Thukydides' Werk im Spiegel seiner Zeit

Beitrag zur Mentalitätsforschung zwischen Thukydides' Werk und dem Denken im 5. Jahrhundert v. Chr.


Hausarbeit, 2010

30 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Gliederung

Einleitung

1. Von Epigonen, Mentalität und Innovationen

2. Methodische Vorgehensweise

Hauptteil

3. Leben und Werk des Thukydides

4. Kurzer Abriss der geistigen Tendenzen im 5. Jahrhundert. v. Chr.

5. Ähnlichkeiten zwischen Thukydides` Denken und der Mentalität der Zeit
5.1 Wahrheitssuche - Von Meinungen und der Frage, wie es eigentlich ist
5.2 Der Mensch - Mittelpunkt der Welt und sein allgemeines Wesen
5.3 Erkenntniserweiterung - Belehrung ohne Moral

Schluss

6. Die historische Originalität des Thukydides

7. Fazit: Rückfragen und wissenschaftliche Würdigung

8. Literaturverzeichnis

Einleitung

1. Von Epigonen, Mentalität und Innovation

„(…) Leben ist ein Interim: wo es aufhört, ist es zu Ende, aber wo es anfängt, ist niemals der Anfang. Denn die Wirklichkeit ist - (…) zuvorkommend stets schon da, und sie (die Menschen, M.S.) müssen anknüpfen. Kein Mensch ist der absolute Anfang: jeder lebt mit unverfügbaren Vorgaben.“[1] Diese Worte des Philosophen Odo Marquard, welche die unweigerliche historische Bedingtheit und Voraussetzungshaftigkeit des menschlichen Verstehens, Denkens und Handelns hervorheben, geben gleichsam programmatisch das Erkenntnisinteresse und damit die Fragerichtung der folgenden Arbeit vor.

In concreto bedeutet dies: Es werden die historischen Voraussetzungen und die aufzeigbaren Einflüsse des damaligen Denkens auf das Werk und die Weltauffassung des griechischen Historikers Thukydides (ca. 465-399 v. Chr.)[2] untersucht. Denn ebenso wie jeder von uns bis auf den heutigen Tag, diachron von einer zweitausendfünfhundert Jahren alten Tradition sowie synchron vom Wirklichkeitsverständnis seiner Zeit, in Denken und Tun mehr oder weniger bewusst bedingt und beeinflusst wird, ebenso ähnlich stand es mit der Prägung des Denkens des Historikers Thukydides. Jeder von uns, wie auch Thukydides zu seiner Zeit, ist immer schon Epigone in biologischem und geistigem Sinne des Wortes. Immer ist der neugeborene Mensch, ganz gleich ob Mann oder Frau, ein „Nachgeborener“. Und diese generative Gesetzmäßigkeit bedingt, dass man in schon bestehende Denk-, Sinn- und Deutungszusammenhänge und Handlungsmuster hineingeboren wird, in ihnen aufwächst und aus Notwendigkeit mit den objektivierten Wirklichkeitsauslegungen konfrontiert wird, aus denen man schöpfen muss, weil eine creatio ex nihilo ein Unding ist: „das Erschaffen ist ein Umschaffen.“[3] Jeder knüpft an schon Gegebenes, Vorgegebens an. Jeder wird gleichsam davon durchdrungen und oft ohne es zu merken durch die Sozialisation in ein bestimmtes Sozialgefüge, sei es eine Familie, eine Polis oder eine Nation, in seiner Denk- und Handlungsweise nachhaltig beeinflusst.[4] Und wenn geschichtlich gesehen, durch einen die Wirklichkeitsdeutung bestimmenden Sozialisationsprozess der Individuen, ein „Ensemble von Weisen und Inhalte des Denkens und Empfindens, (…) für ein bestimmtes Kollektiv in einer bestimmten Zeit prägend“[5] wurde, so spricht man im geschichtswissenschaftlichen Diskurs von einer historischen Mentalität.

Diese Einsicht der unweigerlichen Epigonalität, die zur „Mentalität“[6] bzw. der kollektiven Sedimentierung von Denk- und Empfindungsweisen werden kann, wenn sich bestimmte Denk- und Sichtweisen kollektiv und nachhaltig durchsetzen, wird im Folgenden auf den griechischen Historiker Thukydides angewendet. Es wird auf die Spurensuche nach den geistigen Verwandt-schaften in Thukydides Opus Magnum „Der Peloponnesische Krieg“ gegangen. Daran sollen allgemeine Zeittendenzen und das die mentalitätsgeschichtliche Forschung interessierende „Allgemeingut“[7] sichtbar gemacht werden, um somit ein kontextgebundenes Verständnis seines Werkes zu bekommen. Dabei wird kein Ikonoklasmus an einer der Koryphäen der Geschichts-wissenschaft betrieben, falls der oft mit negativen Konnotationen behaftete Begriff der Epigonalität dies nahe legt, sondern lediglich der mentalitätsgeschichtliche Kontext darlegt werden, in dem Thukydides seinen Text verfasst hat, und argumentativ plausibel gemacht werden, welche mentalitätsbedingten Einflüsse sich im thukydideischen Denken finden lassen.

Zudem wird, als Gegengewicht zur „Fundamentfreilegung“, Thukydides` Originalität verdeutlich. Denn wenn jeder mit existentieller Notwendigkeit als Nachgeborenen durch das (Vor)-Gegebene seiner Mitwelt bedingt und geprägt ist, so ist diese Zwangsläufigkeit keine absolute Determinierung, weil es im menschlichen Denken liegt, Möglichkeiten zu haben bzw. für Neues offen zu stehen. Oder wie ließe sich sonst im Lauf der Geschichte bis auf den heutigen Tag Wandel und Weiterentwicklung auf geistigem Gebiet und damit auf kultureller Ebene verstehen? Denn wenn es keine Möglichkeiten zum Aufkommen von geistigen Innovationen und neuen Ideen gäbe, wäre der Mensch als Gattungswesen vermutlich im Zustand des Keulen schwingenden Jägers und Sammlers verblieben. Zwangsläufig ist zwar jeder Epigone und aufgrund dessen durch bestimmte Denk- und Empfindungsweisen geprägt, aber die denkerische Schöpferkraft und Freiheit zu neuen Verknüpfungen aus dem Fundus des Bestehenden, gewährt die Möglichkeit zur Innovation, so das kommende Generationen dialektisch von dieser Neuerung ihrerseits nachhaltig geprägt werden können. Und dies sei vorweggenommen: Thukydides war selbst ein solcher Erneuerer im Umgang mit dem Geschichtlichen, dessen Denken eine bis heute reichende Wirkungsgeschichte aufweist.

2. Methodische Vorgehensweise

Die Methode, um die hier gestellte mentalitätsgeschichtliche Frage zu beantworten, nämlich welche kollektiven Ähnlichkeiten und originellen Unterschiede zwischen Thukydides` Werk und dem damaligen Denken bestanden, wird eine philologisch-kritische Quelleninterpretation und der Vergleich von Thukydides` Werk und Werken/Fragmenten andere Denker der damaligen Zeit sein.[8] Dazu wird zuerst in wesentlichen Zügen Thukydides` Leben und Werk dargestellt, daraufhin das Panorama der damals geistigen Welt skizziert, in der Thukydides lebte, um dann vor diesem Hintergrund die Ähnlichkeiten und Unterschiede zwischen Thukydides und dem damaligen Denken plausibler hervorzuheben zu können. Dazu werden drei wesentliche Bereiche beleuchtet, in denen sich Überschneidungen ergeben. Diese Aspekte lassen sich werkimmanent herleiten und abstrahierend zu den Begriffen Alethealogie (5.1), Anthropologie(5.2) und politische Paideia (5.3) zusammenfassen. Bekräftigung findet die hier verfolgte Argumentation durch ausgewählte Sekundärliteratur. Gegen Ende wird dann versucht das historisch Neue an Thukydides herauszustellen und aus der Perspektive des heutigen Wissenschaftsverständnisses zu einem angemessenen-kritischen Urteil über das thukydideischen Schaffen zu gelangen.[9]

Hauptteil:

3. Leben und Werk des Thukydides

Über Thukydides Leben und seine Person sind die Kenntnisse rar gesät. Geboren wurde er vermutlich zwischen 460 und 455 v. Chr. als Enkel des Thrakerkönigs Oloros.[10] Zudem weist Thukydides Stammbaum Verwandtschaftsbeziehungen zu bedeutenden historischen Personen wie Miltiades und Kimon auf,[11] die in der ersten Hälfte des 5. Jhdt. keinen geringen politischen Anteil am Aufkommen Athens zur Großmacht hatten. Thukydides stammte also aller Wahrscheinlichkeit nach aus „der ältesten und vornehmsten athenischen Aristokratie“[12], wo er vermutlich von Kindesbeinen an mit einer oligarchisch-konservativen Mentalität konfrontiert und in diese sozialisiert wurde. Ferner war er in Folge seiner Abstammung und Erbschaft gut betucht. Zu seinem Besitz gehörte ein kleines Fürstentum in Skapte Hyle (Thrakien), wo er über „die Nutzungsrechte an den Goldbergwerken“[13] verfügte und daher „einer der mächtigsten Männer auf dem Festland“[14] war. Er besaß „also enormen Reichtum (…).“[15] Bezüglich anderer Kenntnisse ist man ebenfalls auf Thukydides` eigene Angaben angewiesen. Dieser berichtet selbst als Stratege und Flottenführer im „Peloponnesischen Krieg“ auf Seiten der Athener tätig gewesen zu sein. Er wurde aber aufgrund von mangelndem Kriegserfolg in Thrakien - er hatte die Einnahme von Amphipolis durch Brasidas nicht verhindern können - von der athenischen Volksversammlung ostrakiert und 424 v. Chr. für zwanzig Jahre aus der Stadt verbannt. Diese Verbannung ermöglichte es ihm, laut eigenen Angaben, Reisen zu Kriegsschauplätzen zu tätigen und „in aller Ruhe genauere Erkundigungen“[16] einzuziehen, was die Geschehnisse des Krieges auf beiden Seiten betraf.[17] Nach der Aufhebung der Verbannung kehrte er nach Athen zurück, was aufgrund der sozialen Ausgrenzung für eine Hochschätzung dieser Stadt spricht. Die Todesdaten sind ebenfalls nicht eindeutig überliefert. Da Thukydides angibt, den Krieg in Gänze mit „wachem Sinn und gespannter Aufmerksamkeit“[18] miterlebt zu haben, dieser 404 endete und einige Angaben seines Werkes Kenntnisse des Jahres 399 voraussetzen, kann davon ausgegangen werden, dass er nach 399 v. Chr. starb.[19] Summa summarum: Thukydides lebte von ca. 465- 399. Er war aristokratischer Abstammung und verfügte über große finanzielle Mittel. Durch seine Reisetätigkeit und eine intellektuelle Aufgeschlossenheit, die gleichsam als eine wesentliche Disposition für wissenschaftliches Forschen überhaupt genannt zu werden verdient, besaß er vermutlich eine Fülle von Kenntnissen, was das kulturelle und politische Geschehen betraf, und aller Wahrscheinlichkeit nach hegte er ein standesbedingtes Interesse an Politik und Bildung. Zudem ist anzunehmen, dass er wegen seiner familiären Herkunft mit der oligarchischen Mentalität vertraut war, weil er in diesen Kreisen und deren Denken aufwuchs.[20] Zudem war er der Stadt Athen und ihrem kulturell-politischen Leben zugeneigt, da er nach seiner Verbannung umgehend dorthin zurückkehrte.[21]

Für sein Interesse an Politik und Bildung ist sein Opus Magnum „Der peloponnesische Krieg“ eines der beredtesten Zeugnisse der antiken Welt. In acht Büchern seiner historischen Monographie erzählt Thukydides die zeitgeschichtliche Ereigniskette des Kampfes der beiden damaligen Großmächte Athen und Sparta sowie deren jeweiligen Bündnispartnern von 431-411.[22] Thukydides schildert bisweilen sehr detailliert und mit realistischer Nüchternheit bald fernab von expliziter Wertung, die Kampfgeschehnisse und die damit verbundenen Ereignisse chronologisch Jahr für Jahr. Zudem baut er viele, angeblich sinngemäß zwischen den Konfliktparteien gehaltene Reden in sein Werk ein, die gleichsam als Gelenkstellen des Geschehens fungieren, Einblicke in die damalige Denkweise der politischen Akteure gewähren sollen und ihre Entscheidungen mehr oder weniger nachvollziehbar machen.[23]

Anlass zur zeitgeschichtlichen Berichterstattung des Kriegsgeschehens gab ihm, wie er selbst sagte, die Erwartung und Vorahnung, dass dieser Krieg „bedeutend (…) und denkwürdiger als alle vorangegangenen“[24] sein werde. Diese Vorahnung wurde auch bestätigt, in dem politischen Sinne, dass danach in der Ägäis nichts mehr so war wie vor Beginn des Krieges, da der geschichtliche Verlauf zeigte, dass nach diesem Krieg die Machtverhältnisse, sich zu Ungunsten Athens entwickelt hatten. Ursache für diese Niederlage war nach Thukydides` Schilderung die aktionistische, egomanische und expansive Machtpolitik einiger der führenden, nachperikleischen Strategen.[25]

Der Peloponnesische Krieg, den uns Thukydides in seinem Werk erzählt, war „eine Krise, Scheide zweier Zeitepochen“[26], jener der attischen Macht und kulturellen Blüte der so genannten "Perikleischen Epoche" sowie der Zeit danach, in der Athens politischer Einfluss schwand und Makedonien allmählich zur zunehmenden Hegenomiemacht in der Ägäis heranreifte.

4. Kurzer Abriss der geistigen Tendenzen im 5. Jahrhundert v. Chr.

Das 5. Jahrhundert v. Chr., in dem Thukydides längste Zeit lebte und schrieb, war kulturell betrachtet einer der innovativsten Periode der Menschheitsgeschichte, denn „(n)iemals hat die Weltgeschichte eine solche Vielzahl verschiedenartiger Talente und bedeutender Leistungen innerhalb eines so kurzen Zeitabschnitts gesehen“[27], dessen grundlegende Errungenschaften und Reflexionen über das Wesen von Politik, Wissenschaft, Philosophie, Pädagogik und Literatur, bis auf unseren heutigen Tag, unserem Denken und Handeln die Richtung vorgaben. Binnen eines Jahrhunderts kam ein geistiger Prozess durch herausragende Persönlichkeiten in Gang, der die mythische Weltanschauung der archaischen Zeit zunehmend ablöste und ein Zeitalter inaugurierte, in dem der „Logos“, die kritische Vernunft, die begründete Rede und rationale, auf allgemeine Gesetzmäßigkeiten drängende Ursachenforschung der Phänomene im Mittelpunkt stand.[28]

Denn im 8. - 6. Jhdt. wurden die Phänomene von Mensch und Natur noch phantasievoll und durch personale Einflussnahme vielfältiger Göttergestalten erklärt, während sich dann, angestoßen durch die spekulative Naturphilosophie, welche nach dem ersten Prinzipien des Kosmos forschten, eine kritischen Prüfung der Tradition ausbreitete, die begrifflich-logisch nach den Ursachen der Dinge und ihre natürlichen Herkunft fragte. Dieses grundlegend neue Denken, das sich im 5 Jhdt. zunehmend ausdifferenzierte, war in gewisser Weise rebellisch: es nahm den Mythos und die alten Antworten nicht mehr als geistige Autorität an, sondern es wurde die „Wahrheitsfrage gestellt (…), die schon als solche einen Zweifel in sich schließt.“[29] Es wurde nach der Richtigkeit und dem allgemeinen Geltungsanspruch der Überlieferung gefragt. Kurzum: im 5. Jahrhundert v. Chr. griff eine Skepsis an der Tradition um sich, die durch eine kritische Prüfung die Wahrheit zu erforschen sucht. Auch wenn weiterhin die mythisch-religiöse Weltauslegung in weiten Teilen der attischen Bevölkerung Bestand hatte und Denken und Handeln prägte, so waren doch, gerade in der gebildeten Oberschicht - der auch Thukydides angehörte - diese traditionslösenden, aufklärerischen Tendenzen am Werk, die die Wahrheitsfrage stellten und somit eine geistige Spannung im damaligen Denken und Leben hervorriefen, aber zugleich eine ungemeine Schaffenskraft auf vielen Gebieten frei-setzten.[30] Darum war diese Zeit auf politischem und kulturellem Gebiet und darüber hinaus „eine Zeit des Experimentierens und Erprobens dessen, was in der Archaik angelegt war.“[31]

Zum Beispiel war auf politischer Ebene nicht mehr die Aristokratie und Oligarchie allein maßgebliches Ordnungssystem des Zusammenlebens. Andere Formen, wie etwa die Idee der Demokratie und ihre Umsetzung, ebenso wie Monarchien und Tyrannei war im politischen Spektrum eine nun zu verwirklichende Alternative, um deren jeweilige Etablierung gerungen wurde.[32]

Die Trias der uns erhaltenen Tragödiendichter Aischylos (ca. 524-455), Sophokles (ca. 496-406) und Euripides (ca. 480-406) brachten dramatisch inszeniert „den Lebensernst“[33] der Menschen im Tun und Erleiden auf die Bühne, aus dem gelernt werden sollte, während die Komödie und ihr Spott an den Sitten und Gebräuchen durch Aristophanes (ca. 445-386) zur Unterhaltung und Erziehungszwecken aufgeführt wurde.

Auf kulturell geistigem Gebiet war die Geburtsstunde der Wissenschaften zu verzeichnen. „Einzeluntersuchungen mit ihrer auf die Bloßlegung der Ursachen der Naturvorgänge gerichteten Abzweckung“[34] griffen um sich, wodurch ein in der Naturphilosophie angelegter Keim zur Blüte gelangte und das Aufkommen und Ausdifferenzierung der Wissenschaft in Gang kam.[35] Z. B. wurde durch Hippokrates von Kos (ca. 460-370) die Medizin als wissenschaftliche Disziplin begründet, deren Charakteristikum „eine strenge Äitologie und die empirische Methode“[36] war. Diese Tendenz einer induktiv und empirisch vorgehenden Verwissenschaftlichung machte auch vor dem Umgang mit der Geschichte nicht halt, wie sich am Werk des Herodot (ca. 484-425) und dem des Thukydides zeigte. Obgleich dieser eher traditionell in einer religiös-metaphysischen Weltauffassung verhaftet blieb, wohingegen jener sich von dieser Weltauslegung löste und eine realistische Geschichtsschreibung auf den Weg brachte.

Eine weitere geistige Bewegung, die vor allem die zweite Hälfte des 5. Jhdt. besonders prägte, war die so genannte „Sophistik“.[37] Sophisten waren bezahlte Wandererlehrer, die von Stadt zu Stadt zogen und in öffentlichen Vorträgen und Unterricht Zuhörer bzw. „Söhne begüterte Familien“[38] in verschiedene Wissensbereiche einwiesen und sie grundlegende Kenntnisse und Fertigkeiten zu lehren versprachen. Ihre Tätigkeit als Bildungsvermittler war aufgrund der Demokratie und der Teilhabe daran, von hohem Nutzen für die politische Betätigung. Das Themenspektrum ihrer Vorträge, die in öffentlichen Lokalen abgehalten wurden und mit denen sie zu allgemeiner Bildung erziehen wollten, war weit gespannt.[39] Charakteristisch für das Denken und den Unterrichtsinhalt dieser antiken Intellektuellen, die der Sophist Prodikos (ca. 460-399) in einer Art Selbstbeschreibung als „(…) Zwischenstücke zwischen dem Philosoph und dem Politiker“[40] bezeichnet, waren Fragen der Erkenntnis, Politik, Lebensführung, Erziehung, Mathematik sowie der Rhetorik.

Alles in allem stand für die Sophisten nicht mehr die Natur im Vordergrund der Betrachtung wie noch bei den ionischen Naturphilosophen, sondern der Mensch, sein Zusammenleben, seine kulturellen Produkte und dessen Bildung. Von den spekulativen Naturphilosophen der zweiten Hälfte des 6. Jhdt. unterschiede sich, erstens ihr Fragegegenstand, der nun der Mensch war, zweitens ihre Erkenntnismethode, die empirisch-induktiv vorging, sowie drittens der Zweck ihrer lehrenden Tätigkeit, die darauf abzielte den Hörern eine geistige Bildung zu vermitteln.[41] Herausragende Vertreter waren Protagoras (ca. 485-415) und Gorgias (483-385). Erster stand nicht nur in Kontakt mit Perikles, sondern war auch berühmt und gleichsam berüchtigt für seine individualisierende und sittenrelativierende sowie agnostische Lehre[42]. Zweiter war ein hervorragender Rhetor, der die Macht der Rede betonte, die eine psychagogische Wirkung auf das Publikum habe und somit zur Beherrschung der Menschen dienen konnte.[43] Diese instrumentell zu verwendende Macht der Rede deuteten seine Zeitgenossen Thrasymachos (ca. 46ß-399) Kritias (460-403)[44] und Kallikles dahin aus, dass sie einen durch die Rhetorik ausgeübten Aristokratismus in Sinne eines naturgegebenen Rechts des Stärkeren vertraten.[45]

Die Sophistik war zwar eine, vielleicht die einflussreichste Gesamtbewegung der damaligen Zeit, aber ihre Wahrnehmung und Beurteilung war ambivalent. Denn einerseits traf sie in der attischen Demokratie mit ihrer Rhetoriklehre auf fruchtbaren Boden, in der die überzeugende Rede vor Gericht und in der Volksversammlung ein Mittel der Interessensdurchsetzung, d.h. der Macht war. Zudem war ihr reichhaltiges Bildungsangebot für politische Teilhabe und die Lebensführung des Einzelnen von Nutzen. Anderseits hatten die Sophisten durch ihre Hang zum Subjektivismus auch eine sittenzersetzende und die alten Werte relativierende Wirkung, der vermutlich nicht nur von einigen führenden Köpfen mit Argwohn betrachte wurde. Bedeutende historische Belege für diese Abneigung aus Reihen der schreibenden Zunft sind die Komödie des Aristophanes und viele, nach Sophisten benannte Dialoge des Philosophen Plato (ca. 427-347). Erster verhöhnt die Sophisten, fälschlicherweise verkörpert durch die Figur des Philosophen Sokrates (ca. 470-399), als Wortverdreher, Sittenverderber und Atheisten.[46] Zweiter lässt seinen Lehrer Sokrates u.a. mit den Sophisten philosophische Dialoge führen, die die fragende Suche nach rationaler und wissensbasierter Lebensführung thematisieren. Diese unter ideologiekritischen Vorbehalten zu lesenden Schilderung zweier führender zeitgenössischer Personen zeigt dreierlei: Erstens, dass die Sophistik eine öffentlich bekannte Bewegung war, die solche Resonanz und Aufmerksamkeit erfuhr, dass man sie mit Spott denunzieren oder durch Argumente widerlegen musste. Zweitens, sahen einige Athener durch diese Intellektuellen vermutlich einen negativen, weil sittenverderbenden Einfluss auf die Bevölkerung. Und drittens ergibt sich, dass der Philosoph Sokrates, vermutlich als Sophist wahrgenommen wurde, weil er das Bestehende in Frage stellte und „gewaltig im Reden“[47] war. Nach Platons Schilderung trat Sokrates den Sophisten jedoch problematisierend-prüfend entgegen und fungierte gleichsam als ihr kritisches Korrektiv, in dem er sie und die Bewohner Athens in Gespräche verwickelte, ihrem vermeintlichen Wissen auf den Zahn fühlte und er die großen Fragen stellte, die das menschliche Leben und seine gelingende Führung betrafen.[48]

[...]


[1] Marquard, Odo: Abschied vom Prinzipiellen. Stuttgart 2005, S. 76.

[2] Da im Kommenden alle Jahreszahlen v. Chr. datiert sind, wird dieser Zusatz „v. Chr.“ bei der Angaben von Jahreszahlen ausgespart.

[3] Goodman, Nelson: Weisen der Welterzeugung. Frankfurt a. M. 1990, S. 19.

[4] Vgl. dazu: Berger/Luckmann. Die gesellschaftliche Konstruktion der Wirklichkeit. Eine Theorie der Wissenssoziologie. Frankfurt a. M. 1980, S. 65.

[5] Dinzelbacher, Peter: Zu Theorie und Praxis der Mentalitätsgeschichte. In: Dinzelbacher, Peter (Hrsg.): Europäische Mentalitätsgeschichte. Hauptthemen in Einzeldarstellungen. 2. durchgesehene und ergänzte Auflage. Stuttgart 2008 (Kröner Taschenausgabe 469), S. 25.

[6] Vgl. dazu: Sellin, Volker: Mentalität und Mentalitätsgeschichte. In: Historische Zeitschrift Bd. 241 (1985), S. 556 ff. Besonders S. 590f. Dort heißt es: „Die Wirklichkeit wissenschaftlich, d.h. in ihrer reinen Gegenständlichkeit, analysieren zu wollen, ist selbst Ausdruck einer bestimmten Mentalität. Niemand, auch der Wissenschaftler nicht, kann sich in der Lebenswelt ohne prätheoretische Wissensvorgaben orientieren. Daher richtet sich die mentalitätsgeschichtliche Fragestellung auch keineswegs nur an die breiten Volksmassen, sondern ebensosehr an die sog. Eliten.“ Dieser geistigen Elite Athens, zu deren Kreis Thukydides gehörte, und deren wissenschaftlichen Mentalität gilt im Folgenden vornehmlich die Aufmerksamkeit.

[7] Dinzelbacher, S. 31.

[8] Wenn die Originalität des Thukydides betont wird, so wird damit im eigentlichen Sinn das Feld der Mentalitätsgeschichte verlassen, weil damit der individuelle Teil seines Denkens zum Vorschein kommt, der sich eher mit dem befasst, was die Griechen Paideia (Bildung) nannten. Die Originalität und gedankliche Selbstständigkeit gründet sich auf der aktiven und reflektierten Auseinandersetzung des Thukydides mit dem damaligen Denken.

[9] Aufgrund des institutionell vorgegebenen Umfangs versteht es sich von selbst, dass der Klärungsversuch der aufgeworfenen Frage kein erschöpfender sein kann und wird.

[10] Thuk. IV 104, 4.

[11] Vgl. zu deren Viten: Grant, Michael: Die klassischen Griechen. Die Blüte der hellenischen Kultur von Miltiades bis Aristoteles. Bergisch Gladbach 1989, S. 28-34 bzw. 66-72.

[12] Fritz, Kurt von: Die Griechische Geschichtsschreibung. Bd. I: Von den Anfängen bis Thukydides. Berlin 1967, S. 536.

[13] Thuk. IV 105, 1.

[14] Ebd.

[15] Schadewaldt, Wolfgang, S. 306. Diese Abstammung ist für die Fragestellung der Arbeit von nicht geringem Interesse, denn aus der aristokratischen Abstammung und deren Mentalität lassen sich Rückschlüsse auf Thukydides` geistigen Einflüsse ziehen, da es für den attischen Adel zum einen durch genügend Muße möglich war und zum anderen einer standesgemäßen Üblichkeit entsprach, sich mit Wissenschaft und Philosophie zu beschäftigen.

[16] Thuk. V 26, 5.

[17] Wie Fritz betont, kann Thukydides aber den Ereignissen in Athen nicht beigewohnt haben, obgleich er darüber viel berichtet. Vgl. Fritz, S. 540.

[18] Ebd. V 26, 4.

[19] Vgl. dazu: Schadewaldt, S. 308f. Schadewaldt setzt auch das Geburtsdatum auf 475-470 an.

[20] Dass er mit der aristokratischen Denkungsart vertraut war, bedeutet jedoch nicht zwingend, dass er diese für sich persönlich in Anspruch nahm. Er scheint sich von der oligarchischen Mentalität im Laufe seines Lebens gedanklich emanzipiert zu haben. Denn Thukydides lässt uns wissen, dass er zumindest für den damaligen Zeitpunkt eine Melange aus Oligarchie und Demokratie guthieß (vgl. Thuk. VIII 97, 3). Wichtiger ist vielmehr, dass ihm der vermutlich in diesen Kreisen verbreitete Gedanke der politischen Einflussnahme, also der Macht, nahe gebracht worden ist, der eine wesentliche Erkenntnis seines Werkes und Geschichtsverständnisses ausmacht. Vgl. dazu: Fritz, S. 559f.

[21] Vgl. dazu auch: Sonnabend, Holger. Thukydides. Hildesheim 2004, S. 9-15.

[22] Die eigentlichen kriegerischen Auseinandersetzungen endeten im Jahre 404 mit der Kapitulation Athens. Aber obgleich Thukydides wahrscheinlich nach 404 starb, blieb sein Lebenswerk trotzdem unvollendet. Dies führt wiederum zur so genannten „thukydeischen Frage“, wann die einzelnen Bücher verfasst wurden, ob das uns vorliegende Werkfragment zur Veröffentlichung gedacht war, oder ob noch Veränderungen seitens Thukydides vorgenommen werden sollten, wenn ihm die Zeit dazu gegönnt gewesen wäre, usw. Vgl. Sonnabend, S. 36-41.

[23] Die genaue Ereignisabfolge des Krieges wird en detail im Folgenden vornehmlich nicht mehr von Interesse sein. Wenn doch, so nur, wenn die sachliche Relevanz der hier gestellten Frage dies gebietet. Für eine geraffte Zusammenfassung der Ereignisse und den Aufbau des Buches vgl.: Sonnabend, S. 29-35. auch: Schadewaldt, S. 317-379; schematische Darstellung S. 391-395.

[24] Thuk. I, 1,1.

[25] Ebd. II 65, 5-13.

[26] Schadewaldt, S.229.

[27] Grant, S. 9.

[28] Jaeger, Werner: Paideia. Die Formung des griechischen Menschen. Bd. I. 4. Auflage. Berlin 1959, S. 10f.

[29] Nestle, Wilhelm: Vom Mythos zum Logos. Die Selbstentfaltung des griechischen Denkens von Homer bis auf die Sophistik und Sokrates. Stuttgart 1940, S. 2.

[30] Bzgl. der spannungserzeugenden Gegenströmungen gegen diese säkularisierenden Tendenzen. vgl. ebd. S. 448-485.

[31] Funke, Peter: Die Griechische Staatenwelt in klassischer Zeit (550-336 v. Chr.)In: Gehrke, Hans-Joachim/Schneider Helmuth (Hrsg.): Geschichte der Antike. Ein Studienbuch. Stuttgart/Weimar 2000. S. 99.

[32] Vgl. dazu: Ottmann, Henning: Geschichte des politischen Denkens. Die Griechen. Von Homer bis Sokrates Bd. 1. Erster Teilband. Stuttgart/Weimar 2001.

[33] Ebd. S. 207.

[34] Nestle, Wilhelm: Griechische Geistesgeschichte. Von Homer bis Lukian. Stuttgart 1944, S. 136.

[35] Zur Belegung dieser Aussage genügt es einen Blick auf die erhaltenen Titel der Werke des Demokrit zu werfen. Die Vielzahl der Titel und die Unterschiedlichkeit ihre Themen ist immens und ein Indiz der zunehmenden Ausdifferenzierung des wissenschaftlichen Denkens, das sich zunehmend spezifischen Forschungsgegenständen zuwandte. Vgl. Diogenes Laertios: Leben und Lehre der Philosophen. Aus dem Griechischen übersetzt und herausgegeben von Fritz Jürß. Stuttgart 1998, S. 472f.

[36] Nestle, Geistesgeschichte, S. 146.

[37] Vgl. zur Etymologie des Begriffs: Taureck, Bernhard, H.F.: Die Sophisten zur Einführung. Hamburg 1995, S. 13- 24.

[38] Nestle, Vom Mythos zum Logos, S. 259.

[39] Ebd. S. 260.

[40] Prod. DK 84 B 6.

[41] Vgl. dazu: Nestle, Wilhelm: Die Vorsokratiker. Deutsch in Auswahl. Mit Einleitung von Wilhelm Nestle. 4. Auflage. Düsseldorf 1956, S. 64.

[42] Berühmt ist sein Homo-mensura-Satz, nach dem „der Mensch das Maß der Dinge“ (vgl. DK 80 B1) ist und seine Ansicht, dass es zu jeder Sache zwei sich widersprechenden Sichtweisen gäbe. (vgl. DK 80 B 6a) Auch ist ein Fragment erhalten, in dem er sich für den Agnostizismus ausspricht (vgl. DK 80 B 4.), was, laut Diogenes Laertios, zur Verbannung und Verbrennung seiner Bücher geführt haben soll. Dies ist wiederum ein Indiz für seine Bekanntheit, aber auch für den Konflikt der Mentalitäten zwischen Mythos und Logos. Vgl. Diogenes Laertios, S. 429f.; auch: Nestle

[43] Vgl. dazu: Pfeiffer, Rudolf: Die Sophisten, ihre Zeitgenossen und Schüler. In: Classen, Carl Joachim (Hrsg.): Sophistik. Darmstadt 1976 (Wege der Forschung Band 187) , S. 204f.

[44] Vgl. dazu: Kritias vertrat diesen antiken Sozialdarwinismus, also das Recht des Stärkeren nicht nur theoretisch, sondern er praktizierte ihn auch als einer der radikalsten der so genannten „dreißig Tyrannen“ gegen Ende des peloponnesischen Krieges. Vgl. dazu: Xen. Hell. II 3.Vgl. bzgl. Kurzviten der Sophisten: Taureck S. 13- 24; auch: Nestle, Vorsokratiker, S, 61-93. Auch: Nestle, Vom Mythos zum Logos, S. 249-400.

[45] Nestle, Geistesgeschichte, S. 179-189.

[46] Vgl. Aristoph. neph.

[47] Diogenes Laertios, S. 100.

[48] Vgl. dazu: Ottmann S. 212.; auch: Fischer, Wolfgang: Über Sokrates und die Anfänge des pädagogischen Denkens. In: Fischer, Wolfgang/ Löwisch, Dieter-Jürgen (Hrsg.): Philosophen als Pädagogen. Wichtige Entwürfe klassischer Denker. 2. Auflage. Darmstadt 1998, S. 1-25. Vgl. bzgl. der Unterschiede zwischen Sophistik und Sokrates als Philosoph: Nestle, Vom Mythos zum Logos, S. 262f.

Ende der Leseprobe aus 30 Seiten

Details

Titel
Thukydides' Werk im Spiegel seiner Zeit
Untertitel
Beitrag zur Mentalitätsforschung zwischen Thukydides' Werk und dem Denken im 5. Jahrhundert v. Chr.
Hochschule
Universität Koblenz-Landau  (Geschichte)
Veranstaltung
Der Peloponnesische Krieg
Note
1,3
Autor
Jahr
2010
Seiten
30
Katalognummer
V165652
ISBN (eBook)
9783640813483
ISBN (Buch)
9783640813537
Dateigröße
537 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Kommentar des Dozenten „In der Weite des Blicks, der ausgreifenden und doch stringenten Argumentation, auch angesichts des anspruchvollen Themas und der hierbei erzielten Ergebnisse eine überzeugende Leistung, zudem ein sehr selbstständiger Zugang.“
Schlagworte
Sophistik, Antike, Wahrheit, Anthropologie, Politische Bildung, Heraklit, Mythos, Logos, Macht, Zufall, Tragödie, Geschichtswissenschaft, Sophisten, Mentalitätsgeschichte, Ideengeschichte
Arbeit zitieren
Dipl. - Päd. Mario Stenz (Autor), 2010, Thukydides' Werk im Spiegel seiner Zeit, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/165652

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