Kristallisierung einer Weltzivilisation


Wissenschaftlicher Aufsatz, 2011
13 Seiten

Leseprobe

KRISTALLISIERUNG EINER WELTZIVILISATION

Physiologisch betrachtet beginnt das Leben mit einer Zelle und einem Ei. Diese fundamentale Dualität begleitet ihn bis er wieder in jener Einheit ruht, die das Ei und die Zelle haben entstehen lassen. Alles was zwischen diesen beiden Polen, die einen Kreis bilden oder besser gesagt nur Transformationen und Veränderungen der Erscheinungsformen sind, geschieht, vollzieht sich im Zeichen der Dualität, der Dialektik, des Binären, des Konfliktes, des Antagonismus oder der strukturell und funktionell erforderlichen Dualität.

Das ursprüngliche Programm ist das Leben selbst, das mit diesen beiden Armen sein Werk verrichtet. Da die Wesen aufgrund dieser fundamentalen komplementären Dualität dominant der einen oder anderen und nicht beiden dieser konstitutionellen Bedingtheiten angehören, bleibt ihr normales Wesen und Wirken immer bedingt durch die Erfordernis der strukturell-funktionellen Integration, die ein Kennzeichen harmonischen Lebens insgesamt ist.

Das Grundprogramm, das in der Verschmelzung von Eizelle und Samenzelle angelegt ist und die beiden vereint, besteht darin, über die gesamte Lebenszeit des Organismus immer wieder, gleich auf welcher Ebene, diese fundamentale Integration in die Einheit zu bewirken. Sie allein gewährleistet normales Leben, das nur durch die Integration der beiden Pole entsteht und erhalten wird.

Diese bipolarisierte Gesamtidentität ist die condition humaine par excellence und bedingt das, was die Philosophen mit diesem Begriff meinen.

Wenn die Integration dieser Pole nicht gewährleistet ist, so entstehen tiefgreifende biologische Anomalien, die das gesamte menschliche Gleich-gewicht aus dem Lot bringen: strukturelle Ungleichgewichte, die wiederum funktionelle bedingen. Werden die konstitutiven Symmetrien zu sehr aus dem Gleichgewicht geworfen, so entsteht ein Ungleichgewicht in der Wahrnehmung, der visuellen, der akustischen und so weiter. Wenn die Strukturen der Sehfunktion nicht korrekt vernetzt und im Gleichgewicht sind, wird das Sehen beeinträchtigt. Ebenso verhält es sich mit den anderen Sinnen. Das strukturelle Gleichgewicht bedingt die funktionelle Normalität.

Das biologische Grundprogramm reagiert insbesondere über das extrapyramidale System, das eine sehr ursprüngliche neurophysiologische Struktur ist und gewissermaßen die Erinnerung an das biologische Grundprogramm des Lebens hat und eine ereismatische (vom Griechischen ereisma = Support, Unterstützung) Rolle insbesondere für die willkürlichen Bewegungen zu spielen scheint.

In der Terminologie der Neurologen ist es anatomisch vor der Area des pyramidalen Systems lokalisiert und steuert vor allem die unwillkürlichen Funktionen. Modernere neurophysiologische Forschung geht aber davon aus, dass die Zuordnung der willkürlichen Funktionen zum pyramidalen System und die der unwillkürlichen zum extrapyramidalen nicht so klar abgrenzbar, sondern dass sie eher synergetisch zu betrachten sind. Mit anderen Worten, die frühere klare Kategorisierung willkürlicher Funktionen in der einen und unwillkürlicher in der anderen, scheint etwas vereinfacht. Wissenschaftlich fundierte Erkenntnisse darüber liegen jedoch im Kompetenzbereich der neurophysiologischen Forschung.

Der Grund, warum man diese biologischen Grundlagen jedoch nicht übergehen sollte, wenn man über den Menschen, insbesondere über Einheit, Universalität und Integration spricht, besteht darin, dass das extrapyramidale System vor allem auf der biologischen Ebene immer wieder die Basismelodie des Lebens zu spielen scheint und die Integration von Anomalien, die durch Ungleich-gewichte entstanden sind, die ihrerseits durch ein Abkommen vom Weg des Lebens, das heißt der strukturell-funktionellen Integration sind, normalisieren und die Einheit und das Gleichgewicht wiederherstellen kann. Insbesondere japanische gesundheitsphilosophische Systeme vertreten die Ansicht, dass die Sensibilisierung des extrapyramidalen Systems das Terrain oder Feld des Psychischen und des Somatischen normalisieren kann und bezeichnen dieses normalisierte Terrain als „seitai“.

Einheit heißt, dass alles in der für das Leben erforderlichen Weise miteinander verbunden ist, sodass der Organismus, vom griechischen Organon, d. h. Instrument, die Melodie des Lebens manifestieren kann. Was im Großen zutrifft, trifft im Kleinen zu. Sind die Sinneszentren, wie die Sehzentren, Hörzentren oder Sprechzentren nicht richtig vernetzt, so entstehen Dysfunktionen in der Wahrnehmung und der Beziehung. Das trifft auf alle Ebenen der menschlichen Anatomie und Physiologie zu und beide bilden das Substratum für die menschliche Psychologie und das Bewusstsein, dessen Träger der psychosomatische Organismus insgesamt ist. So sehr man von der Integration der Pole, der Einheit des Lebens abkommen mag, das Grundprogramm, das insbesondere durch das extrapyramidale System in der 6. Area vor dem pyramidalen in der 4. Area der Gehirnanatomie unterstützt werden kann, vor allem wenn es entsprechend dem erwähnten Seitai-System sensibilisiert und trainiert ist, ist immer da und aktiviert sich, wenn der Organismus in eine Anomalie gerät. Diese Strukturen haben sich über Äonen entwickelt und haben die entsprechende Intelligenz des Lebens von seinen frühen Phasen gespeichert. Das Seitai-System der physischen Koordination und der Normalisierung des Terrains geht auf den Japaner Haruschika Noguchi und auf Itsuo Tsuda zurück, der es im Westen, ausgehend von Paris, in Europa bekannt gemacht hat.

Zurecht unterscheidet man chronologisch das Amphibien- und das Säugetiergehirn und schließlich den Neocortex, die jüngste Schicht des Cerebrum oder Encephalon oder Gehirns, in der die höheren kortikalen Funktionen der rationalen Aktivitäten lokalisiert zu sein scheinen, die wir in unserer modernen Zivilisation nutzen und die die letztere eigentlich ermöglicht hat.

Obwohl der Organismus insgesamt eine Einheit bildet, scheint die jüngste Entwicklung, insbesondere im Hinblick auf sein Wirken, weiter vom Grundprogramm der polaren Integration in die Einheit entfernt. Das neuere biologische Acquis ist eine höhere Stufe der polaren Struktur des Grundprogramms des Lebens. Doch da sie weiter von den Strukturen des Grundprogramms entfernt ist, erhebt sich die Frage, wie die Integration im Hinblick auf die Herbeiführung der Einheit hier vonstatten geht. Hier vollzieht sich die Autoregulation viel schwieriger, wenn überhaupt. Hier kommt auch noch die soziale Dimension hinzu.

Was die biologische Intelligenz im gesunden individuellen Organismus leistet, hat hier zunächst kein Pendant. Im psychischen und sozialen Bereich geht Integration in die Erfordernis einer Einheit nur unter großen Opfern vonstatten, insbesondere über Krieg, soziale, ideologische, religiöse oder politische Antagonismen. Die autoregulierte biologische Integration durch die Intelligenz des Organismus hat keinen direkten Zugriff auf den rationale Ebene des Neocortex um dessen Wirken, insbesondere seine Artefakte, Gedanken, Wahrnehmungen und Gefühle harmonisierend zu steuern und in eine konfliktfreie Einheit zu integrieren, immer wieder ein 1 plus 1 gleich 1 des Rationalen herbeizuführen. Nein, ganz im Gegenteil, ein Artefakt löst hier ein andres aus. Der konstitutive Dualismus der Menschen äußert sich hier als ein immerwährendes Spiel von Aktion und Reaktion verschiedener Intensität. Die tragenden Systeme des rationalen sind dualistisch und perpetuieren die Dualität auch auf mentaler Ebene, die dualistische Artefakte erzeugt.

Der Dualismus, der sich auf der rationalen Ebene durch Aktion und Reaktion zur Integration in die Einheit äußert, ist die condition humaine auf der geistigen Ebene; insbesondere der Prozess durch den die Integration in die Einheit erfolgt. Dieser verläuft über These, Antithese und eine Form der Synthese. Da die strukturelle Dualität aber der Hintergrund bleibt, vor dem diese vermeintliche Integration in die Einheit sich abspielt, entsteht eine Spirale des Antagonismus. Er kann nicht nachhaltig in die Einheit überführt werden. Die dualistische Logik wird in jeder neue Situation hineintransportiert und setzt die Dialektik, die durch das individuelle und soziale Ego verstärkt wird, in Gang.

[...]

Ende der Leseprobe aus 13 Seiten

Details

Titel
Kristallisierung einer Weltzivilisation
Veranstaltung
Interkulturelles Management
Autor
Jahr
2011
Seiten
13
Katalognummer
V165773
ISBN (eBook)
9783640816736
ISBN (Buch)
9783640820344
Dateigröße
488 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Extrapyramidal, biological, psychological, human integration, self-regulation
Arbeit zitieren
D.E.A./UNIV. PARIS I Gebhard Deissler (Autor), 2011, Kristallisierung einer Weltzivilisation, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/165773

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