Mikrofinanz als Instrument der Entwicklungspolitik am Beispiel Boliviens

Microfinance as a Tool of Development Policy: the Case of Bolivia


Diplomarbeit, 2010

94 Seiten, Note: 2,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

ZUSAMMENFASSUNG

ABBILDUNGSVERZEICHNIS

TABELLENVERZEICHNIS

ABKÜRZUNGSVERZEICHNIS

1. EINLEITUNG

2. THEORETISCHER TEIL
2.1 ENTWICKLUNGSÖKONOMISCHES UMDENKEN
2.1.1 ENTWICKLUNGSPOLITIK
2.1.2 WASHINGTON KONSENSUS
2.1.3 PARADIGMENWECHSEL - POST WASHINGTON KONSENSU
2.1.3.1 Learning from Reform der Weltbank
2.1.3.2 Augmented Washington Konsensus des Internationalen Währungsfonds
2.1.3.3 „Millenium Project“ der Vereinten Nationen
2.1.3.4 „Growth Diagnostic Framework“ nach Hausmann-Rodrik-Velasco
2.2 MARKTVERSAGEN AUF IMPERFEKTEN KREDITMÄRKTEN
2.2.1 F INANZINTERMEDIATION
2.2.2 MARKTVERSAGEN
2.2.2.1 Agency-Theorie
2.2.2.2 Agency-Probleme auf Kreditmärkten
2.2.3 KREDITRISIKOMANAGEMENT - STANDARDLÖSUNGEN
2.2.3.1 Kreditwürdigkeitsprüfung (Credit Rating)
2.2.3.2 Kreditsicherung

3. MIKROKREDITE
3.1 MIKROFINANZ IN ENTWICKLUNGSLÄNDERN
3.1.1 E RLÄUTERUNG
3.1.2 GESCHICHTE
3.1.2.1 Mikrokredite erster Generation
3.1.2.2 Mikrokredite zweiter Generation
3.2 M ARKTVERSAGEN AUF DEN KREDITMÄRKTEN ARMER
3.2.1 PRINZIP ABNEHMENDER KAPITALGRENZERTRÄGE
3.2.2 GRÜNDE FÜR DIE KAPITALUNTERVERSORGUNG
3.3 INNOVATIONEN DER MIKROFINANZ - KONZEPTE
3.3.1 G RUPPENKREDITE
3.3.1..1 Gruppen- und Individualhaftung
3.3.1..2 Instrumentalisierung sozialer Bindungen
3.3.1..3 Nachteile von Gruppenhaftungsmodellen
3.3.2 DYNAMISCHE ANREIZSYSTEME - BEWÄHRUNGSKREDITE
3.3.3 U NKONVENTIONELLE SICHERHEITEN
3.3.4 ANGEPASSTE RÜCKZAHLUNGSPLÄNE
3.4 OUTREACH - SUBVENTIONEN KONTRA FINANZIELLE NACHHALTIGKEIT..

4. FALLSTUDIE BOLIVIEN
4.1 E NTWICKLUNGSPOLITISCHE PERSPEKTIVE BOLIVIEN
4.1.1 ZAHLEN UND FAKTEN
4.1.2 GESCHICHTE
4.2 GROWTH-DIAGNOSTIC APPROACH ..
4.2.1 GROWTH DIAGNOSTIC STUDIE DER WELTBANK
4.2.2 INVESTITIONEN UND UNTERNEHMERISCHE INITIATIVE IN BOLIVIEN
4.2.3 BOX: DECISION TREE NACH GROWTH- DIAGNOSTIC-APPROACH - BOLIVIEN
4.3 M IKROFINANZMARKT - BOLIVIEN
4.3.1 GESCHICHTE
4.3.1..1 Entstehung des Mikrofinanzsektors in Bolivien
4.3.1..2 Entstehung der BancoSol und der Los Andes
4.3.2 PRODUKTDESIGN DER BANCOSOL UND DER LOS ANDES
4.3.3 OUTREACH

5. SCHLUSSBEMERKUNGEN

LITERATURVERZEICHNIS

Zusammenfassung

John Williamson veröffentlichte 1989 einen Aufsatz, der zu einem Paradigmenwechsel der Entwicklungspolitik ab den 1950er Jahren Stellung nimmt und zehn zusammenfas- sende Punkte der Denkweise aller wichtigen Entwicklungseinrichtungen aus Washing- ton enthält. Diese Aufstellung wurde in der Literatur als „Washington Konsensus“ be- kannt und prägte eine Ära, deren Standardrezept „Stabilize, privatize, and liberalize“ lautete. Doch riefen zahlreiche Unruhen auf Märkten, die nach diesen Empfehlungen reformiert wurden, nach einer kritischen Neubewertung dieses Paradigmas. Der Re- formfortschritt à la Washington Konsensus geriet ins Stocken und ließ an der Wirksam- keit dieser Entwicklungsstrategie zweifeln. In der Veröffentlichung „One Economics, Many Recipes“ (Rodrik, 2007) wird das Scheitern der durch den Washington Konsen- sus geprägten Entwicklungspolitik sowie der Globalisierung der Finanzmärkte in einen Zusammenhang gebracht. Die Ursache des Scheiterns des Washington Konsensus wird in der Anwendung von „First Best Thinking“-Methoden gesehen, während die Anwen- dung von den „Second Best Thinking“-Methoden den vielfältigen Umständen in Ent- wicklungsländern besser entsprochen hätte.

Mitte der 2000er Jahre richteten sich die Diskussionen auf einen Paradigmenwechsel, weg von „One Size Fits All“-Washington Konsensus Strategien hin zu kontextspezifi- schen Lösungen. Die Arbeit stellt vier Veröffentlichungen vor, die sich mit einem Post- Washington-Konsensus beschäftigen und in der akademischen Literatur von besonderer Bedeutung sind. Die ersten drei Arbeiten stammen von den drei großen Washingtoner Entwicklungsorganisationen (Weltbank, Internationaler Währungsfonds und Vereinte Nationen) und die letzte von Skeptikern des Washington Konsensus, darunter auch Dani Rodrik.

Für eine solide Entwicklungspolitik nach dem Washington Konsensus empfiehlt Ro- drik, Reformbereiche zu lokalisieren, die das beste Aufwand-Nutzen-Verhältnis haben, um die knappe Ressource Entwicklungshilfe effizient einzusetzen. Reformen sollten selektiv, sequentiell und unorthodox auf die wachstumshemmenden Faktoren abzielen und nicht aus einer lange Liste mit Standardreformen bestehen. Zur Analyse und Identi- fikation der wachstumshemmenden Beschränkungen entwickelten Hausmann, Rodrik und Velasco das sogenannte „Growth-Diagnostic Framework“. Der Ansatz soll Ent- scheidern helfen, die richtigen, an die lokalen Rahmenbedingungen angepassten, entwicklungspolitischen Instrumente auszuwählen.

Exemplarisch werden Mikrokredite als ein Instrument untersucht, welches sich von den standardisierten Handlungsmustern des Washington Konsensus unterscheidet und als eine kontextspezifische Lösung im Kampf gegen Armut zu betrachten ist. Zum Verständnis der Funktionsweise von Kreditmärkten und Banken wird die Rolle der Akteure mit vermittelnder Funktion erörtert, deren Hauptfunktion das Bereitstellen von Geld für produktive Einheiten einer Volkswirtschaft ist.

In der neoklassischen Modellwelt wird ein Gleichgewichtspreis für Kredite, die wie andere Güter auf einem idealisierten Markt gehandelt werden, durch Angebot und Nachfrage bestimmt. Durch diesen Preismechanismus wird sichergestellt, dass Projekte zu ihrem individuellen, risikoadjustierten Zins finanziert werden. In Realität funktionie- ren Kreditmärkte weniger idealtypisch, daher leiden Finanzintermediäre unter Agency- Problemen, da der Markt empfindlich von Informationsasymmetrien gestört wird. Tra- ditionelle Banken in der entwickelten Welt nutzen bewährte Instrumente, um die Kre- ditwürdigkeit und das Risikoprofil potenzieller Kreditnehmer einzuschätzen. Zu ver- breiteten Instrumenten gehören Kreditwürdigkeitsprüfungen und Kreditsicherungen. Diese Instrumente funktionieren in Entwicklungsländern zur Bereitstellung von Finanz- dienstleistungen für Arme allerdings kaum.

Mikrofinanzinstitutionen versuchen diese Versorgungslücke zu schließen, um armen Haushalten und Kleinstunternehmen Zugang zu Finanzdienstleistungen zu verschaffen, die aufgrund von zu geringen oder nicht vorhandenen Einkünften und fehlender Kre- dithistorie üblicherweise nicht von traditionellen Finanzinstituten versorgt werden. Für diese Kapitalunterversorgung lassen sich verschiedene Barrieren identifizieren, welche sich in Kostenfaktoren und anderen Risikofaktoren unterteilen lassen. So ist beispiels- weise die Einschätzung des Risikoprofils potenzieller Kunden stark eingeschränkt, weil externe Informationssysteme wie Kreditbüros und interne Informationssystemen wie Kundendaten fehlen und die Einkommen der Kreditnachfrager sehr volatil sind. Fehlen- de Sicherheiten und Defizite im Rechtssystem erschweren die Kreditvergabe.

Die Erkenntnis der neuen Mikrofinanz ist, dass Arme bankfähig sind, wenn nur die richtige Kreditvergabetechnologie verwendet wird. Einer der ersten Mechanismen waren Gruppenbürgschaften. Weitere Mechanismen wie beispielsweise dynamische Anreizsysteme, unkonventionelle Sicherheiten und individualisierte Tilgungspläne entstanden und trugen zum heutigen Erfolg der Mikrofinanz bei.

Im Wesentlichen lassen sich Kredite in Individualkredite und Gruppenkredite einteilen, Gruppenkredite unterteilen sich wiederum in Kredite mit gemeinsamer und mit individueller Haftung.

In den letzten Jahren verlagerte sich das Forschungsinteresse von der Thematik Gruppen- kontra Individualhaftung hin zur Untersuchung von Anreizsystemen. Viele Mikrofinanzinstitute haben Bewährungsmechanismen in ihr Produktdesign integriert. Die beiden Hauptmechanismen sind das „Collateralizing the Asset of Future Access to Loans“ sowie das „Progressive Lending“.

Neben den bereits beschriebenen Mechanismen werden auch reale Sicherheiten von armen Kreditnehmern verwendet, auch wenn es sich dabei aus Bankensicht nur um symbolische Sicherheiten handelt. Der Wert der Sicherheit wird in diesem Falle an dem Nutzenverlust gemessen, der dem Kreditnehmer bei einer Beschlagnahmung entstehen würde. Des Weiteren werden Rückzahlungsmodalitäten der Mikrokredite an die Be- dürfnisse der Armen angepasst, um die Rückzahlungsraten zu stimulieren.

Neben den innovativen Konzepten zur Minimierung der Agency-Probleme auf Kredit- märkten in Entwicklungsländern, wird eine weitere wichtige Debatte aufgegriffen, die sich mit der Nachhaltigkeit und Wirksamkeit von Mikrofinanzprogrammen b]eschäftigt. Diese Debatte teilt sich in zwei Lager. Auf der einen Seite steht der „Financial System Approach“ und auf der anderen der „Poverty Lending Approach“. Eine genauere Be- trachtung dieser Frage zeigt die Existenz eines Zielkonflikts zwischen dem Erreichen der Ärmsten und subventionsunabhängigem Wirtschaften von MFIs. Aufgrund der Agency-Kosten, die mit dem Armutsgrad zunehmen, ist die Kreditvergabe an Ärmste mit mehr Kosten verbunden als eine Vergabe an Arme. Dieser Zielkonflikt lässt darauf schließen, dass die ärmsten Schichten nicht ohne Subventionen erreicht werden können, während weniger arme Schichten von finanziell nachhaltigen MFIs versorgt werden können.

Zur Verdeutlichung der Thematik des Washington Konsensus sowie der Mikrofinanz eignet sich Bolivien, da es trotz seines Reichtums an Bodenschätzen als das ärmste Land Südamerikas gilt, gleichzeitig aber ein ausgeprägter Mikrofinanzsektor vorzufin- den ist.

Spätestens der Regierungsantritt von Präsident Evo Morales Anfang 2006 stellt einen starken politischen Richtungswechsel in Richtung gesellschaftlicher Neuorientierung und der Abkehr von wirtschaftsliberalen Reformen nach Dogma des Washington Kon- sensus dar. Die Weltbank führte im Jahre 2005/2006 zwölf an den Growth-Diagnostic- Ansatz angelehnte Fallstudien durch und analysierte mit Hilfe dieses Modells auch die Lage in Bolivien.

Es wird geschätzt, dass der informelle Sektor bis zu 25% des bolivianischen BIPs aus- macht und über 60% der beschäftigten Bevölkerung im informellen Sektor arbeitet. Dies stellt eine große Zielgruppe für die Mikrofinanz dar. Die Mikrofinanz in Bolivien hat durch ihre Aktivitäten im Dienste der Armen internationales Renommee erlangt. Außergewöhnlich ist, dass es vielen bolivianischen MFIs gelingt, wirtschaftliche Nach- haltigkeit zu erreichen und dabei weiterhin einen positiven sozialen Einfluss zu bewah- ren.

Zwei bolivianische Mikrofinanzinstitute heben sich deutlich von der Masse ab, die „BancoSol“, eine der bekanntesten profitablen Mikrofinanzinstitute und die „Caja Los Andes“, ein profitabler Konkurrent der BancoSol.

BancoSol bietet Kredite in stark standardisierter Form, abgesichert durch Gruppenhaf- tung, während die Los Andes als Konkurrent mit Krediten mit Individualhaftung in den Markt eintrat. Vor allem in der Intensität der Screeningprozesse unterscheiden sich bei- de Institute enorm.

Der Zugang zu Kreditmärkten für Arme hat sich in Bolivien, besonders in Ballungsge- bieten, seit Anfang der 1990er Jahre enorm verbessert. Einer der Hauptfaktoren für die- se Entwicklung ist die Einführung von neuer Mikrokredittechnologie. Der Vergleich der Kundengruppen der beiden MFIs ist besonders interessant, da sich so auch eine Aussage zur Wirksamkeit der jeweiligen Technologie zur Armutsbekämpfung ableiten lässt.

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Anzahl von Menschen mit weniger als 1,25 US-Dollar pro Tag (in Millionen)

Abbildung 2: Grad wirtschaftlicher Freiheit (0-100) als Indikator für Konformität mit dem Washington Konsensus

Abbildung 3: Decision Tree „Growth Diagnostic Framework“

Abbildung 4: Erwartete Rendite einer Bank abhängig von der Zinshöhe vergebener Kredite

Abbildung 5: Grenzertrag von Unternehmern nach Kapitalausstattung

Abbildung 6: Zeitreihe Inflation in Bolivien

Abbildung 7: Zeitreihe Wirtschaftswachstum Bolivien

Abbildung 8: Investitionsaktivitäten relativ zum BIP von 1990 bis 2004

Abbildung 9: BOX - Decision Tree nach Growth-Diagnostic-Approach

Abbildung 10: Kosten der Korruption in Bolivien

Abbildung 11: Kapitalmarktbedingungen im internationalen Vergleich

Abbildung 12: Anteil von Krediten nach Kreditsumme von 1999-2008

Abbildung 13: Auszug aus dem Tarifblatt der BancoSol (Stand 2010)

Abbildung 14: Auszug aus dem Tarifblatt der Los Andes (Stand 2010)

Abbildung 15: Verteilung der Kreditnehmer nach Armutskategorie in %

Abbildung 16: Zusammensetzung des Kreditportfolios nach Kreditsumme in %

Tabellenverzeichnis

Tabelle 1: Augmented Washington Konsensus

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1. Einleitung

„ Das Leben von Politikberatern gro ß er Entwicklungsinstitutionen muss zu WashingtonKonsensus-Zeiten ziemlich einfach gewesen sein …“

In Anlehnung an Dani Rodrik, 2006

So würde es Dani Rodrik, einer der bekanntesten Washington-Konsensus-Kritiker, wahrscheinlich ausdrücken, wenn man ihn zu der entwicklungspolitischen Praxis ab den 1990er Jahren befragen würde. Tatsächlich gibt dieser Zehn-Punkte-Plan namens „Washington Konsensus“ das entwicklungspolitische Handlungsmuster aller großen Entwicklungsinstitutionen dieser Zeit wieder. Es wurden Reformen angeschoben, die zu einer Privatisierungs-, Deregulierungs- und Liberalisierungswelle führten. Doch nach über einem Jahrzehnt dieser Reformausrichtung, welche vielen Entwicklungsländern in massenabfertigungsähnlicher Weise aufgestülpt wurden, setzt sich seit Anfang der 2000er Jahre immer mehr das Bewusstsein durch, dass sich diese Strategie nicht als erfolgreich erwies. Einen einheitlichen Konsens der großen Entwicklungsinstitutionen zu einer neuen entwicklungspolitischen Strategie gibt es bislang nicht, doch ist man sich weitgehend einig, dass standardisierte Handlungsmuster von kontextspezifischen Lö- sungen abgelöst werden sollten.

„ The poor stay poor, not because they are lazy but because they have no access to capital. ”

Milton Friedman, Nobelpreis 1976

Besonders in Entwicklungsländern bleibt Bevölkerungsteilen mit geringem Einkommen ein Zugang zu Basisfinanzdienstleistungen (Kredite und Sparen) regelmäßig verwehrt, da Armen Kreditsicherheiten fehlen und schwach ausgeprägte rechtliche Rahmenbedingungen es Gläubigern erschweren, ihr Ausfallrisiko ausreichend zu minimieren. Außerdem machen hohe Fixkosten das Verleihen von kleinen Summen meist unprofitabel. In vielen Entwicklungsländern wurde der entwicklungspolitische Versuch unternommen, arme Haushalte mit staatlich geführten Kreditprogrammen zu versorgen, doch führten diese Programme nicht zu dem gewünschten Erfolg.

Aus diesen Misserfolgen entstand die Grundlage für den Erfolg der Mikrofinanz. Sie gilt als vielversprechender Weg der Armutsbekämpfung, indem Finanzintermediation für Arme neu definiert und unter neuer entwicklungspolitischer Implikation in Entwicklungsländern implementiert wird.

Die Agency-Theorie liefert einen wichtigen Erklärungsansatz für die Unvollkommen- heit der Kreditmärkte. Während Kreditanbieter in Industrieländern weitgehend Instru- mente entwickelt haben, um Agency-Probleme zu überwinden, haben Kreditanbieter in Entwicklungsländern erst durch die Entwicklung innovativer Instrumente eine Grundla- ge geschaffen, um den mangelhaften Zugang zu Finanzdienstleistungen auch in Ent- wicklungsländern zu überwinden und auch unterste Einkommensschichten versorgen zu können.

Zu intensiv behandelten Themen in der Mikrofinanzliteratur gehören die Frage der optimalen Zinshöhe, die Diskussion, ob Mikrokredite mit Gruppen- oder Individualhaftung strukturiert werden sollten, der Zielkonflikt zwischen der Kommerzialisierung und dem Erreichen ärmster Bevölkerungsteile, Kredit-Scoring in Entwicklungsländern sowie die Kreditvergabebeziehung mit Kunden.

Die wichtigsten Innovationen der Mikrofinanz werden in dieser Arbeit von den oben genannten Themengebieten abgeleitet. Außerdem wird vertieft auf den Zielkonflikt zwi- schen finanzieller Nachhaltigkeit und dem Erreichen ärmster Bevölkerungsteile einge- gangen.

Die bekannteste Innovation der Mikrofinanz sind Gruppenkredite. Zu Innovationen, welche in der Öffentlichkeit einen nicht so hohen Bekanntheitsgrad erreichen, die aber dennoch eine wichtige Rolle für die Mikrofinanz darstellen, gehören dynamische An- reizsysteme, unkonventionelle Sicherheiten sowie angepasste Rückzahlungspläne.

Zu den Themen rund um den Washington Konsensus, die Mikrofinanz sowie die Dis- kussion des Zielkonflikts zwischen finanzieller Nachhaltigkeit und dem Erreichen ärmster Bevölkerungsteile eignet sich Bolivien hervorragend als Fallbeispiel. So galt das Land in den 1990er Jahren einerseits als Vorzeigereformer nach Implikationen des Washington Konsensus, andererseits entwickelte sich eine leistungsfähige Mikrofinanzindustrie mit subventionsunabhängigen Mikrofinanzinstituten.

Die Arbeit ist in drei Teile gegliedert. Im ersten Teil wird mit einem Blick aus der Makroebene auf globale entwicklungspolitische Strategien und der allgemeinen Funktionsweise der Finanzintermediation begonnen. Im zweiten Teil wird dieser Blick auf die Mikroebene gelenkt: auf die Finanzintermediation in Entwicklungsländern allgemein. Im dritten Teil zoomt der Blick tiefer in die Mikroebene und erörtert die entwicklungsökonomische Situation im Kontext der Mikrofinanz anhand des Entwicklungslandes Bolivien.

Der erste Teil (Kapitel 2: Theoretischer Teil) vermittelt Basiswissen über den ent- wicklungsökonomischen Paradigmenwechsel der großen Entwicklungsinstitutionen rund um den Washington Konsensus und erörtert verschiedene Post-Washington- Konsensus-Ansätze. Unter anderem wird das Growth-Diagnostic-Framework als eine Alternative zu den Standardansätzen der entwicklungspolitischen Implikationen vorge- stellt.

Außerdem werden mit Hilfe der Agency-Theorie Grundlagen der Finanzintermediation sowie Konzepte traditioneller Finanzinstitute zur Überwindung von Prinzipal-Agenten- Problemen bei der Finanzintermediation, im engeren Sinne bei der Kreditvergabe, dis- kutiert.

Der zweite Teil beschäftigt sich mit Mikrokrediten (Kapitel 3: Mikrokredite) als ent- wicklungspolitisches Instrument. Zunächst werden Grundlagen der Mikrofinanz sowie Gründe der Kapitalunterversorgung Armer in Entwicklungsländern erörtert. Darauf auf- bauend hebt die Arbeit hervor, durch welche Produktinnovationen es Mikrofinanzinsti- tuten gelingt, Agency-Probleme zu überwinden, die durch Konzepte traditioneller Fi- nanzinstitute ungelöst bleiben, und wie diese Innovationen einen besseren Kreditzugang für arme Bevölkerungsteile besonders in Entwicklungsländern herstellen. Nach einer detaillierten Untersuchung der erfolgreichsten Produktdesigns wird die Frage diskutiert, inwieweit Mikrofinanzinstitutionen subventioniert werden sollten und ob sich eine Un- abhängigkeit von Subventionen negativ auf die Wirksamkeit von Mikrokrediten in der Bekämpfung von Armut auswirkt.

Anhand einer Fallstudie (Kapitel 4: Fallstudie Bolivien) betrachtet der dritte Teil In- formationen und Erkenntnisse der beiden vorangegangenen Teile aus der praktischen Perspektive. Es wird sowohl die allgemeine entwicklungspolitische Lage in Bolivien erörtert als auch das im ersten Teil vorgestellte Growth-Diagnostic-Framework auf Bo- livien übertragen.

Anschließend wird die Entstehung des Mikrofinanzsektors sowie zweier wichtiger boli- vianischer Mikrofinanzinstitute, der BancoSol und der Los Andes, erörtert. Es wird auf Erfahrungen der beiden Mikrofinanzinstitute eingegangen und ein detailliert Blick auf das verwendete Produktdesign geworfen. Abschließend wird die Diskussion von Subventionen aus dem zweiten Teil aufgegriffen. Inwiefern sie die Armut wirksam bekämpfen können, wird hier mit Zahlen aus Bolivien unterlegt.

2. Theoretischer Teil

2.1 Entwicklungsökonomisches Umdenken

2.1.1 Entwicklungspolitik

Maßnahmen zur Weiterentwicklung weniger entwickelter Länder sind international weit verbreitet. Der Inhalt dieser Maßnahmen umfasst die Mobillisierung und Allokation von Ressourcen, den Aufbau von Institutionen sowie die Transformation von Volkswirt- schaften und Gesellschaften. Zu den Akteuren gehören Regierungen der weniger entwi- ckelten Länder als Empfänger; Sender und Koordinatoren sind Regierungen der stärker entwickelten Länder, eine Vielfalt an Nichtregierungsorganisationen (NGOs) sowie internationale zwischenstaatliche Organisationen wie beispielsweise Organe der Welt- bankgruppe1 und der Vereinten Nationen2 oder die Welthandelsorganisation (WTO). Letztere spielen eine Vorreiterrolle in der entwicklungspoliitischen Praxis (Gore, 2000, S. 789).

Eine zentrale Fragestellung in der Entwicklungspolitik beschäftigt sich mit den Unter- schieden der Einkommen und den Wachstumsraten zwischen entwickelten und weniger entwickelten Ländern. In den 50er und 60er Jahren herrschte die Meinung vor, Arme seien genauso wie Reiche, nur mit weniger Kapital und Humankapital ausgestattet. Sei- nerzeit glaubte man, das Allheilmittel läge darin, die Ressourcen der Entwicklungslän- der zu vergrößern, entweder durch Kapitaltransfer oder durch Erhöhung der Sparquote. Entsprechend der Denkweise dieser Zeit wurde bis Ende der 60er hauptsächlich Kapital in Entwicklungsländer transferiert (Schliwa, 2004, S. 1).

Theoretisch müsste der Kapitalgrenzertrag in Entwicklungslländern bei Kapitalknappheit denjenigen der besser entwickelten Länder um ein vielfaches übersteigen, was zu einem starken Kapitalfluss in Richtung weniger entwickelter Länder führen müsste. Die Reali- tät zeigte aber ein anderes Bild (Stiglitz, 1989, S. 197).

Nur langsam wurde klar, dass Entwicklungshilfe in Form reiner Transferzahlungen für weniger entwickelte Länder daran scheiterte, dass deren Märkte kaum funktionierten und die individuellen Rahmenbedingungen nicht berücksichtigt wurden. So unterschei- det sich die wirtschaftliche Organisation von Land zu Land sehr stark, ebenso die Art und Weise, wie Individuen miteinander interagieren. Besonders groß ist dieser Unter- schied zwischen Entwicklungsländern und entwickelten Ländern (ebd.).

2.1.2 Washington Konsensus

John Williamson veröffentlichte 1989 einen Aufsatz, der zum Paradigmenwechsel der Entwicklungspolitik seit den 1950er-Jahren Stellung nimmt. Dieser Aufsatz enthält eine Aufstellung von zehn Punkten zur Strukturanpassung, die einen Konsens der neuen Denkweise aller wichtigen Entwicklungseinrichtungen in Washington darstellen sollte. Diese Aufstellung ging in die Literatur als der sogenannte „Washington Konsensus“ ein.

Um Wirtschaftswachstum zu stimulieren, Armut zu reduzieren und Einkommensvortei- le zu nivellieren, wurde nach dem Washington Konsensus vielen Regierungen latein- amerikanischer Ländern empfohlen, ihre Politik zu reformieren, indem sie im weitesten

Sinne (Gore, 2000, S. 789):

- makroökonomische Stabilität durch Kontrolle der Inflation und Redu- zieren der Haushaltsdefizite erreichen,
- durch Liberalisieren des Handels- und Kapitalverkehrs die Wirtschaft für den Rest der Welt öffnen und
- Liberalisierung allgemein anstreben.

„Stabilize, privatize, and liberalize“ oder „ Bring die Handelsbilanz in Ordnung, nimm den Staat aus der Wirtschaft und gib dem Markt freien Lauf “ wurde zum Motto einer Generation von Washington Konsensus-„Technokraten“, wie sie später von Kritikern tituliert werden sollten (Rodrik, 2006, S. 973).

Das Konzept zur Strukturanpassung war deutlich und bedurfte weniger Innovationen oder Experimente. Die zehn Empfehlungen des Washington Konsensus lauten (Williamson, 1990):

1. Haushaltsdisziplin,
2. Priorität der öffentlichen Ausgaben: Bildung, Gesundheit und Infrastruktur sowie Abbau von Subventionen,
3. Steuerreformen zur Senkung der Steuersätze und Erweiterung der Bemes- sungsgrundlage,
4. vom Markt bestimmte positive Zinsraten, um Kapitalflucht zu verhindern und um ausländisches Kapital anzuziehen,
5. kompetitive Wechselkurse, die der Wettbewerbsfähigkeit der Exportwirt- schaft zuträglich sind,
6. Liberalisierung der Handelspolitik, um die inneren Märkte für ausländische Anbieter zu öffnen,
7. Offenheit und Verbesserung der Konditionen für ausländische Direktinvesti- tionen,
8. Privatisierung öffentlicher Unternehmen und Einrichtungen,
9. Deregulierung und Entbürokratisierung sowie Abbau staatlicher Einfluss- nahme
10. Schutz des Privateigentums.

Durch den Washington Konsensus wurde eine Welle von Reformen in Lateinamerika und auch dem subsaharischen Afrika angeschoben. Die politische Landschaft wurde dadurch in diesen Ländern enorm verändert. Mit dem Fall der Berliner Mauer und dem Zusammenbruch der Sowjetunion machten viele der zuvor sozialistisch orientierten Länder einen Sprung in Richtung freier Marktwirtschaft. In Lateinamerika und Osteuropa fand vermutlich mehr Privatisierung, Deregulierung und Liberalisierung statt als jemals zuvor in der Geschichte (Rodrik, 2006, S. 1).

Erwähnenswert in diesem Kontext ist, dass Williamson, der Verfasser des Washington Konsensus, seinerzeit mit der Aufstellung von zehn Punkten keinesfalls ein Paradigma beabsichtigte. Es handelte sich dabei lediglich um eine Generalisierung der neuen Denkrichtung der großen Entwicklungsorganisationen in Washington. Kritiker hingegen bezeichnen den Washington Konsensus als einen Versuch, den Entwicklungsländern Neoliberalismus und Marktfundamentalismus aufzuoktroyieren.

Williamson aber argumentiert, dass seine ursprüngliche Version des Konsenses so oft von diversen Ländern in verschiedensten Ausprägungen adaptiert und seine Theorien verzerrt worden seien. Besonders die Liberalisierung der Finanzmärkte und dadurch bedingte internationale Kapitalströme seien der unbedachten und verfrühten Öffnung dafür unreifer Kapitalmärkte geschuldet (Rodrik, 2006, S. 2).

Zahlreiche Unruhen auf Märkten, die nach dem Washington Konsensus reformiert wur- den, rufen nach einer kritischen Neubewertung des vorherrschenden Paradigmas. Der Reformfortschritt à la Washington Konsensus ist ins Stocken geraten und lässt an der Wirksamkeit dieser Entwicklungsstrategie zweifeln. Zwei Jahrzehnte marktorientierte Reformen in Lateinamerika endeten mit fragwürdigen Ergebnissen. Die Märkte in zwölf Ländern erfuhren seit 1994 starke Finanzkrisen. Dabei wurde Lateinamerika in Mexiko (1994-1995), Brasilien (1998-1999) und Argentinien (2001-2002) hart getroffen. Be- sonders der dramatische Verlauf in Argentinien stellt die ursprünglichen Annahmen und Vorhersagen des Washington Konsensus mit seinen standardisierten Rezepten für eine Verbesserung des Wirtschaftswachstums in Frage. So galt Argentinien bis vor der Krise 2001 noch als ein Paradebeispiel für Strukturanpassungen nach dem Washington Kon- sensus. Mittlerweile hat sich das Bild gewendet und Argentinien ist zu einem Negativ- beispiel transformiert (Santiso, 2004, S. 828f).

Global gesehen war die Periode seit 1990 aber keinesfalls ein Desaster für die Reduzierung der Armut. Betrachtet man die Anzahl der Menschen, die mit weniger als 1,25 USDollar pro Tag auskommen müssen, so zeigt ein Vergleich der World Bank (Chen & Ravallion, 2008, S. 41), dass in den letzten 25 Jahren die Armut in einem zuvor nie gesehenem Ausmaß reduziert wurde. Wie in Abbildung 1 zu sehen, sank die Zahl von Menschen, die täglich mit weniger als 1,25 US-Dollar auskommen müssen von 1,9 Milliarden (1981) auf 1,45 Milliarden (2005).

Abbildung 1: Anzahl von Menschen mit weniger als 1,25 US-Dollar (Kaufkraft) pro Tag (in Millionen)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: World Bank (Chen & Ravallion, 2008, S. 41)

Ein starkes Wirtschaftswachstum in China und Indien sowie in einigen asiatischen Län- dern resultierte in einer absoluten Verringerung von Menschen in extremer Armut. Das Paradoxe dabei ist, dass gerade China und Indien in dieser Zeit zwar das Vertrauen in die Kräfte der Märkte erhöhten, doch ihr politisches Handeln sehr unkonventionell war. Mit einem hohen Maß an tarifären Handelshemmnissen, wenig Privatisierungen, ausge- prägter Industriepolitik und laxer Fiskal- und Finanzpolitik erschienen die beiden Volkswirtschaften nicht wie Reformer nach Vorbild des Washington Konsensus, im Gegenteil (Rodrik, 2006, S. 975).

Die Abbildung 2 zeigt den „Index of Economic Freedom“ der Heritage Foundation, die den Grad wirtschaftlicher Freiheit anhand von zehn Parametern misst. Zu diesen gehö- ren etwa niedrige Steuersätze, Beschränkung des Außenhandels, das Ausmaß staatlicher Regulierung der Märkte sowie Ausprägung von Verfügungsrechten und Offenheit von Kapitalmärkten.

Abbildung 2: Grad wirtschaftlicher Freiheit (0-100) als Indikator für Konformität mit dem Washington Konsensus

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Argentinien Bolivien China Indien

Quelle: Heritage Foundation, 2010

Es lässt sich verallgemeinern, dass jene Länder, die in Abbildung 2 mit einem hohen Maß an wirtschaftlicher Freiheit abschneiden, am ehesten den Kriterien des Washington Konsensus- entsprechen (Rodrik, 2007). Laut der Heritage Foundation sind Länder mit einem Wert unter 50 „repressed“, über 50 „mostly unfree“, über 60 „moderatly free“, über 70 „mostly free“ und über 80 „free“. So zeigt sich deutlich der starke Anstieg von Argentinien und Bolivien, die seit Anfang der 1990er Jahre Reformen à la Washington Konsensus durchführten. Argentinien schaffte es ab 1995 sogar in die „Liga“ der „most- ly free“-Länder und Bolivien wurde von 1996 bis 2003 mit über 65 Punkten eingestuft. Deutlich zu erkennen ist der drastische Fall wirtschaftlicher Freiheit Argentiniens nach der Argentinienkrise 2001/2002 auf Werte unter 55. Seit 2003 wird das Land von der Familie Kirchner regiert (bis 2007 Néstor Kirchner, seitdem Cristina Fernández de Kirchner), denen es zwar gelang, das Land aus der großen Krise zu führen, jedoch für einen populistischen Führungsstil bekannt sind. In Bolivien wurde 2003 der Präsident bei politischen Unruhen gestürzt und 2005 bei wiederholten Unruhen wieder abgesetzt - er befürwortete die Reformen à la Washington Konsensus. Seit 2006 ist der anti-liberale Populist Evo Morales an der Macht (Heritage Foundation, 2010).

China und Indien hingegen gehören zu den Ländern, die sich in den letzten Jahrzenten in Sachen Wirtschaftswachstum und Armutsreduzierung am positivsten entwickelten.

Wie in Abbildung 2 deutlich zu erkennen, schneiden beide Länder (mit einer Ausnahme 2001) konstant mit weniger als 55 Punkten ab und bewegen sich folglich schon seit langem auf einem Niveau mit Argentinien und Bolivien. Beide Länder richteten sich kaum nach den Kriterien des Washington Konsensus und betreiben, individuell in unterschiedlichen Ausprägungen, eine sehr unorthodoxe Politik. In China sind die meisten wirtschaftlichen Aktivitäten nach wie vor vom Staat gelenkt, und die kommunistische Regierung unterhält die wirtschaftliche Entscheidungsmacht. In Indien hat sich, trotz des schleppenden Fortschritts bei der Verringerung nichttarifärer Handelshemmnisse, der Außenhandel stark vergrößert (Heritage Foundation, 2010).

In seiner Veröffentlichung „One Economics, Many Recipes“ (2007) bringt Rodrik das Scheitern der durch den Washington Konsensus geprägten Entwicklungspolitik sowie der Globalisierung der Finanzmärkte in einen Zusammenhang. Er beziffert die Ursache des Scheiterns des Washington Konsensus im Kern auf die Anwendung von „First Best Thinking“-Methoden, wenn „Second Best Thinking“-Methoden adäquat gewesen wä- ren.

Nach Rodrik scheiterte die Entwicklungspolitik, weil sie sich nicht nach kontextspezifischen Lösungen (Second Best Thinking) richtete, sondern sich an standardisierten Handlungsmustern orientierte, die dem First Best Thinking entsprachen. Die Gründe für das schlechte Funktionieren von Märkten und den daraus begründeten Bedarf nach Second-Best-Lösungen in Entwicklungsländern unterteilt er in zwei Gruppen:

- Regierungsversagen/institutionelle Defizite
- Marktversagen an sich

Regierungsversagen und institutionelle Defizite äußern sich besonders in einer schwachen Ausprägung von Verfügungsrechten, schlechter Durchsetzbarkeit von Verträgen, inadäquater Besteuerung und makroökonomischer Instabilität.

Asymmetrische Information und Koordinationsschwierigkeiten stellen die Hauptursachen für Marktversagen und bilden eine große Barriere für die Transformation zu einer effizienteren Produktivität im volkswirtschaftlichen Sinne.

Nach dem Prinzip des First Best Thinking würde angenommen werden, dass institutionelle Defizite kurzfristig gelöst werden können, während Marktversagen an sich nicht als aktiv zu lösendes Problem angesehen wird.

Ein anschauliches Beispiel liefert die Situation der Eigentumsrechte der sogenannten Township and Village Enterprises (TVE) in China. Es handelt sich dabei um Industrie- betriebe, die sich nicht in privatem oder staatlichem, sondern im Besitz der lokalen Be- hörden befinden. Aus First-Best-Sicht sind diese Eigentumsverhältnisse sehr problema- tisch, da so private Investitionen und unternehmerische Initiative gehemmt werden.. Pri- vate Eigentumsverhältnisse wären in diesem Fall zielführender. Einfach und logisch klingt die Empfehlung, die Eigentumsverhältnisse in private Hand zu geben (First-Best- Ansatz), doch funktionieren First-Best-Ansätze in der Realität nicht immer und können unter bestimmten Rahmenbedingungen sogar kontraproduktiv sein. Wie in Entwick- lungsländern meist der Fall, gibt es Marktverzerrungen und andere administrative und politische Barrieren. Ein privates Eigentumssystem setzt eine wirksame Justiz für die Durchsetzung von Eigentumsrechten und Verträgen voraus. Private Eigentumsrechte sind von geringem Wert, wenn sich diese nicht durchsetzen lassen. Solange dies nicht der Fall ist, würde es in China mehr Sinn machen, sich den gegebenen Rahmenbedin- gungen im Sinne von Second Best Thinking anzupassen, bis eine effektive Justiz ge- schaffen ist. Unternehmer sollten also in eine Partnerschafft mit ihren potenziellen Ent- eignern (den lokalen Behörden) gedrängt werden - genau so, wie es in China erfolg- reich umgesetzt wurde (Rodrik, 2006, S. 20).

2.1.3 Paradigmenwechsel - Post Washington Konsensus

Nachdem das Standardreformpaket des Washington Konsensus nicht die erwarteten positiven Auswirkungen zeigte, richten sich die Diskussionen über einen Paradigmen- wechsel des Washington Konsensus seit Mitte der 2000er Jahre auf die Notwendigkeit, weg von „One Size Fits All“-Strategien hin zu kontextspezifischen Lösungen zu kom- men. Unterschieden sich die Lehren von Skeptikern und Befürwortern aus der Zeit des Washington Konsensus stark, wird inzwischen durchweg kaum noch an eine Praktikabi- lität des Washington Konsensus geglaubt. Rodrik formuliert es folgendermaßen (ebd.):

„ The question now is not whether the Washington Consensus is dead or alive;

it is what will replace it ”

(Rodrik, 2006)

Im Folgenden werden vier Arbeiten vorgestellt, die sich mit dem Post Washington Kon- sensus beschäftigt haben und in der akademischen Literatur von besonderer Bedeutung sind. Die ersten drei Arbeiten stammen jeweils von den drei großen Washingtoner Entwicklungsorganisationen und die letzte von Skeptikern sowohl des Washington Konsensus als auch der Post Washington Konsensus Ansätze:

- Weltbank: Learning from Reform (The World Bank, 2005)
- Internationalen Währungsfonds: Augmented Washington Konsen- sus/Institutioneller Ansatz (Singh, et al., 2005)
- Vereinte Nationen: Millennium Projekt (United Nations, 2005) (Sachs, 2005)
- Hausmann-Rodrik-Velasco: Growth Diagnostics Framework

(Hausmann, Rodrik, & Velasco, 2008)

2.1.3.1 Learning from Reform der Weltbank

„Learning From Reform“ (2005) ist eine der wichtigsten Veröffentlichungen der Post- Washington-Konsensus-Literatur. Sie sticht aus verschiedenen Gründen heraus. Die Arbeit stellt keine Hypothesen darüber auf, was in der Zukunft funktionieren wird und was nicht, noch werden Handlungsempfehlungen für entwicklungspolitisches Vorgehen geliefert. Der Schwerpunkt liegt vielmehr auf der Identifikation und der Berücksichti- gung von politischer Vielfalt, individuellen Situationen, spezifisch angepassten Refor- men und mehr Experimentierfreudigkeit in der Entwicklungspolitik insgesamt. Gobind Nankani, (Vizepräsident der Weltbank, Region Afrika, 2004-2006) bemerkt im Vorwort der Veröffentlichung:

“ The central message of this volume, is that there is no unique universal set of rules … . [W]e need to get away from formulae and the search for elusive ‘ best practices ’… . ” .

(The World Bank, 2005)

Dieses Zitat ist insofern besonders, da es von der Weltbank, einer der drei wichtigsten Organisationen und Verfechter des Washington Konsensus stammt. Einige Jahre zuvor wäre eine vergleichbare Aussage nur von radikalen Gegnern des Washington Konsensus zu erwarten gewesen (Rodrik, 2006, S. 3).

In dem Artikel „Goodbye Washington Consensus, Hello Washington Confusion? (2006, S. 5-7) analysiert Rodrik die Kernaussagen zum bisherigen entwicklungspolitischen

Vorgehen der Weltbank und fasst diese in fünf zusammenfassende Argumente zusam- men:

1) Das herkömmliche Reformpaket war zu sehr damit beschäftigt, Wohlfahrtsver- luste zu minimieren um Effizienzgewinne zu realisieren und Wachstum zu sti- mulieren.
2) Die sehr vagen Ziele der ökonomischen Reformen (marktorientierte Anreize, makroökonomische Stabilität und Außenorientierung) sind nicht durch einen Katalog von Standardreformen erreichbar. Zum Erreichen der Reformziele gibt es nicht nur einen Königsweg, sondern immer eine Auswahl verschiedener Ansätze, die je nach Rahmenbedingungen effektiv sein können.

„ Eine Öffnung des Binnenmarktes kann beispielsweise durch Senkung von Importz ö llen, jedoch auch durch Exportsubventionen, Sonderwirtschaftszonen, Freihandelszonen, etc. erreicht werden “.

3) Variierende Rahmenbedingungen machen Lösungsansätze erforderlich, die dem

Kontext entsprechen:

„ So kann eine Verbesserung des Investitionsklimas bestens durch eine

St ärkung von Eigentumsrechten in einem Land erreicht werden, w ä hrend in einem anderen Land eine Verbesserung der Finanzm ä rkte viel wirk- samer ist. Ein technologischer Aufholprozess kann, abh ä ngig von dem jeweiligen Entwicklungslevel, durch eine St ä rkung oder Schw ä chung der Patentrechte stimuliert werden. Dies erkl ä rt, weshalb Versuche, erfolg- reiche Reformen in einem anderen Land zu kopieren, h ä ufig nicht grif- fen. “

4) In vielen Fällen wurde die Entscheidungsfreiheit der Regierungen bestimmter

Entwicklungsländer nicht ausreichend geachtet. „Reformregeln“ die ursprünglich zur Verringerung von Gesetzesübertretungen erdacht wurden, schränkten deren Handlungsfreiheit empfindlich ein.

5) Reformanstrengungen müssen selektiv sein und sich auf die Wachstum be-

schränkenden Faktoren konzentrieren, anstatt nach einer langen Standardliste wie dem Washington Konsensus zu handeln.

[...]


1 Im engeren Sinne die Internationale Bank für Wiederaufbau und Entwiicklung.

2 Der Internationale Währungsfond im engeren Sinne.

Ende der Leseprobe aus 94 Seiten

Details

Titel
Mikrofinanz als Instrument der Entwicklungspolitik am Beispiel Boliviens
Untertitel
Microfinance as a Tool of Development Policy: the Case of Bolivia
Hochschule
Universität Hamburg  (Fakutät Wirtschafts- und Sozialwissenschaften)
Note
2,3
Autor
Jahr
2010
Seiten
94
Katalognummer
V165234
ISBN (eBook)
9783640808588
ISBN (Buch)
9783640809219
Dateigröße
1451 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Schlagworte
mikrokredite, micro finance, grameen, maxim rabkin, universität hamburg, mikrofinanz, entwicklungshilfe, evo morales, bolivien, armutsreduzierung, washington concensus
Arbeit zitieren
Maxim Rabkin (Autor), 2010, Mikrofinanz als Instrument der Entwicklungspolitik am Beispiel Boliviens, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/165234

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