Welche Schwierigkeiten ergeben sich vom empirischen Standpunkt bei der Nutzung des Marxschen Klassenbegriffs?


Hausarbeit (Hauptseminar), 2010

25 Seiten, Note: 2,3

Anonym


Leseprobe

Inhaltsübersicht

1. Einleitung

2.Die Marxsche Klassentheorie
2.1 Grundlagen
2.2 Die Unterscheidung zwischen abstrakter und konkreter Klassentheorie

3.Kritik am Marxschen Klassenbegriff vom empirischen Standpunkt
3.1 Probleme durch die gesellschaftliche Entwicklung
3.2 Probleme der Erfassbarkeit einer Gesellschaft durch den Marxschen Klassenbegriff

4.Erweiterungen des Marxschen Klassenbegriffs
4.1 Projekt Klassenanalyse (PKA)
4.2 Erik O. Wrights „Analytischer Marxismus“

5. Leistungen des Marxschen Klassenbegriffs

6.Fazit

Abbildungsverzeichnis

I Das Klassenmodell nach Wright

1. Einleitung

Immer wieder begegnet man heutzutage dem Begriff der Klasse. In der Medienlandschaft hört man von politischen Klassen, ökonomischen Klassen oder herrschenden Klassen. Viel zu oft wird dieser Begriff überlesen, ohne das sich Gedanken gemacht werden, was sich hinter diesem verbirgt. Könnte man nicht stattdessen das Synonym der Schicht verwenden? Wo ist der Unterschied zwischen den Begriffen? Diese Fragen beschäftigen den interessierten Leser, wenn er wieder einmal über den Begriff der Klasse stolpert. Und warum dominiert die Verwendung des einen Begriffs in einer bestimmten Zeit und zu einer anderen Zeit die des anderen?

Wenn man diesem Phänomen auf den Grund gehen will muss man sich verdeutlichen, was genau der Begriff Klasse meint und warum er in der Sozialforschung so umstritten ist. Vor allem stellt sich nun die Frage, aus welcher Richtung die Kritik kommt, die dafür gesorgt hat, dass der Klassenbegriff zwischenzeitlich aus der Mode gekommen war. Da diese oft von Seiten empirischer Sozialforscher kam soll in dieser Arbeit die Frage geklärt werden, welche Schwierigkeiten sich vom empirischen Standpunkt bei der Nutzung des Marxschen Klassenbegriffs ergeben. Der Klassenbegriff von Marx steht deshalb im Fokus dieser Arbeit, da Marx als einer der bedeutendsten Klassentheoretiker gilt, wenn nicht sogar als der bedeutendste.

Zur Klärung dieser Frage ist es zuerst einmal nötig, die Marxsche Klassentheorie zu erläutern. Da es sich bei ihr um ein komplexes Konstrukt handelt, dessen Darstellung allein es ermöglichen würde diese Arbeit zu füllen beschränke ich mich darauf, sie in ihren Grundzügen zu skizzieren. Um zu erkennen, auf welche Aspekte dieser Theorie sich die Kritik der empirischen Wissenschaftler bezieht wird Giddens' Unterscheidung zwischen Marx' abstrakter und konkreter Klassentheorie zu Rate gezogen. Hier soll gezeigt werden, dass sich die Kritik nicht gegen Marx' Klassenbegriff als ein analytisches Konstrukt richtet, sondern auf dessen empirische Anwendung bei der Erfassung konkreter Gesellschaften.

Im Anschluss daran werden die Einwände skizziert, die gegen die empirische Verwendung des marxschen Klassenbegriff hervorgebracht werden. Diese sind in zwei Themenbereichen geordnet. Im ersten soll erläutert werden, welche Probleme sich im Rahmen der gesellschaftlichen Entwicklung ergeben haben. Bezüglich dieser hatte Marx einige Prognosen aufgestellt, deren Eintreten, beziehungsweise Nicht-eintreten hier gezeigt wird. Der zweite Block der Kritik befasst sich mit der Frage, ob das komplexe soziale Phänomen einer Gesellschaft durch das Marxsche Klassenmodell überhaupt erfassbar ist. Da sich diese Arbeit jedoch nicht darauf beschränken soll, die Einwände gegen Marx nur vorzutragen wird beschrieben, welche Möglichkeiten gefunden wurden, um auf diese Kritik einzugehen. Zu diesem Zecke werden zwei neomarxistische Ansätze behandelt, die den ursprünglichen Marxschen Klassenbegriff erweitern, um ihn an die herrschenden Verhältnisse anzupassen. Zum einen ist dies der Ansatz des Projekt Klassenanalyse aus Deutschland, zum anderen das Klassenkonzept des US-Amerikaners Erik O. Wrights im Rahmen des „Analytischen Marxismus“.

Nachdem anhand dieser beiden Konzepte gezeigt wurde, wie auf die Einwände empirischer Sozialforscher eingegangen werden kann soll verdeutlicht werden, wo die Stärken und Leistungen des Marxschen Klassenbegriffs liegen und warum es nötig ist, ihn als ein Instrument der empirischen Sozialforschung beizubehalten. Abschließend werden die Ergebnisse dieser Arbeit in einem Fazit zusammengefasst.

2. Die Marxsche Klassentheorie

Die Marxsche Klassentheorie bietet seit ihrer Aufstellung im 19. Jahrhundert immer wieder Stoff zur Diskussion. Marx selber betonte, dass er weder der Entdecker der Klassen, noch des Konfliktes zwischen ihnen sei. So schrieb er in einem Brief an Joseph Weydemeyer vom 5. März 1852: „Was mich nun betrifft, so gebührt mir nicht das Verdienst, weder die Existenz der Klassen in der modernen Gesellschaft noch ihren Kampf unter sich entdeckt zu haben. Bürgerliche Geschichtsschreiber hatten längst vor mir die historische Entwicklung dieses Kampfes der Klassen, und bürgerliche Ökonomen die ökonomische Anatomie derselben dargestellt.“ (Marx 1852a: S.507f) Hier seien zum Beispiel die Ökonomen Ricardo und Smith zu erwähnen, die die Wertbestimmung von Waren in der zu ihrer Herstellung verwendeten Arbeitszeit sehen, ein Ansatz, der später bei Marx eine zentrale Rolle in seiner Klassentheorie spielt und die er in seinen Werken explizit nennt. (Marx 1863: 158-169) Trotzdem wird Marx im allgemeinen als einer der Väter der Klassentheorie gesehen, dessen Konzept „grundlegend und bis heute einflussreich“ geblieben ist.(Burzan 2004: 14)

Marx selber hat nie eine vollständige und systematische Darstellung seiner Klassentheorie geliefert, jedoch bemerkte beispielsweise Lenin, dass sämtliche Schriften von Marx mit der Klassenfrage zusammenhingen. (Bottomore 1967: 17) Zwar enthält Marx Werk „das Kapital“ ein Kapitel mit dem Titel: „die Klassen“, allerdings bleibt dieses unvollständig und bricht nach wenigen Sätzen ab. In dem kurzen Abschnitt, der zur Verfügung steht geht Marx auf Schwierigkeiten ein, die mit seiner Theorie der Klassen einhergehen. Des weiteren enthält es einen Hinweis darauf, dass Marx von drei Hauptklassen ausgeht, die zur damaligen Zeit in der Gesellschaft vorhanden waren. Hierbei handelt es sich um die Klassen der Lohnarbeiter, der Grundeigentümer und der Kapitalisten. (Marx 1894: 892f)Tiefer gehende Erkenntnisse lassen sich aus diesem kurzen Abschnitt jedoch nicht gewinnen.

Marx Klassentheorie ist vor dem Hintergrund ihres Entstehungszeitpunkts zu sehen. Die westliche Welt befand sich in der historischen Phase der Industrialisierung, die sich durch eine Veränderung der gesellschaftlichen Strukturen auszeichnete. Das feudale Ständesytem wurde zurückgedrängt und es bildeten sich neue Herrschaftsstrukturen heraus. Es entstand die sogenannte bürgerliche Gesellschaft, deren Struktur laut Marx maßgeblich durch die politische Ökonomie geprägt war. (Marx 1859: 8) Marx nannte als Beispiel für seine Untersuchungen zumeist das Beispiel England, das zu dieser Zeit das in der industriellen Entwicklung am weitesten fortgeschrittene Land war und anderen Staaten „das Bild ihrer eigenen Zukunft vor Augen führte“. (Bottomore 1967: 22)

Auch wenn festzustellen bleibt, dass es nicht möglich ist, eine kurze Definition des marxschen Klassenbegriffs zu geben soll an dieser Stelle die Marxsche Klassentheorie in ihren Grundzügen knapp erläutert werden.

2.1 Grundlagen

Marx Klassenbegriff findet in seinen Werken keine durchgehend kongruente Verwendung. So wird er einerseits schlicht als Begriff für sich gegenüberstehende gesellschaftliche Gruppen mit antagonistischen Interessen verwendet, wie anhand eines Zitates aus dem Manifest der kommunistischen Partei deutlich wird: „Die Geschichte aller bisherigen Gesellschaften ist die Geschichte von Klassenkämpfen.“ (Marx 1848: 462) An späterer Stelle grenzt er jedoch seinen Klassenbegriff zumindest gegen das feudale Ständesystem ab, woraus deutlich wird, dass er den Begriff Klasse an dieser Stelle in einem Sinne verwendet, der nur noch die Klassen der kapitalistischen Gesellschaftsordnung umfasst. („Die Bourgeoisie ist schon, weil sie eine Klasse, nicht mehr ein Stand ist, dazu gezwungen, […] ihrem Durchschnittsinteresse eine allgemeine Form zu geben.“) (Marx 1846: 62)

So kann bemerkt werden, dass Marx Klassenanalyse als Analyse des Industrialisierungsprozess und Analyse des sozialen Wandels gesehen werden kann. (Herz 1983: 19) War im Feudalismus noch der Besitz von Grund und Boden determinierend für gesellschaftliche Stellung und die zur Verfügung stehende Macht einer Person, so wandelte sich dies im Rahmen der Industrialisierung zu einem neuen bestimmenden Faktor, dem Kapital, also dem Besitz von Produktionsmitteln. Dieser ist ausschlaggebend für die Klassenzugehörigkeit eines Individuums in der bürgerlichen Gesellschaft.

Die Feudalgesellschaft war noch von einer großen Bedeutung lokaler Märkte und einem geringen Maß an Arbeitsteilung geprägt, was zu einer zentralen Bedeutung zwischenmenschlicher Beziehung führte.

Im Rahmen der Industrialisierung entstanden mehr und mehr Manufakturen, bzw. zu späteren Zeitpunkten Fabriken und es kam zu wachsender Arbeitsteilung und steigender Nachfrage nach Gütern. Die Produktionsbedingungen entsprachen zu dieser Zeit nicht mehr den vorherrschenden Eigentumsverhältnissen, also der auf Grund- und Bodenbesitz beruhenden Sozialordnung. (Herz 1983: 20)

Den Produktionsbedingungen kommt in Marx Theorie eine zentrale Bedeutung zu, denn sie bestimmen seiner Ansicht nach das Leben in der bürgerlichen Gesellschaft. („Die Produktionsweise des materiellen Lebens bedingt den sozialen,politischen und geistigen Lebensprozess überhaupt.“) (Marx 1859: 8f) Die wichtigste Stellung unter den Produktivkräften kommt der Arbeit zu, denn sie ermöglicht die Selbstverwirklichung des Menschen. Besonders charakteristisch für die neu aufkommende Arbeitsweise war, dass die Produktherstellung in viele kleine Schritte gespalten war. In diesem in zersplitterten Prozess gelingt es nun den Besitzern der Produktionsmittel sich Mehrwert anzueignen.

Dies geschieht dadurch, dass der Lohn der Arbeiter auf ein Minimum reduziert wird, die Reproduktionskosten der Arbeitskräfte, also dem, was sie zu ihrem Überleben benötigen. Ermöglicht wird dies dadurch, dass die Arbeit in einfach auszuführende, repetitive Arbeitsschritte aufgegliedert wird, die von ohne besondere Kenntnisse ausgeführt werden können. Dadurch entsteht ein Überangebot an Arbeitern, die um die Arbeitsplätze konkurrieren . Da der Wert der produzierten Waren die Reproduktionskosten übersteigt entsteht ein Mehrwert. Die Aneignung dieses Mehrwerts bildet die Grundlage der Marxschen Klasseneinteilung. Auf der einen Seite das Proletariat, also die Arbeiter, die den Mehrwert erzeugen und auf der anderen Seite die Bourgeoisie, die sich den Mehrwert aneignet. Eine Gemeinsamkeit mit dem überwundenen Feudalsystem bleibt, dass beide Klassen aufeinander angewiesen sind. Jedoch wandelt sich die Form der wechselseitigen Abhängigkeit.

Der Kapitalist, der Bourgeois, benötigt den Arbeiter zur Erzeugung von Mehrwert, der Arbeiter, also Proletarier braucht den Kapitalist, da er selbst nichts außer seiner Arbeitskraft besitzt. Dies verdeutlicht die antagonistische Beziehung der beiden Klassen. Der Produktionsmittelbesitzer beutet die Arbeiter aus, der Gewinn fließt in seine Tasche. Dies geschieht durch die Tatsache, dass er durch den Besitz der Produktionsmittel die Kontrolle über die Produktion inne hat und sich daher den Mehrwert aneignen kann. Dadurch, dass auch die Arbeiter um ihren Anteil am Mehrwert der Produkte kämpfen stehen die beiden Klassen sich in einem diametralen Verhältnis gegenüber. (Burzan 2004: 15)

Der Konflikt zwischen beiden Klassen stellt das konstituierende Element des kapitalistischen Gesellschaftssystems dar. Die sozialen Veränderungen dieses Systems führte Marx auf die Industrialisierung zurück. Traditionale Bindungen, die noch aus dem Feudalismus vorhanden waren verloren an Bedeutung. Nicht mehr nur noch Waren, sondern auch Arbeitskraft werden auf dem Markt angeboten. Die Besitzer der Produktionsmittel gehen vertragliche Bindungen mit den Arbeitern ein, die ihre Arbeitskraft auf dem Markt anbieten. Diese vertragliche Bindung existierte zwar schon im Feudalismus, allerdings war das Verhältnis zwischen Lehnsherr und Vasall dadurch gekennzeichnet, dass gegenseitige Rechte und Pflichten existierten. So konnte der Lehnsherr zwar Güter von seinen Vasallen einfordern, musste aber im Gegenzug in schlechten Zeiten für diese sorgen. Im kapitalistischen System ist diese Vertragsbindung auf eine „gefühllose bare Zahlung“ reduziert. (Marx 1848: 464) In diesem Prozess entsteht eine wachsende Konkurrenz zwischen den einzelnen Arbeitern, da mehr Arbeitskräfte auf dem Mark vorhanden sind als Nachfrage nach ihnen.

Diese Veränderungen durch die Vereinfachung der Arbeit auf repetitive Arbeitsschritte auf der einen Seite und den Verlust zwischenmenschlicher Bindungen im

kapitalistischen System auf der anderen führt dazu, dass sich Menschen sowohl gegenüber anderen Menschen als auch gegenüber der Natur entfremden. (Herz 1983: 22)

[...]

Ende der Leseprobe aus 25 Seiten

Details

Titel
Welche Schwierigkeiten ergeben sich vom empirischen Standpunkt bei der Nutzung des Marxschen Klassenbegriffs?
Hochschule
Universität Trier
Note
2,3
Jahr
2010
Seiten
25
Katalognummer
V164705
ISBN (eBook)
9783640799572
ISBN (Buch)
9783640800131
Dateigröße
638 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Auch aus soziologischer Sicht eine interessante Arbeit, die zur Recherche verwendet werden kann.
Schlagworte
Marx, klassentheorie, sozialstrukturanalyse, klasse, klassenbegriff, schichtungstheorie, schicht, millieu, politikwissenschaft, soziologie, politische theorie
Arbeit zitieren
Anonym, 2010, Welche Schwierigkeiten ergeben sich vom empirischen Standpunkt bei der Nutzung des Marxschen Klassenbegriffs?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/164705

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