Das Wort Katharer kennt verschiedene Herkünfte. Ungeklärt ist, ob dessen Ursprung aus der lateinischen oder griechischen Sprache kommt. "Catta"(lat. Katze) spricht für die abschätzige
Beurteilung dieser Gruppe als Ketzer, welche nach zeitgenössischer Überzeugung die Katze auf das Gesäß küssten. Das griechische "katharos" hingegen bedeutet "rein" in Anlehnung an das Wesen der katharischen Vollkommenen. Weitere Bezeichnungen bestehen, wie die abwertende verallgemeinernde des Manichäers oder Arianers oder spezifische, nach örtlichem Vorkommen. So wurden die Katharer in Frankreich nach ihrem Zentrum in Albi Albigenser genannt. Sie selbst
sprachen von sich als Boni Christiani oder Bons Hommes.
Jene Katharoi zu untersuchen soll Aufgabe dieser Hausarbeit sein. Das inhaltliche Ausmaß dieses Phänomens verlangt aber nach einer Fokussierung auf einige wenige Dimensionen. So soll es nicht darum gehen, Herkunft und Geschichte der Katharer zu beschreiben oder deren Verbreitung und unterschiedliche Ausprägung in Europa zu prüfen. Vielmehr wird die Religion der Katharer in Frankreich im Mittelpunkt der Analyse stehen.
Was dachten die Katharer von der Welt und sich selbst? Welche Konsequenzen ergaben sich daraus für ihre Lebensweise und kirchliche Struktur? Welche Werte und Bräuche gingen daraus hervor?
Im Folgenden will ich diese Fragen bearbeiten. Dabei sollen zusätzlich die wichtigsten Besonderheiten und Unterschiede zu katholischer Kirche und Religion deutlich werden, in denen sowohl Erklärungen für den Aufstieg als auch für den Untergang zu suchen sind.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Quellen
3 Die Theologie
3.1 Die Welt
3.2 Der Mensch
3.3 Die Erlösung
4 Die katharische Kirche
4.1 Perfecti, Credentes und Defensores
4.2 Kirchenstruktur nach 1167
4.3 Katharischer Wohlstand
5 Werte, Sitten und Bräuche
5.1 Werte und Moral
5.1.1 Askese
5.1.2 Schwören
5.1.3 Töten
5.2 Das Consolamentum
5.2.1 Rolle der Frau
5.3 Die anderen Bräuche
5.3.1 Melioramentum
5.3.2 Das Vaterunser
5.3.3 Das Apparellamentum
5.3.4 Das Brechen des Brotes
6 Schluss
Zielsetzung und Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht das Phänomen des Katharismus im mittelalterlichen Frankreich mit dem Ziel, die religiöse Identität, die kirchliche Struktur sowie die ethischen und rituellen Besonderheiten dieser Gruppierung im Kontrast zur katholischen Kirche herauszuarbeiten.
- Die dualistische Theologie der Katharer und ihr Menschenbild.
- Die interne Organisation und Gliederung in Perfecti, Credentes und Defensores.
- Die Rolle der zentralen Riten wie das Consolamentum und das Melioramentum.
- Die moralischen Grundsätze, insbesondere in Bezug auf Askese und das Tötungsverbot.
- Die Gründe für den Aufstieg der Bewegung und die daraus resultierenden Konflikte mit der katholischen Kirche.
Auszug aus dem Buch
3.1 Die Welt
Die katharische Theologie stellte keinen verbindlichen Glaubenskodex dar. Vielmehr war sie „eine lockere Kette verwandter Empfindungen, die sich allmählich zu einer Lehre und einer festen Praxis verdichtete“. „Alle Katharer haben allgemeine Lehren, in denen sie übereinstimmen, und spezielle, in denen sie sich unterscheiden“, schrieb der ehemalige Katharer Bruder Rainier über den katharischen Glauben. Mit dem Konzil von Saint-Felix hatte sich der Katharismus 1167 zwar den radikalen Dualismus als einheitliche theologische Grundlage gegeben, der jedoch keinen dogmatischen Anspruch erhob. Dem entsprach auch, dass die Katharer selbst keine umfassenden eigenen Schriften besaßen. Basis des gemeinsamen Glaubens waren die neutestamentlichen Evangelien, welche von den „Priestern“ ohne Verbindlichkeiten mit apokryphen Schriften wie der „Interrogatio Johannis“, der „Vision des Jesaja“ und mythenhaften Erzählungen untermalt und ergänzt wurden.
Gemein war ihnen allen eine dualistische Weltsicht. Gut und Böse, Jenseits und Diesseits standen sich nach gnostischem Motiv gegenüber und bildeten die zwei Prinzipien. Zu dieser Konstellation kam es folgendermaßen: Wie die Katholiken gingen die Katharer davon aus, dass ein Gott die Welt gemäß der Erzählung des Alten Testaments geschaffen habe. Dieser aber könne kein guter Gott sein angesichts der elenden von Leid durchsetzten Situation auf der Erde, sondern das Gegenteil – der Teufel. Die Begründung für diese Sichtweise lieferte ihnen eine bewusst falsch übersetzte Stelle aus dem Johannesevangelium: omnium per ipsum facta sunt et sine ipso factum est nihil quod factum est – alles ist durch das Wort geworden und ohne das Wort ist Nichts geworden. Während das Wort mit Gott gleichgesetzt wurde, entsprach dem im Lateinischen nicht vorhandenen Substantiv `nihil` die teuflische Schöpfung, die diesseitige Welt. Die Interrogatio Johannis erzählt über deren Ursache von einem Aufbegehren des Teufels: „(...)Und er sann nach und wünschte, seinen Thron über die Wolken zu erheben und zu sein wie der Allerhöchste.“
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Diese Einleitung führt in die Etymologie des Begriffs Katharer ein und formuliert das Ziel, die Religion und Lebensweise der Gruppierung im Frankreich des Mittelalters zu analysieren.
2 Quellen: Das Kapitel erläutert die Problematik der Quellenlage, die primär aus der polemischen Perspektive der katholischen Kirche besteht, und bewertet deren Objektivität.
3 Die Theologie: Hier wird der radikale Dualismus als Kern der katharischen Lehre beleuchtet, einschließlich der Entstehung des Menschen als gefallener Engel.
4 Die katharische Kirche: Dieses Kapitel beschreibt die hierarchische Gliederung der Anhängerschaft in Perfecti, Credentes und Defensores sowie die institutionelle Entwicklung nach 1167.
5 Werte, Sitten und Bräuche: Das Kapitel widmet sich der Askese, dem Consolamentum und weiteren Riten, die den Lebensalltag und die moralischen Maximen der Katharer bestimmten.
6 Schluss: Das Fazit fasst zusammen, wie der Konflikt zwischen der katharischen Lebensweise und der kirchlichen Ordnung unweigerlich in die Krise und den Aufruf zum Kreuzzug führte.
Schlüsselwörter
Katharismus, Albigenser, Dualismus, Perfecti, Consolamentum, Ketzer, Mittelalter, Religion, Kirchengeschichte, Askese, Häresie, Johannesevangelium, Inquisition, Weltbild, Glaubenspraxis.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert den Katharismus als religiöse Bewegung, ihre dualistische Theologie, ihre interne Kirchenstruktur sowie die rituellen und moralischen Besonderheiten, die sie vom zeitgenössischen Katholizismus abgrenzten.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen umfassen die Lehre vom Dualismus (Gut vs. Böse), die Rolle der Perfecti, die Bedeutung des Consolamentums als wichtigstem Ritus und die Auswirkungen der katharischen Askese auf das tägliche Leben.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das primäre Ziel ist es, durch eine strukturierte Analyse der theologischen und sozialen Aspekte zu verstehen, warum der Katharismus im Frankreich des Mittelalters einen solchen Zulauf hatte und warum er in eine so scharfe Konfrontation mit der katholischen Kirche geriet.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer quellenkritischen Analyse historischer Dokumente und der Auswertung einschlägiger wissenschaftlicher Sekundärliteratur zur mittelalterlichen Ketzergeschichte.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung der Theologie (Welt und Mensch), die organisatorische Struktur der katharischen Kirche sowie die detaillierte Darstellung ihrer spezifischen Riten und moralischen Werthaltungen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zu den Schlüsselwörtern zählen Katharismus, Dualismus, Perfecti, Consolamentum, Askese, Häresie, Kirchenstruktur und Mittelalter.
Wie unterschieden sich die Rollen innerhalb der katharischen Gemeinschaft?
Die Gemeinschaft war in drei Gruppen unterteilt: Die "Perfecti" (Vollkommene) führten ein streng asketisches Leben als Wanderprediger, die "Credentes" (Gläubige) waren einfache Anhänger und die "Defensores" (Förderer) unterstützten die Bewegung materiell und politisch.
Warum lehnte der Katharismus Eide und das Töten ab?
Die Ablehnung resultierte aus der Vorstellung, dass die materielle Welt sündhaft sei und das Leben einen heiligen Funken (die Engelsseele) enthielt; daher galt Schwören und Töten als Verstoß gegen die Reinheit und das göttliche Gebot.
Welche Rolle spielte das Consolamentum für die Gläubigen?
Das Consolamentum war die Geisttaufe, die den Empfänger von der Sündhaftigkeit der Welt befreite, ihn in den Stand eines "Vollkommenen" erhob und den Weg zur Rückkehr in die göttliche Welt ebnete.
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- Jacob Rietberg (Author), 2009, Der Katharismus - Analyse einer besonderen Häresie, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/164696