Analyse von Konsumverhalten und Essgewohnheiten an Schulen mit dem Förderschwerpunkt Lernen


Examensarbeit, 2010
201 Seiten

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

I. Theoretische Grundlagen

2 Soziale Aspekte der Ernährung

2.1 Schichtzugehörigkeit und Förderschulbesuch
2.1.1 Definition soziale Schicht
2.1.2 Merkmale von Unterschichtzugehörigkeit
2.1.3 Schichtzugehörigkeit und Besuch der Förderschule mit Schwerpunkt
Lernen
2.2 Einfluss des sozioökonomischen Status auf Gesundheit und
Ernährung
2.2.1 Schichtspezifische Ernährung
2.2.2 Schichtspezifisches Gesundheitsverhalten
2.2.3 Ursachen schichtspezifischer Ernährung
2.2.4 Gutes Essen eine Frage des Geldes?
2.3 Relevanz des Themas Ernährung für die Förderschule

3 Essverhalten, -gewohnheiten und -präferenzen
3.1 Entstehung von Essverhalten und -präferenzen bei Säuglingen und
Kleinkindern
3.1.1 Primär- und Sekundärbedürfnisse
3.1.2 Geschmackspräferenzen
3.1.3 Gewöhnungseffekt
3.1.4 Grenzen rationaler Ernährungserziehung
3.2 Essverhalten und -gewohnheiten
3.2.1 Drei-Komponenten-Modell
3.2.2 Verhaltenskontinuität
3.2.3 Einflüsse der Familie auf das Ernährungsverhalten
3.3 Nahrungspräferenzen
3.3.1 Allgemeine Prinzipien
3.3.2 Motive der Lebensmittelwahl

4 Essalltag in Familien
4.1 Mahlzeiten
4.1.1 Die soziale Institution Mahlzeit
4.1.2 Stellenwert des Essens
4.1.3 Gemeinsame Mahlzeiten vs. entstrukturierte Tagesabläufe
4.1.4 Frühstück
4.1.5 Mittagessen
4.1.6 Abendessen
4.1.7 Zwischenmahlzeiten
4.1.8 Außerhäuslicher Verzehr
4.2 Ernährungsarbeit
4.2.1 Vor- und Zubereitung
4.2.2 Vorratshaltung
4.2.3 Einkaufen
4.3 Ernährungskompetenzen und –wissen
4.3.1 Ernährungskompetenzen
4.3.2 Ernährungswissen
4.3.3 Vermittlung von Ernährungskompetenzen und –wissen

5 Konsum
5.1 Käuferverhalten allgemein
5.1.1 Kaufprozesse
5.1.2 Externe Einflussfaktoren auf das Konsumverhalten
5.1.3 Das Kind als Konsument
5.1.4 Einfluss von Fernsehen und Werbung
5.2 Trends beim Konsum
5.2.1 Der Billligtrend
5.2.2 Der Preis ist nicht alles
5.2.3 Markenprodukte vs. Eigenmarken
5.2.4 Die Probleme des Überflusses
5.3 Trends hinsichtlich Lebensmittelgruppen
5.3.1 Regionale Produkte
5.3.2 Bio-Lebensmittel
5.3.3 Functional Food
5.3.4 Convenience Produkte
5.3.5 Fleisch

6 Auswirkungen des soziodemographischen Wandels auf Essgewohnheiten und Konsumverhalten
6.1 Alterung der Gesellschaft
6.2 Steigende Frauenerwerbstätigkeit
6.3 Pluralismus der Haushalts- und Familienformen
6.4 Zunehmende Polarisierung zwischen Arm und Reich

II. Empirische Untersuchung

7 Fragestellung
7.1 Ziel
7.2 Hypothesen

8 Methodisches Vorgehen
8.1 Verwendete Tests
8.1.1 Interview
8.1.2 Tagesprotokoll über meine Essgewohnheiten
8.1.3 Beobachtungsbogen
8.2 Stichprobenbeschreibung
8.2.1 Schulen
8.2.2 Klassenstufe
8.2.3 Befragte Familien
8.3 Mögliche Probleme
8.4 Untersuchungsdurchführung

9 Ergebnisse
9.1 Aufgetretene Probleme
9.2 Tagesprotokoll über meine Essgewohnheiten
9.2.1 Frühstück vor der Schule
9.2.2 Frühstück in der Schule
9.2.3 Mittagessen
9.2.4 Zwischenmahlzeit
9.2.5 Abendessen
9.2.6 Nach dem Abendessen
9.2.7 Warme Mahlzeiten
9.2.8 Zusammenhang zwischen den Speisen und den dabei anwesenden
Personen
9.2.9 Frühstück vor der Schule und in der Schule
9.2.10 Mahlzeitenrhythmus
9.2.11 Vergleich zwischen Lauterecken und Landau
9.3 Beobachtungsbogen
9.4 Überprüfung der Hypothesen

10 Interpretation
10.1 Mahlzeiten
10.2 Beköstigungspraktiken und familiäre Prägung
10.3 Einkauf und Konsum

III. Schlussfolgerung

11 Fördermöglichkeiten
11.1 in der Schule allgemein
11.1.1 Frühstück
11.1.2 Verpflegungsangebot in der Schule
11.1.3 Das Fach Arbeitslehre
11.1.4 Verbraucherbildung
11.2 in der Ganztagsschule
11.3 durch Elternarbeit

12 Grenzen der schulischen Ernährungsbildung

13 Zusammenfassung

Literaturverzeichnis

Bildquellen

Anhang

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Wechselwirkung zwischen Innen- und Außensteuerung sowie kognitiver Steuerung

Abbildung 2: Frühstück vor der Schule

Abbildung 3: Getränke während des ersten Frühstücks

Abbildung 4: Frühstück in der Schule

Abbildung 5: Essensstätte am Mittag

Abbildung 6: Gerichte des Mittagessens

Abbildung 7: Getränke zum Mittagessen

Abbildung 8: Getränke am Nachmittag

Abbildung 9: Mahlzeitenrhythmus SchülerIn 1 und 2

Abbildung 10: Mahlzeitenrhythmus SchülerIn 3

Abbildung 11: Mahlzeitenrhythmus SchülerIn 4, 5 und6

Abbildung 12: Mahlzeitenrhythmus SchülerIn 7

Abbildung 13: Mahlzeitenrhythmus SchülerIn 8

Abbildung 14: Mahlzeitenrhythmus SchülerIn 9 und 10

Abbildung 15: Mahlzeitenrhythmus SchülerIn 11 und 12

Abbildung 16: Mahlzeitenrhythmus SchülerIn 13 und 14

Abbildung 17: Mahlzeitenrhythmus SchülerIn 15 und 16

Abbildung 18: Mahlzeitenrhythmus SchülerIn 17 und 18

Abbildung 19: Mahlzeitenrhythmus SchülerIn

Abbildung 20: Einkaufsstätten in Abhängigkeit vom Einkommen

Tabellenverzeichnis

Tabelle 1: Lebensmittelmenge der Optimierten Mischkost am Beispiel 4-6 jähriger Kinder mit einem Energiebedarf von 1450 kcal/Tag

Tabelle 2: Lebensmittelkosten (€) der Optimalen Mischkost in Abhängigkeit von Alter und Einkaufstätte

Tabelle 3: Convenience-Stufen

1 Einleitung

Dem Thema Ernährung kommt ein immer größerer Stellenwert zu, der zusätzlich durch den Wandel gesellschaftlicher Umstände beeinflusst wird. Wie bei den Erwachsenen ist das Ernährungsverhalten von Kindern auch durch einen zu hohen Fett-, Zucker- und Proteinanteil geprägt. Dafür mangelt es an der Aufnahme von Ballaststoffen und der empfohlenen Flüssigkeitsmenge (vgl. Groot-Böhlhoff; Farhadi, 2007: 19). Laut KiGGS Studie (2006) sind 15% der 3-17 Jährigen übergewichtig[1], davon leiden 6,3% an Adipositas[2]. Vor allem bei sozial benachteiligten Familien besteht eine hohe Prävalenz für Übergewicht und eine ungesündere Ernährung. Daraus ist zu schließen, dass auch im Gesundheits- und Ernährungsbereich die unterschiedlichen sozioökonomischen Bedingungen die Sozialisation der Kinder, d.h. ihre Erziehung und ihren Umgang mit der sozialen sowie Warenumwelt, beeinflussen.

Der Supermarkt ist ein Schlaraffenland. Kinder wachsen in eine Gesellschaft, die ihnen suggeriert, dass Konsumgüter das „schnelle Glück“ bringen und dass Liebe und Anerkennung „zu kaufen und zu schmecken“ sind. Sie lernen, dass ihre Grundbedürfnisse durch Konsum befriedigt werden können. Die durchgängige Verfügbarkeit kann aber auch zu einer allgegenwärtigen Verführung werden, mit der wir lernen müssen umzugehen (vgl. Methfessel, 2007: 378f.). Daher rangiert auch sofortige Bedürfnisbefriedigung vor zeitaufwendiger traditioneller Speisen-zubereitung. Wir wollen minimalen Zeitaufwand bei der Zubereitung und einen geringen Preis für gute Qualität (vgl. Martell, 2010). Der Stellenwert der Discounter und Convenience-Produkte steigt. Die neue Generation gewinnt einerseits an Zeit durch vereinfachte Zubereitung, verliert dafür aber das Wissen der Nahrungszubereitung.

Der Trend geht zum Einheits-Essen und somit geht auch das Gefühl für den natürlichen Geschmack frischer Produkte verloren. Mit ihnen verschwindet aber auch ein Teil unserer Esskultur, essen mit der Familie wird immer seltener. Mit dem Auflösen der Familienmahlzeiten verschwindet auch eine Instanz für die Sozialisation der Kinder, wo Kinder essen lernen. Nach dem Prinzip „Essen kann jeder“, wird daher „Essenlernen“ nicht als gesellschaftliche Verantwortung von Erziehung und Bildung betrachtet, sondern von einer Selbstverständlichkeit im Privaten ausgegangen. Angesichts des gesellschaftlichen Wandels und des veränderten Stellenwerts von Mahlzeiten ist fraglich, ob diese Annahme weiter vertreten werden kann (vgl. Heindl, 2009: 572).

„Im Zusammenhang mit den komplexen Lebensbedingungen steigen die Anforderungen an Alltags- und Daseinskompetenzen. (…) In der Familie wird häufig eher weniger an Alltagskompetenzen vermittelt, aufgrund von Belastung, Zeitknappheit oder auch der Veralterung traditioneller praktischer Kompetenzen und Lösungen. Schule fängt das bisher keineswegs auf.“ (Thiele-Wittig, 2000: 83) Aus dieser allgemein gefassten Darstellung ergibt sich nun die Frage: Wie gestaltet sich die Situation an Förderschulen mit dem Schwerpunkt Lernen? In wie fern trifft diese Beschreibung zu?

Diese Arbeit soll dazu beitragen, die Essgewohnheiten und das Konsumverhalten an der Schule mit dem Förderschwerpunkt Lernen zu erfassen, um daraus Folgerungen für eine Ernährungsbildung in der Schule mit dem Förderschwerpunkt Lernen zu ziehen.

Die Arbeit besteht aus drei Teilen. Zuerst soll eine theoretische Grundlage geschaffen werden. Dieser Teil beginnt mit der Erläuterung der Relevanz des Themas für die Schule mit dem Förderschwerpunkt Lernen. Hierzu wird der Zusammenhang zwischen dem Besuch der Schule mit dem Förderschwerpunkt Lernen, der Schichtzugehörigkeit und dem daraus resultierenden Ernährungsverhalten dargestellt, sowie mögliche Ursachen betrachtet. Daraus ergibt sich die Frage wie spezielle Essgewohnheiten, -verhalten und -präferenzen erworben werden und durch welche Faktoren diese beeinflusst werden können. Anschließend soll ein Überblick über den aktuellen Essalltag in Familien gegeben werden. Dabei wird auf den allgemeinen Stellenwert und die Bedeutung der Mahlzeit, aber auch auf die Darstellung der Situation der einzelnen Mahlzeiten in der Familie eingegangen. Im Anschluss kommt es zu einer Betrachtung des Konsumverhaltens. Dabei soll das Käuferverhalten sowie externe Einflussfaktoren allgemein dargestellt werden, um ein Hintergrundwissen hinsichtlich der Betrachtung des Verhaltens aufzubauen. Danach soll auf die Rolle der Kinder als Konsumenten sowie auf die Auswirkung des Fernsehens bzw. der Werbung auf das Kaufverhalten eingegangen werden. Darauf folgen aktuelle Trends bzgl. des Konsums und den daraus resultierenden produktbezogenen Verhaltensweisen. Schließlich soll der Wandel bzgl. des Verbrauchs im Hinblick auf die soziodemografische Veränderungen in unserer Gesellschaft dargestellt und somit ein Ausblick auf die Zukunft geben werden.

Im zweiten Teil soll mit Hilfe einer empirischen Untersuchung ein Einblick in den Essalltag und das Konsumverhalten an Schulen mit dem Förderschwerpunkt Lernen gewonnen werden.

Im abschließenden dritten Teil der Arbeit soll dann mit Hilfe der Vorinformationen und der Erkenntnis der Untersuchung Förderbedürfnisse und -maßnahmen für die Schule mit dem Förderschwerpunkt Lernen abgeleitet werden, um die Ernährungssituation der SchülerInnen zu verbessern.

I. Theoretische Grundlagen

2 Soziale Aspekte der Ernährung

2.1 Schichtzugehörigkeit und Förderschulbesuch

2.1.1 Definition soziale Schicht

Der Begriff soziale Schicht dient der Untergliederung der Gesellschafts-mitglieder, aufgrund verschiedener Statusmerkmale wie Einkommen, Beruf und Bildung (vgl. Schäfers, Kopp & Lehmann, 2006: 147). Angehörige einer sozialen Schicht sind demnach durch gleiche Merkmale gekennzeichnet und grenzen sich dadurch wiederum von anderen Bevölkerungsgruppen ab. Zudem geht man von einer hohen Statuskontinuität zwischen Eltern und ihren Kindern aus, sodass durch schichtbezogene Sozialisationsprozesse ein Auf- oder Abstieg erschwert wird (vgl. ebd.: 249). Zur Unterteilung dient ein Sechs-Stufenmodel, bestehend aus Ober-, Mittel- und Unterschicht, die jeweils in einen unteren und einen oberen Bereich geteilt werden, bspw. untere oder obere Mittelschicht (vgl. ebd.: 248).

2.1.2 Merkmale von Unterschichtzugehörigkeit

Ausgehend von dem Schichtbegriff kann eine soziokulturelle Benachteiligung aus Unterschichtzugehörigkeit sowie aus verschiedenen sozialen, ökonomischen, ökologischen und kulturellen Merkmalen resultieren. Dazu zählen u.a. eine niedrige berufliche Position des Vaters sowie der Bildungsgrad der Mutter, eine überdurchschnittliche Kinderzahl, geringeres verfügbares Einkommen, beengte Wohnverhältnisse sowie das seltene Wahrnehmen medizinischer Angebote und daraus folgend eine unzureichender Gesundheitszustand (vgl. Schröder, 2000: 143f.). „Auch die Ernährungsgewohnheiten lassen wenig Gesundheitsbewusstsein erkennen (…).“ (ebd.: 145) Außerdem kennzeichnet ein Mangel an Selbst-bewusstsein oft das Selbstbild. Ihr Verhalten wird als passivistisch, gegenwartsorientiert und familistisch charakterisiert (vgl. ebd.: 146). „Jedoch üben viele der aufgelisteten Merkmale nicht unbedingt eine direkte benachteiligende Wirkung aus, sie tun dies vielmehr zu einem beträchtlichen Teil erst vermittelt durch gesellschaftliche Reaktion darauf.“ (ebd.: 148) Demzufolge sind nicht die Merkmale isoliert als Ursache für eine Zuordnung zur Unterschicht zu betrachten, sondern viel mehr im Kontext der Gesellschaft.

2.1.3 Schichtzugehörigkeit und Besuch der Förderschule mit Schwerpunkt Lernen

„Auf dem soziologischen Konstrukt der Sozialschicht basiert die Feststellung, dass 80-90% der Schülerschaft der Schulen für Lernbehinderung bzw. ihrer Herkunftsfamilien der Unterschicht angehören.“ (Thimm & Funke, 1977: 592ff.) Folglich scheint ein Zusammenhang zwischen der Zugehörigkeit zur Unterschicht und dem Besuch der Schule mit dem Förderschwerpunkt Lernen zu bestehen. Daraus ergibt sich die Frage nach einer Kausalität. Thimm und Funke (1977: 597ff.) erörtern dies wie folgt:

1. Die Beziehung ist nicht einseitig gerichtet - wenn Unterschicht dann Lernbehinderung-, sondern prinzipiell umkehrbar.
2. Es können nur Wahrscheinlichkeitsaussagen gemacht werden, keine deterministischen.
3. Die Verknüpfung ist bedingt abhängig von weiteren hinzukommenden Faktoren.
4. Sie ist ersetzbar durch andere Faktoren und somit nicht zwingend.

Es besteht demnach ein wechselseitiger Zusammenhang, der allerdings auch durch andere Faktoren begründet werden kann und aufgrund der Austauschbarkeit dieser Faktoren ist eine zwangsläufige Verknüpfung nicht vorausgesetzt. Es handelt sich daher nur um Wahrscheinlichkeits-aussagen.

2.2 Einfluss des sozioökonomischen Status auf Gesundheit und Ernährung

2.2.1 Schichtspezifische Ernährung

Die Ernährungsweise ist u.a. bedingt durch einen bestimmten Lebensstil und den sozialen Status. In zahlreichen Untersuchungen wurde herausgefunden, dass Menschen aus oberen sozialen Schichten (vgl. 2.1.1) abwechslungsreicher essen, vor allem mehr Obst und Gemüse sowie Milchprodukte, wogegen die untere Schicht vermehrt Butter, Zucker, Weißbrot, Fleisch und Wurstwaren konsumiert (vgl. Klotter, 2007: 23f.). Nach Lehmkühler (2002) bevorzugen Menschen aus der Unterschicht fetthaltige Lebensmittel, außerdem Nudeln, Kartoffeln und Brot, favorisiert werden dabei Mischbrot und Toastbrot. Der Verzehr von Milch, Obst und Gemüse ist gering, da diese einen niedrigen Sättigungswert besitzen. Hinsichtlich der Getränke wurden Limonade, Bier und Cola bevorzugt. Des Weiteren konnte nachgewiesen werden, dass mit sinkender Schichtzugehörigkeit auch der Konsum von Vollkornprodukten und Rohgemüse sinkt, parallel dazu der von Chips, Pommes Frites und Soft Drinks steigt (vgl. Klocke, 1995: 193). Es wird ersichtlich, dass Fett und Zucker bei sozial Benachteiligten einen höheren Anteil der Ernährung ausmachen als bei vergleichsweise Bessergestellten. Nach Lehmkühler (2002) dient ein übermäßiger Konsum von Kaffee, Zigaretten und Alkohol bei Erwachsenen sowie Süßigkeiten bei Kindern als Kompensation der harten Lebensumstände. Das Bewältigen von Alltagsproblem ist wichtiger als das Ändern von Essverhalten (vgl. Kessner, 2007: 91).

Außerdem wird versucht, durch inkonsequentes Ernährungsverhalten Konflikte zu lösen, indem bspw. dem Wunsch des Kindes nach etwas Süßem schneller nachgegeben wird (vgl. Bayer, Kutsch & Ohly, 1999: 39). Das Nachgeben könnte aber auch bedeuten, dass Kind nicht noch zusätzlich leiden zu lassen, da es bereits durch den sozioökonomischen Status oft ausgegrenzt wird bzw. sich dadurch ausgegrenzt fühlt (vgl. Methfessel, 2007: 379). Um den Kindern etwas Gutes zu tun, liegen daher eher Schokoriegel als Äpfel im Schulranzen (vgl. Kessner, 2007: 91). Demgemäß findet Ernährung in den unteren Einkommensschichten stärkere Anwendung als Erziehungsmittel, indem Lob durch Süßigkeiten und Strafe durch Verzicht auf diese ausgedrückt wird (vgl. ebd.). Diese Ergebnisse verdeutlichen die Existenz schichtdifferenten Ernährungs-verhaltens, wonach die Ernährungsqualität mit abnehmendem Sozialstatus sinkt (vgl. Muff & Weyers, 2010: 85).

2.2.2 Schichtspezifisches Gesundheitsverhalten

Dem Gesundheitsverhalten kommt im Kindes- und Jugendalter eine Schlüsselrolle zu, da bspw. eine ausgewogene Ernährung für das Wachstum von zentraler Bedeutung ist.

Ähnlich der Ernährung besteht ein schichtdifferenter Medienkonsum, d.h. Kinder aus sozial niedrigeren Schichten schauen mehr fern und sind somit inaktiver (vgl. Müller, 2005: 151). Laut der KiGGS Studie (2006) schauen 34% der Mädchen aus der unteren Sozialschicht und lediglich 22,6% aus der mittleren sowie 13,3% aus der hohen Sozialschicht drei Stunden oder mehr Fernsehen pro Tag. Der prozentuale Anteil der Jungen ist annähernd identisch. Fernsehen ist nicht mit Anstrengung verbunden und daher ein passives Freizeitverhalten (vgl. 2.2.2) im Gegensatz zu spielen und toben. Außerdem haben nach der KiGGS Studie (2006) Kinder aus sozial schwächeren Familien kaum Zugang zu Sportvereinen und sind allgemein weniger körperlich aktiv. So fehlt den Kindern oft die positive Erfahrung von Anstrengung, das Gefühl von Erfolg nach dem Erreichen eines selbst gesteckten Zieles. Außerdem schafft Fernsehen eine Welt der Illusionen, in der die oft von den Kindern mit Lernbeeinträchtigung im Schulalltag erlebten Misserfolge und Frustrationen nicht existieren (vgl. Schirmer, 2007: 101). „Wenn der Fernsehkonsum die Gefahr für Übergewicht erhöht und Personen der sozialen Unterschicht täglich besonders lange fernsehen, müssten sie ein besonderes Risiko für Übergewicht haben.“ (ebd.: 99) Unausgewogene Ernährung, Sucht-verhalten wie Rauchen und Alkohol und erhöhte Inaktivität durch steigenden Fernsehkonsum, psychische Arbeitsbelastungen (Lärm, Unfallgefahr), Stress und das Gefühl mangelnder Kontrolle über Lebens- und Arbeitsbedingungen sind Risikofaktoren hinsichtlich der Gesundheit (vgl. Müller, 2005: 147). Je niedriger der soziale Status, desto höher ist die Prävalenz ungesunder Lebensstile und somit auch von Übergewicht (vgl. ebd.: 150). Gerade Personen der unteren Statusgruppe sind von einer Mehrzahl dieser gesundheitsgefährdenden Faktoren betroffen (vgl. Richter, 2009: 151). Das Problem stellt heutzutage häufig ein vermehrter Verzehr von Nährstoffen dar, deren Konsum negative Wirkungen auf bspw. Herz-Kreislauferkrankungen oder Diabetes mellitus zugeschrieben wird (vgl. ebd.: 157).

Dazu kommt, dass viele nicht zum Zahnarzt gehen, „(…) die Verhaltensmuster einer unzureichenden Zahnpflege der Elterngeneration werden (somit) auf die Kinder übertragen.“ (Lehmkühler, 2002: 209) So sind Karies, Parodontose und Zahnlosigkeit in der unteren Schicht häufiger verbreitet. Angehörigen der Unterschicht fehlen durchschnittlich mehr Zähne (7,4) als Angehörigen der Oberschicht (2,7) oder der Mittelschicht (5,1) (vgl. Richter, 2009: 151). Dies ist ein Aspekt, der dafür spricht, dass Angehörige der unteren Schicht Angebote der gesundheitlichen Versorgung weniger in Anspruch nehmen.

2.2.3 Ursachen schichtspezifischer Ernährung

Die Ursachen für das Zustandekommen einer schichtspezifischen Ernährung sind verschiedenen. Sie bestehen aus psychosozialen, soziokulturellen, sozioökonomischen und strukturellen Faktoren.

Sozioökonomische und strukturelle Faktoren

Ein entscheidendes Kaufkriterium stellt der Preis dar, weil „(…) energiedichte und dadurch teilweise ungesunde Lebensmittel (viele Kalorien pro Gewichtseinheit, z.B. Süßigkeiten) meist preiswerter sind, als gesunde Lebensmittel mit geringerer Energiedichte (wenig Kalorien pro Gewichtseinheit, z.B. Gemüse, Fisch) und diese preisliche Differenz die sozial Benachteiligten beeinflussen.“ (Muff & Weyers, 2010: 85) Das vermehrte Verzehren ungesunder Lebensmittel kann dadurch zu Fehlernährung führen. Außerdem wird die Ernährung durch den Erwerbsstatus beeinflusst. Langzeitarbeitslose Männer und solche mit niedriger beruflicher Ausbildung neigen verstärkt zu stressbedingter Fehlernährung. Es besteht die Vermutung, dass durch Erwerbslosigkeit entstandene psychosoziale Belastungen durch den Konsum von energiedichten Lebensmitteln bewältigt werden (vgl. ebd.: 86).

Psychosoziale Faktoren

Mit sinkender Schichtangehörigkeit nimmt auch das Wissen über gesunde Ernährung (vgl. Lehmkühler, 2002: 211) sowie die subjektive Wichtigkeit von Ernährung ab. Des Weiteren können die Selbstwirksamkeits-erwartungen das Essverhalten regulieren. Diese sind bei sozial Benachteiligten oftmals geringer ausgeprägt gegenüber Privilegierten (vgl. Muff & Weyers, 2010: 86). Sie glauben weniger daran, aufgrund ihrer eigenen Kompetenzen eine gewünschte Handlung erfolgreich auszuführen, z.B. eine gesunde Ernährung.

Soziokulturelle Faktoren

Aufgrund schichtdifferenter Körperbilder unternehmen statushöhere Personen mehr Bemühungen für das Erreichen des Schlankheitsideals, wozu auch eine gesunde Ernährung zählt. Das Körperbild nimmt bei ihnen einen höheren Stellenwert ein als vergleichsweise bei sozial Benachteiligten. Zudem wirken sich in der Kindheit erworbene Verhaltensweisen prägend auf das spätere Leben aus, da Veränderungen schwer herbeizuführen sind. Demnach begünstigt eine gesunde Ernährung in der Kindheit das Beibehalten dieser im Erwachsenenalter, wodurch wiederum diese entstandene, elterliche Einstellung bezüglich Ernährung an die Nachkommen weitergegeben wird (vgl. Muff & Weyers, 2010: 87). Essgewohnheiten bestehen folglich über Generationen hinweg.

2.2.4 Gutes Essen eine Frage des Geldes?

Ist ein niedriges Einkommen die Ursache für einen schlechten Ernährungs-, sowie einen schlechten Gesundheitszustand oder resultiert dieser erst aus schlechter Ernährung (vgl. Bayer et al., 1999: 37)?

Die Ausgaben für Ernährung steigen mit zur Verfügung stehenden Einkommen, relativ gesehen nehmen sie aber ab. So muss eine Familie mit einem niedrigen Einkommen die Hälfte bis zwei Drittel des Einkommens für Ernährung ausgeben (vgl. ebd.: 38). Da diese Ausgaben den größten Teil ausmachen, wird auch hier am ehesten eingespart. Einkäufe beim Discounter und der günstigste Preis als Kaufkriterium helfen dabei. Trotzdem ist der Stellenwert von Ernährung in Familien mit niedrigen Einkommen hoch, da die Ernährungssicherheit der Familie als erstes gewährleistet sein muss (vgl. ebd.: 40). Nach der Maslowschen Bedürfnisbefriedigungshierarchie gehört eine ausreichende Ernährung zu den Grundbedürfnissen (vgl. ebd.: 35).

In Deutschland gelten 14% der Bevölkerung als einkommensarm, d.h. sie haben ein Netto-Haushaltseinkommen unter 938€ pro Monat. Als Regelleistung zur Sicherung des Lebensunterhaltes können diese das Arbeitslosengelds II (ALG II) beziehen, einen Betrag von 359€ pro Monat. Davon werden 37% für Nahrung, Getränke und Tabak berechnet. Für Kinder bis sechs Jahre gibt es pauschal 60% des Regelsatzes, für Kinder von sieben bis dreizehn Jahren 70% und 80% für Jugendliche, obwohl Jugendliche einen höheren Energiebedarf haben als Erwachsene (vgl. Kersting & Clausen, 2007: 508). Anhand einer Untersuchung sollte geklärt werden, wie teuer eine gesunde Ernährung nach der „Optimierten Mischkost“[3] für Kinder und Jugendliche ist.

Tabelle 1: Lebensmittelmenge der Optimierten Mischkost am Beispiel 4-6 jähriger Kinder mit einem Energiebedarf von 1450 kcal/Tag (vgl. Kersting & Clausen, 2007: 509)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Danach betrugen die Kosten im Discounter 1,67€ pro 1000 kcal, im Supermarkt sind die Kosten um 60% höher. Mit zunehmendem Alter steigen die Lebensmittelkosten, es kommt zu einer Deckungslücke zwischen dem Ernährungsregelsatz des ALG II und den Kosten der „Optimierten Mischkost“, bei Einkäufen ausschließlich in Discounter tritt diese Lücke später ein (vgl. ebd.: 510).

Tabelle 2: Lebensmittelkosten (€) der Optimalen Mischkost in Abhängigkeit von Alter und Einkaufstätte (aktualisiert nach Kersting & Clausen, 2007: 508)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Bei dieser Gegenüberstellung wird die zum Teil ungesündere Ernährung angesichts des Einkommens sichtbar, denn Weißbrot und Konserven sind günstiger als Vollkornbrot und frisches Gemüse.

Finanzielle Engpässe werden durch die Ganztagsbetreuung verschärft. Bei der derzeitigen Regelleistung reicht gerade einmal der Tagessatz aus, um die Teilnahme an einer warmen Mahlzeit in der Schule zu ermöglichen. Ein Ausschluss vom Mittagessen aus finanziellen Gründen würde eine Stigmatisierung und einen Ausschluss aus der Schul-gemeinschaft bedeuten. Dabei sollte der Ausbau der Ganztags-einrichtungen doch eigentlich die Chancengleichheit steigern (vgl. ebd.: 512).

Ein knappes Haushaltsbudget wirkt sich auf die Handlungsmöglichkeiten aus. „Trotzdem muss Geldmangel nicht bei allen Menschen zu Fehlernährung führen. Auch die haushälterischen Kompetenzen und das Bewusstsein für gesunde Ernährung spielen eine entscheidende Rolle.“ (Kessner, 2007: 92)

2.3 Relevanz des Themas Ernährung für die Förderschule

In den vorangegangenen Kapiteln wurde bereits auf den Zusammenhang von dem Besuch der Förderschule, Unterschichtzugehörigkeit sowie die ungünstigen Auswirkungen auf die Ernährung und das Gesundheits-verhalten eingegangen. Die Merkmale der sozial benachteiligten Schicht sind auch mit großer Häufigkeit bei FörderschülernInnen vertretenen.

So zeigt die Lauf Studie (2005), dass in den Familien der FörderschülernInnen meist hohe Kinderzahlen zu finden sind. Sie haben im Durchschnitt ein Kind mehr als bspw. Familien von Gymnasiasten, Real- oder Hauptschülern (vgl. Wocken, 2005: 45). Angesichts der Tatsache, dass der Verzehr ernährungsphysiologisch günstiger Lebensmittel (z.B. Vollkornprodukte, Obst und Gemüse, ungesüßte Getränke) mit zunehmender Haushaltsgröße, d.h. auch höherer Kinderzahl, sinkt (vgl. Molderings, 2009: 97), liegt die Annahme einer ungünstigen Ernährung bei FörderschülernInnen und ihren Familie nah.

Es wurde deutlich, dass die Ernährung des Weiteren durch das Einkommen und daher auch durch die Erwerbstätigkeit des Vaters, der die Rolle des Ernährers der Familie einnimmt, determiniert ist. Hinsichtlich der Erwerbstätigkeit der Väter von FörderschülernInnen wird deutlich, dass diese wesentlich häufiger von Arbeitslosigkeit betroffen sind, was wiederum die finanzielle Situation der Familie bestimmt und einen Zugang zu gesünderen Lebensmitteln bzw. solchen Lebensmitteln mit besserer Qualität verhindert. „Der Anteil arbeitsloser Eltern steigt monoton mit der Position des Schultyps in der Schulhierarchie.“ (Wocken, 2009: 50) Dazu haben beide Elternteile größten Teils nur eine geringere Schulbildung (Hauptschulabschluss, ohne Abschluss) als vergleichsweise Eltern von Gymnasiasten sowie Real- und Hauptschülern. Dies ist entscheidend hinsichtlich der Ergebnisse empirischer Studien, welche zeigen, dass die Qualität der Ernährung gleichzeitig mit dem Bildungsniveau der Mütter abnimmt (vgl. Molderings, 2009: 86).

Außerdem wurden schichtspezifische, genauso wie schultypenspezifische Unterschiede hinsichtlich des Fernsehkonsums deutlich. Denn FörderschülerInnen sowie Angehörige der unteren sozialen Schicht schauen täglich mehr fern. Medienorientierte Freizeitbeschäftigungen allgemein, d.h. auch Computer- und Videospiele, stehen bei ihnen an erster Stelle (vgl. Wocken, 2005: 42).

3 Essverhalten, -gewohnheiten und -präferenzen

3.1 Entstehung von Essverhalten und -präferenzen bei Säuglingen und Kleinkindern

3.1.1 Primär- und Sekundärbedürfnisse

Unter dem Primärbedürfnis versteht man die Motivation zur Nahrungsaufnahme aufgrund von Hunger. Man geht davon aus, dass Säuglinge dieses Primärbedürfnis durch die Körperempfindungen von Hunger und Sättigung befriedigen. Die Nahrungsaufnahme wird demgemäß bedarfsgerecht gesteuert. Allerdings kommt es noch nicht zu einer Ausdifferenzierung aufgrund von Sekundärbedürfnissen (vgl. 4.1.1) Diese werden erst später durch einen soziokulturellen Lernprozess erworben, der nach dem Abstillen einsetzt. Mittels der Mutter-Kind-Interaktion werden bereits in den ersten Monaten grundlegende Erfahrungen bzgl. des Essverhaltens gewonnen (vgl. Pudel, 2003: 38).

3.1.2 Geschmackspräferenzen

Unabhängig von Lernprozessen ist bei Neugeborenen eine Akzeptanz von süß und eine Abneigung gegenüber salzig, sauer und bitter zu beobachten. Die Akzeptanzschwelle sinkt jedoch mit steigendem Alter (vgl. Pudel, 2003: 40). „Außerdem besteht in den ersten Lebensjahren eine Neophobie[4] gegenüber Lebensmitteln. Diese kann durch wiederholtes Anbieten überwunden werden.“ (Hollen, 2000: 35) Folglich sind die vier Geschmacksrichtungen süß, sauer, bitter und salzig angeboren. Süß wird dabei mit der Muttermilch und süßen Früchten assoziiert und gilt daher als nicht giftig, im Gegensatz zu den Geschmacksrichtungen bitter und sauer, die unreifen und giftigen Früchten zugeschrieben werden. Gerade bei Geschmackspräferenzen kommt es zu einer Weiterentwicklung, da Kinder den Geschmack von bitterem Bier oder Kaffee nicht mögen (vgl. Storch, 1999: 133). Daher ist davon auszugehen, „(…) dass die Geschmackspräferenzen auf Lernerfahrungen beruhen (…)“ (Pudel, 2003: 41). Kinder gelten als geschmackskonservativ, sie suchen den vertrauten und Sicherheit gebenden Geschmack. Sie greifen daher von sich aus immer zu Gleichem. Die Erweiterung des Geschmacksspektrums erfolgt demnach durch das Angebot und die Konsequenz der Eltern (vgl. Methfessel, 2010: 8).

3.1.3 Gewöhnungseffekt

Durch Forschungen wurde herausgefunden, dass durch eine längere Bekanntschaft einer Speise auch die Beliebtheit steigt. Aufgrund positiver Erfahrungen hinsichtlich des Geschmacks und der Sättigung einer wiederholt angebotenen Speise kommt es zu einer Beliebtheitssteigerung (vgl. Gniech, 1996: 81f.). Auf diese Weise wird lediglich aufgrund des Kontaktes eine Nahrungspräferenz ausgebildet. Nur aus diesen Wiederholungen heraus entwickelt sich ein stabiles Essverhalten, dass oft über Generationen beibehalten wird. Dabei gelangen Kleinkinder erst durch ihre Eltern an diese Nahrungsmittel, sodass Eltern die Geschmacks-gewohnheiten ihrer Kinder massiv prägen. Dies wird auch als „ mere exposure effect “ bzw. der „Effekt der bloßen Darstellung“ bezeichnet. Dieser ist dafür verantwortlich, dass Kinder auf der ganzen Welt durch die Geschmacksgewohnheiten ihrer Kulturen geprägt werden (vgl. Pudel, 2003: 42).

3.1.4 Grenzen rationaler Ernährungserziehung

Seidenschwanz und Zeller (1983) fanden heraus, dass Kinder im Grundschulalter zwar Nahrungsmittel anhand der Kriterien gesund und ungesund unterscheiden können. Allerdings hat diese Funktions-zuschreibung kaum Auswirkungen auf das Essverhalten der Kinder, vor allem, weil für sie kein Zukunftsbezug erkennbar ist. Denn Kindern fällt es schwer einen Ursache-Wirkungs-Zusammenhang herzustellen, da keine unmittelbare Konsequenz auf ihr Verhalten, z.B. ungesunde Ernährung, folgt. Eine Antizipation der Folgen überschreitet ihre Zeitvorstellungen, sodass der Lustgewinn beim Essen dominiert (vgl. Vorpahl, 2004: 5). Außerdem fand Chomé (1984) heraus, dass der Energiegehalt einer Nahrung für Kinder noch kein Entscheidungskriterium darstellt. „Kinder können daher den anschaulich gebundenen Begriff des ‚Zuviel’ nur auf die Größe, sichtbares Volumen bzw. spürbares Gewicht beziehen.“ (Pudel, 2003: 44) Demnach hat die Behauptung eines Kindes, viel Gemüse und wenig Süßigkeiten zu essen, seine Richtigkeit, da der Energiegehalt für das Kind noch ohne Bedeutung ist und die höhere Kalorienaufnahme durch Süßigkeiten daher nicht erkannt wird (vgl. ebd.: 45).

3.2 Essverhalten und -gewohnheiten

3.2.1 Drei-Komponenten-Modell

Bei diesem Modell unterscheidet Pudel (2003) zwischen einer kognitiven Steuerung sowie der Außen- und Innensteuerung hinsichtlich des Essverhaltens.

Das kulturell und familiär geprägte Essverhalten wird hier als Außensteuerung bezeichnet. Diesem Essverhalten liegen Sekundärmotive (vgl. 4.1.1) zugrunde, die es motivational (vgl. 3.2.2) und gewohnheits-mäßig steuern. Unter der Außensteuerung des Essverhaltens könnte man auch Traditionen verstehen.

Dem gegenüber steht die Innensteuerung, die biologische Regulation unseres Verhaltens. Sie bildet den Gegenpol zur Außensteuerung und „(…) kann, je nach Strenge des familiären Verhaltenstrainings und des sozio-kulturellen Normendrucks, mit zunehmenden Lebensalter immer weniger regulierenden Einfluss besitzen.“ (Pudel, 2003: 46)

Unter kognitiver Steuerung versteht man alle Verhaltensweisen, die bewusst wahrgenommen werden und das eigene Ernährungsverhalten steuern. Dazu zählen bspw. Diäten, d.h. die bewusste Entscheidung für ein bestimmtes Produkt. Kognitive Steuerung ist demnach u.a. geprägt durch das Gesundheitsbewusstsein, finanzielle Ressourcen und das Körperbildes.

Die Wechselwirkungen dieser drei Einflussfaktoren auf das Essverhalten werden im Folgenden schematisch dargestellt.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Wechselwirkung zwischen Innen- und Außensteuerung sowie kognitiver Steuerung nach Pudel

Die kognitive Steuerung unterliegt der Außensteuerung, sodass unsere bewussten Entscheidungen den äußeren Einflüssen wie z.B. Ernährungsverhalten, gesellschaftlichen Normen und Einstellungen unterliegen. Allerdings sind diese durch Lernprozesse entwickelten Sekundärbedürfnisse unbewusst. Diese bewusste Entscheidungsebene bietet die Möglichkeit, auf das Ernährungsverhalten einzuwirken und eine Veränderung zu veranlassen. Die negative Schlussfolgerung der kognitiven Beeinflussung des Essverhaltens spiegelt sich in Essstörungen wider, wobei essensferne Motive (z.B. das Schlankheitsideal) einer bedarfsgerechten Ernährung vorgezogen werden (vgl. Pudel, 2003: 47f.).

3.2.2 Verhaltenskontinuität

„Auch Essverhalten wird durch unmittelbare Erfahrungen der Kinder erlernt und geprägt.“ (Vorphal, 2004: 4) Es kommt zu einem Imitationslernen (vgl. Pudel, 2003: 45), wobei Eltern und Geschwister die Vorbilder darstellen (vgl. Vorphal, 2004: 4). Aufgrund der täglichen Wiederholungen entsteht ein familiäres und auch kulturelles Kontinuitätstraining, wodurch die „(…) erfahrungserprobten Ernährungs-strategien (…)“ (Pudel, 2003: 45) direkt weitergegeben werden. Diese Vermittlung der Essgewohnheiten sicherte früher der nachfolgenden Generation das Überleben (vgl. ebd.). Die Kinder lernten bspw. welche Pflanzen zum Verzehr geeignet waren. Diese Verhaltensmuster haben sich daher über Generationen tradiert. Essgewohnheiten, die früher durch harte körperliche Arbeit, Mangel und Hunger bestimmt waren, behalten viele Menschen heute noch bei, obwohl sich die Lebensumstände geändert haben (vgl. Vorpahl, 2004: 5). Kinder lernen bspw. immer den Teller leer zu essen, auch wenn sich kurzfristig ein Sättigungsgefühl einstellt. Als sinnvoll erweist sich dieses Verhalten bei chronischer Nahrungsverknappung oder fehlenden Konservierungsmethoden. Heute, in Zeiten, die durch ein Überangebot an Nahrungsmitteln gekennzeichnet sind, ist dies eher eine ungünstige Verhaltensstrategie (vgl. Pudel, 2003: 45). Dies zeigt, wie resistent diese Gewohnheiten und Verhaltensweisen gegenüber Veränderungen sind.

Eine Verhaltenskontinuität dient aber auch dazu, den Aufwand an Entscheidungen hinsichtlich der Mahlzeitenzubereitung und -auswahl zu minimieren, da dies täglich wiederholender kognitiver Anstrengung bedarf (vgl. Vorpahl, 2004: 5), z.B. gibt es freitags Fisch oder sonntags gibt es immer Fleisch.

Heute sind die Lebensläufe durch mehr Flexibilität, aber auch Diskontinuität gekennzeichnet, Umbrüche im Leben werden häufiger und Normalbiographien seltener. Dies bedarf auch einer Umstrukturierung der Ernährungspraktiken (vgl. Brunner, 2005b: 119f.). „Die lang vertretene Ansicht, dass Ernährungsmuster in der Kindheit geprägt und ein Leben lang praktiziert werden, kann vor dem Hintergrund der skizzierten Veränderungen so nicht mehr aufrechterhalten werden.“ (ebd.) Daneben kann das Aufwachsen in einer Patchwork-Familie zu eher diskontinuierlichen Ernährungsverhalten führen, da hier viele differente Bezugspersonen und Ernährungsstile vertreten sind (vgl. ebd.: 121).

3.2.3 Einflüsse der Familie auf das Ernährungsverhalten

Die Familie stellt allgemein ein zentrales Lernfeld und einen wichtigen Erfahrungsraum für Kinder dar. Die Familie ist für die Entwicklung der Kinder von grundlegender Bedeutung, da sie sich hier in „(…) tätiger Auseinandersetzung vielfältige Kompetenzen aneignen.“ (Molderings, 2009 :84) So werden auch bzgl. der Ernährung Werte, Einstellungen und Gewohnheiten weitergegeben. Gerade gemeinsame Mahlzeiten bieten Kommunikationsmöglichkeiten, die wiederum Sozialisationsprozesse bewirken. Hinsichtlich der familiären Ernährungserziehung wird daher davon ausgegangen, dass das Verhalten sowie der Erziehungsstil der Eltern die Kinder hinsichtlich fünf Dimensionen beeinflusst:

1. Beeinflussung der Lebensmittelmenge
2. Vielfalt des Lebensmittelangebotes
3. Vorleben des Sich-Ernährens
4. Beachtung der Esswünsche und Signale des Kindes
5. Lösung von Konflikten mit Hilfe von Lebensmitteln

Vor allem Mütter bestimmen das Ernährungsverhalten, da sie, aufgrund der Aufgabe der Ernährungsversorgung, einen hohen Entscheidungs-einfluss bei der Lebensmittelauswahl und -zubereitung haben (vgl. ebd.: 84f.). Hieraus ergibt sich die höhere Bedeutung ihres Bildungsstatus als Voraussetzung für eine gesunde Ernährung im Vergleich zu Vätern, wenn von einer klassischen Rollenverteilung und einem traditionellen Familien-verständnis ausgegangen wird.

3.3 Nahrungspräferenzen

3.3.1 Allgemeine Prinzipien

Trotz verschiedener Erklärungsansätze kann unsere Nahrung grundsätzlich anhand der Kriterien Nährwert, Genusswert und Symbolwert eingeteilt werden. Hunger hat aufgrund des reichhaltigen Nahrungsangebotes an Bedeutung verloren (vgl. Gniech, 1996: 77).

Süßpräferenz und Bitteraversion

In Kapitel 2.1.2 wurde bereits auf die positive Wirkung süßer kohlenhydrathaltiger sowie auf die Abneigung bitterer Nahrungsmitteln eingegangen (vgl. Gniech, 1996: 78).

Alliästhesie

Der Begriff „Alliästhesie“ bedeutet veränderte Empfindung. Diesem Ansatz liegt ein Bedarf oder Ungleichgewicht zugrunde, das zu einer funktionalen, d.h. veränderten Bewertung des Körpers hinsichtlich nützlicher oder schädigender Nahrung führt, um den Bedarf auszugleichen. Deshalb bevorzugt ein ausgekühlter Köper warme Getränke.

Unter negativer Alliästhesie versteht man eine Reduzierung des Konsums einer speziellen Speise, da der Nutzeffekt für den Körper abnimmt (vgl. Gniech, 1996: 78f.). Daher kommt es, dass man nach übermäßigem Konsum von Süßem die Lust daran verliert.

Gewöhnungseffekt

Dieses Prinzip der Nahrungspräferenzen wurde bereits in Kapitel 2.1.3 näher erläutert. Zusammenfassend besagt es, „(…) daß [sic] eine längere Bekanntschaft die Beliebtheit (einer Speise) steigert.“ (Gniech, 1996: 81).

Sinnesspezifische Sattheit

Der Verzehr von Nahrungsmitteln steigt mit dem Angebot. Je größer die Vielfalt, umso mehr essen wir. Es genügt dabei bereits eine Unterschiedlichkeit hinsichtlich Geruch und Konsistenz der Speisen (vgl. Gniech, 1996: 79). Außerdem sinkt das Verlangen nach bspw. herzhafter Nahrung, nachdem bereits etwas Herzhaftes gegessen wurde, der Appetit auf etwas Süßes bleibt (vgl. ebd.: 81). „Daraus kann gefolgert werden, daß [sic] die Sattheit spezifisch die Speise betrifft, die bereits konsumiert wurde, und nicht ausschließlich vom kalorischen Wert abhängt.“ (ebd.)

Hedonismus und Wohlgeschmack

Hauptmotiv der Nahrungsaufnahme ist in der heutigen Zeit aufgrund des vielfältigen Nahrungsangebotes nicht mehr der Hunger, sondern der Lustgewinn. Der Verzehrvorgang steht demnach vor der Sättigung. „Die sinnliche Wahrnehmung und die Empfindungen beim Essen reichen von den Fernsinnen Sehen, Riechen und Hören bis zu den Nahsinnen mit Geschmack und Fühlen.“ (Gniech, 1996: 83) Diese Sinneserlebnisse ermöglichen uns eine Differenzierung unserer Nahrungsvorlieben.

3.3.2 Motive der Lebensmittelwahl

„Die Motivation für eine bestimmte Ernährungsentscheidung besteht also in einem Bündel höchst unterschiedlicher Motive, die mehr oder weniger mit dem biologischen Sinn der Nährstoffversorgung zu tun haben.“ (Pudel, 2003: 53) Motive der Lebensmittelwahl sind nach Pudel (2003: 52) bspw.:

- Geschmacksanspruch
- Ökonomische Bedingungen (das ist im Sonderangebot)
- Kulturelle Einflüsse (morgens Brötchen mit Kaffee)
- Gesundheitsüberlegungen (soll gesund sein, also esse ich das)
- Schönheitsansprüche (halte Diät, um schlank zu bleiben)
- Neugier (mal sehen, wie das schmeckt)
- Angst vor Schaden (Rindfleisch esse ich nicht, wegen BSE)
- Pädagogische Gründe (wenn du Schularbeiten machst, bekommst du ein Bonbon)
- Krankheitserfordernisse (Zucker darf ich nicht essen, wegen meiner Diabetes).

Gniech (1996: 85f.) unterscheidet zusätzlich noch einmal zwischen einer Versorgungsmahlzeit, z.B. in der Kantine oder aufgrund von Hunger, und einer Erlebnismahlzeit, z.B. im Restaurant. Demnach definiert sich die Speisenwahl aus der Situation heraus. Im Restaurant bevorzugt man ein Steak oder einen Eisbecher, dagegen ein belegtes Brot zu Hause.

4 Essalltag in Familien

4.1 Mahlzeiten

4.1.1 Die soziale Institution Mahlzeit

Aus soziologischer Sicht stellt die Mahlzeit die soziale Situation des Essens dar. Sie ist nach Barlösius (1999: 40) eine „soziale Institution“, die für Zugehörigkeit und Gemeinschaftlichkeit steht.

Man isst um den Hunger zu stillen, denkt man zumindest. Doch unsere Mahlzeiten haben, neben der physiologischen Funktion der Nahrungsaufnahme, noch eine psychische, eine pädagogische und eine soziale Bedeutung.

Hinsichtlich der psychischen Funktion lassen sich durch Mahlzeiten neben dem Nahrungsbedürfnis noch weitere sekundäre Bedürfnisse befriedigen. Dazu zählen bspw. das Verlangen nach Sicherheit, Zugehörigkeit, Liebe und Wertschätzung, die im Gegensatz zur Nahrungsaufnahme eher unbewusst sind. Diese werden auch als Sekundärbedürfnisse bezeichnet.

Aus pädagogischer Sicht sind Mahlzeiten, vor allem Familienmahlzeiten, Sozialisationsinstanzen. Hier erfahren Kinder mehr als eine Ernährungs-erziehung, daher stellt diese auch einen Ort der Enkulturation dar. Jede Familie hat eigene Traditionen und Tischsitten, die die familiäre Esskultur prägen und den Kindern durch gemeinsame Mahlzeiten vermittelt werden.

Dazu kommt die soziale Funktion des Essens, auch als Gemeinschaft stiftende Funktion verstanden (vgl. Bartsch, 2009: 41ff.). Denn die Gemeinsamkeit aller Menschen besteht in der Notwendigkeit zu essen, um zu überleben. Wie und was gegessen wird, ist in verschiedenen Kulturen unterschiedlich. Menschen gruppieren sich über ihr Essen: Vegetarier, Fleischesser, Muslime oder Ökos. Unser Essen hat somit sowohl eine integrierende als auch ein ausgrenzende Funktion. Kulturelle Vorstellungen bestimmen folglich über das richtige Essen. „Essen ist eine Grundlage der kulturellen und sozialen Identität. Gewohntes Essen in vertrauter Atmosphäre gibt Menschen daher Sicherheit und das Gefühl von Zugehörigkeit.“ (Methfessel, 2010: 4) Kultur umgibt den Menschen, er wächst in ihr auf, sie ist daher identitätsbildend (vgl. ebd.).

4.1.2 Stellenwert des Essens

Aufgrund der sozialen Funktion der Mahlzeiten (vgl. 4.1.1) steigt der Stellenwert dieser, vor allem beim Abendessen. Denn laut Nestlé Studie genießen 88% der Befragten das Essen am meisten mit anderen. Besonders der jungen Generation ist das Essen mit Freunden sehr wichtig. Hierzu treffen 54% der unter 30-Jährigen ihre Freunde mehrmals im Monat (vgl. Nestlé Studie, 2009: 63). Gemeinsame Mahlzeiten bieten daher die Möglichkeit soziale Kontakte zu pflegen. Die Gemeinschaft stiftende Funktion wird daher in Zukunft aufgrund der fortschreitenden Individualisierung immer wichtiger. Immer heterogenere und entstrukturierte Tagesabläufe tragen dazu bei, dass Treffen immer bewusster geplant werden müssen (vgl. ebd.: 64). „Familien und Lebensgemeinschaften nutzen die Mahlzeit als Institution, um Gemeinschaft zu schaffen. Sie setzen sich nicht unbedingt an den Tisch weil sie Hunger haben, sondern weil sie miteinander kommunizieren wollen.“ (Barlösius, 1999: 185) Die wichtigste Nebenaktivität bei den Mahlzeiten besteht in Gesprächen, daher gilt das Abendessen als Haupt-mahlzeit, hier kann Familienkommunikation und ein Zusammentreffen aller Mitglieder stattfinden. Das Mittagessen dagegen wird als wichtigste Mahlzeit hinsichtlich der Versorgung gesehen (vgl. Heyer, 1999: 15f.). Mahlzeiten sind daher gleichzeitig auch Zeiten der (innerfamiliären) Kommunikation sowie der Gemeinschaftlichkeit. Sie besitzen eine hohe Bindungsfunktion und identitätsstiftenden Charakter. Außerdem wird im Zubereitungsprozess ein Liebesbeweis gesehen. Demnach wird die Mahlzeit umso weniger als Familienessen anerkannt, je mehr Fertigprodukte verwendet werden (vgl. Brunner, 2007a: 29).

4.1.3 Gemeinsame Mahlzeiten vs. entstrukturierte Tagesabläufe

Eines der Leitmaxime der heutigen Gesellschaft besteht in der Flexibilität. Variierende Arbeitszeiten oder längere Öffnungszeiten begünstigen das Auflösen fester Tagesstrukturen, obwohl geregelte Mahlzeiten die Ernährungsqualität fördern und präventiv hinsichtlich Übergewichts wirken (vgl. Schloo & Licher, 2009). Laut Nestlé Studie essen 75% der Menschen mit regelmäßigem Tagesablauf zu festen Tageszeiten, hingegen nur 32% derer mit unregelmäßigem Tagesablauf. Ein entstrukturierter Tagesablauf beeinflusst zwangläufig auch das Ernährungsverhalten. In Anbetracht des Alters stellen die 16- bis 29-Jährigen die größte Gruppe mit einem unregelmäßigen Tagesablauf dar. Am häufigsten haben Familien mit Kindern und Ältere einen geregelten Tagesablauf, im Gegensatz zu jungen Singles oder jungen kinderlosen Paaren (vgl. Nestlé Studie, 2009: 51f.). Dabei ist die Entstrukturierung in den Städten aufgrund einer Fülle von Optionen, größerer Spontaneität und Mobilität, ausgeprägter als in Dörfern und Kleinstädten (vgl. ebd.: 52). Hinsichtlich der Erwerbstätigkeit finden gemeinsame Familienmahlzeiten bei Arbeitern seltener statt im Vergleich zu anderen Berufsgruppen (vgl. Leonhäuser, Köhler, Meier-Gräwe, Möser & Zander, 2009: 117). Wie wirkt sich dies nun gegenwärtig auf die kindliche Ernährungsversorgung aus? Die EsKiMo Studie (2007:69f.) fand heraus, dass 96,5% der Kinder (6- bis 11-Jährige) gemeinsame Familienmahlzeiten zu sich nehmen. Am häufigsten handelte es sich dabei um das Abendessen, welches 70% der Kinder fast jeden Tag gemeinsam einnehmen. Das Mittagessen findet bei einem Drittel der Kinder fast täglich mit anderen Familienmitgliedern statt. Bei allen Mahlzeiten war zu erkennen, dass die Anzahl der gemeinsamen Mahlzeiten vom Kindesalter hin zum Jugendalter (12- bis 17-Jährige) abnimmt. Demnach beginnt eine Individualisierung der Tagesabläufe mit zunehmendem Alter, entsprechend werden die regelmäßigen Tagesstrukturen der Familie abgebaut.

4.1.4 Frühstück

Das Frühstück gilt als die wichtigste Mahlzeit des Tages hinsichtlich der Versorgung mit Nährstoffen (vgl. Krone, 2007: 31), trotzdem sinkt die Häufigkeit des Frühstückverzehrs. Das Frühstück verliert vor allem bei der jüngeren Generation an Bedeutung. „Fast die Hälfte der 16- bis 29-Jährigen frühstückt nicht mehr zu Hause, jeder Vierte frühstückt gar nicht mehr.“ (Nestlé Studie, 2009: 56) Heyer (1999: 16) fand heraus, dass mehr als die Hälfte der Kinder immer oder häufig vor der Schule frühstücken, ein Drittel nur manchmal und 12% gaben an, nie zu frühstücken. Besonders hoch ist der Anteil bei sozial benachteiligten Kindern. Hier frühstücken etwa 40% nie vor der Schule (vgl. Schloo & Licher, 2009). Zwei Drittel der befragten Kinder nehmen ein Pausenbrot und ein Getränk mit in die Schule. Die meisten Kinder nehmen das Frühstück zusammen mit mindestens einem Elternteil ein, lediglich jedes sechste Kind frühstückt regelmäßig alleine (vgl. Heyer, 1999: 17ff.). Oft ist aufgrund der unterschiedlichen Anfangszeiten kein gemeinsames Frühstück mit allen Familienmitgliedern möglich. Das Frühstück findet meistens mit der Mutter statt. Diese sitzt allerdings nicht zwingend mit den Kindern am Tisch, sondern bereitet währenddessen das Pausenbrot vor (vgl. Leonhäuser et al., 2009: 90f.).

Bereits nach drei Jahren konnte Heyer eine Verhaltensänderung bzgl. des Frühstücks konstatieren. So ist die Häufigkeit des Frühstücks vor der Schule sowie der Mitnahme eines Pausenbrotes bei jüngeren SchülerInnen höher. Woraus sich ergibt, dass ältere Kinder unregelmäßiger frühstücken als jüngere. Ein Grund könnte die mit dem Alter wachsende Eigenverantwortung hinsichtlich der Nahrungs-versorgung sein, da 80% der jüngeren und gerade einmal 30% der älteren ein Frühstück von den Eltern zubereitet bekommen. Weitere individuelle Gründe für das Auslassen des Frühstücks könnten zu spätes Aufstehen, mangelnder Appetit oder fehlende Ruhe beim Essen sein (vgl. Heyer, 1999: 17ff.).

Das Auslassen des Frühstücks bedeutet aus gesundheitlicher Sicht eine Nährstofflücke am Morgen, die durch die späteren Mahlzeiten nur schwer aufzuholen ist (vgl. Hermann & Hermey, 2009: 312), da das erste und zweite Frühstück 30-35% des Energie- und Nährstoffbedarfs decken sollten. Aufgrund des Energiemangels sinken automatisch die Konzentrationsfähigkeit sowie die Aufmerksamkeit. Folglich nimmt die Leistungsfähigkeit im Allgemeinen ab (vgl. Krone, 2002: 35). Außerdem führt der Verzicht zu einem vermehrten Konsum von Lebensmitteln mit einer höheren Energiedichte. Daher wird das fehlende Frühstück auch als Risikofaktor für Übergewicht gesehen (vgl. Schloo & Licher, 2009). Daraus ergibt sich die Frage nach dem Zusammenhang zwischen der höheren Prävalenz für Übergewicht sowie dem vermehrten Auslassen des Frühstücks bei sozial benachteiligten Kindern.

4.1.5 Mittagessen

Das Mittagessen bildet daher laut Nestlé-Studie (2009: 60) für 47% der Bevölkerung die Hauptmahlzeit. Allerdings stellt die Gruppe der Nichtberufstätigen dabei die Mehrheit im Vergleich zu den Berufstätigen dar. Für die Mehrheit der Kinder ist dabei eine warme Mahlzeit wichtig (vgl. Heyer, 1999: 21). Das warme Mittagessen gilt daher als eines der wichtigsten Versorgungsziele der Eltern hinsichtlich der Ernährung ihrer Kinder. Dementsprechend essen die meisten Kinder (82,3%) mittags etwas Warmes. Ferner isst der größte Teil (72,9%) mittags zu Hause. In der Schule oder im Hort nehmen lediglich 13% der Kinder ein Mittagessen zu sich, wobei fast der gleiche Anteil (15%) mittags mit keiner geregelten Mahlzeit versorgt wird (vgl. ebd.). Zu den Lieblingsessen der Kinder zählen Nudeln, sowie Pizza und Pommes, gefolgt von Gemüse und Salat, wobei allerdings die zuletzt genannte Gruppe gleichzeitig die von Kindern am meisten abgelehnten Speisen beinhaltet. Die beliebtesten Getränke sind Limonade und Säfte. Abgelehnt werden hingegen, einhergehend mit der Bitteraversion (vgl. 2.1.2), Kaffee und alkoholische Getränke (vgl. ebd.: 22f.).

Auch hier wird der Einfluss des Budgets auf den Essenstil und somit auf die Hauptmahlzeiten deutlich. Bestandteile typischer Mahlzeiten sozial benachteiligter Familien sind: Kartoffeln, Frikadellen, Hähnchen, Nudeln mit Fertigsoßen, Fischstäbchen, Suppe, Gemüse, Salat. Es wird versucht möglichst frisch zu kochen (vgl. Lehmkühler, 2002: 226f.).

Der Ablauf des Mittagessens ist stark von der Erwerbstätigkeit der Mutter sowie dem Alter der Kinder, abhängig. Selbstständige Mütter sowie teilzeit- und nichterwerbstätige, essen mit ihren Kindern zu Mittag, wobei die Zubereitung der Mahlzeit bei Erwerbstätigen nicht mehr als 30 Minuten in Anspruch nimmt, sodass meist auf Standardgerichte zurückgegriffen wird. Auch hier achten die Mütter darauf, frisch zu kochen, Fertiggerichte und Bringdienste sind für sie keine Alternative. Außerdem bedeutet eine gemeinsame Mittagsmahlzeit gleichzeitig Sicherheit bzgl. der Versorgung der Kinder und die Zeit für Gespräche. Das Mittagessen dient außerdem zur Strukturierung des Tagesablaufes und steht für den Beginn der zweiten Tageshälfte (vgl. Leonhäuser et al., 2009: 92f.).

Vollerwerbstätige Mütter müssen hingegen ein Arrangement für die Verpflegung ihrer Kinder finden. Bei kleinen Kindern ist daher eine Vollerwerbstätigkeit nur bei einer gesicherten Mahlzeit durch soziale Netzwerke (z.B. Ganztagsangebot, Großeltern, Tagesmütter) möglich (vgl. ebd.: 93). Richten sich die Mahlzeiten an den Werktagen nach der Erwerbstätigkeit der Eltern, so werden diese am Wochenende in Abhängigkeit der Freizeitgestaltung eingenommen. Ein warmes Mittagessen zwischen 12 und 14 Uhr ist nicht mehr die Regel. Bei der Hälfte der Familien gibt es samstags meist nur schnelle, einfache Gerichte. Bei Familien mit kleinen Kindern wird, aufgrund der Wichtigkeit eines geregelten Mahlzeitenrhythmus für die Kinder, nicht auf die warme Mittagsmahlzeit verzichtet, wohingegen die andere Hälfte dieses durch ausgiebiges Frühstücken, Kaffee- und Kuchenmahlzeit am frühen Nachmittag oder individuell gestaltet Snacks ersetzt. Die fehlende warme Mahlzeit wird dann am Abend nachgeholt (vgl. ebd.: 95).

4.1.6 Abendessen

Die Bedeutung des Abendessens wird in der Nestlé-Studie (2009: 60) deutlich. Das Abendessen ist für 41% die Lieblingsmahlzeit, lediglich 20% nennen das Mittagessen als Lieblingsessen. Mit dem Abendessen werden Bedürfnisse wie Gemeinschaft, Gespräch und der Wegfall von Zeitdruck verbunden. Hier können Erlebnisse des Tages in Ruhe mit Familie oder Freunden ausgetauscht werden. Für vollerwerbs-tätige Mütter bietet dies die Möglichkeit zur Kompensation der fehlenden Zeit am Morgen und Mittag. Außerdem wird meist auf die Rückkehr des Vaters gewartet und das Essen nach den Freizeitaktivitäten ausgerichtet, sodass eine Teilnahme aller Mitglieder gewährleistet ist (vgl. Leonhäuser et al., 2009: 96).

Die Entscheidung für kalte oder warme Speisen hängt meist von der Berufstätigkeit und der dementsprechenden Verpflegung über den Tag ab. In der Arbeiterschicht wird meist wegen des Vaters die warme Mahlzeit auf den Abend gelegt. Das Abendessen am Wochenende richtet sich oft nach dem vorangegangen Frühstück und Mittagessen (vgl. ebd.: 97). Bei Arbeiterfamilien ist samstags meistens der Tag, an dem nicht gekocht wird und abends ein Bestellservice in Anspruch genommen wird. Diese Art des Essens hat Eventcharakter, genauso wie abendliche Restaurantbesuche oder das Treffen zum Essen mit Freunden zu Hause und ist meist dem Wochenende vorbehalten. Ein weiteres Merkmal der Arbeiterfamilien ist das Abendessen vor dem Fernseher (vgl. ebd.: 98).

4.1.7 Zwischenmahlzeiten

Am Tag sollten zwei Zwischenmahlzeiten zu sich genommen werden, zum einen als zweites Frühstück und zum anderen als Nachmittagsimbiss. Diese sind vor allem bei Kindern besonders wichtig, da diese weniger Energie speichern können als Erwachsene. Daher sollten sie häufiger essen, wenn auch weniger als Erwachsene (vgl. Krone, 2002: 36). Wird in einzelnen großen Schüben gegessen, wird der Hunger bis zur nächsten Mahlzeit meist so groß, dass über den eigentlichen Bedarf hinaus gegessen wird. Fehlende Zwischenmahlzeiten werden auch oft durch Süßigkeiten kompensiert. Über längere Zeit können beide Verhaltens-weisen zu Übergewicht führen (vgl. ebd.: 35ff.).

4.1.8 Außerhäuslicher Verzehr

Den größten Teil bildet der häusliche Verzehr. Restaurantbesuche finden meist nur zu besondern Anlässen statt. Allerdings wird die Häufigkeit durch die finanziellen Ressourcen bestimmt, demgemäß ist diese bei Familien der Arbeiterschicht gering. Familien mit einem überdurchschnittlichen Einkommen (über 3500 € monatlich) hingegen haben die Möglichkeit das Kochen durch einen Restaurantbesuch, auch an Werktagen, zu ersetzen. Für viele dieser Familien ist dies fester Bestandteil der Wochenend- oder Freizeitgestaltung. Der außerhäusliche Verzehr ist jedoch auch von der Anzahl und dem Alter der Kinder abhängig, denn von vielen Familien mit kleinen Kindern wird ein Restaurantbesuch oft als stressig erlebt, da diese nicht gemäß ihren Bedürfnissen eingerichtet sind (vgl. Leonhäuser et al., 2009: 98f.).

4.1.8.1 Fast Food

Der Begriff Fast Food beschreibt Lebensmittel, die schnell und bequem zu essen sind. Wörtlich gesehen meint er genau dies: „schnelles Essen“. Man spricht hier von standardisierten Mahlzeiten, die verzehrbereit für den Kunden sind. Schnelle Verfügbarkeit gilt als wichtigstes Kriterium. Es handelt sich dabei meist um Speisen, die im Schnellrestaurant oder an Imbissbuden verzehrt werden, d.h. außer Haus. Dazu zählen: Pommes, Bratwurst, Burger, Pizza, Döner oder asiatische Gerichte. Fast Food wird meist mit ungesunder Ernährung und Übergewicht assoziiert (vgl. Fischer, 2008a: 520). Die Ausgewogenheit einer Mahlzeit definiert sich jedoch durch den Fettgehalt (vgl. Groot-Böhlhoff & Farhadi, 2007: 412f.).

Der Konsum von Fast Food nimmt im Verlauf vom Kindes- hin zum Jugendlichenalter zu. Jugendliche grenzen sich durch den Konsum von den Erwachsenen und deren Esskultur ab. Es bedeutet für sie ein Essen in einer ungezwungenen Atmosphäre (vgl. ebd.: 518). Pizza ist laut EsKiMo Studie (2007: 65f.) das beliebteste Fast Food. Jugendliche, die einen hohen Anteil ihrer Gesamtenergiezufuhr aus Fast Food beziehen, nehmen aber auch allgemein mehr Energie pro Tag auf als ihre Altersgenossen. Außerdem ist wider Erwarten der Anteil derjenigen mit höherer Energiezufuhr aufgrund von Fast Food bei Mittel- und Untergewichtigen höher als bei Übergewichtigen. Eine erhöhte Kalorienzufuhr tritt in städtischen Gebieten (30% der Jugendlichen) häufiger auf als in ländlichen Regionen (19% der Jugendlichen). Der Anteil bei Hauptschülern ist dabei der größte. Hinsichtlich Wohnen, Schultyp und sozioökonomischen Status lassen sich keine signifikanten Unterschiede feststellen (vgl. Fischer, 2008b: 580).

4.2 Ernährungsarbeit

4.2.1 Vor- und Zubereitung

Um die tägliche Aufgabe der Beköstigung zu bewerkstelligen haben sich Frauen verschiedene Zubereitungstechniken angeeignet. Sie verfügen über ein Standardrepertoire an Familiengerichten, die auswendig zubereitet werden können, was einen geringeren Zeitaufwand bedeutet (vgl. Leonhäuser et al., 2009: 109f.). Das gilt für 42% derjenigen, die regelmäßig selbst kochen (vgl. Nestlé Studie, 2009: 89). An Werktagen greifen 36% daher meistens auf diese bekannten Gerichte zurück (vgl. ebd.: 91). Neue Gerichte werden eher am Wochenende ausprobiert, wobei dann auch Rezepte verwendet werden (vgl. Leonhäuser et al., 2009: 110.).

Ein deutlicher Einfluss des Alters der Kinder auf die Mahlzeiten-zubereitung konnte nicht festgestellt werden. Um den Zeitaufwand zu minimieren werden Vorbereitungsarbeiten parallel zu anderen Arbeitsabläufen durchgeführt, z.B. wird Gemüse für das Mittagessen bereits während dem Frühstück vorbereitet, bereits mittags wird der Auflauf für abends zubereitet, der dann nur noch in den Backofen geschoben werden muss. In Convenience-Produkten oder Fertiggerichten sehen viele Mütter trotz Zeitreduzierung keine Alternative (vgl. ebd.: 110). Allerdings wird auch der Kochalltag zunehmend durch den gesellschaftlichen Strukturwandel beeinflusst. Dies lässt sich am Beispiel der Definition von „Selbstkochen“ darstellen. Für lediglich 18 % der Bevölkerung bedeutet dies ein autonomer Prozess ohne Fertiggerichte, Kochhilfen oder vorbereitete Frischeprodukte (z.B. geschnittener Salat), während 36% das Verwenden von Frische- und Tiefkühlprodukten als Selbstkochen definieren. Bei 31% werden auch Fertigprodukte mitein-bezogen wie z.B. Dosengemüse oder Fertigsoßen. 9% sehen selbst verfeinerte Fertigprodukte und 4% nur das Erhitzen der Fertigprodukte als Selbstkochen an (vgl. Nestlé Studie, 2009: 89). „Je jünger die Verbraucher, desto häufiger verwenden sie Kochhilfen und Fertiggerichte.“ (ebd.)

Das Versorgungskochen kann allerdings auch zur Freizeitbeschäftigung werden, indem gemeinsam mit Freunden gekocht wird und dadurch zu einem besonderen Ereignis werden (vgl. Gniech, 1995: 103f.).

4.2.2 Vorratshaltung

Grundnahrungsmittel wie Nudeln, Reis, Kartoffeln oder Gewürze befinden sich mehrheitlich in den Vorratsschränken, um nicht täglich einkaufen zu müssen. Zusätzliche Flexibilität bieten auch Tiefkühlprodukte, da diese die Zubereitungszeit minimieren und lange haltbar sind. Außerdem werden oft größere Mengen (z.B. Brot oder frisches Fleisch) gekauft, die dann mittels einfrieren haltbar gemacht werden. Eine weitere Methode ist das Vorkochen. Bestimmte Speisebestandteile werden zubereitet und anschließend eingefroren, um sie bei Bedarf schneller zur Verfügung zu haben (vgl. Leonhäuser et al., 2009: 112f.).

4.2.3 Einkaufen

Der Einkauf ist immer noch Hauptaufgabe der Frauen. Ort und Zeitpunkt sind fest in den Wochenablauf integriert. Meist wird ein wöchentlicher Haupteinkauf getätigt, um Grundnahrungsmittel zu beschaffen, ein Einkauf vor dem Wochenende dient der Vorratsbildung. Noch zusätzlich benötigte Lebensmittel werden bei ohnehin anstehenden Fahrten besorgt. Mehr als drei Viertel kaufen gewöhnlich in denselben Geschäften ein, nur ein Fünftel wechselt zwischen den Geschäften (vgl. Nestlé Studie, 2009: 102). Meist befinden sich diese in der Nähe, um unnötige Strecken zu vermeiden. Daher werden aufgrund des Kosten- und Zeitaufwands nur selten billigere Einkaufstätten angefahren, wenn dies gleichzeitig ein Umweg bedeutet (vgl. Leonhäuser et al., 2009: 111f.). Am häufigsten werden Supermärkte ausgewählt (z.B. Rewe, Globus), gefolgt von Discountern (z.B. Aldi, Lidl). Danach kommen die Lebensmittelfach-geschäfte und an vierter Stelle der Wochenmarkt und Direkterzeuger. Die Wahl der Einkaufstätten ist allerdings abhängig vom Haushalts-einkommen (vgl. BfEL, 2008: 146). Die wichtigsten Kriterien beim Einkauf waren der Geschmack, die Frische, das Mindesthaltbarkeitsdatum und die Gesundheit. Der günstige Preis als Einkaufsmerkmal belegte Platz zwölf (vgl. ebd.: 147f.). Würde sich das für Lebensmittel zur Verfügung stehende Budget verringern würden die Befragen, laut Nationaler Verzehrsstudie (ebd.: 119), vermehrt Sonderangebote kaufen, Discounter Fachgeschäften vorziehen, anstelle von Markenprodukten preiswertere No-Name-Artikel kaufen oder auf Lebensmittel mit einem anderen Verarbeitungsgrad (Konserven statt frisches Gemüse) umsteigen. Je höher der Schulabschluss, desto weniger werden Lebensmittel mit einem anderen Verarbeitungsgrad gekauft. Dies gilt parallel auch für das Haushalts-einkommen. Umso niedriger dieses ist, desto mehr werden Lebensmittel mit einem anderen Verarbeitungsgrad gekauft, als Reaktion auf geringe finanzielle Mittel (vgl. ebd.: 120).

Die Verwendung eines Einkaufzettels soll zum einen dazu dienen, nicht mehr einzukaufen als benötigt und zum anderen eine Gedankenstütze sein, um nichts zu vergessen. Außerdem besitzt jede Familie ein festes Standardsortiment an Lebensmitteln, um ebenfalls den kognitiven Aufwand bei der Einkaufsplanung zu reduzieren (vgl. Leonhäuser et al., 2009: 111f.).

4.3 Ernährungskompetenzen und –wissen

4.3.1 Ernährungskompetenzen

Ernährungskompetenz meint das Umsetzen von theoretischen Kenntnissen und praktischen Fertigkeiten bzgl. Ernährung (vgl. Hayn, Empacher & Halbes, 2005: 49).

Angesichts der schwindenden traditionellen Lebensmittelverarbeitung in Haushalten sowie der steigenden Verwendung von Kochhilfen und Fertiggerichten, sinken die Ernährungskompetenzen der Eltern, zum Nachteil der Kinder. Diesen fehlt dadurch ein Erfahrungsraum (vgl. BfEL, 2008: 110). Die Nahrung als Naturprodukt wird uns immer fremder, wir kennen sie vielmals nur noch aus dem Supermarkt und bspw. nicht mehr aus dem Garten (vgl. Storch, 1999: 133). Der Konsum von verarbeiteten Lebensmitten steigt. Außerdem geht der hauswirtschaftliche Bildungsanteil, der auch ernährungsspezifische Inhalte vermittelt, in den allgemein bildenden Schulen zurück (vgl. vom Berg, 1999: 115f.).

Nach den Ergebnissen der EsKiMo Studie (2007: 73) schätzen dennoch 27% der 12- bis 17-Jährigen ihre Kochkenntnisse als gut ein, sowie 34,1% als durchschnittlich. Dabei ist der Anteil der Mädchen immer höher als der der Jungen. Die meisten Erfahrungen beim Zubereiten von Speisen haben die Kinder mit Pfannkuchen, gefolgt von Obstkuchen und Tomatensoße.

Die Ernährungskompetenzen werden meistens den Frauen zu-geschrieben. Bei sozial benachteiligten Familien hat es allerdings laut Lehmkühler (2002: 224) den Anschein, dass Frauen eher geringe Kenntnisse und Fertigkeiten hinsichtlich der Vor- und Zubereitung von Speisen besitzen. Entgegen der Kompetenzzuschreibung übernehmen in diesen Familien sehr oft die Väter die Aufgabe der Beköstigung. Dies entlastet die Partnerin und stellt, aufgrund von evtl. bestehender Arbeitslosigkeit sowie dadurch entstandener Freizeit, eine sinnvolle Beschäftigung am Tag dar.

Des Weiteren sind Kompetenzen auch im Zusammenhang mit dem Bildungsgrad zu sehen. Akademikerinnen versuchen verstärkt den Nahrungsverzehr ihrer Kinder zu lenken, indem der Verzehr von Süßigkeiten und Fast Food eingeschränkt wird und vermehrt Obst und Gemüse gegessen werden soll. Generell werden qualitativ hochwertigere Lebensmittel eingekauft. Außerdem werden zusätzlich zu bekannten Speisen auch weniger beliebte oder neue Lebensmittel serviert, um eine ausgewogene Kompromisslösung zwischen dem Bestreben der Eltern und den Wünschen der Kinder zu finden (vgl. Leonhäuser et al., 2009: 119).

4.3.2 Ernährungswissen

Ernährungswissen bedeutet die Kenntnis über (gesunde) Nahrungs-komponenten (vgl. Hayn et al., 2005: 49).

Obwohl sich dieses Wissen seit Ende der 1970er Jahre deutlich verbessert hat, mangelt es noch an der entsprechenden Umsetzung. Oft werden Vorlieben der Familienmitglieder bei der Wahl von Lebensmitteln dem Wissen über gesunde Ernährung vorgezogen (vgl. Jelenko, 2007: 49). Von den Befragten der Nationalen Verzehrsstudie (2008: 98f.) kannten bspw. 58,2% die Erklärung des probiotischen Joghurts, 66,7 % konnten ACE-Getränk richtig erläutern und lediglich 29% kannten die Bedeutung der Kampagne „5 am Tag“. Frauen informieren sich dabei häufiger über Themen der gesunden Ernährung als Männer. Als Informationsquellen dienen dabei u.a. Zeitungen, Angaben auf Lebens-mittelpackungen, Freunde und Familie oder das Fernsehen (vgl. ebd.: 104). Ferner verfügten Teilnehmer mit einem höheren Bildungsabschluss über mehr Informationen als solche mit bspw. Hauptschulabschluss (vgl. ebd.: 103).

Laut Nestlé Studie (2009: 43) machen sich 54% der oberen sozialen Schicht und 35% der unteren sozialen Schicht Gedanken über ihre eigene Ernährung. Entgegengesetzt der herrschenden Überzeugung von der eigenen ungesunden Ernährung in den sozial schwächeren Schichten, kommt es allerdings zu keiner Auseinandersetzung mit der eigenen Ernährung, bzw. einem Versuch der Änderung.

Mütter mit geringerem Bildungsgrad verfügen über ein geringeres Wissen bzgl. gesunder Ernährung und thematisieren dies weniger. Sie ziehen die Quantität der Nahrung der Qualität vor, um die Versorgung aller zu gewährleisten. Folglich besteht in diesen Haushalten ein großes Angebot energiereicher Lebensmittel und nur wenige Regeln in Bezug auf den Verzehr von Süßigkeiten (vgl. Leonhäuser et al., 2009: 120).

4.3.3 Vermittlung von Ernährungskompetenzen und –wissen

Der einfachste Weg der Vermittlung stellt das aktive Miteinbeziehen der Kinder in die Mahlzeitenzubereitung dar. Die Beteiligung von Kindern bei der Zubereitung ist allerdings gering. Ungefähr 85% geben an selten oder nie beteiligt zu sein, während Kinder in die Aufgabenbereiche Müllentsorgung, Geschirrspülen oder Einkaufen öfters miteinbezogen werden. Laut Aussagen von Müttern bedeutet das Kochen mit Kindern mehr Zeit, Aufsicht, Unordnung und ein erhöhtes Unfallrisiko (vgl. Leonhäuser et al., 2009: 122). Auf diese Weise bekommen Kinder vielmehr die Schmutzperspektive vermittelt und lernen Nahrungs-zubereitung als einen teils komplizierten und gefährlichen Vorgang kennen, bei dem sie sich selbst verletzen könnten (vgl. Heyer, 1999: 24f.). Ernährungsversorgung als Lernfeld wird den Kindern somit vorenthalten, obwohl gerade jüngere Kinder großes Interesse und Neugier zeigen. Dadurch reduzieren sich die Fertigkeiten der Kinder im Umgang mit der Nahrungsmittelzubereitung und begünstigen die Verwendung von Fertiggerichten, die schnell und einfach zuzubereiten sind.

Der Erwerb der Kochkenntnisse erfolgt größten Teils unreflektiert durch Abschauen (vgl. ebd.: 26f). Laut Nationaler Verzehrstudie (2008: 111) haben drei Viertel der Frauen bei ihren Müttern kochen gelernt. Des Weiteren haben sie sich Kochen selbst mit Hilfe von Kochbüchern beigebracht oder haben es während der Schulzeit oder Ausbildung gelernt. Gemäß dem Prinzip „Learning by doing“ haben die Mütter ihre Fertigkeiten erweitert. Dazu dienen Kochsendungen, Rezepte aus Zeitschriften und Büchern, Internetforen oder Tipps von Freunden (vgl. Leonhäuser et al., 2009: 115). Allerdings besteht eine Veränderung bei der Lebensmittelauswahl und Nahrungszubereitung gegenüber ihrer eigenen Kindheit. Umfangreichere Angebote an Nahrungsmitteln und neue Bewältigungsstrategien des Alttags führen zu experimentier-freudigem, internationalem und schnellerem Kochen, anstelle von fettreichem, fleischhaltigem und traditionellem (vgl. ebd.: 117).

Demnach unterliegen auch die Kochkenntnisse einer Prägewirkung durch die Herkunftsfamilie. So gilt, „(…) dass, Kinder und Jugendliche, die bereits zu einem sehr frühen Zeitpunkt der Kindheit aktiv in die familiäre Mahlzeitenzubereitung einbezogen wurden und/ oder kochende Väter und Mütter als Vorbilder haben, diese Tätigkeit auch im Erwachsenenalter ausüben.“ (ebd.: 116) Allgemein führen negative Ereignisse zu Ablehnung der Verhaltensweisen des Elternhauses und Entwicklung neuer Ernährungspraktiken, wohingegen positive Erfahrungen in der eigenen Familie übernommen werden. Ernährungsgewohnheiten aus der Kindheit werden somit sowohl bewusst als auch unreflektiert im Erwachsenenalter fortgeführt (vgl. ebd.: 116f.).

Das Vermitteln von Ernährungskompetenzen und -wissen ist für viele Mütter sehr wichtig. Ihnen ist ihre Vorbildrolle demnach bewusst, was bedeutet, dass ihre erzieherischen Maßnahmen und ihr Alltagshandeln übereinstimmen müssen. Bei der Ausprägung zeigt sich allerdings eine Abhängigkeit vom Bildungsgrad der Eltern, was im Zusammenhang mit ausgerichteten Wertehaltungen, internalisierten Leitbildern und Wissens-beständen steht, die über Erfolg- und Misserfolg, sowie Aus- und Nichtausüben der Erziehungsleistung bestimmen (vgl. ebd.: 119).

5 Konsum

Konsum wird allgemein als „Verbrauch und/oder Nutzung materieller und immaterieller Güter durch Letztverwender“ (Alisch, 2004: 1731) definiert.

5.1 Käuferverhalten allgemein

5.1.1 Kaufprozesse

Der Kaufprozess ist der Ablauf vom Entstehen eines Bedürfnisses über den Entscheidungsprozess bis hin zum Kaufverhalten (vgl. Kuß & Tomczak, 2000: 87).

Den meisten Kaufanlässen liegt ein Bedürfnis zugrunde. Zum einen ein entstandener Mangel, z.B. der Tank des Autos ist leer und zum anderen eine neue Möglichkeit, z.B. der Flachbildschirm (vgl. ebd.: 90). Bei diesen Kaufentscheidungen unterscheidet man vier Grundtypen: die echte Entscheidung, das habituelle Verhalten, die limitierte Entscheidung und die Impulskäufe. Die echte Entscheidung wird getroffen, wenn aufgrund einer neuen Situation ein Problem auftritt, welches durch neue Handlungs-weisen gelöst werden muss (vgl. ebd.: 93). Dazu bedarf es zuerst einer Problemerkenntnis, darauf folgend kommt es zur Informationsaufnahme und -verarbeitung sowie einer daraus resultierenden Kaufentscheidung (vgl. ebd.: 97). Dieser Typ kommt allerdings nur gelegentlich vor.

Im Gegensatz dazu handelt es sich beim habituellen Verhalten um Alltägliches, was in ähnlichen Situationen angewendet wird. Dies kann der Kauf der gleichen Marke sein, d.h. Markentreue (vgl. ebd.: 100). Kauf-gewohnheiten entstehen vor allem durch das Sammeln positiver Erfahrungen mit einem Produkt oder der Übernahme von Verhaltens-mustern anderer. Dieses habituelle Kaufverhalten dient einer geringen Informationssuche vor dem Kauf, der Vereinfachung der Kauf-entscheidung sowie der Verminderung des Risikos, ein Produkt mit dem der Konsument unzufrieden war, erneut zu kaufen (vgl. ebd.: 130f.).

Der dritte Typ der Kaufentscheidungen ist die limitierte Entscheidung. Hierbei hat der Käufer bereits Erfahrungen innerhalb der Produktgruppe gemacht, aus denen heraus feste Kaufkriterien resultieren. Es handelt sich hierbei lediglich um eine Auswahl aus verfügbaren Alternativen.

Diese drei Verhaltensweisen bilden einen Prozess. Am Anfang steht die echte Entscheidung mit einem großen Teil bewusst ablaufender Problem-löseprozesse. Sind durch wiederholte Käufe bereits Entscheidungs-kriterien entwickelt worden, genügt eine geringe Informationsmenge um eine Auswahl zu treffen, die Entscheidung ist somit schon limitiert, d.h. beschränkt. Darauf folgt das habituelle Verhalten. Das jeweilige Verhalten wird durch die Anzahl der Wiederholungskäufe bestimmt. Diese steigt von der echten Entscheidung hin zum habituellen Verhalten an, genauso wie die Wahrscheinlichkeit für den wiederholten Kauf des Produkts. Die Menge der für die Kaufentscheidung verwendeten Informationen sinkt in diesem Verlauf (vgl. ebd.: 94f.).

Außerdem gibt es noch die Impulskäufe. Diese sind ungeplant und unterliegen daher nur einer geringen kognitiven Kontrolle (vgl. ebd.: 96).

5.1.2 Externe Einflussfaktoren auf das Konsumverhalten

Im vorangehenden Kapitel wurde der Verlauf des Kaufprozesses dargestellt, externe Einflussfaktoren bleiben dabei jedoch unbeachtet. Als externe Einflussfaktoren werden hier die Wirkungen ökonomischer Bedingungen, des sozialen Umfeldes und der Besonderheit der jeweiligen Kaufsituation bezeichnet (vgl. Kuß & Tomczak, 2000: 164).

Zu den ökonomischen Bedingungen zählen u.a. die Beeinflussung des Konsumenten durch den Anbieter, z.B. durch Werbung, Rabatte, Verpackung oder einen besonderen Kundenservice (vgl. ebd.: 167). Ein weiterer Aspekt, der das Konsumverhalten beeinflusst, wäre das Konsumklima. Dies meint die Erwartungen und Einstellungen der Konsumenten in ihrem Land, die durch Faktoren wie Arbeitslosigkeit, Außen- und Sozialpolitik oder Gruppeneinflüsse geprägt werden. Diese Erwartungen spielen gerade bei den echten Entscheidungen eine große Rolle, da diese Entschlüsse meist eine große Wirkung haben, bspw. die Entscheidungen über größere Ausgaben (vgl. ebd.: 182).

Zu den sozialen Einflussfaktoren zählt zunächst die Kultur, bestehend aus Werten, die unser Leben prägen und somit auch unser Konsumverhalten. So dienen bspw. die Werte Erfolg und Leistung dazu, den Erwerb von Gütern zu rechtfertigen, im Sinne einer Belohnung für harte Arbeit (vgl. ebd.: 189). Sie bestimmt aber auch, welche Bedeutung einem Produkt beigemessen wird. Fahrräder werden z.B. in China als Fortbewegungs-mittel genutzt, in den USA als Sportgeräte (vgl. ebd.: 195). Eine weitere Einflussgröße stellt die soziale Schicht dar, dies wird beim demonstrativen Konsum deutlich, d.h. dem Kauf von, für andere sichtbare, Luxusgüter. Der Konsum kann aber auch als Kompensation von Misserfolg dienen, indem der Kauf hochwertiger Produkte für den erstrebten, aber nicht erreichten Status steht (vgl. ebd.: 192). Weitere Faktoren stellen Bezugs-gruppen z.B. der Freundeskreis oder die Familie dar, deren Einstellungen sich auf unseren Konsum auswirken. Die Stärke der Einflussnahme richtet sich nach der Sichtbarkeit des Konsums und der Art der Güter. So ist bspw. der Einfluss der Bezugsgruppe auf Güter des alltäglichen Bedarfs, deren Konsum sichtbar ist, z.B. bei einer Armbanduhr, besonders ausgeprägt hinsichtlich der Markenwahl. Wohingegen die Einflussnahmen bei nicht sichtbarem Konsum, z.B. bei einem Kühlschrank, nur gering ist (vgl. ebd.: 203).

Der letzte Bereich der externen Einflussfaktoren stellt die Besonderheit der jeweiligen Kaufsituation dar. Dabei sind fünf Merkmale einer Situation für das Käuferverhalten relevant: die physische Umgebung (z.B. Licht, räumliche Lage, Geräusche), die soziale Umgebung (z.B. die Gegenwart anderer Personen), zeitbezogene Merkmale (z.B. Zeitdruck, Tageszeit), die Art der Aufgabe (z.B. der Zweck des Einkaufs, Einkauf einzelner oder mehrerer Produkte) und der vorhergehende Zustand (z.B. Hunger, Stimmung oder mitgeführter Geldbetrag). Folglich herrscht eine Vielfalt situativer Variablen sowie Kombinationen, die unser Verhalten bestimmen (vgl. ebd.: 212).

5.1.3 Das Kind als Konsument

Nicht nur Erwachsene konsumieren und haben dadurch eine Kaufkraft, auch Kinder verfügen bereits über eine solche. Die Marktforschung definiert Kaufkraft als „(…) ein ausgabefähiger Geldbetrag, der für Konsumzwecke zur Verfügung steht.“ (Feil, 2003: 71) Die Kaufkraft der Kinder ist auf drei Weisen wichtig. Erstens als selbstständiger Käufer, zweitens als Mitbestimmer in der Familie und drittens als künftiger erwachsener Kunde. Es wird daher zwischen der indirekten, der direkten und der zukünftigen Perspektive der Geldverwendung unterschieden (vgl. ebd.).

Die Höhe der direkten Kaufkraft hängt bei den Kindern von ihrem Taschengeld und den Geldgeschenken, die sie zu bestimmten Anlässen z.B. Geburtstag oder Weihnachten erhalten, ab (vgl. ebd.: 79). Allgemein kann eine Steigerung der Kaufkraft der Kinder verzeichnet werden. Je jünger die Kinder sind desto geringer ist auch ihre Kaufkraft. Dabei muss auch beachtet werden, dass Kinder immer früher reif werden. Ein wesentlicher Gesichtspunkt, der ihre Kaufkraft allerdings noch begrenzt, ist der Minderjährigenschutz (vgl. ebd.: 81).

Die indirekte Kaufkraft beschreibt die Einflussnahme der Kinder auf die elterlichen Kaufentscheidungen. Dies bezieht sich auf den Verbrauchs-güterbereich (z.B. Nahrungsmittel) sowie auf den Gebrauchsgüterbereich (z.B. Bekleidung, Spiele). Es gelten dabei zwei Gründe für die Berücksichtigung kindlicher Wünsche: passives Beeinflussen der Eltern durch Verweigerung eines bestimmten Produktes (z.B. „Ich esse die Suppe nicht!“) oder aktives Beeinflussen durch Wünsche, Betteln und Jammern. Der kindliche Einfluss auf die Ausgaben des Familienbudgets wächst. Dazu trägt aber auch ein liberaler und demokratischer Erziehungsstil bei, der Kinder zu autonomen Persönlichkeiten mit Entscheidungsfähigkeiten macht. Außerdem werden die Wünsche der Kinder vermehrt erfüllt, je geringer die Möglichkeit eines Fehlkaufs ist. Dies kann z.B. mit dem Preis zusammenhängen, da ein niedriger Preis auch nur begrenzt negative Wirkung auf das verfügbare Haushaltsbudget zeigt. Daher sind Lebensmittel die Produkte mit dem größten Kaufeinfluss der Kinder. Der Einfluss auf die Kaufentscheidungen der Eltern nimmt mit steigender direkter Kaufkraft ab (vgl. ebd.: 91f.).

Dem gegenüber kann die zukünftige Kaufkraft nicht kalkuliert werden, daher ist es Ziel der Marktforschung lebenslange und frühe Kunden- und Markenbindung speziell auch bei Kindern und Jugendlichen aufzubauen (vgl. ebd.: 107).

Doch wer beeinflusst die Kaufwünsche der Kinder? Hier gibt es zum einen das Fernsehen und die Werbung, deren Wirkung im nachfolgenden Kapitel genauer erläutert werden soll. Zum anderen stellen Gleichaltrige einen großen Einflussfaktor dar, gerade in der Zeit der Ablöseprozesse vom Elternhaus. Der Einfluss der Gleichaltrigen beginnt bereits mit dem Eintritt in den Kindergarten (vgl. ebd.: 103f.).

5.1.4 Einfluss von Fernsehen und Werbung

Kinder sind einer Vielzahl von Ratschlägen und Empfehlungen bzgl. der Speisen- und Getränkewahl ausgesetzt: erstens die Aufforderung sich gesund und vernünftig zu ernähren, zweitens die Nahrungszufuhr zwecks gesellschaftlichen Figur- und Gewichtsnormen zu zügeln und drittens die Ernährungsratschläge und Konsumaufforderungen der Fernsehwerbung, wobei diese den größten Teil darstellen (vgl. Diel, 2000: 27). Aufgrund des steigenden Fernsehkonsums wird die Wirkungsbeziehung zwischen Fernsehen und Ernährung immer stärker diskutiert. Hierbei wird vermutet, dass fernsehen an sich einen negativen Einfluss auf unser Ernährungs-verhalten aufweist. Zum einen, da das Fernsehen meist durch den Konsum kalorienreicher Getränke, Knabbereien und Snacks, d.h. einer unnötigen Kalorienzufuhr, begleitet wird. Die Konsequenz: wer viel fern sieht, bewegt sich weniger, isst und trinkt zusätzlich zu viel und vor allem umso mehr, je länger er fern sieht. Zum anderen trägt speziell die Werbung zur Fehlernährung bei, da hier überwiegend Speisen und Getränke zu sehen sind, die nicht zu einer gesunden Ernährung gehören (vgl. Rössel, 2008: 12). Süßigkeiten und Snacks stellen ein Viertel der gezeigten Lebensmittel dar (vgl. ebd.: 13), die möglichst häufig spontan und zwischendurch konsumiert werden können (vgl. Diehl, 2000: 31). Darauf folgen alkoholische Getränke. Der Anteil von Obst und Gemüse beläuft sich lediglich auf 11% bzw. 7% (vgl. Rössler, 2008: 13). Folgt man diesen Botschaften der Werbung ließe sich folgende Ernährungs-empfehlung für Kinder ableiten: „Eine gute Ernährung besteht zu 60% aus Süßigkeiten, Süßspeisen und fetten Knabbereien, ergänzt durch reichlich Fast Food und stark gezuckerter Frühstücksprodukte, wobei die Flüssigkeitszufuhr möglichst in Form von gezuckerten Limonaden und Säften erfolgen sollte.“ (Diehl, 2000: 31). Denn die Werbung spricht gezielt die Bedürfnisse nach Genuss und Naschen der Kinder an, vor allem aufgrund der Süßpräferenz in diesem Alter (vgl. 3.1.2) nehmen Süßigkeiten einen großen Stellenwert ein. Dazu kommt ihr wachsendes Mitspracherecht bei Kaufentscheidungen (vgl. 5.1.3). Außerdem verfügen sie noch über ein geringes Ernährungswissen. Dies nutzt die Werbung, indem sie Kinder glauben lässt, hier sei „(…) ein Konsum ohne Reue möglich (…).“ (ebd.: 32f.) Dazu kommt, dass „Vielseher“ zunehmend die durch die Fernseh-Realität vermittelten Einstellungen übernehmen anstatt die der tatsächlichen Realität (vgl. Rössler, 2008: 15).

[...]


[1] Übergewicht: der Body-Mass-Index (BMI) liegt über dem 90. Perzentil der Referenzwerte. Unter Perzentil versteht man eine Prozentangabe, die in diesem Fall bedeutet, dass 90% der Vergleichgruppe den gleichen oder einen geringeren BMI haben und lediglich 10% haben einen höheren BMI (vgl. Schaffrath Rosario, A. & Kuth B., 2006).

[2] Adipositas: der BMI liegt oberhalb der 97. Perzentile der Referenzwerte (vgl. Schaffrath Rosario, A. & Kuth B., 2006).

[3] Die „Optimierte Mischkost“ trifft Aussagen über altersgemäße Verzehrmengen, abgeleitet aus einem beispielhaften 7-Tage-Speiseplan. Sie wurde vom Forschungsinstitut für Kinderernährung in Dortmund entwickelt (vgl. Kersting & Clausen, 2007: 508).

[4] Neophobie meint die Angst vor etwas Neuem

Ende der Leseprobe aus 201 Seiten

Details

Titel
Analyse von Konsumverhalten und Essgewohnheiten an Schulen mit dem Förderschwerpunkt Lernen
Hochschule
Universität Koblenz-Landau
Autor
Jahr
2010
Seiten
201
Katalognummer
V165150
ISBN (eBook)
9783640816873
ISBN (Buch)
9783640820474
Dateigröße
1087 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
analyse, konsumverhalten, essgewohnheiten, schulen, förderschwerpunkt, lernen
Arbeit zitieren
Corinna Landmann (Autor), 2010, Analyse von Konsumverhalten und Essgewohnheiten an Schulen mit dem Förderschwerpunkt Lernen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/165150

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