1.0 Einleitung
Im Diskurs um die Frage nach der Vereinbarkeit von nationaler und europäischer Identität hat Laura Cram mit ihrer These, dass „European integration facilitates the flourishing of diverse national identities rather than convergence around a single European identity“ (Cram 2009a, 110) frischen Wind gebracht. Ziel dieser Arbeit ist es, diese These mittels einer qualitativ vergleichenden Analyse1 empirisch zu überprüfen (vgl. Ragin 1987; Schneider/Wagemann 2007). In einem ersten Schritt definiere ich hierfür das Konzept der Europäischen Integration. Anschließend stelle ich den aktuellen Stand der Forschung zu der Frage dar, inwiefern der Prozess der Europäischen Integration vorhandene Identitätsstrukturen beeinflusst und wie diese aufgebaut sind. In einem nächsten Schritt führe ich die entsprechenden unabhängigen Variablen2 und die abhängige Variable3 ein. Die darauf folgende Analyse und das abschließende Fazit reflektieren kritisch die Brauchbarkeit der Methode für die verwendete Fragestellung und geben einen Ausblick auf zukünftige notwendige Forschungsarbeiten.
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Inhaltsverzeichnis
1.0 Einleitung
2.0 Theorie und Konzepte
2.1 Das Konzept der Europäischen Integration
2.2 Einfluss der Europäischen Integration auf Identitätsstrukturen
3. Forschungsdesign
4. Empirie
4.1 Fallauswahl
4.2 Die Variablen
4.2.1 Politische Freiheit
4.2.2 Wirtschaftliche Freiheit
4.2.3 Soziale Freiheit
4.2.4 Europäische Integration
4.2.5 Nationale Identität
4.3 Die Analyse
5. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht empirisch, inwiefern der Prozess der Europäischen Integration nationale Identitäten beeinflusst. Aufbauend auf der These von Laura Cram, dass Integration nationale Identitäten eher fördert als eine Konvergenz hin zu einer einzigen europäischen Identität erzwingt, wird mittels einer qualitativ vergleichenden Analyse (QCA) geprüft, ob Integration eine notwendige oder hinreichende Bedingung für die Entwicklung nationaler Identität darstellt.
- Analyse des Einflusses der Europäischen Integration auf Identitätsstrukturen
- Vergleichende Untersuchung der Bundesrepublik Deutschland, Spaniens und der USA
- Operationalisierung nationaler Identität durch sozio-politische Indikatoren
- Einsatz der Qualitative Comparative Analysis (QCA) zur Bestimmung kausaler Zusammenhänge
Auszug aus dem Buch
Modell der banalen, kontextuell abhängigen und ungewissen Identität
Cram argumentiert, dass eine voranschreitende Europäische Integration nationale Identitäten stärken könne. Durch die Funktion der EU als Vermittler verschiedenartiger kollektiver Identitäten fördere die Europäische Integration indirekt die „enhabitation“ (Cram 2009a, 110) der EU und ermögliche so die Entstehung eines Zugehörigkeitsgefühls, welches sie „banal Europeanism“ (Cram 2009a, 110) nennt. Den Prozess der Identitätsbildung kennzeichnet sie als banal, kontextuell abhängig und als ungewiss, zufällig („contingent“) (vgl. Cram 2009a, 110). Der Prozess ist banal, weil „identification is not always passionate or heroic but mundane, even banal“ (Cram 2009b, 104). So könne beispielsweise das Mitführen von EU-weit gültigen Reisepässen Bürger bereits an ihre Involvierung und deren Vorteile erinnern (vgl. Cram 2009b, 104). Der identitätsbildende Prozess ist insofern kontextuell abhängig, als dass verschiedene Möglichkeiten, Einschränkungen, interne und externe Herausforderungen vorliegen, unter denen die verschiedenen Akteure operieren und somit gilt, dass „when two individuals claim to ‚feel European‘, they might mean totally different things in terms of both the intensity oft he feeling they describe and the imagined political community they refer to“ (Bruter 2003, 1154).
Zusammenfassung der Kapitel
1.0 Einleitung: Diese Einleitung stellt die zentrale These zur Vereinbarkeit von nationaler und europäischer Identität vor und skizziert das methodische Vorgehen der Arbeit.
2.0 Theorie und Konzepte: Dieser Abschnitt erläutert theoretische Ansätze zur europäischen Integration und zu verschiedenen Modellen, wie sich multiple Identitäten zueinander verhalten können.
2.1 Das Konzept der Europäischen Integration: Hier wird der Begriff der Integration definiert und Annahmen über den fortwährenden sowie ungleichmäßigen Charakter dieses Prozesses getroffen.
2.2 Einfluss der Europäischen Integration auf Identitätsstrukturen: Dieses Kapitel diskutiert politikwissenschaftliche Debatten und Modelle zur Identitätsbildung, einschließlich verschachtelter und geschichteter Identitäten.
3. Forschungsdesign: Es wird die Methode der qualitativ vergleichenden Analyse (QCA) vorgestellt und deren Eignung zur Untersuchung deterministischer Zusammenhänge begründet.
4. Empirie: Dieser Teil enthält die praktische Anwendung, indem Variablen ausgewählt, Fälle bestimmt und die Daten für die Analyse aufbereitet werden.
4.1 Fallauswahl: Hier wird die Entscheidung begründet, die Untersuchung qualitativ auf Deutschland, Spanien und die USA zu begrenzen.
4.2 Die Variablen: Dieser Abschnitt operationalisiert die unabhängigen Variablen (politische, wirtschaftliche, soziale Freiheit sowie Integration) und die abhängige Variable der nationalen Identität.
4.2.1 Politische Freiheit: Definition und Messung der politischen Freiheit mittels des Freedom House Index.
4.2.2 Wirtschaftliche Freiheit: Anwendung des Index of Economic Freedom zur Bewertung wirtschaftlicher Umstände in den untersuchten Staaten.
4.2.3 Soziale Freiheit: Begründung des Verzichts auf diesen Indikator aufgrund mangelnder valider Messmöglichkeiten.
4.2.4 Europäische Integration: Definition der Integration als Zugehörigkeit eines Staates zur Europäischen Union.
4.2.5 Nationale Identität: Einzelfallbetrachtung von Deutschland, Spanien und den USA hinsichtlich ihres jeweiligen nationalen Bewusstseins.
4.3 Die Analyse: Zusammenführung der Daten in einer Wahrheitstabelle und Anwendung des Quine-McClusky Algorithmus zur Bestimmung kausaler Zusammenhänge.
5. Fazit: Zusammenfassende kritische Reflexion über die Ergebnisse der Analyse und die Grenzen der gewählten Methode.
Schlüsselwörter
Europäische Integration, Nationale Identität, Identitätsstrukturen, Politische Freiheit, Wirtschaftliche Freiheit, QCA, Qualitative Vergleichende Analyse, Deutschland, Spanien, USA, Banal Europeanism, Multiple Identitäten, Soziale Identität, Eurobarometer, Kausalanalyse.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht, ob die Europäische Integration nationale Identitäten schwächt oder fördert und welche Rolle dabei politische und wirtschaftliche Faktoren spielen.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Felder sind die Theorie der europäischen Integration, die Konzepte multipler Identitäten und die empirische Anwendung der Qualitative Comparative Analysis.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das primäre Ziel ist es, die These zu überprüfen, dass die europäische Integration die Entfaltung nationaler Identitäten ermöglicht, anstatt sie zu verdrängen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird die Qualitative Comparative Analysis (QCA) auf Basis der Booleschen Algebra angewandt, um kausale Bedingungen für das Vorhandensein nationaler Identität zu identifizieren.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil umfasst die theoretische Herleitung der Konzepte, die methodische Einordnung, die Auswahl und Operationalisierung der Variablen sowie die empirische Fallstudie der Länder Deutschland, Spanien und USA.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die wichtigsten Begriffe sind Europäische Integration, nationale Identität, QCA, soziale Freiheit und das Marmorkuchen-Modell der Identität.
Warum wurde die "Soziale Freiheit" von der Analyse ausgeschlossen?
Der Autor verzichtete auf diesen Indikator, da er Bedenken hinsichtlich einer validen und vergleichbaren Messung des Konstrukts hatte.
Was ergab die Anwendung des Quine-McClusky Algorithmus?
Die Analyse zeigte, dass die gewählten unabhängigen Variablen (politische, wirtschaftliche Freiheit, Integration) keine hinreichenden oder notwendigen Bedingungen für die nationale Identität darstellen.
Warum wird die nationale Identität in Deutschland als "nicht vorhanden" eingestuft?
Die Einstufung basiert auf der spezifischen historischen Aufarbeitung nach 1945 und den vorliegenden Umfragedaten, die keine absolute Mehrheit für eine starke nationale Identifikation zeigen.
Welche Rolle spielt die "transición" für die spanische Identität?
Die "transición" markiert den Transformationsprozess Spaniens, der in der Verfassung von 1978 gipfelte, welche den Konsens zwischen nationaler Einheit und regionaler Autonomie suchte.
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- Kai Nehen (Author), 2011, Der Einfluss der Europäischen Integration auf nationale Identitäten, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/165239