Die GUE/ NGL-Fraktion - eine vereinigte Linke im Europäischen Parlament?


Hausarbeit, 2010
45 Seiten

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung
1.1 Der Traum einer europäischen Linken
1.2 Bisheriger Forschungsstand
1.3 Fragestellung

2. Methodisches Vorgehen
2.1 Definition der Kernbegriffe
2.2 Kommunismus versus demokratischer Sozialismus
2.3 Der parlamentarische Alltag: das Abstimmungsverhalten

3. Ideologisch- programmatische Differenzen im Plenum
3.1 Die Linke im Parlament: Eine Geschichte inhaltlicher Konflikte
3.2 Die PDS und die KKE: Ausdruck der linken Vielfalt
3.2.1 Allgemeine Einordnung der Parteien
3.2.2 Programmvergleich
3.2.2.1 Inhaltlich- programmatisch konvergente Politikfelder
3.2.2.1.1 Verteidigungspolitik
3.2.2.1.2 Arbeit und Soziales
3.2.2.1.3 Zusammenfassung
3.2.2.2 Inhaltlich- programmatisch divergente Politikfelder
3.2.2.2.1 Wirtschaftspolitik
3.2.2.2.2 Nationale Souveränität
3.2.2.2.3 Europäische Integration
3.2.2.2.4 Zusammenfassung
3.2.3 Zwischenfazit

4. Eine geschlossene Fraktion? Das Abstimmungsverhalten
4.1 Empirische Untersuchung
4.2 Ergebnisse einer empirischen Untersuchung
4.3 Fehlerquellen

5. Fazit

6. Literatur- und Quellenverzeichnis

7. Anhang

Die GUE/ NGL- Fraktion-

eine vereinigte Linke im europäischen Parlament?

Hausarbeit zum PS/TWA

Multi- Level Governance am Beispiel der europäischen Umweltpolitik

1 Einleitung

1.1 Der Traum einer vereinigten Linken

„Proletarier aller Länder vereinigt Euch!“ Viele Vertreter der linken politischen Strömung mögen bei der Konstituierung der Konföderalen Fraktion der Vereinigten Europäischen Linken/ Nordisch-Grüne Linke (GUE/ NGL) im Jahre 1994 an diese Aufforderung Karl Marx‘ gedacht haben (Marx [1848] 1917: 56). Sollte doch die Fraktion als „Schmelztiegel“ (Rutschke 1986: 16) für verschiedenste Parteien dienen, um im Europäischen Parlament (EP) vom Fraktionsstatus profitieren und gemeinsame Ansichten vertreten zu können. Dabei stellte sich jedoch das Problem der inhaltlichen Divergenz. So war die europäische Linke zu Beginn der 6. Legislaturperiode in vier Strömungen zergliedert: Die „Neue Europäische Linke“,

die „klassischen“ kommunistischen Parteien, die Trotzkisten und die Nordisch- Grüne Linke (vgl. Schirdewan 2008: 52 ff.). Trotz dieser Zergliederung schlossen sich einige Parteien der Fraktion im Laufe der 6. Legislaturperiode zur Europäischen Linkspartei (EL), „die nicht nur den Gedankenaustausch, sondern auch die Koordinierung linker Politik in Europa ermöglicht“ (ebd.: 56), zusammen. Von der EL nun als eine vereinigte europäische Linke zu sprechen, ist jedoch verfrüht. So schrieb Schirdewan (ebd.: 63):

,, Vergegenwärtigt man sich, welche Parteien am Gründungskongress teilnahmen und die EL ins Leben riefen, stellt man jedoch fest, dass die Repräsentanz des gesamten Spektrums der europäischen Linken zum Zeitpunkt ihrer Gründung in dieser Partei nicht gegeben war. Die treibenden Parteien, die Linke.PDS, Rifondazione Communista. Izquierda Unida, Synaspismos und die FKP sind alle einer Strömung der europäischen Linken zuzurechnen, der „Neuen Europäischen Linken“.“

Forschungsrelevant bleibt daher, ob es den inhaltlich divergenten Parteien der GUE/NGL- Fraktion trotzdem gelingt, im Plenum fraktionell geschlossen aufzutreten. Ist dies der Fall, könnte dies als Basis für die Entwicklung der EL zu einer alle Strömungen umfassenden Linkspartei angesehen werden.

1.2 Bisheriger Forschungsstand

Norbert Gresch brachte die Bedeutung der inneren Geschlossenheit auf den Punkt, als er schrieb (Gresch 1978: 43):

„Von zentraler Bedeutung für die Beurteilung und Einschätzung transnationaler Koalitionen ist die Frage nach der inneren Geschlossenheit der multinationalen Zusammenschlüsse: über welche Fähigkeiten und Ressourcen verfügen die politischen Gruppen, um nationale Interessengegensätze ihrer Mitglieder zu harmonisieren und zu einer Kompromissformel zusammenzufassen, die sie schließlich in die Lage versetzt, supranationale Politiken zu entwickeln?“

Laut Gresch haben dabei die Fraktionssitzungen eine Integrationsfunktion, da in ihnen unterschiedliche nationale oder ideologische Gegensätze vor der Abstimmung im Plenum intern geklärt werden (vgl. ebd.: 47 ff.). Diese Vorabeinigungen erschweren eine Beurteilung der inneren Geschlossenheit, für die er vier Indikatoren anführt: das Auftreten der Fraktion durch offizielle Sprecher, die Kontrolltätigkeit der Fraktion gegenüber der Exekutive, die interfraktionelle Beziehung und das, für diese Arbeit essentielle, Verhalten der Fraktionen bei Abstimmungen. „Je weniger eine Fraktion bei Abstimmungen von der Einstimmigkeit abweicht, desto höher ist ihre innere Solidarität einzuschätzen (ebd.: 59).“ Gresch bezog sich auf den von Gerda Zellentin entwickelten Kohäsionsindex (vgl. ebd.: 60 ff.). Der Kohäsionsindex drückt prozentual die Zahl der von der Einstimmigkeit abweichenden abgegebenen Stimmen im Verhältnis zur Anzahl der abgegebenen Stimmen aus, wobei Null Einstimmigkeit bedeutet (vgl. Gresch 1978: 62; Dietz 1997: 224). Fulvio Attinà nutzte dagegen einen Index of Agreement, in dem er die „Summe der Minderheitsmeinungen von der Mehrheitsmeinung abzieht und diese Zahl dann durch die Gesamtzahl der Stimmen teilt (Dietz 1997: 226; vgl. Attinà 1990: 574 ff.).“ Er kam dabei zu dem Schluss, dass die kommunistische Fraktion geschlossener als die sozialistische war, was Raunio auch nach der Spaltung der kommunistischen Fraktion bestätigte (vgl. Raunio 1997: 91 ff.). Thomas Dietz führte in seiner Analyse der grenzüberschreitenden Interaktion grüner Parteien in Europa einen Heterogenitätsindex (HI) ein (vgl. Dietz 1997: 223 ff.). Dieser wird definiert als „Anteil der bei einer Abstimmung abgegebenen (Summe der) Minderheitsvoten an den Mehrheitsvoten“ (Dietz 1997: 223 f.). Im Idealfall beträgt dieser 0, höchstens kann er 2 sein. Der Vorteil des HI liegt darin, dass er auch Konstellationen auswertbar macht, in denen es neben positiven und negativen Stimmen auch Enthaltungen gibt.

Der HI berechnet sich mit folgender Formel:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

(Vgl. ebd.: 223 ff.; 290)

Der HI wurde von Martin Schirdewan aufgegriffen und zur Beurteilung der parlamentarischen Interaktion linker Parteien in Europa angewandt (vgl. Schirdewan 2008: 186 ff.). So schrieb er: „Aussagekräftiger für die politische Kohärenz der GUE/ NGL ist jedoch das Abstimmungsverhalten von deren Abgeordneten“ (ebd.: 186).

Andrea Volkens analysierte die Wahlprogramme der drei linken Parteiengruppen auf Homogenität, um zu prognostizieren, ob sich die Linkssozialisten wie die Grünen und die Sozialdemokraten auf ein gemeinsames Programm einigen könnten (vgl. Volkens 2004: 103; 124). Zwar schrieb sie ihren Aufsatz vor Gründung der EL, doch haben sich wie von Volkens vorhergesagt (vgl. ebd.: 103)weder die skandinavischen Linkssozialisten noch die KKE der EL angeschlossen.

1.3 Fragestellung

Die vorliegende Studie bringt die beiden bisher separat untersuchten Ansätze der programmatischen Divergenz und der fraktionellen Geschlossenheit zusammen. Sie überprüft, ob zwischen den beiden Kausalität besteht. Der Blick richtet sich dabei auf zwei ausgewählte Parteien, da man, um die ideologische Homogenität der Fraktion zu ermitteln, nach den politisch- ideologischen Prädispositionen der Mitglieder in der Fraktion fragen muss (vgl. Schirdewan 2008: 213). Dabei werden die Partei des Demokratischen Sozialismus, PDS (Zwar hat sich die Partei im untersuchten Zeitraum mit der WASG zur Partei Die Linke zusammengeschlossen, da sie aber unter dem Namen PDS die Sitze im EP annahm, wird hier die alte Bezeichnung verwandt.), und die Kommunistische Partei Griechenlands (KKE) untersucht, da zwischen ihnen die höchste programmatisch- ideologische Divergenz vermutet wird.

Vor diesem Hintergrund wird gefragt:

Beeinflusst die programmatisch- ideologische Differenz die fraktionelle Geschlossenheit?

Es wird dabei angenommen, dass die linken Parteien in der GUE/NGL- Fraktion programmatisch- ideologische divergent sind. Außerdem wird unter Berufung auf die Arbeit Volkens (vgl. Volkens 2004: 106) angenommen, dass die fraktionelle Geschlossenheit desto größer ist, je größer die programmatisch- ideologische Konvergenz ist.

Daraus ergibt sich folgende Hypothese:

Die programmatisch- ideologische Divergenz der Parteien in der GUE/ NGL- Fraktion schwächt die fraktionelle Geschlossenheit.

2 Methodisches Vorgehen

2.1 Definition der Kernbegriffe

Unter programmatisch- ideologische Differenz wird die Polarisierung zwischen Parteien verstanden (vgl. Jun 2009: 15 f.). Diese manifestiert sich vor allem in der Analyse der Ideologie, welche hier als „weltanschauliches System von Überzeugungen“ verstanden wird (Weiß o.J.: 382).

Der Begriff der fraktionellen Geschlossenheit wird im Sinne der Fraktionsdisziplin verstanden. Sie entspricht einer „Handlungsmaxime, nach der die Stimmabgabe einer Fraktion einheitlich erfolgen soll“ (Grotz o.J.: 275).

Von linken Parteien ist in dieser Arbeit im Sinne der Einteilung auf der Links- Rechts- Achse die Rede.

2.2 Kommunismus versus demokratischer Sozialismus

Nach einem kurzen historischen Abriss über die Linksfraktion im EP, umfasst die programmatisch- ideologische Ausrichtung der Parteien den ersten Teil der Untersuchung. Sie repräsentiert die unabhängige Variable und wird durch eine hermeneutische Analyse der Wahlprogramme erfasst. Die Vorteile der Analyse von Wahlprogrammen erläuterte Volkens so:

„Im Gegensatz zu anderen Stellungnahmen von Parteieliten oder Parteifraktionen werden Wahlprogramme verbindlich von der Partei als Ganzes angenommen und stellen die Hauptpolitikprämissen dar, zwischen denen WählerInen sich entscheiden können (Volkens 2004: 116).“

Abgrenzend zu Volkens, welche die nationalen Wahlprogramme analysierte, liegt hier der Fokus auf den Wahlprogrammen zur Europawahl 2004. Dabei werden auf der einen Seite Politikfelder herausgearbeitet, in denen die Parteien unterschiedliche Positionen beziehen, und auf der anderen Seite solche, in denen sie inhaltlich konvergent sind, um eine optimale Streuung der unabhängigen Variable zu erreichen. Gestützt wird dieser Teil durch die Analyse von Sekundärtexten.

2.3 Der parlamentarische Alltag:

das Abstimmungsverhalten

Die fraktionelle Geschlossenheit ist die abhängige Variable. Das Abstimmungsverhalten dient als Indikator. Abstimmungen zu Politikfeldern, die in die oben genannten Kategorien fallen, sind hierbei relevant. Dabei wird überprüft, wie sich das Stimmverhalten der KKE in den verschiedenen Politikfeldern im Vergleich zum Abstimmungsverhalten der PDS verhält. Dabei muss jedoch beachtet werden, dass die Abgeordneten der Parteien nicht immer geschlossen abstimmen und es zu Abweichlern kommen kann. Dies wird weniger bei der sich durch hohe Parteidisziplin auszeichnenden KKE erwartet, die voraussichtlich geschlossen abstimmt (vgl. Richter 1979: 270). Anders verhält es sich bei der ob der vielen innerparteilichen Strömungen heterogeneren PDS (vgl. Olzog 2000: 215; Wurl 2004: 33), bei der Abweichler erwartet werden. Deshalb bildet das Abstimmungsverhalten der KKE- Abgeordneten die Vergleichsgrundlage.

Die Auswertung erfolgt anhand einer binären Codierung:

1 [Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten]KKE stimmt mit Mehrheit der anwesenden PDS- Abgeordneten.

0 [Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten] KKE stimmt nicht mit Mehrheit der anwesenden PDS- Abgeordneten.

Bei einer Bestätigung der formulierten Hypothese, müsste die Ausprägung 1 häufiger bei Politikfeldern vorkommen, in denen die Parteien programmatisch- ideologisch konvergent sind, als bei solchen, in denen sie programmatisch- ideologisch divergent sind.

Der konföderale Charakter der Fraktion lässt dabei vermuten, dass sich inhaltliche Differenzen im Abstimmungsverhalten manifestieren und nicht im Vorfeld z.B. in Fraktionssitzungen ausgeräumt wurden (vgl. Gresch 1978: 47 ff.; Schirdewan 2008: 156; 215).

3 Ideologisch- programmatische Differenzen im Plenum

3.1 Die Linke im Parlament: Eine Geschichte inhaltlicher Konflikte

Bis 1969 durften Kommunisten nicht im EP vertreten sein. Erst nach der ersten Erweiterung wurde dieses Verbot aufgehoben und es bildete sich eine Fraktion mit Delegierten aus mehreren Mitgliedsstaaten. Dabei kam es zum Aufeinandertreffen verschiedener Ausrichtungen, die sich nach der ersten Direktwahl 1979 stärker ausdifferenzierten. Nach der Süd- Erweiterung bildeten sich eine orthodoxe, bestehend aus der Kommunistischen Partei Frankreichs, der Kommunistischen Partei Portugals und der KKE, und eine reformistische, bestehend aus der Kommunistischen Partei Italiens, der Kommunistischen Partei Spaniens und der KKE Inland, Parteiengruppe in der Fraktion. Die inhaltliche Spannung spitzte sich zunehmend zu, bis es 1989 zur formalen Auflösung und zur Konstituierung zweier linker Fraktionen im EP kam: Die moderate Group of the United European Left (GUEL) und die traditionelle Left Unity Group. Nach dem Ausscheiden der KPI löste sich die GUEL 1993 wieder auf, da sie nunmehr nicht über die notwendige Anzahl von Mitgliedern für eine Fraktion verfügte. Im Anschluss an die EP- Wahlen 1994 wurde versucht, wieder eine Linksfraktion zu gründen, wobei die Initiative vom orthodoxen Flügel ausging, während die Parteien der früheren GUEL- Fraktion zögerten. Nur dank des konföderalen Prinzips, das eine hohe Autonomie für jede Mitgliedspartei ohne Zwang zur Geschlossenheit garantierte, kam es zur Konstituierung der Gauche Unitaire Européenne (GUE). Bei der Konstituierung verfügte die Fraktion zunächst über 28 Mitglieder, von denen 22 Kommunisten waren (vgl. Moreau 1998: 266 ff.). Durch die Norderweiterung 1994/ 95 traten auch die Parteien der Nordisch-Grünen Linken bei und die Fraktion änderte ihren Namen in die bis heute gültige Bezeichnung Konföderale Fraktion der Vereinigten Europäischen Linken/ Nordisch-Grüne Linke (Vgl. Schirdewan 2008: 152 ff.; Volkens 2004: 109 f.).

3.2 Die PDS und die KKE: Ausdruck der linken Vielfalt

3.2.1 Allgemeine Einordnung der Parteien

Die PDS wird der „Neuen Europäischen Linken“ zugerechnet. Sie hat nach dem Zusammenbruch des Realsozialismus eine programmatische und strukturelle Wandlung erfahren (Vgl. Schirdewan 2008: 53). Sie trat das Erbe der SED an, distanzierte sich jedoch bald von ihrer Vergangenheit und benannte sich im Februar 1992 in PDS um. Sie versteht sich nunmehr nicht mehr als Klassenpartei, sondern als linke sozialistische Partei, die eine progressive Alternative zum Kapitalismus anstrebt (Vgl. Olzog 2000: 210—212). Zwar bekennt sie sich in der sozioökonomischen Sicht zum Marxismus, jedoch unter der Prämisse, die theoretischen Marxschen Ideen immer an der gegebenen gesellschaftlichen Wirklichkeit zu überprüfen (vgl. Bartsch 2000: 58). Der Sozialismus bleibt sowohl als Bewegung gegen die Ausbeutung des Menschen durch den Menschen als auch als Wertesystem das oberste Ziel der PDS, jedoch bekennt sie sich seit 2003 uneingeschränkt zum Grundgesetz (vgl. Wurl 2004: 33—34). Wurl beschrieb den Wandel der PDS wie folgt:

„So will die PDS ihren Kampf gegen eine den Menschen ausbeutende kapitalistische Gesellschaft fortsetzen, jedoch dabei die Verbrechen von Menschen, die sich Sozialisten und Kommunisten nannten, vor Augen behalten. Sie lehnt nach eigenen Aussagen jede Diktatur und jeden Versuch ab, ‚mit totalitären Mitteln Fortschritt zu erreichen‘. Sie selbst habe gelernt, dass die Missachtung von Demokratie und Bürgerrechten mit Sozialismus unvereinbar ist (ebd.: 35).“

Es gibt häufig enorme Auseinandersetzungen zwischen den unterschiedlichen, auch radikal kommunistischen Strömungen innerhalb der PDS (vgl. ebd.: 33; Olzog 2000: 215). Europapolitisch gehört sie zu den Hauptinitiatoren der EL (vgl. Schirdewan 2008: 63).

Die KKE dagegen gehört zu den ,,klassisch“ kommunistischen Parteien (vgl. Schirdewan 2008: 54), welche an orthodoxen marxistisch- leninistischen Inhalten, ihrer Avantgardeposition und ihren hierarchisch innerparteilichen Strukturen festhalten (vgl. Richter 1979: 270 ff.). Sie wurde unter dem direkten Einfluss der russischen Oktoberrevolution im November 1918 als Sozialistische Arbeiterpartei Griechenlands gegründet. Auf ihrem 3.Parteitag benannte sie sich in ‚Kommunistitó Kómma Elládas‘ (KKE) um (vgl. Kellmann 1988: 199) und war fortwährend sehr KPdSU- hörig (vgl. Richter 1979: 282). Ihr orthodoxes Programm ist auf die Belange der Arbeiterklasse und auf die revolutionäre, nicht zwangsläufig gewaltlose Umgestaltung der Gesellschaft zugeschnitten (vgl. ebd.: 284; 298 f.). Sie ist gegen den Parteienpluralismus und hält die Regeln des Parlamentarismus nur so lange ein, wie es der Partei nützt, so akzeptiert sie den Machtwechsel zwischen Regierung und Opposition nur zu Gunsten der Partei (vgl. ebd.: 288 f.). Ihre Politik fußt auf der Annahme, dass Griechenland vom ausländischen Monopolkapital beherrscht ist, dessen Ziele mit Hilfe der staatlichen Wirtschafts-, Finanz- und Steuerpolitik durchgesetzt werden (vgl. Tsonis 1987: 101). Der EU und der EL steht die Partei ablehnend gegenüber (vgl. Schirdewan 2008: 54).

3.2.2 Programmvergleich

Zur Auswahl geeigneter Politikfelder als Vergleichsgrundlage wurde sich an der Arbeit von Volkens orientiert, welche die Ergebnisse ihrer Analyse der nationalen Wahlprogramme in einem Links- Rechts- Index ausdrückte, der von -∞ bis +∞ geht, wobei negative Werte gleichzusetzen sind mit linkspolitischen Positionen (vgl. Volkens 2004: 132 f.).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

(vgl. ebd.: 119 ff.; zusammenfassende eigene Darstellung)

3.2.2.1 Inhaltlich- programmatisch konvergente Politikfelder
3.2.2.1.1 Verteidigungspolitik

Beide Parteien lehnen jeglichen EU- Militäreinsatz und die Androhung bzw. Anwendung militärischer Gewalt in den Internationalen Beziehungen ab (vgl. PDS 2004: 30; Tsonis 1987: 281). So schreibt das Zentralkomitee der KKE (CC of KKE) über ihren Widerstand gegen: „Militarization, state terrorism and oppression. Sending troops to wage imperialist wars. Changing frontiers and creating protectorate states, suspending collective and individual rights (CC of KKE 2004: o.S.).”

Es wird gefordert, dass alle Beschlüsse, welche die EU in eine „global agierende Militärmacht“ (PDS 2004: 30) oder in einen „second global policeman“ (CC of KKE 2004: o.S.) verwandeln, aufgehoben werden. Rüstungsexporte sollen beendet, die Rüstungsindustrie nur für zivile Zwecke verwandt und verpflichtend abgerüstet werden (vgl. PDS 2004: 24; 31).

Beide Parteien sind für eine Reduzierung der militärischen Kapazitäten bis zur strukturellen Nichtangriffsfähigkeit (vgl. PDS 2004: 33). PDS und KKE fordern eine kritische Auseinandersetzung mit der „imperialistischen Außen, Militär- und Sicherheitspolitik der USA“ (ebd.: 30) und eine Auflösung der Militärallianz mit den selbigen (vgl. ebd.: 31; Tsonis 1987: 281). Anstelle militärischer Mittel soll eine präventive und ursachenorientierte Konfliktbearbeitung treten. Sie sind gegen eine gemeinschaftliche EU- Armee (Vgl. PDS 2004: 31). So schreibt das Zentralkomitee der KKE in ihrem Programm von „Resistance and struggle against the common European defence policy and against the European army” (CC of KKE 2004: o.S.). Auch der Kampf gegen den Terror soll ursachenorientiert und unter Wahrung rechtsstaatlicher Prinzipien erfolgen. Beide Parteien sind für eine Normalisierung der politischen und wirtschaftlichen Beziehungen zu Kuba (vgl. PDS 2004: 32; CC of KKE 2004: o.S.).

3.2.2.1.2 Arbeit und Soziales

Die PDS und die KKE sind gegen die Flexibilisierung und Deregulierung des Arbeitsmarktes. Beide sehen in Minijobs und Niedriglöhnen den Grund für die hohe Arbeitslosenquote (vgl. PDS 2004: 10; CC of KKE: o.S.). Den Lösungsansatz sehen beide in der Absenkung der Arbeitslosenzeit. Während sich die PDS für eine europaweite wöchentliche Höchstarbeitszeit von 40 Stunden ausspricht (vgl. PDS 2004: 11), fordert die KKE „the establishment of the 35- hour week, i.e. 7- hour day and 5- day week“ (CC of KKE 2004: o.S.). Unterschiede existieren bezüglich der Teilzeitarbeit, die laut KKE genauso wie Überstunden verboten werden soll (vgl. Tsonis 1987: 281). Die PDS strebt stattdessen „substanziell geschützte Teilzeitzeitarbeit (15- 25 Wochenstunden)“ bei Halbierung der Überstunden bis 2007 (PDS 2004: 12) an. Einig sind sich beide im Ausbau der Maßnahmen für qualifizierte Aus-, Weiterbildungen und Umschulungen, nach deren Abschluss die PDS eine Arbeitsplatzgarantie von mindestens 12 Monaten fordert (vgl. ebd.: 12 f.). Außerdem treten sie für eine Vereinfachung des Übergangs von der Schule in den Beruf ein. So fordert die KKE „full employment for women and young people after completing their studies” (CC of KKE 2004: o.S.). Während aber die PDS „Vollbeschäftigung bei sozialem Gehalt bis 2010“ (PDS 2004: 10) anstrebt, ist die Arbeitslosigkeit für die KKE nur eindämmbar, da sie zum Wesen des Kapitalismus gehört (vgl. Tsonis 1987: 281).

[...]

Ende der Leseprobe aus 45 Seiten

Details

Titel
Die GUE/ NGL-Fraktion - eine vereinigte Linke im Europäischen Parlament?
Hochschule
Freie Universität Berlin  (Otto-Suhr-Institut)
Veranstaltung
Multi- Level Governance am Bsp. der europäischen Umweltpolitik
Autor
Jahr
2010
Seiten
45
Katalognummer
V165434
ISBN (eBook)
9783640810444
ISBN (Buch)
9783640810123
Dateigröße
772 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Europäisches Parlament, GUE/NGL-Fraktion, Europäische Linke, Matthias Dilling
Arbeit zitieren
Matthias Dilling (Autor), 2010, Die GUE/ NGL-Fraktion - eine vereinigte Linke im Europäischen Parlament?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/165434

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