Status des Venezianischen - Sprache oder Dialekt?


Hausarbeit, 2010

25 Seiten, Note: 1,3

Viktoriya Solod (Autor)


Leseprobe

Inhalt

Einführung

1. Unterschied Venetisch und Venezianisch

2. Sprachliche Merkmale des Venezianischen

3. Sprache oder Dialekt – Status des Venezianischen
3.1. Die Religionsstütze
3.2. Die Literaturstütze
3.3. Die Wissensstütze
3.4. Die Organisationsstütze

Schlussfolgerungen

Literatur

Einführung

Die Antwort auf die Frage, ob das Venezianische eine ausgebaute Sprache oder ein Dialekt sei, könnte offensichtlich erscheinen: Die Europäische Charta der Regional- oder Minderheitssprachen und das italienische Gesetz über Minderheitssprachen schließen Dialekte, und darunter das Venetische, vom offiziellen Schutzbereich aus. Dadurch bekommt der Status des Venezianischen als Teil des Venetischen, wenn auch indirekt, eine gesetzliche Grundlage. Das mag aus einer pragmatischen und soziopolitischer Sicht akzeptabel sein, jedoch fraglich vom sprachwissenschaftlichen Standpunkt. Aus der synchronischen Perspektive sind alle Idiome Sprachen: Italienisch ist eine Sprache, genauso wie Venetisch. Aus der diachronischen Perspektive sind alle Sprachen Dialekte: Italienisch und Venetisch sind zwei von vielen italo-romanischen Dialekten, die vom Lateinischen abstammen. Latein seinerseits war einer der Dialekte, die der Gruppe der indoeuropäischen Sprachen angehörten. Das Auslassen des Venetischen aus dem gesetzlichen Schutzbereich erscheint umso verblüffender, als Friaulisch, Ladinisch und Sardisch den Status der Minderheitssprachen bekommen. Welche sind nun die Kriterien für die Abgrenzung Dialekt – Sprache? In der modernen Linguistik gibt es zahlreiche Überlegungen zu diesem Thema, die oft widersprüchlich sind. Die Schwierigkeit der Zuordnung zu einem oder zu anderem Gegenpol besteht unter anderem darin, dass die zugrunde gelegten Kriterien teilweise auch von der politischen Situation abhängen und sich des Öfteren ändern. Von Bedeutung ist außerdem die Betrachtungsweise: Diachronisch gesehen war Republik Venedig nicht weniger mächtig als z.B. Toskana zu Bembos Zeiten, im Gegenteil, die Republik war einer der mächtigsten Staaten Europas und deren Idiom verfügte über Schriftlichkeit und wurde von allen sozialen Schichten verwendet. Somit erfüllte das Venezianisch die wichtigsten Kriterien, die eine Sprache definieren: Es gab eine offizielle politische Grenze, die einen Nationalstaat von der restlichen Italien abgrenzte, es gab Literatur, bis schließlich Versuche das Idiom zu normieren. Warum wurde aber trotzdem das Toskanisch-Italienische zum Standard ausgewählt? In den nachstehenden Kapiteln versuche ich, auf diese Fragen zu antworten. Im ersten Teil wird das Venezianische – Forschungsgegenstand dieser Arbeit – von anderen Dialekten innerhalb des Venetischen abgegrenzt. Im zweiten Teil wird auf die sprachlichen Merkmale des Venezianischen eingegangen, um seine Eigenartigkeit im Vergleich zu Toskanisch-Italienischen besser zu verstehen. Anschließend werden vier Kriterien für die Abgrenzung Sprache vs. Dialekt präsentiert.

1. Unterschied Venetisch und Venezianisch

Die moderne Region Venetien ist in sieben Provinzen unterteilt: Belluno, Padua, Rovigo, Treviso, Venedig, Verona und Vicenza. Ihre genauen Grenzen sind im Art. 131 der italienischen Verfassung festgelegt. Diese Grenzen haben sich im Laufe der Jahrtausende mehrmals verschoben. Nach der augustinische Aufteilung Italiens im 7 Jh. die zehnte Region La Venetia et Histria breitete sich auch auf das heutige Territorium von Istrien bis zum Fluss Arsa, auf Friaul-Julisch Venetien und sogar auf den östlichen Teil Lombardeis mit seinen Provinzen Mantua, Cremona, Brescia und Sondrio aus. Das erklärt die häufig verwendete Bezeichnung Tre Venezie. Zu der Republik Venedig wurden 1389 Treviso, zwischen 1404 und 1406 Verona, Vicenza, Padua, Feltre, Belluno und Bassano, 1420 das Fürstentum Fliaul, 1426 Brescia und 1428 Bergamo annektiert. Die Republik Venedig war im Mittelalter und in der Frühen Neuzeit einer der mächtigsten Staaten Europas, dessen Weltmachtstatus auf Venedigs Position als das östliche Mittelmeer herrschende Seehandel- und Kolonialmacht mit einer besonderen geographischen und geopolitischen Lage beruhte. Aus dieser Position ergaben sich interessante sprachliche Konsequenzen sowohl für das Venetische als auch für andere Sprachen, mit denen es in Kontakt kam.

Anhand der modernen linguistischen Forschungsmethoden kann der venetische Dialekt in vier Hauptgruppen unterteilt werden[1]:

1) das Lagunen-Venezianische (Varietäten von Venedig und seinen Lagunen-Städten Pellestrina, Chioggia, Burano, Caorle und Mestre);
2) das Zentralvenetische (Varietäten von Padua, Vicenza und Polesine);
3) das Westvenetische (Varietäten von Verona und Rovigo);
4) das Nordostvenetische (Varietäten von Belluno, Feltre und Treviso).

Das Venetische außerhalb der Region wird außerdem in Friaul-Julisch Venetien (Varietäten von Triest), in Trentino-Südtirol (Varietät von Trient) und in Istrien (lingua veneta de là da mar) gesprochen.[2]

Infolge der venezianischen Expansion in der Zeit der Republik wurde den anderen lokalen Sprachformen der sprachliche Stempel des Idioms von Venedig aufgedruckt. Daraus resultiert die Unschärfe der Bezeichnungen. Heutzutage unterscheiden sowohl die Einwohner Venetiens als auch die Sprachwissenschaftler in der Regel zwischen dem Venetischen, der gesamten Dialektgruppe einschließlich aller lokalen Varietäten, und dem Venezianischen, der Varietät der Stadt Venedig, die zur Zeit der Republik Venedig als allgemeine Koine diente, heute jedoch nur eine von mehreren bedeutenden Stadtvarietäten innerhalb des Venetischen ist.

2. Sprachliche Merkmale des Venezianischen

Das Venezianische nimmt eine gesonderte Stelle in der Gruppe der norditalienischen Dialekte. Während die übrigen norditalienischen Varietäten, z.B. das Lombardische oder das Piemontesische, viele Gemeinsamkeiten auf dem Gebiet der Lautentwicklung, der Morphologie und des Wortschatzes mit dem Galloromanischen aufweisen, hat das Venezianische mehr mit den übrigen italoromanischen Varietäten gemeinsam. Besonders im Vokalismus ähnelt es sich stark dem Toskanisch-Italienischen (z.B. durch das Fehlen gerundeter Vokale wie /ö/ und /ü/). Dadurch, dass Venedig als Küstenregion aufgrund der territorialen Gliederung zum byzantinischen Reich gehörte und somit von sprachlichen Entwicklungen auf dem Festland lange getrennt war, unterscheidet sich das Venezianische weiterhin durch das Fehlen von Umlaut von /-e-/ und /-o-/ bei nachstehenden /-i-/, außer in Ausnahmefällen nui (it. noi), vui (it. voi), illi (it. essi), quili (it. quelli), fisi (it. feci), spisi (it. spesi), vini (it. venni). Was die Auslautvokale betrifft, werden sie auch im Venezianischen wie in anderen norditalienische Dialekten gelassen, allerdings nur /-e/ nach n, l, r und /-o/ nach n, r (aber nicht wenn es um Doppelkonsonanten handelt). Die auslautenden /-àe/ und /-ào/ werden zu /-à/ reduziert, so dass mità, carità und entstanden. Außerdem wir das Venezianische durch das Beibehalten des lateinischen Diphthongs -/au-/ gekennzeichnet wie in auro (it. oro), causa (it. cosa). Darüber hinaus führten die verschiedenen Fortsetzungsmöglichkeiten von lateinischen -al- in der Stellung vor Dentalen zu hybriden Bildungen wie galdimento (it. godimento), aldì (it. udii), coltela (it. cautela)[3].

Im Bereich des Konsonantismus fügt sich das Venezianische in den norditalienischen Rahmen, zum Beispiel durch die Entwicklung der lateinischen velaren Verschlusslaute vor palatalen Vokalen. Weitere Merkmale sind: Die Stimmhaftigkeit der intervokalischen Plosivlaute wie in saver (it. sapere / lat. sapere), saon (it. sapone / lat. saponem), la xe passada (it. è passata / lat. passata est), digo (it. dico / lat. dico), fogo (it. fuoco / lat. focum)[4]. Was die nasalen Laute angeht, entstehen sie in gleichen Positionen im Venezianischen wie im Standarditalienischen, mit einigen Ergänzungen, z.B. /kaṅtár/ (it. /kantáre/), /iṅvérno/ (it. /invérno/), /raṅgárse/ (it. /arrangársi/)[5]. Die Palatalisierung hat sich unterschiedlich stark verwirklicht: Während die Nexus /fl-/ wie in flor (it. fiore) und /bl-/ wie in blava (it. biava) erhalten bleiben, wird /pl-/ zu / pj-/ am Wortanfang, so in piaxer (it. piacere) und piovan (it. piove), und im Wortinneren erhalten bleibt wie in complide, soplir. Interessant ist die Entwicklung bei /cl-/. Intervokalisch wird es zu stimmhaften /-g-/, das sich neben /-i-/ auch als eine mögliche Fortsetzung von lateinischem /-lj-/ ergab. So entstanden Homonyme wie ogo, das sowohl dem it. occhio (lat. oculum), als auch oglio (lat. oleum) entsprach. Um diese Verwechslung zu vermeiden, wurde dann /-cl-/ in nicht-intervokalischer Stellung weiterentwickelt, und zwar zu stimmloser Affrikate /-c-/ wie in soperchasse (it. avanzasse)[6]. Charakteristisch für das Venezianische ist außerdem der Verlust des okklusiven Elements, so dass sich Frikative ergeben, wie etwa in se diese (it. si dice) oder duesento (it. duecento)[7], geschrieben als s, ss oder x.

Im morphologischen Bereich verdient die Verbkonjugation in der 1. Person Plural des Präsens Indikativ Beachtung, wobei die Endung im Venezianischen –emo lautet, wie in demo (it. diamo), lasemo (it. lasciamo), semo (it. siamo). In der 2. Person Singular ist die Bewahrung des auf das Lateinische zurückgehenden –s charakteristisch, z.B. pos (it. puoi), diges (it. dici) , debis (it. devi), metis (it. metti), as (it. hai). Infolge dieses Verlustes von –s ergab sich im Konjunktiv Präsens zunächst für den gesamten Singular der a- Konjugation die Endung –e, daneben auch –a wie in den anderen Konjugationen. Im 15. Jahrhundert breitete sich dann jedoch –i aus, z.B. in fazi (it. faccia), lassi (it. lasci). Als 3. Person Singular Präsens Indikativ des Verbs essere fungiert bis heute noch die Form xé. Zu einer bestimmten Verwirrung führt der im Zuge der phonomorphologischer Entwicklung entstandene Zusammenfall der Singulars und Plurals in der 3. Person, wie in lori canta (it. loro cantano)[8]. Daraus ergab sich die Notwendigkeit des obligatorischen Gebrauchs der Personalpronomina el für die 3. Person Singular und i für die 3. Peron Plural und des Pronomens ti für die 2. Person Singular, um die Bedeutungsverwechslungen zu vermeiden, wie z. B. bei el sente vs. i sente (it. sente vs. sentono) oder ti parlavi vs. parlavi (it. parlavi vs. parlavate)[9].

Die lateinischen Neutra werden nach der Regel der 2. Deklinationsklasse als Maskulina behandelt, d.h. bilden Plural mit –i und nicht mit -a, so z.B. uovo – uovi (it. uovo – uova / lat. ovum – ova), zenochio – zenochi (it. ginocchio – ginocchia / lat. genuculum – genucula) und braco – braci (it. braccio – braccia / lat. brachium – brachia)[10].

Des weiteren wird im Venezianischen die Gerundialendung –ando für alle Verbklassen verwendet, was abiando statt it. avendo, vegnando statt it. venendo oder digando statt it. dicendo ergab[11]. Ein wichtiges morphologisches Zeichen für Venezianisch ist außerdem die Form des bestimmten Artikels Singular el.

Im Bereich der Syntax ist im Venezianischen die obligatorische Subjektklitika für den Nominativ, z.B. el varda (it. (lui) guarda) und interrogative Klitika, die wie Endungen verwendet werden, z.B. vàrdelo? (it. (lui) guarda?) Die Subjektklitika werden auch verwendet, wenn das Subjekt im Satz sichtbar ist, z.B. Marco el varda la strada, Ti vientu? ‘Sa vàrdito ti? ‘Sa vàrdelo Marco?[12]

Bezüglich des Gebrauchs von Präpositionen ist der Anschluss eines nachfolgenden Infinitivs mit a bei den Verben plaser (it. piacere), ordenar (it. ordinare), voler (it. volere) und lasar (it. lasciare) festzustellen, beispielsweise che li devese plaser a dar, ordeno a pagar, voio ch’el sia in arbitrio a destribuir oder laso a dar in autorio. Im Verhältnis der Präpositionen da und de ist zu beobachten, dass da oft anstelle von de verwendet wird, wie es sich besonders in der Onomastik zeigen lässt, wo da Chanal statt de Chanal oder da Mosto statt de Mosto steht. Außerdem ist da in folgenden Infinitivkonstruktionen anzutreffen: pregai da far, sia tenuta da far cantar, m’à inspirado da far, in prometa da far, bailia da far, libertade da tor. Am Gebrauch der Präposition per ist die Verwendung für Bestimmung des Agens oder der Art und Weise bemerkenswert, wie in logo devedado per la sancta glesia oder lasà per lo so testamento, und für solche lokaler und temporaler Natur, wie ale congregacion per Venesia oder abia sol. X de grosi s’ela starà per si per ano per J casa[13].

Der Wortschatz des Venezianischen entstammt überwiegend dem Lateinischen, zeichnet sich aber durch zahlreiche Entlehnungen, die den intensiven Kontakt des Venezianischen zu anderen Sprachen reflektiert. Viele Wörter des venezianischen Ursprungs im heutigen Standarditalienisch stammen überwiegend aus dem Seemannswortschatz, z.B. lido, secca, giosana (it. riflusso); pontile, trasto, colomba (it. chiglia); sosta (it. amantiglia); anghiere (it. gancio d’accosto); scóvolo, cavana (it. arsenale); regata, quarantena, góndola; liberare (it. alleggerine); traghetto; baréna, vèlma, cuòra (it. terreno molle delle paludi); drizzagno (it. canale), bóra (it. vento di NE), marúbio (it. mare agitato), réfoeo (it. soffio di vento), barbón (it. triglia), sfógo (it. sogliola), fólpo (it. polipo) usw[14].

[...]


[1] Zamboni, Alberto: Veneto, S. 9

[2] http://www.venetolibero.it/paginastoria-91lingua.html

[3] Eufe, Rembert: Sta lengua ha un privilegio tanto grando, S. 30

[4] Ferguson, Ronnie: A linguistic history of Venice, S. 60

[5] Zamboni, Alberto: Veneto, S. 12

[6] Eufe, Rembert: Sta lengua ha un privilegio tanto grando, S. 34

[7] Pellegrini, Giambattista/Stussi, Alberto: Dialetti Veneti in Storia della cultura veneta, S. 451

[8] Eufe, Rembert: Sta lengua ha un privilegio tanto grando, S. 37-38

[9] Cortelazzo, Manlio: Guida ai dialetti veneti I, S. 27

[10] Ferguson, Ronnie: A linguistic history of Venice, S. 61

[11] Eufe, Rembert: Sta lengua ha un privilegio tanto grando, S. 39

[12] http://de.academic.ru/dic.nsf/dewiki/1452527#Merkmale

[13] Eufe, Rembert: Sta lengua ha un privilegio tanto grando, S. 40

[14] Zamboni, Alberto: Veneto, S. 27-33

Ende der Leseprobe aus 25 Seiten

Details

Titel
Status des Venezianischen - Sprache oder Dialekt?
Hochschule
Universität Trier
Note
1,3
Autor
Jahr
2010
Seiten
25
Katalognummer
V164718
ISBN (eBook)
9783640797622
ISBN (Buch)
9783640797677
Dateigröße
594 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Satus des Venezianischen, Sprache oder Dialekt, Venezianische Sprache, italienische Dialekte, Venetisch
Arbeit zitieren
Viktoriya Solod (Autor), 2010, Status des Venezianischen - Sprache oder Dialekt?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/164718

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