Die Figur Medea in den Werken von Grillparzer und Wolf

Das ‚Barbarische’ als Aspekt der Fremdheit


Hausarbeit (Hauptseminar), 2010

27 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Der Begriff ‚Barbar’ in Griechenland

3. Grillparzers Trilogie
3.1 Der Gastfreund – die Argonauten – Medea
3.2 Medea in Korinth
3.2.1 Das Beispiel der Leier
3.3 Die Ehefrau Medea
3.4 Mord und Psychologisierung
3.4.1 Die Entwicklung Medeas
3.4.2 Medeas Rache: Der Kindermord

4. Christa Wolfs Medea. Stimmen

5. Medeas Emigration nach Korinth

6. Medeas Verhalten als Grundstein ihres Untergangs

7. Kulturelle Unterschiede der Kolcher und Korinther

8. Medeas langsamer Untergang

9. Fazit

1. Einleitung

„Fremd ist der Fremde nur in der Fremde“[1]. Dies waren Karl Valentins Worte im Jahr 1940. Doch was sagt das Adjektiv ‚fremd’ eigentlich über einen Menschen aus? Zuerst einmal kommt ein Fremder geographisch gesehen aus einer anderen Region, einem anderen Staat oder Wohnraum, weshalb sich die kulturellen Prägungen grundlegend voneinander unterscheiden. Der Fremde ist somit ein Ausländer, der nicht an die Sitten und Bräuche des anderen Landes, in dem er sich befindet, gewöhnt ist.

Bei näherer Betrachtung des Begriffs ‚fremd’ wird allerdings deutlich, dass dieser im Laufe der Geschichte negativ belastet war, wobei diese Auffassung des Fremden oder ‚Andersartigen’ bis in die christliche Spätantike hinein anhielt. Darüber hinaus prägte diese abschätzige Auffassung den Vorstellungskanon der europäischen Kultur.[2] Wie es zu dieser negativen Belegung kam wird im Laufe dieser Arbeit näher erläutert, vorausblickend lässt sich allerdings zusammenfassen, dass die unvorteilhafte Wertung in Griechenland und dem Römischen Reich aufkam. Hier war der Fremde ein Barbar, dessen Benehmen und Lebensart ungewöhnlich war. Was fremd war und wer als Fremder galt, bestimmten die Griechen, die die Menschen an ihren eigenen Lebensbereichen maßen.[3] Eine solche Selbstverherrlichung des eigenen Lebensstils zeigt Christa Wolf besonders deutlich mit ihrer Darstellung der Korinther Griechenlands in ihrem Werk Medea. Stimmen. In Wolfs Version des antiken Dramas ist Medea keine Hexe und auch keine Mörderin mehr, wie noch bei Franz Grillparzer und Hans Henny Jahnn. Vielmehr wird Medea bei Wolf zu einer tragischen Persönlichkeit, die aufgrund der Intrigen der Griechen langsam immer mehr an Einfluss verliert und schließlich völlig degradiert für den Mord an ihren eigenen Kindern verantwortlich gemacht wird. Christa Wolf macht mit ihrem Werk Medea deutlich, dass nicht die Fremde Medea das Barbarische verkörpert, sondern vielmehr die Korinther die Barbaren in ihrem eigenen Land sind.

Schon bei Franz Grillparzers Trilogie Das goldene Vließ aus dem Jahr 1819 wurde das Bild der Kolcherin Medea psychologisiert. Selbst wenn die Fremde auch in dieser Version noch eine Mörderin ist, macht Grillparzer im Laufe des Dramas die Beweggründe für die Mutter und Ehefrau deutlich. Für Jason in ein fremdes Land gereist, verlässt dieser sie für Kreusa, die Tochter des Königs Kreon. Schließlich sollen ihr noch die eigenen Kinder genommen und sie selbst verbannt werden. Auch in dieser Trilogie sind die Griechen nicht länger unfehlbar und Medea bleibt vielmehr ein Opfer der Umstände.

Die folgende Arbeit setzt sich mit diesem Bild des Fremden und dem damit einhergehenden Charakteristikum des Barbarischen auseinander. Im Mittelpunkt steht hierbei die Figur Medeas als Fremde in Korinth in den Werken von Franz Grillparzer und Christa Wolf. Ist es für die Kolcherin überhaupt möglich, sich in das festgesetzte Bild der Griechen zu integrieren? Oder ist sie von Beginn an untrennbar mit dem negativen Bild einer Barbarin verknüpft und ihr Schicksal damit unausweichlich?

Wolf geht jedoch im Gegensatz zu Grillparzer noch einen Schritt weiter. Sie macht das Vorgehen Medeas nicht nur für das Publikum verständlich, sondern inszeniert die Griechen als eigentliche Mörder, die Medea als Sündenbock nutzen, um ihre eigenen Taten zu verschleiern. Welche Rolle spielt bei dieser Version des Dramas das Zusammenspiel zwischen Fremdheit und Barbarentum? Und wie wird das Bild der Griechen, die den Fremden als Barbaren prägten, ins Gegenteil verkehrt? In dieser Hinsicht spielt auch die Entwicklung der Figur Medeas in den beiden Dramen eine entscheidende Rolle, auf die im Laufe dieser Arbeit ebenfalls näher eingegangen werden soll. Darüber hinaus soll geklärt werden, ob am Ende von Grillparzers und Wolfs Drama die Kolcher oder Korinther das Barbarische verkörpern oder ob vielmehr die barbarischen Eigenschaften in die Entwicklung beider Völker miteinfließen.

2. Der Begriff ‚Barbar’ in Griechenland

Noch vor den Perserkriegen im 5. Jahrhundert vor Christus stand der griechische Begriff ‚barbaros’ für den Fremden und Ausländer überhaupt, wobei das Hauptaugenmerk hierbei auf der Sprache des Fremden lag. Denn der Fremde war derjenige, der aus der Sicht der Griechen unverständlich sprach und andere Sitten hatte. ‚Barbaros’ bedeutete soviel wie „unverständliche Laute hervorbringen“[4].

Im Laufe der Zeit, genauer gesagt nach den Perserkriegen, bei denen die Griechen die Perser bekämpften, wurde der Begriff Barbar nach und nach negativ belegt. Es kam zu einer Zusammenfassung aller Nichtgriechen unter dem Begriff Barbar. Des Weiteren wurden diese Barbaren mit negativen Eigenschaften belegt.[5] Dieses von den Griechen verbreitete Bild des Barbarischen fasste die Barbaren unter folgenden charakteristischen Merkmalen zusammen: der Barbar als Betreiber einer Lebensweise, die denen von Tieren ähnelt und die durch Wildheit, Raserei und Wut zum Ausdruck kommt. Darüber hinaus sei der Barbar durch seine gefühllose, grausame und gesetzlose Art erkennbar, die sich ebenso durch Maßlosigkeit und Raublust äußere. Für die Griechen waren ebenso mangelnde geistige Fähigkeiten ein entscheidendes Merkmal des Barbarischen.

Die fremdenfeindliche Auffassung des Altertums stellte den Barbaren als den Archetyp allen ethischen und moralisch unangebrachten Fehlverhaltens dar. Dabei waren Habgier, Triebhaftigkeit, Verlangen, Arglist, Illoyalität und Eitelkeit nur einige ihrer negativen Wesenszüge. Ebenso sei der Barbar in seinem Wesen durch Menschenfeindlichkeit, Affektiertheit, Raserei, Wut und Maßlosigkeit geprägt. Als symptomatische Kennzeichen wurden dem Barbaren Dummheit, Ängstlichkeit sowie Hinterhältigkeit, Rücksichtslosigkeit und noch viele weitere minderwertige Charakteristika zugesprochen.[6]

Noch zu den Zeiten Grillparzers wurde mit dem Begriff Barbar nur Negatives assoziiert. Er stand signifikant für den wilden und erbarmungslosen Menschen. Häufig wurde das Barbarische zur Beschreibung von bestialischen und gewalttätigen Personen verwendet.[7] Diese Auffassung des Barbarischen und Fremden floss in das Bild Medeas in den verschiedenen Versionen des antiken Dramas mit ein. Bei Senecas Medea aus dem ersten Jahrhundert nach Christus sowie dem Werk von Friedrich Maximilian Klinger, das im Jahre 1786 entstand, ist die Kolcherin eine Dämonin, die über Leichen geht. Und noch im 20. Jahrhundert wird Medea bei Jahnn als eine ‚boshafte Negerin’ beziehungsweise bei Jean Anouilh als „Prinzip des Bösen“[8] inszeniert.

Franz Grillparzer entfernt sich erstmals von einer solchen Darstellung der Barbarin aus Kolchis und beschäftigt sich weniger mit der Frage nach der Schuld, vielmehr legt der Schriftsteller seine Schwerpunkte auf die grundlegenden kulturellen Unterschieden der Kolcher und Griechen und macht deutlich, welch verschiedene Denkweisen in dem Drama miteinander konfrontiert werden und dadurch unvereinbar sind. Die Psychologisierung Medeas beginnt hier mit einer Veränderung der Betrachtungsweise, welche dem Publikum die Figur Medeas und ihre Entwicklung in der Trilogie vom Gastfreund über Die Argonauten bis hin zu Medea, dem dritten Teil des Dramas, näherbringt. Grillparzer gelingt es auf diesem Weg, Medea – vor allem im Vergleich mit Jason und Kreon – als sympathische Figur darzustellen.[9]

3. Grillparzers Trilogie

3.1 Der Gastfreund – die Argonauten – Medea

Die Trilogie Franz Grillparzers beschreibt nicht nur den Weg des Goldenen Vlieses von Delphi über Kolchis nach Korinth und wieder zurück nach Delphi und geht damit auf das antike Drama ein. Vielmehr baut Grillparzer neue Aspekte in seine Version ein: Zum einen zeigt es die Problematik der Ehe zwischen Jason und Medea auf, wodurch Grillparzers Trilogie Bestandteile eines Ehedramas der Moderne erhält.[10] Des Weiteren, dies ist der bedeutendste Faktor dieses dreiteiligen Schauspiels, wird die Geschichte und damit einhergehend die Entwicklung Medeas vom Anfang bis zum Ende des Dramas dargestellt.

Um die Handlungen der Figur Medeas im dritten Teil Medea nachvollziehen zu können ist es notwendig, das komplette Drama zu kennen. So legen beispielsweise Geschehnisse zu Beginn den Grundstein für den darauf folgenden Ablauf der Trilogie. Ein Beispiel hierfür ist der Fluch, der mit dem goldenen Vlies einhergeht und den der sterbende Phryxus ausspricht:

GF, V. 468-472 Und gibst du's nicht zurücke, unbeschädigt

Nicht mir dem Unbeschädigten zurück

So treffe dich der Götter Donnerfluch

Der über dem rollt, der die Treue bricht.

Nun ist mir leicht! Nun Rache, Rache, Rache![11]

Der Fluch in Grillparzers Drama ist somit keine göttliche, sondern eine von dem Menschen in die Welt gesetzte Drohung. Er bestimmt die gesamte folgende Handlung des Dramas und macht das Ende bereits absehbar als die Handlung noch nicht weit fortgeschritten ist.

Dennoch beinhaltet die Trilogie viel mehr als das. Sie zeigt eine Medea, eine junge Zauberin, die bereit ist sich zu ändern, ihre alten Traditionen abzulegen und nach griechischem Vorbild zu leben, aber trotz dieser Vorsätze nicht in der Lage ist, ihr wahres Ich völlig zu verdrängen. Grillparzer vermerkt hierzu in den Vorarbeiten zu seinem Drama: „Vergiß nie, daß der Grundgedanke des letzten Stückes der ist, daß Medea, nachdem sie Kolchis verlaßen hat, tadellos seyn will, aber es nicht seyn kann“[12]. In Korinth kommt es dann auch zum Unausweichlichen: Jason verlässt Medea und die Kolcherin soll verbannt werden. Sie steht der Ehe von Jason und Kreusa im Weg und die beiden Söhne, die sich von ihrer eigenen Mutter abwenden, sollen in Korinth, bei den Feinden bleiben. Alle Integrationsversuche der Kolcherin waren vergebens und ihre Reaktion auf das geschehene Unrecht erscheint mehr als verständlich. Grillparzer zeigt im Laufe des Dramas viele Elemente auf, die als Motivation für das Handeln Medeas in Frage kommen.

3.2 Medea in Korinth

In Korinth angekommen, versucht Medea von Beginn an ihre Vergangenheit hinter sich zu lassen. Ihre erste Handlung besteht daher darin, das goldene Vlies sowie ihre Zaubergeräte zu begraben. Durch diese Tat begräbt Medea auch ihr Vorleben und ihre Zugehörigkeit zu ihrem eigenen Volk. War sie in Kolchis noch eine Zauberin und Seherin, ist sie in Korinth lediglich die Ehefrau Jasons und damit völlig dem Willen der Griechen unterworfen. Doch die Kolcherin überrascht mit ihrer Integrationsfähigkeit: Sie beginnt nicht nur, sich nach griechischer Art zu kleiden, sondern legt darüber hinaus ihre freie Versform ab, die Grillpazer sinnbildlich für die Sprache der ‚Barbaren’ von Kolchis wählte. Medeas Sprache war bis dahin nicht an ein regelmäßiges Versmaß gebunden, doch in Korinth bewältigt sie den klassischen fünfhebigen Blankvers, der im bisherigen Verlauf des Dramas für die Griechen stand.[13] Es sind somit nicht ihre magischen Fähigkeiten, die für die Einschüchterung des Königs Kreon und ihrem Ehemann Jason verantwortlich sind. Es ist vielmehr ihre natürliche Überlegenheit, die sie ausstrahlt und mit ihren dialektischen Fähigkeiten unter Beweis stellt.[14]

Grillparzer gelingt es, die Unterschiede der Kolcher und Korinther bereits durch deren Sprache aufzuzeigen. Medea nimmt hierbei eine Sonderstellung ein: Durch ihre Ehe mit Jason und ihre Flucht aus Kolchis nach Korinth ist sie einerseits dazu verpflichtet sich anzupassen. Andererseits ist sie aber geborene Kolcherin mit – im Auge der Griechen – barbarischen Wurzeln. Medea steht damit vielmehr zwischen den Welten. Ihr Seelenzustand bestimmt daher, ob sie in freien Versen spricht oder den fünfhebigen Blankvers wählt, um sich auszudrücken.[15]

Wie sich die Sprache Medeas im Umgang mit Jason auf lange Strecken hin ihrer rythmischen Freiheit begibt und nach der vergleichsweisen Gebundenheit des Blankverses strebt, so öffnet sich auch das Mythisch-Unergründliche ihres Wesens mehr und mehr den Gesetzmäßigkeiten der Psychologie.[16]

Der Autor kann dem Publikum somit auf diese Weise mitteilen, wie es um die Ehe von Jason und Medea bestimmt ist. Je mehr sie sich aneinander annähern, desto mehr kommen sie sich auch in ihrer Sprache entgegen. Ebenso macht sich eine Entfremdung der Eheleute in ihrer Sprache bemerkbar.[17]

3.2.1 Das Beispiel der Leier

Beispielhaft für den Willen Medeas sich in ihre neue Heimat zu integrieren und gleichzeitig ihrem Ehemann Jason zu gefallen, ist der zweite Aufzug von Medea. Hier versucht die Kolcherin mit der Leier von Kreusa zu spielen. Das Lied, das Kreusa Medea beizubringen versucht, kennen Jason und die Königstochter noch aus ihrer Kindheit. Doch Jason beachtet Medea nicht, seine ganze Aufmerksamkeit gilt Kreusa, mit der er eine angeregte Unterhaltung beginnt. Beide schämen sich nicht in der Vergangenheit zu schwelgen, während Medea in der Nähe ist und alles hören kann.

M, V. 857-862 JASON. Ich war im Tempel, wo vereint wir knieten,

Hier nur allein einander uns vergessend,

Und unsre Lippen zu den Göttern sandten

Aus Zweier Brust ein einzig, einig Herz.

KREUSA. So weißt du denn das alles noch so gut?

JASON. Ich sauge Labung draus mit vollen Zügen.

Jason und Kreusa umwerben sich regelrecht, obwohl der Argonaut noch mit Medea verheiratet ist, die darüber hinaus dem Schauspiel der Jugendfreunde beiwohnen kann.

M, V. 869-873 JASON. Ein Windstoß löste deinen Schleier los

Und warf ihn in die See, ich sprang darnach

Und trug ihn mit mir fort, dir zum Gedächtnis.

KREUSA. Hast du ihn noch?.

JASON. Denk' nur, so manches Jahr

Verging seit dem und nahm dein Pfand mit sich.

Der Wind hat ihn verweht.

Medea versucht währenddessen die Aufmerksamkeit Jasons für sich zu gewinnen. Sie spricht Jason an, um ihm mitzuteilen, dass sie ihm ein Lied vorspielen möchte: „Jason, ich weiß ein Lied“(M, V. 863). Doch Jason reagiert nicht auf Medea, ignoriert sie buchstäblich, während er Kreusa den Hof macht. Insgesamt dreimal erklärt die Kolcherin ihr Vorhaben, mit der Leier zu spielen. Und dreimal zeigt ihr Ehemann keinerlei Reaktion. „Ich weiß ein Lied“ (M, V. 874) und „Jason, ich weiß ein Lied“ (M, V. 877). Mit diesem Aufzug macht Grillparzer das respektlose Verhalten Jasons und seine Geringschätzung gegenüber Medea deutlich. Erst als Kreusa zu Jason sagt „Sie weiß ein Lied“ nimmt Jason die Absicht seiner Ehefrau zur Kenntnis. Er reagiert jedoch völlig abweisend und weiß die Bemühung Medeas nicht zu würdigen.[18] Stattdessen macht er Medea grob deutlich, dass er das Lied von ihr nicht hören möchte und sie es nicht versuchen solle: „Laß das.“ (M, V. 894) Kreusa erklärt ihm daraufhin, dass Medea sich stark bemühen musste, um das Lied zu beherrschen. Im Anschluss daran stimmt Jason widerwillig zu und fordert Medea auf zu beginnen. Doch Medea hat vergessen, wie das Lied gespielt wird. Anstatt ihr Trost zu spenden lässt Jason sie verstehen, dass er von diesem Unvermögen die ganze Zeit ausgegangen ist. Er ist nicht verwundert und spricht davon, dass Medeas Hände „andres Spiel“ (M, V. 901) gewohnt sind. Sie könne das „reine“ (M, V. 903) Lied der Griechen nicht spielen. Dagegen vermochten ihre Lieder, den Drachen in den Schlaf zu singen.[19]

Wenn die Ehe der beiden Sagengestalten dergestalt beschaffen ist, daß sie einander hassen müssen, noch bevor der eine die andere verlassen will, liegt der Gedanke nahe, daß Grillparzer mit dem Goldenen Vließ nicht ein weiteres Drama in einer langen Kette von Medea-Bearbeitungen geben will als vielmehr ein modernes Ehedrama, dem ein mythologisches Gewand umgeworfen wurde.[20]

Auch als Kreusa sie zu unterstützen versucht, indem sie ihr den Text zuflüstert, ist die Kolcherin unfähig das Lied zu spielen. Die Leier fällt ihr aus der Hand. Zunächst ist Medea unglücklich über ihr Versagen und beginnt zu weinen. Kreusa, die sich als Freundin von Medea sieht (M, V. 703), möchte sie trösten. Doch Jason hält sie zurück, kommt erneut auf den Drachenhorst zu sprechen, um zu verdeutlichen, dass Medea nicht dazu in der Lage ist, das Lied aus ihrer Jugend zu spielen. Stattdessen fordert er Kreusa auf, für ihn das Lied zu spielen: „Nimm du die Leier und sing mir das Lied / Und bann' den Dämon, der mich würgend quält“ (M, V. 917f.)

Abermals verhält sich Jason anders, als man es von einem Ehemann erwartet. Er lässt Medea im Stich, wendet seine volle Aufmerksamkeit Kreusa zu. Damit lässt er seine Ehefrau spüren, dass er ihrer überdrüssig ist, sogar bereits einen Ersatz für sie gefunden hat. Er stellt Medea als bösartige Kreatur dar, die in der Lage ist Drachen zu zähmen, aber unfähig ein Lied zu spielen. Diese reine Kunst könne nur Kreusa ausüben. Diese reagiert aber auch nicht als Freundin, obwohl sie sich selbst als solche bezeichnet hatte. Sie geht auf Jasons Wunsch ein und verrät damit Medea. Medeas Verhalten, als Kreusa ihr die Leier abnehmen will, scheint völlig verständlich. Medea umfasst die Leier und verdeutlicht, dass sie das Instrument nicht hergeben wird. Auch Jason weist sie grob zurück:

M, V. 869-873 KREUSA. Recht gern, spielst du es selber.

MEDEA. Nein!

JASON. Gibst du sie nicht denn?

MEDEA. Nein.

JASON. Auch mir nicht?

MEDEA. Nein!

Jason versucht daraufhin, Medea die Leier zu entreißen. Medea zerbricht diese in zwei Teile und wirft sie zu Kreusas Füßen auf den Boden. „Entzwei die schöne Leier“ (M, V. 923) und „Ich lebe! lebe“ (M, V. 925).

Medea bietet Jason und Kreusa an dieser Stelle drei Mal die Stirn und zeigt damit, dass sie zu ihrer eigenen Entschluss- und Tatkraft zurückgefunden hat. Und auch das Zerbrechen der Leier hat eine wichtige Bedeutung, denn sie steht als Symbol für die griechische Kultur. „Die Zerstörung der Leier ist eine Absage an die griechische Kultur und ein Präludium für Medeas Rückgang auf die archaischen Elementarkräfte. Diese werden für andere Taten befähigen, als nur Lieder auf einer Leier zu spielen.“[21]

Indem Medea die Leier entzweit, macht sie deutlich, dass zwei Kulturen, hier die Kulturen der Kolcher und Griechen, nicht einfach miteinander verschmelzen können. Es reicht nicht aus, das Äußere der anderen Kultur anzupassen, sondern es ist notwendig, sich auch im Inneren zu verändern. Medea hat diesen Wandel nicht vollzogen. Das Ablegen ihrer eigenen Kleidung, das Vergraben ihrer Vergangenheit am Strand von Korinth und das Tragen griechischer Trachten reichen nicht aus, um die Differenzen zu beseitigen. Im Inneren war Medea immer eine Kolcherin. Grillparzer macht hier deutlich, dass der Versuch ihre Herkunft zu verdrängen, gescheitert ist. Medea hat in Korinth keinen Raum, um ihre eigene Identität ausleben zu können.[22] Damit sie wieder in der Lage ist nach ihrem eigenen Willen zu leben und zu handeln, muss sie sich wieder von der griechischen Kultur lösen und sich daran erinnern, wer sie wirklich ist. Sie reißt den Mantel der Griechen von ihrem Körper (M, V. 1123) und löst daraufhin auch den Bund mit Jason: „Sieh! Wie ich diesen Mantel durch hier reiße / […] Also zerreiß' ich meine Liebe, unsern Bund.“ (M, V. 1225, 1128).

Zudem bewahrheitet sich die Prophezeiung von Medeas Vater am Ende der Argonauten:

A, V. 1366-1371 Ausgestoßen sollst du sein, wie das Tier der Wildnis,

Sollst in der Fremde sterben, verlassen, allein.

[...]

Leb' im fremden Land, eine Fremde

Verspottet, verachtet, verhöhnt, verlacht;

Bereits Aietes wusste, dass Medea dazu verurteilt sein würde, in Korinth eine Fremde zu sein und dass Jason sie verraten würde, wenn er sie nicht mehr braucht. Die Vergangenheit holt Medea ebenso ein wie Jason. Dieser wendet sich von Medea ab genau so, wie sie sich von der griechischen Kultur.[23] „Laß ab von mir, du meiner Tage Fluch / Die mir geraubt mein Leben und mein Glück“ (M, V. 1047f.). Er macht Medea deutlich, dass er sie „hasse“ (M, V. 1081) und ihr „fluche“ (M, V. 1104). Nachdem die Verbannung der Kolcherin verkündet ist und Kreon seinen „Sohn“ (M, V. 1014) zum zukünftigen Gemahl seiner Tochter erklärt, kommt es zur Ausschreitung zwischen Medea und Jason. Hier wird zum ersten Mal spürbar, wie sehr die beiden sich verabscheuen: „Verhaßter“ (M, V. 1109) und „Ich töte dich“ (M, V. 1112). Ob Jason wirklich dazu fähig gewesen wäre, Medea zu töten bleibt offen, denn Kreusa hält ihn davon ab, möchte die Kolcherin „in Frieden ziehn“ (M, V. 1114) lassen.

3.3 Die Ehefrau Medea

Wie bereits erwähnt wurde, ist die Figur Medea bei Grillparzer keine Hexe oder Dämonin. Medea ist vielmehr Ehefrau und Mutter. Sie verlässt ihre Heimat für Jason, den sie für einen Gott gehalten hat, nachdem er in ihren Turm eingedrungen ist und ihre „natürliche Ganzheit“[24] beschädigt hat. Erst langsam erkennt Medea, dass es sich bei Jason nicht um einen Gott handelt. „Was der Zuschauer schon lange weiß, tritt nun in einem unendlich langsamen Erkennungsprozeß auch in ihr Bewußtsein: sie ist dem Griechen verfallen.“[25] Grillparzer inszeniert den dritten Teil des Dramas als moderne Ehetragödie, baut gegenseitige Verletzungen und Angriffe der Ehepartner ein und versinnbildlicht auf diesem Weg die langsame Entfremdung der beiden. Die Ehe bildet damit den Kern der Medea.

In Korinth angekommen, bleiben Medea und Jason sich zunächst treu. Medeas Versuch sich ihrer neuen Heimat anzupassen und Jason, der für seine Frau Schutz vom korinthischen Königshaus erbittet, machen dies deutlich. Nach außen hin halten die beiden ihr Ehegelöbnis anfangs ein, doch im Inneren versuchen sie, ihre Vergangenheit zu verdrängen und zu vergessen.[26] Sowohl Jason als auch Medea leiden unter dem Gewesenen. Die Kolcherin sagt sich daher von ihrer Vergangenheit los und gräbt ihr Zaubergut ein, denn sie weiß, dass sie sich völlig vom Vergangenen lösen und Erfüllung in der Gegenwart finden muss, um sich mit ihrem neuen Leben abfinden zu können.[27] Im Gegensatz zu Medeas Verhalten steht das Jasons, der in Korinth erkennen muss, dass er seit seiner Beziehung zu Medea ein anderer Mann geworden ist. Sein Wunsch sich Medea und damit ihrer Ehe zu entziehen wird immer stärker, da ihm schmerzlich bewusst wird, dass seine aktuelle Situation, sein Ich, auf seiner Bindung zu Medea beruht. Wenn Jason sich darauffolgend von Medea abwendet, resultiert dies aus seinem Willen die Vergangenheit zu verdrängen.[28] Diese unterschiedliche Vorgehensweise im Umgang mit der Vergangenheit zeigt drastisch, dass eine Zukunft von Medea und Jason ausgeschlossen ist.

Grillparzer stellt nun in Medea den völligen Gegensatz zur Kolcherin in der Königstochter Kreusa auf die Bühne. Kreusa ist der personifizierte „Traum der Kindheit“[29]. Sie ist eine folgsame junge Frau und entspricht damit dem Frauenbild der Griechen. Medea dagegen ist zwar nicht mehr die junge Wilde, die sie noch in Kolchis war, dennoch erhält sie vor allem durch die Sichtweise Jasons männliche Züge. Sie ist ein Mannweib, vor deren Härte Jason erzittert. Auch wenn Medea sich von ihrer Zauberkraft abwendet, bleibt sie dennoch in Jason Augen die Frau, die er in Kolchis kennengelernt und die ihm durch ihre Beharrlichkeit und Logik zum goldenen Vlies verholfen hat. Diese Charaktereigenschaften lassen für Jason alle weiblichen Züge in Medea verblassen.[30]

[...]


[1] Karl Valentin: Die Fremden. In: Ders.: Gesammelte Werke, Bd. 1, Monologe und Dialoge, München/Zürich 1981, S. 158-160.

[2] Vgl.: Julius Jüthner: Barbar. In: Reallexikon für Antike und Christentum. Sachwörterbuch zur Auseinandersetzung des Christentums mit der antiken Welt, Bd. 1, hg. von Theodor Klauser, S. 1173-1176.

[3] Vgl.: Stefan Link: Wörterbuch der Antike. Mit Berücksichtigung ihres Fortwirkens, begründet von Hans Lamer, Stuttgart 2002, S. 112.

[4] Kai Brodersen / Bernhard Zimmermann (Hgg.): Metzler Lexikon Antike, Stuttgart 2000, S. 77.

[5] Vgl.: Ebd.

[6] Vgl.: Wolfgang Speyer: Frühes Christentum im antiken Strahlungsfeld. Kleine Schriften II, Wissenschaftliche Untersuchungen zum Neuen Testament, Bd. 116, Tübingen 1999, S. 221f.

[7] Theodor Heinsius: Volksthümliches Wörterbuch der deutschen Sprache mit Bezeichnung der Aussprache und Betonung für die Geschäfts- und Lesewelt, Bd. 1, Hannover 1818, S. 376.

[8] Konrad Kenkel: Medea-Dramen. Entmythisierung und Remythisierung. Euripides, Klinger, Grillparzer, Jahnn, Anouilh, hg. von Armin Arnold und Alois M. Haas, Bd. 63, Studien zur Germanistik, Anglistik und Komparatistik, Bonn 1979, S. 72.

[9] Vgl.: Ebd.

[10] Horst Albert Glaser: Medea. Frauenehre – Kindsmord – Emanzipation. Kindsmord und Emanzipation. Zur Geschichte eines Mythos, Frankfurt am Main 2001, S. 116.

[11] Versangaben im Folgenden zitiert nach: Franz Grillparzer: Das goldene Vließ. Der Gastfreund, Die Argonauten, Medea, hg. von Helmut Bachmaier, Stuttgart 1995.

[12] Zitiert nach: Helmut Bachmaier. In: Franz Grillparzer: Das goldene Vließ, S. 203 (Anm. 1).

[13] Vgl.: Karina Becker: Autonomie und Humanität. Grenzen der Aufklärung in Goethes Iphigenie, Kleists Penthesilea und Grillparzers Medea, Frankfurt am Main 2008, S. 117.

[14] Vgl.: Kenkel: Medea-Dramen, S. 73.

[15] Vgl.: Marianne Hochgeschurz: Christa Wolfs Medea. Voraussetzungen zu einem Text. Mythos und Bild, Berlin 1998, S 83.

[16] Heinz Politzer: Franz Grillparzer oder Das abgründige Biedermeier, Wien/München/Zürich 1972, S. 138.

[17] Vgl.: Kenkel: Medea-Dramen, S. 71.

[18] Vgl.: Franziska Rothmann: Franz Grillparzers Rezeption der antiken Medea-Dramen, Norderstedt 2007, S. 15.

[19] Vgl.: Ebd.

[20] Horst Albert Glaser: Medea. Frauenehre – Kindsmord – Emanzipation, Frankfurt am Main 2001, S. 116.

[21] Ebd., S. 117.

[22] Vgl.: Becker: Autonomie und Humanität, S. 120.

[23] Vgl.: Ebd.

[24] Becker: Autonomie und Humanität, S. 177.

[25] Politzer: Franz Grillparzer oder Das abgründige Biedermeier, S. 138.

[26] Rothmann: Franz Grillparzers Rezeption der antiken Medea-Dramen, S. 15.

[27] Vgl.: Kenkel: Medea-Dramen, S. 73.

[28] Vgl.: Ebd., S. 72f.

[29] Hochgeschurz: Christa Wolfs Medea, S. 83.

[30] Kenkel: Medea-Dramen, S. 73.

Ende der Leseprobe aus 27 Seiten

Details

Titel
Die Figur Medea in den Werken von Grillparzer und Wolf
Untertitel
Das ‚Barbarische’ als Aspekt der Fremdheit
Hochschule
Karlsruher Institut für Technologie (KIT)
Veranstaltung
Medea: (Dramatische) Mythos-Adaptationen seit der Aufklärung
Note
1,7
Autor
Jahr
2010
Seiten
27
Katalognummer
V165778
ISBN (eBook)
9783640814527
ISBN (Buch)
9783640814190
Dateigröße
525 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Grillparzer, Christa Wolf, Medea, Fremdheit, Barbarentum, Sündenbock, Medea. Stimmen, Argonauten, Das goldene Vließ
Arbeit zitieren
Rebecca Schwarz (Autor), 2010, Die Figur Medea in den Werken von Grillparzer und Wolf, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/165778

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