Kreativwirtschaft und Migration als Enwicklungsfaktoren von Metropolregionen

Das Beispiel Stockholm


Masterarbeit, 2009
95 Seiten, Note: 2,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abstract

Abkürzungen

Teil I - Einführung
1. Einleitung
2. Methodik und Inhalt

Teil II - Theoretische Grundlage der Arbeit: Kreativwirtschaft und Migration als funktionale Elemente Europäischer Metropolen
1. Das Konzept der Europäischen Metropolregion (EMR)
1.1 Was sind Metropolregionen?
1.2 Merkmale und Funktionen einer Metropolregion
2. Kreativwirtschaft
2.1 Begriffsklärung Creative Industries und Cultural Industries
2.2 Kreativwirtschaft in Schweden
2.3 Kreative und Kreatives Milieu
3. Migration als Indikator kultureller Vielfalt
3.1 B egriffsklärung Migration
3.2 Segregation
3.3 Der Einfluss der Migration auf den Segregationsprozess

Teil III - Untersuchungsgegenstand: Die Rolle von Kreativwirtschaft und Migration im wirtschaftlichen und politischen Entwicklungsprozess Stockholms als Europäische Metropolregion
1. Sozioökonomische Einordnung - Stockholm als EMR
1.1 Räumliche Abgrenzung der Region Stockholm
1.2 Stockholm als Metropole
1.3 Einordnung in das Netz europäischer Wachstumszentren unter besonderer Berücksichtigung der Faktoren Kreativwirtschaft und Migration - Stärken und Schwächen
1.4 Fazit
2. Kreativwirtschaft und Creative Class
2.1 Branchenverteilung kreativer Industrien
2.2 Kreative Wirtschaftscluster und Teilbranchen in der Region Stockholm
2.3 Zusammenarbeit mit internationalen Partnern - Das Beispiel Ostseeraum
2.4 Kreatives Humankapital - Herkunft, Bildung, Nutzung
2.5 Fazit
3. Migration als Faktor für Wirtschaftswachstum und Wettbewerbsfähigkeit
3.1 Migrantenverteilung in Stockholm
3.2 Migrationspolitik
3.3 Wanderungsverhalten von Schweden und Nicht-Schweden
3.4 Segregationsverhalten und Qualities of place in Stockholm
3.5 Kulturelle Vielfalt und Migranten im kreativen Sektor
3.6 Fazit
4. Regionale Raum- und Regierungsstrukturen im Wandel - wirtschaftliche und politische Entwicklungsmöglichkeiten
zur besseren Nutzung zukunftsorientierter Potenziale in der EMR Stockholm
4.1 Integrative Regionalisierung
4.2 Regional Governance
4.3 Fazit und Schlusswort

Literatur und Quellenverzeichnis

Indikatorenbeschreibung

Anhang

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1 : Abgrenzung zwischen Kultur und Kreativwirtschaft

Abbildung 2: Teilbranchen der Kreativwirtschaft nach DCMS, KK-Stiftung und VINNOVA.

Abbildung 3: Abgrenzung der Kreativen Berufsgruppen (Creative Class Zugehörigkeit)

Abbildung 4: Zusammenhang zwischen „3T“ Modell und Regionaler Entwicklung

Abbildung 5: Populationsverteilung in der Stockholm Mälar Region (2005)

Abbildung 6: Gliederung der Stockholm-Mälar-Region mit Kommunen und Stadtteilen

Abbildung 7: Innovationsstärkste Regionen Europas

Abbildung 8: Patentanmeldungen im Hochtechnologiesektor 2003

Abbildung 9: Beschäftigte nach Sektor im Stockholm Län (1987 - 2005)

Abbildung 10: Sozialhilfeempfänger länger als 10 Monate nach Herkunft in Prozent.

Abbildung 11 : Pendlerverhalten in der Stockholm Mälar Region (2002)

Abbildung 12: Verteilung regionaler Schlüsselfaktoren (ausgewählte Städte)

Abbildung 13: Beschäftigungsverteilung in der Kreativwirtschaft im Stockholm Län auf Kommunalebene (2002)

Abbildung 14: Verteilung Beschäftigter in der Kreativwirtschaft (2003/ 2004).

Abbildung 15: Verteilung der Kreativwirtschaftsansiedlung nach Kommune (2003)

Abbildung 16: Kommunen mit höchstem Beschäftigungswachstum in der Kreativwirtschaft und den meisten Neuansiedlungen zwischen 1997 - 2003

Abbildung 17: Anzahl Beschäftigter im kreativen Sektor (1997 und 2003)

Abbildung 18: Die gröbten Arbeitgeber im Stockholm Län (2004).

Abbildung 19: Schwedische Wachstumsbranchen und ihre Hauptmärkte.

Abbildung 20: Zusammenhang zwischen Ausbildungsniveau und kreativer Beschäftigung

Abbildung 21 : Kreative Beschäftigte im Stockholm Län (2001)

Abbildung 22: Schwedischer „Creativity Index“.

Abbildung 23: Einwanderung in den Stockholm Län aus dem Ausland 1998 - 2005 nach Familienstand.

Abbildung 24: Zuwanderung aus dem Ausland in den Stockholm Län 1986 - 2005

Abbildung 25: Durchschnittliche Zu- und Abwanderung im Ausland Geborener von und nach Stockholm Län (1986 - 2005) nach Herkunft

Abbildung 26: Wanderungsnetto der In- und Ausländer im Stockholm Län 1961 - 2005

Abbildung 27: Zuwanderung nach Stockholm Län aus dem Rest Schwedens nach Familienstand und Abwanderung aus Stockholm Län nach Rest Schweden nach Familienstand

Abbildung 28:Kreative Klasse nach Universitätsabschluss, Alter und Herkunft in Schweden (2008).

Abbildung 29: Beschäftigte in Dienstleistungsberufen in wissensintensiven Sektoren in Europa 2005

Abbildung 30: Ausländerverteilung nach Herkunft und Kommune im Stockholm Län

Abstract

This thesis analyses the economic potential of Creative Industries and migration within the metropolitan area of Stockholm. Focusing on Creative and Cultural Capital and its influence on both factors it will be shown that those relativly new approaches open up new stages of development in regard to all initial political, economic and social sectors. The transformation to a spatial policy that emphasises on administrative institutions being able to operate on a regional level leads to a consolidation of the own market position at home and abroad. The exploitation of Creative Capital on a regional level is a profit to an economy to build a sustainable capability for social and economic integration into spatial networks and cluster.

Abkürzungen

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Teil I - Einführung

1. Einleitung

Die Stärke einer Stadt ist heutzutage nicht ausschließlich vom Stand ihrer wirtschaftlichen Entwicklung abhängig. Sie ist unbestritten das wohl wichtigste Element funktionierender städtischer Agglomerationen und unterliegt stetigen Veränderungen. Vielen Auffassungen zufolge werden Wirtschaft und Märkten wertefreie Charakteristiken zugeschrieben, welche sich lediglich durch freien Handel bestimmen. Wie wirken sich jedoch die Folgen der Globalisierung und Europäisierung auf regionale und städtische Raumstrukturen aus? Aus politischer Sicht eröffnen schwindende Grenzen und multilaterale Abkommen vor allem dem Humankapital eine größere Mobilität und einen dynamischen Arbeitsmarkt. Wirtschaftlich bietet die Öffnung der Märkte wissens- und innovationsbetonten Teilbranchen die Möglichkeit, sich weiterzuentwickeln, da kreative Einflüsse schneller und flexibler erschließbar werden. Daher sprechen aktuelle sozialwissenschaftliche Ansätze den Faktoren Kultur und Kreativität durchaus eine starke Bedeutung für das Wachstumspotenzial einer Region zu. Wirtschaftliches Wachstum ist demnach auch durch die Fähigkeit der Nutzbarmachung kulturellen und kreativen Potenzials definierbar.

Die metropolen Stadtgebiete Europas sind Beispiele multikultureller Gesellschaften, die ein großes Spektrum kultureller und kreativer Diversität in sich konzentrieren. Die Kultur einer Stadt hat sich mittlerweile zu einem attraktiven Anziehungskriterium entwickelt. Je charismatischer bzw. bedeutsamer das verortete kulturelle Kapital ist, desto mehr Menschen zieht es dorthin und desto weniger ziehen von dort weg. Wiedererkennungs- bzw. Identifikationswert zeichnen eine moderne Region ebenso aus wie ihre Wirtschaftskraft. Je mehr individuellen symbolischen Wert ein Lebensraum besitzt, desto attraktiver und anziehender ist seine Wirkung nach außen. Früher als politisches und wirtschaftliches Stiefkind betrachtet, erlangten Kreativwirtschaft und Interkulturalität in den letzten Jahren zunehmend Beachtung. Die Herausbildung einer kreativen Gesellschaft gewann als Erklärungsansatz für wirtschaftliches und innovatives Wachstum in Großstadt- bzw. Metropolregionen eine bedeutende Ausprägung. Im Hinblick auf massive räumliche und gesellschaftliche Veränderungsprozesse stellt sich die Frage, wie all diese Faktoren zukünftig zusammen bzw. miteinander agieren können. Wie werden sie sich auf die politische und wirtschaftliche Entwicklung der Region auswirken? Welche Potenziale lassen sich erkennen und nutzen? Welche Herausforderungen stellen sie an die Kapazitäten einer Stadt und an ihre Institutionen? Reicht es kreatives Kapital anzulocken, um die wirtschaftliche Entwicklung von Metropolregionen zu verbessern? Kann Segregation und fehlende Integration die Nutzung kreativen Kapitals verhindern?

Stockholm, bekannt als das „Venedig des Nordens“ oder die „Stadt, die auf dem Wasser schwimmt“ ist innerhalb der Europäischen Union die nördlichste Metropole. Sie liegt somit weit außerhalb des wirtschaftlichen Kernbereiches der Europäischen Gemeinschaft. Dennoch bemüht sie sich gemeinsam mit Malmö und Göteborg sowie ihren finnischen Nachbarn Turku und Helsinki, durch eine massive Aufwertung des kreativen Sektors das eigene Wachstum zu stärken und gleichzeitig eine engere wirtschaftliche Zusammenarbeit innerhalb des Ostseeraumes zu fördern. Eine besonders hohe Lebensqualität, ein starkes soziales System sowie eine gesunde Arbeitmarktlage tragen dazu bei, dass die nordischen Städte besonders für junge Leute attraktive Zuwanderungsgebiete sind. Die Etablierung kultureller Verschiedenheit und eine verstärkte Fokussierung auf kreatives Kapital geben der Metropolregion Stockholm die Möglichkeit, ihrer Funktion als Wachstumsmotor für Schweden und für die Europäische Union gerecht zu werden.

Kreatives Kapital lebt vom Einfluss neuer Impulse. Bisher haben die nordischen Regionen vorwiegend im spezialisierten Technologiesektor von sich reden gemacht. Jedoch weisen sie, mehr als viele andere europäische Regionen, eine überdurchschnittlich junge Bevölkerung sowie starkes Bevölkerungswachstum auf. Daher liegt der Gedanke nahe, dass sich mit der Ansiedlung junger qualifizierter und zum Teil zugewanderter Menschen ein großes und vielfältiges kulturelles sowie kreatives Potenzial herausbildet, das die Entwicklung neuer wirtschaftlicher Nutzungsmöglichkeiten eröffnet.

Die vorliegende Arbeit soll die Potenziale in den Sektoren Kreativwirtschaft und Migration der Metropolregion Stockholm abbilden und aufzeigen, ob und inwieweit Möglichkeiten bestehen, diese für das Wirtschaftswachstum der Stadt, der Region und des Landes nutzbar zu machen. Hauptanliegen dieser Arbeit ist die Darstellung und Wirkungsweise kreativen und kulturellen Kapitals als effektive, wirtschaftlich nutzbare Komponenten. Eine stärkere Beachtung und Inkorporierung kreativen Kapitals im wirtschaftlichen und politischen Umfeld eröffnet neue Perspektiven zur Etablierung innovativer und symbolisch wertvoller regionaler Raumstrukturen innerhalb nationaler und internationaler Märkte. Die Verwertung kreativen Potenzials auf regionaler Ebene führt zur Bildung neuer Kompetenzpools, welche einen Wirtschaftsraum stärker in Netzwerke einbinden

und diese durch ihre Individualität einzigartig und unentbehrlich werden lassen. Nischenverhalten hat sich nicht nur in der Biologie als äußerst erfolgreiche Überlebensstrategie bewährt, sondern sichert besonders kleineren Marktwirtschaften mit begrenzten Ressourcen eine wettbewerbsfähige Position gegenüber großen Konkurrenten. Kreatives Kapital ist eine durchaus individuell geprägte Komponente, deren Förderung und Nutzung klare Nischenvorteile erzielen kann.

Sowohl die Integration von Migranten als auch die Erschließung kreativer Einflüsse sind häufig mit hohem wirtschaftlichen und politischen Aufwand verbunden, da diese Ressourcen sehr differenziert sind. Beiden Faktoren, Migration und Kreativwirtschaft liegt die Gemeinsamkeit zugrunde, dass sie vor allem für Europäische Metropolregionen eine große wirtschaftliche Bedeutung haben. Da ihre Wirkung und ihre Einflüsse noch relativ unerschlossen sind und demnach ihr Potenzial weder klar erkennbar noch ausreichend nutzbar ist, konzentriert sich die Arbeit darauf beide Komponenten genauer auf ihre Stärken und Schwächen zu untersuchen.

2. Methodik und Inhalt

Schwerpunkt in Teil II bildet die Vorstellung und Definition der einzelnen Komponenten. Mit Hilfe verschiedener theoretischer Ansätze werden diese näher beleuchtet. Zunächst wird anhand der Ideen des Wirtschafts- und Sozialgeographen Hans Heinrich Blotevogel das Modell der Europäischen Metropolregionen samt ihrer Funktionen erklärt. Im Anschluss daran erfolgt eine nähere Betrachtung der Kreativwirtschaft bzw. des kreativen Sektors. Damit einhergehend hat Richard Florida den Begriff der Creative Class geprägt. Soziokulturelle Besonderheiten skizziert er in der Darstellung der Wichtigkeit qualitativer raumstruktureller Merkmale, die für eine funktionierende kreative Wirtschaft entscheidend sind. Diversität und Vielfalt nehmen bei Florida einen entscheidenden Stellenwert bei der städtischen Entwicklung ein, weshalb es sich lohnt, zusätzlich die Themen Migration und Segregation genauer zu beleuchten.

Der empirische Teil III beschäftigt sich näher mit dem Thema Stockholm als Metropolregion und ihrer wirtschaftlichen Situation. Wichtig für die Nutzung kulturellen und kreativen Kapitals ist unter anderem die Grundlage einer stabilen ökonomischen Struktur. Das erste Kapitel (Teil III) befasst sich damit, neben einer Definition des Handlungsbereichs die schwedische Hauptstadt sozioökonomisch in das europäische Netz anderer Metropolregionen einzuordnen. Anschließend werden die Faktoren Migration und Kreativwirtschaft gezielt auf Stärken und Schwächen untersucht.

In den folgenden Kapiteln werden die potenziellen Faktoren Migration und Kreativwirtschaft im Einzelnen auf bestimmte förderfähige Ansatzmöglichkeiten empirisch untersucht. Dazu wurden Daten aus dem SCB und dem RTK mittels MS Excel 2003 ausgewertet und in Form von Diagrammen dargestellt. Eine nähere Beschreibung der einzelnen Indikatoren findet sich im Anhang.

Kapitel 2 (Teil III) befasst sich mit dem in Schweden aufstrebenden Sektor der Kreativwirtschaft. Nach einer Darstellung des kreativen Kapitals in Stockholm soll versucht werden zu erklären, wo die kreativen Industrien angesiedelt sind, wie sie genutzt werden und letztlich welchen Einfluss diese auf internationaler Ebene haben. Im Anschluss daran wird beschrieben, wo und wie potenzielles kreatives Kapital gewonnen wird und welchen Stellenwert Diversität und kulturelle Vielfalt in der Stockholmer Kreativwirtschaft einnehmen.

Kapitel 3 (Teil III) beschreibt die Verteilung der Migranten innerhalb der Region anhand der Darstellung vergangener und gegenwärtiger politischer Einflüsse. Weiterhin wird die Auswertung statistischer Datensätze das Wanderungsverhalten von Schweden und Nicht-Schweden skizzieren und Gründe für die derzeitige kommunale Verteilung anführen. Als Gegendarstellung dazu wird das Segregationsverhalten innerhalb der Region näher beleuchtet und die Probleme der aktuellen Integrationsfähigkeit aufgezeigt.

Kapitel 4 (Teil III) bildet eine Analyse zur Einbindung wirtschaftlicher und politischer Akteure in bereits vorhandene regionale Raumordnungsstrukturen. Da politisch die regionale Ebene in Schweden eher rudimentär gestaltet ist, diese allerdings für eine zukünftig betonte Regionalentwicklung grundlegend ist, werden die bestehenden politischen Strukturen vorgestellt und entsprechenden Optimierungsvorstellungen gegenübergestellt. Förderfähige Wachstumsanreize der europäischen Regionalentwicklung können neue aufeinander abgestimmte wirtschaftliche und politische Ansätze zur Erschließung und Positionierung neuer spezifischer Ressourcen sein, die ein Zugewinn für die Metropolregionen Schwedens bedeuten. Letztendlich ist nicht allein das Vorhandensein der jeweiligen Ressourcen wichtig für eine funktionierende regionale Entwicklung, sondern effektive und abgestimmte Herangehensweisen zu deren Erkennung und Verwertung.

Teil II - Theoretische Grundlage der Arbeit: Kreativwirtschaft und Migration als funktionale Elemente Europäischer Metropolen

1. Das Konzept der Europäischen Metropolregion (EMR)

Ungefähr 80% der europäischen Bevölkerung leben in Städten oder städtischen Ballungsräumen. Somit ist Europa der am stärksten urbanisierte Kontinent der Erde (vgl. Lukkarinen 2004, S.8). Die Bedeutung einer Stadt ist nicht ausschließlich von ihrer wirtschaftlichen Funktion abhängig, sondern ebenfalls davon, wie sie sich als zentraler Punkt positioniert. Ihr Wachstum und Wohlstand ist gebunden an den Einfluss, den die Stadt auf politische, wirtschaftliche, juristische, religiöse und kulturelle Institutionen ausübt. Mehr als eine zentrale Lage der Stadt ist ihre Position in der Hierarchie des vorhandenen räumlichen Systems (vgl. Weber in Hohenberg/ Lees 1995, S.23).

Die Schaffung der Europäischen Union hat als Reaktion aus Globalisierung und freier Marktwirtschaft den Urbanisierungsprozess und eine Förderung regionaler Strukturen zusätzlich gestärkt. Regionale Entwicklung über die Grenzen des wirtschaftlichen Kerngebietes Mitteleuropas hinaus bildet heute das Fundament der Sozial- und Wirtschaftspolitik der EU. Schlüsselfaktoren sind die funktionalen Wirtschaftsräume, die Europäischen Metropolregionen. Die weitläufige, zumeist wirtschaftliche Symbiose verbindet innovative Unternehmensansammlungen und kreatives Humankapital. (vgl. Krätke 2007, S.115) Da sich dieses Raumstrukturmodell durch gehäufte Ansiedlungen von kreativen Unternehmensclustern und dienstleistungs- und serviceorientierten Einrichtungen auszeichnet, werden im Folgenden Theorien vorgestellt, die sich damit befassen, wie Metropolregionen charakterisiert sind und warum sie auf Kreative und Migranten als Lebensraum anziehend wirken.

1.1 Was sind Metropolregionen?

Der Begriff Metropolregion entspringt dem Terminus der „Megalopolis“. Dabei handelt es sich um „ein zusammengewachsenes Gebiet mit großer Einwohnerzahl, einzelnen Metropolen und dazwischen liegenden Großstädten.“ (vgl. Merz 2006, S.6). So gesehen beschreibt eine Metropolregion eine „in der Region verteilte Großstadt“ als „Stadtlandschaft, die wenig oder nichts mehr mit den stadtgeographischen und stadtsoziologischen Kriterien einer Stadt zu tun hat, aber dennoch nicht dem ländlichen Raum zuzuordnen ist. Sie ist weder dicht noch kompakt, noch gewährleistet sie Urbanität im traditionellen Sinn. Sie ist vielmehr eine polynukleare (vielkernige), zellenartig angeordnete urbane Landschaft, ohne deutlich ausgeprägte Funktionskerne.“ (Fassmann 2004, S.57)

Der entscheidende Gedanke einer Metropolregion ist demnach die Verschmelzung der Stadt mit deren unmittelbarem Umland zu einer Region als Folge einer zunehmenden Überwindung zwischen vorherrschendem Gegensatz zwischen Stadt und Land bzw. Zentrum und Peripherie (vgl. Merz 2006, S.6).

Auf europäischer Ebene gibt es keine einheitliche Definition des Begriffes. Stattdessen werden Metropolregionen oft mit „Großstadtregionen“ bzw. „Ballungsgebieten“ gleichgesetzt (vgl. Regionomica Berlin 2007, S.5). Synonym werden ebenfalls die Begriffe der „Metropolitan areas“ oder der „Functional urban areas“ (FUR) verwendet, selbst wenn diese durchaus abweichende Eigenschaften aufweisen können.

1.2 Merkmale und Funktionen einer Metropolregion

Im Hinblick auf die europäische Integration und zur Unterstützung der Lissaboner Ziele nimmt die Zusammenarbeit wirtschaftlicher Zentren stetig zu. Jedoch ist es bisher noch schwer, die Kompetenzen einzelner Wirtschaftszentren zu vergleichen, um ihr Wachstumspotenzial besser nutzen zu können. Dennoch lassen sich eindeutige Merkmale und Funktionen definieren, an denen der Charakter einer Metropolregion festgelegt werden kann.

Diese Raumstrukturen lassen sich zunächst sowohl nach räumlichen als auch nach funktionalen Merkmalen unterscheiden. Räumlich gesehen besteht eine Metropolregion aus einer oder mehreren beieinander liegenden Städten und deren Umlandsgebieten. Aus funktionaler Sicht sind Metropolregionen Standorte bzw. Clusteranordnungen mit Einrichtungen, welche großräumig wirkungsvolle Steuerungs-, Innovations- und Dienstleistungsaufgaben übernehmen. Somit fungieren sie als Wachstumsmotoren der Regional- und Landesentwicklung (vgl. Krätke 2007, S.3). Die im Folgenden vorgestellten Funktionsbereiche der Metropolregionen beruhen auf den Schriften von Hans Heinrich Blotevogel. Die Funktionen sind in ihrer Wirkungsweise nicht unabhängig voneinander zu betrachten, sondern bedingen und verstärken einander.

1.2.1 Die Entscheidungs- und Kontrollfunktion

Zunächst sind Metropolregionen wichtige Zentren für entscheidungstragende Institutionen und Organisationen. Sie zählen weiterhin, wie „Global Cities“[1] zu den politischen und ökonomischen Entscheidungszentren, in denen globale Finanz- und Informationsströme kontrolliert werden. Die Konzentration wichtiger national und international agierender Mehrbetriebsunternehmen sowie spezialisierter Dienstleistungsbranchen ist ein wesentliches Merkmal Europäischer Metropolregionen. Der Einfluss dieser meist global operierenden Unternehmen wirkt über regionale und nationale Grenzen hinaus und bindet eine Metropolregion in überregionale und internationale ökonomische Netzwerke ein. Die Wahl des Standortes für die entsprechenden Unternehmen steht nicht selten in Abhängigkeit vom Vorhandensein eines qualitativ hochwertigen Netzwerkes von unternehmensorientierten Dienstleistern. Andererseits ist die Möglichkeit des Einflusses auf Unternehmen ein attraktiver Faktor, Dienstleistungsanbieter in bestimmte Regionen zu ziehen. Zudem finden sich häufig neben starken wirtschaftlichen Aktivitäten auch Niederlassungen zahlreicher regierungsrelevanter und hoher administrativer Instanzen sowie supranationaler Organisationen von großer Bedeutung. Entscheidend für dieses Kriterium ist, dass sich die Region nicht nur durch ihre Aktivitäten auf regionaler oder nationaler Ebene auszeichnet, sondern vor allem auch auf internationaler Ebene agiert. Damit bekleiden Metropolregionen eine wichtige Entscheidungs- und Kontrollfunktion innerhalb ihres Landes, aber auch gegenüber ihren Partnern.

1.2.2 Die Innovations- und Wettbewerbsfunktion

Metropolregionen bieten einen großen Pool neuer Kombinationen von Produktionsmerkmalen bzw. Wissen und verstehen sich damit als Knotenpunkte der Netzwerkökonomie und der Wissensökonomie. Die Wettbewerbsfähigkeit einer Metropolregion ist von ihrem Integrationsgrad in die Weltwirtschaft und von ihrer Innovationsfähigkeit abhängig.

Anhand der Leistungsfähigkeit zur Erzeugung und Verbreitung von Produkten sowie Wissen, Werten und Einstellungen lässt sich ein weiteres Merkmal erfolgreicher Metropolregionen definieren. Die Innovations- und Wettbewerbsfunktion einer Region zeichnet sich einerseits durch wirtschaftliche und technische Innovationen aus. Dies wird durch die Ansiedlung wissensintensiver Dienstleister, Hochschulen, Forschungsinstitute, Einrichtungen des Wissens- und Technologietransfers, aber auch durch Unternehmen mit eigenen Forschungs- und Entwicklungsaktivitäten ermöglicht. Andererseits tragen auch soziale und kulturelle Innovationen und Einrichtungen, Orte sozialer Kommunikation, neue Lebensformen sowie die Entwicklung eines metropolitanen Habitus zur Sicherung einer herausragenden Rolle einer Metropolregion gegenüber anderen Regionen bei (vgl. Blotevogel 2007, S.9). Das Vorhandensein eines kreativen Milieus ist ebenfalls von entscheidender Wichtigkeit. Vor allem der kreative Sektor zeichnet sich durch kulturelle und soziale Innovationen aus.

1.2.3 Die Gateway-Funktion

Ein weiteres entscheidendes Kriterium für die Charakteristik einer Metropolregion ist ihre Erreichbarkeit. Daher ist die Entwicklung einer ausgeprägten Gateway­Funktion von großer Bedeutung. Eine Region erfüllt die Funktion eines Gateways, wenn sie gut erschließbar ist und international in Netzwerken von Gütern, Wissen und Informationen agiert. Dazu zählt vor allem die Zugänglichkeit zu Menschen, Wissen und natürlich Märkten. Eine gut ausgebaute Infrastruktur und die Etablierung der Region als Fernverkehrsknotenpunkt in Form von Flughäfen, guten Zugverbindungen oder öffentlichem Nahverkehr ermöglichen sowohl Menschen als auch Gütern einen effektiven und auch effizienten Zugang zur Region. Kurze Strecken und logistisch einfache Transportwege sind vor allem in wirtschaftlicher Hinsicht im Standortwettbewerb ein Vorteil. Ebenso wichtig ist eine knotenartige Verdichtung von Kommunikationsmaßnahmen, um das Erschließen von Wissen zu gewährleisten. Dies wird durch Einrichtungen wie Bibliotheken und Medien möglich. Hinzu kommen stetig wechselnde Wissensangebote durch Veranstaltungen und Kongresse. Die Zugänglichkeit wird durch die Umsetzung von Messen und Ausstellungen gefördert, welche ein gutes Forum für den direkten Austausch von Wissen und Innovation bieten (vgl. Blotevogel 2007, S.9).

1.2.4 Die Symbolfunktion

Letztlich aber sind nicht nur wirtschaftliche Faktoren für die erfolgreiche Etablierung einer Metropolregion notwendig. Neben ökonomischen Kriterien zählt auch die Qualität der gegebenen Lebensbedingungen. Eine gute Lage und Stadtgestaltung sind ebenso wichtig wie das Image, das sie sowohl national als auch international verkörpert. Markante visuelle Symbole wie beispielsweise unverwechselbare Gebäude und Ensemble, bedeutende kulturelle Einrichtungen in Verbindung mit wichtigen wirtschaftlichen Produkten, politischen Strategien und Lebensstilen prägen das Bild und den Charakter einer Region. Die Symbolfunktion lässt sich demnach anhand ihres Angebotes an Kultur, Medien, Events, Architektur u.ä. messen. Menschen, welche dort leben und arbeiten, müssen sich wohl fühlen und die Möglichkeit haben, sich mit der Region identifizieren zu können. Schließlich sollen die Potenziale vor Ort gehalten und nicht durch Abwanderung geschwächt werden. Es sollte deshalb im Interesse jeder Metropolregion liegen, einen Lebensraum für unterschiedliche Personengruppen am gleichen Ort zu schaffen, um so die Grundlagen für ein innovatives Umfeld zu gewährleisten (vgl. Merz 2006, S.22).

2. Kreativwirtschaft

Eine eindeutige bzw. universelle Begriffsklärung für die Kreativwirtschaft gibt es nicht. Vielmehr variieren Definitionen vor allem nach den darin einbezogenen Sektoren und Branchen. Weiterhin ist die Begriffklärung vom jeweiligen Blickwinkel abhängig (vgl. Mayerhofer/ Mokre 2007, S.4). Während einige Definitionen von einer wirtschaftlichen Betrachtungsweise ausgehen, bauen andere auf einer kulturell- und kreativgeprägten Grundlage auf. Es kann gesagt werden, dass jede wirtschaftliche Handlung zu einem Teil auch auf kulturelle Eigenheiten zurückzuführen ist. Andererseits sind kulturelle Handlungen nicht immer auch wirtschaftlich erfassbar.

Im Folgenden soll versucht werden, eine Abgrenzung zwischen den Begriffen kultureller und kreativer Industrien zu finden. Dabei wird der schwedische Begriff Kreativa näringar bzw. Kulturella näringar hauptsächlich von der Definition der Creative Industries bzw. Cultural Industries abgeleitet. Daher bietet es sich an, die aus dem Englischen stammende Terminierung der Creative Industries näher zu betrachten. Tatsächlich gibt es zahlreiche Beschreibungen, die sich nur geringfügig voneinander unterscheiden.

Die jeweiligen Definitionsunterschiede beziehen sich vor allem auf den Einfluss der Wirtschaft zur Kreativität. Im folgenden Abschnitt sollen einige der Hauptströmungen vorgestellt werden.

2.1 Begriffsklärung Creative Industries und Cultural Industries

Der kreative Sektor gehört zu den Branchen, die wirtschaftlich vollkommen wettbewerbsfrei agieren können. Dies stellt besondere Ansprüche an die öffentliche Ordnung. Aus dem englischen Creative Industries übernommen, bilden sie den Oberbegriff für Güter und Dienstleistungen, die mit kulturellem, künstlerischem oder unterhaltendem Wert in Verbindung stehen. Dem gegenüber beschreiben Cultural Industries Produkte und Dienstleistungen, die im Zusammenhang mit sozialer Symbolik innerhalb einer Gesellschaft erschaffen werden (vgl. Hesmondhalgh 2002, S.12). Das britische Department for Culture, Media and Sport (DCMS) verwendet kulturelle und kreative Industrien synonym zur Vermeidung einer gegensätzlichen Darstellung des Begriffes „Kultur“ zur „Wirtschaft“ (vgl. RTK 2004, S.21). Dennoch liegt der Fokus der kreativen Industrien auf deren wirtschaftlichen Nutzbarmachung. Hierbei ist es weniger entscheidend, ob eine Branche kulturell oder kreativ ist, sondern viel mehr wie stark die wirtschaftliche Dominanz dem entsprechenden Sektor innewohnt. Kritiker einer wirtschaftlichen Prägung des Begriffes sehen ein Risiko vor allem für die nicht-kommerzialisierte Kultur (vgl. RTK 2004, S.22).

Dabei stellt vor allem die Organisationsstruktur wirtschaftlich eine nahezu unübersichtliche Herausforderung dar. Problematisch erweisen sich die weitläufigen und wertbehafteten sozialen Netzwerke, die in diesem Industriezweig stärker ausgeprägt sind als in vielen anderen wirtschaftlichen Sektoren (vgl. Caves 2000, S.1). Als Alternative zum Begriff der Creative Industries finden sich im europäischen Raum häufig die Bezeichnungen „Leisure Industry“, „Entertainment Industry“, „Experience Industry“, „Creative Economy“ oder aber „Cultural Industry“. An dieser Stelle auf die individuellen, zum Teil sehr geringen Unterschiede zwischen den einzelnen Begriffen einzugehen, würde den Rahmen der Arbeit übersteigen und wird daher nicht weiter verfolgt. Obwohl vereinzelt Diskussionen über individuelle Definitionen der einzelnen Begriffe existieren, werden Cultural Industries und Creative Industries weitestgehend synonym verwendet (vgl. Hesmondhalgh 2002, S.15).

Die ARGE Kulturwirtschaft des Landes Nordrhein-Westfalen hat für ihre Kultur- und Kreativwirtschaft die folgende Abgrenzung definiert:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1 : Abgrenzung zwischen Kultur und Kreativwirtschaft[2]

Wie Abbildung 1 zeigt, verfügen beide Bereiche über vielfältige Schnittmengen. Jedoch existieren durchaus Bereiche, in denen sie sich voneinander unterscheiden. Cultural Industries oder Kulturwirtschaft betont eine starke

Abhängigkeit zwischen der Produktion und dem Konsum. Damit einhergehend ist sie ebenfalls an gesellschaftlich-kulturellen Werten ausgerichtet.

Im Konzept der Kreativwirtschaft, sprich der Creative Industries, bildet die Kreativität die Grundlage für die entsprechenden Produkte und Dienstleistungen. Im Unterschied zur Kulturwirtschaft ist die Kreativwirtschaft nicht ausschließlich kulturbezogen (vgl. Ministerium für Wirtschaft, Mittelstand und Energie des Landes Nordrhein-Westfalen 2008, S.8). Einig sind sich alle Beschreibungen darin, dass es sich sowohl bei Kreativwirtschaft als auch bei Kulturwirtschaft um Produkte bzw. Dienstleistungen handelt, welche designintensiv gestaltet sind. Damit unterliegen die kreativen Industrien wie keine andere Branche einem recht hohen wirtschaftlichen Risiko im Hinblick auf ihre Massenkompatibilität (vgl. RTK 2004, S.21ff.).

2.2 Kreativwirtschaft in Schweden

Der schwedische Begriff für Kreativwirtschaft Kreativa näringar findet seinen Ursprung in einer Definition vom britischen Department for Culture, Media and Sport (DCMS):

„The creative industries are those industries that are based on individual creativity, skill and talent. They are also those that have the potential to create wealth and jobs through developing intellectual property.“ (www.culture.gov.uk)

Dementsprechend sind Kreativa näringar wie die Creative Industries hoch wissensbasiert. Sie zeichnen sich vor allem durch Kreativität, Individualität sowie Talent aus. Weiterhin besitzen diese Branchen genügend Potenzial, um Beschäftigung, Wohlstand und Wissen zu akkumulieren. Das in der englischen Definition beschriebene „intellectual property“ könnte man im Deutschen mit geistigem Eigentum übersetzen. Darin enthalten sind materielles Eigentum, die eigene Kreativität und die eigenen Ideen bzw. Innovationen. Das geistige Eigentum des jeweiligen Besitzers wird geschützt durch Patent, Markenzeichen, Design sowie Copyright/ Urheberangelegenheiten/ Vervielfältigung. Das DCMS zählt folgende Branchen zu den Creative Industries: Werbung, Architektur, Kunst und Handwerk, Computer und Videospiele, Design, Mode, Film und Video, Musik, Darstellende Künste, Verlags- und Buchwesen, Software, Fernsehen und Radio (vgl. Abbildung 2).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2: Teilbranchen der Kreativwirtschaft nach DCMS, KK-Stiftung und VINNOVA"[3]

Die schwedische Kreativwirtschaft ist durch einen weiteren Begriff geprägt: Die Upplevelseindustri (Erlebnisindustrie) bezieht neben den vom DCMS definierten Teilsektoren zusätzlich die Bereiche Gastronomie und Tourismus ein.[4] Das „Verket för Innovationssytem“ (VINNOVA) integriert in den staatlichen Zuwendungsbereich der Kreativa näringar zusätzlich die Bereiche Sport und (Glücks-)Spiel (vgl. Abbildung 2).

Weiterhin beschreibt Kreativa näringar eine Wachstumsumgebung mit grenzüberschreitendem Charakter, der sich vor allem um die Bereiche Tourismus, Kultur, Information und Medien bewegt. Kreativa näringar bilden den kommerziellen Teil der Kultur.

Eine Unterteilung in einzelne Sektoren ist äußerst schwierig, da die Waren und Dienstleistungen oft von mehreren verschiedenen Unternehmen bzw. Organisationen produziert und vermarktet werden (vgl. RTK 2004, S.25).

Aufgrund der verschiedenen Formen von Beschäftigungs- und Herstellungsmöglichkeiten ist auch die Messung der Größe der Gesamtkreativwirtschaft problematisch und nicht eindeutig bestimmbar. Die enge Verflechtung der einzelnen Teilsektoren mit anderen Akteuren wie Bildungs- und Forschungseinrichtungen mündet vor allem im kreativen Sektor in der Entstehung von wirtschaftlichen Clustern. Hinzu kommt, dass die örtliche Nähe innerhalb der Cluster eine kreative Atmosphäre hervorruft, die eine Zusammenarbeit zwischen den Akteuren fördert und die Zuwanderung qualifizierten Humankapitals erleichtern.

2.3 Kreative und Kreatives Milieu

Kreativität als Wirtschaftsfaktor und die Anerkennung von Kultur als Beschäftigung lassen die Grenzen zwischen Hochkultur und Popkultur sowie zwischen Kunst und Ökonomie seit Etablierung der Creative Industries zunehmend verblassen (vgl. Mayerhofer/ Mokre 2007, S.2).

Die Bildung eines Creative Milieu oder Creative Centers ist am besten im städtischen Raum auf der Grundlage einer heterogenen Mischung von Vertretern verschiedener Berufsgruppen möglich, die innerhalb eines Netzwerkes Ideen austauschen und diese marktfähig machen (vgl. Mayerhofer/ Mokre 2007, S.5).

„Such a milieu is a phsical setting where a critical mass of entrepreneurs, intellectuals, social activists, artists, administrators, power brokers or students can operate in an open-minded, cosmopolitan contaext and where face to face interactions create new ideas, artefacts, products, services and institutions as a consequence contribute to economic success.“ (Landry 2000, S.113)

Creative Milieus locken durch eine ausgeprägte Offenheit und Toleranz mehr Kreative an. Weiterhin wirken sie ebenfalls als attraktiver Standortfaktor auf die Ansiedlung neuer Unternehmen. Dieser Ansatz bildet die Grundlage für Richard Floridas Charakterisierung der Creative Class.

Der US-amerikanische Wissenschaftler beschreibt in seinen Theorien, dass die Kreativität einer Gesellschaft und das darin enthaltene Innovationspotenzial entscheidend für das wirtschaftliche Wachstum von Regionen sind. Jedoch bedarf die Nutzung der Potenziale einer fruchtbaren Umgebung, in der Kreativität zur Entfaltung kommen kann (vgl. Florida 2002, S.56).

Eine erfolgreiche Wachstumsstrategie nach Florida zielt darauf ab, verstärkt kreative und qualifizierte Menschen anzuziehen. Weiterhin betont er, dass Kreative in einer ethnisch-kulturellen Vielfalt leben wollen, da sie daraus ihre Inspiration schöpfen (vgl. Florida 2002, S.226f). Für viele Unternehmen sind nicht mehr ausschließlich die harten Standortfaktoren entscheidend. Zunehmend zieht es Firmen in Regionen, in denen sie auf ein großes Reservoir an hoch qualifizierten Arbeitskräften zugreifen können (vgl. Florida 2002, S.6f). Florida räumt den „weichen“ Standortfaktoren wie Toleranz und Offenheit gegenüber vielfältigen ethnischen und kulturellen Minderheiten eine Schlüsselrolle ein (vgl. Florida 2002, S.79).

„The Creative Centers (...) are succeeding largely because creative people want to live there. The companies then follow the people (...).“ (Florida 2002, S.218)

Somit sind es nicht die Personen, die wegen bestimmter Unternehmen zuziehen, sondern vielmehr die Unternehmen, die sich aufgrund des entsprechenden kreativen Humankapitals an Standorten ansiedeln (Marner in Västerbotten kuriren 04.10.2005).

Diese Merkmale sind in Creative Centers speziell ausgeprägt. Sie zeichnen sich zusätzlich durch hohe Innovationsaktivitäten und einen starken Hochtechnologie­Sektor aus. Außerdem verfügen sie über eine überdurchschnittliche Diversität, aber im Gegensatz dazu über ein wenig bzw. niedrig entwickeltes soziales Kapital sowie eine mittelmäßig ausgebaute politische Struktur. Diese Regionen entsprechen dem neuen „kreativen Mainstream“ (vgl. Florida 2005, S.44).

2.3.1 Die Creative Class nach Richard Florida

Theoretisch, so Florida, ist jeder Mensch fähig der Creative Class anzugehören, da Kreativität jedem Individuum innewohnt. Die Creative Class besteht aus drei Gruppen: dem Supecreative Core, den Creative Professionals und schließlich den Bohemians. Der Gruppe des Supercreative Core bzw. Hochkreative gehören Beschäftigte aus wissensintensiven Bereichen an, deren Hauptaufgabe die Entwicklung innovativer Produkte und Dienstleistungen ist. Creative Professionals sind ebenfalls in wissensintensiven Sektoren beschäftigt. Allerdings bezieht sich ihr Tätigkeitsfeld auf die Umsetzung kreativer Problemlösungsansätze. Bohemians sind ausschließlich künstlerisch tätig (vgl. Fritsch/ Stützer 2006, S.5).

Abbildung 3 zeigt eine Zuordnung verschiedener Berufsfelder in die nach Florida definierten Personengruppen der Creative Class.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 3: Abgrenzung der Kreativen Berufsgruppen (Creative Class Zugehörigkeit)[5]

Dementsprechend verfügen Angehörige der Creative Class vorwiegend über eine Hochschulbildung und sind stark qualifiziert. Innerhalb der Arbeiterklasse hingegen lassen sich bedeutend weniger Personen zuordnen (vgl. Florida 2005, S.39). Ein weiteres Merkmal ist eine überdurchschnittliche Mobilitätsfähigkeit. Daher ist die Gewährleistung einer guten Infrastruktur eine Grundvoraussetzung für eine mögliche Niederlassung. Zusätzlich fühlt sich die Creative Class an Orten mit tendenziell geringem Sozialkapital bzw. lockeren sozialen Netzen eher angesprochen als in einer Umgebung, in der starke soziale Verbindungen vorherrschen. Grund dafür ist, dass feste Netzwerke neuen Akteuren oft verschlossener gegenüber stehen (vgl. Florida 2005, S.30ff.). Daher zieht es diese Menschen aus traditionell konservativen Regionen in die Creative Centers.

2.3.2 Die Rolle der Qualities of place

Nach Auffassungen der „neuen Wachstumstheorie“ sind neue Ideen die Grundlage von schnellem und anhaltendem Wachstum, hervorgerufen durch wissensgenerierte Spill-over Effekte (vgl. Grimm 2005, S.2). Ausgangspunkt dafür bildet eine attraktive Umgebung, die kreatives Kapital zu akkumulieren versteht. Florida sieht einen entscheidenden Zusammenhang in der Beziehung zwischen urbanen Räumen und ihrer Kreativität. Sein 3T-Modell für Wirtschaftswachstum, bestehend aus den Faktoren Technologie, Talent und Toleranz, erklärt, warum manche Regionen auf Kreative anziehender wirken als andere (vgl. Florida 2005, S.6). Alle Komponenten sind gleichwertig bedeutend, einzeln jedoch unzureichend. Dabei beschreibt Technologie die Konzentration von Innovation und Hochtechnologie in einer Region. Während der Aspekt Talent alle Menschen mit einem berufsqualifizierenden Abschluss und höher einbezieht, ist Toleranz durch Offenheit, Integrationsfähigkeit sowie Akzeptanz ethnischer bzw. persönlicher Diversität gekennzeichnet. Eine funktionierende Creative Class entsteht an Orten, an denen alle drei Faktoren ausgeprägt sind (vgl. Florida 2005, S.37ff.). Angehörige der Creative Class bevorzugen Orte, die viel Raum für einen individuellen Lebensstil bieten. In kreativen Regionen sind neben einem interessanten Arbeitsplatz vor allem die Qualität des Lebensraums wichtige Entscheidungsfaktoren. (vgl. Trip 2007, S.8). Das Einkommen und niedrige Lebenskosten spielen dabei eine eher untergeordnete Rolle (vgl. Florida 2005, S. 76ff.). Diese so genannten Qualities of place tragen unter anderem zur Verbesserung der Lebens- und Arbeitsbedingungen bei und gewährleisten vielfältige Unterhaltungs- und Freizeitmöglichkeiten (vgl. Florida 2005, S.61). Je größer das kulturelle Angebot, desto bessere Möglichkeiten hat eine Region, kreatives Talent anzulocken (vgl. Florida 2005, S.69ff.).

Die Fähigkeit, Humankapital bzw. Talent für sich nutzbar zu machen und es zu halten, stellt einen bedeutenden Wettbewerbsvorteil anderen Regionen gegenüber dar. Statt Wissen oder Innovationen für eine Region zu akkumulieren, sollten Bildungseinrichtungen sich zur Aufgabe setzen, kreative bzw. talentierte Personen zu ködern und diese für eine Beschäftigung und ein Leben in der Region vorzubereiten. Innovationsaktivitäten können dementsprechend durch eine Anstellung der Kreativen in einem ansässigen Unternehmen ausgeprägt werden (vgl. Florida 2005, S.145ff.).

2.3.3 Kulturelles Kapital und Diversität

Menschen verfügen über ein unendliches kreatives Potenzial, dessen Freisetzung zu wirtschaftlichem Wachstum beitragen kann. Dazu bedarf es allerdings einer offenen Kultur, frei von Diskriminierung, Schubladendenken, mit Möglichkeiten zur freien Entfaltung und verschiedenen Formen der Familienbildung sowie Identität (vgl. Florida 2005, S.5). Aufgrund ihres lockeren sozialen Charakters stehen Creative Centers sozialen Randgruppen und Minderheiten wie Homosexuellen, Individualisten, Immigranten, aber auch Bohemians sehr offen gegenüber.

Kreative interagieren am besten in einem Milieu mit einer Vielfalt unterschiedlicher Ethnien, Kulturen und Subkulturen, in denen ein intensiver Informationsaustausch stattfindet (vgl. Florida 2005, S.77ff.). Das Umfeld allein reicht jedoch nicht aus; Toleranz, gegenseitige Anerkennung und Respekt in einem diskriminierungsfreien Stadtklima müssen als Grundlage für die Entfaltung von Individualität ebenso gewährleistet werden wie der wechselseitige Wissensaustausch (vgl. Florida 2005, S.218ff.).

„Creative people (...) look for in communities are abundant high-quality amenities and experiences, an openness to diversity of all kinds, and above all else the opportunity to validate their identities as creative people.“ (Florida 2005, S.39)

Die Offenheit gegenüber einer großen Diversität bietet Angehörigen der Creative Class genügend Raum für die Ausbildung von kulturellem Kapital. Die Abbildung 4 zeigt den Zusammenhang zwischen dem 3T-Modell Floridas und der Bedeutung der Rolle der Creative Class zur Bildung kulturellen Kapitals. Diese Dynamik ist in zweierlei Hinblick für das wirtschaftliche Wachstum von Vorteil: Zum einen wirken kulturelle Vielfalt und neue Einflüsse positiv auf die Anziehung kreativen Kapitals und Talent. Zum anderen tragen entsprechend wirksame Maßnahmen zum Verbleib des Humankapitals bei. Förderlich für eine erfolgreiche Region ist ein vielfältig anreizendes Beschäftigungsfeld in den Bereichen, die dem Bildungsstand der ansässigen Kreativen entsprechen.

Die Wissensaneignung und freie, individuelle Informationsverarbeitung im Zusammenhang mit dem sozialen Beziehungsgeflecht beschreibt die Weitergabe kultureller Güter zwischen Menschen und knüpft gleichzeitig Netzwerke.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 4: Zusammenhang zwischen „3T“ Modell und Regionaler Entwicklung[6]

Kulturelles Kapital ist körper- bzw. personengebunden und lässt sich nur bedingt in ökonomisches Kapital transformieren. Damit eine Region von neuem, kulturellem Kapital profitieren kann, ist es wichtig das Talent anzulocken, da nach Bourdieu inkorporiertes[7] Kapital in objektiviertes[8] Kulturkapital nicht übertragbar ist. Bildungsinstitutionen wie Universitäten oder Unternehmen sind ideal, um das kreative Kapital in die Region zu holen.

Kulturelles Kapital und kreative Regionen stehen im Zusammenhang mit gesellschaftlichen Ungleichheiten. Diversität und vielfältiges kulturelles Kapital stellen häufig hohe Ansprüche an soziale Netzwerke und deren Akteure. Unterschiede in den Erwartungen an Lebensqualität und Raum fordern Kompromisse. Hochgebildete Kreative stellen andere Anforderungen an ihre Umgebung als beispielsweise Beschäftigte im industriellen Sektor. Die Verbesserung der Attraktivität einer Region, um Talent anzulocken, ist meist einhergehend mit erhöhten Lebensunterhaltungskosten. Vor allem Minderheiten, zu denen auch häufig Migranten zählen, die nicht die gleichen Ansprüche an ihren Lebensraum stellen, werden eher in segregierte Regionen verdrängt.

[...]


[1] Der Begriff wurde von Saskia Sassen geprägt. In ihrem Buch „The Global City“ übernehmen die Städte eine ausgeprägte Steuerungs- und Kontrollfunktion. Hinzu kommt, dass Global Cities über eine hohe Ansiedlung postindustrieller Produktionen im Finanz- und Dienstleistungssektor verfügen. Diese Charakteristik macht sie zu führenden Handelszentren auf nationaler und internationaler Ebene. (vgl. Adam/ Göddecke-Stellmann/ Heidbrink, 2005, S.419).

[2] Quelle: Ministerium für Wirtschaft, Mittelstand und Energie des Landes Nordrhein-Westfalen: „5. Kulturwirtschaftsbericht - Kurzfassung (Kultur- und Kreativwirtschaft; Wettbewerb-Märkte­Innovationen), Düsseldorf, 2008.

[3] Quelle: Eigene Darstellung. Übernommen aus: RTK: „Kreativa näringar i Stockholmsregionen“, Stockholm, 2004, S. 24.

[4] Definiert durch die „Stiftelsen för Kunskap- and Kompetensutveckling” (the Knowledge Foundation).

[5] Quelle: Fritsch/Stützer: „Die Geographie der Kreativen Klasse in Deutschland“, Freiberg, 2006.

[6] Quelle: Mellander/ Florida: „The Creative Class or Human Capital?“, Jönköping, S.8.

[8] Entspricht einem zeitintensiven Lern- und Verinnerlichungsprozess, der vornehmlich durch „Bildung“ erreicht wird. (vgl. Jurt, Joseph: „absolute Pierre Bourdieu“, Freiburg, 2003, S. 97).

[9] Fähigkeiten zur Aneignung oder zum Gebrauch von inkorporierten Kulturkapital (vgl. Jurt, Joseph: „absolute Pierre Bourdieu“, Freiburg, 2003, S. 99).

Ende der Leseprobe aus 95 Seiten

Details

Titel
Kreativwirtschaft und Migration als Enwicklungsfaktoren von Metropolregionen
Untertitel
Das Beispiel Stockholm
Hochschule
Europa-Universität Viadrina Frankfurt (Oder)
Note
2,3
Autor
Jahr
2009
Seiten
95
Katalognummer
V165677
ISBN (eBook)
9783640817016
ISBN (Buch)
9783640820597
Dateigröße
3942 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
kreativwirtschaft, migration, enwicklungsfaktoren, metropolregionen, beispiel, stockholm
Arbeit zitieren
Cindy Schemmel (Autor), 2009, Kreativwirtschaft und Migration als Enwicklungsfaktoren von Metropolregionen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/165677

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