Die gespannte Beziehung zwischen Frankreich und Deutschland wurde nach dem Ende
des Zweiten Weltkriegs neu aufgebaut und die zwei ehemalig feindliche Nationen
besannen sich zu freundlicher Zusammenarbeit. Jedoch wurde die neue freundschaftliche
Beziehung gelegentlich auf die Probe gestellt. Dabei hat neben Frankreichs
Deutschlandpolitik in der Zeit zwischen 1945 und 1949 wohl keine Debatte solche
Kontroversen ausgelöst wie die Haltung Frankreichs zur deutschen Vereinigung1 in den
Jahren 1989/90, wie sie sich vornehmlich in der Haltung und Strategie François
Mitterrands artikuliert hat. Zahlreiche Historiker und Politologen beschäftigten sich mit
der komplizierten und vielseitigen Thematik.
Ziel der folgenden Ausarbeitung ist die Darstellung der Politik und der Haltung
Mitterrands zur deutschen Vereinigung, kann jedoch keine wirkliche historische
Darstellung bieten, da eine solche erst mit dem notwendigen zeitlichen Abstand sowie der
Öffnung der französischen Archive einsetzen kann. Die deutsche Sichtweise kann durch
die Veröffentlichung der „Dokumente zur Deutschlandpolitik2“ detailreich recherchiert
werden, während die französischen Staatsarchive noch einige Jahre verschlossen bleiben
dürften.
Der Akzent wird im Folgenden deshalb auf die Darlegung und Auseinandersetzung mit
der zur Verfügung stehenden Literatur gelegt. Darüber hinaus ist es ein grundlegendes
Interesse, die verschiedenen Betrachtungsmöglichkeiten und Streitpunkte darzulegen.
Daher nimmt die Analyse der Literatur einen nicht geringen Teil der Arbeit ein.
Kontroversen, die in der Literatur herrschen, werden aufgeschlüsselt, diskutiert und in
Form von Diskussionsergebnissen verbunden.
1 In dieser Bearbeitung wird bewusst der Begriff „Wiedervereinigung“ vermieden, da es sich faktisch
nicht um eine Rückführung zu „alter Größe“ oder „alten Traditionen“ handelt. Vielmehr unterliegt
die Einheit Deutschlands einem Erneuerungsgedanke. Der Grundgedanke der „Erneuerung“ wird
unter anderem vertreten durch Helmut Kohl. Siehe dazu: Lacouture: Mitterrand, une histoire de
Français, Paris 1990. S.385
2 Dokumente zur Deutschlandpolitik: Deutsche Einheit – Sonderedition aus den Akten des
Bundeskanzleramtes 1989/90 (bearbeitet von Hans Jürgen Küsters, Daniel Hofmann). Oldenburg,
München 1998.
Inhaltsverzeichnis
1 EINLEITUNG
2 HISTORISCHE DIMENSION DER DEUTSCH- FRANZÖSISCHEN BEZIEHUNGEN
2.1 Deutschlandvertrag (26. Mai 1952)
2.2 Der Elysée-Vertrag (22. Januar 1963)
3 DIE DEUTSCHE EINHEIT AUS SICHT DER FRANZÖSISCHEN ÖFFENTLICHKEIT UND MEDIEN
3.1 Die französische Öffentlichkeit
3.2 Die französischen Medien
4 FRANÇOIS MITTERRAND UND DIE DEUTSCHE VEREINIGUNG
4.1 Zur Literatur
4.1.1 Kritische Stellung
4.1.2 Befürwortende Stellung
4.1.3 Vorgehensweise
4.2 Phase 1: „Theorie der Zweistaatlichkeit“ Sommer bis 9.November 1989
4.3 Phase 2: „Irritationen und Misstrauen“ 9. November bis 18. März 1990
4.3.1 Allianz mit der Sowjetunion
4.3.2 Allianz mit Großbritannien
4.3.3 Allianz mit der DDR
4.4 Phase 3: „realistische Deutschlandpolitik“ 18. März 1990 bis zum vollständigen Beitritt der DDR zur Bundesrepublik
4.4.1 Anerkennung der Oder-Neiße-Grenze
4.4.2 NATO
4.4.3 Vertiefung der europäischen Gemeinschaft
4.4.4 Die Einheit Deutschlands
4.5 Zusammenfassung
5 ERGEBNIS
Zielsetzung und Themen der Arbeit
Ziel dieser Arbeit ist die kritische Auseinandersetzung mit der Haltung und Strategie des französischen Staatspräsidenten François Mitterrand gegenüber der deutschen Wiedervereinigung in den Jahren 1989/1990, wobei insbesondere die in der Literatur kontrovers diskutierten Motive seines Handelns beleuchtet werden.
- Historische Rahmenbedingungen der deutsch-französischen Beziehungen
- Die Wahrnehmung der deutschen Einheit in der französischen Öffentlichkeit und Medien
- Analyse von Mitterrands Politik in drei verschiedenen Phasen des Einigungsprozesses
- Untersuchung der diplomatischen Bündnisaktivitäten gegenüber Sowjetunion, Großbritannien und der DDR
- Darstellung der unterschiedlichen Forschungspositionen zur Motivation Mitterrands
Auszug aus dem Buch
4.3.1 Allianz mit der Sowjetunion
Die Gefahr einer Destabilisierung des europäischen Gleichgewichts veranlasste Mitterrand, die Beziehungen zu der Sowjetunion zu erneuern. Bereits am 14. November 1989 trafen sich die Außenminister der beiden Staaten, um neben der Unterzeichnung von bilateralen Verträgen auch die Deutschlandfrage zu erörtern. Dabei wurde zwar vom französischen Außenminister Dumas das Selbstbestimmungsrecht der Deutschen betont, gleichzeitig aber auch vor einem möglichen Gleichgewichtsverlust in Europa gewarnt.
Das Treffen Mitterrands und Gorbatschows circa einen Monat später wurde jedoch durch einen neuen Kurs in der Deutschlandpolitik geprägt. Mitterrand reiste am 6. Dezember 1989 nach Kiew, wo er auf den Siegermachtstatus der beiden Staaten verwies und gleichzeitig den niedrigeren Deutschlandstatus bekräftigte.
„... Aucun pays en Europe ne peut se dispenser d`agir sans tenir comte de l`équilibre européen, sans tenir compte des autres, sans tenir compte de la situation historique, celle qui résulte de la dernière guerre mondiale.“
Mitterrand soll Gorbatschow ebenfalls vor einer "Rückkehr des Jahres 1913" gewarnt haben wobei er die Furcht vor einem unberechenbaren, kriegslüsternen Großdeutschland aufrecht erhielt.
Zusammenfassung der Kapitel
1 EINLEITUNG: Einführung in die Thematik der französischen Deutschlandpolitik sowie Erläuterung der methodischen Vorgehensweise und der Zielsetzung der Arbeit.
2 HISTORISCHE DIMENSION DER DEUTSCH- FRANZÖSISCHEN BEZIEHUNGEN: Darstellung der historisch gewachsenen deutsch-französischen Partnerschaft und der Bedeutung von Verträgen wie dem Deutschlandvertrag und dem Elysée-Vertrag für die Souveränität Deutschlands.
3 DIE DEUTSCHE EINHEIT AUS SICHT DER FRANZÖSISCHEN ÖFFENTLICHKEIT UND MEDIEN: Analyse der ambivalente Reaktionen in Frankreich auf die Ereignisse in der DDR, geprägt von Enthusiasmus in der Öffentlichkeit und Sorgen vor einer Rückkehr deutscher Großmachtpolitik in den Medien.
4 FRANÇOIS MITTERRAND UND DIE DEUTSCHE VEREINIGUNG: Detaillierte chronologische Untersuchung der Haltung Mitterrands, unterteilt in drei Phasen der Deutschlandpolitik, inklusive seiner diplomatischen Bemühungen um Gegenallianzen.
5 ERGEBNIS: Fazit der Untersuchung, das feststellt, dass Mitterrand die Einheit zwar als legitim betrachtete, jedoch stets um die Kontrolle des Prozesses bemüht war, um französische Interessen zu wahren.
Schlüsselwörter
François Mitterrand, deutsche Wiedervereinigung, deutsch-französische Beziehungen, Außenpolitik, europäische Integration, Siegermächte, europäisches Gleichgewicht, 2+4-Vertrag, Sowjetunion, DDR, Helmut Kohl, Souveränität, diplomatische Strategie.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die politische Haltung und Strategie des französischen Präsidenten François Mitterrand gegenüber dem Prozess der deutschen Wiedervereinigung in den Jahren 1989 und 1990.
Was sind die zentralen Themenfelder der Arbeit?
Die Schwerpunkte liegen auf den historisch bedingten französischen Ängsten vor einem starken Deutschland, der französischen Außenpolitik während des Mauerfalls sowie der Einbettung der deutschen Einheit in den europäischen Integrationsprozess.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, die widersprüchliche Wahrnehmung von Mitterrands Politik in der Literatur aufzuarbeiten und zu untersuchen, ob sein Handeln als bewusste Blockadepolitik oder als notwendige Reaktion auf eine veränderte Sicherheitslage zu deuten ist.
Welche wissenschaftliche Methode wird in der Arbeit verwendet?
Die Arbeit stützt sich auf eine Literaturanalyse, bei der verschiedene zeitgenössische Forschungsmeinungen und kontroverse Positionen zur Mitterrand-Politik gegenübergestellt und diskutiert werden.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert Mitterrands Reaktion in drei Phasen: von der anfänglichen Theorie der Zweistaatlichkeit über die Phase der Irritation und Misstrauen bis hin zur realistischen Deutschlandpolitik nach den Volkskammerwahlen 1990.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit ist zentral durch Begriffe wie deutsche Wiedervereinigung, europäisches Gleichgewicht, deutsch-französische Freundschaft und diplomatisches Taktieren geprägt.
Wie interpretierte Mitterrand die Rolle der Siegermächte?
Mitterrand beharrte auf dem Mitspracherecht der vier Siegermächte, da er diese als legitime Kontrollinstanz für den Einigungsprozess sah und eine unkontrollierte deutsche Dynamik fürchtete.
Welchen Stellenwert hatte der "Zwei-Plus-Vier-Vertrag" für Mitterrand?
Für Mitterrand diente dieser Rahmen dazu, den Status Frankreichs als Siegermacht zu unterstreichen und die deutsche Einheit verbindlich in ein europäisches Sicherheits- und Integrationsgefüge einzubinden.
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- Luca Bonsignore (Author), 2002, Mitterrand und die Wiedervereinigung 1989/90, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/16553