Die nationale Problematik in Tolstojs "Vojna i mir"


Hausarbeit (Hauptseminar), 2000

38 Seiten, Note: 1.0


Leseprobe

Gliederung

I. Die nationale Idee, Russland und Tolstoj
1. Aufgabenstellung und Vorgehensweise
2. Die nationale Idee und Russland
3. Die nationale Idee und die Zeit Tolstojs

II. Auftreten der nationalen Problematik in „Vojna i mir“
1. Nationale Orientierungspunkte
a) Monarch
b) Reich
c) Grund und Boden und die Hauptstadt
d) Religion
e) Sprache
f) Volkszugehörigkeit
2. Darstellung der verschiedenen Volksgruppen
A) Charakterisierung der nicht-russischen Volksgruppen
a) Die Deutschen
b) Die Österreicher
c) Die Polen
d) Die Franzosen
B) Darstellung der Russen
a) Der französisierte Adel
b) Der volksverbundene Adel
c) Das einfache Volk

III. Tolstojs nationaler Gedanke in „Vojna i mir“
1. Das russische Volk und der Westen
a) Krieg als elementarer Gegensatz von russischem Volk und dem Westen
b) Die Macht des einfachen Volkes im Kampf gegen den Westen
c) Das Ideal des einfachen Russischen
2. Die rechte Herrschaft im Einklang mit dem Ideal des einfachen Russischen
a) Tolstojs Vorstellung von Herrschaft
b) Die Dekabristenfrage
3. Tolstojs Bewertung des nationalen Gedankens im Roman und nach seiner Neuorientierung

IV. Zusammenfassung

I. Die nationale Idee, Russland und Tolstoj

1. Aufgabenstellung und Vorgehensweise

Auf den nationalen Aspekt in Tolstojs Roman „Vojna i mir“ ist verschiedentlich hingewiesen worden: im allgemeinen wird der Roman als Beispiel für die national-patriotische Gesinnung Tolstojs und seine kritische Haltung gegenüber dem Westen während der zweiten Schaffensperiode des Autors genannt.[1] Trotz der offensichtlichen Bedeutung für den Roman ist sein nationaler Aspekt jedoch kaum umfassend untersucht worden. Diese Arbeit zur nationalen Problematik in „Vojna i mir“ wird deshalb kaum auf schon vorliegende Ergebnisse zurückgreifen können: vielmehr soll das Thema möglichst nahe am Text erörtert werden. Die Fragenkomplexe nach dem Auftreten des Nationalen im Roman und der mit ihm verknüpften Aussage werden dabei im Mittelpunkt stehen.

Bei der Untersuchung möchte ich nun wie folgt vorgehen. In diesem einleitenden ersten Teil sollen in aller Kürze Teilaspekte in der Entwicklung der russischen nationalen Idee bis ins 19. Jahrhundert hervorgehoben werden. Der Zeitraum ab Beginn der Napoleonischen Kriege wird dabei wegen seiner direkten Relevanz für den Roman und seinen Autor besonders berücksichtigt werden müssen. Der zweite Teil wird sich mit Auftreten und Darstellung des Nationalen in „Vojna i mir“ befassen. Zum einen sollen hier die von Tolstoj beschriebenen Orientierungspunkte für nationale Gefühle aufgezeigt werden, zum anderen die unterschiedlichen Charakterisierungen der im Roman erscheinenden Volksgruppen. Den Russen, bei denen drei getrennte Gruppen auszumachen sind, muss dabei ein gesonderter Abschnitt gewidmet werden. Im dritten Teil soll schließlich herausgearbeitet werden, welche Aussagen im thematischen Bereich der nationalen Problematik Tolstoj mit seiner Darstellung verknüpft. Dabei wird auf Tolstojs Bewertung vom Westen, von Russland und vom einfachen Volk genauso einzugehen sein wie auf seine Vorstellung von der rechten Herrschaft in der Nation.

2. Die nationale Idee und Russland

Was aber ist eine „Nation“ und ab wann kann man von einem „Nationalbewusstsein“ sprechen? Diese Fragen sind schon vielfach gestellt und auf vielerlei verschiedene Weise beantwortet worden, auf die hier nicht eingegangen werden kann.[2] Doch scheinen bei der zum Teil kontroversen Diskussion die Aspekte Staat (und Herrschaft allgemein), Volk (Mythos eines gemeinsamen Ursprungs), Kultur (Sprache, Religion, Bräuche, nationale Symbole) und Wirtschaft unumgänglich zu sein. Zudem ist es wohl unumstritten, dass es die Französische Revolution und die nachfolgenden Napoleonischen Kriege waren, die der Idee der Nation und dem politischen Ideal des Nationalstaats den entscheidenden Auftrieb und letztlich eine derartige Verbreitung gaben, dass sie zum bis heute dominierenden Staatsmodell wurden.

Auch in Russland stellt der Krieg gegen Napoleons Grande Armée wohl einen Wendepunkt in der staatspolitischen Bewertung des nationalen Aspekts dar.[3] Wenn auch in der sogenannten proto-nationalistischen Phase ein Bewusstsein nationaler Zusammengehörigkeit im Volk wohl ansatzweise schon vorhanden war - vor allem über die gemeinsame Religion und das Bewusstsein, dem einen rechtgläubigen Herrscher zu unterstehen, sowie über die mystische Verklärung des russischen Bodens („Svjataja Rus´“) -, so war der nationale Gedanke doch nie das die Politik dominierende Element. Die offizielle Bezeichnung „Vaterländischer Krieg“ für den Krieg gegen Napoleon hingegen verdeutlicht die neue Stellung des Nationalen im zaristischen Russland: nicht mehr die Interessen des Herrschers sollen im Vordergrund stehen; vielmehr wird der Krieg im Interesse all derer gesehen, die sich dem russischen Vaterlande zugehörig fühlen. Trotzdem wird insbesondere der Zar - und weniger die Volksgruppe - als Oberhaupt von Staat und Kirche zum zentralen Orientierungspunkt dieses wachsenden Nationalgefühls, was im Vielvölkerstaat Russland die Integration ethnischer Minderheiten weiterhin ermöglicht.

Der moderne russische Nationalismus ist also zunächst als konservative Ideologie zu verstehen, die ganz im Gegensatz zum übrigen Europa keinen revolutionären Charakter hat, sondern die bestehenden politischen Verhältnisse zum allgemein stützenswerten Ideal erhebt. In der umstürzlerischen Dekabristenbewegung verschiebt sich die nationale Orientierung allerdings vom Herrscher auf das russische Volk, dessen Bedeutung später durch Slavophile, Narodniki und Počvenniki noch aufgewertet wird. Schon in den 30er Jahren des 19. Jahrhunderts gelangt der Begriff der „narodnost´“ - freilich gekoppelt mit denen der Orthodoxie und Autokratie - in Uvarovs Programm zur Modernisierung und Stabilisierung des Staates: so erhält auch das „offizielle Nationalbewusstsein“ neben den schon vorhandenen und miteinander verknüpften herrschaftlichen und religiösen Aspekten ein völkisch-russisches Element. Dieses Nationalbewusstsein stützt sich zudem auf den verbreiteten Gedanken der Überlegenheit Russlands gegenüber dem „untergehenden Westen“, dessen ideeller Einfluss - wie er sich in liberalen Kreisen zeigt - verringert werden soll.[4]

3. Die nationale Idee und die Zeit Tolstojs

Uvarovs Programm fällt in die Zeit der Regentschaft von Zar Nikolaj I. Sein Ziel, einen autokratischen Einheitsstaat zu schaffen, bestimmt die russische Politik bis 1855 und ist besonders an den verstärkten Russifizierungsbestrebungen abzulesen:[5] gewissermaßen soll das Ideal der Nationalstaatlichkeit einerseits durch Propagierung russisch-nationaler Werte, andererseits durch Zwangsintegration von Juden, Polen u.a. erreicht werden. Zu Tolstojs Lebzeiten steigt somit das Nationalgefühl in Russland wie in Europa allgemein (vom Völkerfrühling 1848 bis zum Deutsch-Französischen Krieg 1870/1) zu einem neuen Höhepunkt. Gerade in Russland verstärkt der Krim-Krieg gegen das Osmanische Reich und die Westmächte wie auch der von Frankreich gestützte Polen-Aufstand von 1863 sowohl den Nationalismus als auch die ablehnende Haltung gegenüber dem Westen. So verfasst u.a. der Slavophile Katkov mehrere Artikel im Sinne eines „radikalen großrussischen Chauvinismus“[6] für seine Zeitschrift „Russkij Vestnik“, in dem schon bald darauf „Vojna i mir“ erscheinen wird.

Wenn nun in Tolstojs Roman dem Nationalen - angefangen von nationalen Orientierungspunkten bis hin zur Gegenüberstellung von Russland und dem Westen - besondere Beachtung zukommt, dann steckt der Keim hierfür wohl in zwei Epochen: derjenigen, in der der Roman spielt, und der Zeit seiner Abfassung. Doch soll diese Feststellung keineswegs die Behandlung des Nationalen in „Vojna i mir“ auf ein Produkt seiner Zeit reduzieren: gerade dieses Thema wird von Tolstoj weit differenzierter und auch kritischer behandelt als von vielen seiner Zeitgenossen.

II. Auftreten der nationalen Problematik in „Vojna i mir“

Die nationale Problematik tritt in „Vojna i mir“ auf zweierlei Weise in Erscheinung. Zum einen gibt Tolstoj an, woran sich der Einzelne orientiert, so dass er sich als Teil einer Nation fühlt (nationale Orientierungspunkte). Zum anderen charakterisiert Tolstoj Einzelpersonen aufgrund ihrer Zugehörigkeit zu einer bestimmten Nation (Volkscharaktere), wobei er die fremden westlichen Nationalitäten den Russen kontrastiv gegenüberstellt. Die Darstellung des Fremden und des Eigenen soll in den Abschnitten zwei und drei dieses zweiten Teils behandelt werden. Vorher möchte ich aber auf die im Roman genannten nationalen Orientierungspunkte eingehen. Für jeden dieser Punkte werde ich Nachweise aus dem Text bringen, auf seine unterschiedlichen Aspekte und seine Relevanz für bestimmte Gruppen und Personen hinweisen, sowie Tolstojs eigene Position aus „Vojna i mir“ herauszulesen versuchen.

1. Nationale Orientierungspunkte

a) Monarch

Der Monarch ist der offensichtlichste nationale Orientierungspunkt in „Vojna i mir“: monarchistische Gedanken und Handlungen der Figuren durchziehen den Roman vom ersten Kapitel (in Anna Pavlovna Šerers[7] prophetisch anmutenden Diskurs zur politischen Situation Europas und der hohen Bestimmung „unseres lieben Imperators“) bis zum Streitgespräch zwischen Nikolaj Rostov und P´er Bezuchov im Epilog.

Drei Aspekte scheinen im Roman für eine nationale Orientierung am Herrscher charakteristisch zu sein. Erstens erfasst sie unterschiedliche Volksgruppen, sogar unterschiedliche Nationen, die sich willig dem einen Herrscher unterstellen: der Monarch tritt also als übernationale Integrationsfigur auf. Gerade für die Vielvölkerstaaten Russland und Österreich (aber auch für die aus verschiedenen Nationalitäten zusammengewürfelte Grande Armée) ist dies von Bedeutung.[8] Als Beispiele sind neben den deutschen Soldaten niederen Ranges im russischen Heer (wie der deutsche Oberst, der zum Sterben für den Zaren bereit ist in I-I-16[9] ) natürlich die polnischen Ulanen zu nennen (III-I-2), die wie Kinder darum betteln, in einer sinnlosen Aktion vor den Augen Napoleons ihr Leben aufs Spiel setzen zu dürfen.

Dies führt uns zum zweiten Aspekt des Monarchismus: der völligen Aufgabe aller Rationalität im monarchistischen Rausch.

„[Nikolaj Rostov] čuvstvoval, čto ot odnogo slova ėtogo čeloveka [Aleksandra I] zaviselo to, čtoby vsja gromada ėta (i on, svjazannyj s nej, - ničtožnaja pesčinka) pošla by v ogon´ i v vodu, na prestuplenie, na smert´ ili na veličajšee gerojstvo, i potomu-to ne mog ne trepetat´ i ne zamirat´ pri vide ėtogo približajušegosja slova.“ (I-III-8)

Eine solche Irrationalität gilt nicht nur für den einfachen Soldaten. Selbst die Adeligen und Kaufleute weisen bei ihrer Versammlung in Petersburg jegliches Denken - sei es auch lediglich die von P´er geforderte Information über die Fakten - weit von sich und dem Zaren zu ... nur um sich in einer ruhigeren Stunde zu wundern, was sie da angerichtet haben („i udivljalis´ tomu, čto oni nadelali“, III-I-23).

Während die ersten beiden Aspekte gleichermaßen auf die Verehrung Aleksandrs I., des österreichischen Kaisers Franz (I-III-8) wie auf die Napoleons zutreffen, findet sich der dritte Aspekt, die Verbindung des Monarchismus mit dem Religiösen, in Tolstojs Darstellung ausschließlich auf russischer Seite. Diese Verbindung ist gewissermaßen doppelt: einerseits wird der Zar ins Göttliche erhöht (so nennt man ihn in Moskau einen „angel vo ploti“, II-I-2); Napoleon andererseits wird als Antichrist und „vrag roda čelovečeskogo“ (z.B. in II-II-8 und 9, III-I-22) bezeichnet.

Die starke Orientierung am Herrscher ist insbesondere charakteristisch für die niederrangigen Fremdsoldaten im Heer (Ulanen, Deutsche). Speziell auf russischer Seite ist sie vor allem in Moskau (im Gegensatz zu Petersburg, III-II-17) und dort bei den Rostovs zu finden (vgl. das Verlesen des Zarenmanifestes in III-I-20), unter denen natürlich Pet´ka und Nikolaj Rostov wiederum herausstechen. Bei den beiden Rostov-Brüdern erscheint auch Tolstojs kritische Haltung gegenüber dem übertriebenen Monarchismus seiner Zeit am deutlichsten: so schlägt sich Pet´ja - ohne recht zu wissen, warum - mit einer Alten um einen Biskuit, den Aleksandr I. in die Menge geworfen hat (III-I-21). Bei Nikolaj zieht Tolstoj den Monarchismus regelrecht ins Lächerliche. Die feurig-aggressiven Worte des betrunkenen Husaren über die Unergründlichkeit der Wege des Zaren schließen mit den Worten:

„- Naše delo ispolnit´ svoj dolg, rubit´sja i ne dumat´, vot i vse [...].
- I pit´, - skazal odin iz oficerov, ne želavšij ssorit´sja.
- Da, i pit´, - podchvatil Nikolaj. - Ė j ty! Ešče butylku! - kriknul on.“ (II-II-21)

b) Reich

„Angličanin samouveren na tom osnovanii, čto on est´ graždanin blagoustroennejšego v mire gosudarstva“ (III-I-10): für Tolstoj verkörpert also der Engländer den Prototypen für eine nationale Orientierung am Reich. Im Engländer armen „Vojna i mir“ aber ist das Reich - also das politische Staatsgebilde mit seiner die Landesgrenzen auch überschreitenden Macht - ein eher untergeordneter nationaler Orientierungspunkt. Das gilt umso mehr, als der Begriff des Reiches in Monarchien (besonders natürlich absolutistischen) zwangsläufig mit dem des schon besprochenen Monarchismus verknüpft ist und so ein reichspatriotisches Nationalgefühl leicht mit Monarchismus verschmelzen kann. Erwähnenswert ist dieser Orientierungspunkt jedoch insofern, als dass die Zeit während und nach den napoleonischen Kriegen im allgemeinen als Zeit des Imperialismus bezeichnet wird. Die Idee der Ausweitung des eigenen Machtbereiches im imperialistischen Sinne und mit militärischen Mitteln tritt dann auch in „Vojna i mir“ in Erscheinung, und zwar vor allem bei Napoleon selbst. „Paris eût été la capitale du monde, et les Français l’envie des nations!“, schreibt er in seiner Verteidigungsschrift, die vom Erzähler kritisch hinterfragt wird (III-II-38).

Tolstojs eigene Meinung zu Imperialismus und insbesondere dem Mittel des Krieges wird schon früher in einem der traktatartigen Kapitel deutlich: „12 ijunja sily Zapadnoj Evropy perešli granicy Rossii, i načalas´ vojna, to est´ protivnoe čelovečeskomu razumu i vsej čelovečeskoj prirode sobytie“ (III-I-1). Auf der russischen Seite der Verteidiger finden sich imperialistische Ambitionen denn auch höchstens beim Zaren, der den Feind letztlich bis nach Paris verfolgt. Dem eigentlichen Gegenspieler Napoleons hingegen, Kutuzov, liegen solche Gedanken fern: nach der Vertreibung Napoleons vom russischen Boden sieht er sein Ziel erreicht und stirbt in Frieden (IV-IV-11).

c) Grund und Boden und die Hauptstadt

Ganz in diesem Kutuzovschen Sinne tritt in „Vojna i mir“ die geographische Orientierung an Grund und Boden stärker und positiver in Erscheinung als die politische Orientierung am Reich. Die angestammten Orte werden dabei nicht nur als rechtmäßiger Besitz aufgefasst, sondern den Menschen verbindet eine innige Liebe mit seiner Heimat und der Erde, die ihn nährt. Zu Tolstojs Zeit machte die russisch-nationalgesinnte Bewegung der Počvenniki um Dostoevskij diese Verbundenheit von Mensch und russischem Boden zu einem ihrer Grundgedanken.[10] So ist auch in „Vojna i mir“ die Verwurzelung der Menschen mit ihrem Grund und Boden ein speziell russisches Phänomen, das im allgemeinen über den Begriff der „Svjataja Rus´“ sogar noch religiöse Züge bekommt. Was für eine Kraft von dieser Verwurzelung ausgeht, scheint Andrej Bolkonskij in sich selbst und im Kampfesgeist der russischen Soldaten verspürt zu haben als sie - wie er zurückblickend berichtet - um Smolensk und damit „zum ersten Mal ... um russische Erde“ kämpften (III-II-25). Es ist eine Kraft, die Andrejs Auffassung nach der deutsche Oberbefehlshaber de Tolli schlichtweg nicht wahrnehmen kann, da ihm die innere Anbindung an den zu verteidigenden Grund und Boden fehlt.

Eine Stellung von besonders hoher Symbolik für die Verbindung zwischen den Russen und ihrem Land nimmt die Hauptstadt Moskau ein. Das wird im Falle ihrer Bedrohung besonders deutlich: die emotional aufgeladene Frage nach der kampflosen Aufgabe der „heiligen und altehrwürdigen Hauptstadt Russlands“ kann erst von Kutuzov wieder als rationale militärische Abwägung von Verlusten und Gewinnen gefasst werden (III-III-4). Auch ist es beim Verlassen der Stadt nötig, tröstend festzustellen: „Rossija ne v Moskve, ona v serdcach ee synov!“ (was bei dem hier zitierten Berg freilich zur reinen Floskel verkommt: III-III-16). Doch ist auch umgedreht Russland vor allem in Moskau, das das Herzstück des Landes bildet, zu dem nach Napoleons Abzug schon bald die verschiedensten Bürger zurückströmen „wie das Blut zum Herzen“ (IV-IV-14). Napoleon scheint intuitiv die Bedeutung Moskaus zu erkennen: er nennt die Stadt stets „Moscou la sainte“ und wähnt sich hier am Ziel seines Feldzuges (III-III-19). Dies lässt sich dadurch erklären, dass der Symbolgehalt von Paris für Franzosen in „Vojna i mir“ ein ähnlicher ist. Paris als nationaler Orientierungspunkt ist jedoch nicht mit der natürlichen Heimatverwachsenheit der Russen, die in Moskau eine Art Fluchtpunkt hat und von Tolstoj positiv bewertet wird, zu verwechseln. Die Aussage des französischen Offiziers Ramball: „Un homme qui ne connaît pas Paris, est un sauvage“ (III-III-29) steht im Gegensatz zu den geradezu romantischen Herz-Metaphern zu Russland und Moskau: die französische Heimatliebe ist somit von der Überheblichkeit gekennzeichnet, die auch Tolstojs Hauptangriffspunkt bei seiner allgemeinen Kritik des Westens ist. Auf sie soll später noch eingegangen werden (s. I.2.A.e).

d) Religion

In Prozessen der Nationsbildung scheint der Religion (besonders der christlichen und natürlich einer Staatsreligion) eine vorrangige Rolle zuzukommen.[11] In „Vojna i mir“ tritt die Orthodoxie als wichtiger nationaler Orientierungspunkt der Russen in Erscheinung, und zwar auf zweierlei Weise: einmal als staatlich eingebundene Kirchlichkeit, zum anderen als natürliche Volksreligiosität. Die Kirche ist als staatliche Institution sehr auf den Staat und die Monarchie als seine politische Ordnung ausgerichtet. Denn die orthodoxe Kirche, der von ihr gesalbte Herrscher und die ihm anbefohlene Nation bilden eine untrennbare, gottgewollte Einheit, an deren Spitze der Imperator steht.[12] Das von der Synode verbreitete Gebet „o spasenii Rossii ot vražeskogo našestvija“ (III-I-18) bittet somit vor allen Dingen für den Zaren, für „sein Heer“ und „seinen Sieg“ über den gottlosen Feind.

Die schon erwähnte Verherrlichung Aleksandrs bei gleichzeitiger Verteufelung Napoleons geht aus den staatskirchlichen Vorstellungen hervor und ist so auch in den Ausdrücken des Volkes zu finden (so in II-II-8 und III-II-4). Doch äußert sich die Religiosität der einfachen Leute weniger im Geistig-Theoretischen als vor allem im sinnlich Erfassbaren der Religion. So sind die Kirchenbesucher nicht vom Inhalt des oben genannten Gebetes zur Rettung Russlands ergriffen: allein die Stimme des Geistlichen und die Art seines Vortrages wirkt „unweigerlich auf das russische Herz“ (III-I-18) der frommen Zuhörer. Beispielhaft ist hier zudem die Ikonenverehrung durch die Soldaten zu nennen, deren Intensität P´er stark beeindruckt: „[...] vse vnimanie ego [P´era] bylo poglošeno ser´eznymi vyraženiem lic v ėtoj tolpe soldat i opolčencev, odnoobrazno žadno smotrevšich na ikonu“ (III-II-21). Im „Bewusstsein der Feierlichkeit der anbrechenden Minute“ (ebenda) wird von den sich hingebungsvoll Bekreuzigenden weder die Nachlässigkeit im Gesang der ermüdeten Diakone noch das Erscheinen des Oberbefehlshabers Kutuzov recht zur Kenntnis genommen. Ehrfürchtige Ergebenheit vor dem Heiligen und ein tiefes Gottvertrauen kennzeichnet diese schlichte Volksreligiosität, wie sie zum Beispiel auch in Platon Karataev hervor tritt. Unter den Hauptfiguren ist sie für Mar´ja charakteristisch (vgl. das Schutzamulett für Andrej in I-I-25 und die Beziehung zu den „bož´i ljudi“ in II-II-13), später auch für Nataša (so im Zuge ihrer Genesung in III-I-17).

[...]


[1] Shlapentokh (S. 28) gibt eine Auflistung von Literaturkritiken des Romans in diesem Sinne.

[2] Zu verschiedenen Nationalismus-Theorien vgl. Winderl, S. 11-44.

[3] Für die folgende Darstellung der Entwicklung der nationalen Idee in Russland vgl. Golczewski/Pickhan, S. 15-43.

[4] Zimbajew, S. 41.

[5] Löwe, S. 56f.

[6] Golczewski/Pickhan, S. 35.

[7] In dieser Arbeit werden Namen nur dann nicht transliteriert, wenn die eigensprachliche Schreibung im Text zu finden ist oder es sich um historische Persönlichkeiten handelt: in diesem Fall folge ich der üblichen Schreibweise.

[8] Der russische Zarismus seit Petr I. wird teilweise sogar als anti-national bezeichnet, da er die für eine Nation als konstitutiv angesehenen ethnischen und religiösen Elemente bewusst zu seinen Gunsten unterdrückt (Winderl, S. 57-59). Dass Monarchismus von Tolstoj nicht gerade als gemeinschaftsfördernd bewertet wird (vgl. Pet´kas beinahen Erdrückungstod und den Kampf um die Biskuits des Zaren in III-I-21), kann man vielleicht auch in diesem Sinne verstehen.

[9] Quellenangaben im fortlaufenden Text beziehen sich auf die kanonisierte Fassung von L.N.Tolstoj: Vojna i mir, gemäß dem Schema: Band-Buch-Kapitel.

[10] Walicki, S. 124; Golczewski/Pickhan, S. 37-40.

[11] Vgl. Hastings, der diesem Aspekt in seiner Studie ein spezielles Kapitel widmet: S. 185-209.

[12] Über die unter Petr I. zu einer staatlichen Institution neben anderen herabgesunkene orthodoxe Kirche vgl. Stricker, S. 54-57.

Ende der Leseprobe aus 38 Seiten

Details

Titel
Die nationale Problematik in Tolstojs "Vojna i mir"
Hochschule
Eberhard-Karls-Universität Tübingen  (Slavisches Seminar)
Note
1.0
Autor
Jahr
2000
Seiten
38
Katalognummer
V16465
ISBN (eBook)
9783638213196
ISBN (Buch)
9783638684040
Dateigröße
649 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Tolstoj, Vojna i mir, Krieg und Frieden, Nationalismus, Patriotismus, Literatur, Slawistik
Arbeit zitieren
Christopher Selbach (Autor), 2000, Die nationale Problematik in Tolstojs "Vojna i mir", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/16465

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