Thomas Manns Schopenhauer­-Rezeption mit besonderer Beachtung der "Buddenbrooks"


Hausarbeit, 2010

13 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Arthur Schopenhauers Philosophie aus der Sicht von Manns Schopenhauer-Essay
1.2. Platon als Grundlage
1.3. Kant als Vorgänger
1.4. Synthese von Kant und Platon durch Schopenhauer

2. Thomas Mann trifft auf Schopenhauer

3. Das Schopenhauer-Erlebnis von Thomas Buddenbrook
3.1. Thomas Buddenbrooks „Nacht der Erkenntnis“

4. Schopenhauer im Verhältnis zum Gesamtwerk „Buddenbrooks“

5. Schlussbetrachtung

6. Literaturverzeichnis
6.1 Primärliteratur:
6.2 Sekundärliteratur

Schriftstellerische Werke sind neben der Phantasie und dem autobiographischen Einfluss des Autors immer auch Produkte der Zeit und ihrer Wechselwirkung mit dem Autor. Auf Thomas Mann hat in jungen Jahren auch die Philosophie Einfluss gehabt, die er selbst rezipierte. Prägend war seine Auseinandersetzung mit Friedrich Nietzsche aber auch mit Arthur Schopenhauer.

Diese Einflüsse sind auch in seinen frühen Werken nachweisbar. In den Buddenbrooks gibt es beispielsweise eine Stelle, an der die Hauptfigur Thomas Buddenbrook selbst Schopenhauer liest. Diese Arbeit macht es sich zur Aufgabe, Arthur Schopenhauers Philosophie anhand des so genannten Schopenhauer-Essays von Thomas Mann darzustellen, zu betrachten und anschließend an Textbelegen in den Buddenbrooks zu zeigen, wie Schopenhauers Philosophie auf das Nobelpreiswerk wirkte.

1. Arthur Schopenhauers Philosophie aus der Sicht von Manns Schopenhauer-Essay

Thomas Mann betrachtet die Philosophie Schopenhauers als „hervorragend künstlerisch, ja als Künstlerphilosophie par excellence“(255)[1] Laut Mann nimmt die Ästhetik darin ein volles Viertel ihres Umfangs ein, das Werk zeichnet sich durch Klarheit, Durchsichtigkeit und Geschlossenheit aus. Es wirkt durch Kraft, Eleganz, Treffsicherheit, einen leidenschaftlichen Witz und seinen Sprachstil. Alle diese wichtigen Aspekte bezeichnet Mann ganz im Schopenhauerschen Sprachstil als „Erscheinung“. Er fährt fort:

„...der notwendige und angeborene Schönheitsausdruck nur für das Wesen, die innerste Natur dieses Denkertums, eine spannungsvolle, emotionale, zwischen heftigen Kontrasten, Trieb und Geist, Leidenschaft und Erlösung spielende, kurzum dynamische-künstlerische Natur, die garnicht anders als in Schönheitsformen, nicht anders denn als persönliche, durch die Kraft ihrer Erlebtheit, Erlittenheit überzeugende Wahrheitsschöpfung sich offenbaren kann.“

Thomas Mann betont, dass gerade Künstler Anhänger der Philosophie Schopenhauers sind und nennt Tolstoi, Richard Wagner und neben Nietzsche den Dichter Georg Herwegh.[2]

1.2. Platon als Grundlage

Schopenhauers Philosophie führt zurück zu Platon. Von dieser Quelle des abendländischen Geisteslebens geht sie aus. Platon unterscheidet die Welt der Ideen und die Welt der Erscheinungen. Die Dinge der Welt haben kein wahres Sein, sie sind immerfort im Werden gefangen. Die Erscheinungen dieser Welt sind nur Abbilder der eigentlichen ewigen Ideen, der Urform der Dinge. Diese Ideen sind zeitlos und wahrhaft, nicht im Werden gefangen. Thomas Mann macht dies am Beispiel des Löwen deutlich. Ein Löwe ist eine Erscheinung und kann daher nicht der Gegenstand reiner Erkenntnis sein. Der Löwe ist die Idee eines Löwen. Dieser Idee wird jeder einzelne Löwe untergeordnet. Mann bezeichnet Platons Sichtweise als Paradoxon.

„Denn paradox ist es allerdings, zu behaupten, daß Erkenntnis nur dem Unsichtbaren, Gedachten, im Geiste Angeschauten gelten könne; paradox ist es, die sichtbare Welt für eine Erscheinung zu erklären, die, an sich nichtig, nur durch das in ihr sich Ausdrückende Bedeutung und geborgte Realität gewinne.“(257)

Mann betont, dass die bei Platon angelegte Entwertung des Sinnlichen zugunsten des Geistigen, eine moralische Komponente hat. Sie hat aber auch, so Mann, eine andere Seite, eine Künstlerische, er schreibt: „... denn die Auffassung der Welt als einer bunten und bewegten Phantasmagorie von Bildern, die für das Ideelle, Geistige durchscheinend sind, hat etwas eminent Künstlerisches und schenkt den Künstler erst gleichsam sich selbst.“(259) Der Künstler hat eine vermittelnde Aufgabe zwischen der Welt der Ideen und der Welt der Erscheinungen.

1.3. Kant als Vorgänger

Kant hat festgestellt, dass unsere gesamte Welterfahrung drei Gesetzen und Bedingungen unterliegt: Zeit, Raum und Kausalität. Diese Gesetze betreffen nicht das Ding an sich, von dem wir gar nichts wissen können, sondern nur die Erscheinungen. „Zeit, Raum und Kausalität sind Einrichtungen unseres Intellekts, und die Auffassung der Dinge, die uns in ihrem Bilde, bedingt durch sie, zuteil wird, heißt darum die immanente; die transzendente aber wäre diejenige, die wir durch die Wendung der Vernunft gegen sich selbst, durch Vernunftkritik, kraft der Durchschauung jener drei Einschaltungen als bloßer Erkenntnisformen gewönnen.“ (261)

Sowohl für Kant als auch für Platon liegt die wahre Natur der Dinge, liegen die Ideen hinter oder jenseits der Erscheinungen. Schopenhauer war von beiden Philosophen tief beeindruckt und beeinflusst. Laut Mann nahm sich Schopenhauer von diesen beiden Philosophen „was er brauchen konnte“ (262) und machte daraus etwas Neues gänzlich Anderes.

1.4. Synthese von Kant und Platon durch Schopenhauer

Mann betont, dass Schopenhauer von Kant und Platon die Ideen bzw. das Ding an sich übernommen hat. Diese waren bei Kant und Platon noch unbestimmt, wurden bei Schopenhauer zum Willen. Für Schopenhauer war der Urgrund des Seins, der Wille. Dieser Wille war der Wille zum Leben. Der Wille ist dabei nicht an Erkenntnis interessiert „... er war etwas von dieser durchaus Unabhängiges, ganz Ursprüngliches und Unbedingtes, ein blinder Drang, ein gründlich-grundloser absolut unmotivierter Trieb...“(262).

„Der Wille also, dieses außerhalb von Raum, Zeit und Kausalität stehende An Sich der Dinge, verlangte blind und grundlos, aber mit wilder unwiderstehlicher Gier und Lust nach Sein, nach Leben, nach Objektivierung, und diese Objektivation vollzog sich auf die Weise, daß aus seiner ursprünglichen Einheit eine Vielheit wurde, was treffend als principium individuationis zu bezeichnen war.“ (262f.).

Die Welt ist ganz und gar nach Schopenhauer ein Willensprodukt. Es war dabei nicht der Intellekt, der den Willen hervorbrachte, sondern umgekehrt der Willen erzeugte sich den Intellekt. Der Intellekt war der Diener des Willens. Die Welt ist nicht nur Willensproduk,t sondern gleichzeitig ist sie Vorstellung, die Vorstellung jedes Einzelnen und ihre Vorstellung von sich selbst. Der Wille formt sich auf den höheren Stufen seiner Objektivation den erkennenden Intellekt. Schopenhauer baute eine Stufenleiter in die Vielheit der Objektivation des Willens ein. Die einzelnen Dinge waren keine adäquate Objektiviationen des Willens, sondern getrübt durch die Form unserer Erkenntnis.

„In Wahrheit würden wir keine „Exemplare“, keine Begebenheiten, keinen Wechsel, keine Vielheit erkennen, sondern nur das Seiende, die unmittelbare und reine Objektität des Willens auf ihren verschiedenen Stufen, und unsere Welt würde also, mit den Scholastikern zu reden, eine „nunc stans“ sein, ein stehendes Jetzt ungetrübter und ewiger Ideen.“ (263)

Es besteht eine Ungeheuerlichkeit in dem Gedanken, dass der Intellekt dem Willen untergeordnet ist. Der Intellekt ist nur dazu da, um, so Mann,: „dem Willen zum Munde zu reden“. (264) Der Intellekt rationalisiert also unsere Triebe.

Diese Einschätzung der menschlichen Vernunft ist zutiefst pessimistisch, was auch Mann so empfunden hat und in seinem Essay so darlegt.[3] Schopenhauer ist, so lehren es die Handbücher und so sieht es auch Thomas Mann, der Philosoph des Willens und des Pessimismus. Mann schreibt:

„Wille, als Gegenteil ruhenden Genügens, ist an sich etwas fundamental Unseliges; es ist Unruhe, Streben nach etwas, Notdurft, Lechzen, Gier, Verlangen, Leiden, und eine Welt des Willens kann nichts anderes, als eine Welt des Leidens sein.“(265)

Der Wille, der die ganze Welt beherrscht, erscheint in seiner individuellen Ausprägung in jedem Mensch, Tier und jeder Pflanze. Er ist zersplittert in die Vielheit, man spricht vom principum indivudationis. Der Wille des Einzelnen ist somit im ständigen Kampf mit dem Willen des Anderen. Insofern ist der Wille im ständigen Kampf mit sich selbst. Der Wille ist ein Wille zum Leben und folglich sind Mensch, Pflanze und Tier in einem Kampf ums Überleben, indem der Wille in seinen Individuationen gegen sich selbst kämpft. Der Mensch ist dabei, so zitiert Mann, sich selbst ein Wolf.[4] Thomas Mann betont, dass das schriftstellerische Genie Schopenhauers gerade dann zur Geltung kommt, wenn er über das Leiden der Welt spricht. Für Schopenhauer ist die Welt eigentlich schon fast eine Hölle, Mann meint, sie sei es nur deshalb nicht, „...weil die Vehemenz des Willens zum Leben nicht ganz dazu ausgereicht hat...“(268) Wenn der Wille nur etwas stärker wäre, so wäre die Welt eine vollkommene Hölle. Die Welt ist die schlechteste aller denkbaren. Mit dieser Aussage verdeutlicht Mann, dass Schopenhauer tatsächlich der Philosoph des Pessimismus ist.[5] Man könnte nun annehmen, dass Schopenhauers pessimistische Weltsicht direkt in den Selbstmord führt. Dies ist allerdings keine Lösung, da damit der Wille nicht zerstört wird.

Was beim Tod zerstört wird ist die Individuation. Der Kern des Wesens, der Wille zum Leben, bleibt davon unberührt, er muss, laut Mann, nur sich selbst bejahen, um immer den Zugang zum Leben zu finden. Der Tod ist also nicht die Erlösung vom Willen. Es gibt aber, laut Thomas Mann, eine Lösung, diese liegt in der Kunst und darum ist Schopenhauer auch der Philosoph der Künstler. Der Intellekt hat die Möglichkeit, sich vom Joch des Willens zu befreien und zum Herrn seines Herrn, des Willens, zu werden. Thomas Mann schreibt dazu:

„Es gibt einen Zustand, worin das Wunder geschieht, daß die Erkenntnis sich vom Willen losreißt, das Subjekt aufhört, ein bloß individuelles zu sein und zum reinen, willenlosen Subjekt der Erkenntnis wird. Man nennt ihn den ästhetischen Zustand.“ (269)

Mit Kant kam Schopenhauer zu dem Schluss, dass schön ist, „was ohne Interesse gefällt“. Für Schopenhauer hieß das ohne Beziehung auf den alles beherrschenden Willen. „Das ästhetische Gefallen war rein, interesselos, willensfrei, es war „Vorstellung“ im zugleich intensivsten und heitersten Sinn, klare, ungetrübte und tief beruhigte Anschauung.“ (269) Die Ideen in Platons Sinne wurden vom Intellekt erkannt, sie wurden geschaut. Dieser Ideenschau war der Intellekt nur in seinen genialen Stunden fähig. Dabei verstand Schopenhauer Intellekt nicht im Sinne von abstraktem Denken, vielmehr verstand er es im Sinne einer Intuition, die nicht lehrbar ist. Der Intellekt war nur insofern im Spiel, als er es war, der die Welt zur Vorstellung machte. Man benötigt keine Kenntnisse von Philosophie, um diesen ästhetischen Zustand zu erreichen. Der Blick der Kunst, so Mann, war „derjenige der genialen Objektivität“. (270) Allerdings war das Künstlertum nicht die Lösung für Schopenhauer, vielmehr lag die Vollendung im Heiligen. Mann dazu:

„Der ästhetische Zustand war nur die Vorstufe eines vollendeteren, in welchem der in jenem nur vorübergehend befriedete Wille auf immer von der Erkenntnis überstrahlt, aus dem Felde geschlagen und vernichtet würde. Die Vollendung des Künstlers war der Heilige.“(271)

Schopenhauer hat auch eine Ethik innerhalb seiner Philosophie entwickelt. Wichtig dabei ist, dass der einzelne Mensch nur Teil des großen alles überstrahlenden Willens ist, er ist nur Teil des Willens zum Leben, nur pricipicum indivudationis. Der Mensch muss erkennen, dass es keinen Unterschied zwischen ich und du gibt. Thomas Mann schreibt: „.. die Gefühlseinsicht, daß der Wille in allem und allen der Eine und Selbe ist: das ist der Beginn und das Wesen der Ethik.“(277) Thomas Mann erläutert Schopenhauers Ethik weiter: „Der gerechte Mensch geht in der Bejahung seines eigenen Willens nicht bis zur Verneinung des in anderen Individuen sich darstellenden. Er unterläßt es, Leiden über andere zu verhängen, um das eigene Wohlsein zu mehren.“(278) Der Mensch erkennt sich selbst, den Willen zum Leben, in anderen und versucht daher nicht sie zu verletzten. Er leidet mit den anderen und gleichzeitig dabei mit sich selbst bzw. seinem in der Vielheit bestehenden Willen zum Leben.

[...]


[1] Seitenangaben in Klammern zitiert nach: Thomas Mann: Schopenhauer. In: Essays. Band 4: Achtung Europa! 1933-1938 hrsg. von Hermann Kurzke und Stephan Stachorski, Frankfurt a. M. 1995, S. 255.

[2] Vgl. Thomas Mann: Schopenhauer. In: Essays. Band 4: Achtung Europa! 1933-1938 hrsg. von Hermann Kurzke und Stephan Stachorski, Frankfurt a. M. 1995, S. 255.

[3] Vgl. dazu; Schopenhauer-Essay, S. 265.

[4] Vgl. dazu: Schopenhauer-Essay, S. 266.

[5] Vgl. dazu: Schopenhauer-Essay, S. 268.

Ende der Leseprobe aus 13 Seiten

Details

Titel
Thomas Manns Schopenhauer­-Rezeption mit besonderer Beachtung der "Buddenbrooks"
Hochschule
Karlsruher Institut für Technologie (KIT)  (Institut für Literaturwissenschaft)
Veranstaltung
Thomas Mann - die frühen Jahre
Note
1,7
Autor
Jahr
2010
Seiten
13
Katalognummer
V164568
ISBN (eBook)
9783640801633
ISBN (Buch)
9783640802272
Dateigröße
426 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Kommentar Dozent: Eine insgesamt schöne Arbeit, die besonders durch ihre philosophischen Kentnisse besticht. Die Schopenhauer-Bezüge werden überzeugend nachgezeichnet.
Schlagworte
Thomas Mann Buddenbrooks Schopenhauer
Arbeit zitieren
M. A. Silke Herzer (Autor), 2010, Thomas Manns Schopenhauer­-Rezeption mit besonderer Beachtung der "Buddenbrooks", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/164568

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