

Titel
Das Gottesbild im Wandel der Zeiten
Untertitel
Ist das Gottesbild des Mittelalters heute noch zeitgemäß?
Autor
Jahr
2011
Seiten
25
Katalognummer
V164533
ISBN (eBook)
9783640809554
ISBN (Buch)
9783640809936
Dateigröße
1334 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Neue Fassung mit gekürzten Zitaten und ergänztem Literaturverzeichnis.
Schlagworte
gottesbild, wandel, zeiten, mittelalters
Arbeit zitieren
Dipl.-Ing. Wolfgang Baudisch (Autor), 2011, Das Gottesbild im Wandel der Zeiten, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/164533

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