Die italienischen gerghi als diastratisch markierte Varietät


Hausarbeit, 2008

17 Seiten, Note: 1,2

Dolce Vita (Autor:in)


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Das Diasystem der Sprache

2. Das Italiano popolare als Hauptkategorie des diastratischen Systems
2.1. Zur Definition
2.2. Die Verflechtung mit dem diatopischen System
2.3. Die Verflechtung mit dem diaphasischen System

3. Die italienischen gerghi
3.1. Zur Definition
3.2. Die historischen gerghi
3.3. Die aktuellen Gergo -Sprecher
3.4. Die Quellen der linguistischen Analyse der gerghi
3.5. Die sprachlichen Merkmale der gerghi

Schlussfolgerung

Literatur

Einleitung

Eine natürliche Sprache stellt kein homogenes System dar, sondern ist gekennzeichnet durch eine umfangreiche Variabilität. Sie weist innere Differenzierungen auf, also verschiedenartige Realisierungsmöglichkeiten. Die Sprecher einer Sprache sind keine homogene Gemeinschaft, sondern sind als Individuen zu betrachten, die unterschiedlichen Makro- und Mikrogruppen angehören, unterschiedliche Anteile der Sprache beherrschen und diese unterschiedlich einsetzen. Es wird also nicht von allen und überall gleich gesprochen. Die Sprache erscheint in unterschiedlichen „Teilsprachen“ und Sprechweisen. Die sprachlichen Differenzierungen, ihre Ursachen und Wandlungen werden wesentlich von extralinguistischen Faktoren bestimmt: wie Zeit, Raum, soziale Position und Situation. Bei einer synchronen Betrachtung unterscheidet man daher meist:

1) regional bestimmte (diatopische, dialektale, raumgebundene) Differenzierungen, wobei verschiedene Syntopien unterschieden werden, z. B. Dialekte, regionale Umgangssprachen;
2) sozial (durch die soziale Position des Sprechers) bestimmte (diastratische, soziolektale, gruppenspezifische) Differenzierungen mit verschiedenen Synstratien, z. B. Soziolekte;
3) situativ bestimmte (stilistische, funktionale) Differenzierungen, z. B. Stilebenen.

(http://www.germsem.uni-kiel.de...)

Die gesprochene Sprache weist demnach eine räumliche Gliederung und in jedem Ort eine diachrone sowie eine sozial und situativ bestimmte Differenzierung auf. Dabei ist aber zu beachten, dass Dialekte und Soziolekte zwar als Systeme eine gewisse Homogenität aufweisen und in einigen Regionen auch bei den Sprechern eine Realität haben, eigentlich aber Abstraktionen sind; nämlich Zusammenfassungen von Varietäten. Dadurch und auch sonst ist eine eindeutige Einteilung nach diesen Dimensionen meist nicht möglich, denn regionale Varianten und Varietäten können unter bestimmten Umständen als soziale oder als situative Varianten und Varietäten verstanden werden und funktionieren.

Eine verstärkte Zuwendung der italienischen Linguistik zu den Varietäten ist seit den 60er Jahren zu beobachten.

In Italien haben aufgrund seiner Geschichte die Dialekte bis zur politischen Einigung 1861 und darüber hinaus eine weit wichtigere Rolle gespielt als beispielsweise im schon seit dem 16. Jh. zentralistischen Frankreich und auch als in Spanien, wo ebenfalls ab dem 16. Jh. infolge der Vereinigung von Kastilien und Aragón durch die Katholischen Könige die sprachliche Einigung auf Kosten der Dialekte rasche Fortschritte gemacht hat. Es ist daher nicht verwunderlich, dass in Italien, wo die Dialekte zum Teil noch heute lebendig sind, seit Ascoli die Dialektologie traditionell im Mittelpunkt des sprachwissenschaftlichen Interesses gestanden hat. Inzwischen kann man aber sagen, dass die Dialektologie gegenüber der Varietätenlinguistik in den Hintergrund getreten ist, eine Folge der Tatsache, dass die Dialekte mehr und mehr von anderen, insbesondere regionalen Varietäten des Italienischen verdrängt werden.

Im Bereich der Dialektologie ist vor allem Graziadio Isaia Ascoli zu nennen, der ab 1873 die Zeitschrift „Archivio glottologico italiano“ herausgegeben und darin selbst viele Artikel publiziert hat, z.B. „Saggi ladini“ (1873) und „L’Italia dialettale“ (1882). Aus der Dialektologie entwickelte sich die Sprachgeographie mit ihren Methoden der Feldforschung und Informantenbefragung zur Ermittlung der sprachlichen Variation im Raum, die dann auf Karten sichtbar gemacht wurde. Der methodisch und von den Ergebnissen her herausragende Sprachatlas in der Romania ist der „AIS“ von Jaberg und Jud (Sprach- und Sachatlas Italiens und der Südschweiz, 1928-40).

Den unterschiedlichen sozialen und situativen Kommunikationsbedürfnissen und Interessen entsprechend bilden sich sprachliche Differenzierungen aus, die den Problemkreis bilden, der als wesentlicher Gegenstand der Soziolinguistik angesehen wird.

Im Bereich der Soziolinguistik, die ab den 60er Jahren mit starken Impulsen aus den USA (William Labov) einen großen Aufschwung genommen hat, sind die Namen von Gaetano Berruto, Giovanni Rovere, Eugenio Coseriu von großer Bedeutung.

Der Gegenstand meiner Forschung sind die italienischen gerghi, die im Varietätengefüge des Italienischen eine sozial markierte Einheit darstellen. Also werde ich mich weiterhin mit dem diastratischen Feld des Sprachsystems beschäftigen. Dabei ist zu erwähnen, dass gerghi nur eine Sondererscheinung sind, generell spricht man von italiano popolare als Hauptgegenstand der diastratischen Dimension.

Meine Arbeit besteht also aus einem theoretischen Teil, in dem ich die grundliegenden Begriffe der Varietätenlinguistik erkläre, und einem praktischen Teil, in dem ich auf konkrete Merkmale der gerghi angehe und zahlreiche Beispiele anbiete.

1. Das Diasystem der Sprache

Die Vielfalt der Varietäten, die jede Einzelsprache bietet, und in dieser Hinsicht kennzeichnend vor allem für das Italienische - das Vorhandensein vieler Dialekte, stellt ein ernsthaftes Hindernis einer erfolgreichen Analyse der Sprache dar. Das ermöglicht ein so genanntes Diasystem der Sprache – ein von U. Weinreich 1954 eingeführter Begriff für „eine linguistische Konstruktion, zusammengesetzt aus den Elementen einer Reihe von Kommunikationssystemen, die alle in einer Formel untergebracht werden können, weil jedes dieser Systeme fundamentale Übereinstimmungen mit jedem einzelnen anderen System aufzeigt, aber in bestimmten Punkten von ihnen abweicht“ (Blasco Ferrer, E : Handbuch der italienischen Sprachwissenschaft, S.15). Nehmen wir zum Beispiel eine Sprache, die zwei Dialekte hat. Ein Dialekt hat folgendes Vokaldreieck:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Folgende Formel bietet eine Lösung, wie man zwei unterschiedliche Subsysteme als Komplex analysieren und interpretieren kann:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten[1]

Diese Formel erklärt, dass die zwei Varietäten 1 und 2 in der Opposition von Vokalen /i/, /a/, /o/, /u/ gleich sind, aber eine offensichtliche Differenz in der Aussprache des Vokals /e/ aufweisen. Natürlich können die Diasystemformeln und die Ausrechnungen viel komplexer und schwieriger sein, abhängig davon welches Sprachphänomen unter der Lupe steht.

Großen Beitrag in den Ausbau des Diasystems des Italienischen ist Eugenio Coseriu zu verdanken. Nach seinem Varietätenmodell bezeichnet man als Struktur der Sprache das einheitliche System, charakterisiert durch Oppositionen; als Architektur der Sprache die Diversität von diatopischen, diastratischen und diaphasischen Subsystemen, aus denen sich in Wirklichkeit eine historische Sprache aufbaut.

Innerhalb einer historischen Sprache stellt man bestimmte Typen von Unterschieden fest:

1) im geographischen Raum: an den verschiedenen Orten spricht man verschiedene Arten der historischen Sprache;
2) im sozio-kulturellen Raum: die verschiedenen Schichten (soziale Gruppen) sprechen verschiedene Arten der historischen Sprache;
3) in Sprechsituationen: in verschiedenen Sprechsituationen spricht man verschiedene Arten der historischen Sprache.

Die drei klassischen Dimensionen der Sprachvariation, die diatopische (regionale), diastratische (soziale) und diaphasische (situative), sind, jede für sich genommen, die diatopisch starke und schwache, diastratisch und diaphrasisch niedrige und hohe Markierungen gekennzeichnet. Offensichtlich werden diatopisch stark, diastratisch und diaphasisch niedrig markierte Varietäten bevorzugt im Bereich kommunikativer Nähe eingesetzt, im Bereich kommunikativer Distanz dagegen - diatopisch neutrale, diastratisch und diaphasisch hoch markierte Varietäten.

[...]


[1] Berruto, G: La sociolinguistica, S. 65

Ende der Leseprobe aus 17 Seiten

Details

Titel
Die italienischen gerghi als diastratisch markierte Varietät
Hochschule
Universität Trier
Note
1,2
Autor
Jahr
2008
Seiten
17
Katalognummer
V164678
ISBN (eBook)
9783640796977
ISBN (Buch)
9783640797240
Dateigröße
595 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
italienische gerghi, diastratische Varietät des Italienischen, italienische Varietätenlinguistik, gerghi
Arbeit zitieren
Dolce Vita (Autor:in), 2008, Die italienischen gerghi als diastratisch markierte Varietät, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/164678

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