Liebe als Verwirklichung des Unmöglichen: Niklas Luhmanns "Liebe als Passion"

Zur Kodierung von Intimität


Seminararbeit, 2005
18 Seiten, Note: 1,7

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Kommunikation

3. Liebe
3.1 Entstehung
3.2 Passion
3.3 Individualität
3.4 Erwartungen
3.5 Dauer

4. Freundschaft

5. Intimitätsbeziehungen

6. Die Rolle der Sexualität

7. Fazit

8. Literatur

1. Einleitung

Grundlage für diese Arbeit ist Niklas Luhmanns 1982 erschienenes Werk „Liebe als Passion“. Darin geht Luhmann besonders auf die Bedeutungswandel der Begriffe Freundschaft und Liebe im Laufe des 17. und 18. Jahrhunderts1 ein. Er stellt die grundlegende Frage, wieso sich die Liebesbeziehung als Intimitätsbeziehung2 entwickelt bzw. als Code für Intimität durchgesetzt hat und nicht z.B. die Freundschaft. Ein Grund, so Luhmann, ist die Sexualität - weil sie ein Störfaktor in der Freundschaft ist. Den Aspekt der Sexualität möchte die vorliegende Arbeit beleuchten. Es soll besonders auf die Rolle der Sexualität bei der Bildung von Intimbeziehungen eingegangen werden.

Luhmann definiert die Gesellschaft als System, darin ist Liebe ein Kommunikationsmedium zur Bildung von Intimbeziehungen. Es gibt also bestimmte Codes und Verhaltensmuster wie sich Liebe entwickelt, zeigt und beweist. Der Einzelne Liebende muss im Anderen Anklang und Anknüpfpunkte finden, d.h. das eigene Verhalten so interpretieren wie das Verhalten des Anderen. Jeder Liebende handelt der geliebten Person gegenüber auf die Art und Weise, auf die er - im Falle dass er ebenfalls geliebt wird - auch behandelt werden möchte.

Es gibt laut Luhmann keinen anthropologisch gegebenen Bedarf an Liebe. Ist Sexualität also die Grundvoraussetzung für die Liebe? Und wenn die Verwirklichung der Liebe unwahrscheinlich ist - wie Luhmann postuliert, wie können die Liebenden die Unwahrscheinlichkeitsschwelle der Liebe überwinden und eine dauernde Intimitätsbeziehung aufbauen?

Luhmanns These ist, dass über die Aufwertung der Sexualität im 18. Jahrhunderts die Konkurrenz von Liebe und Freundschaft als Grundformel für eine Codierung der Intimität entscheidbar wird und die Liebe ‚gewinnt’. Die Ehe wird in der vorliegenden Arbeit nicht behandelt.3 Sie soll primär über die Klärung des Liebesbegriffs bei Luhmann und die Entwicklung der Intimitätsbeziehungen handeln.

2. Kommunikation

Soziale Systeme werden durch Kommunikation konstituent4. Kommunikation aber braucht Zeit, denn die Ereignisse laufen schneller ab als die Kommunikation die Ereignisse selbst abbilden kann. An einer Kommunikation sind mindestens zwei Personen A (Sender) und B (Empfänger) in Form psychischer Systeme beteiligt. Wenn A eine Mitteilungsabsicht hat, muss der Umweg über Kommunikation erfolgen. B muss sich anschließend, da er A nicht ins Gehirn oder ins Herz schauen kann, auf die Information von A und das eigene Verstehen, verlassen. Die Rezeption trägt immer einen Zweifel mit sich.

Zuerst wählt A der Fülle der Ereignisse einen und nur diesen Teil aus, um ihn - als Information betrachtet - zu kommunizieren. Anschließend wählt er ein geeignetes Kommunikationsmittel sowie eine geeignete Kommunikationsform aus, um diese Information zu kodieren und an B zu übermitteln. (Jede erhaltene Information wird vom Empfänger auf seine Umwelt übertragen und in seine Erlebniswelt5 überprüft.) Wenn B nun aufgrund der Wahl (diese Information und keine andere wurde in besonders dieser Form mitgeteilt) von A die Information nicht nur empfängt, sondern auch - so wie sie gemeint war - versteht, dann ist Kommunikation zustande gekommen und gelungen6. Verstehen ist somit Bedingung für das Zustandekommen und die Fortsetzung, d.h. Anknüpfung an Verstandenes in der Kommunikation.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Die Entscheidung für die Mitteilung einer Information an eine andere Person ist gleichzeitig eine gegen die Übermittlung vieler anderer möglicher Informationen. Dabei entscheidet nicht nur die Mitteilungsabsicht eines Senders, sondern auch die Interpretation der Mitteilung durch einen Empfänger darüber, ob Kommunikation vorliegt oder nicht. Insofern kann auch Schweigen eine Form der Kommunikation sein, das Verstehen des Schweigens ist aber problematisch, da es potentiell sehr unterschiedlich interpretiert werden kann.

Genaues „Verstehen“, d.h. die Information exakt nachvollziehen zu können, ist laut Luhmann sowieso unwahrscheinlich, wird aber durch Liebe ermöglicht. Liebe löst das Kommunikationsproblem] dadurch, dass sie andere Formen der Kommunikation wählt. Die Liebe wird durch Kommunikationsformen intensiviert, wie z.B. die „Augensprache“ oder das miteinander Reden ohne gezielte Absicht von Informationsaustausch.7 Weil in der Liebe auch kognitives Verstehen anstrengend ist, hält man sich an dem Gefühl fest, zu verstehen und verstanden zu werden. (Dieses Gefühl ist jedoch fragil). Eine Frage-Antwort Situation wäre insofern unangenehm, weil damit leicht deutlich werden könnte, dass etwas nicht, bzw. anders verstanden wurde.

Ein potentielles Problem der Kommunikation in der Liebe ist, dass jede Mitteilung des Partners - auch wenn sie nur sachlich gemeint ist - aufgrund des intensiven und hohen Interpretationsspielraums auf die Beziehung bezogen wird und somit für Konflikte sorgen kann, wenn sie nicht „verstanden“ wird. Hier herrscht Differenz zwischen Information und Mitteilung. So kann z.B. die Frage „Wo sind die Autoschlüssel?“ verstanden werden als: „Er glaubt, ich hätte sie verlegt bzw. ich sei unfähig, sie an dem richtigen Platz hinzulegen“, um dann schnell in der berühmtern Kommunikation „Du liebst mich nicht mehr!“ zu münden. In diesem Fall knüpft die Information im Kommunikationsprozess beim Empfänger an andere Rezeptionsmuster an, als vom Sender beabsichtigt, der z.B. nur in Erfahrung bringen wollte, wo die Schlüssel liegen.

Ein anderes Problem bei der Kommunikation in Intimbeziehungen ist, dass man sich zu gut kennt, um solchem Verhalten ausweichen zu können. Unter der Bedingung der Intimität hat jede Kommunikation einen Personenbezug und eine historische Genese, trägt also die Erwartung in sich, dass auch dies in jeder Mitteilung mitgesehen, mitberücksichtigt, mitverantwortet wird. - Wenn Person A mit solchen Situationen besser umgehen kann als Person B, dann liegt der Verdacht nahe, dass A nicht wirklich liebt, da asymmetrische und schwer zu kontrollierende Rezeptionsmuster des Verstehens bei B aktiviert werden.

3. Liebe

„In diesem Sinne ist das Medium Liebe selbst kein Gefühl, sondern ein Kommunikationscode, nach dessen Regeln man Gefühle ausdrücken, bilden, simulieren, anderen unterstellen, leugnen und sich mit all dem auf die Konsequenzen einstellen kann, die es hat, wenn entsprechende Kommunikation realisiert wird.“ (LAP 23)8

Mit der Verbreitung des Buchdrucks zu Beginn der Frühen Neuzeit rückt die Liebe ins breiten - weil kommunizierbaren - Focus, sie wird dargestellt, zum Recht eines jeden Menschen erklärt und ihr „Code“ wird reflektiert: In Handlungen von Romanen wird dargestellt, was möglich ist und wie das Ideal aussieht.9 Man kann von nun an damit rechnen, dass der Code bekannt, d.h. kanonisch ist, jedoch auch, dass die Floskeln und Gesten, die zur Kunst der Verführung gehören, trotzdem oder gerade deshalb10 wirken. Luhmann behandelt Liebe als symbolischen Code - als Kommunikationsform - nicht als Gefühl. Liebessemantiken (Sprechweisen) erlauben es erst nach ihrer Entwicklung, d.h. nach der Kodifizierung, entsprechende Gefühle auszudrücken und damit zu konstruieren. Die Semantik der Liebe kann jedem die Worte und Gefühle liefern, die er abrufen möchte.

Luhmann geht davon aus, dass richtige, d.h. an vorherige Kommunikation anknüpfende Verhaltensweisen und Einstellungen kodifizierbar und auch erlernbar sind. Die Codierung erlaubt es, die Liebescodes durch Abstraktion mit anderen Codes vergleichbar zu machen, etwa mit solchen wie Macht, Geld oder Wahrheit.

Liebe funktioniert über das Medium Intimbeziehung11, als Differenz zwischen höchstpersönlichen intimen Sozialbeziehungen und unpersönlichen extern motivierten Sozialbeziehungen. Der Code der Liebe ist laut Luhmann die Differenz zwischen geliebt werden und nicht geliebt werden. Die Funktion des Codes ist es, eine Problemorientierung im Alltag zu ermöglichen. In der Liebe erinnern sich die Liebenden dauernd an ihre Liebesgeschichte, somit wird Liebe als eine jeweils einseitig vom psychischen System konstruierte Veranstaltung der Zweiseitigkeit beobachtet. Liebe ist auch eine Form wechselseitiger Identitätsbestätigung.12

Um überhaupt Liebe - die laut Luhmann nicht determiniert ist - zu ermöglichen, müssen vorher von den beteiligten psychischen Systemen (Personen), alle Verstand- und Vernunftbeschränkungen aufgehoben werden. Erst dann kann eine selbstbezogene und fremdbezogene wechselseitige Identitätsbestätigung stattfinden. Und genau darum geht es in der Liebe: nicht um Gefühle, sondern um die Bestätigung des Anderen und um die Einheit der Liebenden i.e. ihre Kommunikation von ‚Liebes-Codes’.

Insofern ist Liebe eine Perfektionsidee; die Idee perfekter Kommunikationsrezeption, kurz die Überwindung der Kommunikation durch Abschaffung der Umweltgrenze der psychischen Systeme und Einswerdung.

„Das In-der-Welt-des-anderen-Vorkommen-und-daraufhin-handeln-Können muß laufend reaktualisiert werden. […] es muß wiederholt werden, ohne die Merkmale des Wiederholtwerdens anzunehmen; oder es muß, da dies nahezu zwangsläufig misslingt, wenigstens in der Intention so verstanden werden.“(LAP 44)

Bei der Liebe geht es also nicht um Totalität sondern um Universalität, d.h. um die dauernde Mitbeachtung des Partners in allen Lebenslagen. In dieser Universalität wird der Code der Liebe wichtig, weil er vorgibt bzw. erklärt, wie das Erleben und das Handeln in der Liebe mitgeteilt wird. Dieser Code wurde in der Literatur festgehalten, und durch die Literatur verändert. In den Romanen des 17. und 18. Jahrhunderts wurde dargestellt wie man sich verliebt und wie man als Liebende miteinander umgeht. Danach richteten sich in der Folge die Verhaltensnormen und die Erwartungen in der Liebe.13

[...]


1 Luhmann stützt sich bei seinen Thesen vor allem auf Romane und Schriften des 17 und 18 Jahrhunderts.

2 Intimität wird verstanden als Vertrautheit und Innigkeit in einer Beziehung.

3 Luhmann sieht Liebe als Passion und Steigerung während der Ehe als paradox an, da die Ehe auf Beständigkeit und Sicherheit ausgerichtet ist.

4 Eine ausführliche Beschreibung findet sich in: Luhmann, Niklas: Soziale Systeme. Siehe Literaturangabe.

5 Die Welt in der der Einzelne lebt, Erfahrungen macht und den Wahrheitsgehalt der Informationen überprüft anhand von Gesehenem, Erlebtem und eigenes Wissen

6 Wenngleich dieser Prozess des Verstehens mit Zweifel der psychischen Systeme nach Adäquatheit belastet bleibt.

7 Daher auch die Aussage „Wir haben und nichts mehr zu sagen“ wenn die Liebe in einer Beziehung vergeht. 5

8 Die Seitenangaben in Klammern beziehen sich während der gesamten Arbeit immer auf: Luhmann, Niklas: Liebe als Passion. Zur Codierung von Intimität, Frankfurt/M 1982.

9 „Romantisch“ ist das Verhaltensmodell, das der Roman vorführt.

10 „trotzdem oder gerade deshalb“ da das Wissen in die Beschaffenheit der Codes durch die Romane kommuniziert und verwirklicht wird. Somit wird der Rezeptionsmöglichkeitsraum verringert und die Kommunikation kann teleologischer ablaufen.

11 Intimbeziehungen werden in Kap. 5 ausführlich behandelt

12 das macht Liebe geradezu unwahrscheinlich und riskant innerhalb der Sozialsystems Familie

13 in der heutigen Zeit kommen noch andere Medien für die Codebildung hinzu wie z.B. der Film 7

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Liebe als Verwirklichung des Unmöglichen: Niklas Luhmanns "Liebe als Passion"
Untertitel
Zur Kodierung von Intimität
Hochschule
Universität Konstanz
Veranstaltung
Literatur und Ethik
Note
1,7
Autor
Jahr
2005
Seiten
18
Katalognummer
V164720
ISBN (eBook)
9783640799602
ISBN (Buch)
9783640800070
Dateigröße
925 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Ethik und Sexualität in der Literatur der Moderne
Schlagworte
Literaturwissenschaft, Ethik, Sexualität, Liebe, Passion, Literatur, Moderne, Niklas, Luhmann, Liebe als Passion, Freundschaft, Liebesbeziehung, Intimitätsbeziehung, Code, Intimität, Gesellschaft, System, Kommunikation, Verhaltensmuster, Liebende, Bedarf, Verwirklichung, Unwahrscheinlichkeit, Codierung, Ehe, Liebesbegriff
Arbeit zitieren
Laura Hordoan (Autor), 2005, Liebe als Verwirklichung des Unmöglichen: Niklas Luhmanns "Liebe als Passion", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/164720

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