Klaus Manns "Mephisto": Darstellung und Funktion der schwarzen Tänzerin Juliette


Hausarbeit, 2005

14 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Charakterisierung Juliettes
2.1 Die Beziehung zwischen Juliette und Hendrik

3. Das Bild der sexualisierten Frau im 19. Jahrhundert

4. Juliette als sexualisierte schwarze Frau - Rassendiskriminierung oder Funktionalisierung der Figur?

5. Zusammenfassung und Ausblick

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Der Roman „Mephisto - Roman einer Karriere“ von Klaus Mann ist ein Kultbuch, dem durch seine Umstrittenheit in den 60er Jahren, die sogar zu einem gerichtlichen Verbreitungsverbot führte, besonderer Wert beizumessen ist. Nicht zuletzt durch das Pariser „Theatre du Soleil“1 und die mit dem Oscar ausgezeichnete Verfilmung erfuhr der Roman einen Durchbruch. Im Exil in Europa 1936 geschrieben, wird hier die damalige Gegenwartsproblematik in Deutschland thematisiert: der Nationalsozialismus.

Der Schauspieler und Protagonist Hendrik Höfgen wird als egozentrischer und egoistischer Karrierist dargestellt, der einen „Teufelspakt“ mit dem herrschenden Regime eingeht, um am Theater Karriere machen zu können. Immer mehr wird er in die Zwänge des Nationalsozialismus hineingezogen und opfert seiner Karriere zahlreiche Beziehungen. Eine davon ist sein Verhältnis zu Juliette Martens, einer schwarzen Tänzerin. Diese Figur, im Hinblick auf ihre Rolle und Funktion im Roman insbesondere unter dem Aspekt der Beziehung zu Höfgen, ist Thema meiner Untersuchung.

Es gibt zahlreiche wissenschaftliche Untersuchungen und Veröffentlichungen zu dem Exilroman Mephisto. Allerdings beschäftigt sich die Forschung größtenteils mit der Gesamthandlung des Romans und dem Protagonisten Hendrik Höfgen. Nahezu alle Untersuchungen gehen auch auf die Bedeutsamkeit Klaus Manns innerhalb der Exilliteratur (1933 - 1949) ein. Des Weiteren sind zahlreiche Forschungsbeiträge zu seiner Biographie und den Themen Sexualität, Homosexualität und Narzissmus, mit denen sich Klaus Mann in seinen Werken häufig auseinandersetzt, vorzufinden.

Auffällig ist jedoch, dass die Figur Juliette meist nur kurz und eher nebensächlich in der Forschung betrachtet wird. Wie im Folgenden beschrieben, kommt dieser Figur jedoch eine tragende Rolle im Gesamtkonzept des Romans zu, sodass hier meiner Ansicht nach in der Forschung noch Bedarf besteht. Meiner Arbeit liegen somit einige allgemeinere Beiträge über Klaus Manns Leben und Werk und detailliertere Untersuchungen über die Figur Höfgens zugrunde. Hauptsächlich stützen sich meine Erkenntnisse auf die von Wolfgang D. Hartz verfasste Inaugural-Dissertation „Devianz und Mimikry. Die Romane Klaus Manns“.

Ich beschäftige mich zunächst mit der Darstellung und Beschreibung Juliettes und gehe dabei speziell auf die Beziehung zwischen ihr und dem Protagonisten ein. Hierbei gehe ich überwiegend handlungschronologisch vor. Anschließend setze ich mich mit der Wahrnehmung der sexualisierten schwarzen Frau im 19. Jahrhundert auseinander, um dann die Frage zu untersuchen, ob Klaus Mann bei der Entwicklung des Charakters Juliette rassistisches Gedankengut überträgt und ihr Aussehen und Verhalten entsprechend gestaltet hat.

Abschließend werde ich einen Ausblick auf mögliche weitere interessante Aspekte in Bezug auf die Figur Juliette geben, die in einem größeren Kontext noch untersucht werden könnten, jedoch den Rahmen meiner Untersuchung sprengen würden.

2. Charakterisierung Juliettes

Juliette Martens wird in Zusammenhang mit Hendrik Höfgen schon im zweiten Kapitel mit dem mit ihr direkt in Verbindung stehenden Titel „Die Tanzstunde“ eingeführt. Hier wird bereits die Ungewöhnlichkeit ihrer Beziehung zueinander sowie die Zentrierung ihrer Verbindung auf den Protagonisten Höfgen deutlich. Dieser erschreckt, als ihm bei einer Theaterprobe einfällt, dass er eine Verabredung mit ihr in seiner Wohnung hat und er zu spät kommen wird.

„Juliettchen wird mir einen furchtbaren Empfang bereiten. […] Ihr scheinbar so heftiger Zorn über seine kleine Verspätung [gehörte] zu den beinah unvermeidlichen Riten ihres Zusammenseins“ (62f.).2

Das Aufeinandertreffen der beiden Figuren wirkt auf den Leser aufgrund der Primitivität und der Umgangsformen zunächst äußerst kurios. Weiterhin wird Juliette zunächst nur beiläufig charakterisiert, der Schwerpunkt liegt auf dem Hergang des Treffens.

„In die farbige Dämmerung hinein rief Hendrik Höfgen mit einer ganz kleinen, demütigen, etwas zitternden Stimme: «Prinzessin Tebab, wo bist du?» Aus einer dunklen Ecke antwortete ihm ein tiefes, grollendes Organ: «Hier, du Schwein - wo denn sonst?»“ (67).

Auffällig ist auch, dass der Erzähler die Begegnung der zwei Charaktere sehr detailliert beschreibt. Hieraus lässt eine Bedeutung dieser Beziehung im Hinblick auf das Gesamtkonzept des Romans schließen. Es folgt eine genauere Beschreibung Juliettes, sowie ein kurzer Abriss ihres bisherigen Lebens und ihrer Herkunft. Sie ist ein „Halbblut“, da ihr Vater Ingenieur aus Hamburg, ihre Mutter eine „Negerin“ war. Jedoch sieht sie mit ihrer rissigen dunkelbraunen Haut, der niedrig gewölbten Stirn, den schmalen sehnigen Handrücken, wulstigen Lippen und blendend, blitzenden Zahnreihen eher nach „Vollblut“ aus (70). Im Gegensatz dazu überrascht ihr Haar „durch Glattheit und mattblonde Färbung“ (71). Bereits durch Juliettes Aussehen wird ihre Exotik betont. Die extreme Eigenart, Wildheit und Andersartigkeit der Stepptänzerin wird an ihrer vorherigen Tätigkeit als „Prinzessin Tebab“ in St. Pauli deutlich. Ihr außergewöhnlich heftiges Temperament wird hervorgehoben, das letztlich zu ihrer Kündigung geführt hatte.

„Sie liebte es und konnte es gar nicht lassen, mit der Reitpeitsche auf diejenigen ihrer Bekannten und Kollegen loszugehen, mit denen sie gerade nicht in allen Stücken der gleichen Meinung oder Stimmung war - eine Angewohnheit, über die man in St.-Pauli-Kreisen sich zunächst wie über eine humoristische und niedliche Nuance ergötzte, die aber auf Dauer gar zu originell und übrigens einfach störend wurde“ (72).

Des Weiteren ist die Verbindung von Künstlichkeit, Bosheit und Hässlichkeit mit ihrem Aussehen und Charakter bemerkenswert. Sie wird als „böse Person“ (67) dargestellt, mit künstlichem Hellrot auf „brutal geformten Backenknochen“ und „beweglichen grausamen und gescheiten Augen“ (70). In der Tanzstunde erhält Juliette sogar animalische Züge. Beim Auffordern zum Tanz „fletschte sie die beiden Reihen ihrer gar zu weißen Zähne und bewegte grimmig die Augen“ (76). Das Gewaltpotential, das sich hier auslebt, ist immens. Hendriks masochistische Veranlagung wird deutlich, als er sie mit einem Urwaldgott vergleicht. Hier ist nicht die Rede von einem Menschen mit Gefühlen, sondern von reiner Triebhaftigkeit, die wie ein Ritual durchgeführt wird (vgl. Hartz, 114).

„Ihr Gesicht stand vor ihm wie die schreckliche Maske eines fremden Gottes: Dieser thronte mitten im Urwald, an verborgener Stelle, und was er fordert mit seinem Zähneblecken und Augenrollen, das sind Menschenopfer“ (76).

Bei der Beschreibung Juliettes werden sämtliche Ebenen benutzt, um ihre Exotik und ihre animalischen Züge zu betonen. Nicht nur ihre Handlungen und Worte, sondern auch ihre Kleidung bewirken dies. Sie trägt einen kurzen, engen Rock, schwarze Seidenstrümpfe, ein graues Pelzjäckchen, breite Armbänder und grüne Schaftstiefel aus geschmeidigem Lackleder. Zusätzlich besitzt sie eine rot leuchtende Reitpeitsche aus geflochtenem Leder (vgl. 74). Besonders die Accessoires Stiefel und Peitsche haben „sprachliche Signalwirkung“ (Hartz, 115) und betonen das Masochistische.

Juliette weist jedoch auch andere Eigenschaften auf und erfährt im Roman eine Entwicklung ihres Charakters. Zu Beginn zunächst eher nebensächlich, werden ihr eigentliches Ich und ihre Menschlichkeit mit dem Fortschreiten der Handlung immer deutlicher. Betont wird, dass Hendrik ihre eigentliche Persönlichkeit nicht wahrnimmt, sondern sich nur seinen Phantasien und Gelüsten, die er in Bezug auf sie hegt, widmet.

„Kümmert sich Hendrik etwa um das innere Leben seiner Freundin Juliette? Er erwartet von ihr, daß sie immer grausam und guter Dinge sei. Sie bekommt reichlich Geld und darf die Peitsche schwingen: hat sie nicht allen Anlaß zur Zufriedenheit? Niemals denkt Höfgen darüber nach, was die dunklen Blicke meinen könnten, die das schwarze Mädchen jetzt so oft auf ihn richtet. Hat das fremde Kind vielleicht Heimweh nach den Küsten, aus deren schönerer Landschaft ein launisches Schicksal sie in eine fragwürdige Zivilisation verschlug? [...] Hendrik weiß nichts davon. Für ihn ist Prinzessin Tebab die verführerische Barbarin, die schöne Wilde, an deren ungebrochener Kraft er sich erfrischt, indem er sich vor ihr erniedrigt“ (218).

[...]


1 Vgl. Casaretto, 3.

2 Die Zahlen in Klammern, bei denen kein Autorenname davor steht, beziehen sich auf die Primärliteratur. Zitiert wird nach: Mann, Klaus: Mephisto. Roman einer Karriere. 9 Aufl. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt Taschenbuch Verlag 2004.

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Details

Titel
Klaus Manns "Mephisto": Darstellung und Funktion der schwarzen Tänzerin Juliette
Hochschule
Universität Trier
Veranstaltung
Exilromane
Note
1,3
Autor
Jahr
2005
Seiten
14
Katalognummer
V165569
ISBN (eBook)
9783640812752
ISBN (Buch)
9783640812684
Dateigröße
432 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
klaus, mann, mephisto, juliette
Arbeit zitieren
Kathrin Schweizer (Autor), 2005, Klaus Manns "Mephisto": Darstellung und Funktion der schwarzen Tänzerin Juliette, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/165569

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