Die Gerechtigkeit und der Utilitarismus

Nicolas Reschers, Bernward Gesangs und Rainer Trapps Utilitarismus-Vorstellungen


Hausarbeit, 2010

22 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Klassischer Utilitarismus

3. Gesangs humaner Utilitarismus

4. Reschers Effective Average-Konzept

5. Der Trappsche Gerechtigkeitsutilitarismus

6. Fazit

7. Literaturverzeichnis

8. Anhang

Hat man sein warum? des Lebens, so verträgt man sich fast mit jedem wie? - Der
Mensch strebt nicht nach Glück; nur der Engländer tut das.

(Nietzsche, F.W.; Götzendämmerung Spruch 12)

1. Einleitung

Das genannte Nietzsche-Zitat diffamiert keinesfalls die Engländer im Allgemeinen, sondern die englischen Utilitaristen Jeremy Bentham und John Stuart Mill. Beide Philosophen machten den Utilitarismus in England bzw. in den restlichen angelsächsischen Ländern populär. So ist beispielsweise das gesamte Wirtschaftsdenken der USA an dem Utilitarismus ausgerichtet. Jegliche Nutzenfunktionen U(x), die das wichtigste Werkzeug innerhalb der neoklassischen Mikroökonomie darstellen, tragen das U als "Bild"[1]. Das U bezieht sich in diesem Fall auf die Nützlichkeit eines Gutes und sollte, sofern diese Nützlichkeit maximal ist, gewählt werden. Keinesfalls darf dieser Nutzen mit einer praktischen Nützlichkeit gleichgestellt werden. Vielmehr meint der Begriff des Nutzen bzw. der Nützlichkeit alle möglichen Facetten. Sollte ein Individuum einen Strauß Blumen als nützlich betrachten, dann stiftet dieser auch Nützlichkeit. Der Utilitarismus hat es sich zum Prinzip gemacht, alles was für den Menschen nützlich (pleasure) ist zu maximieren, und alles Leid (pain) zu minimieren. Folglich ist das was nützlich ist auch moralisch gut und das was Leid produziert moralisch schlecht. Auf den ersten Blick wirkt dieses Prinzip pragmatisch und ist in der Anwendung einfach. Jedoch können sich Probleme mit solch einem Prinzip ergeben. Ein oft hervorgebrachtes Problem bezieht sich auf fehlende Gerechtigkeitsaspekte im Utilitarismus. So kann beispielsweise ein individuelles Interesse der Mehrheit geopfert werden. Auch kann der Utilitarismus "ungerechte" Verteilungen fördern. Wie der Utilitarismus solche "ungerechten" Verteilungen ermöglicht, wird innerhalb des zweiten Abschnittes dieser Arbeit dargelegt. Darauf aufbauend sollen drei Ideen vorgestellt werden, die es sich zur Aufgabe gemacht haben, jene Problematik zu lösen. Den Anfang macht B. Gesang mit seiner Idee eines humanen Utilitarismus. Darauf wird die Idee von N. Rescher dargestellt. Den Schluss bildet die mathematiklastige Idee von Trapps Gerechtigkeitsutilitarismus. Diese drei Ideen sollen nach ihrer Präsentation dahin­gehend einzeln diskutiert werden, ob letztendlich eine Berücksichtigung von Gerechtigkeitsaspekten erfolgt ist[2]. Zudem stellt sich die Frage, sofern Gerechtigkeitsaspekte erfolgreich implementiert wurden, ob es sich bei diesen Ideen wirklich noch um eine Form des Utilitarismus handelt.

2. Klassischer Utilitarismus

Dieses Kapital soll den Utilitarismus in seiner klassischen Form darstellen. Hierbei soll nicht auf die einzelnen Variationen bzw. Sichtweisen eingegangen werden, die sich im Zeitverlauf der letzten zwei Jahrhunderte entwickelten. Beispiele solcher Variationen sind der Handlungs- oder Präferenzutilitarismus sowie Sichtweisen, die den Utilitarismus in einen Negativen und Positiven unterscheiden[3]. Vielmehr soll auf gemeinsame Kernelemente eingegangen werden, die sich in allen klassischen Variationen wieder finden. Diese Kernelemente beschreibt Gesang als die Grundpfeiler des Utilitarismus. Die drei Pfeiler, die den Utilitarismus tragen, sind (i) der Wertmonismus, (ii) die universelle Glücksmaximierung und (iii) der Konsequentialismus.

(i) Zum Wertmonismus: Ein Monismus im Allgemeinen besagt, dass alles in der Welt sich auf ein einziges Grundprinzip zurückführen lässt. Dieses Grundprinzip stellt im Wertmonismus des Utilitarismus, also im Speziellen, das Glück dar, das als das intrinsisches Gut überhaupt interpretiert werden kann. Glück ist demnach die universelle Währung, mit der alle moralisch relevanten Güter umgerechnet werden können[5]. Eine Handlung wird somit ethisch Gehaltvoll, sobald sie Glück produziert bzw. Leid minimiert. An diesem Grundpfeiler wird deutlich, weshalb der Utilitarismus im Zusammenhang mit dem Hedonismus und dem Eudämonismus genannt wird[6].

(ii) zur universellen Glücksmaximierung: Dieses Prinzip postuliert, „[dass es] ein an sich wertvolles Gut ist, dass Lebewesen möglichst viel Lust, Freude, Befriedigung oder Glück empfinden bzw. dass ihre Präferenzen so weitgehend wie möglich erfüllt werden, solange dies nicht zu viel Schaden verursacht‘[7] In dieser Aussage findet sich zunächst einmal der Gedanke des Wertmonismus wieder, dass Glück als das „höchste Gut“ zu begreifen ist. Jedoch soll dieses Glück (Nutzen) vom Utilitaristen maximiert werden. Diese Maximierung versteht sich allerdings nicht egoistisch, denn vielmehr maximiert der Utilitarist im Sinne des greatest-happiness-principle. An dieser Stelle wird deutlich, was der Utilitarist maximieren will, bekanntlich das Glück, jedoch wird nicht deutlich wie der Utilitarist dies bewerkstelligt. Der Utilitarist tut dies, indem er jedes Glück eines Individuums, das von einer möglichen Entscheidung betroffen wird, in eine Gesamt­Glücksbilanz überführt. In dieser Glücksbilanz wird das einzelne Glück bzw. Leid mit dem Glück bzw. Leiden der anderen Individuen aufgerechnet. Diese Aggregation von Glück und Leid der einzelnen Individuen macht einen „Vergleich“ möglich, sofern es mehrere Entscheidungsalternativen gibt. Denn in einer solchen Konstellation wird jene Entscheidung als moralisch wertvoller gewertet, die eine höhere Glücksbilanz bzw. einen höheren Gesamtnutzen aufweist. Diese Systematik des Summieren kann als Maximierung verstanden werden. Ergänzend sei zu erwähnen, dass eine moralische Bewertung auf Basis des Maximierungsprinzips auch mithilfe des Durchschnittsprinzips (Maximierung pro Kopf) erfolgen kann. Dazu wird die aggregierte Glückssumme durch n-Individuen dividiert mit anschließender Maximierung. Das Durchschnittsprinzip ist jedoch keine Variante des klassischen Utilitarismus, soll aber an dieser Stelle trotzdem Erwähnung finden, um das klassische Prinzip einer Maximierung besser darzustellen. Bei einer Glücksmaximierung ist das Gleichheitspostulat zu beachten, unabhängig davon ob das Durchschnittsprinzips Anwendung findet. Dieses Postulat verlangt, dass jedes Glück und Leid eines jeden Individuums gleich zu gewichten ist. Mit anderen Worten, es soll kein Individuum für Zwei zählen. Das Wort „universell“ trägt diesem Postulat in Pfeiler (i) Rechnung. Würde das Gleichheitspostulat nicht eingehalten werden, wäre eine Aggregation und somit eine Vergleichbarkeit nicht mehr gewährleistet. Gesang gibt für die Legitimation eines Gleichheitspostultats gleich zwei Argumente mit auf dem Weg. So kann einerseits niemand begründen, dass er bestimmte Güter, die indirekt Glück oder Leid produzieren, nur aus dem Grund erhalten soll, weil er er ist. Dieses Argument arbeitet mit der Rationalität, während das zweite Argument mit Hilfe der Fähigkeit zur Empathie argumentiert: „Jedes leidende Lebewesen verdient unser Mitleid und unsere Hilfe, und jedes glückliche Wesen kann uns froh machen.“[8] Das Mitleid sollte eine Doppelzählung eines Individuums in der Glücksbilanz verhindern, sofern dieses Gefühl nicht absichtlich ignoriert wird.

(iii) zum Konsequentialismus: Dieses Prinzip besagt, dass eine Entscheidung in Form einer Handlung nur nach ihrer Konsequenz beurteilt wird. Der Maßstab für die Konsequenzen lässt sich durch den zweiten Pfeiler, dem Wertmonismus finden. Somit handelt es sich um eine moralisch „gute“ Entscheidung, wenn für die betroffenen Individuen in der Konsequenz aus jener Entscheidung Glück produziert bzw. Leid vermindert wird. Dieser Punkt beinhaltet den Aspekt des Individualismus; denn die betroffenen Individuen entscheiden für sich selbst, was sie als Glück empfinden und was nicht. Das Individuum selbst ist die Instanz bei der Bewertung einer moralischen Handlung. Jedoch sind dieser Bewertung Grenzen gesetzt, da das Glück eines Individuums nicht doppelt gezählt werden darf (siehe das Gleichheitspostultat).

Bis zu diesem Punkt wurde aufgezeigt, welche Grundpfeiler den klassischen Utilitarismus stützen. Doch warum hat der klassische Utilitarismus, wie eingangs in der Einleitung behauptet, das Problem Gerechtigkeit in sein Modell mit einzubauen? Das Problem des Utilitarismus und der Gerechtigkeit findet sich in zwei der drei Grundpfeiler wieder. Zunächst durch den Wertmonismus, der nur ein Grundprinzip konstatiert, bekanntlich in Form des Glückes. Gerechtigkeit ist kein eigenes intrinsisches Gut, sondern ist lediglich ein abgeleiteter Wert, der in die Währung „Glück“ umgerechnet werden kann. Sollte eine Gerechtigkeit aber nicht zur Glücksvermehrung beitragen, hat sie letztendlich auch keinen Wert und bleibt unberücksichtigt.

Neben dem Problem, dass Gerechtigkeit keinen eigenen Wert abbildet, sofern sie nicht zur Glücksmehrung beiträgt, existieren zwei weitere Probleme durch den zweiten Pfeiler, der universelle Glücksmaximierung. Eine Entscheidung die ein geringeres Nutzenniveau hervorbringt, die aber „gerechter“ ist, als eine Entscheidung mit einem höheren Nutzenniveau, wird nicht präferiert. Die Gerechtigkeit bezieht sich in solch einem Fall auf eine ungleiche Nutzenverteilung. Auch ist der Utilitarist indifferent zwischen zwei Entscheidungen, die dasselbe Nutzenniveau hervorbringen, aber in der eine Nutzenverteilung „ungerechter“ ist. Dieses „Ungerechte“ kann als Beispiel in einem Extremszenario, wie der Verteilung aller Nutzen auf nur ein Individuum, während der Rest leer ausgeht, gefunden werden. Anzumerken sei, dass der Begriff einer Nutzenverteilung viele inhaltliche Auskleidungen finden kann, wie beispielsweise der Verteilung von Ressourcen, die dann letztendlich Nutzen für die Individuen generieren.

Nachdem gezeigt wurde, worin genau das Problem des Utilitarismus und der Gerechtigkeit liegt, werden im nächsten Abschnitt dieser Arbeit drei Möglichkeiten vorgeschlagen, die Gerechtigkeit innerhalb des Utilitarismus einzubauen. Denn Anfang macht hierbei B. Gesang mit seiner Idee eines humanen Utilitarismus.

3. Gesangs humaner Utilitarismus

Gesang sieht seinen humanen Utilitarismus als eine Variation und somit als eine Unterposition des Utilitarismus an, da er an den drei Grundpfeilern des klassischen Utilitarismus weiterhin festhält[9]. Sein humaner Utilitarismus soll jedoch die schwächen des klassischen Utilitarismus beseitigen. Gesang nennt gleich zwei Argumente gegen die Behauptung, der Utilitarismus beherberge keine Gerechtigkeit und sei nur eine kalte Nutzenrechnung. Einerseits würde das Prinzip des stetig abnehmenden Grenznutzens gegen eine zu einseitige Verteilung der Nutzen, in Form einer Ressourcenverteilung, wirken. So würde genau dieses Prinzip zu einem gewissen Grad bereits „von oben nach unten“ umverteilen und eine beliebige Verteilung ausschließen[10]. Der Grenznutzen gibt den zusätzlichen Nutzengewinn an, der sich durch eine zusätzliche Einheit generiert. So ist der Nutzen beim Essen eines Tellers Sauerkrautes, sofern man starken Hunger leidet, höher als es ein zweiter Teller Sauerkraut. Spätestens ab dem dritten Teller, sobald ein endgültiges Sättigungsgefühl bzw. ein Brechreiz eintritt, ist Schluss mit dem Nutzengewinn. Und genau dieses Prinzip findet sich in einem stetigen, jedoch abnehmenden Grenznutzens wieder. Eine Umverteilung von „oben nach unten“ findet durch Gesang genau dadurch Anwendung, dass jene „oben“ einen geringeren Grenznutzen generieren, als es jene „unten“ tun können. Mit einfachen Worten gesagt, jene „oben“ haben erstens keinen Hunger mehr und zweitens können sie speziell kein Sauerkraut mehr sehen.

Jedoch ist fraglich, ob dieses Prinzip wirklich eine solche Umverteilung schafft, sodass man diese Umverteilung bereits ansatzweise Gerecht nennen kann. Wohl eher nicht, denn was hier mit dem Sauerkraut zwar klappt, wird im Bereich außerhalb der Lebensmittelgüter und somit außerhalb eines körperlich begründeten Sättigungsgefühls nicht funktionieren. In solch einem Fall tritt die menschliche Gier in Erscheinung. Ob eine Person eine Milliarde Euro besitzt, oder nur 999 Millionen wäre aus Sicht des Grenznutzens unerheblich, da der Nutzenzuwachs von einer Million Euro zu minimal wäre. Trotzdem würden die meistens Menschen bei einer Wahl die eine Milliarde präferieren.

Das zweite Argument für Gesang ist die Idee eines humanen Utilitarismus, der bei einer universellen Glücksmaximierung auch externe Präferenzen berücksichtigt. Eine „externe Präferenzen [bezieht] sich auf den Gütererwerb anderer, ohne dass das Wohl des Präferierenden vom Gütererwerb der anderen positiv beeinflusst wird,"[11]. Interne Präferenzen sind solche, die sich auf den eigenen Erwerb von Gütern beziehen[12]. So wird ein Individuum interne Präferenzen über seinen Wohlstand oder seine Gesundheit haben, aber kein persönliches Interesse an den Präferenzen anderer Individuen, sofern diese ihn nicht positiv oder negativ beeinflussen. Im Abschnitt des klassischen Utilitarismus wurde festgelegt, dass nur jene Individuen in einer Entscheidung zu berücksichtigen sind, die auch von ihr tangiert werden. Oder anders formuliert, im klassischen Utilitarismus - genauer im Präferenzutilitarismus - werden ausschließlich die Präferenzen von Betroffenen in einer Entscheidung berücksichtigt[13]. Somit werden externen Präferenzen, sofern sie der genannten Definition unterliegen, seitens des klassischen Utilitarismus ausgeschlossen.

Doch wie vollzieht sich die Einbettung von Gerechtigkeit über externe Präferenzen? Ein Individuum kann durch seine Gerechtigkeitsvorstellungen über externe Präferenzen in der zu maximierende Glücksbilanz berücksichtigt werden. Eine solche Berück­sichtigung trägt der Stärke des menschlichen Gerechtigkeitssinns Rechnung. Gesang betont in diesem Zusammenhang, dass ein solcher Gerechtigkeitssinn, mit Anlehnung an J. Rawls, eines der stärksten Gefühle sei, die der Mensch inne hat. So spüren selbst Kinder die Ungerechtigkeit einer unfairen Kuchenverteilung[14]. In diesem Beispiel ist zwar die externe Gerechtigkeitspräferenz auf das eigene Wohl gerichtet, jedoch wird sich bei aufgeklärten Menschen die Gerechtigkeitspräferenz nicht nur auf das eigene Wohl beschränken, sondern sich auf das Wohl Anderer erweitern.

Bevor auf die Instrumente des humanen Utilitarismus näher eingegangen wird, soll noch ein Problem im Zusammenhang mit dem Verständnis einer externen und internen Präferenz erwähnt werden. Demzufolge wirft sich die Frage auf, ob mit solch einem Verständnis einer externen Präferenz und deren Berücksichtigung innerhalb der Glücksmaximierung nicht das Gleichheitspostultat verletzt wird. Sobald Individuum x eine interne Präferenz aufstellt, die einer externen Präferenz eines Individuums y gleicht, wird die interne Präferenz von x doppelt gewichtet, sobald externe Präferenzen zugelassen werden. Hierbei handelt es sich nicht wirklich um eine Doppelzählung, auch wenn dies augenscheinlich so wirken mag. Durch eine Berücksichtigung der externen Präferenz von y wird diese Präferenz nicht automatisch zur Präferenz von x. Beide Präferenzen haben nur denselben Inhalt, berücksichtigt werden deshalb auch beide Individuen[15]. Aus diesem Grund wird das Gleichheitspostultat nicht durch die Berücksichtigung externe Präferenzen verletzt. Freilich ist das bisher angenommene Verständnis einer externen bzw. internen Präferenz irritierend und sollte umformuliert werden. Insofern sind externe Präferenzen „solche, bei denen sich der Präferierende intentional nicht nur auf das eigene, sondern auch auf das Wohl anderer Betroffener bezieht.'"[16]. Dieses Verständnis verhindert eine egoistische Interpretation externer Präferenzen.

Dieser abstrakte Gedanke, einer Berücksichtigung externer Präferenzen, findet sich im Alltag überall wieder. Derart entscheidet ein Rentner beispielsweise mit seiner Wählerstimme über das Bildungssystem. Genau genommen sollten in Bildungsfragen nur die internen Präferenzen von besorgten Eltern, Schülern und Studenten berücksichtigen werden[17]. Aufgrund dieser Betrachtung spricht wenig gegen eine Nicht­Berücksichtigung externen Präferenzen.

Nach dieser Feststellung, dass externe Präferenzen dem Gleichheitspostulat nicht widersprechen, ist nach der Systematik zu fragen, inwiefern externe Präferenzen wirklich Gerechtigkeit in den Utilitarismus bringen können. Denn immerhin kann ein Individuum auch externe Präferenzen formulieren, die der Gerechtigkeit entgegenarbeiten. Beispielsweise eine externe Präferenz von Individuum x, die aussagt, dass es nur gerecht wäre, wenn Individuum x alle Ressourcen zugeschrieben bekommt. Diese Vorstellung hat einen selbstzerstörerischen Charakter und wird durch den Einsatz der Instrumente, die dem humanen Utilitarismus zur Verfügung stehen, verhindert.

Die Instrumente des humanen Utilitarismus werden dann eingesetzt, wenn die aufgestellten Präferenzen intern irrational sind. Der Begriff der internen (Ir)- Rationalität wird nicht wahllos benutzt, sondern unterliegt einem strengen, aber einfachem Kriterium. Jede aufgestellte Präferenz ist dann intern rational, sofern es sich um eine aufgeklärte Präferenz handelt[18] Damit ein Individuum eine aufgeklärte Präferenz formulieren kann, benötigt es alle Informationen, die im Zusammenhang mit der Präferenz stehen. Wenn Individuum x die Präferenz x unter idealisierten Informationsbedingungen beibehält, wäre dies intern rational[19].

Der Begriff einer internen Rationalität wird verwendet, um sich nicht auf eine Rationalität im wissenschaftlichen Sinne beziehen zu müssen, die innerhalb des humanen Utilitarismus externe Rationalität genannt werden kann und keine Berücksichtigung findet. Das Individuum ist sich selbst eine Instanz, wenn es über den Rationalitätsgrad seiner Präferenz entscheidet. Immerhin wären Präferenzen, die auf einem religiösen Fundament formuliert wurden, extern irrational und würden somit keine Berücksichtigung finden. Um diesem Problem aus dem Weg zu gehen, findet die interne Rationalität Anwendung. Falls eine Präferenz nur teilweise intern irrational ist, kann sie je nach Grad der Irrationalität, schwach gewichtet in die Glücksmaximierung eingehen. So ist es unwichtig für den humanen Utilitarismus, ob ein Individuum glaubt, dass für Blitze göttliche Wesen verantwortlich sind oder ob ihm klar ist, dass es sich hierbei nur um eine Funkenentladung handelt. In beiden Erklärungen wird das Individuum den höchsten Punkt eines freien Platzes meiden[20].

Eine solche Verfahrensweise, die Implikation eines Rationalitätsmaßstabes, entspricht dem Wunsch des Utilitaristen, der letztendlich Befriedigung maximieren und Leid minimieren möchte. Leid entsteht für die Individuen, die solche intern irrationalen Präferenzen formulieren, durch Frustration. Dieser Frust entsteht dadurch, dass Individuen ihre gewünschten Weltzustände durch falsche Variablen, in Form von Präferenzen, nicht erreichen[21]. So wird ein Individuum, das glaubt, es herrsche eine starke negative Korrelation zwischen dem Migrationsanteil und der deutschen Arbeitslosenquote letztendlich frustrieren, sofern es eine intern irrationale Präferenz gegen Migranten formuliert, die durch Unkenntnis gekennzeichnet ist, da ein Rückgang der Arbeitslosenquote durch solche Präferenzen nicht erreicht wird. Je geringer der interne Rationalitätsgrad einer Präferenz ist bzw. umso weniger das Individuum informiert ist, desto größer ist die Frustrationsanfälligkeit[22]. Durch die Applikation eines internen Rationalitätsgrades wird die Tatsache berücksichtigt, dass Menschen die nicht nach externen Rationalitätsmaßstäben leben, nicht automatisch frustrieren.

Mithilfe eines Rationalitätsfilters, wie dem von R.B. Brand, kann ermittelt werden, ob eine Präferenz intern rational ist oder nicht. Dieser Test prüft, ob verschiedene Präferenzen eines Individuums miteinander konsistent sind und ob die Präferenzen auf korrekten faktischen Annahmen beruht[23]. Sollte dies nicht der Fall sein, können die folgenden zwei bzw. vier Instrumente des humanen Utilitarismus eingesetzt werden.

(i) Aufweisen von Rationalitätsdefiziten: Jene Präferenzen, die intern irrational sind und folglich im Brandtschen Rationalitätsfilter hängen bleiben, sind entweder beschränkt zu berücksichtigen, oder im höchsten Grad der internen Irrationalität überhaupt nicht. Dieses Instrument kann vor antiliberalen Präferenzen, beispielsweise eine Präferenz die Gerechtigkeit verabscheut, schützen[24].

(ii) Präferenzerziehung, Präferenzverschiebung, Präferenzsubstitution: Um diese Instrumente einsetzen zu können, muss zuvor eine ideale Präferenzlage formuliert werden. In solch einer Präferenzlage, die die Norm bilden soll, dürfen die Rechte von Minderheiten oder sonstig Benachteiligten nicht beschränkt oder missachtet werden, da solch ein Leiden immer noch minimiert werden kann. Das hieraus ergebende Szenario wäre durch die maximal erreichbaren Nutzenwerte gekennzeichnet. Andere Szenarien, die das Maximum an Nutzen in einer Gesellschaft nicht erreichen, sind suboptimale Präferenzlagen[25]. Um solch eine ideale Präferenzlage annähernd zu gewährleisten, kann die Entstehung von irrationalen Präferenzen durch rechtzeitige Aufklärung (Erziehung) der Individuen verhindert werden. Sollte bereits eine intern irrationale Präferenz existieren, kann diese durch das Instrument der Präferenzverschiebung korrigiert werden. Das Instrument einer Präferenzsubstitution soll bestehende Präferenzen durch gleichwertige, aber intern rationalere Präferenzen ersetzen.

Jedoch haben die Begriffe Erziehung und Verschiebung einen bitteren Beigeschmack (Stichwort Umerziehungsprogramm), immerhin findet ein Eingriff in die Autonomie des Menschen statt. Gesang gibt hier zu denken, dass jede Form von Erziehung (Moral) Autonomie beschränkt, um das zwischenmenschliche Zusammenleben zu erleichtern. Zwar gibt Gesang damit zu, dass ein Eingriff in die Autonomie stattfindet, aber eine Präferenzverschiebung bzw. Erziehung im utilitaristischen Sinne ist nicht mit einer Gehirnwäsche zu vergleichen, da jenem Instrument das Gewaltmoment fehlt[26]. Vielmehr setzen diese Instrumente einen Anreiz intern rationale Präferenzen, im besten Fall sogar extern Rationale, aufzustellen.

Die genannten vier Instrumente des humanen Utilitarismus werden durch drei weitere Instrumente ergänzt. Diese Instrumente geben in ihrer Gesamtheit die Idee eines humanen Utilitarismus wieder. Dabei wird die Kernaussage, dass externe Präferenzen im humanen Utilitarismus ausdrücklich berücksichtigt werden, selbst als ein Instrument gesehen, sodass nur noch folgende zwei Instrumente zu beschreiben sind.

(iv) Wahrung langfristiger Gesamtinteressen und struktureller Rationalität: Dieses Instrument soll eine isolierte punktuelle Nutzenmaximierung verhindern. Dadurch werden Dammbrüche, die vielen anderen antiliberalen Präferenzen Raum bieten, vermieden. Vielmehr soll eine strukturelle Rationalität, die sich auf einen langen Zeithorizont bezieht, angewendet werden[27].

(iiv) Nur deutlich wahrnehmbaren Nutzen beachten: Dieses Instrument soll verhindern, dass bei einer Präferenzaggregation der kaum wahrnehmbare Nutzengewinn vieler mit dem deutlichen Opfer weniger verrechnet werden kann[28]. Der summierte kaum wahrnehmbare Nutzengewinn Einzelner verwandelt sich zu einem spürbaren Nutzengewinn in der Gesamtbilanz. Jedoch kann der einzelne Nutznießer solch einen Nutzenzuwachs genauso spüren, wie 2ml mehr Tee in der Tasse und zwar gar nicht. Die wenigen, die dafür „bezahlen“ mussten, werden jedoch eine erhebliche Nutzeneinbuße erfahren.

Nachdem Gesangs Idee eines humanen Utilitarismus erörtert wurde, bleiben abschließend noch zwei Fragen offen. Ist es Gesang wirklich damit gelungen Gerechtigkeitsaspekte in den Utilitarismus einzubauen? Und wenn ihm dies gelungen ist, kann man das Ergebnis wirklich noch als einen Utilitarismus verstehen? Zur ersten Frage lässt sich sagen, dass Gesangs Idee einer Berücksichtigung externer Präferenzen durchaus zu gerechteren Verteilungen führen kann. Jedoch wurde die Gerechtigkeit indirekt in den Utilitarismus eingebaut. Somit stellt eine Gerechtigkeit weiterhin einen abgeleiteten Wert innerhalb des Utilitarismus dar. Sobald Individuen eine verteilungsgerechte Gesellschaft als nutzlos betrachten, werden auch keine Präferenzen zugunsten einer solchen gerechten Gesellschaft gebildet. In Zusammenhang mit diesem Punkt sei zu erwähnen, dass Gesang die Kritiker des Utilitarismus angreift, indem er feststellt, dass jene den Utilitarismus nur durch Gedankenexperimente widerlegen, die innerhalb der Realität nicht anzutreffen sein[29]. Hier ist Gesang zuzustimmen, denn eine Welt, in der alle Individuum eine Gerechtigkeitspräferenz ablehnen, riecht nach einem solchen Gedankenexperiment. Denn das Argument eines Gerechtigkeitssinns, der tief im Menschen verankert ist, wird solch eine Konstellation nicht zulassen. Nichts alledem ist eine Auffassung von Gerechtigkeit, die Ausdruck in externen Präferenzen findet, stark an das jeweilige Zeitverständnis einer Gerechtigkeit gekoppelt, selbst wenn jene Präferenzen durch Rationalitätsfilter getestet werden. Diese Schwäche bedingt sich durch das Festhalten an dem Wertmonismus. Dadurch kann die Frage, ob es sich bei Variation von Gesang wirklich noch um einen Utilitarismus handelt, bejaht werden. Dieser Grundpfeiler, sowie die restlichen zwei, werden nicht durch die Berücksichtigung von Gerechtigkeitspräferenzen angerührt.

Eine andere Verfahrensweise, um Gerechtigkeit in den Utilitarismus einbauen zu können, wird von N. Rescher geliefert und wird im nächsten Abschnitt behandelt.

[...]


[1] Das "Bild" bzw. "Urbild" ist ein feststehender Terminus innerhalb der Mathematik (Stichwort Begriff der linearen Abbildung)

[2] Der Begriff der "Gerechtigkeit" soll nicht im Rahmen dieser Arbeit gefüllt werden. Fragen in Bezug auf "wer, was und wie soll bei einer Verteilung verfahren werden soll" finden keine Berücksichtigung. Lediglich, ob Gerechtigkeit im Utilitarismus berücksichtigt werden kann, soll untersucht werden.

[3] Vgl. Höffe S. 9

[4] Vgl. Gesang S. 17ff.

[5] Vgl. ebd. S. 19

[6] Hedonismus und Eudämonismus werden an dieser Stelle genannt, da Glück und Lust gleichgesetzt werden.

[7] ebd. S. 17 (An dieser Stelle wird deutlich, dass das Prinzip der universellen Glücksmaximierung derart allgemein gehalten ist, das es die Konformität zum Handlungsutilitarismus und zum Regelutilitarismus garantiert.)

[8] Gesang S. 18

[9] Vgl. Gesang S. 90

[10] Vgl. ebd. 52

[11] Gesang S. 78; zitiert nach Dworkin S. 382

[12] Vgl. ebd.

[13] Vgl. Gesang S. 56

[14] Vgl. ebd. S. 73

[15] Vgl. Gesang S. 83

[16] ebd. S. 95

[17] Vgl. ebd. S. 86

[18] Vgl. ebd. S. 57f

[19] Vgl. ebd. 58

[20] Vgl. Gesang S. 60

[21] Vgl. ebd.

[22] Vgl. ebd. S. 59

[23] Vgl. ebd.

[24] Vgl. ebd. S. 64

[25] Vgl. Gesang S. 65

[26] Vgl. ebd. S. 67f

[27] Vgl. ebd. S. 70f

[28] Vgl. ebd. S. 77

[29] Vgl. Gesang S. 96

Ende der Leseprobe aus 22 Seiten

Details

Titel
Die Gerechtigkeit und der Utilitarismus
Untertitel
Nicolas Reschers, Bernward Gesangs und Rainer Trapps Utilitarismus-Vorstellungen
Hochschule
Universität Kassel  (Philosophie)
Veranstaltung
Theorien der Gerechtigkeit
Note
1,0
Autor
Jahr
2010
Seiten
22
Katalognummer
V165678
ISBN (eBook)
9783640813636
ISBN (Buch)
9783640813605
Dateigröße
1185 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
In dieser Ausarbeitung soll anhand der Theorie von Nicolas Rescher (Distributive Justice), Berndward Gesang (Eine Verteidigung des Utilitarismus) und Rainer Trapp (Nicht-klassischer Utilitarismus) die Gerechtigkeitsprobleme im Utilitarismus aufgelöst werden.
Schlagworte
Utilitarismus, rainer trapp, Nicolas Rescher, Gerechtigkeit, Nutzen, Nutzenmaximierungsprinzip, Gerechtigkeitsutilitarismus, Effective-Average-Concept, Humaner Utilitarismus
Arbeit zitieren
Sebastian Schneider (Autor:in), 2010, Die Gerechtigkeit und der Utilitarismus, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/165678

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