Schamanische Psychotherapie


Essay, 2010

10 Seiten


Leseprobe

Inhalt

1. Wie „passen“ Schamanismus und Psychotherapie zu einander?

2. Schamanisches Wirken in Brasilien: Candomblé. Praktische und psychisch wirksame Komponenten

3. Schamanisches Wirken in Australien: Schamanismus und Traum

4. Katathymes Bilderleben und Tagtraumtechnik nach Desoille

5. Neoschamanismus und (christlicher) Glaube

Quellen

Dieser Artikel soll in einem kurzen Abriss auf die Gemeinsamkeiten zwischen dem schon lange bestehenden Phänomen des Schamanismus und moderner Psychotherapie hinweisen. Dies geschieht auf der Grundlage ethnologischer, ethnopsychologischer und religionswissenschaftlicher Autoren. Im Rahmen dieses Artikels können nur Auszüge der Komplexe Schamanismus und Psychotherapie beleuchtet werden. Diese Ausführungen erheben daher keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Anhand von wenigen Fallbeispielen aus verschiedenen gesellschaftlichen Kontexten und Zeiten lässt sich freilich kein repräsentativer diachroner Querschnitt erstellen. Die folgende Gegenüberstellung soll exemplarisch im Rahmen der qualitativen ethnologischen Forschung verstanden werden, und sich gleichzeitig durch den Vergleich verschiedener Komponenten einer geahnten Ganzheitlichkeit annähern.

Als Beispiele werden der Schamanismus der Afrobrasilianer und in Australien betrachtet. Um den psychotherapeutischen Aspekt von Schamanimus zu beleuchten, habe ich vor allem Hannes Stubbes Geschichte der Psychologie in Brasilien (1987) verwendet. Die Zielsetzung ist herauszuarbeiten, dass große Gemeinsamkeiten zwischen den hier beschriebenen schamanischen Phänomene und bestimmten psychotherapeutischen Methoden liegen.

1. Wie „passen“ Schamanismus und Psychotherapie zu einander?

Um dies zu diskutieren, muss zunächst der Begriff Schamane definiert werden:

Als Schamanen werden in verschiedenen Teilen der Welt Personen bezeichnet, welche die Voraussetzungen zu „erkennen“ haben (vgl. Rosenbohm 1999: 7: „einer, der weiß“), nicht jeder ist für deren Aufgaben geeignet. Auch ist für diesen Posten die Fähigkeit zu einem besonderen Bewusstseinszustand von Nöten.

Der Schamanenkomplex besteht, so Stubbe, aus drei untrennbaren Elementen nach Leví- Strauss:

Das erste sei die individuelle Erfahrung des Schamanen, der spezifische psychosomatische Zustände empfindet- ob sie nun eingebildet oder „echt“ sind; hierbei kommt es auf die subjektive Ebene an. Das zweite sei die Empfindung des Kranken, der eine oder keine Besserung verspürt, das dritte die an der Behandlung emotional teilnehmende Öffentlichkeit, welche durch ihre Involvierung eine „kollektive Zustimmung“ erzeugt, die wieder einen neuen Kreislauf initiiert. Diese drei Elemente gruppieren sich also um zwei Pole, von denen der eine durch die intime Erfahrung des Schamanen entstehe, während der andere den kollektiven Konsensus bilde. Das schamanistische Heilverfahren steht nach Leví-Strauss´ Ansicht zwischen unserer organischen Medizin und psychologischen Heilmethoden, wie etwa der Psychoanalyse. Durch einen Vergleich mit der Psychoanalyse versucht Leví-Strauss verschiedene Aspekte des schamanischen Heilverfahrens zu erklären, zugleich aber auch die Psychoanalyse als die moderne Form der schamanischen Technik zu charakterisieren (Stubbe 1987: 51).

Nach Ackerknecht (1963) zählt Stubbe therapeutische Techniken des Medizinmannes auf. Zuerst eine Standardmethode, welche in ganz Südamerika mehr oder weniger uniform vorkäme und aus vier wesentlichen Phasen bestünde: Zuerst erfolgt die Vorbereitung des Medizinmannes durch Beeinflussung seines Bewusstseinzustandes oder dem des Patienten durch Narkotika oder Einräuchern. Dann begibt er sich in Trance, in der er die Krankheitsursache und die wirksamste Heilungsmethode erfährt, was in Besessenheit durch seine Hilfsgeister enden kann. Daraufhin erfolgt die Behandlung des Patienten durch Massieren, Anblasen und Heraussaugen. In der letzten Phase erfolgt die innerliche und äußerliche Anwendung von Heilmitteln.

Weitere therapeutische Techniken sind allgemein die Anwendung von Heilpflanzen, Giften und Drogen sowie Narkotisierung, auch abgelöst von der Standartmethode, und Blutentziehung, etwa in Form von Aderlass und Schröpfung. Heilbäder, Diäten und Fasten, sowie Übertragung der Krankheit auf einen Sündenbock oder das Bekennen der Krankheit, wenn ein Tabubruch als Ursache für diese angesehen wird, Wundbehandlung und Geburtshilfe (Stubbe 1987: 48).

Einen psychotherapeutischen Effekt erzielt vor allem die Übertragung von Krankheiten auf andere Individuen, Tiere oder Objekte, da dies mit einem übernatürlichen Krankheitskonzept zusammen hängt (Stubbe 1987: 48).

„Natürlich ist die Rolle des Schamanen in der Gesellschaft eine völlig andere als die des Psychotherapeuten. Wenn man so will, kann man den Schamanen als „psychohygenische Institution“ der Gemeinschaften auffassen, die seine magische, religiöse und oft auch politische Macht anerkennen (Stubbe 1987: 54).[1]

Die therapeutische Funktion des Schamanen sei jedoch essentiell, „denn in Südamerika kann der Schamane als Heiler par excellence angesehen werden“ (Stubbe 1987: 48).

Der große Unterschied zwischen modernen esoterischen Ausprägungen einerseits und Schamanismus in einer bestimmten Gesellschaft verhafteten Entstehungskontext andererseits besteht darin, dass ersteres von jedem angewandt werden darf. Zwar gibt es selbsternannte Meister, das Bewusstsein der christlich- europäisch geprägten Menschen ist jedoch meist, wie auch Jung anmerkt (Jung 1997: 287), von einer grundlegend differierenden Geisteshaltung zu der des Entstehungskontextes der entlehnten Praktiken geformt. Daher sind diese nicht ohne weiteres in derselben Weise anwendbar und wirkungsvoll. Zum Leben des Medizinmannes gehören psychische Erlebnisse, die dem „normalen Menschen“ unerreichbar sind (Stubbe 1987: 50).

Schamanismus und Psychotherapie wurden bereits von Levi Strauss verglichen, dabei seien aber wichtige Komponenten im schamanischen Heilungsprozess vernachlässigt worden, wie die Suggestion oder das ideomotorische Gesetz Carpenters. Dieses besagt, dass Vorstellungen danach drängen sich zu verwirklichen, dass unwillkürliche Muskelbewegungen aufgrund von Vorstellungen auftreten[2] (Stubbe 1987: 51).

„Die rigorose Aufwertung des Schamanismus, von dem sich Lévi-Strauss die Vertiefung der theoretischen Grundlagen und ein besseres Verständnis für die Wirkungsweise moderner psychotherapeutischer Methoden erhofft habe, sei vor allem wissenschaftsgeschichtlich zu verstehen, gegen die evolutionistische Abwertung des schamanistische Heilverfahrens (Stubbe 1987: 51).

[...]


[1] Um mehr über die Definition von Schamanismus zu erfahren, können Sie den ebenfalls hier eingestellten Artikel „Schamanen und Medizinmänner“ lesen.

[2] Oepen 1999: 57.

Ende der Leseprobe aus 10 Seiten

Details

Titel
Schamanische Psychotherapie
Hochschule
Johannes Gutenberg-Universität Mainz
Autor
Jahr
2010
Seiten
10
Katalognummer
V165101
ISBN (eBook)
9783640807215
ISBN (Buch)
9783640807369
Dateigröße
483 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Schamanismus, Psychotherapie, Religion, Spiritualität
Arbeit zitieren
M.A. Carina Bauer (Autor), 2010, Schamanische Psychotherapie, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/165101

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