Die ältesten "Herzog Ernst" Fassungen A + B und ihre Einordnung anhand von inhaltlichen und philologischen Hintergründen


Seminararbeit, 2002

30 Seiten, Note: 1


Leseprobe

GLIEDERUNG

I. EINLEITUNG
I. 1. Fragestellung und These
I. 2. Vorgehensweise
I. 3. Handlungsgeschehen

II. ZUM STAND DER FORSCHUNG
II. 1. Herzog Ernst als politische Dichtung
II. 2. Forschungstand
a) Herzog Ernst A
b) Herzog Ernst B

III. ZUM HISTORISCHEN HINTERGRUND
III. 1. Historische Fakten
III. 2. Mögliche Verfasser und deren Anonymität
III. 3. Pilgerreisen ó Kreuzzugsgedanken
III. 4. Kaisertum ó Papsttum
III. 5. Auseinandersetzungen zwischen Staufern und Welfen
III. 6. Heinrich der Löwe
III. 7. Zum Name „Ernst“

IV. UNTERSUCHUNGEN DES WORTSCHATZES DER FASSUNGEN A UND B
IV. 1. Deutsch als Schriftsprache
IV. 2. Wandlung des mittelalterlichen Städtewesens
IV. 3. „burc/g“ und „s tat“ Wortschatz
IV. 4. Analyse anhand von archaischen Worten

V. FAZIT

VI. LITERATURVERZEICHNIS

ANHANG: Philologische Analyse-Beispieltexte

I. EINLEITUNG

I. 1. FRAGESTELLUNG UND THESE

Es gibt nur ganz wenige deutliche Daten und Anhaltspunkte in der mittelalterlichen Literaturgeschichte. So sind für viele Werke die Entstehungszeit, Lokalisierung sowie Verfasser, Auftraggeber und Adressat nur vage zu bestimmen. Das gilt besonders für den Versroman „Herzog Ernst“, der durch seine außergewöhnliche Überlieferungsgeschichte eine besondere Rolle in der Literaturwissenschaft spielt. Die Geschichte des aus der Heimat vertriebenen und den Orient bereisenden bayerischen Herzogs gehört zu den beliebtesten der mittelalterlichen Erzählliteratur. Die Einordnungsversuche, besonders der älteren Fassungen, sind in der bisherigen Forschung sehr widersprüchlich.

Neueste Wortschatzuntersuchungen zur Datierung weisen darauf hin, daß der Text früher anzusetzen sei, als bisher angenommen wurde. Die Einordunung der Fassungen A und B des Herzog Ernst sei wahrscheinlich vor der traditionellen Datierung, die bisher um 1170/80 (höfische, bzw. frühhöfische Dichtung) angesetzt war, anzunehmen.

I. 2. VORGEHENSWEISE

Neue Gesichtspunkte für die Datierung sollen durch eine inhaltliche, sowie durch eine philologische Vorgehensweise erschlossen werden.

Dazu sollen einerseits die historischen Hintergründe durchleuchtet werden und andererseits die ältesten Fassung des Herzog Ernst auf das Vorhandensein bestimmter Begriffe oder Worte, die in der fraglichen Zeit einen Wandel durchgemacht haben, untersucht werden. Durch Unterschiede im Vergleich der beiden Handschriften A und B sollen Rückschlüsse auf eine frühere Einordnung gezogen werden.

I. 3. HANDLUNGSGESCHEHEN

Der Versroman gliedert sich in zwei Handlungsteile.

Die Mutter Ernsts, die verwitwete Herzogin Adelheid, wird die Frau Kaiser Ottos, der Ernst als seinen Sohn annimmt und zu seinem Ratgeber bestimmt.

Herzog Ernst erfreut sich der besonders hohen Gunst seines Stiefvaters, Kaiser Otto. Der rheinische Pfalzgraf Heinrich, Onkel des Kaisers, neidet ihm diese Stellung und weiß durch Verleumdungen den Kaiser Otto so gegen den Stiefsohn einzunehmen, daß Otto Heinrich befiehlt in Ernsts Land einzufallen. Ernst besiegt Heinrichs Truppen und dringt, zusammen mit seinem Freund Wetzel, in die kaiserliche Pfalz vor. Den Verleumder Heinrich tötet Herzog Ernst vor den Augen des Kaisers und bedroht schließlich den Stiefvater selbst. Daraufhin wird Ernst vom Kaiser geächtet. Er muß nach langen Kämpfen der Übermacht des Reichsheeres weichen und ist zur Flucht gezwungen. Nach fünfjährigem blutigem Kampf gegen den Kaiser beschließt Ernst, das Kreuz zu nehmen und ins Heilige Land zu ziehen

Der zweite Teil des Gedichts berichtet von den wundersamen Geschehnissen dieser Reise.

Gemeinsam mit seinem Freund Wetzel und seinen letzten Getreuen will er ins Heilige Land fahren, wird jedoch durch einen Seesturm in die Wunderwelt des Orients verschlagen.

Sie kommen nach Grippia, wo Menschen mit Kranichköpfen leben; ihr Schiff zerschellt am Magnetberg und die Überlebenden werden von Greifen fortgetragen. Sie gelangen ins Land der Einäugigen und müssen gegen Plattfüße, Langohren, Pygmäen und Riesen kämpfen. Sechs Jahre lang bleiben Ernst und Wetzel im Land Arimaspi.

Dann kehren sie, von Adelheit zurückgerufen, über Babylon und Jerusalem, wo er ein Jahr gegen Ungläubige kämpft, nach Deutschland zurück.

In Bamberg wirft sich Ernst dem Kaiser Otto während der Christmette zu Füßen. Dank der Fürsprache der Fürsten wird er begnadigt und wieder in allen Ehren eingesetzt. Als Geschenk bringt er einen wunderbar leuchtenden Stein mit, der seitdem als der „Waise“ die Kaiserkrone ziert.

II. ZUM STAND DER FORSCHUNG

II. 1. HERZOG ERNST ALS POLITISCHE DICHTUNG

Die deutsche Literatur greift in der 2. Jahrhunderthälfte erstmals für die damalige Zeit nicht „buchfähige“ Stoffe auf, weil die neuen Bedürfnisse mit den bisherigen, vorwiegend lateinisch-geistlichen, Mitteln nicht mehr hinreichend zu befriedigen waren. Eine volkstümlich-unterhaltende, nicht-theologische, nicht-wissenschaftliche Erzähltradition entwickelt sich, die sich von der bisherigen Literatur (Bibeldichtung, Legende, Historiographie) unterscheidet.

Es geht darum zu zeigen, wie der „Held“ (aus königlicher Familie stammend) sich durch den Einsatz von Machtmitteln, Tapferkeit, Standhaftigkeit und Klugheit in der Welt bewährt. Der Ort der Bewährung war, zeitgenössische Interessen beantwortend, der märchenhafte Osten, welcher sich mit einer Art

Weltbewährung gleichsetzen ließe.

Dem Herzog Ernst liegen im wesentlichen zwei Quellenbereiche zugrunde: die deutsche Reichsgeschichte und die, im Mittelalter bekannten, Erzählungen aus der Antike und dem Orient. In den beiden Stoffbereichen ist wohl auch die Ursache für die große Beliebtheit der Dichtung zu suchen. Die „Empörergeschichte“ thematisiert das „Dauerthema des politischen Lebens nicht nur in Deutschland: die Aquilibrierung zwischen Krone und Fürsten, zwischen heroischem Einzelgängertum und gemeinsamer Verpflichtung, zwischen den komplizierten Bindungen der Treue (und) der Feudalität (...)[1]

Die Historie des Herzog Ernst stellt ein Machtproblem dar, das auf ein permanentes Spannungsverhältnis zwischen Zentralmacht und Fürsten im Laufe der mittelalterlichen deutschen Geschichte zurückgeht. Ein dauerhaftes Interesse an diesem Thema wurzelt in der geschichtlichen Wandlung Deutschlands. Der Herzog Ernst ist der einzige Versroman, der sich thematisch an die deutsche Reichsgeschichte anschließt.

Die historischen Auseinandersetzungen Deutschlands haben im Werk deutliche Spuren hinterlassen, welche sich in den vielen „Umarbeitungen“, besonders der Editionen A und B, bemerkbar machen. So herrschten beispielsweise im 12. Jahrhundert Auseinandersetzungen zwischen Staufern und Welfen vor, dies verlangte eine neue Aktualität der Geschichte.

Das „Ideal“ des Herzog Ernst ist eine schwer zu erreichende Balance zwischen Kaiser und Reichsfürsten.[2] Die Schwierigkeiten liegen in der politischen Konstellation: Die Intrige greift nur deshalb, weil die Mächteverteilung tatsächlich so ist, daß der rîche- Herzog jederzeit dem Kaiser gefährlich werden kann. Ein tieferer Grund für Instabilität und Unruhe war die schwache Position des deutschen Kaisers im Unterschied zum französischen König. Die Gefährdung des Kaisertums wird exemplarisch vorgeführt. Die Möglichkeit zur Erlangung der Balance beruht in einer allgemeinen Verpflichtung der Reichsidee.[3] Die Position des Kaisers kann nur gestärkt werden, wenn einerseits das Reich von den Landesfürsten gestützt wird, andererseits auf Stammeseigentümlichkeiten und Besitztümer Rücksicht genommen wird.

II. 2. FORSCHUNGSSTAND

Obwohl der „Herzog-Ernst -Stoff“ so bekannt war, sind unsere Kenntnisse über Entstehungszeit und -ort, insbesondere der älteren Fassungen, aber noch sehr unvollständig und unsicher. Und ebenso rätselhaft ist darum bisher - trotz der, aufgrund stofflicher Vorgaben jeweils vermutbaren, politischen Relevanz - auch der mäzenische Hintergrund geblieben.[4]

Die deutschsprachige Überlieferung reicht von den ältesten Fragmenten A aus dem 12. Jahrhundert über den vollständig erhaltenen mittelhochdeutschen „Herzog Ernst B“ aus dem 12. oder 13. Jahrhundert zur späthöfischen

Umdichtung D (2. Hälfte des 13. Jahrhunderts) bis zu den frühneuhochdeutschen Fassungen G (14. Jahrhundert). Außerdem gibt es drei lateinische Fassungen: C, D und Erfurter Fassung.

Das alte Gedicht von Herzog Ernst, so wie wir es kennen, ist aus zwei ganz unabhängigen Stoffteilen (vermutlich erst später) zusammengefügt worden. Dem geschichtliche Epos des Herzog Ernst und den orientalischen Abenteuererzählungen.

Der Text des geschichtlichen Versromans greift Motive aus verschiedenen „Empörersagen“ auf. Er beruht wahrscheinlich auf die Zusammenfügung zweier historischer Ereignisse, die durch spätere Elemente angereichert wurden:

Zum einen entstammen die Grundzüge der Sage aus dem Aufstand des Herzog Luidolfs (seit 949 Herzog von Schwaben) gegen seinen Vater Otto den Großen (953) und seinem Onkel Heinrich, Herzog von Baiern. Nach längeren Kämpfen (unter anderem Mainz und Regensburg) kam es 954 zu einem friedlichen Ausgleich (daher die Namen des Kaiserpaares „Otto“ und „Adelheit“, sowie der versöhnliche Ausgang; außerdem findet sich hier „Heinrich“, Ottos Bruder, Herzog von Baiern und zeitweiliger Widersacher Liudolfs möglicherweise als Pfalzgraf in der Geschichte des Herzog Ernst wider).

Zum anderen gingen Elemente aus der Empörung Ernst des II. von Schwaben (seit 1015 Herzog) gegen seinen Stiefvater Kaiser Konrad II. (1026 f.) und der Auseinandersetzung zwischen Fürsten und königlicher Gewalt in die Sage ein.[5] (Hier modifiziert sich der Name der Hauptfigur; es besteht keine blutsverwandte Bindung mehr zum Kaiser; der Gefolgsmann Wernher von Kyburg taucht in der Historie als „Wetzel“ auf).

Die stofflichen Grundlagen des Orientabenteuers sind kaum zu ermitteln. Teils stammen sie aus der Tradition der Antike (Plinius, Solin, Isdor, Honorius, Alexanderroman, u.a.) mit dem Anspruch der Wissenschaftlichkeit, teils aus orientalischen Märchen und Erzählungen (Sindbad der Seefahrer: Magnetberg, Greifenabenteuer), teils aus Reiseromanen.

Die ethnographischen Abschnitte stammen vermutlich aus lateinischen Quellen.[6]

Die deutschen Textzeugnisse und Ansätze ihrer Einordnung (nach der kritischen Edition des Herzog Ernst von Cornelia Weber)[7]:

a) Herzog Ernst A, Fragment (nach bisherigen Einschätzungen 1160-1180 entstanden):

Saganer Bruchstücke, 114 Verse, letztes Viertel des 13. Jhs., ostfränkisch oder ostmittelhochdeutsch.

Prager Bruchstücke, 320 Verse, Anfang des 13. Jhs., moselfränkisch. Marburger Bruchstücke, 68 Verse, Ende des 12. Jhs., rheinfränkisch-hessisch.[8]

Die Fassung A ist bruchstückhaft bis zum Greifenabenteuer überliefert und verbindet somit die vermutlich zugrundeliegende Kernfabel mit den phantastischen Orientabenteuern (Magnetberg und Grippia). Es sind leider keine Textzeugnisse der Fassung A für den „Kreuzzugsorient“ und für Ernsts Rückkunft (B 4240-6022) vorhanden.[9]

Der Herzog Ernst A ist in Reimpaarversen gedichtet, die noch vergleichsweise ungeregelt sind. Die Sprache ist schlicht, es wird altepisches Wortgut verwendet, rittersprachliche Fremdwörter fehlen.[10]

Im Ganzen gesehen reicht die Spannbreite der chronologischen Einordnungsversuchen des Herzog Ernst A von 1147/48 bis 1189.

[...]


[1] WEHRLI, M.: Kindlers Literaturlexikon, 1998

[2] VOLLMANN-PROFE, G.: Erzählende Literatur auf der Basis mündlicher Überlieferung: Spielmannsepik. In: Von den Anfängen bis zum hohen Mittelalter, Bd. I, Geschichte der deutschen Literatur von den Anfängen bis zum Beginn der Neuzeit; Bd. I, 2, Volkssprachliche Schriftlichkeit im hohen Mittelalter, Hrsg. Joachim Heinzle, 1986, S. 229

[3] VOLLMANN-PROFE, G.: ebd., S. 230

[4] RÜHL, J. S.: Die literarische Ausgestaltung des Herzog-Ernst-Stoffes seit König Konrad III. vor ihrem staufischen und babenbergischen Hintergrund, 2000, S. 5

[5] vgl. BROCKHAUS, Bd.10, 2001

[6] Referiert nach RÜHL, J. S.: ebd., S. 68-69

[7] WEBER, C.: Untersuchung und überlieferungskritische Edition des Herzog Ernst B mit einem Abdruck der Fragmente der Fassung A, 1994

[8] WEBER, C.: ebd., S. 5

[9] RÜHL, J. S.: ebd., S. 70

[10] KLEIN, T.: Ermittlung, Darstellung und Deutung von Verbreitungstypen in der Handschriftenüberlieferung mittelhochdeutscher Epik, 1988, S. 110-167

Ende der Leseprobe aus 30 Seiten

Details

Titel
Die ältesten "Herzog Ernst" Fassungen A + B und ihre Einordnung anhand von inhaltlichen und philologischen Hintergründen
Hochschule
Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main  (Institut für Deutsche Sprache und Literatur II)
Veranstaltung
Spielmännische Dichtung: Geschichtlichkeit und Gegenwartsbezug
Note
1
Autor
Jahr
2002
Seiten
30
Katalognummer
V16527
ISBN (eBook)
9783638213578
ISBN (Buch)
9783640856312
Dateigröße
546 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Herzog, Ernst, Fassungen, Einordnung, Hintergründen, Spielmännische, Dichtung, Geschichtlichkeit, Gegenwartsbezug
Arbeit zitieren
Kathrin Haubold (Autor), 2002, Die ältesten "Herzog Ernst" Fassungen A + B und ihre Einordnung anhand von inhaltlichen und philologischen Hintergründen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/16527

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