Entwicklung der Machtstrukturen im Novgorod und Venedig des 12. und 13. Jahrhunderts

Ein Vergleich


Hausarbeit, 2006
15 Seiten, Note: 2,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung: Zwei turbulente Jahrhunderte

2 Novgorod
2.1 Machtstruktur des Kiever Rus’
2.2 Die Entmachtung des Fürsten

3 Venedig
3.1 Machtstruktur der Republik Venedig
3.2 Machtbestrebungen des Adels

4 Vergleich

5 Literaturverzeichnis

1 Einleitung: Zwei turbulente Jahrhunderte

In der Zeit des 12. und 13. Jahrhundert gab es eine Vielzahl turbulenter Ereignisse, die schwerwiegende Folgen auch für die Zukunft der beiden Handelsstädte Novgo- rod und Venedig und deren Umfeld hatten. Die Hohenstaufen bestimmten entschei- dend die Politik des Heiligen Römischen Reiches deutscher Nation, der Deutsche Orden eroberte Preußen, die Kreuzfahrer fielen in Byzanz und die Levanteküste ein und schließlich wurde die Kiever Rus’ vom mongolischen Völkersturm hinwegge- fegt. Doch was passierte in Novgorod und Venedig? Ein Vergleich, der sich vor- wiegend mit der Stellung und den Machtgrundlagen des lokalen Adels der beiden Stadtrepubliken beschäftigt, soll diese Frage beantworten. Hierzu wird im ersten von drei Abschnitten der grundlegende Sachverhalt geklärt sowie der folgende Wandel in Novgorod. Der zweite Abschnitt betrachtet das venezianische Äquivalent und im letzten Teil endet der Vergleich mit einer Analyse.

Trotz noch nicht abgeschlossener Ausgrabungen in den Gebieten Groß-Novgorods ist die Quellenlage für beide Städte weit gestreut. Auffallend ist, dass immer wieder die gleichen Autoren sich mit „ihren“ Städten auseinandersetzen. Fachkenntnisse zu Venedig sind vor allem dem Ehepaar Rösch zuzuschreiben, für Novgorod und der Kiever Rus’ kann Hartmut Rüss angeführt werden. Für Venedig lassen sich durch viele Handelsbücher allerlei Rückschlüsse auf die Historie ziehen und mehrere The- sen aufstellen. Für das Novgorod dieser Zeit beschränken sich die Quellen auf die Novgoroder Chronik, aber die andauernden Ausgrabungen führen derzeit zu neuen Interpretationen und Theorien.

Im Vorfeld müssen zum besseren Verständnis einige Begriffe erläutert werden. Als „Bojaren“ (бояре) bezeichnet man russische Fürstengefolgschaften (дружина), somit auch politische Akteure und gegenüber dem Fürsten militärisch Verpflichtete und über Landgut verfügende Adlige, die in einer Stadt oder in Fürstennähe leben.1 Der Posadnik (посадник) ist eine Person im Amte eines Statthalters von Novgorod, der mit Befugnissen in der Rechtsprechung ausgestattet ist.

Das Oberhaupt Venedigs wurde traditionell „Doge“ genannt. Das Wort entstammt dem lateinischen „dux“ und bedeutet „Führer“. Der Doge war das Oberhaupt des Dogats, welches wiederum die Regierung Venedigs stellte.

2 Novgorod

2.1 Machtstruktur der Kiever Rus’

„Eine Definition des Herrschaftssystems, das sich im 12. und 13. Jh. in der Rus’ e- tabliert hat, ist den Historikern stets schwergefallen. Die verkürzende Beschreibung der Fürstentümer und Länder als «Halbstaaten» oder als völlig souveräne «Staatsgebilde», «eine Menge gleichzeitig existierender kleiner Staaten» [...] wird dem komplizierten verfassungsgeschichtlichen Sachverhalt ebensowenig gerecht wie die Kennzeichnung der gesamten Ordnung als beziehungsloses «Konglomerat verschiedener Fürstentü- mer», als politische oder auch nur genealogische «Föderation», als «frühfeudale Mo- narchie» oder «Feudalimperium» [...] oder decken doch nur einen Bruchteil der sehr komplexen Verfassungswirklichkeit ab.“2

Vereinfacht lässt sich dennoch eine Hierarchie feststellen, in welcher der Großfürst an oberster Stelle der Kiever Rus’ stand, der auch Novgorod angehörte. Die lokalen Fürsten waren dem Großfürsten mit Thronsitz in Kiev untertan und somit seine Machtgrundlage. Zur Festigung der Macht schlugen die Großfürsten, die ebenfalls den Großfürstenthron beanspruchten, mehrer Fehden mit und gegen ihre Fürsten. Beschlüsse zu einer einheitlichen Politik wurden in überregionalen, unregelmäßig tagenden Fürstentagen geschlossen, die den Reichstagen des Heiligen Römischen Reiches deutscher Nation nicht unähnlich waren.

„Wie überall im frühmittelalterlichen Europa, so waren auch in Altrußland die Ge- folgschaften (družiny) diejenige gesellschaftliche Kraft, welche die Herrschaft der Fürsten trug.“3 Hartmut Rüss führt später auf, dass zu diesen Gefolgschaften in ers- ter Linie vor allem die Bojaren zählten: „Die historische Wurzel des Bojarentums ist anscheinend überall die fürstliche Gefolgschaft [...] (in Novgorod bildet es das Stadtpatriziat [...]).“4 „Die politische Macht der [...] Adelsklasse beruhte auf dem Großgrundbesitz.“5

2.2 Die Entmachtung des Fürsten

Ab Mitte des 9. Jahrhunderts setzten die Kiever Großfürsten meist ihre Söhne als Fürsten in Novgorod ein. Schon in dieser frühen Zeit war eine vergleichsweise star- ke politische Unabhängigkeitsbemühung der Bojaren und Händler auf Grundlage der wirtschaftlichen Stärke zu verzeichnen.6 Mit der nicht uneigennützigen, treuen Unterstützung des Novgoroder Fürsten Jaroslav Vladimirovic (dem Weisen)7 im Kampf gegen dessen Brüder um den Großfürstenthron, erhielten die Bojaren Nov- gorods im Gegenzug besondere Privilegien. Jaroslav schrieb die Rechtssammlung „Russkaja Pravda“ (русская правда), „auf die sich die Novgoroder Chronisten mehrfach zur Wahrung der Novgoroder Rechte berufen“8. Die „zunehmende Be- völkerungszahl der Stadt, ihr wachsendes Hinterland und die wirtschaftliche Er- starkung ihrer Oberschicht begannen schon in der zweiten Hälfte des 11. Jh. die fürstliche Gewalt allmählich einzuengen“9. So vertrieben sie 1096 erstmals ihren Fürsten Davyd Svjatoslavic ohne großfürstliche Genehmigung. Im Rahmen einer Volksversammlung, dem Vece (вече), wurde 1126 zum ersten Mal der Posadnik direkt aus den Reihen der Bojaren gewählt. Zuvor oblag es einzig und allein dem Fürsten, dieses Amt mit einer kompetenten Person zu besetzen, von der er während seiner Abwesenheit vertreten wurde. 1136 nutzten die Bojaren einen Bauernauf- stand gegen den amtierenden Fürsten Vsevolod Mstislavic, um diesen zu vertreiben und einen eigenen Fürsten, Svjatoslav Ol’govic, zu berufen. Nach diesem Aufstand etablierte sich in Novgorod allmählich ein Wahlfürstentum. Auch die Wahl des Po- sadnik und des Tausendschaftsführers wurde von nun an immer vom Vece durchge- führt, welches auch den von Kiev bestimmten Fürsten bestätigen musste. Dem Fürs- ten wurde damit die Kontrolle über die oberste Gerichtsbarkeit und die Streitkräfte genommen, die sich nun in den Händen der Bojaren konzentrierte.10 Zudem wurde ihm der Erwerb von Landbesitz im gesamten Novgoroder Umland gesetzlich unter- sagt, um jegliche Form der fürstlichen Machtsicherung zu verhindern und die Lati fundien als Wirtschafts- und Machtgrundlage der Bojaren zu wahren.11

wurde auch der Bischof12 vom Vece gewählt und so auch die Geistlichkeit von der Volksversammlung kontrolliert, die zum Großteil aus Bojaren und einigen Geistlichen bestand.13 1196 verzeichnet die Novgoroder Chronik: Alle „Fürsten ließen Novgorod die Freiheit: Wo es ihnen gefällt, da können sie sich einen Fürsten nehmen“14. Mit diesem Privileg des Wahlfürstentums durch den Großfürsten Vsevolod III.15 herrschte in Novgorod eine Form der repräsentativen Monarchie vor, in der nun die Politik komplett durch die Bojaren gestaltet wurde.

Die Bojaren kämpften nun um das höchst mögliche Amt, dem des Posadniks, was zu einer inneren Schwäche Novgorods führte. Mit dem Auftreten des Deutschen Ordens und der Litauer als äußere Feinde, mussten die Bojaren einen herben Machtverlust hinnehmen. Um die Gebiete Novgorods schützen zu können, musste ein Bündnis mit dem Fürsten von Suzdal’ eingegangen werden, was den politischen Spielraum der Bojaren erheblich einschränkte. „1228 und 1230 brachen zwei mäch- tige Aufstände aus, die sich eindeutig gegen das städtische Patriziat richteten, die gesamte Novgoroder Exekutivgewalt wurde abgesetzt.“16 Der Aufstand von 1228 ist auf eine Selbstständigkeitsbewegung der Bojaren Pskovs zurückzuführen, der jedoch kläglich scheiterte. Im Zuge dieser Unruhen vertrieb man die aufständischen Bauern, bemerkte jedoch die Abhängigkeit von Ihnen und versprach eine vorläufige Abgabenfreiheit für deren Wiederkehr.17

1234 konnte das Novgoroder Heer die Ostbewegung des Deutschen Ordens vorläu- fig stoppen. Doch die Lage an den Grenzgebieten beruhigte sich nicht. Nach der bitteren Niederlage des russischen Heeres gegen die Mongolen-Tataren an der Kal- ka 1223, fällt der mongolische Völkersturm 1237 und 1238 erneut in der Kiever Rus’ ein. Das Bündnis mit Suzdal’ konnte aufgrund der unsicheren Grenzlagen nicht gelöst werden. Das Fürstentum Suzdal’ fiel den Mongolen zum Opfer und die Gebiete Groß-Novgorods wurden nur durch den einbrechenden Winter und eine ausgehandelte Tributpflicht von dem Mongolen-Tataren verschont.

[...]


1 Vgl. Rüss, Hartmut: „Herren und Diener. Die soziale und politische Mentalität des russischen Adels. 9. - 17. Jahrhundert“, Köln 1994, S. 38ff.

2 Rüss, Hartmut: „Das Reich von Kiev“, in: Hellmann, Manfred (Hrsg.): „Handbuch der Geschichte Russlands“, Bd. 1, Stuttgart 1981, S. 348.

3 Rüss: „Herren und Diener“, S. 38.

4 Ebd., S. 40.

5 Donnert, Erich: „Gesellschaft und Kultur Rußlands im frühen Mittelalter“, in: Donnert, Erich (Hrsg.): „Gesellschaft und Kultur Russlands im frühen Mittelalter“, Halle 1981, S.21.

6 Vgl. Dietze, Joachim (Hrsg.): „Die erste Novgoroder Chronik. nach ihrer ältesten Redaktion (Synodalhandschrift)“, München 1971, S. 12.

7 Lebenszeit: 978 - 1054; Fürst von Novgorod: 1014 - 1019; Großfürst der Kiever Rus’: 1019 - 1054.

8 Dietze: „Die erste Novgoroder Chronik“, S. 10.

9 Goehrke, Carsten: „Gross-Novgorod und Pskov/Pleskau“, in: Hellmann: „Handbuch der Geschichte Russlands“, S. 444.

10 Vgl. Dietze: „Die erste Novgoroder Chronik“, S. 13ff. und Goehrke: „Gross-Novgorod und Pskov/Pleskau“, S. 445.

11 Rüss: „Herren und Diener“, S. 105. und Janin, Valentin J.: „Fürst oder Bojaren: Wer hatte die Macht im Staat Novgorod? Die staatliche Organisation Novgorods“, in: Müller-Wille, Michael, Janin, Valentin J., Nosov, Evgenij N., Rybina, Elena A. (Hrsg.): „Novgorod. Das mittelalterliche Zentrum und sein Umland im Norden Rußlands“, Neumünster 2001, S. 127.

12 1165 wird der Bischof vom Metropoliten zum Erzbischof ernannt. Die Bischofswahl durch die lokale Volksversammlung ist einmalig in ganz Europa.

13 Vgl. Dietze: „Die erste Novgoroder Chronik“, S. 16.

14 Ebd., S. 756.

15 Thronsitz nicht mehr in Kiev, sondern in Vladimir.

16 Dietze: „Die erste Novgoroder Chronik“, S. 18.

17 Vgl. ebd., S. 23.

Ende der Leseprobe aus 15 Seiten

Details

Titel
Entwicklung der Machtstrukturen im Novgorod und Venedig des 12. und 13. Jahrhunderts
Untertitel
Ein Vergleich
Hochschule
Christian-Albrechts-Universität Kiel  (Historisches Seminar)
Veranstaltung
Proseminar "Reichsbildung, Reichszerfall und Reichsreintegration im polnischen und russischen Mittelalter"
Note
2,3
Autor
Jahr
2006
Seiten
15
Katalognummer
V165348
ISBN (eBook)
9783640808762
ISBN (Buch)
9783640808984
Dateigröße
430 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Kiever 'Rus, Russland, Novgorod, Nowgorod, Venedig, Posadnik, Doge, Kiever Reich
Arbeit zitieren
Sönke Sönnichsen (Autor), 2006, Entwicklung der Machtstrukturen im Novgorod und Venedig des 12. und 13. Jahrhunderts, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/165348

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