Die Schattenseite des Magnetismus – Über E.T.A. Hoffmanns „Der Magnetiseur“


Seminararbeit, 2010

14 Seiten


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Franz Anton Mesmer und sein Magnetismus

3. Der Somnambulismus

4. E.T.A. Hoffmanns „Der Magnetiseur“

5. Schlussfolgerungen

6. Literaturhinweise

1. Einleitung

Die Novelle „Der Magnetiseur“[1] war E.T.A Hoffmanns erste literarische Auseinandersetzung mit dem Magnetismus, obwohl er dieses Phänomen auch in seinen folgenden Erzählungen miteinbrachte. Da seine späteren Erzählungen an Schauerlichkeit und Gekonntheit zunahmen, geriet „Der Magnetiseur“ bald an den Rande des Vergessens. (731) „Der Magnetiseur“ wurde im Jahr 1813 fertiggestellt und 1814 im 2. Band der Fantasistücke veröffentlicht. Ursprünglich hatte Hoffmann nur einen Aufsatz geplant, „eine flüchtige, aber pittoreske Ansicht des Träumens“, deren anfänglicher Titel „Träume sind Schäume“ war. (724-725) Der Magnetismus, auch Mesmerismus, thierischer oder animalischer Magnetismus genannt, reizte die Schriftsteller seiner Zeit zu einer kritischen Auseinandersetzung mit diesem Phänomen. (727) In dieser Arbeit werden im ersten Teil Franz Anton Mesmer und seine These in den Mittelpunkt gestellt. Wer war dieser Mann und was können wir unter dem Magnetismus verstehen? Im anschliessenden Teil werden wir auf die Weiterentwicklung des Magnetismus eingehen, vor allem den Somnambulismus von Puységur. Der dritte Teil beschäftigt sich ausschliesslich mit dem erzählerischen Inhalt von Hoffmanns Erzählung und analysiert die Nachtseite des Magnetismus innerhalb der einzelnen Stationen im Text.

2. Franz Anton Mesmer und sein Magnetismus

Franz Anton Mesmer, am 23. Mai 1734 in Iznang am Bodensee geboren, studierte anfangs Philosophie und Theologie, die noch von der katholischen Scholastik bestimmt waren, später aber Medizin und gelangte dadurch in den Kreis des Iatromechanismus, der sich mit der Umsetzung cartesianischer und newtonscher Theorien in Physiologie und Medizin beschäftigte.[2]

In seiner Doktorarbeit 1766 beschrieb er den Einfluss der Gestirne auf den menschlichen Körper. Die neuen Erforschungen der Physik, dass eine Veränderung im Weltall auch Konsequenzen auf der Erde hervorruft, unterstützte seine These. Diese wirkende Kraft nannte er Gravitas Animalis, die durch Lichtmaterie, die nicht in die Klasse der Körper aufgenommen werden kann, auf den menschlichen Körper einwirkt. Daher galt für ihn Gesundheit als ein harmonisches Wechselwirken zwischen Mikro- und Makrokosmos.[3]

Die Behandlung von Krankheiten anhand von Magneten war zu dieser Zeit weit verbreitet. Durch den Fall Franziska Oesterlin im Jahr 1775 entdeckte Mesmer, dass auch ohne Magnete eine Heilung möglich ist. Durch seine persönlichen Erfahrungen als Magnetiseur schlussfolgerte er, dass auch der menschliche Körper magnetähnliche Fähigkeiten hat. So entwickelte er daraufhin in seinen ersten Schriften eine Vorlage zur Handhabung seiner Therapie.

In seinen späteren Schriften entwickelte er die äuβerst materialistische Theorie der Wechselverhältnisse von Materie und Bewegung. Seine Harmonie versteht er als Natur. So haben alle Körper, auch lebende, aufeinander Einfluss, es fliesst ständig eine Flut (auch Allflut genannt) zwischen ihnen. Dieses nennt er All-Magnetismus, der beim Menschen die Nerven durchströmt und seinen Körper beseelt. Der Mensch besteht „in Hinsicht auf die Bestandtheile des Triebwerks seines Baues (Mechanismus)“ und „in Hinsicht auf seine Erhaltung“[4] auch nur aus den zwei Grundwesen Stoff und Bewegung. Die Nerven sind laut Mesmer: „im thierischen Körper die Fortpflanzungen (Propagazionen) des Gehirns und des Rückenmarks“, die „sich auf und in allen Theilen, in welchen Empfindung und Bewegung verbreiten.“[5]

Die Nerven tragen das Lebensfeuer, was belebte von unbelebten Körpern unterscheidet, woraufhin dieses Feuer von Mesmer Tierischer Magnetismus genannt wird.

Das Wechselspiel von Bewegung und Materie ist im menschlichen Körper abhängig von den Muskelfasern, die vom Fluidum angeregt werden. Wird dieses Fluidum unterbrochen, kommt es zu einer Disharmonie dieses Wechselspiels, und der Mensch erkrankt. Ist Krankheit also nur eine Störung der Muskeln, ausgelöst durch die Desorganisation des Fluidums, so soll dieses durch eine magnetische Kur wieder verstärkt oder in die richtige Richtung gelenkt werden.

Magnetisieren ist das Feuer durch eine Art von Erguß oder Entladung dieser Bewegung erregen und mittheilen. Dieser Erguß bewirkt sich durch die unmittelbare Berührung, oder durch die Richtung der Extremitäten oder der Pole eines Individuums, welches dieses Vermögen oder dieses Feuer besitzt, oder auch selbst durch die Absicht und den Gedanken.[6]

Magnetisiert wird also durch den Magnetiseur, der bereit ist dem Kranken sein Lebensfeuer zu übertragen. Bei dieser Heilung kommt es zu krampfähnlichen Krisen, bei denen der Körper des Kranken wieder in die Harmonie von Bewegung und Materie zurückgeführt wird. Bei der kranken Person handelte es sich meistens um eine Frau, die von der „Hysterie“ befallen war.[7]

Mesmer sah in seiner Funktion als Arzt die Notwendigkeit, seine Theorien wissenschaftlich zu belegen, was ihn von den Wunderheilern seiner Zeit unterschied. Trotzdem war er stets umstritten, fühlte sich zurückgewiesen, und verlieβ wegen Spekulationen über eine sexuelle Bindung und Missbrauchanschuldigungen im Fall der erblindeten Maria Theresie Paradis[8] im Jahre 1777 die Stadt Wien, um nach Paris zu ziehen. Dort erlebte er seine gröβten Triumphe und auch Niederlagen, was ihn dazu bewog, 1785 Paris wieder zu verlassen und sich aus der Öffentlichkeit zurückzuziehen. Sein Kampf nach Anerkennung durch die Wissenschaft blieb erfolglos, daneben wurden seine Theorien aber von Laien hochumjubelt.[9] Mesmer starb im Jahr 1815 in Meersburg.

[...]


[1] E.T.A. Hoffmann, Der Magnetiseur, in Fantasiestücke in Callot’s Manier Werke 1814, Frankfurt/Main 2006, S. 178-225 und S. 724-745, Nach dieser Ausgabe wird im Folgenden zitiert; Seitenangaben erfolgen in Klammern im Text.

[2] Vgl. Ingrid Kollak, Literatur und Hypnose Der Mesmerismus und sein Einfluss auf die Literatur des 19. Jahrhunderts, Frankfurt/Main 1997, S. 15-16.

[3] Zur Geschichte von Mesmer und seinem Magnetismus in Theorie und Praxis, vergleiche das Kapitel 1 in Jürgen Barkhoff, Magnetische Fiktionen Literarisierung des Mesmerismus in der Romantik, Stuttgart 1995, S. 1-26.

[4] Friedrich [!] [vielmehr Franz] Anton Mesmer, Mesmerismus. Oder System der Wechselwirkungen, Theorie und Anwendung des thierischen Magnetismus als die allgemeine Heilkunde zur Erhaltung des Menschen, hrsg. von Karl Christian Wolfram in 2 Bänden, Berlin 1814, S. 121.

[5] Ebd. S. 122.

[6] Ebd. S. 117.

[7] Vgl. Jürgen Barkhoff, Mesmerismus zwischen Wissenschaft und Narration : Pathogenes und curatives Erzählen bei E.T.A Hoffmann, in Dietrich von Engelhardt (Hg.), Tagung über den Dialog zwischen Wissenschaft und Literatur, Stuttgart 2006, S. 89.

[8] Maria Theresie Paradis, eine berühmte Klavierspielerin erblindete aus unerklärlichen Gründen als Kind. Mesmer gelang es als einziger, ihre psychische Blockade anhand des Magnetismus zu überwinden. Als sie ihre Sehfähigkeit wiedererlangte, kam es zu Problemen. Maria konnte ihre in ihrer Blindheit erlernte Kunst des Klavierspielens nicht mehr ausüben und litt an Depressionen. Nach dem Abbruch der Kur, fiel sie lebenslang in ihre Blindheit zurück und nahm das Klavierspiel wieder auf.

[9] Jürgen Barkhoff, Allsympathie im magnetischen Geiste. Jean Paul und der animalische Magnetismus, in Nicholaus Saul (Hg.), Die deutsche literarische Romantik und die Wissenschaften, München 1991, S. 177-208, hier S. 180.

Ende der Leseprobe aus 14 Seiten

Details

Titel
Die Schattenseite des Magnetismus – Über E.T.A. Hoffmanns „Der Magnetiseur“
Hochschule
Université du Luxembourg
Autor
Jahr
2010
Seiten
14
Katalognummer
V164690
ISBN (eBook)
9783640801664
ISBN (Buch)
9783640801299
Dateigröße
576 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Magnetismus, Mesmer, Hoffmann, Magnetiseur
Arbeit zitieren
Corinne van der Zande (Autor), 2010, Die Schattenseite des Magnetismus – Über E.T.A. Hoffmanns „Der Magnetiseur“ , München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/164690

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