Die Bedeutung Friederike Fliedners für Kirche und Gesellschaft

In Hinblick auf das Amt der Diakonisse als Berufsperspektive für Frauen in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts


Seminararbeit, 2008

23 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Gliederung

1 Einleitung

2 Rahmenbedingungen: Die Soziale Frage
2.1 Historische und soziale Situation
2.2 Die Rolle der evangelischen Kirche
2.3 Soziale Verdienste der Erweckungsbewegung

3 Die Rolle der Frau im Bürgertum des beginnenden 19. Jahrhunderts
3.1 Die Herausbildung der bürgerlichen Familie
3.2 Die neuen Aufgaben der bürgerlichen Frau
3.3 Der Wunsch nach beruflicher Verwirklichung
3.4 Zusammenfassung

4 Friederike Fliedner und die Anfänge des Mutterhausdiakonie
4.1 Biographischer Abriss (1800-1828)
4.2 Die Ehe der Fliedners und das Frauenleitbild von Theodor Fliedner
4.3 Das Kaiserswerther Diakonissenmutterhaus
4.3.1 Quellen für die Entwicklung
4.3.2 Die Zielgruppe
4.3.3 Die Gründung und Entwicklung
4.3.4 Friedericke Fliedners Rolle als Vorsteherin
4.3.5 Das Mutterhaussystem
4.3.6 Die Ausbildung und Arbeit der Diakonisse
4.4 Friederike Fliedner – missglückte oder gelungene Biographie einer berufstätigen Frau?

5 Schlussbetrachtung

6 Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Die vorliegende Belegarbeit erfolgt innerhalb des Seminars „Frauengestalten der Kirchengeschichte“ im Sommersemester 2008 und beschäftigt sich mit der Situation der Frauen des Bürgertums in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Meine Aufmerksamkeit richtet sich im Zuge dessen auf den Konflikt zwischen gesellschaftlicher Einstellung zur Frauenberufstätigkeit und dem Verlangen von insbesondere ledigen Frauen nach anerkannter beruflicher Verwirklichung. Innerhalb dieser Problematik möchte ich eine bedeutende christliche Frau, der ein beachtliches Mitwirken an der Konfliktbehebung zugesprochen wird, vorstellen. Die Rede ist von der Mitbegründerin des ersten Diakonissenmutter­hauses – Friederike Fliedner.

Da die Anfänge der Mutterhausdiakonie ohne entsprechende historische, soziale und theologische Hintergrundinformationen kaum nachvollziehbar sind, möchte ich meine Ausarbeitung mit einer knappen Skizzierung der Rahmenbedingungen im frühen 19. Jahrhundert beginnen. Auf diese Weise sollen Kirche und Gesellschaft vor der Sozialen Frage thematisiert werden. Anschließend wird konkret die Rolle und das Verständnis der bürgerlichen Frau in dieser Gesellschaft beleuchtet. Deutlich werden sollen ihre Aufgaben und ihr zugeschriebener Platz in Familie und Staat.

Im letzten und größten Teil meiner Arbeit komme ich zum Kernpunkt des Belegs gemäß meines Arbeitstitels „Die Bedeutung Friederike Fliedners für Kirche und Gesellschaft in Hinblick auf das Amt der Diakonisse als Berufsperspektive für Frauen in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts“. Unumgänglich bei meinen Darstellungen zur weiblichen Diakonie ist dabei die Einbeziehung ihres Ehemanns, Theodor Fliedner, an dessen Seite sie wirkte. Ich widme mich daher detailliert deren Lebenswerk, den Kaiserswerther Anstalten und folglich dem Beginn der Mutterhausdiakonie. Inbegriffen sind Ausführungen zur Biographie der Fliedners, der Konzeption des Mutterhauses und des Diakonissenamtes, sowie ihren praktischen Rollen als Vorsteher und Vorsteherin.

In Folge dessen, sollte ich mit Informationen ausgerüstet sein, einen Überblick über die Chancen, die diese neue Möglichkeit für die bürgerliche, nach beruflicher Arbeit suchender Frau bot, zu geben. Außerdem möchte ich verdeutlichen, inwieweit Friederike Fliedner die Mutterhausdiakonie gestaltet und geprägt hat und wie sie die Herausforderung, Familien- und Berufsleben miteinander zu vereinbaren, meisterte.

Auf die Weiterentwicklung der weiblichen Diakonie und der beruflichen Situation von Frauen im späten 19. Jahrhundert einzugehen, würde hier den Rahmen sprengen.

An dieser Stelle sei noch kurz auf die Quellenlage zur Thematik verwiesen. Grundlage vieler meiner Ausführungen bildet ein Werk von Anna Sticker, die aufschlussreiche und interessante Aufzeichnungen von Friederike Fliedner zusammengestellt hat.[1] Sie gilt als ihre Biografin und lenkte mit der Aufarbeitung von Originalschriften die starke Konzentration der Aufmerksamkeit von Theodor Fliedner auf Friederike Fliedner.[2] Ergänzend verwende ich zahlreiche Sekundär-literatur.

2 Rahmenbedingungen: Die Soziale Frage

2.1 Historische und soziale Situation

Tiefgreifende Umbrüche und Veränderungen, die die gesamte Bevölkerungsmasse betrafen, prägten das 19. Jahrhundert in Deutschland. Es galt den Übergang von der feudalen Agrargesellschaft zur kapitalistischen Industriegesellschaft, der einherging mit wirtschaftlichen und sozialen Problemen von großem Ausmaß, zu bewältigen. Die entstehenden Fragen, „Krisendiagnosen und entsprechende(n) Bewältigungsstrategien“ werden mit dem Schlagwort „Soziale Frage“ umschrieben[3]. Als Hauptursachen der sozialen Frage lassen sich grob die einsetzende Industrialisierung, sowie die Bauernbefreiung benennen. Beide Faktoren führten, bedingt durch die entstehende Lohnarbeiterschaft und die „Auflösung der Stände- und Zunftordnung“, zu einem rapiden Bevölkerungswachstum und einer Landflucht[4]. Besonders in den unteren Schichten führte die daraus resultierende Arbeitslosigkeit, Absenkung des Lohnniveaus und Hungersnot besonders in Großstädten zu einer dramatisch ansteigenden Massenverelendung, dem Pauperismus. Die Unterschicht hatte dementsprechend mit Wohnungsnot, sich schnell ausbreitenden Krankheiten und fehlender medizinischer Versorgung zu kämpfen. „Der Pauperismus und das folgende Zeitalter der Klassenspaltung hatte entschiedene Auswirkungen auf die Stellung und die Arbeit der Frau“[5]. Im Gegensatz zur Mittelschicht waren die Frauen der Unterschicht gezwungen durch schwere Arbeit zur Versorgung ihrer Familie beizutragen.

Mit der Verlagerung von der Erwerbsarbeit in außerhäusliche Betriebe kam es zur Trennung der Bereiche Familie bzw. Haushalt und Arbeit. Die Auseinanderentwicklung von Frauen- und Männerräumen in der Mittelschicht stand im Zusammenhang mit der neu definierten Beziehung der Geschlechter[6].

Kulturell lässt sich in diesem Zeitrahmen eine „anhaltende Säkularisierung feststellen“[7].

2.2 Die Rolle der evangelischen Kirche

Die Säkularisierung, mangelnder Kirchengang, Werteverlust, Revolution und Veränderungen in der Gesellschaftsordnung sah die Kirche als Gründe für die Soziale Frage, deren Folgen sie unvorbereitend traf. Der Staat und seine Stände galten aus deren Sichtweise als gottgeschaffene Ordnung und jegliche Revolution bedeutete eine Entfernung des Menschen von Gott und seiner Schöpfung. Aufgrund dieser Einstellung versperrte sich die Kirche gegenüber Veränderung und dem neuen sozial-demokratischen Denken. Zudem war sie den katastrophalen Zuständen in keiner Hinsicht gewachsen. Wenn sie vor allem in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts auch nicht entscheidend zur Beseitigung der sozialen Notstände beigetragen hat, rief sie stetig zur Nächstenliebe und zum Dienst an Hilfsbedürftigen auf. Oft beschränkte sich das Engagement der Christen aber nicht über den eigenen, privaten und überschaubaren Bereich auf Gemeindeebene hinaus und war damit lediglich ein „Tropfen auf dem heißen Stein“[8]. Dort wo einzelne Persönlichkeiten über den privaten Bereich hinausragten, geschah dies humanitär-aufklärerisch oder erwecklich motiviert. Es kam zu einem Trend der Vereinsgründung im kulturellen und sozialen Bereich, in der sich das außerkirchliche Christentum organisierte. Mitte des 19. Jahrhunderts beteiligte sich der deutsche Protestantismus dann durch „soziale Dienste im Rahmen von Innerer Mission, Diakonie (...) einerseits wie auch durch sozialpolitische Reformvorschläge kirchl. Gremien sowie ev. (...) Verbände andererseits aktiv an der Entwicklung von Strategien zur Bewältigung“ der sozialen Frage[9].

2.3 Soziale Verdienste der Erweckungsbewegung

Aus den Impulsen der Erweckungsbewegung kam es zu vereinzelten bedeutenden Initiativen zur Bekämpfung des sozialen Elends im frühen 19. Jahrhundert. Die Erweckungsbewegung „war am persönlichem Glauben und an der subjektiven Heilserfahrung interessiert, aber nicht an Kirche, nicht an der Konfession und kaum an Dogma“[10]. Es handelt sich um eine vielgestaltige, von Laien getragene Bewegung, die auf die geistliche Erneuerung der Menschen aus dem Glauben heraus abzielt. Betont wurden Bekehrung, Buße und Bibelfrömmigkeit.[11] Da vor allem das soziale Handeln eine direkte Folge der Erweckung ist, schlossen sich an verschiedenen Orten in Deutschland „erwecklich geprägte Menschen zur gegenseitigen Erbauung und für soziales Engagement“ zusammen und riefen Projekte für Hilfsbedürftige ins Leben[12]. Ein bedeutender Aspekt war auch die Integration der Frau in die Dienste der Gemeinde. Dieses Merkmal ist begründet im ausgeprägten Biblizismus der Erweckungsbewegung, der die Frau und ihre Ämter in der Apostelzeit wieder entdeckte.[13] Wichtige Persönlichkeiten, die aufgrund ihrer sozialen Aktivitäten im Zusammenhang mit der Erweckungsbewegung genannt werden können, sind beispielsweise Johann Friedrich Oberlin (1740-1826), Freiherr Ernst von Kottwitz (1757-1843), Amalie Sieveking (1794-1859), Theodor Fliedner (1800-1864) und Johann Hinrich Wichern.[14]

3 Die Rolle der Frau im Bürgertum des beginnenden 19. Jahrhunderts

3.1 Die Herausbildung der bürgerlichen Familie

Mit der Industrialisierung, d.h. mit der Herausbildung kapitalistischer Produktionsweisen konstituiert sich das Bürgertum im Bezug auf die Rollenerwartung an seine Mitglieder neu. Die vorherrschenden Bedingungen erfordern die Trennung von Wohn- und Arbeitsplatz und schaffen zwei Bereiche gesellschaftlicher Arbeit: die Berufsarbeit und die Hausarbeit. Der Mann trat durch die Berufsarbeit in die Öffentlichkeit, während die Frau durch ihren neuen und einzigen Zuständigkeitsbereich, der Hausarbeit, immer mehr aus dem öffentlichen Leben verdrängt wurde. Claudia Bischoff weißt darauf hin, dass Hausarbeit als einziges und spezifisches Tätigkeitsgebiet der Frau, tatsächlich ein historisches Erzeugnis „der bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaft des 19. Jahrhunderts“ ist[15]. Der Vermutung, dass Frauen jeher ausschließlich innerhalb der Familie gearbeitet haben, ist demnach zu widersprechen. So hatten Frauen, bevor sie größtenteils aus dem öffentlichen Leben verdrängt wurden, vom Mittelalter bis in die beginnende Neuzeit ihren selbständigen Anteil an gesellschaftlicher Arbeit. Zudem fand nie eine vollständige Verdrängung der Frau statt, da unqualifizierte, dreckige und schwere Arbeit den Frauen der ärmeren Schichten nie untersagt wurde[16]. Allein die Frauen des späteren Bürgertums wurden an das Haus gebunden, um dort die von der Gesellschaft erwarteten Pflichten zu erfüllen.

Wie bereits angedeutet, ist die Form, Struktur und Aufgabe der bürgerlichen Familie nicht dem Zufall zu verdanken, sondern wurde vom Staat klar auferlegt. Dieser machte sich die Familie als innere Zurichtung seiner Arbeitskräfte und als Instrument der Unterdrückung der Frau zu Nutze[17]. Er sorgte für die „allmähliche Durchsetzung und Verallgemeinerung des neuen Familientyps“ mittels „zahlreichen Gesetzen, Heiratserlassen, Strafen für Abtreibungen, Kindestötungen und unehelichen Geburten“[18]. Die Familie sollte, im Gegensatz zur kühlen, rationalen Außenwelt, Ort der Erholung, Idylle und Zuflucht und geprägt von Liebe und Harmonie sein. Für die Umsetzung dieser „Wohlfühlatmosphäre“ war die Frau verantwortlich.[19]

3.2 Die neuen Aufgaben der bürgerlichen Frau

Um die Idylle der Familie nicht zu zerstören, sollte die Familie für den Mann frei von Arbeit wirken, was bedeutet, dass die Arbeiten, wie zum Beispiel „die Deckung des häuslichen Bedarfs auf dem Markt, die Weiterverarbeitung von Produkten und damit auch die rechnerischen und organisatorischen Tätigkeiten“, verrichtet sein sollten, bis der Mann nach HauseHause kam[20]. Die Hausarbeit wurde damit völlig zur „unsichtbaren Arbeit, die unter isolierten Bedingungen nur noch von der Frau ausgeführt wurde“[21]. Da die Familie nun nicht mehr als beruflicher Arbeitsplatz, sondern als Freizeitbereich zählte, verlor die „Hausarbeit den Charakter von Arbeit und wurde gesellschaftlich entwertet“[22]. Rechtfertigung fand diese Einstellung, indem Hausarbeit von nun an als „Liebestätigkeit, als Natur und Wesen der Frau“ galt[23]. „Die emotionale Sorge um Ehemann und Kinder wird (..) nicht nur zu einer primären Aufgabe der Frau sondern gilt als Erfüllung einer angeborenen Aufgabe des weiblichen Geschlechts“[24]. Für die Erziehung und Betreuung der Kinder ist nun ausschließlich die Frau zuständig, da der Mann von allen häuslichen und hauswirtschaftlichen Tätigkeiten befreit wurde. Zusätzlich war die Frau für die Reproduktion der Arbeitskraft des Mannes zuständig, indem sie ihm eine Umgebung schaffte, in der „die Spannungen und Frustrationen der Arbeitswelt ausgeglichen“ werden konnten. Genau darin sah man die „Erfolgsgarantie der kapitalistischen Produktion“[25]. In der Familie, in der ein gefühlvolles Klima herrschte, konnte Abstand genommen werden von der Arbeitswelt. Der Mann konnte sein Selbstbewusstsein wieder aufbauen, weil er hier an der Spitze der Hierarchie stand.

Für die Erfüllung dieser Aufgaben der Frau und der Aufrechterhaltung der klaren Hierarchisierung galten bestimmte Tugenden und Eigenschaften für sie als unerlässlich. Dazu zählen „kommunikative, soziale und rezeptive Fähigkeiten, z.B. Liebe ohne Gegenleistung zu erbringen, das Gefühl Gemeinschaft und Zusammenhalt und Entspannung vermitteln zu können, (…), auf die Bedürfnisse anderer unter Zurückstellung der eigenen eingehen und Rücksicht nehmen zu können“[26]. Nach dem Werk von Campe „Väterlicher Rath für meine Tochter“ soll ein „liebevolles Hingeben ihres eigenen Willens in den Willen des Manne“ stattfinden und die Frau soll in „aufgeklärter Gottesfurcht, Schamhaftigkeit und Keuchheit“ leben[27].

3.3 Der Wunsch nach beruflicher Verwirklichung

Da die bürgerliche Gesellschaft eine Existenz als allein stehende Selbstversorgerin nicht vorsah, lebten Frauen bis zur Heirat in ihrer ursprünglichen Familie oder bei Verwandten[28]. Dort arbeiteten sie gewöhnlich als Gesellschafterin, Erzieherin oder Lehrerin. Der Wunsch nach einer „eigenständigen und doch gesellschaftlich anerkannten Existenz“, sowie das Bedürfnis nach Annerkennungs- und Kommunikationsformen wurden besonders seit den 30er Jahren immer lauter. Dies war gerade dort der Fall, wo das Mitleben von ledigen Frauen in den Familien von Verwandten zunehmend kompliziert wurde oder wo die großbürgerlichen Frauen durch die Entlastung durch Personal sich selbst nicht ausgelastet und erfüllt sahen.[29] „Konkrete Forderungen nach Zulassung zum beruflichen und akademischen Bereich“ ab Mitte des Jahrhunderts stießen auf erheblichen Widerstand[30]. Aber schon vorher „gab es einzelne (…) Versuche von Frauen, ihren Platz in der Gesellschaft neu zu suchen“[31].

Ein Bereich, in den sie neben der möglichen „minderbezahlten und –qualifizierten Angestelltentätigkeit“ fast reibungslos eindringen konnten, war die soziale Arbeit, da man diese als ehrenamtliche Liebestätigkeit abklären konnte. Ebenso bestand von der Gesellschaft aus durchaus Bedarf, da es an Pflegepersonal, aufgrund der erforderlichen Versorgung großer Teile der Bevölkerung im Krankheitsfall, mangelte.[32] Inwieweit die Frauen damit Selbstverwirklichung und ihren erhofften Platz in der Gesellschaft fanden möchte ich im nächsten großen Teil (Punkt 4) meiner Ausführungen beleuchten. Dabei soll es vor allem um die Arbeit als Diakonisse und den Beitrag Friederike Fliedners zum angesprochenen Sachverhalt gehen.

3.4 Zusammenfassung

Der Platz der bürgerlichen Frau in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts war unumstritten in der Familie als Ehefrau und Mutter. Da die Gesellschaft keine andere Existenzberechtigung der Frau sah, mussten sich ihr Wunsch und ihr Bedürfnis nach beruflicher Arbeit unterordnen.[33] Eine bürgerliche Gleichberechtigung wurde damit aktiv verhindert und mit der weiblichen Natur der Frau begründet. Konkret bedeutet das, dass ihre Unterordnung „zur psychischen Wesensbestimmung, zur Charaktereigenschaft“ deklariert wurde[34]. Dies zeigen Elemente, die in der bürgerlichen Weiblichkeitsideologie vorhanden sind, wie „die Forderung nach Entsagung, Aufopferung, Sich-selbst-Vergessen, Uneigennützigkeit, Liebe“[35]. Ganz bewusst wird der Frau ihre Selbstbestimmung genommen und diese als wichtige Tugend getarnt. Sie ist an den Mann ökonomisch gebunden, steht unter seiner Aufsicht und gerät an den Rand der Gesellschaft. Damit verbunden war selbstverständlich eine Verkleinerung der weiblichen Lebenswelt. Die einzige Anerkennung erlangt sie über den Mann. Bestrebungen von Frauen in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts aus diesem Rahmen auszubrechen sind in Einzelinitiativen vorhanden. Zugelassen werden diese Bestrebungen nur soweit, wie die bürgerliche Frauenrolle mit der Tätigkeit kompatibel ist, das heißt die Frau durfte beispielsweise nicht dadurch ökonomisch abhängig werden.

4 Friederike Fliedner und die Anfänge des Mutterhausdiakonie

4.1 Biographischer Abriss (1800-1828)

Friederike Fliedner wurde am 25. Januar 1800 in Braunfels als ältestes Kind von dem Lehrer Andreas Münster und der Zofe Louise Philippine Hartmann geboren. Aufgrund des frühen Todes ihrer Mutter übernahm sie 1816 den Haushalt und die Versorgung der ganzen Familie.[36] Andreas Münster schreibt an seine Enkelin gerichtet: „Fürchterlich war der Kampf meines Herzens bei dem Anblick deiner guten Mutter, der jungen Friederike, kaum 16 Jahre alt, im Kreis ihrer 6 Geschwister, für die ihr die Erbschaft der mütterlichen Sorge nebst einer Großmutter von 76 Jahren anheimfiel“[37]. Wenig später heiratete der Vater erneut und Friederike führte den Haushalt nun gemeinsam mit ihrer Stiefmutter. Über ihre religiöse Prägung sind keine eindeutigen Hinweise vorhanden, außer das sie reformiert war.[38] Zusätzlich weisen ihre Lebensdaten aber stark darauf hin, dass sie zur Erweckungsbewegung gehörte.[39]

[...]


[1] Vgl. Sticker, A.

[2] Vgl. Schmidt, J., 84.

[3] Jähnichen, T., 1473.

[4] Ebd., 1474.

[5] Schildt, G., 28.

[6] Vgl. Kocka, J., 106f.

[7] Vgl. Brüggemeier, F.-J., 121.

[8] Vgl. Greschat, M., 80.

[9] Jähnichen, T., 1475.

[10] Greschat, M., 77.

[11] Vgl. Schmidt, J., 31.

[12] Ebd., 11.

[13] Vgl. ebd., 31.

[14] Vgl. Greschat, M., 80 f.

[15] Bischoff, C., 53.

[16] Vgl. Schildt, G., 28.

[17] Vgl. Bischof, C., 50.

[18] Ebd.

[19] Vgl. Köser S. C., 109 ff.

[20] Bischoff, C., 54.

[21] Ebd.

[22] Ebd. 55.

[23] Ebd.

[24] Köser, S. C., 2000, 139.

[25] Bischoff, C., 57f.

[26] Ebd., 59.

[27] Köser, S.C., 2000, 140.

[28] Ebd., 2001, 111.

[29] Vgl. Bühler, M., 106.

[30] Bischoff, C., 71.

[31] Bühler, M., 106.

[32] Bischoff, C., 73.

[33] Vgl. ebd., 55.

[34] Ebd., 63.

[35] Ebd., 86.

[36] Vgl. Sticker, A. 26.

[37] Ebd,, 21.

[38] Vgl. Schmidt, J., Beruf: Schwester. Mutterhausdiakonie im 19. Jahrhundert, 89.

[39] Vgl. Zimmerling, P., 78.

Ende der Leseprobe aus 23 Seiten

Details

Titel
Die Bedeutung Friederike Fliedners für Kirche und Gesellschaft
Untertitel
In Hinblick auf das Amt der Diakonisse als Berufsperspektive für Frauen in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts
Hochschule
Technische Universität Dresden  (Institut für Evangelische Theologie)
Veranstaltung
Frauengestalten der Kirchengeschichte
Note
1,0
Autor
Jahr
2008
Seiten
23
Katalognummer
V165581
ISBN (eBook)
9783640813087
ISBN (Buch)
9783640813155
Dateigröße
493 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Insgesamt handelt es sich um eine sehr gründliche, quellennahe und problemorientiert angelegte Studie. Die Literaturauswahl ist recht breit und ermöglicht der Verfasserin unterschiedliche Zugänge der Forschung zu berücksichtigen und zu gewichten.
Schlagworte
Friederike Fliedner, Diakonie, Diakonisse, Frauen 19. Jahrhundert, Rolle der Frau, Kirchengeschichte 19. Jahrhundert, Theodor Fliedner, Mutterhaus, Kirche 19. Jahrhundert
Arbeit zitieren
Mirjam Höntsch (Autor), 2008, Die Bedeutung Friederike Fliedners für Kirche und Gesellschaft, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/165581

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Die Bedeutung Friederike Fliedners für Kirche und Gesellschaft



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden