Liebe als Rollenspiel in Stendhals "Le Rouge et le Noir"


Seminararbeit, 2010
16 Seiten, Note: 2,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Nachahmung historischer Idole
2.1 Julien als Napoléon
2.2 Mathilde als Marguerite de Navarre

3. Die Moralistik von La Rochefoucauld

4. Die Rolle der Moralistik in Le Rouge et le Noir
4.1 Die Entscheidung zur „Liebe“
4.2 Liebe als Machtspiel

5. Bewertungsmöglichkeiten des Rollenspiels

6. Fazit

7. Bibliographie

RN = Le Rouge et le Noir

LRF = La Rochefoucauld

1. Einleitung

Der Roman Le Rouge et le Noir von Stendhal erzählt die Geschichte des Sohns eines Mühlenbesitzers aus der französischen Provinz, Julien Sorel. Die Handlung spielt in der französischen Restauration, unmittelbar in der Zeit vor 1830.

Im Mittelpunkt des Romans, der die gesellschaftliche Realität aufs Genaueste versucht widerzuspiegeln, steht der soziale Aufstieg des Helden Julien, dem es gelingt, seiner niederen Herkunft zu entfliehen. Um in der Zeit der Restauration sein Glück zu machen, entscheidet sich Julien Priester zu werden. Dank seiner Intelligenz und Willenskraft bekommt er schnell eine Anstellung als Lehrer im Hause des Bürgermeisters von Verrières. Nachdem bekannt wird, dass Julien mit Mme de Rênal, der Frau des Bürgermeisters, eine Affäre hat, muss dieser Verrières verlassen. Ihm wird ein Platz im Priesterseminar von Besançon vermittelt, wo er zum Protegé des Seminarleiters, Abbé Pirard, wird. Durch den Einfluss des Abts erhält Julien schließlich eine Anstellung als Sekretär beim Marquis de la Mole, einem hochangesehenen Diplomaten in Paris. Der Held betritt nun eine gänzlich neue Welt, die des alten Adels. Er wird täglich mit Reichtum und Überfluss konfrontiert und er spürt seine standesbedingte Unterlegenheit, die er aber nicht akzeptieren möchte.

Julien lernt die Tochter des Marquis de la Mole kennen, Mathilde. Schon bald entwickelt sich zwischen dem mittellosen Provinzjungen und der adeligen Schönheit eine geheime Liebesbeziehung.

Die folgende Hausarbeit macht es sich zur Aufgabe, herauszuarbeiten, wieso man die Liebesbeziehung zwischen Julien und Mathilde als Rollenspiel bezeichnen muss, wieso man hierbei gerade nicht von aufrichtiger Liebe sprechen kann. So gilt es festzustellen, was dieses Rollenspiel auszeichnet. Im Hinterkopf soll bei der Analyse stets die Fragestellung behalten werden, wie das Rollenspiel bewertet werden kann. Welche Bewertung nimmt etwa Stendhal vor?

Dazu gilt es zunächst, die imaginären Rollen vorzustellen, die die beiden Hauptfiguren annehmen und durch die sie versuchen, sich von den gesellschaftlichen Zuständen ihrer Zeit zu distanzieren:

2. Die Nachahmung historischer Idole

2.1 Julien als Napoléon

Von Beginn an erfährt der Leser von Juliens Bewunderung für Napoléon Bonaparte. Julien ist ein glühender Verehrer des französischen Generals und Kaisers, der einige Jahre zuvor abgesetzt worden ist. Der junge Priesteranwärter verbringt seine Zeit mit dem Lesen von Büchern über dessen Heldentaten (RN 26). Durch die Lektüre schafft er sich eine Traumwelt, die ihn vor der verhassten Realität entfliehen lässt (RN 32 ff.). Er träumt davon, zu Zeiten dieser vergangenen Epoche gelebt zu haben, in der man auch als Bauernsohn aus der Provinz eine große Offizierskarriere hätte machen können. Julien hadert mit seinem Schicksal zur Zeit der post- napoleonischen Restauration geboren zu sein, in der ihm ein militärischer Aufstieg verwehrt ist. Sein leidenschaftliches und phantasievolles Wesen hat sich seit seiner frühesten Jugend für die großen Ideen der Revolution, für die großen Ereignisse der napoleonischen Epoche begeistert. Den nun herrschenden Schichten bringt er nichts als Verachtung entgegen, er verurteilt ihre Heuchelei und verlogene Korruption. Dennoch drehen sich seine Gedanken nur darum, wie er den sozialen Aufstieg meistern kann. Er ist zu ambitioniert, ehrgeizig und herrschsüchtig, um sich mit einer bescheidenen Existenz im Bürgertum zu begnügen. So wird er selbst zum Heuchler, da er versucht durch die Kirche aufzusteigen, ohne sich jedoch mit der Bibel, die er auswendig zu rezitieren lernt, zu identifizieren.2 Julien sieht sich zu diesem Schritt gezwungen. Denn er liegt mit der Gesellschaft im Krieg, da nur die Geburt für die Stellung in dieser ausschlaggebend ist. Doch Julien möchte sich nicht auf seine ärmliche Herkunft reduzieren lassen, die seinem Charakter nicht gerecht wird. Er fühlt sich zu höherem bestimmt, seine niedere Geburt dürfe ihn daran nicht hindern, ihn nicht benachteiligen. Ausschlaggebend müsse die Begabung sein, so wie einst bei Napoléon, der ebenfalls keinen sozialen Rang hatte und dennoch Europa eroberte.

Eine Szene im ersten Buch zeigt besonders eindrucksvoll, wie sehr Julien seinem Idol Napoléon nacheifert: Nach der Auseinandersetzung mit M. de Rênal in dessen Sommerhaus in Vergy geht Julien triumphierend durch den Wald nach Verrières. Er kostet den soeben errungenen Sieg gegen M. de Rênal aus, der ihm kurz zuvor eine monatliche Bezahlung von 50 Francs versprochen hat, nachdem Julien ihn verbal angegriffen hatte (RN 69). Als Zeichen seines ersten Sieges auf dem Weg nach oben, besteigt Julien einen hohen Felsen, der die gesamte Umgebung überragt. Die Szene scheint deutlich machen zu wollen, dass Julien die Welt zu Füßen liegt, er sie nur erobern müsse. Alles ist Harmonie in dieser Situation, unser Held befindet sich im Einklang mit sich und der Natur. Er erblickt einen Sperber, der den unbegrenzten Raum von oben zu beherrschen scheint. Die Metapher des in hohen Lüften kreisenden Raubvogels steht sinnbildlich für Juliens unbändigen Willen ebenfalls in höhere Sphären aufzusteigen. Julien genießt einen Augenblick lang seinen Triumph über M. de Rênal. Er scheint zufrieden, doch bei Anblick des Raubvogels sehnt er sich sogleich nach Macht: „il enviait cette force, il enviait cet isolement. C'était la destinée de Napoléon, serait-ce un jour la sienne?“ (RN 70). Juliens größter Wunsch besteht darin, aufzusteigen, sich wie einst Napoléon zu größeren Aufgaben aufzuschwingen, sein orgueil3 verpflichtet ihn zum Aufstieg, sein unbändiger Ehrgeiz, seine immense Willenskraft treiben ihn an. Diese volont é verleiht ihm die Energie, seine Ziele zu erreichen.

Verachtung ist für Julien unerträglich, sein orgueil bedarf permanenter Anerkennung durch die anderen. Überlegenheit der anderen erträgt sein stolzer amour-propre4 nicht, sofort möchte Julien über die anderen triumphieren, sie an Größe übertreffen, keinesfalls mit ihnen nur auf einer Stufe stehen. Julien nimmt die Rolle des Napoléon an, um seinem provinziellen Bauerndasein zu entfliehen. Er ist demnach Rollenspieler aus Ressentiment5, hegt Julien doch einen tiefen Hass gegen seine Herkunft, die ihn zu einem gesellschaftlichen monstre mache (RN 450).

2.2 Mathilde als Marguerite de Navarre

Auch die Tochter des Marquis de La Mole wählt sich ein historisches Idol, in dessen Rolle sie dem ihr verhassten Alltag zu entfliehen versucht. Mathilde ist zutiefst gelangweilt vom Adelsleben der Restauration. Deshalb treibt sie einen phantastischen Kult mit einem ihrer Vorfahren, der wegen einer Verschwörung am 30. April 1574 auf der Place de Grève in Paris hingerichtet wurde. Es handelt sich um Boniface de La Mole, der der Geliebte der Königin Marguerite de Navarre war. Boniface plante die heldenhafte Befreiung seiner Freunde: des Bruders des sterbenden Königs Karl IX, sowie vom Herzog von Alencon und dem König von Navarra, die allesamt von der Königin Katharina von Médicis am Hofe gefangen gehalten wurden. Doch er wurde verraten (RN 306). Mathilde ist fasziniert vom Heldenmut der Marguerite de Navarre, die sich in einem Haus an der Place de Grève während der Hinrichtung versteckt gehalten und den Henker um den Kopf ihres Geliebten gebeten haben soll. In der darauffolgenden Nacht soll Marguerite den Kopf von Boniface in einer Kapelle am Fuße des Montmartre selbst beigesetzt haben (RN 308).

Mathilde sehnt sich zurück in die heldenhafte Zeit ihres Vorfahren, der mit den bedeutendsten Männern verkehrte und auch den Tod nicht scheute: schließlich wurde er bei dem Versuch festgenommen, den späteren König von Frankreich, Heinrich IV6 und den Bruder des damaligen Königs zu befreien. Sie bewundert Marguerite, da sie in ihr eine heroisch, leidenschaftlich und wahrhaft Liebende sieht. All das, was im langweiligen 19. Jahrhundert unmöglich erscheint. Um an ihren heroischen Vorfahren zu erinnern, trägt Mathilde jedes Jahr an dessen Todestag ein schwarzes Kleid zur Trauer (RN 304). Sie möchte es dem Heroismus ihrer Vorfahren gleichtun.7 Deshalb nimmt sie die Rolle einer neuen Marguerite de Navarre ein, auf der Suche nach einem neuen Boniface de La Mole.8 Mathilde kann nur Leidenschaft entwickeln, indem sie diese imaginäre Rolle auslebt. Sie ist Rollenspielerin aus Frustration über die herrschende Langeweile und die fehlende Seelengröße bei den Vertretern des Adels, die sie mit der Geschichte ihrer Ahnen und Werken anderer der Restauration feindlich gegenüber stehender Autoren zu kompensieren versucht.9

3. Die Moralistik von La Rochefoucauld

Als weiteres wichtiges Element der Liebe als Rollenspiel zwischen Julien und Mathilde soll an dieser Stelle knapp die Moralistik von La Rochefoucauld (LRF) vorgestellt werden. Sie ist Voraussetzung für das Verständnis der Liebesbeziehung, so sind in ihr etwa die Gründe für diese außergewöhnliche Liaison zu finden.

Um den Rahmen der Hausarbeit zu wahren, werde ich mich unmittelbar den Kernaussagen der Maximen LRFs widmen und hier nicht auf deren Entstehung im 17. Jahrhundert eingehen. Nach LRF ist das Handeln des Menschen determiniert. Er bezweifelt die Autonomie des Menschen, dieser bestimme nicht selbst über sich, er besitze keine Selbstverfügung. Doch was bestimmt dann das menschliche Handeln?

Der zentrale Begriff der Maximen LRFs ist der amour-propre. In der Eigenliebe sieht er den Ursprung und den Antrieb allen menschlichen Handelns. LRF führt neben dem amour-propre noch zwei weitere Faktoren an, die den Menschen fremd bestimmen. Zum einem die humeurs, die er als körperlich-seelische Verfassung, als Naturell des Menschen charakterisiert. Zum anderen die fortune, die man wohl als „Besitzstand/Vermögen“ oder auch „Schicksal“ bezeichnen muss.10 Der entscheidende Faktor ist aber die Eigenliebe, durch die LRF tugendhaftes Verhalten demaskiert:„Nos vertus ne sont le plus souvent que des vices déguisés.“11

Tugend wird hier als Schein entlarvt, als Maske, die den wahren Handlungsursprung versteckt - nämlich den amour-propre. LRF geht von einem sehr negativen Menschenbild aus. Er postuliert in seinen Maximen drei Handlungsimpulse, die für ihn an die Stelle der Tugenden treten. In Abgrenzung zu den scheinbaren Tugenden nennt er sie vices und bezeichnet sie als Erscheinungsformen des amour-propre. Die drei Triebfedern des menschlichen Handelns seien der Geltungsdrang, der Egoismus und der Machttrieb.12

Dem Geltungsdrang (l'amour de la gloire, la crainte de la honte) geht es stets darum, ein positives Echo im Urteil der Mitwelt zu finden. Durch ihn wird etwa die Tugend der Bescheidenheit demaskiert, denn bei LRF heißt es: „Die Bescheidenheit, die Lob abwehrt, will doppelt gelobt werden.“ Diese Maxime ist so zu verstehen, dass derjenige, der Lob abwehrt, dies nicht aus Bescheidenheit macht, sondern ganz im Gegenteil aus Geltungsdrang, weiter und heftiger gelobt zu werden. Es ist die Eigenliebe und nicht die Tugend, die einem in dieser Situation sagt, bescheiden zu sein, denn sie weiß, dass man dann umso mehr gelobt wird.13

Der Egoismus ist für LRF der zweite große Handlungsantrieb. Die Tugend der Gerechtigkeitsliebe ist demnach eigentlich nur ein egoistisches Interesse, sich selbst vor Schaden zu bewahren. Auch die Freundschaft wird gnadenlos auf den Egoismus zurückgeführt: „Ce n'est enfin qu'un commerce où l'amour-propre se propose toujours quelque chose à gagner.“ Man schließt Freundschaften also nicht einfach nur aus dem Willen mit jemandem freundschaftlich verbunden zu sein, sondern aus Eigenliebe mit der Absicht von diesem „Geschäft“ maximal zu profitieren.14

Als dritten Handlungsimpuls des Menschen führt LRF den Machttrieb an, dessen Devise abaisser les autres laute. Menschen handeln, weil sie andere Menschen dem eigenen Machtbereich unterwerfen wollen zum Zweck der eigenen Selbsterhaltung. Es ist der Versuch, die Mitwelt in Abhängigkeit von sich selbst zu bringen. So demaskiert LRF die Tugend der Treue als „invention de l'amour-propre pour attirer la confiance.“ Hinter der Tugend der Treue versteckt sich erneut die Eigenliebe, die durch Treuebekundungen beim anderen volles Vertrauen erzeugt, das sich in der Folge missbrauchen lässt. Ebenso geschehen nach LRF Mitleidsbekundungen nicht aus tugendhaftem Verhalten, sondern aus purem Machttrieb.

„C'est pour leur faire sentir que nous sommes au-dessus d'eux que nous leur donnons des marques de compassion (Max. 463).“

Mitleid wird also nicht eingesetzt, um den anderen wiederaufzurichten, sondern um ihn spüren zu lassen, aus welcher Höhe man sich zu ihm herabbeugt, um ihm ein möglichst dauerhaftes Unterlegenheitsbewusstsein einzuprägen und die eigene Stellung somit zu stärken.15 Der Begriff des amour-propre findet bei LRF nicht nur wie eben gesehen als Antrieb des Handelns Verwendung, sondern auch als innere Disposition des Menschen, die zur 1 Julien als Napoléon und Mathilde als Marguerite de Navarre. In einem nächsten Schritt soll der Leser kurz in die Grundlagen der Moralistik von La Rochefoucauld eingeführt werden, bevor die Bedeutung der Moralistik für das Rollenspiel in Le Rouge et le Noir dann im folgenden Abschnitt an exemplarischen Textstellen erläutert wird. Im letzten Kapitel geht es um die Beantwortung der Frage, welche Bewertungsmöglichkeiten das Rollenspiel zulässt. Abschließend wird ein Fazit nochmals die wesentlichen Aspekte der Hausarbeit resümieren.

[...]


1Warning: Rainer: Die Phantasie der Realisten, München 1999, S. 19. 1

2Auerbach, Erich: Mimesis. Dargestellte Wirklichkeit in der abendl ä ndischen Literatur, Tübingen 91994, S. 424.

3Der Begriff orgueil findet häufig Verwendung bei Stendhal. Gemeint ist der Stolz, oft auch der Hochmut.

4Der amour-propre ist ein moralistischer Begriff, der besagt, dass alles menschliche Handeln auf die Eigenliebe zurückzuführen ist; genaueres im Kapitel über die Moralistik.

5Warning: Die Phantasie der Realisten, S. 115.

6Heinrich IV war sowohl König von Navarra, als auch König von Frankreich. Somit war seine Ehefrau die Königin von Navarra, Marguerite de Navarre. 3

7Warning: Die Phantasie der Realisten, S. 119 f.

8Ebd., S. 19.

9Ebd., S. 115.

10Steland, Dieter: Studien zum Verh ä ltnis zwischen Moralistik und Erz ä hlkunst. Von La Rochefoucauld und Mme de Lafayette bis Marivaux, München 1984, S. 18 ff.

11Ebd., S. 34. 4

12Steland: Studien zum Verh ä ltnis zwischen Moralistik und Erz ä hlkunst, S. 26.

13Vgl. ebd., S. 22.

14Ebd., S. 23 f.

15Ebd., S. 25. 5

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Liebe als Rollenspiel in Stendhals "Le Rouge et le Noir"
Hochschule
Universität Konstanz  (Literaturwissenschaft/Romanistik)
Veranstaltung
Realistisches Erzählen
Note
2,0
Autor
Jahr
2010
Seiten
16
Katalognummer
V165535
ISBN (eBook)
9783640812028
ISBN (Buch)
9783640812141
Dateigröße
517 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Stendhal, Le Rouge et le Noir, La Rochefoucauld, Moralistik, Moral, Liebe, Machtspiel, realistisches Erzählen
Arbeit zitieren
Erik Gerhard (Autor), 2010, Liebe als Rollenspiel in Stendhals "Le Rouge et le Noir", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/165535

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