„Die Zähmung des Wilden Westens“: Landerschließung und Raumnutzung in den USA im 19. Jahrhundert


Hausarbeit, 2009

35 Seiten


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Einleitung
2. Forschungsstand
3. Die Konzepte von Wildnis und Natur
4. Die Ausgangslage des Westens zu Beginn des 19. Jahrhunderts

II. Die Zähmung des Wilden Westens
A) Erforschung und Erschließung
1. Die Erforschung des Westens durch amerikanische Entdecker und Kartographie
2. Landerschließung
B) Die Nutzung des Westens
1. Besiedlung
2. Landwirtschaft
3. Eisenbahn
4. Bergbau
5. Holzindustrie

III. Die Gegenbewegung zur Nutzung des Westens
Die Nationalparks als andere Form der Nutzung

IV. Schluss

I. Einleitung

Der amerikanische Westen hat seit jeher eine starke Begeisterung gefunden. Zu ihm trugen besonders der Mythos des Cowboys und der Indianer, der unendlichen Landschaft und der Goldrausch bei. Er wurde unzählige Male in Filmen wie „Die Glorreichen Sieben“ oder „Für eine Handvoll Dollar“ thematisiert und formte damit unser Bild des „Wilden Westens“.

Der Westen der USA bietet aber vielmehr als nur diesen kleinen Teil. Er besteht aus zahlreichen anderen Teilen und muss daher viel differenzierter betrachtet werden.

Auch spielten Cowboys und Indianer nur eine untergeordnete Rolle im Westen während des 19. Jahrhunderts. Die wichtigsten Teile stellen die Erfas­sung des unbekannten Territoriums und die sich anschließende Nutzung durch den weißen Siedler dar.

Diese beiden Gesichtspunkte sollen die Hauptaspekte dieser Arbeit dar­stellen. Zum einen wird auf die Erschließung des „Wilden Westens“ einge­gangen. In diesem Abschnitt geht es zum einen um die Erforschung des noch unbekannten Westen zu Beginn des 19. Jahrhunderts und zum anderen um die kartographische Erfassung mithilfe des für die USA typischen Rechtecksystems.

Danach thematisiert der nächste Teil die Nutzung dieser Gebiete. An dieser Stelle soll der Fragestellung nachgegangen werden, wie die Siedler den Westen nutzten und wie sie mit der Natur im Westen umgingen. Dabei soll gezeigt werden, ob und wie die „Zähmung“ des Westens vom Menschen durchgeführt wurde und wie die Natur auf diese Beeinflussung reagierte. Im Hauptteil wird die These entfaltet werden, dass die Menschen während der Erfassung bereits eine spätere Nutzung implizierten und diese bei der Nutzung umsetzten. Dieser Nutzen bestand aber hauptsächlich im Ausbeuten der natürlichen Ressourcen.

Demgegenüber wird zum Ende des Hauptteils noch eine andere Nutzungsmöglichkeit aufgezeigt werden: die der Nationalparks, die sich durch eine ganz andere Nutzbarmachung auszeichnete. Sie möchte die Natur und Wildnis bewahren und nicht für den Menschen zur Ausbeutung freigeben.

Doch um diesen Hauptteil angemessen darlegen zu können, wird eine Betrachtung der Ausgangslage des Westens der Vereinigten Staaten zu Beginn des 19. Jahrhunderts vorangeschoben. Ferner wird ein Konzept von Wildnis und Natur­verständnis der damaligen Menschen ausgebreitet, auf das im späteren Verlauf der Arbeit immer wieder punktuell zurückgegriffen werden soll. Diese Auffassungen darüber sind „konstitutiv für die amerikanische Umweltgeschichte“ und dominieren die Fachdiskussion dort.[1] Besonders der Wandel der Vorstellung von Natur und Wildnis soll zum Ende des Hauptteils erklärt werden.

Um die thematische Ausrichtung der Umweltgeschichte zu gewährleisten, wird die Interdependenz der Mensch-Natur Beziehung in den Vordergrund gestellt, welche typisch für diese historische Fachrichtung ist.[2] Methodisch soll dabei weiter der bereits seit längerem andauernde Streit der Regionalisten, die den Einfluss der Umwelt in den Vordergrund stellen und der Anhänger der Frontierthese von Turner, die sich auf die menschliche Präsens im Westen konzentrieren durch eine andere Betrachtungsweise ersetzt werden. Sie zeichnet sich durch die Berücksichtigung der Interaktion von Mensch und Natur als binäres bzw. reziprokes System aus, wodurch eine perspektivische Verknappung durch eine der beiden Standpunkte vermieden werden soll.[3]

Zum Schluss werden die Ergebnisse aus den beiden Hauptteilen mit den aus der Betrachtung der Konzepte von Natur und Wildnis gewonnenen Einsichten zusammengeführt werden. Damit wird dann die Leitfrage, inwieweit der Menschen den „Wilden Westen“ zähmte, beantwortet.

II. 1. Forschungsstand

Die Thematik des Wilden Westens und seiner Erschließung ist zum ersten Mal von Frederick W. Turner im Jahre 1893 betrachtet worden. In seinem Essay ging es vor allem um die Landnutzung in den USA. Sein Werk gilt deshalb als Initiator dieser Betrachtungsweise.[4] Die Erschließung und Nutzung des Westens markieren daneben den Anfangspunkt für die Umweltgeschichte Amerikas.[5] Seine These besagt, dass der Westen hauptsächlich zum Nutzen der Amerikaner erobert worden.

Ein Klassiker der amerikanischen Umweltgeschichte, der zwar die Neu-England Staaten in den Mittelpunkt rückte, ist William Cronons „Changes in the Land“. Er konzentriert sich auf die Veränderungen in der Umwelt, die in Amerika durch den Siedler hervorgerufen worden sind. Seiner Ansicht nach veränderte der Mensch zwar die Gestalt der Natur, musste sich aber dazu an die von der Natur vorgegebenen Rahmenbedingungen, wie die klimatischen oder ökologischen Voraussetzungen halten, was bedeutet, dass der Mensch beispielsweise nur die Pflanzen anbauen konnte, die dort auch wachsen konnten. Cronon hat ebenfalls neuere Ansätze zur Konzeption von Natur und Wildnis für die USA in seinem Aufsatz „The Trouble with Wilderness“ geliefert und behauptet, dass der Mensch die Natur durch seine Vorstellungen produziert.

Für die Landerschließung durch die Expeditionsteams während des 19. Jahrhunderts gibt es zahlreiche Werke. Die Erschließung des Westens mit Hilfe des Rechtecksystems wurde besonders von Opie und Pattison bearbeitet. Ersterer kam zu dem Schluss, dass das Rechtecksystem die Zähmung des Westens in den Köpfen der Menschen vereinfachte, weil sie eine vertraute geometrische Figur als Grundstücksgrenze für ihre neuen Parzellen im Westen vorfinden würden, da dieses System sich durch die Kongruenz der Grundstücksgröße auszeichnete. Pattison lieferte dazu die Pionierarbeit, indem er die Geschichte dieser Grundstückvermessungs­methode nachzeichnete.

Zur Landnutzung im „Wilden Westen“ existieren ferner sehr viele Arbeiten. Meist beschäftigen sich die älteren Publikationen mit der Landwirtschaft und dem Eisenbahnbau. Eine wichtige und mehrfach aufgelegte Monographie, die sich damit befasst ist Billingtons „Westward Expansion“. Er konzentriert sich im dritten Teil seiner Monographie auf die Grundzüge der Erschließung und Nutzung des Westens, wie Besiedlung, Land­wirtschaft, Eisenbahn und Bergbau. Billington kommt zu dem Ergebnis, dass die Umwelt im Westen die Nutzung durch den weißen Siedler regelrecht erwartete.[6]

Aus umwelthistorischer Sicht ist Chris Magocs Monographie sehr aufschlussreich. In ihr geht er auf die zahlreichen Veränderungen in der Natur durch den weißen Siedler ein und macht dem Leser bewusst, wie der Mensch im 19. Jahrhundert zum Beispiel innerhalb von kürzester Zeit den Büffel ausrottete. Trotzdem widerlegt Magoc ältere Auffassungen, die davon ausgingen, dass der Mensch sich den Westen ohne große Mühen untertan machte. Vielmehr hatte er es schwierig, da der Westen zum Teil sehr trocken ist und somit die Landwirtschaft und Viehzucht schwierig macht. Ebenso stellte Roth umfassend die negativen Aspekte durch die Nutzung für die Umwelt im Westen fest. Er zeigte insbesondere auf, wie rücksichtslos die neuen Bewohner mit ihr umgingen. Eine weitere umwelthistorische Arbeit kommt von Mark Fiege, der sich mit den Bewässerungssystemen in Idaho beschäftigt. Fiege kommt zu dem Ergebnis, dass diese Systeme zwar halfen, Landwirtschaft zu betreiben, aber gleichzeitig neue ökologische Probleme verursachten, wie Bodenerosion oder Schädlingsplagen auslösten.

Theoretische Überlegungen aus der Umweltgeschichte kommen von Ursula Lehmkuhl, Andrew Isenberg und Claudia Schnurmann. Isenberg verstärkte Magocs Ansicht, dass es nicht immer der Mensch war, der die Natur zähmte, sondern durchaus es auch umgekehrt sein konnte. Claudia Schnurmanns Überlegungen gingen in eine ähnliche Richtung wie die von Opie und stellen den Menschen als Macher, aber auch als Produkt der Natur, ähnlich wie Cronon es tut, dar.

II. 2. Die Konzepte von Wildnis und Natur

Diese beiden Konzepte sollen als Rückbezugspunkt der Arbeit dienen. An mehreren Stellen wird dabei auf die nun hier gewonnen Ergebnisse Bezug genommen, um damit neue Betrachtungsweisen aufzuzeigen und die Ergebnisse der folgenden Kapitel inhaltlich zu verbinden.

Die heutige gängige Auffassung über den Wilden Westen ist schnell erklärt. Die Amerikaner zähmten das vorher wilde Land und nutzten es für ihre Zwecke.[7]

Doch wie sah sahen die Menschen es damals? Die meisten Amerikaner stellten sich die Länder westlich des Mississippi als eine „immense Wildnis“ vor.[8] Sie sahen den Westen als fern an und dachten an die riesige Größe des Landes dort.[9] Dennoch unterschied sich die damalige Vorstellung nur wenig von heute.[10] Wie auch heute verstand man unter Wildnis etwas Verlassenes, Wildes, Unwirtliches und Trostloses.[11] Sie zeichnete sich zugleich durch Ungezähmtheit aus.[12]

Dennoch muss man sich stets vergegenwärtigen, dass Wildnis und Natur nur soziale Konstrukte sind. Sie werden vom Menschen erzeugt und immer wieder neu generiert. Konstruiert werden sie dabei aus der Abwesenheit von Menschen und Zivilisation; Wildnis ist damit überall wo der Mensch nicht und die Natur unberührt ist.[13] Darüber hinaus steht die Wildnis für viele Amerikaner für einen Ort, der noch nicht von der Zivilisation infiziert und damit rein ist.[14] Da die Natur, wie auch die Wildnis, nur soziale Konstrukte sind, meinen sie in verschiedenen zeitlichen und räumlichen Kontexten stets etwas anderes („Nature means something different at any given time.“[15] ) und genau hinter dieser Maske verstecken sie ihre Unnatürlichkeit.[16] Mit anderen Worten sind weder die Wildnis noch die Natur in ihrer Konzeption durch den Menschen natürlich, sondern durch die Projektion gewisser Vorstellungen, wie der Ungezähmtheit oder der Trostlosigkeit, verwandelt der Mensch bereits ihre Gestalt.

Wesentlich ist darüber hinaus die negative Konnotierung des Begriffes der Wildnis: sie sollte von den Menschen „kolonisiert“ oder „zivilisiert“ werden. Erst dann war sie von Nutzen für den Menschen. Darauf ging auch schon Turner in seiner These 1893 ein. Er war der Ansicht, dass der Westen dazu da sei, von den Amerikanern gezähmt oder erobert zu werden.[17]

Das Wort Wildnis hat aber noch eine ganz andere Auswirkung. Durch seinen Verwendung schätzt der Sprecher gleichzeitig seine Umwelt an. Er schätzt den Wert der Landschaft, seiner Bewohner und ihrer Kultur ein. Damit stellt er indirekt die Prämisse, dass das Land und alles, was sich auf ihm befindet, kontrolliert werden soll, auf.[18]

II. 3. Die Ausgangslage des Westens zu Beginn des 19. Jahrhunderts

Zunächst gilt hier zu herauszustellen, dass zu Beginn des 19. Jahrhunderts die USA noch lange nicht ihre endgültige Größe erreicht hatten. Die Gebiete der heutigen Bundesstaaten Kalifornien, Arizona, Nevada, Utah, New Mexico sowie kleinere Gebiete nördlich davon gehören noch nicht zu den USA.[19] Jedoch spielen sie eine zentrale Rolle in der „Zähmung des Wilden Westens“, denn sie werden in den kommenden 100 Jahren erforscht, ver­messen und genutzt werden.

Geographisch gesehen erstreckt sich der Westen der USA von den Appalachen bis zum Pazifik. Dabei umspannt er den Mittleren Westen, die Großen Ebenen, die Rocky Mountains und reicht bis nach Kalifornien. Er wird auch als Amerikas „Heartland“ bezeichnet.[20]

Klimatisch ist der Westen eine sehr diverse Region. Während im Osten und im Norden des Westens gute Bedingungen für Landwirtschaft vorherrschen, da der Boden fruchtbar und der Niederschlag ausreichend sind, dominiert im Süden und Westen bis zu den Rocky Mountains Trockenheit. In den Großen Ebenen findet sich der Mittelweg stellen die Mitte zwischen Trockenheit und Niederschlag dar. Auf ihnen wächst fast nur Präriegras. Bäumbewuchs hingegen ist dort sehr selten.[21]

Zu Beginn des Jahrhunderts öffnete sich die Tür nach Westen für die Amerikaner durch den Louisiana Purchase von 1803 ganz. Überrascht von dem schnellen Landgewinn wird man sich langsam erst bewusst, dass man recht wenig über das Land weiß, das man erworben hat.[22] Die geographischen Kenntnisse von dieser Region waren bestenfalls umrissartig.[23]

Es gilt zu bedenken, dass der Westen ein Konstrukt der europäischen Perspektive ist, denn für die Indianer, die über die Beringstrasse als erste betraten, war es immer der unbekannte Osten. Ferner ist festzuhalten, dass sich der Westen im Laufe des 19. Jahrhunderts sukzessive verschob. Zu Beginn des Jahrhunderts galten noch Regionen wie Kentucky oder Tenne­ssee als Westen. Erst mit der Über­schreitung des Mississippi, der bis 1800 als Trennlinie zwischen Ost und West galt, musste der weiße Mann diese Vorstellung aufgeben. Darauf folgte dann eine völlig neue Erfahrung von Landschaft und Größe.[24]

III. Die Zähmung des Wilden Westen

1. Die Erschließung des Westens durch amerikanische Entdecker und Kartographie

Nach dem Louisiana Purchase 1803 verdoppelte sich das Gebiet der USA und die heutigen Bundesstaaten Louisiana, Arkansas, Oklahoma, Missouri, Kansas, Iowa, Minnesota, Nebraska, die beiden Dakotas, Teile von Wyoming und Montana, das östliche Colorado und Teile von New Mexico und Texas gehörten plötzlich zu diesem Land.[25] Es war dennoch kaum etwas über diese Region bekannt. Bis dato existierten nur einzelne Aufzeichnungen von Trappern, die sie während ihrer Jagdzüge durch das Land im Westen angefertigt hatten.[26] Karten vom neuen Territorium waren notwendig geworden, um sich erstens einen Überblick über das neue Territorium zu verschaffen und zum anderen stellen Karten die einzige Möglichkeit für einen Staat dar, das neu erworbene Land in rechtlich abgesicherte Grundstücke zu unterteilen.[27]

Im Jahre 1804 machten sich die beiden ersten großen Entdecker dieses Jahrhunderts auf den Weg Richtung Westen, um das Gebiet zu erforschen. An dieser Stelle ist anzumerken, dass Erforschung nicht nur Abenteuer bedeutet, sondern stets zielgerichtet und vorgegeben erfolgt.[28] Lewis und Clark bekamen dazu genaue Instruktionen von Thomas Jefferson. Er wies sie an, auf be­stimmte zukünftige Nutzungsmöglichkeiten für die ameri­kanische Bevöl­kerung im neuen Territorium der USA zu achten. Dabei legte er Wert auf eine Beschreibung „[...] of the soil and the face of the country, its growth and vegetable productions [...], the mineral pro­duc­tions of every kind, but more particularly metals, lime-stone, pit-coal and saltpetre [...]“ Daneben sollten die beiden nach Jeffersons Wünschen das Klima mit allen seinen Einzelheiten dokumentieren.[29] Der Auslöser für die Expedition von Lewis und Clark war aber, einen Handelsweg über Land zu suchen. Damit sollte ein schnellerer Transportweg nach Asien ermöglicht werden. Jefferson sah überdies den Westen als potentielles Farmland an und initiierte deshalb die Expedition. Dabei war ihre Vorgabe die Messungen mit „größter Genauigkeit“ und unter zur Hilfenahme von Messinstrumenten wie beispielsweise dem Kompass und der so genannten Messleine durch­zuführen.[30] In einem Brief an Jefferson sah Minister Albert Gallatain das Ziel dieses Unternehmens darin, zu prüfen, ob der Westens geeignet sei, dort extensiv Landwirtschaft zu treiben und somit eine große Menge an Menschen zu beherbergen.[31] Auch Meriwether Lewis war bewusst, dass die USA mehr Land zur Expansion benötigten. Sie sollten demzufolge den Westen erforschen, um ihn für Farmer und Geschäftsleute zu öffnen.[32] Doch dazu brauchte man erst einmal eine Karte, um Grundstücke zu verzeichnen und verkaufen zu können.

Lewis und Clark durchquerten zunächst die Gebiete des Missouri River mit dem Boot. Später ging es zu Fuß weiter. Auf ihrer Reise schrieb Lewis in sein Reisetagebuch: „Es gibt hier unglaubliche Mengen von Wild, das sehr zahm ist; besonders die männlichen Büffel machen sich kaum die Mühe, uns aus dem Weg zu gehen.“[33] An Lewis’ Schilderung der Büffel kann man ablesen, dass sie keine Gefahr für den Menschen darstellten – er könnte dort also unge­hindert der vielen Tiere siedeln, ohne etwas von ihnen befürchten zu müssen. Sie überquerten unter großen Mühen sogar die Rocky Mountains. Schließlich schafften Lewis und Clark es bis zum Pazifik und kehrten 1806 zurück.[34]

Dennoch hatten sie nur einen kleinen Teil des riesigen Westens gesehen. Trotzdem erkannten Lewis und Clark die wirtschaftlichen Möglichkeiten der natürlichen Ressourcen, die im fernen Westen schlummerten und erfüllten damit die Vorgaben Jeffersons.[35]

Die nächste ähnlich gelagerte Expedition leitete der junge Offizier Zebulon Pike. Er unternahm eine Expedition 1806, die ebenfalls von Präsident Jefferson geplant wurde, während Lewis und Clark noch nicht zurück­gekehrt waren.[36] Pike untersuchte auch die Qualität des Bodens mit Hin­blick auf die Landwirtschaft. Bemerkenswert ist seine Charakterisierung des erforschten Gebietes, welches er als „desertlike“ beschrieb. Außerdem war der Boden nach seinen Erkenntnissen durch seine Trockenheit nicht für die Landwirtschaft geeignet.[37] Dies indizierte den Wert dieser Region für den amerikanischen Menschen.[38] Diese Fehlkonzeption beruhte darauf, dass Pike wie auch Lewis und Clark zuvor, nur einen winzigen Teil des Westens gesehen hatten. Pikes Einschätzung, dass die Großen Ebenen unbewohnbar seien, war allerdings für das nächste halbe Jahrhundert in vielen Köpfen präsent. Besondere Anschaulichkeit bekam seine Beschreibung, weil er die Großen Ebenen mit den Wüsten in Afrika verglich.[39] Da es auch ihm nicht gelang, den gesamten Westen zu erschließen, wurde erstmal keine Expeditionen mehr auf Regierungskosten gestartet, weil sie zu kostspielig waren. Hauptsächlich Pelzjäger auf der Suche nach Bibern durchstreiften den noch unerforschten Westen, weil sie angestoßen durch die Reporte der beiden Expeditionen die ungeheure Zahl von Bibern jagen wollten.[40] Durch die Trapper stieg als Nebenprodukt jedoch der Informationsstand über die Wildnis im Westen an. Auf der Suche nach Tieren mussten sich die Männer immer weiter ins Landesinnere vorwagen und erkundeten so die Gegend.[41]

In der nächsten großen Welle von Expeditionen in der Zeit von 1810-1820 begleiteten in vielen Fällen ehemalige Trapper aufgrund ihrer Kenntnisse der Regionen die Forschungsreisen. Die Kartographen verzeichneten speziell die natürlichen Ressourcen und die Beschaffenheit des Bodens. Er wurde etwa als „light ash sand“ bezeichnet. Daneben vermerkten die damaligen Kartographen Fundorte von Silberminen. Ein bedeutender Geograph dieser Zeit, Stephen Long, titulierte die Prärie als „Great American Desert“. Für einen seinen Begleiter auf dieser Expedition, wie auch für Pike vorher, war der Boden zu trocken, es gab zu wenig Bäume und das wenige, vorhandene Wasser wirkte auf ihn zu schmutzig, was ihn auch keine ackerbauliche Nutzung dieses Gebietes sehen ließ.[42] Long selbst sah diese Region als „komplett ungeeignet für Kultivierung und damit unbewohnbar für den Menschen, der von der Landwirtschaft abhängig ist, an.“[43] Ebenso wie Pike implizierte er damit den Wert dieser Region für den Menschen.[44]

[...]


[1] Verena Winniwart / Martin Knoll: Umweltgeschichte. Eine Einführung. Köln, 2007, S. 56.

[2] Ebd., S. 115.

[3] Andrew Isenberg: Environment and the Nineteenth-Century West: Or, Process Encounters Place, in: in: Deverell, William (Hrsg.): A companion to the American West, Malden 2007, S. 78. Im Folgenden zitiert als: Isenberg, West.

[4] Ebd., S. 79.

[5] Ursula Lehmkuhl: Historicizing Nature. Time and Space in German and American Environmental Historiography, in: Dies. / Wellenreuther, Hermann (Hrsg.): Historians and Nature. Comparative Approaches to Environmental History, Oxford Jahr, S. 24. Im Folgenden zitiert als: Lehmkuhl, Nature.

[6] Ray Billington: Westward Expansion. A History of the American Frontier, New York 41974, S. 650. Im Folgenden zitiert als. Billington, Westward.

[7] Anne Butler / Michael Lansing: The American West. A Consise History, Malden 2008, S. 4. Im Folgenden zitiert als: Butler, West.

[8] Ebd., S. 47.

[9] George Catlin: Indians, Nature, and Civilization 1844, in: Merchant, Carolyn (Hrsg.): Major Problems in American environmental History, Lexington 1993, S. 181. Im Folgenden zitiert als: Catlin, Nature.

[10] Lehmkuhl, Nauture, S. 25.

[11] William Cronon: The Trouble with Wilderness; or, Getting Back to the Wrong Nature, in: Ders. (Hrsg.): Uncommon Ground. Rethinking the Human Place in Nature, New York 1996, S. 70. Im Folgenden zitiert als: Cronon, Wilderness.

[12] Isenberg West, S. 81.

[13] Michael Heiman, Civilisation over Nature, in: Merchant, Carolyn (Hrsg.): Major Problems in American environmental History, Lexington 1993, S. 150.

[14] Cronon, Wilderness, S. 69.

[15] Lehmkuhl, Nature, S. 17.

[16] Cronon, Wilderness, S. 69; Brian Black: Nature and the Environment in Nineteenth-Century American Life, Westport 2006, S. ix. Im Folgenden zitiert als: Black, Nature.

[17] Lehmkuhl, Nature, S. 25; Cronon, Wilderness, S. 70-71.

[18] Claudia Schnurmann: Perceptions of Space and Nature in Nineteenth-century USA, in: Lehmkuhl, Ursula / Wellenreuther, Hermann (Hrsg.): Historians and Nature. Comparative Approaches to Environmental History, Oxford 2007, S.156. Im Folgenden zitiert als: Schnurmann, Space.

[19] Sylvia Englert: Cowboys, Gott und Coca-Cola, Frankfurt 2005, S. 63. Im Folgenden zitiert als: Englert, Cowboys.

[20] John Opie: The Law of the Land. Two Hundred Years of American Farmland Policy, Lincoln 1987,S. xii. Im Folgenden zitiert als Opie, Land; Leonard Arrington: The Transcontinental Railroad and the Development of the West, in: Torr, James (Hrsg.): The American Frontier, San Diego 2002, S. 147. Im Folgenden zitiert als: Arrington, Railroad.

[21] Donald Worster: Cowboy Ecology, in: Merchant, Carolyn (Hrsg.): Major Problems in American Environmental History, Lexington 1993 S. 314-316.

[22] Roth, Michael: Issues of Westward Expansion, Westport 2002, S. 2. Im Folgenden zitiert als: Roth, Issues.

[23] John Allen: Patterns of Promise. Mapping the Plains and Prairies, 1800-1860, in: Luebke, Frederick / Moulton, Gary (Hrsg.): Mapping the North American Plains: Essays in the History of Cartography, Norman 1987, S. 41. Im Folgenden zitiert als: Allen, Mapping.

[24] William Davis: Der Wilde Westen. Pioniere, Siedler und Cowboys 1800-1899, Erlangen 1994.S. 8. Im Folgenden zitiert als: Davis, Westen.

[25] Page Stegner: Winning the Wild West. The Epic Saga of the American Frontier 1800-1899, New York 2002, S. 25. Im Folgenden zitiert als: Stegner: Wild West.

[26] James Ronda: Passion and Imagination in the Exploration of the American West, in: Deverell, William (Hrsg.): A companion to the American West, Malden 2007, S. 53.

[27] James Scott: Seeing Like a State. How Certain Schemes to Improve the Human Condition Have Failed, New Haven 1998, S. 45-47. Im Folgenden zitiert als: Scott, State.

[28] William Goetzmann: Exploration and Expectations, in: Milner, Clyde (Hrsg.): Major Problems in the History of the American West, Lexington, S. 143.

[29] Thomas Jefferson, Instructions to Meriwether Lewis, in: Milner, Clyde (Hrsg.): Major Problems of the History of the American West, Lexington 1989, S. 134.

[30] Ebd., S. 133.

[31] Donald Jackson (Hrsg.): The letters of the Lewis and Clark Expedition with Related Documents, 1783-1854, Band 2, Urbana 21978, S. 33.

[32] Butler, West, S. 49; Gerald Kreyche: Lewis and Clark’s Journey Across the Continent, in: Torr, James (Hrsg.): The American Frontier, San Diego 2002, S. 29-32.

[33] Englert, Cowboys, S. 53.

[34] Ebd., S. 54.

[35] Stegner, Wild West, S. 27.

[36] William Murdock: Westward Leading, Portland 2004, S. 53. Im Folgenden zitiert als: Murdock: Westward.

[37] Zebulon M. Pike: An Account of Expeditions to the Sources of the Mississippi and the Western Territory, Philadelphia 1810, Appendix S. 8.

[38] Englert, Cowboys, S. 43.

[39] Stegner, Wild West, S. 33.

[40] Stegner, Wild West, S. 41; William Goetzmann: Mountain Men: The Importance of the Fur Trade in the Opening of the West, in: Torr, James (Hrsg.): The American Frontier, San Diego 2002, S. 61-63.

[41] Davis, Westen, S. 47.

[42] Edwin James: An Account of an Expedition from Pittsburgh to the Rocky Mountains. Performed in the Years 1819, 1820, Vol. II, Philadelphia 1966, S. 93-94.

[43] Stephen Long: The Stephen Long Expedition’s Report of a Frontier Barrier, 1821, in: Milner, Clyde (Hrsg.): Major Problems of the History of the American West, Lexington 1989, S. 141.

[44] Butler, West, S. 48; Stegner, Wild West, S. 82.

Ende der Leseprobe aus 35 Seiten

Details

Titel
„Die Zähmung des Wilden Westens“: Landerschließung und Raumnutzung in den USA im 19. Jahrhundert
Hochschule
Ruhr-Universität Bochum
Autor
Jahr
2009
Seiten
35
Katalognummer
V165740
ISBN (eBook)
9783640815548
ISBN (Buch)
9783640815234
Dateigröße
608 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Vollständige Zitierung über Fußnoten, kein Literaturverzeichnis
Schlagworte
USA, 19. Jahrhundert, Wilder Westen, Umweltgeschichte
Arbeit zitieren
Moritz Tonk (Autor), 2009, „Die Zähmung des Wilden Westens“: Landerschließung und Raumnutzung in den USA im 19. Jahrhundert, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/165740

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