Öffentliche Meinung im Internet

Weblogs und ihre Öffenlichkeit


Bachelorarbeit, 2010

43 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Zum Begriff der öffentlichen Meinung
2.1 Die Bedeutung von öffentlicher Meinung
2.2 Das normative „Diskursmodell“ öffentlicher Kommunikation
2.3 Das „Arenenmodell“ von Öffentlichkeit

3 Weblogs und ihre Öffentlichkeit
3.1 Internet und die Bedeutung der neuen Angebote des Web 2.0
3.2 Weblogs
3.3 Weblogbasierte Öffentlichkeiten
3.4 Weblogs in Staaten mit eingeschränkter Meinungsfreiheit
3.4.1 Weblogs im Iran
3.4.2 Weblogs in China

4 Stand der Weblogforschung
4.1 Nutzungspraktiken von Weblogs
4.1.1 Nutzungseigenschaften von Weblogs
4.1.2 Motive für das Führen und Lesen von Weblogs
4.2 Bedeutung von Weblogs für die Meinungsbildung
4.3 Kontrollfunktion von Weblogs: Weblogs als Watchblogs

5 Zusammenfassung und Ausblick

Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Das Internet - das Medium des 21. Jahrhunderts - bringt viele Diskussionen, Hoffnungen sowie Befürchtungen mit sich. Viele schreiben dem Internet demokrati- sche Potenziale vor, andere beobachten die Entwicklungen skeptisch. Das Internet bietet neben den neuen Nutzungsangeboten auch neue Formen der Massenkommuni- kation, die sich täglich erweitern und weiterentwickeln. Durch das Internet verändert sich ebenso die Öffentlichkeit, die hier von jedem betreten und mitgestaltet werden kann. Die einseitige Massenkommunikation der traditionellen Medien, von der die Öffentlichkeit bis jetzt gestaltet wurde, erlebt eine große Veränderung, indem sie durch einen aktiven Internetnutzer ergänzt wird. Die traditionellen Massenmedien beurteilen die Potenziale, die dem Internet zugesprochen werden, eher mit Skepsis. Trotzdem finden die Entwicklungen viel Aufmerksamkeit und werden nicht nur von den Nutzern, sondern auch von den Wissenschaften ernst genommen und themati- siert.

Das Ziel der Arbeit ist eine wissenschaftliche Auseinandersetzung mit den neuen Angeboten im Internet, indem anhand theoretischer Grundlagen sowie empirischer Studien ihre Leistungen sowie ihre Potenziale, sich auf die Öffentlichkeit auszuwir- ken, überprüft werden. Die Arbeit konzentriert sich auf das Angebot von Weblogs, gibt einen Überblick über diese vielversprechende Kommunikationsform und be- leuchtet ihre Möglichkeiten und Grenzen. Man verbindet mit Weblogs die Hoffnung, einen Raum für einen herrschaftsfreien Diskurs, der für jeden offen ist, zu schaffen. Die Vorstellung, dass sich jeder an der Öffentlichkeit beteiligen und sie mitgestalten kann, kann durch Weblogs verkörpert werden, muss aber im Hinblick auf empirische Ergebnisse detaillierter beobachtet werden. Die Arbeit versucht die Frage zu beant- worten, welche Verschiebungen sich für die gesellschaftliche Öffentlichkeit durch neue internetbasierte Kommunikationsformen und im Speziellen durch Weblogs er- geben.

Die öffentliche Meinung ist ein Konstrukt, das von vielen zu definieren sowie be- schreiben versucht worden ist. Das zweite Kapitel der Arbeit geht auf Definitionen ein, die für die Kommunikationswissenschaft relevant und im Hinblick auf das The- ma der Arbeit wichtig sind. Dabei wird die Struktur der Öffentlichkeit sichtbar, in- dem man Sprecher, das Publikum sowie die Kanäle für die Kommunikation, nämlich die Massenmedien, definiert und skizziert. Es werden zwei theoretische Modelle herangezogen, um die Eigenschaften sowie Funktionen der öffentlichen Meinung besser zu erkennen. Das normative „Diskursmodell“, das sich auf die Forderungen von Habermas stützt und Eigenschaften sowie Ansprüche an die Öffentlichkeit ent- wickelt, ist in dem Sinne wichtig, weil es eine theoretische Grundlage und eine Ide- alvorstellung für das „Arenenmodell“ von Gerhards und Neidhardt bildet. Das „Arenenmodell“, das das Öffentlichkeitssystem nach ihren Leistungen in drei Ebe- nen gliedert, stellt somit die theoretische Grundlage, die durch die ganze Arbeit ver- folgt wird.

Das dritte Kapitel geht auf die am Anfang angesprochenen Entwicklungen, die durch das Internet ausgelöst wurden, ein. Näher behandelt werden die neuen Ange- bote des Internets, das sogenannte Web 2.0 und die grundlegenden Veränderungen, die den Nutzer zu einem aktiven Autoren im Internet gemacht haben. An dieser Stel- le wird das Angebot von Weblogs beleuchtet und ihre spezifischen Eigenschaften sowie ihre Öffentlichkeit analysiert. Die Fähigkeit von Weblogs alle „Arenen“ des Öffentlichkeitssystems zu verknüpfen und sichtbar zu machen wird dementsprechend diskutiert. Anschließend werden Studien vorgestellt, die die besondere Bedeutung von Weblogs in Staaten mit eingeschränkter Rede- und Meinungsfreiheit untersu- chen.

Im vierten Kapitel werden die wichtigsten empirische Ergebnisse zusammenge- fasst, die die Bedeutung, Nutzung und Relevanz von Weblogs beurteilen sowie den Einfluss auf die Meinungsbildung bestimmen. Das Kapitel widmet sich der neuen Kommunikationsform von Weblogs und versucht die Nutzungspraktiken, die Thema- tisierungs- sowie die Kontrollfunktion von sogenannten Watchblogs zu beleuchten und diskutieren. Es werden überwiegend Studien herangezogen, die die deutsche Blogosphäre untersuchen. Die Thematisierungsfunktion von Weblogs wurde aller- dings in Deutschland noch nicht richtig untersucht, deswegen werden ersten Studien aus englischsprachigen Ländern präsentiert.

Im Fazit werden alle Argumente noch einmal zusammengefasst und ein Ausblick gegeben. Es wird versucht, wissenschaftlich an das Thema heranzugehen, ohne die Entwicklungen durch die internetbasierte Kommunikation zu überschätzen oder zu unterschätzen. Anhand der empirischen Ergebnisse sind Aussagen über die Entwick- lungen und Potenziale von Weblogs möglich, müssen aber mit Vorsicht betrachtet werden, da eine allgemeingültige Beurteilung von Weblogs noch nicht möglich ist.

2 Zum Begriff der öffentlichen Meinung

Die öffentliche Meinung ist ein Phänomen, dem sich viele Wissenschaftler ver- schiedener Disziplinen gewidmet haben, um es richtig zu definieren und die Struktur der öffentlichen Meinung zu erkennen. Im folgenden Unterkapitel wird eine Defini- tion, allgemeine Funktionen und Struktur des Konstrukts der öffentlichen Meinung skizziert und dabei die Bedeutung der öffentlichen Meinung für demokratische Ge- sellschaften dargelegt. Anschließend werden zwei Theorien zur öffentlichen Mei- nung herangezogen, um die Strukturmerkmale der Öffentlichkeit zu charakterisieren. Das normative Modell von Bernhard Peters geht auf die Ursprünge der Theorie der öffentlichen Kommunikation von Jürgen Habermas zurück und formuliert neben den Grundmerkmalen, Ansprüche sowie Kriterien an die Öffentlichkeit. Es stellt das Ide- albild für das „Arenenmodell“ von Öffentlichkeit, das im dritten Unterkapitel vorge- stellt wird. Die Öffentlichkeit bildet hier ein intermediäres Kommunikationssystem und wird anhand ihrer Leistungen in drei Ebenen der öffentlichen Kommunikation gegliedert.

2.1 Die Bedeutung von öffentlicher Meinung

Der Begriff der öffentlichen Meinung ist nicht leicht zu definieren. Die Definition beinhaltet meistens nicht nur Leitbilder für die öffentliche Meinung, sondern auch Aufgaben, die von der Öffentlichkeit zu erfüllen sind. Roesler (1997) sieht einen Mythos in dem Begriff der öffentlichen Meinung, der auf verschiedenen Leitbildern aus unserer Geschichte und Kultur stammt und mit dem Mythos des griechischen Marktplatzes, der Agora in Athen, verbunden ist (S. 173). Auf dem Marktplatz wur- den Versammlungen und Verkäufe durchgeführt, die von allgemeinem Interesse für die Polis waren. Die Öffentlichkeit ist für die heutigen Demokratien in diesem Sinne auch sehr wichtig, weil in dem Prozess der öffentlichen Meinungsbildung sichtbar wird, was für die Gemeinschaft von allgemeinem Interesse ist. (Roesler, 1997, S. 173-174)

Neidhardt (1994) definiert öffentliche Meinung als herrschende Meinung unter den Öffentlichkeitsakteuren, die als ein kollektives Produkt aus den medial vermittel- ten Meinungsäußerungen der Sprecher vor einem Publikum resultiert (S. 26). Die Bevölkerungsmeinung dagegen ist eine andere Größe, die auf den individuellen Mei nungen des Publikums beruht und sich meistens von der öffentlichen Meinung unter- scheidet. In unseren modernen Gesellschaften ist das Konstrukt der öffentlichen Meinung seit langem institutionalisiert und wird mit bestimmten Funktionen verbun- den. Die öffentliche Meinung hat eine Orientierungsfunktion und muss von der Be- völkerung akzeptiert werden und somit überzeugend wirken. Die Öffentlichkeit muss zudem für alle gesellschaftlichen Gruppen offen sein und kollektive Themen sowie Meinungen beinhalten, somit wird die Transparenzfunktion erfüllt. Folglich versi- chert die Validierungsfunktion, dass sich die Öffentlichkeitsakteure diskursiv mit den Themen und Meinungen auseinandersetzen und sich den besten Argumenten unter- werfen. (Neidhardt, 1994, S. 7-9)

Die Öffentlichkeit unterstützt die Entscheidungsfindung unserer Gesellschaft, in- dem sie einen Diskurs zu verschiedenen gesellschaftsrelevanten Themen schafft und die Machtkontrolle über die politischen Akteure gewährleistet. Insgesamt ist die Öf- fentlichkeit die „Bedingung der Legitimität moderner Herrschaftsordnungen, die auf demokratische Zustimmung rekurrieren müssen“ (Jarren et al., 2000, S. 9). Die Insti- tutionalisierung der öffentlichen Meinung setzt vor allem voraus, dass das politische System die Meinungen der Bürger beobachtet und ernst nimmt. Die Bürger können ihre Meinungen durch das Wahlrecht an das politische System weitergeben und so- mit auf das politische System Einfluss nehmen. (Neidhardt, 1994, S. 30)

Die Stimme wird den Öffentlichkeitsakteuren, den Sprechern in der Öffentlichkeit, durch die Massenmedien verliehen. Die Öffentlichkeit in den modernen Gesellschaf- ten wird zum größten Teil von den Massenmedien gestaltet. Ohne die Massenmedien ist die zeitgenössische öffentliche Kommunikation nicht mehr vorstellbar. Die Mas- senmedien „bilden quasi den institutionellen Kern“ (Wimmer, 2007, S. 43) der Öf- fentlichkeit. „Öffentliche Kommunikation wird zur Massenkommunikation“ (Neid- hardt, 1994, S. 10) und die massenmedial gesteuerte Öffentlichkeit zur Notwendig- keit in den modernen Demokratien. Die Sprecher in der Öffentlichkeit können nach Neidhardt (1994) derart typologisiert werden: 1. Vertreter gesellschaftlicher Gruppie- rungen und Organisationen, 2. „Advokaten“ im Namen von unverfassten Gruppie- rungen, 3. „Experten“ mit wissenschaftlich-technischen Sonderkompetenzen, 4. „In- tellektuelle“, deren Aufgabe es ist, kritisch die kulturelle Werte öffentlich zu disku- tieren und 5. Journalisten als „Kommentatoren“, die mit eigenen Meinungen zu Wort kommen (S. 14). Demnach sind die Sprecher und die Massenmedien die zentralen Akteure von Öffentlichkeit und ihr Adressat ist das Publikum. Das Publikum ist nach der Vorstellung von Jürgen Habermas unabgeschlossen: „Alle müssen dazugehören können“ (Habermas, S. 98, 1990). Das Publikum definiert sich aber erst durch die Beteiligung an dem Prozess öffentlicher Kommunikation und setzt somit einen aktiven Bürger voraus. Das Publikum schwankt nach der Art der Sprecher, der Themen, Medien und Meinungen, somit ist es eine kontingente Größe und im Regelfall nicht bevölkerungsrepräsentativ. (Neidhardt, 1994, S. 12-13)

Da die modernen demokratischen Gesellschaften auf die Grundrechte abgestützt sind, müssen sie einen Raum schaffen, wo Zustimmung, Begründung und somit poli- tische Kommunikation stattfinden kann. Dagegen eliminieren die totalitären Herr- schaftsordnungen das Öffentlichkeitsprinzip und schalten die Grundrechte politischer Partizipation aus, um die Informationen in bestimmter Richtung steuern zu können. (Jarren et al., 2000, S. 9) So versuchen die totalitären Regimes der Gefahr des Wi- derstands entgegenzukommen, indem sie öffentliche Meinung manipulieren und in- folgedessen die Legitimation ihrer Herrschaft nicht gewährleisten können.

2.2 Das normative „Diskursmodell“ öffentlicher Kommunikation

Wissenschaftler wie Jürgen Habermas oder Bernhard Peters beschäftigen sich mit einer normativen Auffassung von Öffentlichkeit, indem sie Voraussetzungen und Ansprüche an die Öffentlichkeit entwickeln. Die hergeleiteten Kriterien bestimmen anschließend das Ideal der Öffentlichkeit, das bis heute diskutiert wird und die Auf- gaben der Öffentlichkeit bestimmt. In seinem Werk „Strukturwandel der Öffentlich- keit“ versteht Habermas (1990) die „bürgerliche Öffentlichkeit“ als ein Ideal und eine Sphäre, die eine permanente Diskussion zwischen den zum Publikum versam- melten Privatleuten darstellt und in der Herstellung einer rationalen öffentlichen Meinung resultiert: „Ihrer Idee nach verlangt eine aus der Kraft des besseren Argu- ments geborene öffentliche Meinung jene moralisch prätentiöse Rationalität, die das Rechte und Richtige in einem zu treffen sucht“ (S. 119-120). Die daraus entwickelte Diskursivit ä t stellt neben der Gleichheit und der Offenheit öffentlicher Kommunika- tion die Voraussetzungen und Grundmerkmale des normativen Modells von Öffent- lichkeit dar, die im Folgenden vorgestellt werden. Die Grundmerkmale betreffen die besonderen Qualitäten der Kommunikationsfor- men und werden in drei Merkmalsgruppen differenziert. Die Gleichheit und Rezipro- zit ä t der Kommunikation verleiht jedem Bürger die Kompetenz sich an der öffentli- chen Kommunikation zu beteiligen und macht sie somit offen. Die Möglichkeit, sich in der Öffentlichkeit zu äußern und gehört zu werden ist in der Reziprozität von Hö- rer- und Sprecherrollen beinhaltet und verschafft somit eine gleichmäßige Vertei- lung. Die möglichen Vorrechte für die Beteiligung sollten neutralisiert werden, damit weder die familiäre Herkunft und der Status, noch die Bildungsqualifikationen Ein- fluss auf die Beteiligung haben können. Die egalitären Ansprüche des normativen Modells von Öffentlichkeit weisen im Hinblick auf elitäre und konkurrenzbetonte Strukturen öffentlicher Kommunikation Defizite auf, die aber aus den öffentlichen Diskursen kaum wegzudenken sind. (Peters, 2007, S. 61-82)

Das Normative bei der zweiten Merkmalsgruppe resultiert aus der Offenheit für Themen und einer ad ä quaten Kapazit ä t zu ihrer Verarbeitung. Eine generelle Offen- heit für Themen und Beiträge bedingt, dass alle Bereiche in der Öffentlichkeit thema- tisiert werden können und nichts ausgeschlossen bleibt. Welche Themen aber rele- vant und von allgemeinem Interesse sind, wird im öffentlichen Diskurs selbst ent- schieden. Mit dieser Forderung wird dementsprechend zusätzlich die Kompetenz unterstellt, die wichtigen Bereiche der öffentlichen Sphäre nicht nur thematisieren, sondern auch sich adäquat damit auseinandersetzen zu können. Dabei sind die Res- sourcen Kompetenz und Aufmerksamkeit knapp und verdeutlichen demzufolge die Beschränkungen für die Realisierung des normativen Modells. Ferner sind die Ver- arbeitungsmechanismen der Bürger nicht unendlich und sie können nicht beliebig viele Themen behandeln. Deshalb muss eine Selektion erfolgen, die dadurch das Publikum differenziert und einzelne Teilöffentlichkeiten schafft. Der Sinn des Postu- lats der Offenheit muss dementsprechend verändert werden und liegt darin, dass die wichtigsten Themen in den Diskurs aufgenommen werden und die größte Aufmerk- samkeit des Publikums gewinnen. (Peters, 2007, S. 61-89)

Schließlich hat die öffentliche Kommunikation eine diskursive Struktur. Die Gel- tung des besseren Arguments und eine diskursive Auseinandersetzung mit den Prob- lemen ermöglicht Lösungsvorschläge, die Akzeptanz und Zustimmung im Publikum finden können. Kritik und Widerspruch sind wünschenswert und bekräftigen den Diskurs mit mehr Glaubwürdigkeit. Wichtig ist aber eine gegenseitige Achtung der Kommunikationsteilnehmer und eine konstruktive Kritik, die alle Kommunikations partner integriert und nicht beleidigt oder manipuliert. So wird die Bedingung der Gleichheit nuanciert und ein Diskurs, der auf einer sachlichen Überzeugung und Verständigung innerhalb des Publikums beruht, ermöglicht. (Peters, 2007, S. 62)

Das Ziel dieses Modells ist die Entwicklung und Charakterisierung von Bedingun- gen, die für eine reflektierte öffentliche Meinung in der Gesellschaft bedeutend sind. Durch ein diskursives Auseinandersetzen mit Argumenten und den notwendigen In- formationen kann das Publikum kritisch und rational über relevante kollektive Prob- leme urteilen. So kann eine reflektierte und rationale Öffentlichkeit entstehen und bildet somit eine normative Grundlage für das „Arenenmodell“, das im nächsten Un- terkapitel geschildert werden soll.

2.3 Das „Arenenmodell“ von Öffentlichkeit

Ein intermediäres Kommunikationssystem von Öffentlichkeit wurde von Gerhards und Neidhardt entwickelt und leitet eine politische Funktion der Öffentlichkeit her, indem die Ausprägungsformen der Öffentlichkeit in drei Ebenen gegliedert werden. Die verschiedenen Ebenen der Öffentlichkeit werden mit der politischen Funktion verbunden, die in der Aufnahme und Verarbeitung der Themen und Meinungen so- wie ihrer Vermittlung zwischen den Akteuren resultiert. Durch die Vermittlung und den Austausch von Themen und Meinungen entsteht die öffentliche Meinung, die eine Orientierung für die Bürger und die kollektiven Akteure der Gesellschaft einer- seits und dem politischen System andererseits ausmacht. (Gerhards / Neidhardt, 1990, S. 12-14)

Die Grundmerkmale von Öffentlichkeit, wie die Offenheit des Systems, bleiben die gleichen normativen Bedingungen der Öffentlichkeit, die bereits im oberen Mo- dell ausführlich geschildert wurden. Die Autoren differenzieren das System der Öf- fentlichkeit in drei Ebenen nach folgenden Kriterien: der Menge der Kommunikati- onsteilnehmer und dem Grad der strukturellen Verankerung der Ebenen. Die unterste Ebene der Öffentlichkeit wird Encounter genannt und entsteht durch einfache Inter- aktionssysteme zwischen den Menschen. Aus episodischen und flüchtigen Zusam- mentreffen von Menschen setzt sich die kleinste und elementarste Öffentlichkeit zu- sammen. Diese Form der Kommunikation weist lose Strukturen und keine Kontinui- tät auf, die Teilnehmer wechseln wie die Themen und der Meinungsstand und bilden keinen Kommunikationsfluss, der das Synthetisieren von Meinungen gewährleist.

Obwohl das System des Encounters hohe Offenheit und Umweltsensibilität sichert, bleibt der Einfluss auf die öffentliche Meinung erheblich eingegrenzt. Diese Nachteile des Systems können aber in anderen Rahmenbedingungen zu beachtlichen Stärken werden. In totalitären Herrschaftssystemen hat die Encounter-Öffentlichkeit mit ihrer Spontanität und Flüchtigkeit ein großes Potenzial die politische Kontrolle zu behindern und aufwendig zu machen sowie den Widerstand und Autonomisierungsprozesse zu aktivieren. (Gerhards / Neidhardt, 1990, S. 19-21)

Die zweite Ebene bilden organisierte öffentliche Veranstaltungen, die hier als eine Öffentlichkeitsform zu betrachten sind. Das Thema ist dabei sehr wichtig und struk- turiert darüberhinaus die Veranstaltungs ö ffentlichkeit. Durch das Thema werden die Teilnehmer der Veranstaltung selektiert und somit setzt die Teilnahme Themeninte- resse sowie Aktivität voraus. Eine Sonderform so einer Öffentlichkeitsform können kollektive Proteste sein, die in Abhängigkeit vom Thema Bürger sammeln und kol- lektive Aktionen schaffen. Gleichzeitig entstehen durch die Proteste eindeutige Mei- nungsäußerungen, die in der Öffentlichkeit Gehör finden. Infolgedessen erzeugen die organisierten Interaktionssysteme nicht nur eine Voraussetzung für das Synthetisie- ren von Meinungen und Herstellung öffentlicher Meinung, sondern sie stellen auch eine Zuspitzung öffentlicher Kommunikation dar. (Gerhards / Neidhardt, 1990, S. 22-23)

Die Massenmedienkommunikation prägt die dritte und wichtigste Ebene des Öf- fentlichkeitssystems. Die Massenmedien sind ein gesamtgesellschaftliches Format, setzen entwickelte technische Infrastruktur voraus und haben daher die Möglichkeit, breitflächig und kontinuierlich die öffentliche Meinung zu beeinflussen. Dabei ist der Zugang zur massenmedialen Öffentlichkeit eingeschränkt und in den professionali- sierten Sprechrollen, vor allem dem Beruf des Journalisten, eingebettet. Das Publi- kum hat demzufolge eine passive Rolle und wird auf dieser Ebene größer sowie abs- trakter. Das Publikum befindet sich in einer Galerie, wo die Arenenakteure, um die Gunst der Publikumsaufmerksamkeit sowie um den Einfluss auf die Meinungen konkurrieren und dort ihren Erfolg messen. Das Publikum bekommt dadurch eine wichtige Rolle. (Gerhards / Neidhardt, 1990, S. 23-28)

Das Besondere ist, dass eine Gleichrangigkeit aller Öffentlichkeitsebenen bestehen muss, damit die Leistungsfähigkeiten der Ebenen, im Hinblick auf die Prozesse der Informationssammlung, -verarbeitung und -anwendung, gleichmäßig verteilt bleiben. Die Leistungen steigen mit der Öffentlichkeitsebene und die Massenmedienkommu- nikation macht die bedeutendste Form der öffentlichen Kommunikation in modernen Gesellschaften aus. Gleichzeitig ist sie auf die kleinere Öffentlichkeit des Encounters angewiesen und muss auch bei dieser ankommen, damit sie ihren Einfluss auf die öffentliche Meinung dauerhaft erhalten kann. (Gerhards / Neidhardt, 1990, S. 23-26)

In vielen Theorien wird versucht, die Problematik des distanzierten Publikums, das keinen direkten Einfluss auf die Öffentlichkeit ausüben kann, zu lösen. Dabei haben die neuen Entwicklungen im Internet und die wachsende Anzahl an interakti- ven Angeboten, die ein aktives Publikum voraussetzt, eine breitflächige Debatte an- gestoßen. Des Weiteren wird in der Arbeit detaillierter auf die Entwicklungen in der Massenkommunikation durch das Internet und im Besonderen Weblogs eingegangen und der mögliche Wandel des Öffentlichkeitssystems durch diese Veränderungen kritisch diskutiert. Das „Arenenmodell“ wird dazu als Grundlage herangezogen, um die Leistung der neuen Angeboten und speziell der Weblogs anhand der drei Ebenen der Öffentlichkeit zu bestimmen.

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Ende der Leseprobe aus 43 Seiten

Details

Titel
Öffentliche Meinung im Internet
Untertitel
Weblogs und ihre Öffenlichkeit
Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München  (Institut für Kommunikationswissenschaft und Medienforschung)
Note
1,7
Autor
Jahr
2010
Seiten
43
Katalognummer
V165401
ISBN (eBook)
9783640813834
ISBN (Buch)
9783640814114
Dateigröße
510 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
ca. 50 Literaturangaben
Schlagworte
Blogs, Weblogs, Öffentliche Meinung, Meinungsbildung, China, Iran, Watchblogs, Medienjournalismus, Internet, Jürgen Habermas, Arenenmodell
Arbeit zitieren
Agne Galinskyte (Autor), 2010, Öffentliche Meinung im Internet, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/165401

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