In der Zeit des 12. und 13. Jahrhundert gab es eine Vielzahl turbulenter Ereignisse, die schwerwiegende Folgen auch für die Zukunft der beiden Handelsstädte Novgorod und Venedig und deren Umfeld hatten. Die Hohenstaufen bestimmten entscheidend die Politik des Heiligen Römischen Reiches deutscher Nation, der Deutsche Orden eroberte Preußen, die Kreuzfahrer fielen in Byzanz und die Levanteküste ein und schließlich wurde die Kiever Rus’ vom mongolischen Völkersturm hinweggefegt. Doch was passierte in Novgorod und Venedig? Ein Vergleich, der sich vor-wiegend mit der Stellung und den Machtgrundlagen des lokalen Adels der beiden Stadtrepubliken beschäftigt, soll diese Frage beantworten. Hierzu wird im ersten von drei Abschnitten der grundlegende Sachverhalt geklärt sowie der folgende Wandel in Novgorod. Der zweite Abschnitt betrachtet das venezianische Äquivalent und im letzten Teil endet der Vergleich mit einer Analyse.
Trotz noch nicht abgeschlossener Ausgrabungen in den Gebieten Groß-Novgorods ist die Quellenlage für beide Städte weit gestreut. Auffallend ist, dass immer wieder die gleichen Autoren sich mit „ihren“ Städten auseinandersetzen. Fachkenntnisse zu Venedig sind vor allem dem Ehepaar Rösch zuzuschreiben, für Novgorod und der Kiever Rus’ kann Hartmut Rüss angeführt werden. Für Venedig lassen sich durch viele Handelsbücher allerlei Rückschlüsse auf die Historie ziehen und mehrere Thesen aufstellen. Für das Novgorod dieser Zeit beschränken sich die Quellen auf die Novgoroder Chronik, aber die andauernden Ausgrabungen führen derzeit zu neuen Interpretationen und Theorien.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung: Zwei turbulente Jahrhunderte
2 Novgorod
2.1 Machtstruktur des Kiever Rus’
2.2 Die Entmachtung des Fürsten
3 Venedig
3.1 Machtstruktur der Republik Venedig
3.2 Machtbestrebungen des Adels
4 Vergleich
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die Entwicklung der Machtstrukturen in den Handelsstädten Novgorod und Venedig während des 12. und 13. Jahrhunderts, wobei der Fokus insbesondere auf der Stellung und den Machtgrundlagen des jeweiligen lokalen Adels liegt. Die Forschungsfrage zielt darauf ab, wie sich durch den Wandel in den Herrschaftssystemen und die unterschiedlichen politischen Einflussmöglichkeiten die Stabilität und Handlungsfähigkeit dieser Stadtrepubliken im Vergleich veränderten.
- Vergleich der Machtgrundlagen von Adel und Fürsten in Novgorod und Venedig
- Die Rolle des Handels für die politische Machtausübung
- Entmachtungsprozesse gegenüber dem traditionellen Fürstentum bzw. dem Dogenamt
- Auswirkungen politischer Machtkonzentration auf die Verteidigungsfähigkeit und Außenpolitik
- Bedeutung von Tradition und städtischen Institutionen für die politische Stabilität
Auszug aus dem Buch
2.2 Die Entmachtung des Fürsten
Ab Mitte des 9. Jahrhunderts setzten die Kiever Großfürsten meist ihre Söhne als Fürsten in Novgorod ein. Schon in dieser frühen Zeit war eine vergleichsweise starke politische Unabhängigkeitsbemühung der Bojaren und Händler auf Grundlage der wirtschaftlichen Stärke zu verzeichnen. Mit der nicht uneigennützigen, treuen Unterstützung des Novgoroder Fürsten Jaroslav Vladimirovic (dem Weisen) im Kampf gegen dessen Brüder um den Großfürstenthron, erhielten die Bojaren Novgorods im Gegenzug besondere Privilegien. Jaroslav schrieb die Rechtssammlung „Russkaja Pravda“ (русская правда), „auf die sich die Novgoroder Chronisten mehrfach zur Wahrung der Novgoroder Rechte berufen“. Die „zunehmende Bevölkerungszahl der Stadt, ihr wachsendes Hinterland und die wirtschaftliche Erstarkung ihrer Oberschicht begannen schon in der zweiten Hälfte des 11. Jh. die fürstliche Gewalt allmählich einzuengen“. So vertrieben sie 1096 erstmals ihren Fürsten Davyd Svjatoslavic ohne großfürstliche Genehmigung. Im Rahmen einer Volksversammlung, dem Vece (вече), wurde 1126 zum ersten Mal der Posadnik direkt aus den Reihen der Bojaren gewählt. Zuvor oblag es einzig und allein dem Fürsten, dieses Amt mit einer kompetenten Person zu besetzen, von der er während seiner Abwesenheit vertreten wurde.
1136 nutzten die Bojaren einen Bauernaufstand gegen den amtierenden Fürsten Vsevolod Mstislavic, um diesen zu vertreiben und einen eigenen Fürsten, Svjatoslav Ol’govic, zu berufen. Nach diesem Aufstand etablierte sich in Novgorod allmählich ein Wahlfürstentum. Auch die Wahl des Posadnik und des Tausendschaftsführers wurde von nun an immer vom Vece durchgeführt, welches auch den von Kiev bestimmten Fürsten bestätigen musste. Dem Fürsten wurde damit die Kontrolle über die oberste Gerichtsbarkeit und die Streitkräfte genommen, die sich nun in den Händen der Bojaren konzentrierte. Zudem wurde ihm der Erwerb von Landbesitz im gesamten Novgoroder Umland gesetzlich untersagt, um jegliche Form der fürstlichen Machtsicherung zu verhindern und die Latifundien als Wirtschafts- und Machtgrundlage der Bojaren zu wahren.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Zwei turbulente Jahrhunderte: Die Einleitung umreißt den historischen Rahmen des 12. und 13. Jahrhunderts und definiert die Zielsetzung, die Machtgrundlagen des Adels in Novgorod und Venedig vergleichend zu untersuchen.
2 Novgorod: Dieses Kapitel beschreibt die hierarchischen Strukturen der Kiever Rus’ und analysiert den schleichenden Prozess der Entmachtung des Fürsten zugunsten des bojarischen Stadtpatriziats in Novgorod.
3 Venedig: Der Abschnitt befasst sich mit dem Dogenamt und der Entstehung aristokratischer Institutionen, die darauf abzielten, die monarchische Macht des Dogen zugunsten eines exklusiven Adelsrats einzuschränken.
4 Vergleich: Im abschließenden Vergleich werden die Unterschiede und Gemeinsamkeiten der Machtgrundlagen und der politischen Entwicklungen in beiden Städten herausgearbeitet, wobei insbesondere die Rolle von Handel, politischer Expertise und Herrschaftslegitimation betont wird.
Schlüsselwörter
Novgorod, Venedig, Bojaren, Doge, Handelsstädte, Stadtrepubliken, Machtstruktur, Vece, Großer Rat, Wahlfürstentum, Mittelalter, Politik, Adel, Kiever Rus’, Machtkonzentration
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit analysiert die politische Entwicklung und die Verschiebung von Machtstrukturen in den zwei mittelalterlichen Handelszentren Novgorod und Venedig während des 12. und 13. Jahrhunderts.
Welche zentralen Themenfelder stehen im Mittelpunkt der Untersuchung?
Zentrale Schwerpunkte sind die Machtstellung des lokalen Adels, die Entwicklung städtischer Institutionen, die Rolle des Handels für die politische Macht und die Transformation der jeweiligen Herrschaftssysteme.
Was ist das primäre Ziel oder die zentrale Forschungsfrage?
Das Ziel ist es, zu beantworten, wie sich die Stellung und Machtgrundlagen des Adels in diesen beiden Städten entwickelten und wie dieser Wandel die politische Stabilität der jeweiligen Gemeinwesen beeinflusste.
Welche wissenschaftliche Methodik wurde angewandt?
Es handelt sich um eine vergleichende historische Untersuchung, die auf einer Analyse von Fachliteratur, zeitgenössischen Handelsberichten und Chroniken basiert.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung von Novgorod – mit Fokus auf das Ende des Fürsteneinflusses – und Venedig – mit Fokus auf die Etablierung aristokratischer Gremien – gefolgt von einer analytischen Gegenüberstellung.
Welche Begriffe charakterisieren die Arbeit am besten?
Die Arbeit wird durch Begriffe wie Bojaren, Doge, Stadtrepublik, Wahlfürstentum, Machtgrundlage und städtisches Patriziat charakterisiert.
Wie unterschied sich die Machtgrundlage der Novgoroder Bojaren von der des venezianischen Adels?
Während die Macht der Bojaren in Novgorod primär auf umfangreichem Grundbesitz basierte, stützte sich der venezianische Adel stärker auf durch Handel erworbenes Kapital und langfristig gewachsene politische Expertise.
Warum war die Etablierung des „Kleinen Rats“ in Venedig so bedeutsam für die Macht des Dogen?
Der Kleine Rat fungierte als Kontrollinstanz, deren Zustimmung für Beschlüsse des Dogen zwingend erforderlich wurde, wodurch dessen ehemals monarchische Stellung nachhaltig eingeschränkt wurde.
Welche Rolle spielte das „Vece“ in Novgorod für die Kontrolle über den Fürsten?
Das Vece entwickelte sich zum zentralen Machtorgan, das über die Wahl des Posadniks und sogar über die Bestätigung oder Absetzung von Fürsten entschied, wodurch der Fürst de facto zu einem repräsentativen Amtsträger degradiert wurde.
Inwiefern beeinflusste die Mongoleninvasion die Stabilität von Novgorod?
Die Abhängigkeit von der Mongolen-Tatarsichen Macht sowie innere Machtkämpfe zwischen den Bojaren führten dazu, dass Novgorod außenpolitisch an Durchschlagskraft verlor und sich in eine politische Abhängigkeit begab.
- Arbeit zitieren
- Sönke Sönnichsen (Autor:in), 2006, Entwicklung der Machtstrukturen im Novgorod und Venedig des 12. und 13. Jahrhunderts, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/165348