Gesundheitliche und soziale Auswirkungen von Schichtarbeit auf das Pflegepersonal im Krankenhaus


Hausarbeit, 2006

24 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhalt

1) Einleitung

2. ) Daten und Fakten zur modernen Transplantationsmedizin
2.1. ) Exkurs: Die Lebendspende - medizinische und ethische Aspekte
2.2.) Das Transplantationsgesetz - mehr Rechtssicherheit, aber nicht mehr Organe?

3. ) Wann ist ein Mensch tot? Todeskonzeptionen im Wandel

4. ) Die Kirchen und ihre Stellung zur Organtransplantation
4.1. ) Was ist der Mensch? Leben und Tod aus der Perspektive christlicher Anthropologie

5. ) Ethische Problemfelder im Bereich der postmortalen Organtransplantation
5.1. ) Die Würde des Menschen - gültig über den Tod hinaus?
5.2. ) Zwischen Pflicht und Freiwilligkeit
5.3. ) Die Angehörigen des Spenders - Verlustbewältigung und Entscheidungskonflikt

6. ) Weitere Problemfelder

7. ) Resümee und Ausblick Die Transplantationsmedizin vor neuen Herausforderungen

8. ) Verwendete Literatur

1) Einleitung

Die Fragestellung, unter der diese Arbeit zunächst stehen sollte, betraf die moralisch-ethische Legitimation der Organtransplantation, vor allem deren Beurteilung durch die christliche Ethik. Bei der Literaturrecherche und -aufbereitung zeigte sich jedoch recht schnell, dass sich weitaus mehr Problemfelder und ethische Fragen ergeben, als im Rahmen einer Seminararbeit behandelt werden können - eine Reduktion und Fokussierung auf einige zentrale Aspekte wird daher unumgänglich sein. So wird der Problemkreis der Lebendorganspende nur gestreift, ebenso die Frage nach Zustimmungslösungen, die in den vergangenen Monaten für neuen Zündstoff in der Debatte über mangelnde Spendebereitschaft und fehlende Spenderorgane gesorgt hat. Einen größeren Stellenwert wird hingegen die postmortale Organtransplantation einnehmen, wobei es sich durch die verschiedenen beteiligten Personen- und Interessengruppen ebenfalls um ein komplexes und vielschichtiges Thema handelt.

Um die Thematik angemessen darzustellen, sollen zumindest grundlegende Fakten und aktuelle Daten zum Stand der modernen Transplantationsmedizin erwähnt werden, um einen Eindruck über Chancen und Möglichkeiten operativer Verfahren in diesem Bereich zu schaffen. Da die vorliegende Arbeit das Thema Organtransplantation vor allem aus ethischer bzw. christlich-religiöser Perspektive betrachtet, wird der medizinische sowie der rechtliche Hintergrund einbezogen, sofern er wesentliche Aspekte betrifft, die bei der Behandlung der Organspende-Problematik unbedingt berücksichtig werden müssen. Vor allem das so genannte „Hirntod-Kriterium“ hat nicht nur medizinisch-rechtliche Konsequenzen, sondern berührt das Verständnis von Menschsein, von Leben und Tod und damit von ganz existenziellen Grundkonstanten im menschlichen Bewusstsein, die mit den Entwicklungen der modernen Medizin ins Wanken geraten sind.

Sehr beeindruckt hat mich die „medizinethnologische Studie“ - so der Untertitel - von Vera Kalitzkus aus dem Jahr 2003[1], die die Autorin mit dem bezeichnenden Titel „Leben durch den Tod“ veröffentlicht hat. In dieser Untersuchung stellt Kalitzkus nicht nur interessante Überlegungen zu divergierenden „Todeskonzepten“ in Geschichte und Gegenwart an, sondern hat den Kontakt zu den „beiden Seiten“ der Organtransplantation gesucht. Interviews mit Angehörigen von Organspendern sowie mit Organempfängern werfen Licht und Schatten auf die Problematik und werden in meiner Arbeit an einigen Stellen aufgegriffen. Nicht zu leugnen ist die emotionale Ebene, auf die man selbst als momentan nicht Betroffener bei der Beschäftigung mit dem Thema Transplantation leicht gerät; immerhin handelt es sich hierbei um ganz existenzielle Fragestellungen und Problemfelder, an deren Ende Einzelschicksale stehen und Lebensgeschichten stehen. Dies zu berücksichtigen soll nicht zu „blinder“ Subjektivität führen - das tut es meines Erachtens auch bei Vera Kalitzkus nicht - dennoch ist die „persönliche Seite“, die Frage nach dem konkreten Menschen, nicht zu vernachlässigen, wenn versucht werden soll, aus moraltheologischer bzw. christlicher Perspektive die Problematik der Organtransplantation zu beleuchten.

Im abschließenden Ausblick sollen neben einem Resümee aktuelle Entwicklungen in der Transplantationsmedizin erwähnt werden, die in der Zukunft - die bei der Geschwindigkeit der heutigen Wissenschaft immer schon in der Gegenwart beginnt - für weitere ethische Diskussionen sorgen werden und auch von den christlichen Kirchen eine Positionierung verlangen.

2. ) Daten und Fakten zur modernen Transplantationsmedizin

Organtransplantationen zählen heute zu den etablierten klinischen Behandlungsmöglichkeiten, die an rund fünfzig deutschen Kliniken routinemäßig durchgeführt werden. Nach der ersten erfolgreichen Organtransplantation im Jahr 1954 sowie der ersten Herztransplantation durch den südafrikanischen Arzt Christian Bernard im Jahr 1967 haben sich in der Intensivmedizin unter anderem durch neu entwickelte Verfahren der so genannten Apparatemedizin sowie durch die bessere Beherrschung der Organabstoßung neue Möglichkeiten ergeben, um Gewebe oder Organe eines lebenden oder toten Spenders auf einen Empfänger zu übertragen. Vor allem die Transplantation von Niere, Leber und Herz wird mittlerweile vielfach erfolgreich durchgeführt, während die Verpflanzung von Lunge (gegebenenfalls kombiniert als Herz und Lunge) sowie die der Bauchspeicheldrüse noch in der Entwicklungsphase sind.[2] Neben diesen Organen besteht unter anderem die Möglichkeit der Transplantation von Knochen, Gehörknöchelchen und Augenhornhäuten. Im Jahr 2006 wurden in Deutschland insgesamt 4646 Transplantationen (einschließlich der Transplantationen nach Lebendspende) durchgeführt, wobei die Nierenverpflanzung mit mehr als 50 Prozent die häufigste Operation darstellt.[3] Wurde ein Organ erfolgreich transplantiert, kann es grundsätzlich seine normalen Funktionen und Regulationen wieder aufnehmen und damit entscheidend die Überlebenschancen und die Lebensqualität des Organempfängers erhöhen. Die Erfolgrate der Transplantationen ist im Vergleich zu den frühen Organverpflanzungen gestiegen, besonders bei der Übertragung von Spendernieren funktionieren beispielsweise ein Jahr nach der Operation bis zu 88 Prozent der übertragenen Nieren, nach fünf Jahren immerhin noch bis zu 74 Prozent.[4] Dennoch bleibt der Organempfänger in seiner Gesundheit insofern eingeschränkt, als er eine dauerhafte Immunsuppression zur Unterdrückung des immunologischen Abwehrmechanismus bzw. einer Abstoßungsreaktion verkraften muss.

Die Zahl der potenziellen Organempfänger - häufig schwer kranke Patienten - übersteigt in Deutschland um ein vielfaches die Zahl der zur Verfügung stehenden Spenderorgane, wenn auch in den letzten Jahren ein kontinuierlicher Aufwärtstrend bei den Zahlen der Organspender festzustellen ist. So spendeten im vergangenen Jahr (2006) 1.259 Menschen nach ihrem Tod ihre Organe (3,2 Prozent mehr als im Vorjahr).[5] Dennoch sind die Wartezeiten auf ein Organ lang, für viele Patienten zu lang; im Durchschnitt vergehen vier bis fünf Jahre, bis ein geeignetes Organ verfügbar ist. Vor allem die Dringlichkeit sowie die Erfolgschancen einer Transplantation werden bei der Organverteilung berücksichtigt, ebenso wie die jeweilige Wartezeit. Verteilt werden die Organe vorwiegend über die Zentrale der Eurotransplant Foundation im niederländischen Leiden, die ein Verzeichnis alle registrierten Patienten führt und die Eignung von Spenderorganen für die möglichen Empfänger im Eurotransplant-Bereich (Benelux-Staaten, Deutschland, Österreich) ermittelt.

2.1. ) Exkurs: Die Lebendspende - medizinische und ethische Aspekte

Im Rahmen dieser Arbeit nicht näher behandelt, aber ethisch durchaus nicht unproblematisch, stellt die Organlebendspende neben der postmortalen Organspende eine weitere Möglichkeit in der Transplantationsmedizin dar. Vorteile der Lebendspende liegen in der geringen Schädigung des Organs, in der kurzen Lagerungszeit und in den fehlenden Einflüssen durch Reanimierungsmaßnahmen sowie Kreislaufversagen des Spenders, es handelt sich also um „ideale Organe“ bzw. „Organteile“[6], vor allem auch wegen der optimalen Planbarkeit des Eingriffs und des langfristig besseren Funktionierens der transplantierten Organe gegenüber postmortal transplantierten Organen.

Das Transplantationsgesetz von 1997, das im folgenden Abschnitt in seinen Kernpunkten dargestellt wird, sieht für Lebendspenden Einschränkungen vor, beispielsweise sind Spenden nur möglich unter Verwandten ersten oder zweiten Grades (Eltern oder Geschwister des Empfängers), unter Ehepartnern, Verlobten und anderen Personen, die dem Empfänger in besonderer persönlicher Verbundenheit nahe stehen. Während Eltern ihren Kindern Organe spenden können, ist die Spende (minderjähriger) Kinder an ihre Eltern nicht gestattet. T]rotz dieser klaren Regelungen stellen sich ethische Probleme, zum Beispiel die Frage nach der Freiwilligkeit der Spende bzw. nach der Möglichkeit von deren Feststellung. Immerhin handelt es sich bei dem Eingriff in den Körper des Spenders um eine „Körperverletzung“ bzw. eine Verletzung seiner körperlichen Integrität, da er weder den Interessen noch der Gesundheit des gesunden Spenders dient, sondern eventuell sogar medizinische Risiken birgt. Nicht zuletzt stellt die Entnahme von Organen lebender Spender eine Herausforderung für den Arzt dar, der bei seiner Tätigkeit gewöhnlich dem Ethos des „vor allem Nichtschadens“ (primum nil nocere) folgt.[7] Handelt der Spender bei seiner Zustimmung tatsächlich aus freien Stücken oder drängt ihn psychischer, moralischer oder sozialer Druck zum Handeln? Selbst nach umfangreicher Prüfung der Freiwilligkeit der Spende kann die (relative) Autonomie bei der Entscheidung nicht immer mit voller Sicherheit festgestellt werden, weshalb der postmortalen Organspende weiterhin der Vorrang zukommt und auf dem Prinzip der Subsidiarität der Lebendspende beharrt wird. Dies bedeutet, dass das Transplantationsgesetz die Lebendspende nur dann zulässt, wenn zum Zeitpunkt der Transplantation kein geeignetes Organ eines verstorbenen Spenders zur Verfügung steht. Ein weiteres Problem können die zwischen Spender und Empfänger bestehenden psychischen Abhängigkeiten bedeuten, so kann es beispielsweise vorkommen, dass eine (nicht unwahrscheinliche!) Abstoßungsreaktion als Zeichen der Undankbarkeit gedeutet wird.

Diskutiert wird die Ausweitung des Spenderkreises auf nichtverwandte und in keiner persönlichen Beziehung stehenden Personen, die sich in einer Art „Schicksalsgemeinschaft“ - medizinischer, sozialer und emotionaler Art - sehen, weil beispielsweise ein Mensch ein neues Organ benötigt, die Spende vonseiten seines Partners jedoch nicht möglich ist (zum Beispiel aufgrund von Blutgruppenunverträglichkeiten). Bei der so genannten „Cross-over- Spende“ spendet - bei entsprechender medizinischer Kompatibilität - der Gesunde des einen Paares dem Organempfänger des anderen Paares ein Organ und umgekehrt. Grundsätzlich ist diese Form der Lebendspende ethisch nicht anders zu bewerten als die Spende unter Verwandten, allerdings verweisen manche Kritiker auf die tendenziell größere Gefahr der Kommerzialisierung und des Organhandels.

Die beiden großen christlichen Kirchen in Deutschland, die römisch-katholische Kirche und die evangelische Kirche, bejahen die Lebendspende als Ausdruck christlicher Nächstenliebe, da die lebensbedrohliche Situation des Erkrankten ihm eine Vorrangstellung gegenüber anderen bringt, die sich nicht im Zustand existenzieller Bedrohung befinden. Die Hilfeleistung für den Schwerkranken steht im Vordergrund, wobei die Kirchen das Konfliktpotenzial der Organlebendspende nicht verkennen. In einem Beitrag auf dem Symposium der Nordrhein-Westfälischen Akademie der Wissenschaften von 2005 hebt der Vertreter der christlichen Kirchen, Präses Schneider, hervor, dass die Sensibilität im Umgang mit den Betroffenen und die sachliche Aufklärung über Risiken (nicht nur medizinischer, sondern auch sozialer und psychischer Art) unerlässlich seien, damit die Spenderinnen und Spender zu „einer begründeten Entscheidung kommen, mit der sie auf Dauer leben können.“ Schneider unterstreicht dabei das Wort „Dauer“, „denn die Entscheidungen sollen nicht zu Brüchen in der Biografie führen.“[8] Im Zusammenhang mit der Frage nach Abhängigkeitsverhältnissen und den sich daraus ergebenden Problemen, wie sie oben kurz angesprochen wurden, verweist Schneider auf das Gleichnis vom barmherzigen Samariter, in dem deutlich werde, was christliche Nächstenliebe ausmache:

„Barmherzigkeit bedeutet in diesem Gleichnis, und das ist die Pointe: der Samariter fragt sich nicht: was kann ich leisten?, sondern: was benötigt der, der vor mir liegt und unter die Räuber gefallen ist. Wählt man diese Betrachtungsweise, so ist es angezeigt, die Situation des Empfängers, seine notvolle Lage noch einmal ganz anders in die Debatte einzuführen. Diese Perspektive führt zu der Erkenntnis, dass mein Wollen durch die Liebe zu den notwendigen Hilfeleistungen gedrängt wird.“[9]

Im Anschluss an diesen Exkurs zur Organlebendspende sollen nun die postmortale Organtransplantation und einige zentrale Aspekte der ethischen Diskussion über diesen Bereich der Transplantationsmedizin in ihren zahlreichen Verflechtungen dargestellt werden.

2.2.) Das Transplantationsgesetz - mehr Rechtssicherheit, aber nicht mehr Organe?

Seit dem Inkrafttreten des Transplantationsgesetzes (TPG) am 1. Dezember 1997 ist die Organtransplantation in Deutschland gesetzlich geregelt, um die Rechte und Verpflichtungen aller Beteiligten sowie die Bedingungen der Entnahme und Übertragung von Organen und Geweben festzulegen. Im Rahmen der vorliegenden Arbeit ist neben dem Artikel, der die Einwilligung des potenziellen Spenders betrifft, vor allem § 3 Abs. 1 Nr. 2 von zentraler Bedeutung. Hier wird festgelegt, dass eine Organentnahme nur dann zulässig ist, wenn der Tod des Organspenders nach Regeln, die dem Stand der medizinischen Wissenschaft entsprechen, festgestellt worden ist.[10] [11] Das Kriterium, nach dem in der heutigen Medizin der Tod eines Menschen diagnostiziert wird, ist das so genannte „Hirntodkriterium“, das im folgenden Abschnitt kurz erläutert wird. Für die Zulässigkeit von Organspenden gilt die so genannte „erweiterte Zustimmungslösung“, die besagt, dass zur Organentnahme die Einwilligung des Spenders oder der engsten Familienangehörigen unabdingbare Voraussetzung ist. Der vom Spender zu Lebzeiten verfassten Erklärung zur Organspende ist absolute Priorität einzuräumen, wobei Jugendliche erst ab 16 Jahren selbst in eine Organspende einwilligen können. Die Ablehnung der Organentnahme ist hingegen ab dem 14. Lebensjahr möglich. In der Mehrzahl der Fälle liegt jedoch eine solche Einverständniserklärung nicht vor, so dass die Angehörigen des Hirntoten verpflichtet sind, den ihnen bekannten oder mutmaßlichen Willen des Verstorbenen zu vertreten und einer postmortalen Organspende zuzustimmen oder diese gegebenenfalls abzulehnen („erweiterte Zustimmungslösung“). Im Bereich der Zustimmungsregelung zeichnen sich inzwischen neue Entwicklungen ab; so veröffentlichte der Nationale Ethikrat in Deutschland am 24. April 2007 eine Stellungnahme mit dem Ziel, die Zahl der Organspenden zu erhöhen. Darin hieß es unter anderem:

„Im Jahr 2005 haben sich trotz der im TPG niedergelegten Meldepflicht nur 45 % der Krankenhäuser mit Intensivstationen an der Organspende beteiligt, d.h. mindestens Kontakt mit der zuständigen Koordinierungsstelle aufgenommen. Dieser Missstand ist sowohl auf mangelnde Anreize für Krankenhäuser, sich an der Organspende zu beteiligen, als auch auf mangelnde Sanktionen für die Nichtbeteiligung zurückzuführen.“[12]

Neben der Kritik an der mangelnden Beteiligung der Kliniken und an organisatorischen Defiziten des Gesundheitssystems wurden Gründe für den Organmangel auch in der gesetzlichen Regelung gesehen, die die postmortale Organspende von der ausdrücklich erklärten Zustimmung der Spender bzw. ihrer Angehörigen abhängig macht.[13] Das Konzept der Widerspruchsregelung, das in der Stellungnahme favorisiert worden war, wurde im Mai 2007 von Gesundheitsministerin Ulla Schmidt abgelehnt.

Verschiedene Institutionen wie zum Beispiel die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BzgA) oder der Arbeitskreis Organspende (AKO) der Deutschen Stiftung Organtransplantation (DSO) betreiben weiterhin Werbung für Organspende in der Öffentlichkeit, um die Spendebereitschaft zu erhöhen und um die Akzeptanz und das Vertrauen der Bevölkerung in die Transplantationsmedizin zu fördern. Informationsbroschüren dieser Institutionen tragen beispielsweise den Titel „Wie ein zweites Leben“ oder „Organspende schenkt Leben“ und betonen zumeist besonders die positiven Aspekte gelungener Transplantationen für betroffene Organempfänger. Problematische und belastende Aspekte werden eher ausgeklammert, „weder wird thematisiert, dass es sich bei einem 'Hirntoten' um einen 'lebenden Leichnam' handelt (mit allen daraus resultierenden Schwierigkeiten für die Angehörigen), noch werden die Worte 'Leiche', 'Leichnam' oder 'Leichenspende', von wenigen Gegenbeispielen abgesehen, benutzt.“[14] In den folgenden Kapiteln sollen diese „Tabus“ angesprochen und problematisiert werden.

3. ) Wann ist ein Mensch tot? Todeskonzeptionen im Wandel

Die Frage, wann ein Mensch definitiv und endgültig als tot zu betrachten ist, war und ist von Anfang an von zentraler Bedeutung für die Diskussion über die Organtransplantation gewesen. Würde man einen Organspender zum Zeitpunkt der Organentnahme noch als Sterbenden, nicht als bereits Toten verstehen, handelte es sich bei der Explanation um den Fall einer aktiven Tötung, wenn auch mit der aus „altruistischen Motiven“ gegebenen Einwilligung des Spenders.[15] Wann man den Zeitpunkt des Todes allerdings festsetzt, hängt wiederum davon ab, wie man „Tod“ definiert. Dass es sich beim Lebensende - ähnlich wie bei der Entstehung und dem Werden des Menschen, also seinem Anfang - nicht um ein „Augenblicksereignis“[16], sondern um einen Prozess handelt - darüber besteht heute weitgehend Konsens. Das Leben des Menschen erlischt nicht schlagartig; bevor der Tod eintritt, sterben in der Regel einzelne Organe, Zellen und Teile von Zellen ab. [17] Im Psychrembel (1993)[18] werden vier Phasen des Sterbeprozesses beschrieben: der klinische Tod (völliger Kreislaufstillstand mit potenziell reversibler Aufhebung jeder zerebralen Aktivität), der zerebrale Tod (auch „kortikaler“ oder „Großhirntod“), der Himtod (kortikaler Tod mit zusätzlicher Nekrose von Klein-, Mittel- und Stammhirn) sowie der biologische Tod (Tod aller Organe). Ach, Anderheiden und Quante betonen, dass der Todesbegriff weder ein rein medizinischer noch ein rein naturwissenschaftlicher Begriff sei, eigentlich überhaupt kein rein empirischer Begriff - obwohl selbstverständlich „empirische Tatsachen in die Definition Eingang finden.“[19] Dementsprechend bezeichnet Birnbacher die Definition des Todesbegriffs als eine „von Adäquatheits- und Zweckmäßigkeitsüberlegungen motivierte Festlegung.“[20] Dabei spielen die unterschiedlichen kulturell oder religiös geprägten Konzepte von Körperlichkeit und Menschsein insofern eine große Rolle, als durch sie beeinflusst wird, wann eine Gesellschaft einen Menschen als „tot“ betrachtet. Vor den neuen technischen Entwicklungen in der Medizin wurde der Atem- und Herzstillstand als sicheres Zeichen beginnendes Sterben betrachtet, doch bereits in den 1950er Jahren sah man sich „mit dem diskursiven und technischen Gelingen der Langzeitbeatmung [...] Patienten gegenüber, für die nicht entschieden werden konnte, ob sie mehr auf der Seite des Lebens oder der Seite des Todes standen, d.h. ob sie weiter zu behandeln waren oder nicht.“[21] Nicht zuletzt diese Frage motivierte die Begründer des Hirntod-Konzepts zum Entwurf von Kriterien zur Feststellung des Todes, die neuen Entwicklungen standhalten sollten. Das Konzept des Hirntodes geht im wesentlichen auf ein 1968 veröffentlichtes Gutachten eines Komitees der Harvard Medical School zur Definition des irreversiblen Komas zurück, in dem vorgeschlagen wird, das irreversible Koma als neues Todeskriterium anzuerkennen. Die Kommission, in der Theologen, Juristen und Mediziner mitwirkten, begründet die Entwicklung dieses neuen Todeskriteriums zum einen damit, dass der medizinische Fortschritt mit der Bemühung, das Leben schwerstverletzter Menschen zu retten, zu neuen Konfliktfallen geführt habe. Ein solcher Fall seien „Individuen, deren Herz fortfahrt zu schlagen, während ihr Gehirn irreversibel zerstört ist.“[22] Neben der schwierigen Frage, wie mit solchen Patienten zu verfahren sei - nicht zuletzt im Hinblick auf die „von diesen komatösen Patienten belegte(n) Krankenhausbetten“ - begründet das Komitee den Bedarf nach einem neuen Todeskriterium mit der Tatsache, dass überholte Kriterien für die Definition des Todes zu „Kontroversen bei der Beschaffung von Organen zur Transplantation“ führen könnten. Im bundesdeutschen Transplantationsgesetz von 1997 haben sich die Beteiligten auf den „Hirntod“ als Kriterium zur Feststellung des Todes geeinigt. Hirntod bedeutet den „Zustand des irreversiblen Erloschenseins der Gesamtfunktion des Großhirns, des Kleinhirns und des Hirnstamms bei einer durch kontrollierte Beatmung noch aufrecht erhaltenen Herz-Kreislauf-Funktion.“[23] Damit ist der Hirntod „der Tod des Menschen.“[24] Die entsprechende Diagnose wird von mindestens zwei Ärzten durchgeführt, von denen wenigstens einer über eine mehrjährige Erfahrung in der Intensivbehandlung von Patienten mit schwerer Hirnschädigung verfügen muss. Keiner der beiden Ärzte darf an einer Organübertragung mitwirken. Die Erfüllung aller Voraussetzungen sowie die Ergebnisse der klinischen und technischen Untersuchungen werden in einem standardisierten HirntodProtokoll dokumentiert. Als Todeszeit gilt der Zeitpunkt, zu dem alle Kriterien erfüllt und durch beide Untersucher bestätigt wurden.

Mit der Hirntod-Konzeption verbinden sich bei denjenigen Menschen, die eine Organspende bei sich selbst ablehnen, die meisten Ängste und Unsicherheiten, die häufig unbegründet sind, aber dennoch aus der existenziellen Furcht heraus entstehen, wie im Falle völliger Hilflosigkeit mit der eigenen Person, dem eigenen Körper, umgegangen wird. Der Hirntod ist - ungeachtet der medizinischen Argumente, die für dessen „Gültigkeit“ sprechen - eine Provokation der menschlichen Wahrnehmung. Ein hirntoter Patient wirkt, angeschlossen an lebenserhaltende Apparate, lebendig, sein Herz schlägt, seine Haut ist warm. Die sinnliche Wahrnehmung sagt dem Beobachter, dass es sich um einen lebenden Menschen handelt; diese subjektive Einschätzung kann trotz intellektuellen Wissens um die Bedeutung des Hirnausfalls für die menschliche Existenz zu tiefer Verunsicherung bei den Beteiligten führen - bei den Angehörigen des Hirntoten genauso wie beim Pflegepersonal. An dieser Stelle soll nun exemplarisch für die Kritik am Hirntodkriterium die Position von Hans Jonas dargestellt werden. Der Philosoph, der im Zustand des hirntoten Menschen immer noch einen „Restzustand von Leben“[25] sieht, warnte nach der Veröffentlichung des Harvard-Gutachtens vor einer „pragmatischen Umdefinierung des Todes“. Das Transplantationsinteresse als Haupttriebfeder der Neudefinition des Todes habe auf die Vorverlegung des Todeszeitpunktes abgezielt, „damit man an die Organe und Gewebe unter den Idealbedingungen herankann, die früher den Tatbestand der 'Vivisektion' gebildet hätten.“[26] Selbst das irreversible Koma, d.h. das völlige Aussetzen der Gehirnfunktion, rechtfertigt im Sinne von Hans Jonas nicht den Eingriff in den menschlichen Körper, der sich zwar in einem Schwellenzustand zwischen Leben und Tod befinde, aber durchaus in einem Zustand, der eher dem Lebendigen zugehörig sei als dem Toten. Dabei ist seine Unterscheidung zwischen dem „Organismus als ganzem“ und dem „ganzen Organismus“ wichtig. Der Tod „des Organismus als ganzem“ könne eingetreten sein, obwohl „örtliche Subsysteme“ wie Zellen oder Gewebe noch eine Zeitlang örtlich weiterfunktionierten.[27] Atmung und Blutkreislauf zählen für Jonas jedoch nicht zu diesen lokalen Subsystemen, „denn die Wirkung ihrer Tätigkeit, obwohl von Subsystemen ausgeführt, erstreckt sich durch das ganze System und sichert sowohl die funktionelle wie die substanzielle Erhaltung seiner übrigen Teile.“[28] Daher greift das Hirntodkriterium seiner Meinung nach nicht, stattdessen fordert Jonas aufgrund der Ungewissheit der Grenzezwischen Leben und Tod die „maximale“ Definition des Todes, eine Art „Vorsichtsstrategie“, mit der der Vorverlegung des Todeszeitpunktes aus bestimmten Interessen vorgebeugt werden soll. An dieser Stelle sollen die moralischen Konsequenzen und Gefahren zusammenfassend dargelegt werden, die sich aus einer solchen Vorverlegung aus der Jonas’ Sicht ergeben können. Sein Hauptargument ist dabei die Gefahr des Missbrauchs:

„Wenn der komatöse Patient kraft Definition tot ist, dann ist er kein Patient mehr, sondern ein Leichnam, mit dem man anstellen darf, was immer Gesetz oder Brauch oder Testament oder Angehörige mit einem Leichnam zu tun erlauben oder wozu diese oder jene Interessen im besonderen drängen.“[29]

[...]


[1] Kalitzkus, Vera: Leben durch den Tod. Die zwei Seiten der Organtransplantation. Eine medizinethnologische Studie. Frankfurt/ New York 2003 (Campus Verlag).

[2] vgl. Irrgang, Bernhard: Einführung in die Bioethik. München 2005 (Wilhelm Fink Verlag). S.105.

[3] Quelle: Deutsche Stiftung Organtransplantation. Internetadresse: www.dso.de

[4] Zahlen vgl. „Wie ein zweites Leben. Informationen der BZgA zur Organspende und Transplantation in Deutschland. S.6.

[5] Quelle: Deutsche Stiftung Organtransplantation. www.dso.de

[6] Broelsch, Christoph E.: Lebendspende in der Realität am Beispiel der Nieren- und Lebertransplantation. In: Organlebendspende. Diskurs zu ethischen, rechtlichen, theologischen und praktischen Aspekte. Symposium der Nordrhein-Westfälischen Akademie der Wissenschaften 2005. Hg. von Christoph E. Broelsch. Paderborn 2006 (Verlag Ferdinand Schöningh).S.34f.

[7] vgl. Organlebendspende. Diskurs zu ethischen, rechtlichen, theologischen und praktischen Aspekten. Symposion der Nordrhein-Westfälischen Akademie der Wissenschaften 2005. S.13.

[8] Präses Schneider: Stellungnahme der christlichen Kirchen. In: Symposium der Nordrhein-Westfalischen Akademie der Wissenschaften 2005. Paderborn 2006 (Schöningh). S.51.

[9] ebd. S.51.

[10] Zitat aus der „Zeit“ vom 3.5.2007. S.19.

[11] § 3 TPG Organentnahme mit Einwilligung des Organspenders (Gesetzestext nach: www.dso.de) (1) Die Entnahme von Organen ist, soweit in § 4 nichts Abweichendes bestimmt ist, nur zulässig, wenn 1. der Organspender in die Entnahme eingewilligt hatte 2. der Tod des Organspenders nach Regeln, die dem Stand der medizinischen Wissenschaft entsprechen, festgestellt ist und 3. der Eingriff durch einen Arzt vorgenommen wird.

[12] http://www.ethikrat.org/stellungnahmen/pdf/Stellungnahme_Organmangel.pdf

[13] ebd.

[14] Hauser-Schäublin, Brigitta u.a.: Der geteilte Leib. Die kulturelle Dimension von Organtransplantation und Reproduktionsmedizin in Deutschland. Frankfurt am Main/ New York 2001 (Campus). S.233-234. Zitiert nach Kalitzkus, Vera: Leben durch den Tod. S.94.

[15] vgl. Knoepffler, Nikolaus: Menschenwürde in der Bioethik. Berlin; Heidelberg 2004 (Springer-Verlag). S.166.

[16] ebd. S.82.

[17] ebd.

[18] Psychrembel, Willibald: Medizinisches Wörterbuch. Sonderausgabe Psychrembel Klinisches Wörterbuch. 257., neu bearb. Aufl. Hamburg 1993 (Nikol Verlagsgesellschaft). S. 1541 -1542.

[19] Ach, Johann; Anderheiden, Michael; Quante, Michael: Ethik der Organtransplantation. Erlangen 2000 (Fischer). S.31.

[20] Birnbacher, D. (1994): „Einige Gründe, das Hirntodkriterium zu akzeptieren“. In: Ethik der Medizin 6. Nach: Ach u.a. S.34.

[21] Schellong, Sebastian: Künstliche Beatmung. Strukturgeschichte eines ethischen Dilemmas. Stuttgart/ New

York 1990 (Gustav Fischer). S.107. Zitiert nach: Kalitzkus, Vera: Leben durch den Tod. S.70.

[23] vgl. Richtlinien zur Feststellung des Hirntodes. 3. Fortschreibung 1997.

Internetadresse: www.bundesaerztekammer.de (Letzter Zugriff: 20.07.2007)

[24] Quelle: „Kriterien des Himtodes“ des Wissenschaftlichen Beirates der Bundesärztekammer vom 29.6.1991.

[25] Jonas, Hans: Gehirntod und menschliche Organbank: Zur pragmatischen Umdefinierung des Todes. In: Technik, Medizin und Ethik. Zur Praxis des Prinzips Verantwortung. Frankfurt am Main 1985. S.233. Zitiert nach: Ach u.a. S.36f.

[26] ebd. Nach: Ach u.a. S.33.

[27] ebd. Nach: Ach u.a. S.35.

[28] ebd. S.227.

[29] Ach u.a.: Ethik der Organtransplantation. S.40.

Ende der Leseprobe aus 24 Seiten

Details

Titel
Gesundheitliche und soziale Auswirkungen von Schichtarbeit auf das Pflegepersonal im Krankenhaus
Hochschule
Hochschule Ludwigshafen am Rhein
Note
1,3
Autor
Jahr
2006
Seiten
24
Katalognummer
V165293
ISBN (eBook)
9783640810239
ISBN (Buch)
9783640810109
Dateigröße
2165 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Pflege, Schichtarbeit, Gesundheit, Arbeitszeit, Nachtarbeit, Nachtschicht
Arbeit zitieren
Michael Oppenländer (Autor:in), 2006, Gesundheitliche und soziale Auswirkungen von Schichtarbeit auf das Pflegepersonal im Krankenhaus, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/165293

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