Die politische Vereinnahmung des Nibelungenliedes in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts


Hausarbeit (Hauptseminar), 2010

15 Seiten


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Einleitung

II. Das Nibelungenlied im Kaiserreich
II.1 Nibelungentreue vor und während des I. Weltkrieges
II.2 „Nibelungentreue“ von Wilhelm Scherer (1916)

III. Dolchstoßlegende

IV. Das Nibelungenlied im Nationalsozialismus
IV.1 Die Rolle Hagens im Nationalsozialismus
IV.2 Vereinnahmung „nibelungischer“ Tugenden im Nationalsozialismus

V. Schluss

VI. Literaturverzeichnis

I. Einleitung

Das um 1200 von einem unbekannten Dichter zu Pergament gebrachte[1] Nibelungenlied gilt seit seiner Wiederauffindung im Jahre 1755 als das am meisten rezipierte Werk im deutschsprachigen Raum und erfreute sich gerade 50 Jahre nach seiner Wiederentdeckung bis zum Ende des II. Weltkrieges großer Beliebtheit und Bekanntheit. Es wurde vielfach ideologisch vereinnahmt und dabei in für die jeweiligen politischen Interessen erforderliche Weise umgedeutet. Ziel dieser Hausarbeit ist es die Rezeption des Nibelungenliedes in der wechselvollen Zeit der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts zu mit Blick auf die ideologische Vereinnahmung zu beleuchten. Es soll gezeigt werden wie die einzelnen Szenen und Charaktere des Nibelungenliedes umgedeutet und für politische Interessen verwendet wurden. Dabei werden zwei für die Zeit wichtige Rezeptionen des Nibelungenstoffes ausgeklammert: Richard Wagners „Ring der Nibelungen“, sowie Fritz Langs Stummfilm „Die Nibelungen“. Die beiden Werke sind zwar maßgeblich für die Verbreitung des Stoffes der Nibelungensage in ihrer jeweiligen künstlerischen Gestaltung verantwortlich[2], doch sind sie meines Erachtens nicht mit dem Ziel der Instrumentalisierung des Nibelungenstoffes oder einzelner Charaktere des Nibelungenliedes entstanden und wurden nicht in der Weise ideologisch vereinnahmt oder zu Propagandazwecken herangezogen, dass eine längere Beschäftigung mit den Werken im Rahmen dieser Hausarbeit gerechtfertigt wäre.[3] Ich werde mich mit der im I. Weltkrieg beschworenen „Nibelungentreue“, der „Dolchstoßlegende“ und der Indienstnahme des Nibelungenstoffes durch die Nationalsozialisten befassen.

II. Das Nibelungenlied im Kaiserreich

II.1 Nibelungentreue vor und während des I. Weltkrieges

Schon vor den Ereignissen um das Attentat auf den hohenzollerschen Thronfolger Franz Ferdinand II. in Sarajevo im Jahre 1914 zog Reichskanzler Fürst von Bülow ein Bild aus dem Nibelungenlied heran, um das Verhältnis des Deutschen Kaiserreiches zu Österreich in der immer mehr angespannten politischen Lage auf dem europäischen Kontinent zu beschreiben. Am 29. März 1909 äußerte er sich in einer Reichstagsrede wie folgt:

„Meine Herren, ich habe irgendwo ein höhnisches Wort gelesen, über unsere Vasallenschaft gegenüber Österreich-Ungarn. Das Wort ist einfältig! Es gibt hier keinen Streit um den Vortritt wie zwischen beiden Königinnen im Nibelungenliede; aber die Nibelungentreue wollen wir aus unserem Verhältnis zu Österreich-Ungarn nicht ausschalten, die wollen wir gegenseitig wahren. Meine Herren, damit aber ängstlichen Gemütern nicht Bilder blutigen Kampfes emporsteigen, beeile ich mich, hinzuzufügen, daß ich gerade in unserem festen Zusammenstehen mit Österreich-Ungarn eine eminente Friedenssicherung erblicke.“[4]

Eine gewisse Treue zu Österreich-Ungarn war zu dieser Zeit bereits notwendig geworden, hatte das Deutsche Reich nach den auslaufenden Verträgen mit Russland aus dem Bismarck’schen Bündnissystem nur noch Österreich als Verbündeten und sah sich einer Allianz bestehend aus England, Russland und Frankreich, das Revanchegelüste nach der Niederlage von 1871 hegte, entgegen. Fürst von Bülow beschreibt das Verhältnis zu Österreich-Ungarn noch als friedfertig und gar als ein Frieden sicherndes, fünf Jahre später, es herrscht bereits Krieg, nimmt sich der Berliner Straf- und Völkerrechtler Franz von Liszt des Bildes in seiner Vortragsreihe „Deutsche Reden in schwerer Zeit“ erneut an und auch auf Fürst von Bülow direkt Bezug:

„Ich weiß nicht […], ob der Reichskanzler Fürst Bülow, als er von der Nibelungentreue sprach, vielleicht gerade dieses Bild, […] im Auge gehabt hat. Jedenfalls können wir es gebrauchen als Symbol des Verhältnisses von Deutschland zu Österreich-Ungarn. Der waffengewaltige, stolze, grimme Hagen auf der einen Seite, das Sinnbild Preußen-Deutschlands; und der heitere Spielmann auf der anderen Seite, der im Kampf und Lied gewandte Volker, das Sinnbild des sangesfrohen und kampfeslustigen Österreich-Ungarn.“[5]

Und weiter gibt er nochmals explizit eine Definition der zu haltenden Nibelungentreue:

„diese Treue zu halten, dem Freunde Freund zu sein bis zum äußersten, dem Feinde Feind sein bis zum äußersten: das ist deutsche Art, das ist Nibelungentreue.“[6]

Zum einen wird hier erstmals deutlich, wie sehr sich in der ideologischen Vereinnahmung des Nibelungenliedes auf einzelne Szenen, bzw. Bilder, wie es von Liszt selbst sagt, bezogen wird und nicht auf den Inhaltsstoff des gesamten Liedes. Dies macht von Bülow auch bereits deutlich, als er ganz bewusst die „Bilder des blutigen Kampfes“ ausblendet, in seiner Beschreibung der Nibelungentreue. Das dies nicht immer der Fall sein wird, wird später bei Görings Rede zu Etzels Halle und Stalingrad zu zeigen sein. Neben der Bildmächtigkeit einzelner Szenen des Nibelungenliedes wurden auch einzelne Charaktere isoliert von der gesamten Handlung herangezogen. In diesem Fall Hagen, der mit Blick auf das gesamte Nibelungenlied nicht recht als Sinnbild für Preußen-Deutschland gelten kann, wie von Liszt selbst einräumt, „denn Hagen von Tronje und Volker von Alzey, die hatten Blutschuld auf sich geladen durch die Ermordung Siegfrieds, und darum waren sie dem Untergang trotz aller Tapferkeit geweiht “. Dieses Ende sollte Deutschland und Österreich natürlich nicht beschieden sein, „denn nicht der Untergang, sondern der Sieg“ war das erklärte Ziel.[7] Liszt relativierte also schon selbst in der gleichen Rede seine Argumentation Hagen als Sinnbild Preußen-Deutschlands, was ihn an dieser Stelle ehrt, wir werden sehen, dass sich später an schiefer Argumentation keinerlei Anstoß mehr genommen wird, ist allerdings auch der Tatsache geschuldet, dass das gängige nationale Nibelungenklischee einen anderen Helden als Repräsentant für das Deutsche Reich vorsah – Siegfried.[8] Mit der Siegfriedvorstellung einher ging die Schwertsymbolik und das Siegfried-Schwert wurde zum Inbegriff „reinen Deutschtums“[9] . Die alte Kampfkraft der Helden sah man im Siegfriedschwert symbolisiert, der einzelne Landser wurde zum Ritter, der Stellungsbefehl zum „Griff nach dem Schwert“ stilisiert.[10] Eben jener Griff nach der Waffe wurde ideologisch als den Deutschen aufgezwungene Kriegserklärung dargestellt. Wobei dem Schwert zusätzlich eine mythische Kraft zugesprochen wurde, die die Soldaten anspornen sollte sich der Helden würdig zu erweisen. Denn die Nibelungenhelden symbolisierten nicht eine abgehobene heroische Figur, sondern sollten ganz konkret dem einzelnen Soldaten als Vorbild dienen:

[...]


[1] Der Dichter hat die Geschichte nicht erfunden, sondern den seit Jahrhunderten bekannten und bislang mündlich tradierten Erzählstoff in poetischer Form gestaltet. vgl. Heinzle, Joachim: Das Nibelungenlied. Eine Einführung. Überarb. Neuausg. Frankfurt 1994. S.20f. (im Folgenden: Heinzle: Einführung.)

[2] Mit „Richard Wagners Der Ring des Nibelungen und Friedrich Hebbels Die Nibelungen wurde die Nibelungensage zum allgemeinen Bildungsgut in der deutschsprachigen Welt“ vgl. Haymes, Edward R.: Das Nibelungenlied. Geschichte und Interpretation.München 1999. S.173 (im Folgenden: Haymes: Nibelungenlied)

[3] Zumal sich Wagners Ring des Nibelungen nicht auf das Nibelungenlied, sondern die nordischen Nibelungendichtungen bezieht. vgl. Heinzle: Einführung. S.11f

Zur gebräuchlichen Synonymisierung Wagners mit Nationalsozialismus außerdem: „In seiner Substanz hat der Rind des Nibelungen mit der nationalistischen Nibelungen-Ideologie so wenig zu tun wie das Nibelungenlied “ Heinzle, Joachim/ Waldschmidt, Anneliese (Hgg.): Die Nibelungen. Ein deutscher Wahn, ein deutscher Albtraum.Frankfurt 1991. S. 15f (im Folgenden: Heinzle: Nibelungen)

[4] zit. nach. Heinzle: Nibelungen. S.33

[5] zit. nach ebd. S. 34

[6] zit. nach Härd, A John E.: Das Nibelungenepos. Wertung und Wirkung von der Romantik bis in die Gegenwart. Nibelungeneposets moderna historia. Tübingen 1996. S.166 (im Folgenden: Härd: Nibelungenepos)

[7] Zit. Nach Heinzle: Nibelungen. S. 35.

[8] Ebd. S.35. Gerade in der Zeit nach der Reichsgründung wurde Siegfried mit dem Reich gleichgesetzt und so galt nach Georg Herwegh Kanzler Bismarck als, „Bismarck-Siegfried“ mit dem „Schatz der Nibelungen“, der die Reichseinheit versinnbildlichen sollte, oder Julius Rodenberg sah Kaiser Wilhelm I. als „Sieg-Fried‘ des deutschen Volkes“ siegreich nach dem Feldzug gegen Frankreich zurückkehren. Vgl. Heinzle: Nibelungen. S. 35

[9] von Saalfeld, Lerke: Die ideologische Funktion des Nibelungenliedes in der preußisch-deutschen Geschichte bis zum Nationalsozialismus. Berlin 1977. S. 320 (im Folgenden: von Saalfeld: Ideologische Funktion)

[10] Ebd. S.318

Ende der Leseprobe aus 15 Seiten

Details

Titel
Die politische Vereinnahmung des Nibelungenliedes in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts
Hochschule
Westfälische Wilhelms-Universität Münster
Veranstaltung
Seminar im Auswahlmodul: Das Nibelungenlied
Autor
Jahr
2010
Seiten
15
Katalognummer
V165372
ISBN (eBook)
9783640808854
ISBN (Buch)
9783640809196
Dateigröße
534 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Nibelungenlied, Nationalsozialismus, Kaiserreich, Dolchstoßlegende, Siegfried, Nibelungentreue, Hagen, Rezeptionsgeschichte des Nibelungenliedes
Arbeit zitieren
Julian Mester (Autor), 2010, Die politische Vereinnahmung des Nibelungenliedes in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/165372

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