Soziale Arbeit in jüdischen Gemeinden

Am Beispiel von Juden aus der ehemaligen Sowjetunion in Hannover


Diplomarbeit, 2010

97 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Jüdische Bevölkerung in der ehemaligen Sowjetunion
2.1 Geschichte der Juden im Gebiet der ehemaligen Sowjetunion
2.2 Ausgangsbedingungen der „russischen Juden“ vor der Migration
2.2.1 Historische und politische Aspekte
2.2.2 Soziale, religiöse und ökonomische Aspekte
2.3 Identität - ein Definitionsversuch
2.3.1 Ethnizität - ein Definitionsversuch
2.3.2 Jüdische Identitätsansätze und ethnische Aspekte in der ehemaligen Sowjetunion

3. Migration
3.1 Gründe und Auslöser
3.2 Jüdische Migration vor 1991
3.3 Migrationsziele
3.3.1 Migration nach Deutschland
3.3.2 Rechtlicher Rahmen: Das Kontingentflüchtlingsgesetz
3.3.3 Schwierigkeiten in der Umsetzung

4. Jüdische Migranten in Deutschland
4.1 Die Einwanderer der „Vierten Welle“ - Sozialstrukturen
4.1.1 Regionale Herkunft
4.1.2 Alter und Geschlecht
4.1.3 Berufsstruktur und Bildungsniveau
4.2 Rahmenbedingungen für die soziale Integration
4.2.1 Beruf, Arbeit und Lebensunterhalt
4.2.2 Familie und Sozialkontakte
4.2.3 Psychosoziale Aspekte
4.2.4 Ethnische Zugehörigkeit und Identitätsfindung der jüdischen Zuwanderer in Deutschland

5. Jüdische Gemeinden in Deutschland
5.1 Juden und jüdische Identität in Deutschland
5.1.1 Das Zusammenleben von jüdischen Einwanderern und Alteingesessenen
5.2 Jüdische Gemeinden in Hannover
5.3 Soziale Arbeit in den Jüdischen Gemeinden in Hannover
5.3.1 Jüdische Gemeinde Hannover K.d.Ö.R.
5.3.2 Liberale Jüdische Gemeinde in Hannover
5.3.3 Jüdisch-Sefardisch-Bucharische Kulturelle Religionsgemeinde Hannover e.V.
5.3.4 Chabad Lubawitsch - Jüdisches Bildungszentrum Hannover
5.4 Fazit aus den Gesprächen mit den Sozialen Mitarbeitern in den hannoverschen Gemeinden

6. Soziale Arbeit in Jüdischen Gemeinden
6.1 Das Selbstverständnis der Sozialen Arbeit in Jüdischen Gemeinden in historischem
Kontext
6.1.1 Jüdische Sozialarbeit - Versuch einer Definition
6.1.2 Konfessions- / Glaubensgebundenheit
6.2 Zielgruppen und Ziele
6.2.1 Kinder und Jugendliche
6.2.2 Junge Erwachsene / Erwachsene
6.2.3 40 bis 60-Jährige Mitglieder
6.2.4 Senioren
6.3 Methodenansätze
6.3.1 Migrationserstberatung
6.3.2 Integrationsberatung
6.4 Schwierigkeiten
6.5 Zukunftsausblick für die Soziale Arbeit in jüdischen Gemeinden

7. Abschlussbetrachtung

8. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

„Oder entsteht über die Generationen hinweg, bedingt zumal durch die massive Zuwanderung russischer 'Nationalitäten', in den wenigsten Fällen Religionsjuden, eine völlig neue jüdische Situation und möglicherweise auch ein völlig neues jüdisches Sein?“

(Brechenmacher / Wolffsohn, 2008: S.267/268)

Der wesentliche Beginn der Einwanderung von sowjetischen Juden nach Deutschland war beiderseits von großen Erwartungen geprägt. Die in Deutschland lebenden Juden bildeten kleine Glaubensgemeinschaften, in den neunziger Jahren betrug das Durchschnittsalter der hannoverschen Gemeinde beispielsweise etwa 65 Jahre. Der Wunsch nach jungen Glaubensmitgliedern, die die Gemeinden religiös und kulturell stärken und unterstützen sollten, stand auf der deutschen Seite im Vordergrund.

In der ehemaligen Sowjetunion hingegen war Jude, wer unter dem „fünften Punkt“ in den sowjetischen Pässen als Jude gekennzeichnet war. Hinzu kam, dass in den Jahren des Stalinregimes Glauben und Religion verboten waren, so dass das aktive Ausleben eines jüdischen Glaubens in wenigen Fällen gelang oder gegen die Staatsgewalt durchgehalten wurde. Durch diese Art eines Staatsantisemitismus verloren sowjetische Juden im Laufe der Generationen den Bezug zu ihrem Glauben und zogen nicht selten in Erwägung, die russische Staatsbürgerschaft anzunehmen, um ihre jüdische Identität abzulegen. Die Juden, die nach Deutschland emigrierten, mussten jedoch „jüdisch sein“ - eine genauere Definition wurde nicht angegeben. Das „russische“ Verständnis von jüdischer Identität zeugte jedoch keineswegs von einem tatsächlichen Interesse am Judentum als Religion. Alla Volodarska2 fasst die damalige Situation in einem Satz zusammen: „Die, die kamen, waren wenig religiös, aber akademisch gebildet.“. Das Lernen und Weiterbilden, welches ursprünglich aus dem Lesen in der heiligen Torah und dem Diskutieren über deren Inhalte stammte, spielte im jüdischen Glauben von jeher eine grundlegende Rolle. Von den emigrierten Juden wandten sich zudem vorerst ältere Juden den Synagogen längerfristig zu, da ein hoher Teil älterer Menschen nach Deutschland auswanderte.

Was waren die Gründe für die Migration? Und warum wurde gerade Deutschland als Einwanderungsziel gewählt? Die Einsetzung des Kontingentflüchtlingsgesetzes im Januar 1991 darf hierbei nicht unerwähnt bleiben. Sicherlich hat schon in den achtziger Jahren eine Migration vonseiten der sowjetischen Juden nach Deutschland begonnen, die sich durch den Fall der Mauer 1989 verstärkte. Diese Einwanderungen waren jedoch zum Teil rechtlich nicht abgesichert und gelangen nur durch große Verluste. Franziska Becker erzählt in ihrem Buch „Ankommen in Deutschland“ von Galina, die mit ihrer Familie im Jahre 1990 zuerst nach Israel auswandern möchte. Als die notwendige Einladung nach Israel genehmigt wird, muss die Familie bei der sowjetischen Behörde ein Auswanderungsgesuch einreichen, das die zwangsweise Ausbürgerung regelt. Becker schreibt hierzu: „Die Familie wurde staatenlos. Staatliche Autorität hatte den Migrationsprozess irreversibel gemacht. Mit der Aberkennung der sowjetischen Staatsbürgerschaft wird die Migration zur Vertreibung.“ (Becker, 2001: S.116). Der lange Weg zeigt jedoch hier noch kein Ende. Die Geschichte von Galinas Migration, die letzten Endes in Deutschland ihr vorläufiges Ende findet, soll den schweren Weg einer Migration aus der ehemaligen Sowjetunion vor 1991 andeuten. Offen geäußerte antisemitische Anfeindungen gehörten zu ihrem Alltag, Berufsausübungen wurden verwehrt3, Galina floh mit ihrer Familie letzten Endes vor dem alltäglichen Antisemitismus, einem Volksantisemitismus (Zielke-Nadkarni, 2005: S.66). Auf weitere Gründe werde ich in meiner Arbeit unter dem Punkt Migrationsgründe eingehen.

So groß und staatenreich die Sowjetunion gewesen ist, so vielfältig und zahlreich fallen die Erfahrungen und Erlebnisse der jüdischen Bevölkerung aus. Neben den regionalen Unterschieden und Gewohnheiten kann grob in zwei Gruppen unterteilt werden: die aschkenasischen Juden, die den Großteil der emigrierten Juden ausmachen und die sephardischen Juden, die eher orientalischen Juden aus den ländlichen und den mittelasiatischen Gebieten. Aschkenasische Juden leben vorrangig in urbanen Gebieten, was womöglich ihre Affinität zur Migration erklärt: die zur Auswanderung nötigen Behörden und Ämter beispielsweise tragen zu einer idealen Gelegenheitsstruktur bei. Zu Beginn meiner Arbeit erkläre ich die Gemeinsamkeiten und Unterschiede der jüdischen Bevölkerung in der ehemaligen Sowjetunion, um über die Geschichte der Osteuropäischen Juden zu einem besseren Verständnis über die entstandene Sozialstruktur zu verhelfen. Im Punkt 2.2 gehe ich auf die Ausgangsbedingungen der „russischen Juden“ vor der Migration ein und unterteile diese zum einen in historische und politische Aspekte, zum anderen in soziale, religiöse und ökonomische Aspekte. Die daraus resultierenden Identitätsansätze und die ethnischen Komponenten in ihrem Entwicklungsprozess spielen eine grundlegende Rolle für die späteren Möglichkeiten der Eingliederung in die jüdischen Gemeinden in Deutschland. Zunächst beschäftige ich mich im 3. Teil jedoch mit Ansätzen von Migrationstheorien, um anschließend auf die Gründe und Auslöser dieser zu sprechen zu kommen. Die Gründe für die Migration aus dem Ursprungsland in ein anderes Land und insbesondere nach Deutschland sind vielfältig. Gleichzeitig ist es bei der Fülle an Gründen schwierig, allgemeine Auslöser zu erkennen. Bei der Migration nach Deutschland ist die Einsetzung des

Kontingentflüchtlingsgesetzes 1991 wichtig, welches mehr als 200.000 Juden die Möglichkeit bot, aus der ehemaligen Sowjetunion und den heutigen GUS-Staaten auszuwandern. Der 4. Teil hat die allgemeinen Sozialstrukturen der Zuwanderer zum Thema, sowie anschließend die Rahmenbedingungen für die soziale und gesellschaftliche Integration in Deutschland. Die Ausbildung von Identitätsansätzen darf hier nicht unerwähnt bleiben. In diesem Themenkomplex sind auch rudimentäre Erklärungsansätze zum Bildungsniveau und der Berufsstruktur der sephardischen, sowie aschkenasischen Juden zu finden. Der fünfte Teil soll einen Überblick über die Geschichte und heutige Lage der jüdischen Gemeinden in Deutschland geben, Bezug auf neuere jüdische Identitätsansätze nehmen und die daraus erwachsende Schwierigkeit eines Zusammenlebens von Einwanderern und Alteingesessenen in den Gemeinden darstellen. Im Punkt 5.2 skizziere ich die Gemeindelandschaft in Hannover, um anschließend auf die Soziale Arbeit in den vier Gemeinden einzugehen. Da meines Wissens nach kein derartiges Informationsmaterial für Hannover existiert, muss ich mich hierzu auf mündliche Angaben aus meinen Gesprächen mit den zuständigen Sozialarbeitern beziehen. In einem abschließenden Fazit versuche ich die verschiedenen Aussagen zusammenzufassen und auf die Unterschiede in der Umsetzung hinzuweisen. Basierend darauf gehe ich im 6. Punkt explizit auf die Soziale Arbeit in den Jüdischen Gemeinden ein, beschreibe ihr Selbstverständnis im historischen Kontext, reiße die Diskussion einer Konfessions-/Glaubensgebundenheit an und umschreibe deren Zielgruppen und Ziele. Die Professionalisierung der sozialen Arbeit in den Gemeinden wird in diesem Rahmen thematisiert und ein Einblick in zukünftige Veränderungen gegeben. Die Umsetzung der sozialen Arbeit im Bereich einer Migrationserstberatung und der heute aktuelleren Integrationsberatung beschreibe ich in den Punkten 6.3.1 und 6.3.2 und versuche im nächsten

Punkt die Schwierigkeiten einer sozialen Arbeit zusammenzubringen. Besondere Schwierigkeiten verlangen besondere Lösungen, somit leite ich im letzten Unterpunkt (6.5) einen Zukunftsausblick ein, der von Integrationsperspektiven über das Erreichen junger Menschen und Familien bis zur professionellen Zuständigkeit von Sozialarbeitern für die Soziale Arbeit im gemeindlichen Rahmen reicht. Die Abschlussbetrachtung im fünften Punkt stellt die Vielfältigkeit, den Pluralismus dar, die seit der letzten großen jüdischen Einwanderungswelle aus der Sowjetunion gerade nach Hannover entstanden ist. An dieser Stelle passt das Zitat, welches ich als einleitende Frage abgebildet habe: womöglich oder sogar ganz sicher beeinflussen die sowjetischen Juden das Wiedererwachen einer jüdischen Kultur, eines jüdischen Lebens in Deutschland ganz stark. Es findet nicht wie erwartet allein in der Verdopplung der Gemeindemitgliederzahlen statt, sondern in dem Schaffen einer neuen jüdischen Situation. Und möglicherweise auch in einem ganz neuen jüdischen Sein, das sich durch seine Vielfältigkeit auszeichnet.

Meine Diplomarbeit bedient sich in der Schriftform ausschließlich der männlichen Schreibweise. Dies dient lediglich einer Vereinfachung des Schreibens. Meines Erachtens nach beginnt die Emanzipation der Frau nicht bei der Form des Wortes, sondern bei der inhaltlichen Funktion der Worte, die genutzte männliche Schreibweise soll demnach keinen Rassismus in der Sprache und keine Diskriminierung des weiblichen Geschlechts darstellen.

In Ermangelung schriftlicher Ausarbeitungen zum Thema der Sozialen Arbeit in Jüdischen Gemeinden oder der Jüdischen Sozialarbeit, war ich gezwungen, auf Internetquellen zurückzugreifen, die sich hauptsächlich auf die Seiten von jüdischen Einrichtungen wie den Gemeinden oder der Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland beziehen. Als ergiebig stellte sich auch die Internetseite der Jüdischen Allgemeinen dar, die aktuelle Entwicklungen und Stimmen fundiert wiedergibt.

2. Jüdische Bevölkerung in der ehemaligen Sowjetunion

Die Bundeszentrale für politische Bildung (Internetquelle) beschreibt die Sowjetunion als eine Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken (UdSSR), die 1922 nach dem Ende des Russischen Reiches gegründet wurde und 1991 endgültig zerfiel. Sie stellte das politische Zentrum des Ostblocks und des real existierenden Sozialismus dar. Folgende Staaten gehörten zur UdSSR: Armenien, Aserbaidschan, Estland, Georgien, Kasachstan, Kirgisien, Lettland, Litauen, Moldawien, Russland, Tadschikistan, Turkmenistan, Ukraine, Usbekistan und Weißrussland.

Die „jüdische Bevölkerung“ lebte in der ganzen UdSSR verteilt, es gab jedoch auch historisch begründete Ballungsräume. Sobald von einer gewissen Bevölkerungsgruppe gesprochen wird, müssen zugleich die Verschiedenheiten in dieser Gruppe erkannt und aufgezeigt werden. Im Fall der Juden aus der UdSSR handelt es sich dazu nicht um einfache regionale Unterschiede, sondern um Einflüsse verschiedener Völker, die unter die sowjetische Herrschaft gestellt wurden. Wesentliche Einstellungsunterschiede hauptsächlich in Bezug auf das Festhalten an religiösen und kulturellen Strukturen lassen sich zwischen den sephardischen und den aschkenasischen Juden feststellen: die sephardischen Juden bildeten die Minorität unter den im sowjetischen Gebiet lebenden Juden, ihr Hauptsiedlungsbereich waren die mittelasiatischen Staaten der ehemaligen Sowjetunion.

In unserer heutigen Gesellschaft ist die eindeutige Bestimmung, wer jüdisch ist und was einen Juden ausmacht, sehr schwierig. Ob „die Juden“ ein Volk darstellen, eine Glaubensgemeinschaft bilden oder zu einer Nationalität gehören, wird immer wieder kontrovers diskutiert, zu einer zufrieden stellenden Übereinkunft sind dabei die wenigsten gekommen. Die ethnische Komponente der jüdischen Identitätsansätze hat in Deutschland durch die Zuwanderung aus den heutigen GUS-Staaten an Popularität gewonnen. In diesem Zusammenhang betont Michael Tilly: ,„Selbstverständlich ist die Vorstellung vom Judentum als „Rasse“, als einer biologischen Abstammungseinheit mit unauslöschlichen gemeinsamen Wesenszügen, schlicht Irrsinn.“. (2005: S.22) In der Antike wurden Juden als ein Volk mit einer ihm dazugehörigen Religion definiert. Diese Ansicht änderte sich im Laufe der Jahrhunderte bis im Mittelalter der Schwerpunkt auf die Religionszugehörigkeit gelegt wurde: Jude war, wer dem jüdischen Glauben nach lebte und somit ein Teil des jüdischen Volkes war.

Die Neuzeit erweckte ein neues ethnisches Verständnis: vor allem in den westeuropäischen Ländern konnte ein Deutscher, Franzose oder Engländer und zur gleichen Zeit Jude sein. Gleichzeitig muss hier eine Trennung von Ost und West geschehen. In Osteuropa lebten die jüdischen Bürger in Ghettos und/oder Schtetlech und sprachen Jiddisch oder Hebräisch oftmals besser als die Landessprache. Die Reaktionen ihrer Umgebung waren offen geäußerte Diskriminierungen und Hass. Die im westlichen Europa ansässigen Juden hingegen waren offener für Einflüsse aus ihrer Umwelt, assimlierten sich und besaßen in Kultur, Musik und Gesellschaft bedeutende Rollen (vgl. Ortag, 1995: S.17).

Ich möchte mein Augenmerk nun auf die Geschichte der Juden in den osteuropäischen Staaten richten und versuchen, ein klares Bild von ihrem Werdegang zu zeichnen.

2.1 Geschichte der Juden im Gebiet der ehemaligen Sowjetunion

Diaspora ist das Schicksal, das die jüdischen Gläubigen seit Beginn ihrer Existenz als

israelisches Volk immer wieder ereilt. Im Hebräischen nennt sich dieser Zustand „galut“, die Zerstreuung der Juden aus ihrem Land. Ich möchte nicht bis zu dem Abraham ausholen, dem Stammvater des Volkes, dessen Nachkommen nach Jahre währendem Nomadenleben das Land Kanaan nach der Verheißung Gottes zu ihrem Land- dem Land Israel- machten. Und doch ist es wichtig zu wissen, dass die Juden einst ein Land im Nahen Osten bewohnten, das nach der Zerstörung des Tempels 70 nach Beginn der Zeitrechnung massiv unterdrückt wurde. 135 wurde der jüdische Bar-Kochba-Aufstand von den römischen Besatzern niedergeschlagen. Die Folgen davon waren unter anderem der territoriale Ausschluss der jüdischen Bevölkerung aus großen Teilen Jerusalems. „Es kam zu Versklavung und massiven Vertreibungen durch die Eroberer. Juden lebten danach zerstreut in aller Welt- seither ein Grundmerkmal jüdischer Geschichte.“ (Schoeps, 2005: S.60).

Die ersten jüdischen Siedler ließen sich schon sehr früh im fernen Osten nieder- bereits in den Anfängen der Diaspora breiteten sich orientalische Juden aus dem Zweistromland (späterer Irak) bis nach Schanghai aus. Es handelte sich jedoch um vereinzelte Gruppen. Der Stamm der Chasaren war ein Turkvolk aus Innerasien, deren herrschende Elite sich vermutlich durch Kolonisten zum Judentum bekehren ließ. Im 7. Jahrhundert beherrschte es die Schwarzmeersteppe, im 8. Jahrhundert erstreckte sich das chasarische Reich von der Krim bis zum Kaspischen Meer und bis zur Wolga im Norden.

Im Mittelalter schon fanden Wanderungen aus dem Westen Europas in den Osten statt. „Zum einen [hat das] mit den katastrophalen Erfahrungen während der Kreuzzüge zu tun, mit Verfolgung und Vertreibung. Zum anderen löste der rasche Bevölkerungszuwachs in Deutschland eine Wanderbewegung in die neu erschlossenen Gebiete im Osten aus- daran waren auch viele Juden beteiligt.“ (Schoeps, 2005: S. 62). Einige gingen nach Polen, manche kamen bis nach Russland, wo sie vor allem in Krakau, Lemberg und Kiew größere Gemeinden bildeten.

Um die schwierigen Lebensbedingungen der Juden im russischen Siedlungsgebiet zu verstehen, hilft ein Überblick der politischen Ansichten der letzten Jahrhunderte. Als im 13. Jahrhundert mongolische Stämme eine Invasion in Russland starten, zerstören sie auch die jüdischen Siedlungen. Unter der Herrschaft von Iwan III. werden die Mongolen vertrieben, doch für die wieder einwandernden Juden bedeutete dies keinen Neubeginn: die Großfürsten des Landes entwickelten allmählich eine Abneigung gegenüber den zurückkehrenden Juden. Die Gründe dafür lagen auch an dem orthodoxen Glauben, dessen Ausbreitung durch den nachfolgenden Zar Iwan IV., den Schrecklichen auf eine fanatische Art und Weise vorangetrieben und gefördert wurde. „Die Zarinnen Katharina I. (1725-1727) und Elisabeth (1741-1762), die Tochter Peters des Großen, setzten während ihrer Regentschaft die rigide Ausweisungspolitik fort, so dass Mitte des 18. Jahrhunderts die Juden in Russland zahlenmäßig keine nennenswerte Bevölkerungsgruppe mehr darstellten.“ (Lustiger, 1998: S.22).

An diesem Punkt rücken die polnischen Juden ins Blickfeld. Im Hochmittelalter begann in Polen die Entwicklung eines neuen jüdischen Siedlungszentrums. Viele Juden aus allen Ecken Europas hatten dort Zuflucht vor den Pogromen der Kreuzzugzeit und vor den Schrecken der Pestjahre gefunden. In den agrarisch geprägten Ländern Polen, Litauen, Weissrussland und der Ukraine, dem damaligen Königreich Polen-Litauen, waren die Juden als Kaufleute, Pächter des Schankwesens und Handwerker willkommen. Trotz diverser Versuche der Kirche, judenfeindliche Verordnungen durchzusetzen, machten die Könige die Juden zu ihren direkten Untertanen. In der Ukraine lebende Adlige setzten die jüdischen Einwanderer sogar als ihre persönlichen Verwalter ein und brauchten sie als Kreditgeber. Somit bildeten die jüdischen Bürger das fehlende Bürgertum und gewährleisteten die wirtschaftliche Mobilität. Die Sonderstellung der Juden rief kaum Wohlwollen vonseiten der einfachen Bevölkerung hervor, vielmehr schürte sie den Hass und die Ablehnung.

„Diesem Aufblühen jüdischer Kultur folgte ein jäher Absturz.“ (Ortag, 1995: S.95). 1648/49 rebellierte der Kosakenführer Bogdan Chmelnicki gegen den polnischen Adel und verband den Aufstand gleichzeitig mit einem Massaker an den Juden der Ukraine. Hierbei fanden um die 100.000 Menschen den Tod, 300 Gemeinden wurden vernichtet. Eine Änderung in der Art des Judenhasses wurde sichtbar: die religiös motivierte Abneigung schlug in einen Sozialneid um. „Mit den Pogromen begann der wirtschaftliche Niedergang und die Verarmung des polnischen Judentums.“ (Lustiger, 1998: S. 23). Gleichzeitig blieb Osteuropa bis in das 19. Jahrhundert hinein jüdisches Hauptsiedlungsgebiet.

Nach der Teilung Polens und seiner Zerschlagung in den Jahren 1793 und 1795 annektierte das Zarenreich das Territorium, in dem die meisten Juden der gesamten damaligen Welt siedelten. „Das eigentliche Gros der polnischen Judenheit, jene Region also, wo die typische Schtetl-Welt zu finden war, fiel fast gänzlich ans Zarenreich.“ (hagalil.com) Arno Lustiger schlussfolgert: „Die Geschichte der russischen Juden ist damit genau genommen eine Fortsetzung der Geschichte der polnischen und in der historischen Verlängerung sogar der 'deutschen' Juden, wie man an vielen Familiennamen erkennen kann.“ (Lustiger, 1998: S.23).

Katharina die Große und ihre Nachfolger hatten im neu entstandenen Zarenreich das Ziel, die Juden durch „Erziehung“ und Anpassung nützlich zu machen. „Im Zuge der Strukturreformen wurden einzelnen Bevölkerungsgruppen oder Ständen bestimmte Tätigkeitsfelder und ein fester Lebensraum zugeordnet.“ (Lustiger, 1998: S.23) Obwohl es keine Zwangsumsiedlungen gab, war das Leben auf dem Land oder das Arbeiten in der Landwirtschaft für Juden strafbar. 1791 wurde die Bewegungsfreiheit der Juden nochmals eingeschränkt, indem ein bestimmtes jüdisches Gebiet- Tchum oder Ansiedlungsrayon genannt- von der übrigen Bevölkerung abgegrenzt wurde: „Als TCHUM galten nun die neuen russischen West-Provinzen: das war halb Polen, Weißrußland und Litauen, - sowie der südliche Teil: die Ukraine, Bessarabien und Podolien. Die Einreise ins zentrale russische Zarenreich blieb jedoch für Juden lange Zeit versperrt.“ (hagalil.com). In diesem Gebiet lebten mehr als die Hälfte aller Juden und 94% der russischen Juden.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: hagalil.com

Alexander I. (1801-1825) versuchte durch eine formale Integration der Juden eine kulturelle Assimilation hervorzurufen oder zu erzwingen. In diesem Sinne lockerte er judenfeindliche Verbote und ermöglichte ihnen das Recht auf Bildung, die freie Religionsausübung und gab die Erlaubnis beschränkt landwirtschaftlichen Tätigkeiten nachzugehen. Der nachfolgende Zar wiederum kehrte diese Freiheiten erneut um, erließ an die 600 Gesetze gegen die jüdischen Bewohner und verhängte eine Militärpflicht für die jüdischen Männer, während der sie zum Christentum zwangsbekehrt werden sollten. Das Städteverbot für Juden wurde auf einen 50 Kilometer breiten Ring um jede Stadt erweitert.

Alexander der II. (1856-1881) brachte Erleichterungen für die im Rayon lebenden Juden: eine begrenzte Zahl von Händlern dufte außerhalb des begrenzten Gebiets Handel treiben. Der Zar starb durch ein Attentat, für das die Juden verantwortlich gemacht wurden. Gleichzeitig wurde Russisch die Amtssprache. „Die Herrscher Russlands trachteten stets danach, nichtrussische Untertanen zu assimilieren. Der Tribut für ihre Integration war hoch: Sie mussten ihre anderen Religionen, Sitten und Gebräuche aufgeben.“ (Lustiger, 1998: S.27). Die russische Bevölkerung war gegen Ende des 19. Jahrhunderts besonders antijüdisch eingestellt, während der Westen Europas in dieser Hinsicht zeitgleich toleranter war. Sie galten „(...) als intellektuelle überlegene Angehörige einer fremden Religion (...)“ und wurden als modern und fortschrittlich angesehen, was misstrauisch beäugt wurde. (Lustiger, 1998: S.27) Gewaltmaßnahmen und Diskriminierungen waren unter anderem auch deshalb an der Tagesordnung.

Die beiden letzten Zare, Alexander III. und Nikolai II., waren ausgeprägte Judenhasser. Indem sie den Antisemitismus im Volke anstachelten, missbrauchten sie die Auswirkungen als politische Waffe. Die Juden reagierten auf die zahlreichen Pogrome und Ausschreitungen vielgestaltig. Bildung und Aufklärung war eine der passiven Waffen, die ihnen zur Verfügung standen. Unter den Juden, die keine homogene Masse bildeten, lernte der Großteil lesen und schreiben. In den armen Schtetl profitierten überwiegend die Männer davon. Die besser gestellten Familien, Händler oder auch die wenigen in den Städten lebenden Juden waren durchweg gebildet. Von Vorteil war die traditionelle, religiöse Ausbildung, die fast jeder Jude im Laufe seines Lebens genoss. Vonseiten der wirtschaftlich und sozial unabhängigeren Juden entstand die Aufklärungsbewegung „Haskala“, die unter anderem den Aufbau eines jüdischen Schulwesens unterstützten. An dieser Stelle kam es zu Auseinandersetzungen zwischen den Jiddisch- und den Hebräisch-Sprachigen Juden. Hebräisch sprachen die gebildeteren, gesellschaftlich anerkannteren Juden, Jiddisch war die Sprache des gemeinen Volkes und der Schtetl.

Im russischen Reich entstand mit Einbruch der Moderne ein blühendes jüdisches Gemeinwesen. „Über Jahrhunderte hinweg [war] die jüdische Masse unpolitisch [geblieben], denn die Stellung im Staat - nämlich Leibeigenschaft und allgemeines Untertanentum - machte eine politische Haltung unmöglich.“ (hagalil.com). Die Juden bildeten nun viele Vereine und Parteien, die politisch sowie kulturell orientiert waren. Drei der größeren Gruppen waren die „Aufklärer“, die „Bundisten“ und die „Zionisten“. Es erwachte eine Art „jüdischer Nationalismus“, der von dem Wunsch einer „Heimkehr“ ins gelobte Land der Väter verbunden war. Theodor Herzl legte den Samen für die Idee, 1897 fand der erste Zionistenkongress statt, doch es sollte noch ein halbes Jahrhundert dauern, bis der Wunsch Wirklichkeit werden sollte. Nicht unerwähnt bleiben darf, dass als Folge der schlimmsten Verfolgungs- und Pogromzeit im russischen Reich zum Ende des 19. Jahrhunderts mehr als 2 Millionen russische Juden nach Nordamerika, Großbritannien oder nach Palästina auswanderten.

Bis 1915 existierte das Ansiedlungsrayon, auch„Tchum“ genannt, im russischen Land. Im Ersten Weltkrieg wurde das jüdische Siedlungsgebiet von der zaristischen Regierung aufgelöst. Später plante Stalin stattdessen 1928 einen eigenen Staat namens „Birobidschan“, in dem die Juden als Volk im Gebiet des Sowjetunion leben sollten. Das Jüdische Autonome Gebiet ist ein Territorium von 36.000 Quadratkilometern im Süden des Sowjetischen Fern- Ost, am rechten Rande von Chabarowsk. „Über alle Jahre hinweg, selbst unter Stalins Terrorwellen, konnten [die Juden] mehr oder weniger unbehelligt leben, mit eigenständiger sozialer und kultureller Struktur.“ (hagalil.com) Die Menschen in Birobidschan betrieben vorwiegend Landwirtschaft oder lebten von industriellen Betrieben wie der Schuh- und Strumpf-Fabrik und dem Landmaschinenbau. Die jüdische Kultur, das Theater und eine kleine Presse existierten. Nicht alle jüdischen Bürger waren freiwillig nach Birobidschan gezogen: es gab auch Zwangsumsiedlungen, andererseits kamen sogar Menschen von Übersee, um dort zu leben.

Zu Beginn des 20. Jahrhundert fand der stetig schwelende Judenhass immer wieder seinen Weg, um den Juden mit Pogromen und unzähligen Diskriminierungen das Leben schwer zu machen. 1905 erschien die Verschwörungstheorie der „Protokolle der Weisen von Zion“, die neue Nahrung für Vorurteile gegenüber Juden bot. Der Erste Weltkrieg, unter dem auch die Oktoberrevolution und die Machtergreifung der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei Russlands unter Lenin stattfand, brachte neues Leid über die gesamte russische Bevölkerung, sowie über die Juden mit sich. Die meisten verloren Hab und Gut, wurden zwangsevakuiert und lebten in solchen armen Verhältnissen, dass sie nach dem Weltkrieg nur mit Hilfe der amerikanischen Juden überleben konnten. Gleichzeitig sahen sie sich unzähligen Verfolgungen ausgesetzt: in der Ukraine trafen die jüdische Bevölkerung in den Jahren zwischen 1917 und 1922 rund 1.500 Pogrome.

„Nach der Konsolidierung der Sowjetregierung wurden jüdisches Gemeindewesen und kulturelle, soziale und religiöse Organisationen verstaatlicht oder aufgehoben, die hebräische Sprache verboten und der Zionismus mit seiner Bewegung untersagt.“ (hagalil.com). Religionsausübungen aller Art waren unerwünscht und wurden als Opposition zum Staatsregime gesehen. Christliche ebenso wie jüdische Religionslehrer oder religiöse Führer des Judentums (z.B. der Ljubawitscher Rebbe J.I. Schneerson) wurden vor sowjetische Gerichte gestellt und mit harter Zwangsarbeit bestraft.

„Der Zweite Weltkrieg brachte weitere tragische Einbrüche für das russische Judentum. Wer sich 1941, vor dem Einmarsch der NS-Truppen, nicht in den tiefen Osten retten konnte, teilte das Todesschicksal wie seine Glaubensbrüder im westlichen Europa.“ (hagalil.com). Juden wurden in Ghettos, ironischerweise „Wohnbezirke für Juden“ genannt, zusammengepfercht und gequält, erschossen, drangsaliert. Andere wurde in den Westen in die Vernichtungslager gebracht und nur wenige überlebten.

Unter Stalins Herrschaft wurden einige Bevölkerungsgruppen und Oppositionelle verfolgt, 60 % der Todesurteile betrafen jedoch Juden. Stalin und zu großen Teilen auch Berija, sein Handlanger, bekämpften auf diktatorische Art und Weise einen so genannten Kosmopolitismus, unter den sie auch den Zionismus und die „Protokolle der Weisen von Zion“ rechneten. Auf diese Art und Weise verbreiteten sie Angst und Schrecken.

Als 1958 Chruschtschow der neue Regierungschef der Sowjetunion wurde, durften die Juden für einige Jahre einen „Frühling“ erleben, in denen sie in Kunst, Kultur und Wissenschaft wichtige Positionen einnehmen konnten. Neben der verhältnismäßig großen Anerkennung wuchs auch Neid und die unterschwellig immerwährenden antijüdischen Einstellungen verstummten kaum. Inzwischen hatte es die Staatsgründung Israels gegeben und die Sowjetunion erkannte Israel als einer der ersten Staaten an. „In den nachfolgenden Jahren richtete sich die antijüdische Haltung in der Sowjetunion, - die auch Juden in anderen osteuropäischen Ländern betraf -, wegen der pro-arabischen Beziehung aller Warschauer-Pakt-Staaten, je nach der israelischen Außenpolitik.“ (hagalil.com).

Besonders in den Regierungsjahren seit Gorbatschov wurde wieder nach einer vernünftigen Lösung für Beziehungen mit Juden gesucht, die jedoch durch das starke Auftreten 'nationaler Gruppen' und der als 'Pamjat' bekannten Bewegung erschwert werden. Schon unter der Regierung Jelzins hatten sich nationale Strömungen, unter anderem die Pamjat, herausgebildet. Als „GUS-Faschisten“ verbreiteten sie durch Terror und antisemitische Ausschreitungen Angst und boten vielen Juden Anlass, das Land zu verlassen. Gorbatschov galt durch seine „Glasnost-“ und „Perestroika“-Politik als Reformer, dessen Demokratiebestrebungen in der Sowjetunion letzten Endes zu ihrem Zusammenbruch führten. Der Kalte Krieg fand ein Ende, die Mauer fiel und gleichzeitig wurde durch die Verabschiedung neuer Gesetze die legale Tür für die russischen Juden geöffnet, um in das vereinigte Deutschland auszuwandern.

An dieser Stelle beginnt der große Auswandererstrom nach Deutschland, die Vierte Welle bringt einen großen Teil der sowjetischen Juden nach Westeuropa. Mein ausführlicher Teil über die Geschichte der Juden im russischen Gebiet sollte darstellen, unter welchen historischen und immer wieder aktuellen Bedingungen die russischen Juden im östlichen Europa lebten und leben. Manches Verhalten und manche gesetzte Priorität heute haben ihren Ursprung in der historisch gewachsenen Reaktion auf die oft feindliche Umwelt. Auf die näheren Umstände in den Jahren des ausgehenden 20. Jahrhunderts möchte ich in dem nächsten Punkt genauer eingehen.

2.2 Ausgangsbedingungen der „russischen Juden“ vor der Migration

Wenn von „den russischen Juden“ die Rede ist, kann kaum von einer homogenen Gruppe die gesprochen werden. Neben einem gewissen Zusammengehörigkeitsgefühl des „Jüdisch-Seins“, das unter anderem durch einen ähnlichen soziokulturellen Hintergrund evoziert wird, dürfen die individuellen Unterschiede nicht vernachlässigt werden. „Die Migranten kommen aus den unterschiedlichsten Regionen eines Vielvölkerstaates, der bis 1991 noch fast fünfmal größer als das restliche Europa war. Sie sind trotz insgesamt starker 'Russifizierung/Sowjetisierung' durch verschiedene Umgebungskulturen, Landschaften, Orte, Lebensweisen, Berufe und Familienstrukturen geprägt.“ (Kessler, 1996). Der letztendliche Zerfall der Sowjetunion bringt zudem wachsende soziale und ethnische Konflikte mit sich, die unter anderem zu Diskriminierungen von Minderheiten, wie der jüdischen Bevölkerungsgruppe führen. Dieses Ereignis fällt in die Zeit, in der den sowjetischen Juden die Chance geboten wird, nach Deutschland auszuwandern. Die regelmäßigen Anfeindungen sind sicherlich ein Aspekt im Leben der jüdischen Menschen in der ehemaligen Sowjetunion, daneben spielen jedoch andere politische und historische, sowie soziale und ökonomische Aspekte ihre Rolle.

2.2.1 Historische und politische Aspekte

Die jüdische Geschichte ist geprägt von Flucht und Migration- Mobilität war eine der Eigenschaften, die viele Juden vor dem Tod bewahrt hat. Auch im russischen Gebiet sorgte die immer wieder aufflackernde antisemitische Stimmung dafür, dass Familien sich aufmachten, um ein ruhiges, friedliches Leben in einem anderen Land zu suchen. Der Staatsantisemitismus, der vonseiten der Regierenden ausging, hatte sich um die 90er Jahre gelegt. Nichtsdestotrotz gewann der Volksantisemitismus an Fahrtwind: die Minderheiten und darunter auch die jüdische jat), die um das „Überleben der weißen Rasse“ kämpften, zu leiden. „Übergriffe auf jüdische Intellektuelle, Pogromankündigungen ('Nacht der langen Messer' usw.), antijüdische Versammlungen und Publikationen, 'Judenlisten' und Schmierereien in Hausfluren und an Briefkästen sind in allen Gesellschaftsschichten wieder salonfähig (...)“ (taz 12.2.90 und 24.4.90 bei Kessler, 1996). Möglicherweise hatten sich die meisten Juden an den „kleinen alltäglichen Antisemitismus“ gewöhnt, doch „daß antisemitische Diskriminierungen keine strafrechtlichen Konsequenzen und rechtsradikale Gruppierungen gerade unter den Angehörigen der Miliz und jungen Menschen zahlreiche Anhänger haben“, verbreitet Angst und Unsicherheit um die eigene Existenz (Kessler, 1996).

Gleichzeitig bestand eine hohe Binnenmigration in der Sowjetunion selbst, die wandergewohnten Juden zogen am liebsten in die großen Städte, in denen sie sich größere Chancen auf Bildung und Teilhabe erhofften. Zu früheren Zeiten hingegen wurde diese Mobilität von Stalin und seinen Untergebenen erzwungen. Vor 1941 geborene Kohorten mussten zu 80% ihren Geburtsort verlassen: dies geschah aufgrund von Evakuierungsmaßnahmen, in denen sie aus dem europäischen Teil der Sowjetunion nach Kasachstan, Usbekistan, Aserbaidschan oder Sibirien verbannt wurden. Auch Flucht und Deportationen während des Zweiten Weltkriegs zählen in diese Angabe mit hinein.

Noch zu Stalins Zeiten mussten jüdische Schulen geschlossen werden, was die jiddische und hebräische Sprache in den russischen Gebieten nahezu zum Aussterben brachte. Hatten 1897 noch 96,9% aller Juden im zaristischen Russland Jiddisch als ihre Muttersprache bezeichneten, waren es 1979 nur noch 14%. Russisch wurde zur Erstsprache. (vlg. Vetter (1992) bei Kessler, 1996) Dies betrifft vor allem die unter 60- Jährigen, während die vor dem 2. Weltkrieg Geborenen häufig größere Sprachkompetenzen besitzen, da sie in ausschließlich jüdischen Familien aufwuchsen.

Obwohl diverse Anpassungsbestrebungen vonseiten der sowjetischen Juden gegeben waren, konnten sie ihre „jüdische Herkunft“ nicht so leicht hinter sich lassen. In der ehemaligen Sowjetunion bis heute in den GUS-Staaten gelten Juden nicht der Religion nach als jüdisch, sondern ihre jüdische Nationalität bestimmt ihr „Jüdisch-Sein“. Wer aus bestimmten Gründen seine Eintragung als Jude im Pass herausnehmen konnte, wurde darauf nicht unbedingt als Nicht-Jude angenommen, sondern war den antijüdischen Repressalien oftmals weiterhin ausgesetzt. (Kessler, 1996). Ökonomische und politische Integration bedeutete keineswegs soziale und politische Anerkennung. Wie eine jüdische Identität in der ehemaligen Sowjetunion ausgesehen haben mag und ob man von einer einheitlichen Identität sprechen kann, werde ich unter dem dazugehörigen Punkt 2.3.2 näher erläutern.

2.2.2 Soziale, religiöse und ökonomische Aspekte

Die sozialistische Regelung des Staates, die regionale Gebiete ebenso plante wie sie dafür sorgte, dass niemand arbeitslos sein musste (Arbeitslosigkeit war eine Zeitlang strafbar), erlaubte den Juden zu bestimmten Zeiten nur bestimmte Berufszweige zu erlernen. Die Gleichberechtigung von Mann und Frau stand im beruflichen Zusammenhang an oberster Stelle: allerdings bedeutete diese „neben Karrierechancen in aller Regel eine doppelte Belastung durch Beruf und Familie“. (Kessler, 1996). Den älteren Menschen ging es ökonomisch gesehen schlecht, ohne einen Zuverdienst war das monatliche Überleben nicht gesichert. Im medizinischen Bereich war die Versorgung oft wenig gewährleistet: Medikamente und nötige medizinische Instrumente waren entweder nicht vorhanden oder wären vorhanden, wenn sie nicht von dem medizinischem Personal anderweitig verkauft worden wären. Korruption spielte und spielt eine große Rolle und wer finanziell gut gestellt ist, kann sich auf diese Art und Weise helfen. Diese Zustände sind sicherlich auch heute noch in allen ehemaligen Sowjetstaaten ähnlich und betreffen somit nicht nur die jüdische Bevölkerung. In manchen Gegenden werden jedoch besonders Juden in diesen notwendigen Dingen benachteiligt.

Gleichzeitig hat die kollektive Geschichte von Segregation, Armut und Verfolgung die jüdische Gemeinschaft zusammengehalten: die Familie ist eine der wichtigsten und intensivsten Bindungen bei den Juden. Und in diesem Rahmen haben rudimentäre Ansätze des jüdischen Glaubens überleben können. Manch einer erinnert sich an die jüdisch lebenden Großeltern, andere behalten jiddische Worte bei und die Liebe oder Notwendigkeit, zu lernen und berufsmäßig das Höchste zu erreichen, gehört ebenfalls zu einer jüdischen Erziehung dazu. So ist die „Intelligenzija“ entstanden: in der ehemaligen Sowjetunion gehörten viele jüdische Bürger zu den führenden Wissenschaftlern, sie waren Teil der bildenden Berufe und nicht wenige waren im künstlerisch-musikalischen Bereich tätig.

Im Kommunismus der Sowjetunion nahm „der Staat“ sich die Macht, gewisse Lebensläufe vorzugeben und eine starke Reglementierung der Lebensabläufe in Gang zu setzen. Im Sinne dessen, dass Religion das Opium des Volkes wäre, wurden daneben Religionsausübung und Glaubensbekenntnisse nicht gern gesehen und mit Misstrauen beobachtet. Diese Einstellung führte soweit, dass eine freie Meinung und Lebenseinstellung unter anderem in Glaubensangelegenheiten unerwünscht war. Die an Marx und Lenin orientierte Staatsideologie beschnitt jegliches jüdisches Glaubensleben: die wenigsten russischen Juden haben heute (und ebenso wenig die Zuwanderer vor zwanzig Jahren) noch einen religiösen Hintergrund. Nach 1973 standen zur Betreuung der etwa 3 Millionen Juden in der Sowjetunion 3 Rabbiner zur Verfügung, „sofern von Betreuung die Rede sein kann und sofern die Behörden eine Betreuung überhaupt zuließen.“ (Kauders, 2007: S.204). „So übernahmen sie die Werte und Normen der sowjetischen Gesellschaft auch deshalb, weil ihnen das Regime verbot, jüdisch zu leben. In den Augen der Machthaber sowie weiter Kreise der Bevölkerung änderte sich jedoch nichts an ihrem Außenseiterdasein.“ Den Zustand der Weigerung, kulturell angepasste Juden als gleichwertige Mitglieder der Gesellschaft anzusehen, bezeichnet Kauders als „Akkulturation ohne Assimilation“. (ebd. S.204) Somit entsteht ein Widerspruch zwischen der angeblichen Partizipation am gesellschaftlichen Leben und der gefühlten Teilhabe.

2.3 Identität - ein Definitionsversuch

Identität kann in keine feste Form gepresst werden, sie passt in keine Schublade und sie ist kein starr entworfenes Selbstbild, sondern im Zusammenhang und im Interaktionsprozess zu ihrer Umgebung wird die Identität immer wieder neu definiert und gefunden. Nach Krappmann stellt die Präsentation der eigenen Identität einen kreativen Akt dar, der im Hinblick auf die aktuelle Situation und dem kommunikativen Gegenüber, angepasst wird. (Krappmann, 2000 bei Skowronski, 2010: S.5) Hinzukommt der grundlegende Begriff der „Ich-Identität“: „Die Identität, die aus der reflektierten Balance zwischen persönlicher Identität, der biographischen Einzigartigkeit des Individuums, und sozialer Identität, des Musters der Reaktionen auf tatsächliche oder unterstellte Erwartungen, erfahren wird, nennt Krappmann mit Erikson Ich- Identität“. (Abels, 2006: S.438). Hierbei spielen die Lebensgeschichte und die daraus resultierenden Erfahrungen eine tragende Rolle. Diese befinden sich jedoch täglich im Wandel. Somit ist die Ich-Identität nicht im festen Besitz des Individuums.

Nicht unbeachtet bleiben dürfen die Erwartungen, denen das Individuum in einer Gesellschaft ausgesetzt ist. Abels unterscheidet zwischen dem ascribed (zugeschriebenen) und dem achieved (erworbenen) Status. „Der ascribed status resultiert aus kulturellen Annahmen über die Bedeutung von Alter, Geschlecht, Herkunft und ähnlichem, der achieved status beruht dagegen auf individueller Leistung.“ (Abels, 2006: S.349). Während der erworbene Status Rollen beinhaltet, die der Mensch selbst einnimmt (beispielsweise den Beruf), ist der zugeschriebene Status ein Teil der sozialen Identität, „denn Zuschreibungen verorten und bewerten des Individuum und definieren durch entsprechende Erwartungen an sein Verhalten auch das Bild, das es von sich selbst hat oder haben sollte.“ (Abels, ebd.)

2.3.1 Ethnizität- ein Definitionsversuch

Neben dem individuellen Identitätsansatz kann von gewissen Anhaltspunkten einer kollektiven Identität, eines ethnischen Verständnisses gesprochen werden. Im Lexikon der Bundeszentrale zur politischen Bildung wird „Ethnizität“ folgendermaßen beschrieben:

Ethnizität stammt von dem griechischen Wort „ethnos“ und bedeutet Volk. Ethnizität bezeichnet die individuell empfundene Zugehörigkeit zu einer Volksgruppe, deren gemeinsame Merkmale ihre Sprache, Religion oder eine gemeinsame Tradition sein können.

Ethnizität ist ein dynamischer Prozess einer kulturellen Differenzierung von Bevölkerungsgruppen, welcher durch Fremd- und Selbstzuschreibungen spezifischer Traditionen vonstatten geht. Hierbei werden die Gemeinsamkeiten dieser Gruppe von den anderen abgegrenzt: so gehören zu einer ethnischen Gruppe Menschen, die das Gefühl haben, aufgrund von Merkmalen zusammenzugehören, die ihren Mitgliedern „von Geburt her gegeben“ sind - Merkmale wie gemeinsame Herkunft, Sprache oder auch Hautfarbe. In diesem Sinne ist die ethnische Identität das Bewusstsein, dieser oder jener Gruppe per Geburt anzugehören. Hierbei ist der „cultural stuff“, mit dem die ethnische Identität konstruiert wird wandelbar und die Gruppenzugehörigkeit deshalb nicht per Geburt festgeschrieben. (vgl. Treibel, 2008: S.187)

2.3.2 Jüdische Identitätsansätze und ethnische Aspekte in der ehemaligen Sowjetunion

„Wenn die meisten Zuwanderer sagen, daß das für sie eine Nationalität ist und keine Religion, dann müssen wir das erst einmal so hinnehmen. Es ist die sowjetische Definition, damit haben sie gelebt und aus einem Atheisten einen Religiösen machen zu wollen, ist absurd. Die Menschen sind jüdisch, weil es so in ihrem Paß steht, das war ihre 'Identität', sie sind mit Nichtjuden verheiratet, wissen kaum etwas über unsere Traditionen- trotzdem sind sie Juden.“ (Kessler)

Die eingangs zitierten Zeilen von Judith Kessler fassen die Grundlage aller sowjetischen Identitätsansätze zusammen: Jüdisch zu sein bedeutete, einer Nationalität anzugehören. Somit wurde die Identität stark an die ethnischen Voraussetzungen gebunden. Das atheistische Sowjetregime verstärkte den ethnischen Aspekt durch Verbote, die jegliche religiöse Ambitionen unterbanden. „(...)Es wurde ihnen gezeigt, daß auch eine Hinwendung zum Judentum negative Folgen für die Biographie haben würde und weiter wurde die Erhaltung des Judentums staatlich massiv behindert.“ (Kessler).

In der ehemaligen Sowjetunion wurde es der jüdischen Bevölkerung, die Jahrhunderte zuvor für die Religiosität in den osteuropäischen Schtetl bekannt gewesen war, schwer gemacht, die jüdischen Traditionen zu leben. Das, was als jüdisch gegolten hatte, wurde verboten: die Ausübung der Religion, der Traditionen und sogar die gemeinsame Sprache. „Die Juden gelten als die mit Abstand sprachlich am stärksten russifizierte Ethnie in der UdSSR.“ (Kessler, 1996).

„Die sowjetische Nationalitätenpolitik, der jahrzehntelange dogmatische Atheismus, die Abwanderung von Juden aus ihren abgestammten Gebieten in die großen Industriezentren führten zu Kultur- und Identitätsverlusten und zu einer Assimilation an die jeweilige Umgebung.“ Das Ziel der Sowjetregierung, die verschiedenen Völker und Ethnien unter einer Ideologie und mit einer gemeinsamen, der russischen Sprache zu vereinen, ist im Falle der Juden fast gelungen. Obwohl die ethnischen Merkmale nach und nach von der jüdischen Bevölkerung abgelegt worden waren, begegnete man ihnen dennoch abneigend und schrieb ihnen negative Attribute zu. Die Reaktion darauf war die äußere Anpassung auf der einen Seite, während die familiären Bindungen besonders gefördert und gefestigt wurden.

Der „fünfte Punkt“ in ihrem Pass wies sie als Juden aus: er zog oftmals Konsequenzen im beruflichen und privaten Bereich nach sich, aber Assimilationsbestrebungen wurden nicht angenommen. Wenn jedoch die Nationalität beider Eltern sich unterschied, konnte das Kind nach Vollendung des 16. Lebensjahres mit dem Erhalt des eigenen Ausweises entscheiden, welcher Nationalität es angehören möchte. Folglich haben viele junge Menschen sich für die Nationalität des nichtjüdischen Elternteils entschieden, denn diese musste neben dem Ausweis auch in anderen Dokumenten und zu verschiedenen Gelegenheiten angegeben werden.

Franziska Becker beschrieb in einem narrativen Interview mit einer Jüdin aus der ehemaligen Sowjetunion einige Erwartungen, die vonseiten der sowjetischen Bevölkerung den jüdischen Mitbürgern entgegengebracht wurden. Sobald eine Abweichung vom normalen Alltag stattfand (sei es durch Krankheit oder Umzug), wurde den Juden die „verräterische Auswanderung“ nach Israel unterstellt. Juden traute man nicht über den Weg, vermutete hinter harmlosen Handlungen Verschwörungen, die nicht zuletzt durch das Lügenbuch „Die Protokolle der Weisen von Zion“ verbreitet wurden. Gleichzeitig schürte die gehobene Bildung vieler Juden in der Bevölkerung den Neid und wirtschaftliche Erfolge auf jüdischer Seite wurde mit Missgunst betrachtet.

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Ende der Leseprobe aus 97 Seiten

Details

Titel
Soziale Arbeit in jüdischen Gemeinden
Untertitel
Am Beispiel von Juden aus der ehemaligen Sowjetunion in Hannover
Hochschule
Hochschule Hannover
Note
1,3
Autor
Jahr
2010
Seiten
97
Katalognummer
V164599
ISBN (eBook)
9783640797899
ISBN (Buch)
9783640798018
Dateigröße
1563 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Soziale, Arbeit, Jüdischen, Gemeinden, Beispiel, Juden, Sowjetunion, Hannover
Arbeit zitieren
Marianna Kalifa (Autor:in), 2010, Soziale Arbeit in jüdischen Gemeinden, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/164599

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