Absage an das Mitleid? Zur Wirkungsästhetik in Friedrich Hebbels bürgerlichem Trauerspiel "Maria Magdalena"


Hausarbeit, 2011
14 Seiten

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Hebbels Dramentheorie
2.1 Hebbels Weltanschauung als Norm seiner Dramentheorie?
2.2 Hebbels Dramentheorie anhand Maria Magdalena

3. Intention und Wirkungsästhetik in Hebbels Maria Magdalena
3.1 „Sie handelt nicht, an ihr wird gehandelt.“ – die Passivität Klaras
3.2 Meister Anton – Gesetzgeber oder Gesetzempfänger der Gesellschaft?
3.3 Selbstmord im Kontext Mascholarly papersria Magdalenas
3.4 Schuldfrage
3.5 Karl, Repräsentant neuer Zeiten?

4. Schluss

5. Literaturverzeichnis
5.1 Quellen
5.2 Forschungsliteratur

1. Einleitung

Es war meine Absicht, das bürgerliche Trauerspiel zu regenerieren und zu zeigen, daß [sic] auch im eingeschränktesten Kreis eine zerschmetternde Tragik möglich ist, wenn man sie nur aus den rechten Elementen, aus den diesem Kreise selbst angehörigen, abzuleiten versteht.[1]

Die Worte aus Hebbels Tagebucheintrag vom 4. Dezember 1843 lassen erahnen, welche Tragweite sein Werk aus literaturwissenschaftlicher und historischer Sicht erfahren wird. In der mehr als 70-jährigen Geschichte des Tragédie bourgeoise bildet Maria Magdalena das Ende dieses Genre. Der Umstand, dass es das erste rein bürgerlich besetzte Trauerspiel war, noch dazu mit einer schwangeren Heldin, lässt vermuten, wie viel Widerspruch Hebbel nach der Fertigstellung seines einzigen bürgerlichen Trauerspiels erhalten haben muss.[2]

Die Berliner Schauspielerin Auguste Stich-Crelinger etwa schrieb Anfang Januar 1844 an Hebbel die folgenden Worte:

Wie können Sie nur denken daß [sic] es [ein solches Stück] geht. Der französische dramatische Schriftsteller wagt mehr als irgend ein anderer, fragen Sie ihn, ob er es wagen würde, dem Publikum des Théâtre français oder des Gymnase eine schwangere Heldin vorzuführen. Man mag noch so wenig prüde sein, so lehnt sich doch das Gefühl so sehr [...] auf, daß [sic] Ihr Stück, kaum beim Lesen, am wenigsten aber auf der Bühne zur wahren Wirkung kommen kann.[3]

Mit diesem kleinen Einblickin eine der zahlreichen Besonderheiten Hebbels Maria Magdalena, leite ich ein in meine Hausarbeit mit dem Titel „Absage an das Mitleid? Zur Wirkungsästhetik in Friedrich Hebbels bürgerlichem Trauerspiel Maria Magdalena “. Meine These lautet: „Der Hebbelsche Pantragismus wird als Argument gegen das Mitleid im bürgerlichen Trauerspiel Maria Magdalena eingesetzt.“ Um dieser These nachgehen zu können, werde ich zuerst die Grundlagen des Pantragismus und Hebbels Dramentheorie erarbeiten, um im Anschluss an expliziten Textstellen eine sowohl intentionale, als auch wirkungsästhetische Analyse durchführen zu können.

2. Hebbels Dramentheorie

2.1Hebbels Weltanschauung als Norm seiner Dramentheorie?

„Die Weltanschauung des Hebbelschen Pantragismus ist als eine ästhetische zu bezeichnen [...]. Ästhetisch sein heißt bei Hebbel soviel, als ein Faktor im Gang der pantragischen Evolution sein [...].“[4]

Der von Arno Scheunert 1903 entwickelte Begriff des Pantragismus wurde in die Wissenschaft eingeführt, um Hebbels Weltanschauungkennzeichnend zu beschreiben. Lütkehaus unterscheidet dahingehend fünf Aspekte, die Hebbels Standpunkt und seine Ideologie verdeutlichen sollen: Erstens liegt der Prozess des Lebens in einem dualistischen Spannungsfeld zwischen Allgemeinem und Besonderem, zwischen Gegenwärtigem und Zukünftigem. Zweitens ist der Dualismus dynamisch gesehen als Kampfansage zwischen den Individuen zu verstehen. Drittens ist die Vereinzelung, sprich der Gang zum Besonderen, als schuldhafter Prozess anzusehen. Und viertens ist nach Hebbels tragischer Auffassung die Versöhnung, also das Abwenden des Tragischen, nicht als mögliches Dramenende, sondern nur als Einsicht für die Unbedingtheit des Tragischen denkbar. Fünftens sind die dichterischen Inkonsequenzen Hebbels auf eine Gratwanderung zwischen Antonym und möglicher Vermeidung jeder Einseitigkeit in seinem Handeln zurückzuführen.[5] Somit ist zusammenfassend zu bemerken, dass alles, ganz gleich ob „Natur- oder Kunstobjekt“[6], immer nach seiner Dienstbarkeit und Bedeutung zum Weltganzen steht, woraus folgt: je größer die Bedeutung eines Gegenstandes oder Individuums, desto höher seine Wertigkeit im System.

Somit ist das Ziel des Pantragikers immer das Erreichen der größten ethischen Ästhetik, woraus sich wiederum ableitet,dass für Hebbel die Kunst das „Allerpositivste des Weltgeistes“ darstellt, da das Produkt nichtErzeugnis eines Individuums, sondern der künstlerischen Phantasie und damit etwas in sich Ästhetischem ist.[7]

Da nun die essentiellen Grundlagen zum Verständnis Hebbels Person und Weltanschauung gelegt sind, soll im Folgenden anhand eines dramenanalytischen Ansatzes Hebbels Dramentheorie entwickelt werden.

2.2Hebbels Dramentheorieanhand Maria Magdalena

Das bürgerliche Trauerspiel Maria Magdalena bleibt in Hebbels Schaffensperiode das einzige seiner Art. Wie schon in der Einleitung zu erfahren war, hatte Hebbel die Absicht, durch die rein bourgeoisenFigurendas Genre wieder zu regenerieren, sozusagen eine Renaissance des Bürgerlichen im Trauerspiel einzuleiten und diese durch den Ausschluss des zweiten und dritten Standes zu exponieren.[8] Ein weiterer Ausgangspunkt dafür findet sich auch im Vorwort zu Maria Magdalena:

Das bürgerliche Trauerspiel ist [...] in Mißkredit geraten, und hauptsächlich durch zwei Übelstände. Vornehmlich dadurch, daß [sic] man es nicht aus seinen inneren, ihm allein eigenen, Elementen, aus der schroffen Geschlossenheit, womit die aller Dialektik unfähigen Individuen sich in dem beschränktesten Kreis gegenüberstehen, und aus der hieraus entspringenden schrecklichen Gebundenheit des Lebens in der Einseitigkeit aufgebaut, sondern es aus allerlei Äußerlichkeiten [...] zusammengeflickt hat. Daraus geht nun unleugbar viel Trauriges, aber nichts Tragisches, hervor, denn das Tragische muß [sic] als ein von vornherein mit Notwendigkeit Bedingtes, als ein, wie der Tod, mit dem Leben selbst Gesetztes und gar nicht zu Umgehendes auftreten [...].[9]

In Hebbels Worten ist das klare Widerstreben gegen die Entwicklung des bürgerlichen Trauerspiels zu einer Depravationsgeschichte schon zu erkennen. Hebbel bezeichnet sowohl das, sich über mindestens zwei Stände erstreckendePersonal im bürgerlichen Trauerspiel, als auch die an der Wirklichkeit vorbeischrammende Konzentration auf Äußerlichkeiten, wie beispielsweise das „Zusammenstoßen des dritten Standes mit dem zweiten und ersten in Liebes-Affären“[10], als „zusammengeflickt“[11] und,dem Sinn nach, wirkungsverfremdend.

Bei der Lektüre des Werkes fällt sofort die bürgerliche, landläufige Sprache ins Auge.[12] Auch hier ist die konsequente Verfolgung des Bürgerlichen deutlich zu erkennen.

Wird der Blick auf die Handlung gerichtet, so könnte nach Lektüre der oben zitierten neoavantgardistischen Einleitung die Vermutung entstehen, dass hier ein völlig revolutionäres, mit Nichten einem „Déjà-vu-Schema“ entsprechendes Werk erschaffen wurde. Esdarfallerdings nicht unerwähntbleiben, dass die Thematik, durch die er „das Neue“ bereitet, die gleiche ist, wie beispielsweise bei Lessings Emilia Galotti oder Miss Sara Sampson und Schillers Kabale und Liebe, nämlich: eine tragische Liebesgeschichte, die allerdings zum ersten Mal innerständisch auftritt, und eine Vater-Tochter-Beziehung, welche eine Gewisse Achse des bürgerlichen Trauerspiels darstellt und immer wieder in diesem Genre Wiederholung findet.[13] Das „Drama [stellt] den Lebensprozeß [sic] an sich dar“[14], was bedeutet, dass „bedenkliche Verhältnisse“[15] dargestellt werden müssen, um das bürgerliche Trauerspiel wieder zu regenerieren.Somit müssen die Figuren als Individuen dargestellt werden, auch wenn ihr symbolischer Charakter[16] für die Tragödie von weit größerer Bedeutung ist. Die Figuren stehen demnach immer für ihresgleichen, wobei die Motivation der Personen niemals individuell, sondern immer aus dem symbolisch zu betrachtenden Charakter heraus entsteht.[17]

[...]


[1] Gerhard Fricke, Werner Keller, Karl Pörnbacher (Hrsg.): Friedrich Hebbel. Werke. Bd. 4: Tagebücher I (1835 – 1847). München 1966. S. 602.

[2] Vgl. Eun-Sook Park: Theorie, Text und Aufführung. Untersuchungen zu Friedrich Hebbels Maria Magdalena. Bielefeld. Philos. Diss. 1995. S. 29f.

[3] Karl Pörnbacher: Friedrich Hebbel. Maria Magdalena. Erläuterungen und Dokumente. Stuttgart 1986. S. 59.

[4] Arno Scheunert: Der Pantragismus als System der Weltanschauung und Ästhetik Friedrich Hebbels. In: Theodor Lipps u. Richard M. Werner (Hrsg.): Beiträge zur Ästhetik. Hamburg u. Leipzig 1903. S. 76.

[5] Vgl. Ludger Lütkehaus: Zwischen Pantragismus und Sozialkritik. Etwas über den Riß im Werk Friedrich Hebbels. In: Hjb 1988. S. 53-82; Scheunert: Der Pantragismus als System der Weltanschauung und Ästhetik Friedrich Hebbels. S. 76-100; Friedrich Bruns, Friedrich Hebbel u. Otto Ludwig. Hebbel Forschung. Bd. 5. Berlin 1913. S. 9.

[6] Scheunert: Der Pantragismus als System der Weltanschauung und Ästhetik Friedrich Hebbels. S. 76.

[7] Vgl. ebd. S. 76f.

[8] Gerhard Fricke (Hrsg.): Friedrich Hebbel. Werke. Bd. 4: Tagebücher I (1835 – 1847). München 1966. S. 602.

[9] Friedrich Hebbel: Maria Magdalena. Ein bürgerliches Trauerspiel in drei Akten. Stuttgart 2002. S. 25.

[10] Ebd.

[11] Ebd.

[12] „Und wenn er zehn Weiber hätte, wie die Türken, und so viel Kinder, als dem Vater Abraham versprochen waren, [...]“.Hebbel: Maria Magdalena. S. 54.

[13] Vgl. Helmut Kreuzer (Hrsg.): Friedrich Hebbel. In: Wissenschaftliche Buchgesellschaft: Wege der Forschung. Bd. 642. Darmstadt 1989. S. 389-398.

[14] Ebd. S. 545.

[15] Ebd.

[16] Meister Anton symbolisch für alle Väter solcher Töchter wie Klara, Leonhard und Friedrich für alle in Frage kommenden Ehemänner Klaras und Klara selbst für die Bürgermädchen ihrer Sphäre.

[17] Vgl. Scheunert: Der Pantragismus als System der Weltanschauung und Ästhetik Friedrich Hebbels. S. 76.

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Details

Titel
Absage an das Mitleid? Zur Wirkungsästhetik in Friedrich Hebbels bürgerlichem Trauerspiel "Maria Magdalena"
Hochschule
Eberhard-Karls-Universität Tübingen
Autor
Jahr
2011
Seiten
14
Katalognummer
V164698
ISBN (eBook)
9783640801671
ISBN (Buch)
9783640801282
Dateigröße
623 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Friedrich, Hebbel, Maria, Magdalena, Wirkung, Ästhetik, Trauerspiel, Bürgerlich, Emanuel, Lonz, Tübingen, Hausarbeit
Arbeit zitieren
Emanuel Lonz (Autor), 2011, Absage an das Mitleid? Zur Wirkungsästhetik in Friedrich Hebbels bürgerlichem Trauerspiel "Maria Magdalena", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/164698

Kommentare

  • Emanuel Lonz am 28.3.2011

    Ich freue mich über Ihre Kritik!

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