Das Motiv des künstlichen Menschen in der Literatur

Ein Vergleich zwischen Harry Mulischs „Die Prozedur“ und E.T.A. Hoffmanns „Der Sandmann“


Hausarbeit, 2010
16 Seiten, Note: 2,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1) Einleitung

2) Das Motiv des kunstlichen Menschen in der Literatur - ein Uberblick

3) Der Eobiont in Harry Mulischs „Die Prozedur"

4) Das Motiv des kunstlichen Menschen in E.T.A. Hoffmanns „Der Sandmann"

5) Schlussbetrachtung

6) Literatur

1) Einleitung

Eines der groBten Ziele, die der Mensch schon immer vor Augen hatte, ist es, die Welt beziehungsweise das Leben in allen Einzelheiten zu verstehen. Seit Anbeginn der Zeit hat er deshalb vieles versucht, um diesem Ziel ein Stuckchen naher zu kommen. Dennoch kann man auch im Jahr 2010 immer noch nur von einem winzigen Teil an Wissen sprechen, was die Frage nach dem Leben angeht. Die Wissenschaft gelangt jeden Tag zu neuen Erfolgen, die jedoch nur minimal weiterhelfen. Trotz dass das Ziel unerreichbar zu sein scheint, investieren die Menschen sehr viel, haben sie immer schon sehr viel investiert. Sie beobachteten die unterschiedlichsten Lebensformen, tun dies immer noch, halten ihre Ergebnisse fest und wenden sie auf anderen Gebieten (z.B. in der Medizin) an. Doch beim reinen Beobachten bleibt es nicht. Viele Versuche werden unternommen, es wird experimentiert und ein Teilbereich scheint herauszustechen als ein wichtiger und trotzdem gefahrlicher, Angst einfloBender Schritt hin zum oben genannten Ziel. Dieser Bereich widmet sich der Erschaffung von kunstlicher Intelligenz, vom kunstlichen Menschen. Sei es, um die „richtigen“ Menschen zu unterstutzen, oder wichtige Fortschritte in der Frage nach dem Leben zu machen.

Gerade dieser angsteinfloBende Gedanke vom kunstlichen Menschen ist es, der nicht nur in den Kopfen der Wissenschaftler hangen bleibt. Vor allem die Literatur beschaftigt sich schon seit der Antike mit dem Gedanken von durch Zauber oder schwarze Margie zum Leben erweckte, kunstliche Kreaturen, die den perfekten Menschen darstellen und den echten Menschen dienen sollen. Die Protagonisten spielen Gott, ganz nach ihren realen Vorbildern, und vergessen dabei nicht selten ihre Grenzen und Verantwortungen. Die Maschinen, Automaten, Puppen und der gleichen sind in den Werken der groBen Schriftsteller, ausgehend von den Angsten, die damit verbunden sind, ausgestattet mit Gefuhlen und der Fahigkeit zu denken und zu handeln, wie es ihnen passt. Dadurch entgleiten sie den Handen ihrer Schopfer und es kommt haufig zum „Super-Gau“: Geschopf, Schopfer oder beides gehen zu Grunde.

Ausgehend von den literarischen Beispielen solcher kunstlichen Menschen lassen sich nach Helmut Swoboda[1] drei Moglichkeiten zur Erschaffung von kunstlichen Menschen feststellen:

Zum Einen die magisch-mythische Erschaffung. Diese knupft direkt an die Schopfungsmythen an und lasst den Wunsch des Menschen erkenn, Gott ahnlich beziehungsweise gleich zu sein. Der Golem beispielsweise wird aus Ton und Lehm geformt und durch mystische Zeichen erweckt.

Zum Zweiten die biologische Erschaffung. Diese genetische Kopie des Menschen spiegelt dessen Streben nach dem Wissen vom Leben und seinen Geheimnissen am besten wieder. Ein Beispiel hierfur ware der Homunculus aus Goethes „Faust“.

Und zum Dritten die technische Erschaffung, die dem Menschen als ebenburtiger Gegner gefahrlich werden kann, wie der Automat aus E.T.A. Hoffmanns „Der Sandmann“.

Durch die Vielfaltigkeit der kunstlichen Menschen in der Literatur stellt sich die Frage, worin sich der Gebrauch dieses Motives unterscheidet, welche verschiedenen Nachrichten er dem Leser zukommen lassen will. Nachdem ich einen kurzen Uberblick uber das Motiv des kunstlichen Menschen in der Literatur allgemein gegeben habe, werde ich diese Frage untersuchen, wozu ein Vergleich zweier Werke notig sein wird. Zum einen werde ich versuchen zu klaren, welche Rolle der Automat „01impia“ in E.T.A. Hoffmanns Erzahlung „Der Sandmann“ spielt, zum Anderen werde ich mich im Vergleich dazu mit Harry Mulischs „Eobionten“ aus seinem Roman „Die Prozedur“ auseinandersetzen.

2) Das Motiv des kunstlichen Menschen in der Literatur - ein Uberblick

Das Motiv des kunstlichen Menschen zieht sich schon seit Anbeginn des Schreibens durch die Werke grofier Autoren wie ein roter Faden. Schon immer beschaftigte das Schaffen von Leben die Wissenschaftler aller Zeiten. Allerdings veranderte sich dieses Motiv geringfugig in den verschiedenen Epochen. Eine grobe Einteilung lasst sich hierbei wie folgt vornehmen: die Antike, das Mittelalter, die Aufklarung, die Romantik und schliefilich das zwanzigste Jahrhundert und die heutige Literatur.

Die antike Literatur ist gepragt von Zauber und Mystik, von Gottern, Halbgottern und mystischen Wesen wie Drachen, dreikopfigen Schlangen etc. Dementsprechend wird auch die Erschaffung von kunstlichen Menschen geschildert beziehungsweise in die Werke mit eingebaut. Betrachtet man zum Beispiel den Titan Prometheus so stellt man fest, dass Ovids[2] Held Menschen aus Lehm und Wasser formt und diesen auf eine magische Art und Weise Leben einhaucht. Ohne Frage lassen sich gerade bei diesem Beispiel epochenubergreifende Gemeinsamkeiten zu der Figur des Golem feststellen, die unter anderem in Harry Mulischs Werk „Die Prozedur“ - zu dem zu einem spateren Zeitpunkt noch viel gesagt werden wird - zu linden ist. Auch die Gottin Aphrodite spielt bei Ovids „Schopfungsgeschichten“ eine Rolle. Der aus den „Metamorphosen“[3] bekannte Protagonist Pygmalion verliebt sich unsterblich in eine wunderschone Frauenstatue aus Stein. Auf sein Flehen hin erbarmt sich die Gottin der Liebe und belebt die steinerne Frau. In beiden Fallen spielt die Mystik eine besondere Rolle, der Akt der Schopfung ist den Gottern uberlassen. Aufierdem enthalten diese Szenen weitere Aspekte der damaligen Welt. Prometheus topfert den Menschen, eine hoch geschatzte Kunst im alten Griechenland. Und dass die Liebe etwas Heiliges war und sogar eine Gottin beanspruchte, braucht wohl nicht weiter erklart zu werden. Der Akt der Schaffung war demnach etwas Kunstvolles und Heiliges beziehungsweise Mystisches. Allerdings entwickelte sich das Motiv des kunstlichen Menschen schon in der Antike ein Stuck weiter. Wie beschrieben war die Erschaffung dieser Menschen anfangs nur den Gottern oder gottahnlichen Wesen vorbehalten. Aufierdem waren ihre Geschopfe, wenn auch ursprunglich nur Stein, Lehm oder ahnliches, spatestens nach dem Belebungsakt aus Fleisch und Blut. Dies anderte sich allerdings mit dem Handwerker Dadalus. Dieser stellt das menschliche Gegenstuck zu den Gottern dar, der uber sein Handwerk als Schopfer tatig werden konnte.

Die Literatur des Mittelalters beschaftigte sich ebenfalls ofters mit dem Motiv. Hier gab es drei Moglichkeiten der Belebung: die Belebung durch eine dem Gegenstand innenwohnende Kraft, die Belebung durch die Magie und die Belebung durch die Natur. Letzteres findet sich beispielsweise in Achim von Arnims mittelalterlichem Werk ,,Isabella von Agypten“[4]. So oder so, die Belebung fand, ebenso wie bei Dadalus auch, nicht mehr durch Gotter statt, was gerade in der Religion auf grofien Widerstand stiefi. Schopfung sollte demnach nur dem einzig wahren Gott moglich sein. Hinter diesem Standpunkt steht wohl die Angst vor eine Gleichstellung mit Gott, aber auch die Angst vor den Folgen von Astrologie, Alchimie und Magie. Diese „Wissenschaften“ waren neu und beliebt, aber auch gefahrlich. Dennoch hatte das Motiv christliche Zuge, die nur als Metapher zu verstehen waren. So spiegelt sich beispielsweise in Ovids Statuenbelebung aus der Pygmalionsage, die in veranderter Form in mittelalterlichen Werken zu finden ist, die Hoffnung auf Wiedergeburt und Auferstehung wider.

Aber auch die direkte Anlehnung an die Schopfung durch den einen Gott findet sich in der Literatur wieder. Der Golem, ein von einem Rabbi durch das Wort „Anmanth“ (Wahrheit) belebtes Geschopf, wurde aus Lehm und Wasser nach dem Bild des Menschen geformt, so wie die Menschen im Buch Genesis von Gott geformt werden. Die Golem-Sage entwickelt sich dann jedoch parallel zu den Angsten der Menschen. Der Rabbi merkt, dass er sein Geschopf nicht mehr kontrollieren kann, es ist zu stark. Daher muss er es vernichten. Dies geschieht dadurch, dass der Rabbi die Silbe An des Schopfungswortes streicht und so „Manth“ (Tod) daraus macht. Die Angste der Menschen, ihre eigenen wissenschaftlichen oder magischen Werke nicht beherrschen zu konnen lassen sich hierin deutlich erkennen. Das Motiv setzt sich im Mittelalter also mit den Angsten und Auffassungen der Menschen und der herrschenden Machte auseinander.

Wahrend in den Jahrhunderten zuvor die literarischen Werke, die von Schopfung berichteten, gepragt waren von magisch-mystischen Aspekten, von geheimnisvollen Kraften oder der Kraft der Natur, befinden sich die Autoren der Aufklarung schon auf einem ganz anderen Weg. Die Wissenschaft dieser Zeit entdeckt neue, mathematische Wege, die die Menschen in ihren Kopfen festsetzen. Man glaubte die damalige Welt durch die Mechanik vollkommen beschreiben und verstehen zu konnen. Die mechanischen Menschen sind damit keine mystischen Erscheinungen mehr. Die Mechanik ist, so Rene Descartes, vielmehr eine Wissenschaft, die den Gesetzen der Physik gehorcht. Und das zeigt sich vor allem in der Literatur. Die kunstlichen Menschen scheinen hier teilweise durchsichtig, wie im echten Leben. Denn man gab den Menschen die Moglichkeit, das Innenleben der Maschinen betrachten zu konnen und somit die Angst zu zerstoren, die kunstlichen Gerate wurden nicht aus rotierenden Radchen, sondern aus magischen Dingen bestehen. Descartes ging sogar noch ein Stuck weiter, uber die Grenzen der Literatur hinaus. Fur ihn war der Mensch nichts anderes, als eine Mischung aus einem Automaten und der Fahigkeit zu Denken und dieses Denken auch mitzuteilen. Umgekehrt kann man sagen, dass der Mensch als Maschine auf zwei Registern geschrieben wurde: auf dem anatomisch-metaphysischen und auf dem technisch-politischen Register[5]. Die Grenzen zwischen Mensch und Maschine sind in der Literatur der Aufklarung folglich verschwommen und nicht leicht zu erkennen. Was allerdings nicht verschwommen ist, ist die Abgrenzung des Menschen von Gott. So zeigt sich zum Beispiel in Mary Shelleys „Frankenstein“ eine „luziferische Auflehnung gegen Gott und seinen Schopfungsplan“[6]. Letztlich ging also mit den Gedanken der Mechanik als Wissenschaft die „Angst vor den Moglichkeiten des Menschen, der sich von gottlicher Bevormundung losgesagt hat, aber auch die Angst vor seinem Schicksal in der nun entgotterten Welt“[7] einher.

Die Technik rief dann bei den romantischen Menschen Angst hervor. Die Vorstellung von einem menschenahnlichen, aber dennoch kunstlichen Geschopf spuckte in den Kopfen jener Zeitgenossen umher. Dennoch glaubten sie nicht mehr daran, dass die Automaten wirklich menschenahnlich werden konnten[8]. Daher ist es kaum verwunderlich, dass die Menschen sich unbedingt von den Maschinen unterscheidbar machen wollten. Mit diesem Phanomen hantierten auch die Autoren der Romantik, wie zum Beispiel E.T.A. Hoffmann. Sein angsteinfloBendes Werk uber kunstliche Menschen, „der Sandmann“, wird jedoch im Verlauf dieser Arbeit nochmals genau untersucht werden. Zu sagen bleibt jedoch noch, dass in der Romantik auch den Gedanken vom Menschen als Marionette als Phanomen dieser Zeit auftrat. Der durch das Schicksal vorbestimmte Weg war nicht mehr eine Aufgabe, die Aufgabe des Lebens, sonder ein Zwang, zu dem hin man ungewollt gelenkt wurde.

Wahrend der industriellen Revolution des 19. Jahrhunderts erfanden die Menschen allerhand technische Dinge, die das Leben von Grund auf veranderten. Die Automatisierung der Fabriken ermoglichte eine schnelle, saubere und billige Produktion. Im 20 Jahrhundert dann boomte die Autoindustrie, durch Maschinen wurde der Abbau von Kohle erleichtert, ebenso wie die Herstellung von Stahl oder ahnlichem. Die ganze Welt wurde uberhauft mit Maschinen. Trotzdem gab es immer noch Zweifel, ob diese auch zu beherrschen seien. All diese Eindrucke wurden auch in der Literatur verarbeitet. Der Roman Metropolis beispielsweise setzt sich mit den „gefahrlichen“ Maschinen der Fabriken, aber auch mit eigensinnigen Robotern auseinander.

[...]


[1] Vgl. H. Swoboda

[2] Vgl. Ovid

[3] Vgl. Ovid

[4] Vgl. Achim von Armin

[5] Vgl. Foucault

[6] Brittnacher, S. 35

[7] Brittnacher, S. 36

[8] Vgl. Wawrzyn, S. 105

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Das Motiv des künstlichen Menschen in der Literatur
Untertitel
Ein Vergleich zwischen Harry Mulischs „Die Prozedur“ und E.T.A. Hoffmanns „Der Sandmann“
Hochschule
Universität Trier
Note
2,3
Autor
Jahr
2010
Seiten
16
Katalognummer
V165066
ISBN (eBook)
9783640805594
ISBN (Buch)
9783640805624
Dateigröße
497 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
motiv, menschen, literatur, vergleich, harry, mulischs, prozedur“, hoffmanns, sandmann“
Arbeit zitieren
Matthias Wein (Autor), 2010, Das Motiv des künstlichen Menschen in der Literatur, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/165066

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