"La Virgen Triste" von Julián del Casal - eine Gedichtanalyse


Seminararbeit, 2010

6 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

La Virgen Triste- Julián del Casal

1893 schrieb Julián del Casal das Gedicht „La Virgen Triste“[1], dass er Juana Borrero widmete und in dem er den frühen Tod der Künstlerin vorhersagte. Diese Prophezeiung trat tatsächlich drei Jahre nach Publizierung des Gedichtes ein. Wohl auch aus diesem Grunde hat das Gedicht für solch große Aufmerksamkeit gesorgt.

Rubén Darío schrieb in seinem Artikel „Juana Borrero“: “Julián del Casal y al lado suyo su hermana de espíritu [...] Juana Borrero“[2]. Es bleibt jedoch offen, wie die Freundschaft zwischen dem Poeten und dem begabten Mädchen tatsächlich gestaltet war, denn nach Aussage von Casal hat er das Mädchen nur zweimal gesehen.[3]

Das freundschaftliche Verhältnis der Beiden ist auch essentieller Bestandteil in „Evocación de Juana Borrero“, geschrieben von der Schwester Dulce María Borrero. Ihr erstes Zusammentreffen im Jahre 1891 schildert sie folgendermaßen:

Sin mirarla – Casal no parecía mirar nunca,– vio desde el primer día la “tez de ámbar”, las “pupilas de terciopelo” y la testa de la joven Musa erguida en gesto altivo, involuntario. Y vio también el bardo, por esa capacidad adivinatoria que sólo poseen los tristes, que sobre aquellas facciones juveniles de la niña genial, veladas ya de una honda amargura, flotaba “la tristeza prematura de los grandes corazones”.[4]

Jedoch bleibt unklar inwieweit dies eine realistische Wiedergabe der Begebenheiten ist oder eine Romantisierung und Mystifizierung der tatsächlichen Vorkommnisse darstellt.

Trotz alledem scheint fest zu stehen, dass Juana Borrero einen starken Eindruck hinterlassen hat und Spuren in seinem Werk geblieben sind. So schrieb er 1892 das Gedicht „Juana Borrero“ und ein Jahr später „la Virgen Triste“. Dass seine Anspielungen in dem Gedicht „Virgen Triste“ nur auf Wahrheit basieren, ist aufgrund der geringen Anzahl von Zusammentreffen nicht anzunehmen und da es sich im Rahmen eines Kunstwerkes bei der Darstellung von Personen oder Figuren immer um eine Konstruktion handelt, ist auch nicht ausschlaggebend, ob oder ob nicht das Gedicht Wahrhaftiges widerspiegelt. Allein durch die sorgfältig konstruierten und ausbalancierten Verse ist das Gedicht eine nähere Betrachtung wert.

Das Gedicht ist regelmäßig aufgebaut: acht Strophen mit jeweils fünf Versen, die ersten drei Strophen besitzen den Kreuzreim ABABA, dann ab der fünften wird kontinuierlich gewechselt von ABBAB, AABBA, ABBAB zu ABAAB immer unter Verwendung von Vollreimen, die Verse sind meist zwölfsilbig.

In der ersten Strophe spricht das lyrische Ich die „Virgen triste“ direkt mit „Tú“ an. In dieser Strophe wird ihre Einzigartigkeit, beispielsweise Andersartigkeit, unterstrichen mit dem Ausdruck „con las flores de otras padreras nacidas bajo cielos desconocidos“. Mit diesem Ausdruck schwingt auch eine gewisse Verrätselung mit. „Tu sueñas” und “en tu alma nuevas quimeras” deuten auf ihre Verträumtheit und ihre blühende Fantasie hin. Vielleicht deutet „quimeras“ auch auf das gleichnamige Gedicht von Juana Borrero von 1892 hin, in dem es heißt:

[...]

El ideal que me entusiasma

El desaliento que me enerva,

Y la recóndita tortura

Que me producen las tristezas

De aspiraciones imposibles

Que me amargaron la existencia![5]

In diesem Kontext passend stehen die zweite und dritte Strophe, in denen ihre Weltabkehr zum Vorschein kommt, denn keine Genüsse dieser Welt erfreuen sie, die weltlichen Freuden verärgern sie sogar.

In der vierten Strophe kommt seine Bewunderung zum Ausdruck: „ no hay nadie que contemple tu gracia excelsa.“ Aufgrund dieser Großartigkeit sollte diese von einem Dichter (bardo) verewigt werden, jedoch ohne dass diese Bewunderung in eine fleischliche Liebesaffäre mündet, wie das Liebespaar Lohengrin und Elsa aus der Oper von Wagner (1850) und Pedro Abelardo und Eloísa[6] auf. Durch Inversionen[7] werden in dieser Strophe dem Leser einige Hindernisse in den Weg gelegt.

Mit dem Ausdruck „polvo místico“ schwingt hier auch eine Mystifizierung mit, die schon in der ersten Strophe angedeutet war (bajo cielos desconocidos). Das Mädchen wird rätselhaft und scheint nicht zu dieser Welt zu gehören. Diese Sehnsucht nach einer anderen Welt wird noch umso deutlicher in der nächsten Strophe (…nostalgia de otras regiones, ansían de la tierra volar muy lejos). Dieser Geist des Künstlers scheint nicht zur der materialistischen Umwelt zu passen (huyendo de su siglo materialista). Man weiß aus anderen Quellen, dass Julián del Casal eine große Bewunderung für das künstlerische bzw. literarische Talent Juanas Borreros hegte. So schrieb er in einer Karte datiert auf den 25. Mai 1891 an Esteban Borrero über das damals dreizehnjährige Mädchen:

“No creo que haya habido aquí, en ninguna época, un solo poeta que haya escrito un soneto tan perfecta a ese edad, ni creo que entre los que hoy escriben versos, no siendoVerona, exista quien lo pueda igualar”.[8]

Die Bewunderung, die schon in allen vorherigen Strophen zum Vorschein drang, wird in der letzten Strophe noch einmal explizit aufgenommen: „ yo siempre te adoro “. Danach kommt auch gleich die Begründung für diese- nicht nur weil sie alles für nichtig erklärt (juzgas vano) und aufgrund ihrer Schönheit bewundert er sie, sondern vor allem für die Traurigkeit, die er in ihr sieht. Auch erinnern diese Worte an die Zeilen „ la tristeza prematura de los grandes corazones “ des Gedichtes “Juana Borrero” ebenfalls von Casal. Der Dichter scheint die Tristesse zu verherrlichen, dies kommt auch in einer Karte an Borrero heraus:

siento hasta usted grandes simpatías… Los seres felices, o mejor dicho, los satisfechos me repugnan. En cambio, los tristes me inspiran amor.[9]

Zudem scheint auffallend, dass er die männliche Form “hermano” anstatt “hermana” benutzt. Wahrscheinlich jedoch ist der Grund die Einhaltung des Reimschemas oder aber er möchte ihre Ebenbürtigkeit unterstreichen.

Auch erscheint der Ausdruck „ la expresión celeste de tu belleza “ interessant. Die Farbe „celeste“ könnte für das Himmlische, die Sehnsucht, das Besondere und das Verträumte stehen. In diesem Zusammenhang könnte dies bedeuten, dass ein Ausdruck vom Himmlischen, Besonderen, Entrückten in ihrer Schönheit steckt. Jedoch steht diese Schönheit anders als im Gedicht „Juana Borrero“ nicht im Mittelpunkt, sondern eben ihre „ alma del artista “. Jedoch scheint dieser besondere Geist dafür prädestiniert zu sein, einen frühen Tod zu erleiden. Es scheint fast so, als ob das Mädchen zu gut für diese Welt sei und so folgt in der letzten Zeile die Prophezeiung „ de los seres que deben morir temprano “. Rubén Darío erläutert diese Zeile folgendermaßen:

[…] había asimismo en su faz la tristeza especial que señala a los seres que deben temprano. morir y que en lo antiguo indicaría una predilección de los dioses. Parece que estos seres fuesen de vuelo hacia una región señalada y que en su peregrinación se equivoquesen de senda y se hallasen de pronto perdidos en la áspera selva de esta existencia.[10]

Rubén Darío vergleicht Borrero zudem mit Marie Blashkirtsheff[11].Dieser Vergleich ist äußerst interessant, da die Russin als „berühmteste reale Vorlage der femme fragile der Jahrhundertwende“ gilt.[12] Auch im Gedicht „Virgen Triste“ erinnert die Todesnähe, die Fragilität, die Hysterie, die Asexualität im Sinne der Jungfräulichkeit, die sie mit ins Grab nimmt, an die Figur femme fragile. Jedoch widersprechen dem die hohe geistige Reife und die brüderliche Freundschaft. Esperanza Figueroa sieht gerade in diesem Aspekt das Wertvolle in diesem Gedicht und erläutert dies folgendermaßen:

El poema es importante por sí mismo. Es parte del ciclo de la mujer amiga, la mujer igual, la mujer con quien se comparte la tragedia del pensamiento.

Auch erinnert der Charakter vor allem an das Bild des Künstlers der Jahrhundertwende: Der Rückzug in die Innerlichkeit, das Nervöse, die Weltabkehr, der Hang zur Melancholie und Lethargie.

Somit sticht das Gedicht nicht nur aufgrund der eingetretenen Prophezeiung heraus, sondern auch wegen der gelungenen Komposition der Verse. Zudem stellt die Darstellung von Borrero als „hermano“ und „alma de artista“ eine Abkehr zum traditionellen Frauenbild dar.

[...]


[1] Publiziert in „La Habana Elegante“ 20. 08. 1893

[2] Rubén Dario In: José María Monner Sans (1952): Julián del Casal y el modernismo hispanoamericano. Seite 250.

[3] Vgl.: Julián del Casal: Poesías completas y pequeños poemas en prosa en orden cronológico. Edición crítica de Esperanza Figueroa, Seite 353

[4] Dulce María Borrero. “Evocación de Juana Borrero”. Revista Cubana, XX, jul-dic., 1945.

Seite: 31-33.

[5] Fransico Morán: la pasión del obstáculo: Poemas y cartas de Juana Borrero, Seite 7

[6] Abelardo und Eloísa zählen zu den berühmtesten Liebespaaren der Weltliteratur. Aufgrund eines Keuschheitsgelübdes musste sich das Liebespaar trennen. Der Briefwechsel der Beiden steht dabei im Vordergrund verschiedener dichterischer Ausformungen im 18 Jahrhundert. (Vgl. Frenzel (2005): 1f.) Und auch das Liebespaar Lohengrin und Elsa fand nicht zu ihrem Glück, da Elsa das Sprechverbot bricht und daraufhin von Lohengrin verlassen wird. (Vgl. Frenzel (2005)

[7] „eternizar debiera la voz de un bardo“ anstatt „la voz de un bardo debiera eternizar“; “de amor el dardo” anstatt “el dardo de amor” und “ al mirar a Eloísa, Pedro Abelardo” anstatt “Pedro Abelardo al mirar a Eloísa”

[8] José María Monner Sans (1952): Julián del Casal y el modernismo hispanoamericano. México: El Colegio de México Seite 267.

[9] Ebd, Seite 265

[10] Rúben Darío. In: Monner Sans (1952): Julián del Casal y el modernismo hispanoamericano. México: El Colegio de México. Seite 251

[11] Ebd., Seite 250

[12] Catani, Stephanie (2005): Das fiktive Geschlecht: Weiblichkeit in anthropologischen Entwürfen und literarischen Texten zwischen 1885 und 1925. Seite 106

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Details

Titel
"La Virgen Triste" von Julián del Casal - eine Gedichtanalyse
Hochschule
Universität Potsdam
Veranstaltung
Modernistische Lyrik
Note
1,3
Autor
Jahr
2010
Seiten
6
Katalognummer
V165538
ISBN (eBook)
9783640819478
Dateigröße
464 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
virgen, triste, julián, casal, gedichtanalyse
Arbeit zitieren
Eva-Maria Witzig (Autor), 2010, "La Virgen Triste" von Julián del Casal - eine Gedichtanalyse, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/165538

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