Bewertungseinheiten im HGB

Darstellung und kritische Würdigung


Bachelorarbeit, 2010

47 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

A Einleitung

B Bilanzierung von Bewertungseinheiten
1. Begriff der Bewertungseinheit
2. Formen von Bewertungseinheiten
3. Voraussetzungen für die Bildung einer Bewertungseinheit
3.1 Zulässige Grundgeschäfte
3.2 Zulässige Sicherungsinstrumente
3.3 Vergleichbare Risiken von Grundgeschäft und Sicherungsgeschäft
3.4 Wirksamkeit der Sicherungsbeziehung
3.5 Durchhalteabsicht
3.6 Dokumentation
4. Rechtsfolgen einer gebildeten Bewertungseinheit
5. Bilanzielle Abbildung von Bewertungseinheiten
6. Berichtspflichten und Anhangsangaben
7. Steuerliche Auswirkungen

C Würdigung des § 254 HGB anhand dessen Zielsetzung
1. Stärkung der Informationsfunktion
2. Wahrung der Ausschüttungsbemessungsfunktion
3. Wahrung der Steuerbemessungsfunktion

D Zusammenfassung und Ausblick

Abbildungen

Literaturverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Finanzinstrumente i.S.d. § 1 Abs. 11 KWG

Abbildung 2: Originäre und Derivative Finanzinstrumente

Abbildung 3: Einteilung der Methoden zur Messung der Wirksamkeit

A Einleitung

Mit dem BilMoG 1 soll das deutsche Bilanzrecht modernisiert werden. International tätige Unternehmen haben immer häufiger auch internationale Rechnungslegungsstandards zu beachten, welche jedoch vor allem vom deutschen Mittelstand aus Kostengründen abgelehnt werden 2. Ziel des BilMoG ist es daher das deutsche Bilanzrecht zu einer „dauerhaften und im Verhältnis zu den internationalen Rechnungslegungsstandards vollwertigen, aber kostengünstigeren und einfacheren Alternative weiterzuentwickeln“3.

Im Ergebnis soll das Handelsrecht (etwa durch Anhebung der Schwellenwerte für die Buchführungspflicht und größenabhängige Erleichterungen) dereguliert und gleichzeitig die Informationsfunktion (bspw. durch die Streichung von Ansatz-, Bewertungs- und Ausweiswahl- rechten) gestärkt werden. 4 Zahlreiche Normen des HGB sind durch das BilMoG geändert, gestrichen oder ergänzt worden.

Die Vorliegende Arbeit beschäftigt sich mit der Neufassung des § 254 HGB5, welcher nunmehr die Bildung von Bewertungseinheiten im handelsrechtlichen Jahresabschluss regelt. Die Abbildung von Bewertungseinheiten war zwar bereits vor dem BilMoG in der Praxis verbreitet, jedoch nicht konkret normiert sondern als Grundsätze ordnungs- mäßiger Bilanzierung eingestuft. Diese haben nunmehr eine gesetzliche Verankerung erfahren.6 Der Tradition deutscher Rechnungslegungsnormen folgend, ist auch die Normierung des neuen § 254 HGB prinzipienorientiert und abstrakt. Dies gewährt zwar Flexibilität und ermöglicht im Einzelfall Fassung, das zuletzt durch Artikel 6a des Gesetzes vom 31. Juli 2009 (BGBl. I S. 2512) geändert worden ist; das BilMoG und damit § 254 HGB ist verpflichtend erstmals für Geschäftsjahre anzuwenden, die nach dem 31.12.2009 beginnen, ein Wahlrecht zur Anwendung besteht für Geschäftsjahre, die nach dem 31.12.2008 beginnen. Vor dem BilMoG gebildete und den Vorgaben des neuen § 254 HGB entsprechende Bewertungseinheiten sind fortzuführen - vgl. Kessler (2009), Rz. 26. die sachgerechte Ableitung von Lösungen, macht die Norm aber gleichzeitig auslegungsbedürftig.7 Es erscheint insofern notwendig, die ein- zelnen Tatbestandsmerkmale der Norm zu konkretisieren und auszugestal- ten.

In Kapitel B dieser Arbeit werden daher unter anderem Begrifflichkeiten, Vorraussetzungen für die Bildung und die Rechtsfolgen von Bewertungs- einheiten detailliert dargestellt. Kapitel C ordnet die Neufassung des § 254 HGB in den Gesamtkontext des BilMoG ein und durchleuchtet diese anhand des festgelegten Würdigungsmaßstabes kritisch. Insbesondere wird untersucht, inwieweit die mit der Normierung angestrebten Ziele des Gesetzgebers erreicht werden.

Schlussendlich werden die Ergebnisse in Kapital D noch einmal zusammen- gefasst und mögliche Implikationen für einen sich daraus ergebenden Handlungsbedarf seitens des Gesetzgebers aufgezeigt.

B Bilanzierung von Bewertungseinheiten

1. Begriff der Bewertungseinheit

Durch Anwendung von Einzelbewertungsgrundsatz sowie Imparitäts- und Realisationsprinzip sind unrealisierte Verluste bilanziell zu berücksichtigen, während unrealisierte Gewinne nicht ausgewiesen werden dürfen. Bei strenger Anwendung dieser handelsrechtlichen Grundsätze ergeben sich aber mitunter Ergebnisse, die den tatsächlichen wirtschaftlichen Verhältnissen des Unternehmens nicht entsprechen. Offensichtlich wird dies beim Betrachten von Sicherungsbeziehungen zwischen zwei Geschäften. Die Zusammenfassung beider Geschäfte (Grund- und Sicherungsgeschäft) zu einer so genannten Bewertungseinheit folgt der grundsätzlichen Überlegung, dass die Risiken aus dem Grundgeschäft durch das zu diesem Zweck abgeschlossene Sicherungsgeschäft wirtschaftlich neutralisiert werden. Jedoch dürfen Werterhöhungen des Grundgeschäftes oder des Sicherungsgeschäftes aufgrund von Anschaffungskosten- und Realisationsprinzip (§ 253 Absatz 1 Satz 1 und § 252 Absatz 1 Nr. 4 HGB) bilanziell nicht erfasst werden. Eine negative Wertentwicklung ist hingegen verpflichtend durch eine außerplanmäßige Abschreibung8 oder die Bildung einer Drohverlustrückstellung zu berücksichtigen.

Gleich welche Richtung die Wertänderung also einschlägt – es ergeben sich in den Fällen wirksamer Sicherungsbeziehungen stets auszuweisende negative Erfolgsbeiträge, obwohl wirtschaftlich betrachtet kein Risiko besteht. Unternehmen, die eine Risikoabsicherung vornehmen, können sich damit sogar bilanziell schlechter stellen, als jene Unternehmen, bei denen beim gleichen Sachverhalt keine Absicherung besteht.9

Dieser Ausweis entspricht nicht den tatsächlichen wirtschaftlichen Verhält- nissen und ist daher unerwünscht. Mit der Neufassung des § 254 HGB soll dem entgegengewirkt werden. Dessen Satz 1 Halbsatz 1 enthält bereits die Legaldefinition einer Bewertungseinheit. Demnach liegt eine Bewertungseinheit vor, wenn Vermögensgegenstände, Schulden, schwebende Geschäfte oder mit hoher Wahrscheinlichkeit erwartete Transaktionen zum Ausgleich gegenläufiger Wertänderungen oder Zahlungsströme aus dem Eintritt vergleichbarer Risiken mit Finanz- instrumenten zusammengefasst werden. Anders ausgedrückt werden also Transaktionen abgeschlossen bzw. Sicherungsinstrumente erworben, die dazu geeignet sind, Risiken oder Chancen von bestehenden oder künftigen Positionen teilweise oder vollständig zu kompensieren. Dieser Vorgang wird in der Praxis als Hedging bezeichnet.

2. Formen von Bewertungseinheiten

Je nach Umfang der Bewertungseinheit, wird in der Praxis grundsätzlich zwischen Micro-, Portfolio- und Macro-Hedges unterschieden. Gleichwohl werden diese Arten von Bewertungseinheiten im Schrifttum nicht einheitlich abgegrenzt. Der Auffassung des Gesetzgebers in der Begründung zum Regierungsentwurf zum BilMoG folgend, ist ein Micro- Hedge die unmittelbare Absicherung des aus einem einzelnen Grund- geschäft resultierenden Risikos durch ein einzelnes Sicherungsinstrument.10 Dagegen werden beim Portfolio-Hedge die Risiken mehrerer gleichartiger Grundgeschäfte durch ein oder mehrere Sicherungsinstrumente abgedeckt, während das Macro-Hedging den Blick auf ganze Gruppen von Grundgeschäften erweitert.11 Teile des Schrifttums definieren den Portfolio- Hedge als eine konkret begrenzte Anzahl von Grundgeschäften umfassend, einen Macro-Hedge hingegen als sämtliche Grundgeschäfte eines Unternehmens einschließend.12 Für andere Teile umfasst ein Macro-Hedge hingegen mehrere gleichartige Grundgeschäfte, ein Portfolio-Hedge die Nettorisikoposition unterschiedlicher Grundgeschäfte. 13 Wieder andere wollen gerade den Macro-Hedge als Zusammenfassung unterschiedlicher und den Portfolio-Hedge als Zusammenfassung gleichartiger Grundgeschäfte verstanden wissen. 14 Es wird schnell klar, dass, je nach Verständnis der Begriffe „Macro“ und „Portfolio“, eine Vielzahl von Auslegungen der unterschiedlichen Hedging-Formen existiert. Ein Richtig oder Falsch gibt es dabei nicht. Folgerichtig ist die Aussage von Löw / Scharpf / Weigel, wonach die unterschiedlichen Auslegungen solange keine Wirkung auf die Rechnungslegung entfalten, wie alle Formen der Bewertungseinheiten explizit gesetzlich zugelassen sind.15 Gleichwohl wäre eine einheitliche Auslegung zu begrüßen, um dem Bilanzierenden Rechtssicherheit und nicht zuletzt dem Abschlussadressaten Klarheit über die angewandte Hedging-Form zu verschaffen. Im Schrifttum einheitlich ausgeführt wird dagegen, dass sowohl beim Portfolio- als auch beim Macro- Hedge alle Grundgeschäfte kumuliert betrachtet werden und das dann noch verbleibende Nettorisiko abgesichert wird.16

Den gegenteiligen Ausführungen von Scharpf / Luz, wonach die Absicherung einer lediglich verbleibenden Nettoposition aus einer Vielzahl von Positionen (sowie die zusammengefassten Positionen selbst) nicht als Macro-, sondern nur als Micro-Hedge bezeichnet werden können, 17 ist allerdings nicht zu folgen. Die Zusammenfassung mehrerer, sich teilweise kompensierender Grundgeschäfte kann nicht bereits deshalb als Micro- Hedge bezeichnet werden, weil die jeweiligen Grundgeschäfte „einander eindeutig zugeordnet“18 werden können. Die Sicherungsabsicht, mithin also die Absicht zum Abschluss eines Hedge-Geschäftes, muss definitionsgemäß und sinnvollerweise ex ante bestehen. Eine nachträgliche Zusammen fassung und Designation von Grundgeschäften mit (zufällig) gegenläufigen Positionen als Micro-Hedge scheidet mithin aus. 19 Vielmehr ist bei der Beurteilung der Art des Hedges darauf abzustellen, dass hier insgesamt eine Vielzahl von Grundgeschäften abgesichert wird. Ob der Bilanzierende nun jedes Grundgeschäft einzeln oder aber alle kumuliert absichert, hat materiell keine Auswirkung und liegt in seinem Ermessen. Beim Macro-Hedge kann sich zudem das verbleibende Nettorisiko aus den Restrisiken vieler einzelner Grundgeschäfte zusammensetzen und deshalb eine Zuordnung zu einem bestimmten einzelnen Grundgeschäft nicht zu treffen sein.20 Auch demgemäß kann die Absicherung von Nettopositionen nicht als Micro- Hedge bezeichnet werden. Die Möglichkeit, risikokompensierende Wirkungen gegenläufiger Grundgeschäfte zusätzlich zum Abschluss eines Sicherungsgeschäftes zu nutzen, steht einer Designation als Macro-Hedge also gerade nicht entgegen.

3. Voraussetzungen für die Bildung einer Bewertungseinheit

§ 254 HGB Satz 1 Halbsatz 1 HGB normiert zunächst die Anforderungen an die Bildung einer Bewertungseinheit. So werden die sicherbaren Grundgeschäfte auf Vermögensgegenstände, Schulden, schwebende Geschäfte oder mit hoher Wahrscheinlichkeit erwartete Transaktionen beschränkt. Als Sicherungsinstrumente werden ausnahmslos Finanz- instrumente zugelassen. Die Bildung einer Bewertungseinheit ist zusätzlich nur möglich, wenn Grund- und Sicherungsgeschäft „vergleichbaren Risiken“ unterliegen. Die Formulierung des neuen § 254 HGB durch den Gesetzgeber ist traditionell abstrakt, mithin auslegungsbedürftig. Im Folgenden werden die einzelnen Tatbestandsmerkmale, welche kumulative erfüllt sein müssen, daher konkretisiert.

3.1 Zulässige Grundgeschäfte

Als Grundgeschäfte können nach § 254 Satz 1 Halbsatz 1 HGB Vermögensgegenstände, Schulden, schwebende Geschäfte oder mit hoher Wahrscheinlichkeit erwartete Transaktionen in eine Bewertungseinheit einbezogen werden. Da der Wortlaut des § 254 HGB in dieser Hinsicht nicht einschränkend ist, kommen neben Grundgeschäften finanzieller Art (z.B. Forderungen und Verbindlichkeiten) auch solche nicht-finanzieller Art in Betracht (z.B. Rohstoffe, halbfertige oder fertige Erzeugnisse). Ob eine Position in vollem Umfang oder aber nur teilweise als Grundgeschäft gesichert wird, bleibt dabei dem Bilanzierenden überlassen. 21 Eine wert- oder zeitmäßige Begrenzung wäre hier nicht sachgerecht.

Allen Grundgeschäften gemeinsam ist, dass sie risikobehaftet sein müssen, da sie „vergleichbaren Risiken“ wie die Sicherungsinstrumente unterliegen müssen. Welche Risiken damit gemeint sind, ergibt sich indes aus der Norm nicht. Der Gesetzgeber führt hier jedoch beispielhaft Zins-, Währungs-, Ausfall- oder Preisänderungsrisiken an.22 Im Schrifttum wird teilweise die Ansicht vertreten, geeignet seien nur Grundgeschäfte, welche nicht „akut ausfallgefährdet“ sind.23 Dem kann so pauschal jedoch nicht gefolgt werden. Da § 254 HGB die Art der sicherbaren Risiken nicht beschränkt, ist gerade auch die Absicherung eines möglichen Ausfallrisikos vom Bereich der Norm erfasst. Zudem wird in Beschlussempfehlung und Bericht des Rechts- ausschusses zum Gesetzentwurf der Bundesregierung der mögliche Ausfall einer Position explizit zum Kreis der sicherbaren Risiken gezählt. 24 Sicherbar sind jedenfalls nur eindeutig ermittelbare, einzelne Risiken – dem Wortlaut des § 254 HGB folgend – Risiken aus Wertänderungen oder Zahlungsströmen. Somit kann beispielsweise das allgemeine Unternehmens- risiko nicht abgesichert werden, da es einer Vielzahl von Risiken ausgesetzt ist.25 Sowohl Bilanzposten (z.B. festverzinsliche Forderungen und Verbind- lichkeiten) als auch schwebende Geschäfte können Wertänderungs- bzw. Zahlungsstromrisiken unterliegen. Deren Absicherung wird als Fair-Value-/ bzw. Cash-Flow-Hedge bezeichnet.26 27

Auch die Einbeziehung von mit hoher Wahrscheinlichkeit erwarteten Transaktionen in eine Bewertungseinheit wurde vom Gesetzgeber ausdrücklich zugelassen. Diesen Bewertungseinheiten – auch als antizipative Bewertungseinheiten bezeichnet – liegen definitionsgemäß noch nicht kontrahierte Rechtsgeschäfte zugrunde. 28 Gleichwohl muss deren tatsächlicher Abschluss so gut wie sicher sein und allenfalls außergewöhnliche Umstände, die außerhalb des Einflussbereichs des Unternehmens liegen, dem noch entgegenstehen.29 Auch wenn das Gesetz von hoher statt höchster Wahrscheinlichkeit spricht, dürfte eine bloße Eintrittswahrscheinlichkeit von mehr als 50 %, das heißt, dass mehr für als gegen den zukünftigen Abschluss spricht, hier jedoch nicht ausreichend sein, da der Gesetzgeber in der Begründung zum Regierungsentwurf zum BilMoG bereits strenge Anforderungen an antizipative Bewertungseinheiten stellt. So ist bei der Beurteilung, ob eine antizipative Bewertungseinheit zukünftig gebildet werden kann oder nicht, von wesentlicher Bedeutung, inwieweit solche Bewertungseinheiten in der Vergangenheit bereits zulässig gebildet, die ihnen zugrunde liegenden Rechtsgeschäfte also tatsächlich abgeschlossen, wurden. 30 Spricht der Gesetzgeber von der zulässigen Bildung antizipativer Bewertungseinheiten im Allgemeinen, so kann dessen Aussage jedoch nur dahingehend verstanden werden, dass bei der Beurteilung, ob eine antizipative Bewertungseinheit zukünftig gebildet werden kann, auf die individuellen Faktoren des Grundgeschäftes abzustellen ist. So wäre es nicht sachgerecht, wenn die Einbeziehung eines geplanten Rohstoff kaufs als unzulässig erachtet würde, weil in der Vergan- genheit ein geplanter Vertragsabschluss über Waren verkäufe nicht zustande kam. Weitere Faktoren wie Vertragspartner oder Wirtschaftszweig der be- troffenen Geschäfte sind im Einzelfall gegebenenfalls zu berücksichtigen.31

Darüber hinaus nimmt der Gesetzgeber hier sogar explizit den jeweils designierten Abschlussprüfer in die Pflicht. Dieser hat für jeden Einzelfall zu prüfen, ob die antizipative Bewertungseinheit im Einklang mit den Bilanzierungsprinzipien steht.32 Ohnehin wäre dies zwar bei Prüfung, ob der Jahresabschluss den Grundsätzen ordnungsmäßiger Bilanzierung entspricht, die Pflicht eines jeden Abschlussprüfers und die Aussage insoweit redundant. Mit der gesonderten Hervorhebung wird jedoch deutlich, dass der Gesetzgeber mit dem Zulassen antizipativer Bewertungseinheiten keinerlei bilanzpolitischen Spielraum eröffnen möchte.

Zusammenfassend bleibt festzustellen, dass eine für Dritte schlüssige und detaillierte Dokumentation der Wahrscheinlichkeit des Abschlusses der Rechtsgeschäfte notwendige Voraussetzung für die Bildung einer antizipativen Bewertungseinheit ist. Tritt der Abschluss eines Rechts- geschäftes tatsächlich nicht ein, so ist die ursprüngliche Wahrscheinlichkeit nicht ausreichend hoch gewesen. Die zukünftige Bildung antizipativer Bewertungseinheiten hat somit zu unterbleiben und kann erst wieder auf Grundlage einer erneuten schlüssigen Dokumentation erfolgen. Ein in diesem Zusammenhang (befürchteter) möglicher bilanzpolitischer Spielraum des Bilanzierenden reduziert sich insoweit erheblich. Unrealisierte Verluste, beispielsweise aus in Spekulationsabsicht abge- schlossenen Derivaten, können somit nicht durch bloße „Erklärung eines Absicherungszusammenhangs mit nur dem Schein nach geplanten Transaktionen“ 33 kaschiert werden.

3.2 Zulässige Sicherungsinstrumente

Als Sicherungsinstrumente lässt § 254 Satz 1 Halbsatz 1 HGB ausschließlich Finanzinstrumente zu. Um deren großen Anzahl und stetigen Weiterentwicklung gerecht zu werden hat sich der Gesetzgeber bewusst gegen eine Konkretisierung entschieden. 34 Es muss hier jedoch darauf hingewiesen werden, dass in verschiedenen Gesetzen unterschiedliche Definitionen des Begriffs der Finanzinstrumente existieren. In der Begründung zum Referentenentwurf wurde - entgegen den Begründungen zum Regierungsentwurf und zur Beschlussempfehlung - zumindest indirekt auf diesen Umstand verwiesen. Demnach ist der Begriff der Finanzinstrumente im Sinne der IFRS 35 zu interpretieren. 36 Es spreche allerdings nichts dagegen, auch § 1 Absatz 11 KWG37 oder § 2 Absatz 2b WpHG heranzuziehen. 38 Es erscheint daher sinnvoll, die Sicht nicht starr auf eine Definition zu beschränken, sondern im Zweifelsfall sämtliche Quellen unter Berücksichtigung von Sinn und Zweck des § 254 HGB heranzuziehen. Gleichwohl soll hier Abbildung 1 als beispielhafte Übersicht über Finanzinstrumente im Sinne des § 1 Absatz 11 KWG dienen.

Grundsätzlich kommen neben originären auch derivative Finanzinstrumente als Sicherungsinstrument in Betracht.39 Derivate sind stets vom Wert eines Basisobjektes (Underlying), wie etwa eines Zinssatzes oder Wechselkurses abhängig und – der Begründung zum Regierungsentwurf folgend – auf einen zukünftigen Ausgleich in Geld gerichtet. 40 Derivate sind demnach beispielsweise Optionen, Futures, Swaps, Forwards oder Warenkontrakte, die nicht auf eine Lieferung der Ware, sondern auf einen Ausgleich in Geld gerichtet sind.

Originäre Finanzinstrumente leiten sich dagegen ex termini nicht von einem Underlying ab. So kann mit ihrer Hilfe beispielsweise das Währungsrisiko einer Forderung durch eine entsprechende (originäre) Verbindlichkeit abgesichert werden. Grob kann bei den originären Finanzinstrumenten zwischen Eigenkapitalinstrumenten (z.B. Aktien, Genussscheine) und Fremdkapitalinstrumenten (z.B. Forderungen, Verbindlichkeiten, Zerobonds) unterschieden werden.

Eine ausführliche Darstellung von Finanzinstrumenten ist der vorliegenden Arbeit weder zweckdienlich noch im Umfang angemessen. Zu einer grundsätzlichen Einteilung in originäre und derivative Finanzinstrumente sei deshalb auf Abbildung 2, sowie insgesamt auf weitergehende Literatur, verwiesen.41

Mit § 254 Satz 2 HGB bezieht der Gesetzgeber auch Termingeschäfte über den Erwerb und die Veräußerung von Waren qua Fiktion in den Kreis der Finanzinstrumente mit ein. Diese, in der Praxis bereits üblichen Sicherungsgeschäfte, sollen auch weiterhin ausdrücklich zulässig sein.42

Dem Zweck einer Bewertungseinheit folgend, muss das Sicherungs- instrument auch ex ante als solches designiert werden. Der Gesetzgeber macht dies in § 254 Absatz 1 Satz 1 HGB mit der Formulierung „Werden […] zum Ausgleich gegenläufiger Wertänderungen oder Zahlungsströme aus dem Eintritt vergleichbarer Risiken mit Finanzinstrumenten zusammengefasst "beriets unmissverstandlich deutlich.

[...]


1 Beschluss des Deutschen Bundestages vom 27.03.2009, Drucks. 270/09.

2 Vgl. Deutscher Bundestag, BT-Drucks. 16/10067, S. 2; Köster, S. 410.

3 Deutscher Bundestag, BT-Drucks. 16/10067, S. 1.

4 Vgl. auch Hayn/Graf Waldersee (2008), S. 10 f.

5 In der im BGBl. Teil III, Gliederungsnummer 4100-1, veröffentlichten bereinigten

6 Vgl. Deutscher Bundestag, BT-Drucks. 16/10067, S. 57.

7 Vgl. Schmidt (2009), S. 882.

8 Bzw. Zuschreibung bei Verbindlichkeiten.

9 Vgl. Löw/Scharpf/Weigel (2008), S. 1016.

10 Vgl. Deutscher Bundestag, BT-Drucks. 16/10067, S. 58.

11 Vgl. ebd.

12 Vgl. Arbeitskreis „Externe Unternehmensrechnung“ der Schmalenbach-Gesellschaft (1997), S. 638; Baetge/Kirsch/Thiele (2009), S. 649.

13 Vgl. stellvertretend Löw/Scharpf/Weigel (2008), S.1017.

14 Vgl. Wiese (2009), S. 66 f.; Borchert (2005), S. 112.

15 Vgl. Löw/Scharpf/Weigel (2008), S.1017; so auch im Ergebnis Gelhausen/Fey/ Kämpfer (2009), Rn. 8f.

16 Vgl. stellvertretend Arbeitskreis „Externe Unternehmensrechnung“ der Schmalenbach- Gesellschaft (1997), S. 638.

17 Vgl. Scharpf/Luz (2000), 310 f.

18 Scharpf/Luz (2000), 311.

19 Bspw. kann eine Fremdwährungsforderung nicht einfach mit einer Fremdwährungs- verbindlichkeit zusammen als Micro-Hedge bezeichnet werden, wenn eine Sicherungsabsicht ex ante nicht bestand; vgl. zum Erfordernis der Prospektivität auch Kapitel B 3.2.

20 Die Zuordnung des Risikos zu einem bestimmten Grundgeschäft ist nach Ansicht des Gesetzgebers aber Vorraussetzung für einen Micro-Hedge, vgl. Deutscher Bundestag, BT-Drucks. 16/10067, S. 58.

21 Gl.A. Gelhausen/Fey/Kämpfer (2009), Rn. 12; gl.A. IDW (2010), Rn. 32.

22 Vgl. Deutscher Bundestag, BT-Drucks. 16/12407, S. 86.

23 Vgl. Petersen/Zwirner/Froschhammer (2009), S. 450.

24 Vgl. Deutscher Bundestag, BT-Drucks. 16/12407, S. 86; richtig ist aber, dass nicht gegen das Bonitätsrisiko abgesicherte Grundgeschäfte nicht ausfallgefährdet sein dürfen.

25 Vgl. Deutscher Bundestag, BT-Drucks. 16/12407, S. 86; Kessler (2009), Rn. 10; darüber hinaus wären allgemeine Unternehmensrisiken [wie etwa rückläufige Absatzzahlen oder eine schwache Konjunktur] nicht konkret genug und damit einem Sicherungsinstrument nur schwerlich eindeutig zurechenbar.

26 Vgl. Scharpf (2009), S. 204.

27 Bsp. für Fair-Value-Hedges: Absicherung von Vorratsbeständen gegen Preisänderun- gen mittels Warentermingeschäft; Bsp. für Cash-Flow-Hedges: Absicherung einer Fremdwährungsverbindlichkeit mittels Devisentermingeschäft.

28 Vgl. Deutscher Bundestag, BT-Drucks. 16/10067, S. 58.

29 Vgl. ebd.

30 Vgl. ebd.

31 So könnte die Bildung einer Bewertungseinheit im vorgenannten Beispiel etwa trotzdem versagt werden, wenn es sich jeweils um denselben Vertragspartner handelt und Geschäfte mit diesem in der Vergangenheit mehrfach nicht zustande gekommen sind.

32 Vgl. Deutscher Bundestag, BT-Drucks. 16/10067, S. 58.

33 Patek (2008), S. 367.

34 Vgl. BMJ (2007), S. 105; Deutscher Bundestag, BT-Drucks. 16/10067, S. 53.

35 Hier insb. IAS 32.11 (in der durch Verordnung (EG) Nr. 1126/2008 der Kommission vom 3.11.2008 übernommenen Fassung). Finanzinstrumente sind hiernach (auch inhaltlich identisch mit § 1a (3) KWG) Verträge, die gleichzeitig bei dem einen Unternehmen zu einem finanziellen Vermögenswert und bei dem anderen Unternehmen zu einer finanziellen Verbindlichkeit oder einem Eigenkapitalinstrument führen.

36 Vgl. BMJ (2007), S. 105.

37 Aktuelle Fassung des KWG: Bekanntmachung vom 9. September 1998 (BGBl. I S. 2776), zuletzt durch Artikel 1 des Gesetzes vom 21. Juli 2010 (BGBl. I S. 950) geändert.

38 Vgl. BMJ (2007), S. 105.

39 Vgl. Deutscher Bundestag, BT-Drucks. 16/10067, S. 53.

40 Vgl. Deutscher Bundestag, BT-Drucks. 16/10067, S. 53.

41 Vgl. ausführlich Scharpf/Luz (2000), S. 5ff.; Nguyen (2007), S. 22 ff.; zu derivativen Finanzinstrumenten vgl. Becker (2008), S. 241 ff.; Schmidt (2005), S. 57 ff. auch wenn dieser den Begriff vor dem Hintergrund der IFRS definiert.

42 Vgl. Deutscher Bundestag, BT-Drucks. 16/12407, S. 86.

Ende der Leseprobe aus 47 Seiten

Details

Titel
Bewertungseinheiten im HGB
Untertitel
Darstellung und kritische Würdigung
Hochschule
Freie Universität Berlin  (Betriebswirtschaftliche Prüfungs- und Steuerlehre )
Note
1,3
Autor
Jahr
2010
Seiten
47
Katalognummer
V165403
ISBN (eBook)
9783640813841
ISBN (Buch)
9783640814053
Dateigröße
585 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Hedging, BilMoG, Finanzinstrumente, Bewertungseinheiten, HGB, Rechnungslegung, Jahresabschluss, Bilanzierung
Arbeit zitieren
Robert Richter (Autor), 2010, Bewertungseinheiten im HGB, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/165403

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