Magischer Realismus in ausgewählten Werken von Zadie Smith und Salman Rushdie


Examensarbeit, 2009
91 Seiten, Note: 1,7

Leseprobe

Inhalt

1 Einleitung

2 Theoretische Grundlagen
2.1 Entwicklung des Begriffes Magischer Realismus
2.1.1 Entstehung des Begriffes im Zusammenhang mit europäischer Malerei
2.1.2 Übernahme und Weiterentwicklung des Begriffes in der Literatur
2.2 Arbeitsdefinition
2.3 Ist Magischer Realismus eine marginale Erscheinung? – Die Theorie der magical margins
2.3.1 Magical margins als regionales Konstrukt
2.3.2 Magical margins als innergesellschaftliches Konstrukt
2.4 Verbindung des Magischen Realismus zu Postkolonialer Literaturtheorie

3 Midnight's Children von Salman Rushdie – „Reality is a question of perspective“
3.1 Hintergrundinformationen zu Autor und Werk
3.1.1 Salman Rushdie und der Magische Realismus
3.1.2 Inhaltsübersicht Midnight's Children
3.2 Elemente des Magischen Realismus in Midnight's Children
3.2.1 Das Phantastische als real
3.2.2 Die Produktion von Wissen
3.2.3 Das Reale als phantastisch
3.3 Fazit – Funktion des Magischen Realismus in Midnight's Children

4 White Teeth von Zadie Smith – „It’s just like on TV!“
4.1 Hintergrundinformationen zu Autorin und Werk
4.1.1 Zadie Smith und der Magische Realismus
4.1.2 Inhaltsübersicht White Teeth
4.2 Elemente des Magischen Realismus in White Teeth
4.2.1 Das Phantastische als real
4.2.2 Die Produktion von Wissen
4.2.3 Das Reale als phantastisch
4.3 Fazit – Funktion des Magischen Realismus in White Teeth

5 Schluss

Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Magischer Realismus ist eher im Zusammenhang mit lateinamerikanischer Literatur bekannt. Gabriel García Márquez und sein Roman Hundert Jahre Einsamkeit, für den er 1982 den Literaturnobelpreis erhielt, wird damit ebenso in Verbindung gebracht wie Isabel Allendes Das Geisterhaus, das auch verfilmt wurde. Die Verwendung für englischsprachige Gegenwartsliteratur ist hingegen noch nicht sehr geläufig. In den letzten Jahren beschäftigt sich die Literaturkritik indes zunehmend mit dem Magischen Realismus in Literaturen außerhalb Lateinamerikas.[1] Auch international werden verstärkt Romane mit dem Label Magischer Realismus versehen.[2]

Häufig wird das Konzept des Magischen Realismus mit denen der Postmoderne und der postkolonialen Literatur verbunden. Der Begriff findet also durchaus Eingang in den Literaturbetrieb der so genannten ‚alten Welt’. Viele Kritiker_innen[3] lehnen den Begriff allerdings wegen seiner Popularisierung ab. Ein präzises Fassen der Literatur des Magischen Realismus gestaltet sich aufgrund recht heterogener Definitionen mitunter schwierig. Teilweise werden Versuche unternommen, dieser Heterogenität beizukommen, indem prototypische Vertreter des Genres aufgezählt werden. Die Benennung solch prototypischer Romane kann meiner Ansicht nach jedoch nur eine vorübergehende Lösung sein.

Nicht abschließend geklärt bleibt häufig ebenso, ob der Magische Realismus als authentische Ausdrucksform ‚westlicher’ Autoren gelten kann: Mit Lateinamerika und vormals kolonisierten Ländern – insgesamt also peripheren Gebieten – in Verbindung gebracht, wird diese Schreibart mitunter als genuiner Ausdruck dieser Regionen betrach-tet. Die Frage, wer als Anderes, hier als Autor_in des Magischen Realismus, sprechen kann, ist umstritten. Der Magische Realismus vermag es jedoch, neue Interpre-tationsansätze und Blickwinkel auf Strategien der Verarbeitung neuer Realitäten weltweit – und nicht nur in Ländern, die in einem postkolonialen Kontext stehen – zu eröffnen.

Im Allgemeinen bezeichnet der Begriff des Magischen Realismus Literatur, die eine realistische Erzählung, die historisch und gesellschaftlich eingeordnet werden kann, mit phantastischen bzw. übernatürlichen Elementen verbindet. Zwei grundsätzlich verschiedene Ordnungs- und Repräsentationssysteme werden so jeweils hinterfragt und zu einem dritten, neuen Modus verwoben.[4] Es gelingt der Literatur des Magischen Realismus hierdurch, ontologische, politische oder geographische Grenzen und Grenzen zwischen Gattungen zu überwinden.[5] Ein Hauptthema des Magischen Realismus ist die Ergründung eines Lebenssinns und der eigenen Identität in einer zunehmend komplexer werdenden Welt auch unter Zuhilfenahme nicht rationaler Sichtweisen. Wissen und Identität werden als auf Akten der Konstruktion beruhend offenbart.[6]

In der Staatsexamensarbeit möchte ich mich mit Elementen des Magischen Realismus in zwei Romanen der englischsprachigen Gegenwartsliteratur auseinandersetzen: Salman Rushdies 1981 erschienenem Roman Midnight’s Children und Zadie Smiths Debütroman White Teeth aus dem Jahr 2000. Rushdies Roman wird eindeutig als Werk eingestuft, das Elemente des Magischen Realismus enthält. Bei Smith ist dies bislang nicht der Fall – unter anderem auch deswegen, weil die Literaturkritik sich bislang insgesamt noch relativ wenig mit ihrem Werk beschäftigt hat. So wurde im Zusammenhang mit White Teeth zwar verschiedentlich erwähnt, dass der Roman Elemente des Magischen Realismus enthalte,[7] eingehendere Untersuchungen dieser Behauptung stehen aber bis jetzt noch aus. Diese Lücke zu schließen, soll in der vorliegenden Examensarbeit versucht werden.

Die Analyse der Romane Midnight's Children und White Teeth soll Antworten finden auf folgende Fragen: Nutzen Zadie Smith und Salman Rushdie in ihren Romanen Elemente des Magischen Realismus und sind diese vergleichbaren Kategorien zuzuordnen? Das Hauptaugenmerk der Untersuchung soll hierbei auf der Frage nach den Funktionen der Elemente des Magischen Realismus in den beiden Romanen liegen: Zu welchem Zweck setzten Smith und Rushdie den Magischen Realismus jeweils ein?

Es soll ebenfalls eine Antwort auf die Frage gefunden werden, ob beide Romane als Werke des Magischen Realismus bezeichnet werden können oder vielleicht andere Begriffe bemüht werden müssen. Im Abschluss soll darauf eingegangen werden, ob die Behauptung, dass der Magische Realismus vor allem eine genuine Ausdrucksweise marginalisierter Kulturen und Individuen ist, in Midnight's Children und White Teeth unterstützt wird.

Die Arbeit ist so gegliedert, dass im ersten Kapitel zunächst die theoretischen Grundlagen erarbeitet werden. Es wird die historische Entwicklung des Begriffes des Magischen Realismus aufgezeigt und eine Arbeitsdefinition vorgestellt. Die Theorie der magical margins – also die Behauptung, dass der Magische Realismus vor allem peripheren Positionen zuzuordnen ist – wird hinterfragt und die Leistungen, die der Magische Realismus in postkolonialen Zusammenhängen erbringen kann, erörtert.

Anschließend werden die Romane Midnight's Children und White Teeth in getrennten Kapiteln betrachtet. Dabei werden die Elemente des Magischen Realismus entsprechend der Arbeitsdefinition untersucht und auf ihre jeweiligen Funktionen hin analysiert. Es soll verdeutlicht werden, mit welcher Wirkabsicht der Magische Realismus Eingang in das Werk Salman Rushdies und Zadie Smiths findet.

Abschließend werden die Leitfragen der Examensarbeit erneut aufgegriffen und eine vergleichende Perspektive auf die beiden Romane eröffnet.

2 Theoretische Grundlagen

2.1 Entwicklung des Begriffes Magischer Realismus

In diesem Abschnitt werde ich kurz darstellen, wie sich der Begriff des Magischen Realismus im Zusammenhang mit der europäischen Malerei entwickelt hat, wie er von dort in die lateinamerikanische Literatur übernommen, weiterentwickelt und abgewandelt wurde. Schließlich möchte ich zeigen, wie der Begriff auch weltweit Anwendung fand.

2.1.1 Entstehung des Begriffes im Zusammenhang mit europäischer Malerei

Franz Roh prägte 1925 den Begriff des Magischen Realismus in seiner Abhandlung über die europäische Malerei der 1920er Jahre. In der Malerei des Magischen Realismus „scheint der ganze phantastische Traum [durch den sich der Expressionismus auszeichne] zerstoben und in neuer morgendlicher Klarheit unsere eigene Welt wieder vors Auge zu treten.“[8] Die vorherige Konzentration auf das Phantastische wird durch das Alltägliche abgelöst, eine Realitätsverbundenheit, die sich auch aus den Erfahrungen des Ersten Weltkrieges[9] ergab. Häufige Motive der Malerei des Magischen Realismus waren Szenen des urbanen Lebens, überfüllte Straßen, schmutzige Städte, Arbeiter, Fabriken und Maschinen sowie der Mensch als das entfremdete Individuum, das sich in einer Welt wieder findet, die es nicht mehr deuten oder kontrollieren kann.[10] Die Malerei des Magischen Realismus stellt das Alltägliche als außergewöhnlich dar. Darin unterscheidet sie sich, wie im Folgenden gezeigt wird, deutlich von der Literatur des Magischen Realismus.

2.1.2 Übernahme und Weiterentwicklung des Begriffes in der Literatur

Rohs Begriff des Magischen Realismus erfuhr Verbreitung durch das Magazin 900 und die in Spanien erschienene Zeitschrift Revista de Occidente, in der sein Aufsatz 1927 veröffentlicht wurde. Auf diesem Wege wurde der Begriff rasch auch in Literaturzirkeln in Buenos Aires für die Bezeichnung europäischer Prosaliteratur übernommen.[11] Die Emigration einer großen Zahl europäischer Intellektueller und Künstler_innen nach Lateinamerika in den 1930er und 40er Jahren trug ebenfalls dazu bei, dass der Begriff des Magischen Realismus Eingang in die lateinamerikanische Literatur fand.[12] Ein weiterer Grund für die schnelle Übernahme des Begriffes waren die Verbindungen lateinamerikanischer Schriftsteller_innen zur europäischen Kunstszene.[13]

Carpentiers Konzept des Lo Real Maravilloso und die lateinamerikanische Literatur des Magischen Realismus

Der kubanische Schriftsteller Alejo Carpentier, einer der Begründer der Theorie des Magischen Realismus in Lateinamerika,[14] lebte zwischen 1928 und 1939 in Paris. Er pflegte enge Kontakte zu den Surrealisten um André Breton, die mit ihrem Interesse am „Primitiven“ und „Irrationalen“ einen Grundstein für Carpentiers spätere Erklärungen zum Magischen Realismus in der lateinamerikanischen Literatur[15] legten. Dies äußerte sich zum Beispiel in einem verstärkten Interesse an nicht-westlichen (unter anderem afrokaribischen) Elementen der eigenen Kultur. Der zweite Aspekt, der Eingang in Carpentiers Konzept des Magischen Realismus fand, entstand aus einem gesteigerten Nationalstolz und dem Anliegen, eine eigenständige Identität Lateinamerikas zu definieren und gegen den Westen zu behaupten.[16]

Carpentier veröffentlichte im Vorwort zu seinem Roman El reino de este Mundo von 1949 sein Manifest zum Magischen Realismus in Lateinamerika. Er schuf den Begriff des lo real maravilloso – das wunderbar Wirkliche – und grenzte die Kunstrichtung deutlich gegen den europäischen Surrealismus ab.[17] Während die Surrealisten das Wunderbare erst auf monotone, vorhersehbare und unglaubwürdige Art produzieren müssen, existiere es in Lateinamerika bereits. Man könne ihm hier „auf Schritt und Tritt begegnen“.[18] Carpentier fährt fort:

Wegen der Unangetastetheit des Landes, unserer Ausbildung, unserer Ontologie, der faustischen Gegenwart des Indios und des Schwarzen, der Offenbarung, die seine erst kürzliche Entdeckung darstellte, der fruchtbaren Mischung der Rassen [der mestizaje ], ist Amerika noch weit davon entfernt, seinen Reichtum an Mythologien aufzubrauchen. […] Was schließlich ist die Geschichte Amerikas, wenn nicht eine Chronik des real maravilloso ?[19]

Diese grundlegenden Aspekte des lo real maravilloso, des wunderbar Wirklichen, ergänzt Carpentier später um den Begriff des Barocken, [20] das sich überall dort zeige, wo es „Transformation, Mutation, Innovation“ gebe, woraus folge, dass „Amerika, der Kontinent der Symbiose, der Mutationen, der Mestizaje, schon immer barock war.“[21] Genau diese Art der Symbiose, der Mischung von Völkern und Rassen und die „Bewusstheit darüber, etwas Anderes, etwas Neues, Symbiotisches zu sein“[22] produziere das Barocke, durch das Lateinamerika sich auszeichne. Aber nicht nur die Besonderheit und „Hybridität“ der Bevölkerung kennzeichne Lateinamerika, in jedem Lebensbereich könne hier das Barocke gefunden werden:

Unsere Welt ist barock aufgrund ihrer Architektur, der Unbändigkeit und Komplexität ihrer Natur und Vegetation, der Buntheit der Umgebung. […] Unsere Natur ist ungezähmt, genauso wie unsere Geschichte, die die Geschichte des wunderbar Wirklichen und des Fremdartigen ist.[23]

Insgesamt sei die Diversität Lateinamerikas Voraussetzung dafür, dass lo real maravilloso entstehen kann. All diese Elemente, die das Barocke auszeichnen, überkommen die etablierten Normen, und seien, zusammen mit allem, was fremdartig oder anders ist, wunderbar, omnipräsent und vor allem alltäglich[24] in Lateinamerika und nur hier anzutreffen.

Mit der letzten Behauptung schafft Carpentier die Grundlage für einen der häufig als essentiell wahrgenommenen, aber auch umkämpften Grundzüge der Literatur des Magischen Realismus: der Anspruch auf eine geographische und geopolitische, häufig sogar äquatoriale, Gebundenheit.[25] (In Abschnitt 2.3 wird die Theorie der magical margins eingehender diskutiert.)

In der Nachfolge von Carpentiers Konzept wurden eine Vielzahl von magisch realistischen Romanen veröffentlicht, die sich durch ähnliche Techniken und Themen auszeichnen. Zu den Repräsentant_innen des Lateinamerikanischen Magischen Realismus zählen zum Beispiel Miguel Ángel Asturias, Julio Cortázar, Mario Vargas Llosa, Juan Rulfo und Gabriel García Márquez. Durch García Márquezs Roman Hundert Jahre Einsamkeit, veröffentlicht im Jahre 1967, und den anschließenden Boom der lateinamerikanischen Literatur erfuhr das Genre verstärkte internationale Aufmerksamkeit und wurde der Magische Realismus vor allem mit den Autor_innen dieser Region in Verbindung gebracht.

Die lateinamerikanischen Vertreter_innen des Magischen Realismus weisen einerseits die dominanten Wertmaßstäbe der Konzepte von ‚Rationalität’ und ‚Zivilisiertheit’, die als ideologische Hinterlassenschaft der Kolonialherrschaft betrachtet werden, zurück und deuten stattdessen das ‚Irrationale’ und ‚Primitive’ als gültige und grundlegende Charakteristika Lateinamerikas.[26] Sie preisen eine lateinamerikanische Alterität, die sich unter anderem aus den vormals wenig beachteten Mythen der nicht westlichen Kulturen speist.[27] Sie versuchen so, die propagierte Hierarchie zwischen Europa und Lateinamerika umzukehren.[28] Westliche Formen des Realismus werden als „a biased and hegemonic discourse and the Western world view it defends as partisan and oppressive“[29] entlarvt. Die Autor_innen lehnen jedoch eine realistische, rationale Interpretation der Welt nicht völlig ab,[30] vielmehr mischen sie das Genre des Realismus mit einer „irrationalen“ nicht-westlichen Auffassung von Realität, die sie als gültige Alternative zur „westlich-rationalen“ Sicht präsentieren.[31]

Die Autor_innen des Magischen Realismus in Lateinamerika nutzen die Schreibart, um teils befremdliche Ereignisse ihrer gegenwärtigen Geschichte zu dokumentieren und kommentieren. Die sozialistische Revolution in Kuba 1959, der US-amerikanische Neoimperialismus, Revolutionen und Militärputsche in verschiedenen Ländern des Kontinents können sicherlich hierunter gezählt werden.[32] Faris betont, dass Werke des Magischen Realismus häufig im Kontext kultureller Krisen verfasst werden – „almost as if their magic is invoked when recourse to other, rational, methods have failed.“[33]

Zusammenfassend kann festgehalten werden, dass der Begriff des Magischen Realismus seinen Weg in die lateinamerikanische Literatur durch europäische Einflüsse fand, sich dort aber zu einem eigenständigen Konzept weiterentwickelte, das sich auch gegen außen streng abgrenzen wollte. Durch eine Technik der Mischung des realistischen Schreibens mit nicht realistischen oder phantastischen Elementen wird das Außergewöhnliche als alltäglich präsentiert.

Der Magische Realismus in den Literaturen außerhalb Lateinamerikas

Der kommerzielle Erfolg der Werke des lateinamerikanischen Magischen Realismus trug sicherlich ebenso zu einer weltweiten Steigerung der Aufmerksamkeit für magisch realistische Werke bei, wie der Umstand, dass das Genre von Autor_innen in besonderem Maße dazu genutzt werden kann, Kritik an bestehenden Systemen zu üben.

Der Umstand, dass auch ältere Veröffentlichungen, so zum Beispiel von Rilke, Kafka, Woolf und Tolstoi,[34] ebenso mit dem Begriff des Magischen Realismus bezeichnet werden, deutet darauf hin, dass der lateinamerikanische Einfluss auf diese Literatur nicht der einzige war. Vor allem im Zusammenhang mit der Entwicklung einer kohärenten Theorie und grundlegender Vorarbeit zur Verbindung des Magischen Realismus mit postkolonialen Literaturen nahm Lateinamerika jedoch eine maßgebliche Vorreiterrolle ein.

International werden häufig Die Blechtrommel von Günther Grass, Patrick Süßkinds Das Parfum, Jack Hodgins The Invention of the World, Toni Morrisons Beloved und Ben Okris The Famished Road als Romane eingestuft, die Techniken des Magischen Realismus nutzen.[35] Als britische Werke des Magischen Realismus werden neben den Romanen Salman Rushdies unter anderem auch Angela Carters Nights at the Circus, Robert Nyes The Late Mr Shakespeare, Jeanette Wintersons The Passion, Marina Warners Indigo: or Mapping the Waters und Emma Tennants Wild Nights benannt.[36]

2.2 Arbeitsdefinition

Der Magische Realismus kann also nicht länger nur als Genre Lateinamerikas betrachtet werden. Wie bereits erwähnt ergeben sich jedoch Probleme im Umgang mit dem Begriff. Diese bestehen zum Beispiel in der klaren Abgrenzung und Einordnung des Magischen Realismus[37] und haben ihren Ursprung unter anderem in den von einigen Kritiker_innen viel zu weit gefassten Definitionen. Young und Hollaman etwa nutzen in ihrer Anthologie schlicht das „merging of two realities“[38] als einendes Kriterium. Wilson bemerkt, dass der Begriff grundsätzlich verwendet werden könnte „to describe virtually any literary text in which binary oppositions, or antinomies, can be discovered“.[39] Eine klare zeitliche Einschränkung scheint von einigen Kritiker_innen ebenfalls abgelehnt zu werden.[40] Auch der Umstand, dass Werke, die sich magisch realistischer Techniken bedienen, teilweise mit anderen Begriffen (wie „‚historiographic metatiction’, ‚fantastic histories’, ‚fantastic literature’, ‚postmodern gothic’ and ‚postmodern realism’“[41] ) belegt wurden, macht einen Umgang mit ihnen nicht zwingend leichter. Darüber hinaus ist es wenig sinnvoll, eine ausschließliche Eingrenzung auf einen marginalen, regionalen oder postkolonialen Zusammenhang vorzunehmen.

Hegerfeldts Verweis auf die Prototypentheorie beziehungsweise die Theorie der Familienähnlichkeit erinnert jedoch daran, dass Grenzen zwischen Genres auch als „fuzzy“ wahrgenommen werden können.[42] Im Folgenden soll deshalb eine recht umfangreiche Definition des Magischen Realismus vorgestellt werden, die in der vorliegenden Examensarbeit Anwendung findet. Sie basiert auf der Definition von Hegerfeldt, die im Zusammenhang mit postkolonialen magisch realistischen Werken belastbar ist.[43] Hegerfeldts Definition wird, wenn dies sinnvoll erscheint, um zusätzliche Aspekte ergänzt, die aus der Definition von Faris stammen.[44]

Hegerfeldt benennt als erste prototypische Eigenschaft der Literatur des Magischen Realismus die Fusion von realistischen und phantastischen Elementen.[45] Dieses ist das hervorstechendste Merkmal magisch realistischer Literatur. Dem Leser wird eine fiktionale Welt präsentiert, die eindeutig als Widerspiegelung der extratextuellen Wirklichkeit zu erkennen ist. Der Bezug zu dieser Wirklichkeit wird unter anderem durch die Einbindung geschichtlicher Daten und Ereignisse hergestellt, die dazu dienen „[to tether] the balloon of magic“.[46]

Phantastische, bzw. nicht realistische, Elemente kollidieren in der Erzählung mit den realistischen Elementen[47] und können nicht rekontextualisiert, also „wegerklärt“,[48] auf eine realistische Erklärung zurückgeführt, bzw. als Halluzination, Traum oder Lüge von Seiten der Erzählinstanz abgetan werden. Vielmehr sind die phantastischen Elemente Teil der fiktionalen Welt und geschehen dort ‚wirklich’. Die Literatur des Magischen Realismus tritt so bewusst in einen Dialog mit dem traditionell westlichen Realismus, eignet sich seine Konventionen an, unterläuft und hinterfragt sie.[49] Im Text kann es sogar zu einer Umkehrung der Einordnung ‚real’ vs. ‚phantastisch’ kommen und phantastische Elemente können naturalisiert[50] werden, indem sie als völlig normal also ganz und gar nicht außergewöhnlich dargestellt werden.

Ein anderes Charakteristikum der Erzählungen des Magischen Realismus, das Heger-feldt zum Bereich der phantastischen Elemente zählt, ist eine Neigung zu Übertreibung und Überfluss, der Stil kann als barock oder karnevalesk bezeichnet werden.[51]

Faris verweist schließlich darauf, dass die phantastischen Elemente im Magischen Realismus keinesfalls allgegenwärtig sein müssen. Vielmehr könnten diese Momente auch „small but powerful“[52] sein. Faris fährt fort, dass das Spektrum des Magischen „ranges from events that are not impossible but so improbable as to be nearly magic to magical occurrences that are nearly real“.[53]

Als Funktion dieses Verschmelzens gegensätzlicher Elemente benennt Faris die Präsentation alternativer Versionen der offiziellen Ereignisse.[54] Die dabei vom Magischen Realismus oft eingenommene „antibürokratische Haltung“ kann eingesetzt werden, um die etablierte soziale Ordnung zu hinterfragen.[55]

Ein zweites Charakteristikum der Literatur des Magischen Realismus ist die nüchtern sachliche Darstellung der Ereignisse.[56] Innerhalb der Erzählung werden auch die phantas-tischen Elemente nicht als unwahrscheinlich oder unmöglich wahrgenommen. Es handelt sich bei ihnen schlicht um Tatsachen, die weder völlig unvereinbar mit der Weltsicht der Figuren sind, noch ein bedrohliches Eindringen von Elementen aus einer anderen Welt darstellen. Deshalb können sie nüchtern und sachlich wiedergegeben werden.[57] Die Kon-flikte der realen mit der fiktionalen Welt sind also auf der Ebene des Textes gelöst, bleiben jedoch für die Lesenden wahrnehmbar. Auch hier liegt wiederum eine Verletzung der Konventionen realistischen Erzählens vor. Die Protagonist_innen zweifeln für gewöhnlich nicht am Wahrheitsgehalt der nicht realistischen Ereignisse,[58] beim Leser oder der Leserin kann das jedoch der Fall sein. Als Funktion dieses Aspektes des Magischen Realismus kann der Verweis auf die Konstruiertheit des menschlichen Wissensschatzes in einer zu-nehmend komplexen Welt und die Aufwertung alternativer Weltsichten benannt werden.

Besonderheiten im Erzählstil des Magischen Realismus benennt Hegerfeldt als drittes Charakteristikum.[59] Texte des Magischen Realismus haben eine ausgeprägte allegorische und metaphorische Qualität. Metaphern werden mitunter wörtlich genommen und können ‚wahr werden’ (wobei die figurative Bedeutungsebene jedoch immer erkennbar bleibt). So können Gedanken oder abstrakte Konzepte (wie Emotionen) mit physischen Eigenschaften versehen, berührt oder gerochen werden. Subjektive Eindrücke können als objektive Fakten präsentiert werden, linguistische oder konzeptuelle Grenzen (Gegensätze zwischen abstrakt/konkret, Vergangenheit/Gegenwart) werden übertreten.

Eine gewisse Selbstreferentialität, die Thematisierung des Erzählaktes und zum Beispiel die recht häufige Nutzung von Techniken wie dem Mise en abyme begründen die metafiktionalen Züge des Magischen Realismus.[60] Eine weitere Besonderheit der Erzählweise des Magischen Realismus ist die Einsetzung von Wiederholung als narratives Prinzip. Durch das Zusammenwirken von Spiegelungen (zu denen Hegerfeldt auch Leitmotive, Symmetrien, zirkuläre Strukturen und analoge Erscheinungen zählt) auf symbolischer oder struktureller Ebene entstehe eine „magic of shifting references“. Zu diesem Prinzip können auch Umkehrungen, „plot-mirroring“, zählen.[61]

Durch diese Erzähltechniken erfahren wiederum alternative Konzepte und Ideen in ihrer Bedeutung für die individuelle Sinnbildung eine Aufwertung gegenüber der empirisch rationalen Weltsicht. Es können so herkömmliche Vorstellungen von Zeit, Raum und Identität in Frage gestellt werden.[62]

Als viertes Merkmal nennt Hegerfeldt eine Darstellung des Realen als phantastisch.[63] Alltägliche, reale oder wissenschaftliche Sachverhalte können als verblüffend, wundersam oder phantastisch dargestellt werden. Im Gegensatz zu der oben beschriebenen Strategie der „naturalization“ werden hier gewöhnliche Ereignisse einer „supernaturalization“[64] unterzogen. Durch diese Umkehrung entlarvt der Magische Realismus zum einen, dass beide Konzepte von Beginn an rhetorisch bedingt sind. Zum anderen können Autor_innen diese Technik auch nutzen, um auf die Erfahrung des Lebens in der gegenwärtigen Welt, einer Welt die teilweise als „stranger than fiction“[65] gesehen werden kann, zu referieren. Vor allem im Zusammenhang mit Gewalt, Kriegsgräueln, Rassismus oder Naturkatastrophen wird die Welt als chaotisch, gnadenlos und unmenschlich grausam präsentiert. Der Fakt, dass das eigentlich Undenkbare tatsächlich passiert, führt dazu, dass den Protagonist_innen eine Sinnbildung unmöglich wird. Die Darstellung solcher Ereignisse als jenseits des Glaubhaften, so Hegerfeldt, bedeute aber keinesfalls, dass ihre Realität nicht anerkannt wird. Vielmehr zeige sie eine fassungslose Ungläubigkeit und Verzweiflung über den Zustand der Welt.

Als fünftes Charakteristikum identifiziert Hegerfeldt eine überdurchschnittlich häufige Beschäftigung mit dem Thema der Wissensproduktion.[66] Wissen und seine Produktion werden im Magischen Realismus kritisch hinterfragt. Dies findet sowohl in Bezug auf die dominante Gruppe als auch die Gruppe der Anderen statt. Häufig wird die Rolle der Historiographie bei der kolonialen Begegnung thematisiert. Eine empirisch materialistische (westliche) Praxis wird ergänzt oder ersetzt durch Elemente, die ihren Ursprung entweder in älteren Glaubenssystemen, lokalen Bräuchen und Mythen haben; sie können jedoch genauso den „urban, ‚first world’, mass cultural analogues of the primitive belief systems“[67] entstammen.

Durch das Anbieten alternativer Versionen wird verdeutlicht, wie Wissen keinesfalls aus objektiven, sachlichen, unvoreingenommenen und interesselosen Darstellungen produziert wird, sondern vielmehr immer lückenhaft ist und durch Interpretation und (Re-)Konstruktion entsteht. Die alternativen Versionen werden in ihrer Bedeutung für das Verstehen einer Gesellschaft aufgewertet. Der Bedarf an Autorisierungsstrategien zum Zweck der Legitimierung von Wissen wird im Magischen Realismus parodiert, indem Augenzeugen, Hörensagen oder einzig die Autorität des Erzählers als Beweise angeführt werden. Auch dies rückt wieder die Konstruiertheit von Wissen in den Fokus.

In der folgenden Analyse der Romane werden alle fünf von Hegerfeldt benannten Charakteristika betrachtet. Ich werde jedoch nur die Fusion realistischer und phantastischer Elemente, die Produktion von Wissen und die Darstellung des Realen als phantastisch getrennt untersuchen. Die beiden anderen Aspekte, die nüchtern sachliche Darstellung der Ereignisse und die Besonderheiten im Erzählstil, fließen meiner Ansicht nach auf vielfältige Weise in diese drei Punkte ein und werden also dort mit untersucht.

2.3 Ist Magischer Realismus eine marginale Erscheinung? – Die Theorie der magical margins

Im Folgenden soll die kontroverse Diskussion der Theorie der magical margins[68] reflek-tiert werden. Einerseits wurde anhand dieser Theorie der Magische Realismus vorrangig Lateinamerika und der ‚Dritten Welt’ bzw. postkolonialen Ländern zugeordnet.[69] Andererseits wird behauptet, dass für Autor_innen des Magischen Realismus und für Figuren in magisch realistischen Werken eine marginale Position auszumachen ist. Diese beiden Facetten werden im Folgenden auf ihre Gültigkeit hin untersucht.[70]

2.3.1 Magical margins als regionales Konstrukt

Die regionale Zuordnung der Schreibart des Magischen Realismus entstand nicht zuletzt häufig durch Vertreter_innen des Magischen Realismus selbst. Wie in Abschnitt 2.1.2 ausgeführt, war Carpentier einer der ersten, der der Möglichkeit einer Übertragung des Konzepts des lo real maravilloso, des wunderbar Wirklichen, auf andere Gebiete und Kulturen entgegen trat. Andere Autoren wie Gabriel García Márquez unterstützten diese Zuordnung der Magie zur (lateinamerikanischen) Peripherie.[71]

Autor_innen, die nicht aus Lateinamerika stammen, übernahmen später die Argumentation, dass sie in ihrer Literatur die magische Natur ihrer marginalisierten Kulturen abbilden. Zu ihnen gehören unter anderem die afroamerikanische Autorin Toni Morrison, der Nigerianer Ben Okri und der Aborigine-Autor Mudrooroo.[72] Ebenso wurde in der Literaturkritik die magical margins -Theorie dazu genutzt, den Magischen Realismus als genuinen Ausdruck eines Bewusstseins der ‚Dritten Welt’ zu deuten.

Dieser Aspekt der magical margins -Theorie ist allerdings klar abzulehnen, da sich auch Autor_innen, die nicht der Peripherie bzw. der ‚Dritten Welt’ zugerechnet werden, der Schreibart des Magischen Realismus bedienen und bedient haben.

Takolander verweist in ihrer Studie des Magischen Realismus auf einen zweiten problematischen Aspekt der automatisierten Zuordnung der Literatur des Magischen Realismus zur Peripherie. Sie weist darauf hin, dass viele der Autor_innen des Magischen Realismus – besonders jene, die der ‚Dritten Welt’ oder ehemals kolonialisierten Ländern zuzurechnen sind – den oberen Schichten der Gesellschaft entstammen[73] und häufig längere Zeit, zum Beispiel zum Zwecke der Ausbildung oder des Studiums, außerhalb eben jener Gebiete verbrachten, die sie als marginal oder magisch darstellen.[74] Hierdurch nähmen sie eher eine Außensicht ein, die mit der marginalisierten Sicht, die sie präsentieren, nicht mehr deckungsgleich sein könnte. Dies werfe die Frage auf, ob diese Autor_innen überhaupt für die Anderen der Peripherie sprechen können. Faris stützt dies, wenn sie darauf verweist, dass einige Autor_innen des Magischen Realismus Traditionen und Mythen nutzen, zu denen sie selbst keinen, oder nur bedingten, Bezug haben. Sie kritisiert in diesem Zusammenhang auch „the use of ancient Hindu traditions by the ethnically Muslim, apparently largely atheistic and Western-educated Rushdie“.[75]

Ein drittes Problem der magical margins -Theorie ist die Reduzierung von Autor_innen der Peripherie auf eine „allein gültige“ Schreibweise. Faris weist darauf hin, dass latein-amerikanische Autor_innen teilweise keinen Verleger fanden, wenn sie die Erwartungen an Werke aus Lateinamerika nicht erfüllten.[76] Die Verlagshäuser der ‚westlichen Welt’ können Autor_innen auf diesem Wege darauf beschränken, ihre Kulturen auf eine Art zu präsentieren, die die Neugier und Konsumwünsche der dominanten Gruppe befriedigen. Das Andere wird dann als „pseudozoological exhibit“[77] im „anthropological artifact“[78] des Magischen Realismus konserviert, die Texte nicht als intellektuelle künstlerische Errun-genschaft anerkannt.[79] Werke, die Techniken des Magischen Realismus nutzen, aber dem westlichen Literaturbetrieb und damit eher der Postmoderne zugeordnet werden, werden eher nicht von einem anthropologischen Blickwinkel aus angegangen.[80] Nur zögerlich wird der Begriff des Magischen Realismus überhaupt auf Werke der ‚Ersten Welt’ angewandt. Gründe sieht Faris darin, dass das dominante Zentrum ein klar definiertes Anderes braucht, um die eigene Stellung zu behaupten: „[T]he lure of peripheralism […] dies hard, because the idea is so appealing and so central to the center’s self-definition.“[81]

Die gerade erläuterte „Automatisierung“ einer Verortung von Autor_innen des Magischen Realismus in der Peripherie ist einer der Gründe, dass das Genre von einigen Kritiker_innen und Autor_innen als rassistisches Klischee, das nur der Befriedigung der Erwartungen „westlicher Xenophiler“ diene, betrachtet und deshalb abgelehnt wird.[82] Die Literatur des Magischen Realismus könne missbraucht werden als „a narrative frame that allows a mainstream reader an ‚easy‘ consumption of the subaltern-as-exotic“.[83] Es bestehe die Gefahr, dass kulturelle und soziohistorische Kontexte vernachlässigt werden.

Ein vierter Kritikpunkt an der Theorie der magical margins ist meines Erachtens die Deutung der magischen Ereignisse als eine ‚mimetische Abbildung’ der die Autor_innen umgebenden Realität. Der Essentialismus, von einer primitiven, irrationalen, magischen Weltsicht als einem repräsentativen Charakteristikum einer ganzen Region auszugehen, ist genauso wenig zulässig wie die Annahme, dass Rationalität für den europäischen Kon-text typisch sei.[84] Selbst wenn eine Verbindung zu peripheren Regionen für die Literatur des Magischen Realismus hergestellt werden kann, liegt die Beschreibung wundersamer Ereignisse durch die Autor_innen nicht daran, dass sich die Bewohner_innen dieser Regionen leicht „verzaubern“ ließen. Takolander bemerkt vielmehr, dass:

marginal authors from around the world produce magical realist texts not because they dwell in a world of fantasy but because they have been made acutely conscious of the delusory capacities of realism and the hallucinatory nature of reality largely as a result of the lies and projections of a hegemonic center.[85]

Aussagen wie die Carpentiers zur ‚naturgegebenen lateinamerikanischen Irrationalität’ könnten auf diesem Wege dazu genutzt werden, die (ehemaligen) Imperialmächte von einer Mitschuld an der politischen Instabilität in Lateinamerika zu rehabilitieren.

Die magical margins -Theorie kann des Weiteren dazu missbraucht werden, den Status des Anderen erneut, wenn auch positiv aufgeladen, festzuschreiben. Die Konstruktion der Dichotomien rational – irrational, zivilisiert – primitiv wird zwar umgekehrt, jedoch nicht hinterfragt oder gar aufgehoben.[86] Das aus der Kolonialzeit stammende Vorurteil des „Amerindian [bzw. jeden anderen subalternen Subjektes] as a prereasoning, childlike Other“[87] läuft so Gefahr, wieder belebt und gemeinsam mit „the Orientalist’s obsession with the difference between ‚us’ and ‚them’“[88] verfestigt zu werden.

Eine letzte Gefahr, Texte des Magischen Realismus mit “westlichem Auge” nur als mimetische Repräsentation der Realität zu lesen, besteht darin, das eigentliche politische Anliegen der Autor_innen, das mit den Mitteln des Magischen Realismus zum Ausdruck gebracht wurde, aufgrund von Unwissenheit zu übersehen.[89]

Die Literatur des Magischen Realismus selbst unterstützt keineswegs die Aussage, dass Magischer Realismus ausschließlich eine Schreibart der Peripherie sei.[90] Slemon weist darauf hin, dass der Magische Realismus als Technik in den meisten Werken, die in Kulturen der kolonialen Peripherie produziert werden, nicht zu finden sei. Gleichzeitig wird der Magische Realismus in Werken, die den ehemaligen metropolitanen Zentren zuzurechnen sind, jedoch verwendet. Delbaere-Garant verweist ebenfalls darauf, dass von „Autoren des Magischen Realismus“ zu sprechen unter Umständen irreführend sein kann, da der Magische Realismus als Technik im Werk eines Autoren oder einer Autorin selten durchgängig genutzt wird und selbst in einem Roman, der dem Magischen Realismus zugeordnet wird, nur sporadisch auftauchen kann.[91]

2.3.2 Magical margins als innergesellschaftliches Konstrukt

Auch wenn eine automatisierte Assoziation des Magischen Realismus mit Regionen der Peripherie abgelehnt werden kann, weisen jedoch fast alle Kritiker_innen darauf hin, dass eine marginalisierte Position innerhalb ihrer Gesellschaft für viele Autor_innen, die sich des Magischen Realismus bedienen, noch entscheidender aber für die Figuren, aus deren Perspektive erzählt wird,[92] durchaus festgestellt werden kann. D’haen betont sogar: „It is precisely the notion of the ex-centric, in the sense of speaking from the margin, from a place ‚other’ than ‚the’ or ‚a’ center, that seems to [be] an essential feature of […] magic realism.“[93] Gleichzeitig sei der Magische Realismus eine Möglichkeit „for writers coming from the privileged centers of literature to dissociate themselves from their own discourses of power, and to speak on behalf of the ex-centric and un-privileged“.[94] D’haen verweist hier jedoch auch auf die Problematik, dass Autor_innen für solche Handlungen als gönnerhaft kritisiert werden können.[95] Autor_innen, die sich aus ethnischen, sozialen, psychologischen, kulturellen, ökonomischen oder politischen sowie Gründen der Geschlechtszugehörigkeit oder der sexuellen Orientierung[96] als marginalisiert identifizieren, können das Genre nutzen, um gegen ihre Diskriminierung anzuschreiben. Eine ex-zentrische Position der Figuren muss, so Hegerfeldt, jedoch nicht in jedem Fall zwingend offensichtlich sein und auch Charaktere, die sich scheinbar in großer Nähe zum Zentrum befinden, können magischen Einstellungen verschrieben sein.[97]

Magischer Realismus nicht nur eine Schreibart, derer sich Autor_innen der Peripherie bedienen. Vielmehr scheint es so zu sein, dass das Genre in besonderem Maße dazu genutzt werden kann, ein bestehendes System und seine Probleme zu kritisieren, wie im Folgenden auch speziell für postkoloniale Literaturen argumentiert werden soll. Auch wenn sich die Schreibart in der Peripherie Lateinamerika entwickelt hat, hat sie danach ihren Weg in die Literatur des Zentrums gefunden. Bei der Übernahme des Magischen Realismus auf andere Regionen können sich die Themen verändern. Der Gebrauch des Magischen Realismus kann dann weniger vordergründig und die Kritik an den gesell-schaftlichen Zuständen weniger offensichtlich sein. Dass das Genre in Europa und speziell Großbritannien nicht nur von vereinzelten Autoren genutzt wird, sondern sich allgemeiner Beliebtheit erfreut, kann man, so betont Ayres, auch daran sehen, dass sich im Laufe der Verleihung des Man Booker Preises immer wieder Werke des Magischen Realismus in der engeren Auswahl befanden bzw. den Preis erhalten konnten.[98]

Zusammenfassend kann gesagt werden, dass die Theorie der magical margins bezogen auf eine ausschließliche regionale, periphere Festschreibung nicht unterstützt werden kann. Die Aussage, dass der Magische Realismus eine Schreibart ist, die häufig zum Ausdruck marginalisierter Positionen innerhalb einer Gesellschaft genutzt wird, kann im Gegensatz dazu als These nicht völlig verworfen werden. Nichtsdestotrotz kann die Schreibart keineswegs als die einzig gültige verstanden werden, die marginalisierten Individuen oder Gruppen als Ausdrucksform zur Verfügung steht.

2.4 Verbindung des Magischen Realismus zu Postkolonialer Literaturtheorie

Die literarischen Möglichkeiten, die das Genre des Magischen Realismus bieten kann, haben auch im Zusammenhang mit der fortschreitenden Dekolonialisierung nach dem Zweiten Weltkrieg zu seiner weiteren Verbreitung beigetragen. Der Magische Realismus kann in postkolonialen Zusammenhängen ganz allgemein die Möglichkeit bieten, bestehende Systeme und Probleme zu kritisieren.

Auch wenn der Magische Realismus in Teilen als „a writing back from the peripheral colonies“[99] und damit postkolonialer Modus verstanden werden kann, kann er keinesfalls einzig auf diesen Zusammenhang reduziert werden. Es gibt eine ganze Reihe von Themen, Aspekten und Erzähltechniken, die vom Magischen Realismus genutzt werden und sowohl der Postmoderne als auch den Postkolonialen Literaturen gemeinsam sind. D’haen verweist hier auf „self-reflexiveness, metafiction, eclecticism, redundancy, multi-plicity, discontinuity, intertextuality, parody, the dissolution of character and narrative instance, the erasure of boundaries, and the destabilization of the reader.“[100] Auch Hutcheon stimmt zu, dass Themen wie Marginalisierung und Exzentrizität und ihre Hin-terfragung der Postmoderne und der Postkolonialen Literatur gemeinsam sind.[101] Genauso beschäftigt sich nicht ausschließlich die Postmoderne mit der Ablösung der großen Erzählungen durch vorläufige alternative Wissensmodelle. D’haen spricht dem Magischen Realismus innerhalb der Postmoderne jedoch ebenfalls „political consciousness-raising powers“[102] zu – ein Aspekt, der andere Autor_innen dazu bewegt, die Schreibart eher der Postkolonialen Literatur zuzuordnen. Der Magische Realismus geht über die Dekonstruktion bestehender Ansichten hinaus.[103] Zusätzlich zu einer Strategie des rereading kann die Schreibart des Magischen Realismus auch in gewissem Maße ein rewriting[104] leisten.

Da die Romane, die im Folgenden analysiert werden, in einem postkolonialen Kontext stehen, soll an dieser Stelle verdeutlicht werden, an welchen Punkten Überschneidungen des Magischen Realismus mit postkolonialer Theorie bestehen können und wie die Literatur des Magischen Realismus in besonderem Maße geeignet sein kann, postkoloniale Anliegen zu kommunizieren und zu transportieren. Faris unterstreicht, dass bereits die hybride Natur des Begriffes des Magischen Realismus, „originating between painting and literature, describing European and third world literatures, suits the mixture of genres, perspectives, and cultures in postcolonial writing.“[105] Darüber hinaus deute die „oxymoronic nature“ des Begriffes die Möglichkeiten des Genres an, verschiedene, auch widersprüchliche, Welten und Diskurse zu einen.[106]

Texte des Magischen Realismus verkörpern durch ihre Zerrissenheit zwischen zwei Diskursen die Zerrissenheit der Individuen in postkolonialen Gesellschaften zwischen zwei oder mehreren kulturellen Systemen, Deutungen der Geschichte und Ideologien.[107] Die Auswirkungen des kolonialen Kontaktes auf die Gesellschaft können Texte des Magischen Realismus auf verschiedenen Wegen thematisieren. Sie können, so Slemon, entweder metonymisch für die postkoloniale Gesellschaft als Ganzes stehen, oder metaphorisch den gesamten Prozess der Kolonialisierung und ihrer Aus- und Nachwirkung umfassen, oder drittens die Lücken und Leerstellen, die durch die Kolonialisierung geschaffen wurden, in den Vordergrund stellen.[108] Die Figuren magisch realistischer Werke verkörpern häufig den Versuch der postkolonialen Gesellschaft, eine eigene Identität und Geschichte zu rekonstruieren.[109]

Durch die Hinterfragung der Allgemeingültigkeit einer Interpretation von ‚Realität’ oder einer einheitlich westlich-rationalen Weltsicht[110] werden alternative Wahrnehmungen und Realitäten ermöglicht. Durch die Mischung realistischen Erzählens mit phantastischen Elementen kann gezeigt werden, dass der „discourse of realism is not an objective representation but a partisan fabrication and that the hegemonic reality it defends, likewise, is not a self-evident entity but an ideological construct.“[111] Der Vormachtanspruch des Zentrums wird also genauso hinterfragt,[112] wie die „‚pure‘ divisions set up between metropolis and country, mestizo and pure blood, Western and indigenous,“ die so als „artificial constructs used to control and/or erase the subaltern subject“[113] entlarvt werden. Durch das Anbieten einer Auswahl Anderer Weltsichten als Ergänzung, nicht aber völliger Ersatz, kann sich dem dominanten Diskurs auf subversive Weise verweigert und ein neuer, eigener Diskurs ins Leben gerufen[114] werden. Die gültigen Hierarchien werden so nicht nur vertauscht, sondern insgesamt abgeschwächt und immer weiter reduziert.[115]

Die Destabilisierung alter Ordnungs-, Wahrnehmungs- und Autoritätsstrukturen kann schließlich Raum schaffen für neue, Andere Stimmen[116] und für „interactions of diversity“.[117] Dem Magischen Realismus ist es möglich, den Status Quo in der beschriebenen Weise zu kritisieren, da er, eingebettet in Mythen und Legenden, in gewissem Maße vor kritischer Betrachtung abgeschirmt ist.[118] Im Zusammenhang mit postkolonialen Gesellschaften eröffnet also die Schreibart des Magischen Realismus Ansatzpunkte für eine Kritik an Problemen, die die Autor_innen ausmachen.

[...]


[1] Die einflussreiche Sammlung von Zamora und Faris eröffnet vor allem eine internationale Perspektive. Hegerfeldt beschäftigt sich explizit mit britischen magisch realistischen Werken.

[2] Vgl. Hegerfeldt, Anne C., „Contentious Contributions: Magic Realism goes British,“Janus Head 5.2 (2002): 62-86, 62. Dies scheint durchaus auch durch Verkaufserfolge (lateinamerikanischer) Autoren motiviert zu sein.

[3] Die Schreibweise mit dem Unterstrich vereint sowohl weibliche als auch männliche Ansprache und verweist darüber hinaus auf weitere Subjektpositionen jenseits von weiblichen und männlichen Zuweisungen.

[4] Vgl. „Magischer Realismus,“Metzler Lexikon Literatur- und Kulturtheorie, 1998.

[5] Zamora, Lois Parkinson und Wendy B. Faris, Introduction: Daiquiri Birds and Flaubertian Parrot(ie)s, Magical Realism: Theory, History, Community, Hgg. Lois Parkinson Zamora und Wendy B. Faris (Durham: Duke UP, 1995) 1-11, 5f. In der englischsprachigen Sekundärliteratur werden die Begriffe magic realism und magical realism synonym verwandt.

[6] Vgl. Hegerfeldt, Anne C., Lies that Tell the Truth: Magic Realism Seen through Contemporary Fiction from Britain (Amsterdam: Rodopi, 2005) 7.

[7] Vgl. Squires, Claire, Zadie Smith’s White Teeth : A Reader’s Guide (New York: Continuum, 2002) 17; 66. Vgl. Helyer, Ruth, „‚England as a Pure, White Palladian Mansion Set Upon a Hill above a Silver Winding River‘: Fiction’s Alternative Histories,“Landscape and Englishness, Hgg. Robert Burden und Stephan Kohl (Amsterdam: Rodopi, 2006) 243-260, 248.

[8] Roh, Franz, Nach-Expressionismus, Magischer Realismus: Probleme der Neuesten Europäischen Malerei (Leipzig: Klinkhardt & Biermann, 1925) 24. Der von Roh genutzte Begriff des Nach-Expressionismus bezieht sich vor allem auf die chronologische Abfolge. Den Begriff des Magischen Realismus hat Roh als Zusatz gewählt, um eine weitere Bedeutung anzudeuten.

[9] Vgl. Guenther, Irene, „Magic Realism, New Objectivity, and the Arts during the Weimar Republic,“ Magical Realism: Theory, History, Community, Hgg. Lois Parkinson Zamora und Wendy B. Faris (Durham: Duke UP, 1995) 33-73, 37.

[10] Vgl. ebda. 43.

[11] Vgl. Guenther 61. Vgl. Takolander, Maria, Catching Butterflies: Bringing Magical Realism to Ground (Bern: Peter Lang, 2007) 28f.

[12] Vgl. Guenther 61.

[13] Vgl. Takolander 93ff.

[14] Daneben hatten auch der Argentinier Jorge Luis Borges und der Guatemalteke Miguel Ángel Asturias, die sich ebenfalls zu verschiedenen Zeiten in Europa aufhielten, Einfluss auf die Entwicklung des lateinamerikanischen Magischen Realismus.

[15] Vgl. ebda. 117f.

[16] Vgl. ebda. 121f.

[17] Dabei nutzt Carpentier auch den Begriff des Magischen Realismus. Er verneint aber einen konzeptionellen Zusammenhang des lo real maravilloso mit Rohs Magischem Realismus. (Vgl. Carpentier, Alejo, „Lo Barroco y Lo Real Maravilloso,“La Novela Latinoamericana en Vísperas de un nuevo siglo y Otros Ensayos, Hg. Alejo Carpentier (México: Siglo Veintiuno, 1981) 111-135, 128ff.)

[18] Vgl. Carpentier, Alejo, Prólogo, Dos Novelas: El Reino de Este Mundo, El Acoso, Alejo Carpentier (Habana: Editorial Arte y Literatura, 1976) 9-15, 9f.; 13: „Lo maravilloso [europeo le parece] pobremente sugerido [...] obtenido con trucos de prestidigitación, reuniéndose objetos que para nada suelen encontrarse. [Los surrealistas] se hacen burócratas. Invocando […] un monótono baratillo de relojes amelcochados.“ und „[Por el contrario, en América Latina a] cada paso hallaba lo real maravilloso. [Dedujo que era] patrimonio de la América entera “ [diese und alle folgenden Übersetzungen von Carpentier: CM].

[19] ebda. 14f.: „Y es que, por la virginidad del paisaje, por la formación, por la ontología, por la presencia fáustica del indio y del negro, por la Revelación que constituyó su reciente descubrimiento, por los fecundos mestizajes que propició, América está muy lejos de haber agotado su caudal de mitologías. […] ¿Pero qué es la historia de América toda sino una crónica de lo real maravilloso?“

[20] Auch Carpentier meint damit – analog zum älteren Begriff für Kunstformen, die nicht dem herrschenden Geschmack entsprachen – eine Andersartigkeit und Üppigkeit, die der klassischen Klarheit entgegensteht.

[21] Carpentier, „Barroco“ 123: „El barroco […] se manifiesta donde hay transformación, mutación, innovación [...] América, continente de simbiosis, de mutaciones, de vibraciones, de mestizajes, fue barroca desde siempre.“

[22] ebda. 126: „Toda simbiosis, todo mestizaje, engendra un barroquismo. El barroquismo americano se acrece con la [...] conciencia de ser otra cosa, de ser una cosa nueva, de ser una simbiosis, de ser un criollo.“

[23] ebda. 131f: „Nuestro mundo es barroco por la arquitectura […] por el enrevesamiento y la complejidad de su naturaleza y su vegetación, por la policromía de cuanto nos circunda. [N]uestra naturaleza es indómita, como nuestra historia, que es historia de lo real maravilloso y de lo insólito en América.“

[24] Vgl. ebda. 127; 130: „[T]odo lo que sale de las normas establecidas es maravilloso.“ und „Aquí lo insólito es cotidiano, siempre fue cotidiano.“

[25] Diese geographische Gebundenheit zeigt sich unter anderem an der Leichtigkeit, mit der Autor_innen aus Lateinamerika, Indien oder auch Afrika von der Literaturkritik dem Magischen Realismus zugeordnet werden, dies bei europäischen oder kanadischen Autoren aber eher vermieden wird und gesonderte Begriffe bemüht werden. Faris schlägt zum Beispiel vor, unter Beibehaltung des Überbegriffes Magischer Realismus eine tropische von einer kargeren nördlichen Variante, den akademischen vom mythisch-folklorischen und den epistemologischen (Wunder stammen aus Vision des Beobachters) vom ontologischen (Wunder rühren aus den örtlichen Bedingungen selbst her, wie in Carpentiers lo real maravilloso) Typus zu unterscheiden. (Vgl. Faris, Wendy B., „Scheherazade’s Children: Magical Realism and Postmodern Fiction,“Magical Realism: Theory, History, Community, Hgg. Lois Parkinson Zamora und Wendy B. Faris (Durham: Duke UP, 1995) 163-190, 165.) Ob eine solche Einteilung wünschenswert oder hilfreich ist, ist meiner Ansicht nach jedoch fraglich.

[26] Vgl. Takolander 71.

[27] Vgl. ebda. 71.

[28] Hegerfeldt, Lies that Tell the Truth 19.

[29] Takolander 71.

[30] Takolander verweist hierzu auch darauf, dass, täten sie dies, die Werke nicht mehr als dem Magischen Realismus zugehörig betrachtet werden könnten. (Vgl. ebda. 72.)

[31] ebda. 72.

[32] Diese Ereignisse könnten in ihrer Tragweite der gesellschaftlich-politischen Veränderungen durchaus auch mit jenen verglichen werden, die auf die europäischen Maler des Magischen Realismus einwirkten.

[33] Faris, Wendy B., Ordinary Enchantments: Magical Realism and the Remystification of Narrative (Nashville: Vanderbilt UP, 2004) 83.

[34] Young, David P. und Keith Hollaman, Hgg., Magical Realist Fiction: An Anthology (New York: Longman, 1984) vf.

[35] Vgl. Hegerfeldt, Lies that Tell the Truth 42. Diese Auswahl will keinerlei Anspruch auf Repräsentativität erheben.

[36] Auf diese britischen Romane des Magischen Realismus geht Hegerfeldt in ihren Analysen eingehender ein. (Vgl. Hegerfeldt, „Contentious Contributions“; Hegerfeldt, Lies that Tell the Truth.)

[37] Auf die Abgrenzung des Magischen Realismus von anderen Genres oder gar Epochen soll hier nicht weiter eingegangen werden. Die Schwierigkeit, klare Abgrenzungen vorzunehmen, ist jedoch einer der Gründe, der Kritiker_innen mitunter für eine völlige Aufgabe des Begriffes plädieren lässt. (Vgl. Slemon, Steven, „Magic Realism as Postcolonial Discourse,“Magical Realism: Theory, History, Community, Hgg. Lois Parkinson Zamora und Wendy B. Faris (Durham: Duke UP, 1995) 407-426, 407). Leal nimmt eine Abgrenzung des Magischen Realismus gegen die Moderne, den Realismus, den Surrealismus, Fantasy- und Science-Fiction-Literatur vor (Vgl. Leal, Luis, „Magical Realism in Spanish American Literature,“Magical Realism: Theory, History, Community, Hgg. Lois Parkinson Zamora und Wendy B. Faris (Durham: Duke UP, 1995) 119-124, 121f.). Bei Hegerfeldt finden sich unter anderem Abgrenzungen zu den Genres Science-Fiction und Märchen und Hinweise zur Ähnlichkeit mit dem tall tale (Vgl. Hegerfeldt, Lies that Tell the Truth 54f., 74.).

[38] Young und Hollaman 5.

[39] Wilson, Rawdon, „The Metamorphoses of Fictional Space: Magical Realism,“Magical Realism: Theory, Hist-ory, Community, Hgg. Lois Parkinson Zamora und Wendy B. Faris (Durham: Duke UP, 1995) 209-233, 223.

[40] Young und Hollaman würden auch Werke Poes, Ovids oder Homers unter dem Begriff fassen. (Vgl. Young und Hollaman 7.)

[41] Hegerfeldt, Lies that Tell the Truth 40.

[42] Vgl. ebda. 44.

[43] Vgl. Hegerfeldt, Lies that Tell the Truth 50-65.

[44] Vgl. Faris, „Scheherazade’s Children“ 167-74.

[45] Vgl. Hegerfeldt, Lies that Tell the Truth 50ff.

[46] Faris, „Scheherazade’s Children“ 170.

[47] Hier ist auf die Problematik der Bedeutung dessen was ‚realistisch’ ist zu verweisen. Zum einen, so Hegerfeldt, kann die Realitätsauffassung in Abhängigkeit der Zeit, der Kultur und des Wissens des Publikums variieren, implizit wird jedoch eine rational-empirische westliche Weltsicht zugrunde gelegt, deren Berechtigung (vor allem in einem postkolonialen Zusammenhang) hinterfragt werden kann. (Vgl. Hegerfeldt, Lies that Tell the Truth 52.) Diese Weltsicht wird jedoch durch den Bezug auf die Erzählweise des Realismus vorgegeben. Zum anderen, so Durix, könne es aber in literarischen Werken keine ‚objektive Realität’ geben. Stattdessen gilt als ‚real’ was der Leser oder die Leserin glaubt. (Vgl. Durix, Jean-Pierre, Mimesis, Genres and Post-Colonial Discourse: Deconstructing Magic Realism (Houndmills: Palgrave Macmillan, 1998) 45).

[48] Hegerfeldt, Lies that Tell the Truth 51.

[49] Wie in Bhabhas Konzept kolonialer Mimikry entsteht hier ein Status des „almost the same, but not quite“ – das Original (der Realismus) kann durch die Imitation (den Magischen Realismus) hindurch weiterhin erkannt werden und wird in Frage gestellt. (Vgl. Bhabha, Homi K., The Location of Culture (London: Routledge, 1994) 122, 126.)

[50] Vgl. Hegerfeldt, Lies that Tell the Truth 51.

[51] Vgl. ebda. 51.

[52] Faris, Ordinary Enchantments 69.

[53] ebda. 115f.

[54] Vgl. Faris, „Scheherazade’s Children“ 170.

[55] Vgl. ebda. 179.

[56] Vgl. Hegerfeldt, Lies that Tell the Truth 53ff.

[57] In seiner Präsentation ähnelt der Magische Realismus dem nordamerikanischen tall tale. (Vgl. ebda. 55.)

[58] Wenn dies doch der Fall sein sollte, dann häufig sogar bei solchen Ereignissen, deren Wahrheitsgehalt nach den Standards realistischen Erzählens nicht in Frage steht. (Vgl. ebda. 55.)

[59] Vgl. ebda. 56.

[60] Faris, „Scheherazade’s Children“ 175.

[61] ebda. 177f.

[62] ebda. 173.

[63] Vgl. Hegerfeldt, Lies that Tell the Truth 59ff.

In diesem Punkt gleichen sich die Literatur und die Malerei des Magischen Realismus.

[64] Vgl. ebda. 60.

[65] ebda. 60.

[66] Vgl. ebda. 62ff.

[67] Faris, „Scheherazade’s Children“ 183. Als Beispiel benennt Faris die Boulevardpresse.

[68] Vgl. Takolander 105ff. Chanady verwendet den Begriff der „territorialization“, um das gleiche Konzept zu beschreiben. (Vgl. Chanady, Amaryll, „The Territorialization of the Imagery in Latin America: Self-Affirmation and Resistance to Metropolitan Paradigms,“Magical Realism: Theory, History, Community, Hgg. Lois Parkinson Zamora und Wendy B. Faris (Durham: Duke UP, 1995) 125-144, 131.)

[69] Vgl. Takolander 104.

[70] Vgl. Hegerfeldt, Lies that Tell the Truth 115f.

[71] Vgl. Takolander 106f.

In der binären Struktur von Zentrum und Peripherie stehen sich ein koloniales Machtzentrum und dessen Randgebiete, in denen der Zugang zur Macht beschränkt ist, gegenüber. Eine automatisierte Zuordnung von Personen in den Randgebieten zu einer marginalisierten Position und vice versa ist jedoch höchst problematisch und muss ebenso hinterfragt werden, wie häufig mit den Begriffen verbundene Vorannahmen über den respektiven Entwicklungsstand von Zentrum und Peripherie (‚rückständig’, ‚primitiv’). (Vgl. „marginality,“Key Concepts in Post-colonial Studies, 1998.)

[72] Vgl. Takolander 112f.

[73] Fast alle haben eine Universität besucht, Carpentier und Asturias bekleideten Posten in der Regierung oder im diplomatischen Dienst.

[74] Vgl. ebda. 161ff.

[75] Faris, Ordinary Enchantments 165f. Der Schärfe dieses Vorwurfes würde ich jedoch nicht zustimmen. Eine Festschreibung von Autor_innen auf Quellen, die ausschließlich dem eigenen Kulturkreis oder der eigenen Sozialschicht entstammen, ist zum einen limitierend und kann dem Prinzip der künstlerischen Freiheit nicht gerecht werden. Zum Anderen kann dem im multikulturellen Bombay aufgewachsenen Rushdie sicherlich nicht vorgeworfen werden, sich ‚zu Unrecht’ dieser Traditionen zu bedienen. Auch Rushdie widerspricht diesem Vorwurf in einem Aufsatz, wenn er bemerkt „Literature is not in the business of copyrighting certain themes for certain groups.“ (Rushdie, Salman, „Imaginary Homelands,“Imaginary Homelands, Hg. Salman Rushdie (London: Granta Books, 1991) 9-21, 15.)

[76] Vgl. Faris, Ordinary Enchantments 162.

[77] Takolander 168.

[78] ebda. 83; 182.

[79] Vgl. ebda. 19; 182.

[80] Vgl. Durix, Mimesis 6. Hegerfeldt widerspricht dieser Auffassung teilweise, wenn sie darauf hinweist, dass Texte des Magischen Realismus, auch solche, die von westlichen Autor_innen verfasst werden, in gewissem Sinne immer anthropologischen oder soziologischen Studien ähneln, wenn sie darstellen, wie rationale und nicht rationale Denkweisen problemlos (auch innerhalb eines Individuums) koexistieren und bei einer Sinnbildung einander bereichern können. (Vgl. Hegerfeldt, Lies that Tell the Truth 161; 314f.)

[81] Faris, „Scheherazade’s Children“ 165.

[82] Vgl. Takolander 83.

[83] Aldama, Frederick Luis, Postethnic Narrative Criticism: Magicorealism in Oscar “Zeta” Acosta, Ana Castillo, Julie Dash, Hanif Kureishi, and Salman Rushdie (Austin: University of Texas Press, 2003) 35.

[84] Takolander 83.

Auf die Sinnlosigkeit einer solchen Zuordnung verweist auch Hegerfeldt, wenn sie die Beobachtung macht, dass auch in ‚modernen’ Gesellschaften nicht rationale bzw. magische Phänomene keinesfalls überwunden sind. Abergläubische Handlungen wie zum Beispiel das Auf-Holz-Klopfen, um Unglück von Geäußertem abzuwenden oder die Inanspruchnahme von Wahrsagerei können dem Individuum in ausweglosen oder unkontrollierbaren Situationen alternative Erklärungen bieten. Hegerfeldt betont, dass wissenschaftlich-technischer Fortschritt zwar ein Mehr an Wissen bringe, die Welt für die Einzelperson jedoch auch unergründlicher machen kann. Nicht rationale Erklärungen können zu einer subjektiven Erhöhung der Sicherheit führen. Faris argumentiert ähnlich, wenn sie auf die Ersetzung früherer primitiver Glaubenssysteme durch die Boulevardpresse und andere Massenkulturphänomene referiert (Vgl. Hegerfeldt, Lies that Tell the Truth 263; 290f.; Faris, „Scheherazade’s Children“ 183)

[85] Takolander 195.

[86] Vgl. ebda. 146ff.

[87] Aldama 21.

[88] Durix, Mimesis 188.

[89] Vgl. Takolander 190.

[90] Vgl. Takolander 174; Hegerfeldt, Lies that Tell the Truth 116.

[91] Vgl. Delbaere-Garant, Jeanne, „Psychic Realism, Mythic Realism, Grotesque Realism: Variations on Magic Realism in Contemporary Literature in English,“Magical Realism: Theory, History, Community, Hgg. Lois Parkinson Zamora und Wendy B. Faris (Durham: Duke UP, 1995) 249-263, 249.

[92] Vgl. Hegerfeldt, Lies that Tell the Truth 116.

[93] D’haen, Theo L, „Magical Realism and Postmodernism: Decentering Privileged Centers,“Magical Realism: Theory, History, Community, Hgg. Lois Parkinson Zamora und Wendy B. Faris (Durham: Duke UP, 1995) 191-208, 194.

[94] D’haen 195; Vgl. Hegerfeldt, Lies that Tell the Truth 116.

[95] Genauso fragwürdig ist jedoch eine automatisierte Gleichsetzung zum Beispiel eines männlichen, weißen, heterosexuellen Autoren aus Europa mit dem ‚Zentrum der Macht’. Takolander verweist hier zum Beispiel auf Kundera, Grass oder Süskind, die aufgrund der politischen Einstellung oder anderer Umstände (zu denen auch schon die Weigerung von Autorenseite zählen kann, eine klassische Rolle im kommerziellen Literaturbetrieb zu erfüllen) im jeweils vorherrschenden System eine marginale oder oppositionelle Position einnahmen. (Vgl. Takolander 187.)

[96] Vgl. Takolander 114.

Hegerfeldt verweist in diesem Zusammenhang jedoch darauf, dass der Aspekt Gender allein in vielen Texten nicht die Grundlage einer ex-zentrischen Position bildet. Viele Protagonistinnen tragen weitere „social stigmata“ die ihre Position am Rand der Gesellschaft begründen. (Vgl. Hegerfeldt, Lies that Tell the Truth 126.)

[97] Vgl. Hegerfeldt, Lies that Tell the Truth 121f.

[98] Vgl. Ayres, Neil, Magic Realism defies Genres: A Fantastical Journey through Booker History and the Myriad Genres it reflects, online, 23.12.2008, o.S. Ayres benennt neben Rushdies Midnight’s Children Yann Martels Life of Pi und Indra Sinhas Animal’s People als Beispiele.

[99] Faris, Ordinary Enchantments 2.

[100] D’haen 192f.

[101] Hutcheon, Linda, „‚Circling the Downspout of Empire‘: Post-Colonialism and Postmodernism,“ARIEL 20.4 (1989): 149-175, 153f.

[102] D’haen 202.

[103] Vgl. Hutcheon 150; Takolander 178.

[104] Vgl. Ashcroft, Bill, Gareth Griffiths und Helen Tiffin, The Empire Writes Back: Theory and Practice in Post-colonial Literatures (London: Routledge, 1989) 189ff.

[105] Faris, Ordinary Enchantments 39.

[106] Vgl. ebda. 39.

[107] Vgl. Faris, „Scheherazade’s Children“ 135; Wilson 222f..

[108] Vgl. Slemon 411.

[109] Vgl. Durix, Mimesis 128.

[110] Vgl. Baker, Suzanne, „Binarisms and duality: magic realism and postcolonialism,“SPAN 36 (1993): 82-87, 85f.; Hegerfeldt, Lies that Tell the Truth 3.

[111] Takolander 14.

[112] Vgl. Hegerfeldt, Lies that Tell the Truth 118.

[113] Aldama 31.

[114] Abrogation und appropriation können also stattfinden. (Vgl. Ashcroft et al., Empire 38ff.)

[115] Vgl. Hegerfeldt, Lies that Tell the Truth 118.

[116] Vgl. Faris, Ordinary Enchantments 135.

[117] Zamora und Faris 3.

[118] Vgl. Mellen, Joan, Magic Realism, Gale Study Guides to Great Literature: Literary Topics Vol. 5 (Detroit: Gale Group, 2000) 63; Aldama 33.

Ende der Leseprobe aus 91 Seiten

Details

Titel
Magischer Realismus in ausgewählten Werken von Zadie Smith und Salman Rushdie
Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin
Note
1,7
Autor
Jahr
2009
Seiten
91
Katalognummer
V165544
ISBN (eBook)
9783640816200
ISBN (Buch)
9783640816125
Dateigröße
1036 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
magischer, realismus, werken, zadie, smith, salman, rushdie
Arbeit zitieren
Claudia Müller (Autor), 2009, Magischer Realismus in ausgewählten Werken von Zadie Smith und Salman Rushdie, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/165544

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