Geschichten vom Krieg (und vom Frieden)

Mit der TID auf der Donau von Hainburg nach Belgrad


Seminararbeit, 2009

28 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Tour International Danubien (TID)

3. Von Hainburg nach Beograd
Hainburg/Donau
Bratislava/Pressburg
Komárno/Komárom
Esztergom
Visegrád
Budapest
Baja
Mohács
Batina
Erdut
Borovo
Vukovar
Sarengrad
Novi Sad
Petrovaradin
Stari Slankamen
Beograd/Belgrad

4. Epilog

5. Zusammenfassung

6. Literatur

7. Internet

1. Einleitung

„ Wir sind die Letzten aus unserem Dorf, Ibrahim ü berlegt kurz, wir sind die Letzten aus unserem Nichts. Unsere H ä user gibt es nicht mehr. Ich erz ä hle euch alles, damit ihr wisst, mit wem wir es zu tun haben,

aber erst will ich schlafen. Und dann, gute Leute, dann will ich mich rasieren, der Bart ist mir

voll Erinnerung an die schlimmste Nacht. Ibrahim streichelt Sch ö n ü ber das Haar.

Die Kleine hat alles verloren, sagt er, alles und jeden. “

Saša Stanišić: Wie der Soldat das Grammofon repariert; S 218

Saša Stanišić hat als Kind den Krieg in Bosnien, in der Stadt Višegrad an der Drina erlebt und nach der Flucht nach Deutschland literarisch ver- arbeitet. Mit einem Ausschnitt hat er 2005 den Publikumspreis bei den „Tagen der deutschsprachigen Literatur“ in Klagenfurt gewonnen. Das 2006 erschienene Buch wurde ein großer Erfolg. Zwar liegt Višegrad nicht an der Donau und hat auch sonst nicht viel mit dem ungarischen Visegrád gemein, doch beschreibt er im obigen Zitat eine Situation, die allgemein gültig für kriegerische Zustände ist. Er tut dies wie auch Ivo Andrić im Roman „Die Brücke über die Drina“, der im von den Deutschen besetzten Belgrad geschrieben wurde, oder auch Peter Handke, dessen „Winterliche Reise oder Gerechtigkeit für Serbien“ zu großen Diskussionen geführt hat: Krieg trifft immer die Schwächsten der Gesellschaft am stärksten. Nur die Namen sind austauschbar.

Wenn man sich auf eine über 700 Kilometer lange Reise auf der Donau mit einem Paddelboot begibt, hat man viel Zeit und Muße, sich um die Umgebung und um die eigene Befindlichkeit zu kümmern. Äußere Eindrücke verschmelzen mit den inneren Empfindungen und mit dem Wissen, das man sich im Laufe der Jahre angeeignet hat. Von Krieg sieht man sehr wenig, doch schwingt an vielen Orten die Aura vergangener kriegerischer Ereignisse mit. Besonders in Serbien, wo die Kämpfe nicht einmal zehn Jahre vorüber sind, wird man damit konfrontiert.

Nach Hause zurückgekehrt, beginnt man mit einer Aufarbeitung der Reise. Die Beschäftigung mit der Literatur bestätigt und erweitert die gemachten Erfahrungen.

Sehr trefflich hat es Karl-Markus Gauß in einem Aufsatz in Inge Moraths Fotoband „Donau“ auf den Punkt gebracht: „Die Donau hat die schlimm- sten Despoten gekannt, aber auch gesehen, wie sie sich mit ihren Lakaien überstürzt davonstehlen mußten; an der Donau ist viel Blut geflossen, verflossen für Besitz, Herrschaft, Ideologie, doch an der Donau ist auch immer wieder die Toleranz wirksam geworden, nicht als intellektuelle Uto- pie aufgeklärter Geister oder als politisches Programm wohlmeinender Staatsdenker, sondern als lebensnahes Prinzip des Alltags, als praktizierte Lebensweisheit der sogenannten gewöhnlichen Menschen.“ (Morath, S 5)

2. Die Tour International Danubien (TID)

Die „Tour International Danubien“, kurz TID genannt, ist die „Erfindung“ einer 123-köpfigen slowakischen Paddlergruppe, die am 12. August 1956 unter dem Titel „Fahrt zur Förderung des Friedens und der Freundschaft auf der Donau“ von Bratislava nach Budapest aufbrachen. In Ungarn gesellten sich noch etwa 30 einheimische Paddler hinzu. Damit war von Anfang an das Hauptziel dieses durchaus sportlichen Bewerbes definiert: als internationale (vorerst auf den „Ostblock“ beschränkte) Einrichtung, Sportler verschiedener Nationen zusammenzubringen.

Erstaunlich ist es, dass es den Veranstaltern auch nach dem Ungarn- aufstand gelungen ist, diese Fahrt ein Jahr später zu wiederholen, diesmal schon mit offizieller Billigung der Sportbehörden der Tschechoslowakei und Ungarns. Aber auch die Funktionäre Jugoslawiens konnten einge- bunden werden und so fuhr man unter dem Titel „Internationale Freund- schaftsfahrt“ die nächsten zwei Jahre die knapp 700 km von Bratislava bis Belgrad.

Die vierte TID 1959 hatte bereits ihren Startpunkt in Wien. Damit sprengte sie endgültig die Grenzen des Ostblocks und band das neutrale Österreich ein. In den nächsten Jahren erfolgte die stetige Erweiterung der Strecke. 1965 kam die damalige BRD dazu, und seit 1969 werden die gesamten 2082 km von Ingolstadt nach Silistra gefahren.

Seit 1960 war es auch Sportlern aus der DDR gestattet, an der TID teilzunehmen. Allerdings war es ihnen nur erlaubt, die sozialistischen Bruderländer Tschechoslowakei, Ungarn und Bulgarien zu befahren.

Seit 2005 wird vom Deutschen Kanuverband im Anschluss an die TID eine Fahrt durch das Donaudelta bis ins Schwarze Meer veranstaltet, die ab 2009 offiziell ins TID-Programm aufgenommen wird. Somit sind an der internationalen TID-Organisation, deren Vorsitz alljährlich unter den Teilnehmerländern wechselt, folgende Staaten beteiligt: Deutschland (früher BRD), Österreich, Slowakei (früher Tschechoslowakei), Ungarn, Serbien (früher Jugoslawien), Bulgarien und Rumänien. Nur Kroatien ist als einziger Anrainerstaat nicht eingebunden.

Die Tour ist eine so genannte Gepäckfahrt, das heißt, die Teilnehmer müssen alles, was sie auf ihrer Reise brauchen, selbst im Boot mitneh- men. Übernachtet wird im eigenen Zelt auf meist sehr einfachen Plätzen. Der Zeitplan ist sehr streng, das heißt, die Etappen sind bei jeder Witte rung zu fahren. Alle fünf bis sieben Tagen und in jeder Hauptstadt ist ein Ruhetag eingeplant.

Start ist jeweils am letzten Sonntag im Juni, und nach etwa 65 Tagen erreicht man Silistra, nach weiteren zwei Wochen dann das Schwarze Meer. Die gesamte Strecke wird nur von einigen Dutzend, meist älteren Personen bewältigt, die auch die nötige Zeit dafür aufwenden können. Man kann aber an jedem Ort einsteigen, und die Tour auch überall been- den.

Heutzutage ist die TID wirklich international, Teilnehmer aus der ganzen Welt nehmen die Herausforderung, zwischen 35 und 60 km pro Tag per Paddel- oder Ruderboot zu absolvieren, an. Die meisten kommen aus Deutschland. Im Durchschnitt waren 2008 etwa 150 Sportler gleichzeitig unterwegs, was natürlich bedeutend weniger ist als in den 1970er Jahren, wo über 500 Teilnehmer die Veranstalter manchmal in große organisatorische Schwierigkeiten brachten.

3. Von Hainburg nach Beograd

Die Donau ist mit einer Länge von 2888 km nach der Wolga der zweitlängste Fluss Europas. Sie fließt durch zehn Staaten, und auf 1071 km (37%) ist sie Grenze zwischen zwei Staaten. Sie ist die wichtigste Verkehrsader von Mittel- nach Südosteuropa. Gleichzeitig ist sie durch ihre Mächtigkeit eine wichtige geographische Grenze, die in vielen Bereichen sehr schwer überwindbar ist.

Auf der von mir befahrenen 725 km von Hainburg/Donau nach Belgrad befinden sich insgesamt 29 Straßen- und Eisenbahnbrücken, wovon sich jedoch allein drei in Bratislava, elf in Budapest und drei in Novi Sad befinden. Auf den restlichen 680 km überspannen nur zwölf Brücken den Strom, was die strategische Bedeutung des Flusses und der Flussübergänge noch unterstreicht. Es ist daher nicht überraschend, dass man auf dieser Reise immer wieder mit den Zeugnissen von kriegerischen Ereignissen konfrontiert ist. Die Ereignisse der letzten Jahrhunderte in Betracht ziehend ist es sogar die größere Überraschung, dass man zurzeit diese Reise ohne Schwierigkeiten absolvieren kann.

In diesem Sinne schreibt Karl-Markus Gauß: „Ungezählte Nationalitäten haben an diesem mächtigen Strom gesiedelt, der alles gesehen und erlit- ten hat, was die mittel- und südosteuropäischen Völker zuwegegebracht oder sich und einander angetan haben. Wovor uns heute schaudert, vor der Grimasse des Chauvinismus, dem Haß der aufeinander angewiesenen, doch periodisch aufeinander gehetzten Völker, dem Fanatismus der Enge, vor der Zerstörung der Natur, dem einebnenden Tritt des Fortschritts - dies alles finden wir an der Donau, verheerender denn irgendwo.“ (Mo- rath, S 5)

Hainburg/Donau

Hainburg ist der Ausgangspunkt meiner Reise. In den Jahren des Kalten Krieges war die kleine Stadt mit den gut erhaltenen mittelalterlichen Mauern Grenzstation zum Ostblock. Die Überschreitung dieser Grenze war mit umfangreichen bürokratischen Hindernissen verbunden, obwohl die Donau seit jeher internationale Wasserstraße war.

In der Nähe von Hainburg unterhält das Heeresnachrichtenamt (HNA) auch heute noch die Radarstation Königswarte, die - nur drei Kilometer von der Grenze entfernt und ausgerüstet mit High-Tech der NATO - weit ins sozialistische Feindesland horchte und noch immer horcht.

Hainburg ist aber auch mit dem „Kampf um die Au“ verbunden. Im Jahre 1984 wollte die DOKW nördlich der Stadt in den Donauauen ein Kraftwerk errichten. Anfang Dezember wurde mit den Rodungsarbeiten begonnen, die durch die Besetzung von Studenten und Aktivisten der sich formierenden Grünbewegung entscheidend behindert wurden. Nach einem umstrittenen Polizeieinsatz am 19. Dezember wendete sich die öf- fentliche Meinung. Die Bundesregierung verhängte einen Rodungsstopp und schließlich am 22. Dezember einen „Weihnachtsfrieden“. Ein Volks- begehren im Jahre 1985 und eine Verwaltungsgerichtshofentscheidung ein Jahr später beendeten die Kraftwerkspläne. Seit 1996 gehört die Hain- burger Au zum Nationalpark Donau-Auen.

Bratislava/Pressburg

Am Zusammenfluss von March und Donau, nur drei Kilometer von Hain- burg, beginnt mit der eindrucksvollen Burgruine von Devin die Stadt Bra- tislava. Diese umfangreiche Festungsanlage, die im 7. oder 8. Jahrhundert entstanden ist, wurde in den Napoleonischen Kriegen 1809 gesprengt. Im 19. Jahrhundert beherbergte der Felsen mit der Árpádsäule ein ungari- sches Nationalheiligtum, das jedoch 1918 tschechische Soldaten zerstör- ten.

Für die Geschichte bedeutend ist Bratislava durch die Schlachten bei Pressburg im Jahre 907, wo die Bajuwaren von den Magyaren besiegt wurden und die Karolingi- sche Ostmark zusammenbrach. Auch in den weiteren Jahrhunder- ten gelangte die Region in mehre- ren Kriegen unter verschiedene Herrschaften.

Nach der Schlacht von Mohács 1526 erbten die Habsburger Ungarn, das jedoch zu einem großen Teil weiterhin von den Osmanen beherrscht wurde. Deshalb verlagerte man die Hauptstadt in den äußersten Westen nach Pressburg, wo elf Könige und acht Königinnen zu Herrschern über Ungarn gekrönt wurden. 1783 wurde die Hauptstadt wieder nach Ofen verlegt, und die Stadt wurde im 19. Jahrhundert zum Zentrum der slowa- kischen Nationalbewegung.

Nach dem Ende des Ersten Weltkrieges wurde Bratislava von den Alliierten der neu gegründeten Tschechoslowakei zugeschlagen. Viele Ungarn verließen die Stadt.

Infolge des Münchner Abkommens 1938 wurde Pressburg Hauptstadt der autonomen, doch vom Deutschen Reich abhängigen Slowakei. In die- ser Zeit wurden die slowakische Juden in mehrere Lager zusam- mengetrieben und den Nationalsozialisten ausgeliefert. Gegen Ende des Krieges kam es zu umfangreichen Bombardements der Alliierten und schließlich am 4. April 1945 zur Eroberung durch die Rote Armee. In der wieder entstandenen Tschechoslowakei wurde danach die deutsch- sprachige Bevölkerung vertrieben und durch die Beneš-Dekrete enteignet.

Nach der Trennung von der Tschechoslowakei wurde Bratislava Hauptstadt der unabhängigen Slowakei (Slovensko).

Komárno/Komárom

Die Stadt mit 37.000 Einwoh- nern liegt an der Mündung des Flusses Váh in die Donau. Sie ist das Zentrum der ungarischen Minderheit in der Slowakei, die über 60 % Bevölkerungsanteil aufweist. Seit 2004 befindet sich hier auch eine ungarischsprachige Universität. Mit einer Straßen- und einer Eisenbahnbrücke ist sie auch ein wichtiger Verkehrskno- Fort Monostor von der Donau aus gesehen ten. Die ungarische Schwester-stadt Komárom mit 19.000 Einwohnern liegt am rechten Donauufer und ist vor allem als wichtiger Umschlaghafen für die Donauschifffahrt be- kannt.

Komárno war eine der wichtigsten Festungen Ungarns gegen die Os- manen. Das wahre Ausmaß der Bauwerke sieht man nur aus der Luft. Sie umschließen die gesamte Stadt, die sich im Dreieck zwischen Váh, Donau und einem künstlichen Kanal befindet. Von diesem Zentrum ausgehend gibt es noch Verteidigungslinien im Norden und am südlichen Ufer der Donau.

Mit dem Bau der Festungen wurde 1544 nach der erfolgreichen Abwehr der Osmanen im Ersten Türkenkrieg begonnen. Schon bald waren sie die größten militärischen Bauwerke des Habsburgerreiches.

[...]

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Details

Titel
Geschichten vom Krieg (und vom Frieden)
Untertitel
Mit der TID auf der Donau von Hainburg nach Belgrad
Hochschule
Donau-Universität Krems - Universität für Weiterbildung  (Politische Kommunikation)
Note
1,0
Autor
Jahr
2009
Seiten
28
Katalognummer
V165365
ISBN (eBook)
9783640811533
ISBN (Buch)
9783640811793
Dateigröße
943 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
mit 17 Fotos
Schlagworte
Donau, Geschichte, Donauraum, Kriege, Budapest, Novi Sad, Belgrad, Beograd, Türkenkriege, Kroatien, Ungarn, Serbien, Weltkrieg, Österreich
Arbeit zitieren
Mag. Dietmar Innerwinkler (Autor), 2009, Geschichten vom Krieg (und vom Frieden), München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/165365

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