Die Jesuitenrepubliken als Kritik an totalitären Machtstaaten in Döblins Amazonas Trilogie


Hausarbeit, 2009

29 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Döblins Amazonas-Trilogie als Exilroman

3. Darstellung einzelner Machtstaaten in „Der blaue Tiger“
a.) Europa
b.) Die Siedler und Indios
1. Die Reduktionen

4. Bischof Felix
a.) Der Unentschlossene
b.) Kritik des Bischofs an den Jesuiten

5. Schlussbetrachtung

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Alfred Döblin arbeitete an seinem Südamerika-Werk während dem Exil in Paris in den Jahren 1935 und 1937. Durch das Berufsverbot seine ärztliche Tätigkeit weiter auszuüben, wird automatisch das Schreiben zu seiner Hauptbeschäftigung und einziger Einnahmequelle. Döblin selbst sah sein Werk stets als Trilogie.[1] Doch unterschiedliche editorische Eingriffe in das Gesamtwerk „ Amazonas “ führten dazu, dass die zusammenhängenden Bücher auseinandergerissen wurden und somit die Kernaussage Döblins schwer zu erfassen war. Dies kann aber nicht allein der Grund gewesen sein, weshalb Döblins Amazonas-Trilogie, sowohl von der zeitgenössischen als auch der gegenwärtigen Forschung, weitestgehend gemieden oder vernachlässigt wurde. Die existierenden Rezensionen sind wissenschaftlich kaum verwertbar, da sie entweder ideologischen Inhalts[2] sind oder sich ausschließlich mit der im Roman dargestellten Religion und Döblins damit einhergehenden Konversion zum Christentum beschäftigen. Ein weiterer Grund für das Schattendasein des Südamerika-Werkes wird wohl auch Döblins frühe Annahme der französischen Staatsbürgerschaft gewesen sein,[3] welche die deutsche Bevölkerung seiner Person gegenüber nicht gerade positiv stimmte. Hinzu kommt die Kritik an seinem „ unüberlegtem “ Schreibstil und der teilweise fehlerhaften historischen Recherche. Alles in allem gelingt es dem Roman nie aus dem Schatten von Döblins wohl bekanntestem Werk „Berlin Alexanderplatz“ herauszutreten.

Angesichts des Umfangs des Werkes und seiner Vielschichtigkeit, erhebt die folgende Arbeit keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Das zu bearbeitende Gebiet musste also stark eingegrenzt werden und beschränkt sich hier größtenteils auf das zweite Buch „ Der blaue Tiger “, in dem ich versuche anhand des Textes und des Erzählstils Kritik an totalitären Machtstaaten nachzuweisen. Da sich Döblin in großen Passagen dem Schicksal der Jesuitenrepubliken und ihrer Entwicklung zuwendet, eignen sich jene am Besten zur genauen Erörterung des Themas.

Ungewöhnlich erscheint zunächst Döblins Themenwahl: im französischen Exil schreibt er von Exotik, Fremdheit und christlicher Missionierung. Die „ Vielsträngigkeit der Handlung[4], das sich nicht festlegen auf eine einzige Epoche oder einen bestimmten geographischen Handlungsort, lässt erkennen, dass Döblin in seiner Trilogie thematisch weit über das Gebiet des Amazonasflusses hinausgeht.[5] Um einer Gesamtinterpretation gerecht zu werden, darf Döblins eigener geschichtlicher Hintergrund, die politische Situation in Deutschland, sowie die Exilerfahrung des Autors nicht unbeachtet bleiben. In welchem Maße sich sein Exil-Dasein, sein Engagement für die jüdische Freilandbewegung und die sich anbahnende totalitäre Herrschaft in Deutschland in den Roman einfügt haben, bleibt zu klären.

An drei unterschiedlichen Gesellschaftsformen möchte ich in dieser Arbeit aufzeigen, dass man innerhalb Döblins Darstellungen bereits Merkmale, die auf eine Antipathie gegenüber diktatorischem Absolutismus hinweisen, herausstellen kann. Die Beschreibung der Konquistadoren sowie der europäischen Machthaber, die sich des lateinamerikanischen Kontinents gewaltsam bemächtigten, soll Aufschluss über Döblins eigene Haltung zu deren Taten geben. Oftmals in der Forschung als amoralischer Dichter auf der Seite der Täter vermutet,[6] versuche ich dies hier zu widerlegen. Zudem stellt sich in diesem Zusammenhang die Frage ob man in der Schilderung europäischer Menschentypen als Vorfahren der heutigen Gesellschaft einen Versuch zeitgenössischer Zivilisationskritik Döblins sehen kann? Ein weiterer Unterpunkt beschäftigt sich mit der Gegenüberstellung der Siedler, das heißt den Nachfahren der einstigen Eroberer und den Indios welche außerhalb der jesuitischen Reduktionen leben. Die mythisch-primitive naturbezogene Welt der Indios, die einer „ prometheisch “-herrschaftsliebenden Welt der weißen Siedler entgegensteht, soll genauso unter dem Aspekt der Zeitkritik erörtert werden, wie die im letzten Unterpunkt und von Döblin ausführlich besprochenen Jesuitenrepubliken. Welches sind etwa die Grenzen und Leistungen des Gesellschaftsmodells verkörpert durch das „ indianische Kanaan “ oder die „ Arche Noah “?

Besonders ausführlich geht Döblin auf die Person des Bischofs von Assomption ein, dessen Charakterisierung unter Punkt Vier zunächst Aufschluss zur persönlichen Haltung den Reduktionen gegenüber und seiner Unentschlossenheit und Unfähigkeit klare Entscheidungen zu treffen, geben soll. Sowohl seine Unentschlossenheit, auch seine privaten Lebensumstände geben Anlass zu Kritik. Weiterhin übt auch der Bischof selbst heftige Kritik an den Praktiken und dem Umgang der Jesuiten mit den Indios. Spiegelt dieser Bischof etwa die Meinung des Autors wieder oder ist es gar Döblins eigene Kritik an gegenwärtigen Diktaturen die hier an den Tag tritt?

Schlussendlich stellt sich die Frage was uns Döblin mit der Schilderung einer jahrhundertealten Missionsgeschichte und der Eroberung Südamerikas zu sagen versucht und inwieweit sich politische und gesellschaftliche Gegenwartsfragen in das Werk eingeschlichen haben. Geht es im Grunde niemals vordergründig um Südamerika, sondern vielmehr um das Aufzeigen der „ Ohnmacht “ und der „ Fragwürdigkeit menschlichen Handelns[7] ? Bewertet Döblin letztlich nicht die Reduktionen im Urwald, sondern durch gekonnte und geschickte metaphorische Verschlüsslungen die eigene Zeit, welche seiner Meinung nach an der Schwelle zu einer neuen Epoche, einer Zeitenwende steht?[8]

2. Döblins Amazonas-Trilogie als Exilroman

Döblin, ein „ jüdischer Großstädter[9], politisch linksstehend verließ seine bisherige Heimat Berlin bereits als einer der ersten Autoren kurz nach dem Reichstagsbrand Anfang März 1933. Über die Schweiz gelangte er schließlich nach Paris, wo ihm bewusst wurde, dass er wohl sobald nicht mehr nach Deutschland zurückkehren kann und sich auf ein längeres Exil einrichten muss.[10] Mehrere Rückschläge minderten die anfängliche „ Hochstimmung[11], die Döblin im Bezug auf die neuen Möglichkeiten und Aufgaben, die sich ihm im Exil boten, befiel. Die ungewohnte Umgebung, die fremde Sprache sowie das Verbot seine ärztliche Tätigkeit weiterhin auszuüben und die Notwendigkeit die dem dichterischen Schaffen plötzlich zukam, lösten bei Döblin Gefühle der Depression und der Isolation aus.[12] Rückblickend könnte man also auch einen Bruch in Döblins Werken vermuten, da durch die plötzliche Erkenntnis des Ausgestoßenseins, durch den Verlust der Heimat und der politischen Rahmenbedingungen, eine Existenzbedrohung aufkeimte, die Döblin vermutlich auch in seinen Werken zu verarbeiten versucht hat.[13] Belegen lässt sich jene These vor allem durch das Bild der Fremdheit, der Isolation und der Sinnlosigkeit jeglichen menschlichen Handelns, welches sich leitmotivisch in der Amazonas-Trilogie wiederholt. Mit der Gegenüberstellung von Konquistadoren und Indios, Aktivität und Passivität, Kultur und Natur gelingt es Döblin im besonderen Maße seine eigene Situation und die einer ganzen Generation anhand „ ferner Zeiten und Zonen[14] darzustellen und kritisch zu bewerten. Von einem „ Exilbruch[15], kann man dennoch nicht sprechen, obwohl Thematik und Stoffwahl wohl kaum ohne die erzwungene Abgeschiedenheit im Exil zustande gekommen wären. Niggl spricht von einer „ geistigen Umwandlung[16] die dem Schaffen und Denken Döblins in jener Zeit wohl sehr nah kommt: durch die Beschäftigung mit der europäischen Eroberungs- und Missionsgeschichte erkannte Döblin sich selbst in seiner isolierten Ausnahmesituation und begriff daraufhin seine schriftstellerische Tätigkeit als „Antwort auf das Inferno der Zeit“[17]. Von nun an sah Döblin in seinem Schaffen eine Aufgabe, entwickelte ein Pflichtbewusstsein und eine andere Einstellung zur künstlerischen Produktion[18] und zur Gattung des historischen Romans. Eine Verbindung zwischen historischem Roman und der Exilliteratur existiert in den Augen Döblins, da man in der Vergangenheit stets Antworten und Vergleiche zur heutigen Zeit suche und sich in ihr auch „ Gegenbilder[19] darstellen, sowie „ die Absurdität des Nationalismus[20] entlarvt werden kann.[21] Durch die Behandlung des historischen Stoffes „ reagiert (Döblin) produktiv auf den Aufstieg des Faschismus[22], da es ihm gelingt Gegenwärtiges durch Vergangenes verständlich zu machen. Dass sich Döblin die Geschichte Südamerikas für seine Ausführungen ausgesucht hat muss wohl eher dem zufälligem Auffinden von Beschreibungen des Amazonasgebietes, zu denen sich Döblin in der Bibliothèque Nationale in Paris hingezogen gefühlt hat, zugesprochen werden, was er schlussendlich selbst daraus geschaffen hat, hängt stark mit den politischen Rahmenbedingungen und seiner eigenen Lage im Exil zusammen: ein sozial- und gesellschaftskritisches Werk, welches sowohl Döblins Bemühungen zur jüdischen „ Freiland-Bewegung[23] als auch das aufkeimende faschistische Regime thematisiert und durch die große zeitliche wie auch räumliche Trennung zum aktuellen Geschehen genügend Abstand erreicht, um das sich anbahnende „ Desaster Europas[24] von außen bewerten zu können .

Die jesuitischen Republiken in der Trilogie verweisen indirekt auf den jüdischen „ Neu-Territorialismus “, die „ Arche-Noah “ auf die Gründung eines zionistischen Staates, in dem die Indios, das heißt das jüdische Volk sich sammeln und zusammenleben kann. Anhand der Eroberung Südamerikas, versucht Döblin unmissverständlich die Parallelen zur Machtergreifung der Nationalsozialisten aufzudecken und ihr Scheitern durch das Leitmotiv von Krankheit, Verfall und Tod vorherzusehen. Helmut Kiesel nennt es „ Rückfall in die Barbarei des Faschismus[25] und genau dies versucht Döblin in „ Der blaue Tiger “ durch das schlussendliche Scheitern der Konquistadoren und der Jesuitenreduktionen, mit ihren freiheitsunterdrückenden und identitätsraubenden Methoden, aufzuzeigen.

Ohne explizit Verweise auf aktuelle politische Ereignisse zu geben oder auch direkt Vergleiche zwischen den Indios und der europäischen Bevölkerung zu ziehen, kann man das Werk nicht ohne ständigen Bezug zu Döblins gegenwärtiger Zeit und eigener Situation lesen. Dem Autor ging es nie um die historische Korrektheit oder das Nacherzählen von geschichtlichen Fakten, er stellt nur hier den Versuch an, durch die vergangene europäische Geschichte die gegenwärtige besser verstehen zu können und Lösungen für die scheinbar unabwendbare Krise zu finden.[26] Aus der Geschichte Vergleiche ziehen, aus ihr lernen, scheint die Zielsetzung Döblins gewesen zu sein. Haltbar ist diese These vor allem durch den dritten Teil der Trilogie: „ Der neue Urwald “, in dem Döblin einen Zeitsprung bis in die Gegenwart wagt, auf den ersten Blick zwar keinen Bezug zu den vorherigen Geschehnissen herstellt und trotzdem durch den Gebrauch immer gleicher Motive und Metaphern eine direkte Verbindung erzeugt[27]. Manfred Auer[28] nennt dies die „ unverschlüsselte Hinwendung zur aktuellen Gegenwart[29], während zuvor Europakritik nur durch verhüllte historische Zusammenhänge zutage getreten ist.[30]

Abschließend kann man Döblins „ Amazonas-Trilogie “, durch seine Thematik die von Isolation, Flucht und Eroberung handelt, sowie durch die exiltypische Gattung des historischen Romans, durchaus als typischen Exilroman bezeichnen, der sich perfekt in den politischen und gesellschaftlichen Kontext seiner Zeit einfügt.

3. Darstellung einzelner Machtstaaten in „Der blaue Tiger“

a.) Europa

Die europäischen Eroberer vergleicht Döblin mit „ Steinen, die aus einem Feuerberg spritzten “, aus dem „ Vulkan Europa[31] über die Welt verbreitet wurden und als „ Unbehauste[32] sich ins Leere stürzten. Angetrieben von einer unbändigen Gier nach Reichtum, Macht und Herrschaft erreichten sie Südamerika und steuerten unwissentlich auf ihr Ziel, die Vernichtung ihrer selbst, zu.[33] Die Charakterisierungen der einzelnen Konquistadoren, wie Dalfinger, Benalcázar und Federmann, fallen in der Amazonas-Trilogie durchweg negativ aus: Döblin lässt sie alle eines gewaltsamen und grausamen Todes auf dem von ihnen eroberten Kontinent sterben und zeigt bereits hier, dass der „ hoffnungslose Kampf mit dem Wald[34] zum Scheitern verurteilt ist und allgemeiner, dass das in der menschlichen Natur angelegte prometheische Streben schlussendlich doch nur in Sinnlosigkeit mündet. Nicht unbeachtet sollte an dieser Stelle Döblins Essay „ Prometheus und das Primitive[35] bleiben, in dem Döblin den ständigen Kampf des Menschen zwischen zwei in ihm fest angelegten inneren Kräften darstellt: die Entdeckungs-und Eroberungswut des Menschen lässt ihn in Konflikt geraten mit der Natur, während die primitive Kraft dem entgegenzuwirken versucht indem sie die ursprüngliche Bindung zur Natur wieder herzustellen glaubt.[36] Besonders zu Tage tritt dieser „ dialektische Wettstreit[37] zwischen dem Flussgeist Sukuruja, der das primitive verkörpert, aus der Natur entspringt und ganz eins mit ihr ist und dem „ blauen Tiger “, der für die prometheische Kraft und das Machtstreben der weißen Eroberern steht.[38] Am stärksten zum Ausdruck kommt dieses Verlangen des Menschen sich über andere Lebewesen zu erheben und sie sich Untertan zu machen durch das Handeln der Konquistadoren in „ Das Land ohne Tod “. Dem „ produktiven Willen zur Herrschaft[39], dem die Europäer völlig verfallen sind, verdanken sie nach Döblin auch die Errungenschaften der Zivilisation. Jedoch lässt Döblin nirgends eine Überlegenheit der westlichen Zivilisation gelten, bewertet deren technischen und kulturellen Fortschritt gegenüber den Indios niemals über und erreicht damit einen Ausgleich zwischen beiden Kulturen, der ihnen ermöglicht sich auf Augenhöhe begegnen zu können. Stärke und Schwäche sind gleichmäßig verteilt, die „ zahlenmäßige Unterlegenheit[40] können die Eroberer nicht durch ihren technischen Fortschritt und ihre Bewaffnung wettmachen, im Gegenzug sind sie im tiefsten Urwald verloren und auf die Hilfe und Führung der Indios angewiesen. Der einseitige „ eurozentrische Blick[41] wird demnach von Döblin kritisiert, da er keine ausgewogene und gerechte Sichtweise auf andere Lebensweisen und Kulturen ermöglicht.[42] Ihm gegenüber stellt er eine Beschreibung Europas aus der Sichtweise der indianischen Bevölkerung, die besonders prägnant die Mängel und Defizite jenes Lebensraums und ihrer Bevölkerung herausstellt: Die „ blasse Haut[43] der Europäer, das wenige Licht und die Gespernsterhaftigkeit ihres Daseins verweisen damit auch direkt auf das immer wiederkehrende Bild von Krankheit und Tod, das wir sowohl bei Beschreibungen von Eroberern als auch der Königen und Herrschern in Europa wiederfinden.

Döblin zeigt durch Erzählstil und Perspektivenwechsel, dass er sich niemals klar auf der Seite der Täter, noch auf der Seite der Opfer positioniert. Er wechselt zwischen den Ebenen und stellt positive und negative Aspekte auf beiden Seiten heraus.

Die feindseligen und kränklichen Lebensbedingungen in den nördlichen Ländern werden durch die Charakterisierungen einzelner europäischer Herrscher verdeutlicht. Die „ Gefühlskälte[44], welche sich bereits durch das Klima und den Mangel an Sonne veranschaulicht, zeichnet die Europäer als gewaltbereites und respektloses Volk. Am Beispiel des spanischen Königshauses zeigt sich Döblins Glaube an eine „ neue Entwicklung[45] innerhalb der Gesellschaft, entfaltet durch die allmähliche Entmachtung der Herrschenden durch das Bürgertum, was zu Verfall und Geisteskrankheit des Königs, sowie seines ganzes Landes führt, da sich seine Handlungsunfähigkeit negativ auf die Entwicklung des Landes auswirkt.[46] Das spanische Königspaar vergleicht Döblin mit „ zwei kranken Papageien[47] und später auch mit „ Trauervögeln[48], welche wenig von der Welt außerhalb ihres „ Riesenkäfigs[49] mitbekommen und nicht einmal wissen wo das Neue Indien, über das sie regieren, liegt.[50] Kritik übt Döblin in diesem Zusammenhang an der Berechenbarkeit und Messbarkeit der neuzeitlichen Welt, verkörpert durch den König Philipp II. Er strebt nach „ perfektionierter Beherrschung der Natur und der gesamten menschlichen Lebenswelt[51], sieht alles aus der Perspektive eines herrschenden Subjekts zu ausgelieferten Objekten. Gleichzeitig leugnet er sein eigenes Eingebundensein in die ihn umgebende Natur und betrachtet seinen kränklichen und gebrechlichen Körper mit „ mageren, blassen Armen[52] mit Zufriedenheit, da dies völlig ausreiche um die Welt zu regieren.[53] Damit entlarvt Döblin die „ Lächerlichkeit[54] und die „ Ohnmacht[55] der gesamten Menschheit, wenn sie versucht durch technischen Fortschritt, Zivilisation und Streben nach Vollkommenheit, ihre eigene Naturabhängigkeit zu bestreiten. Das völlig entartete Körpergefühl von Ich dem König zeugt auch von einer Entfremdung gegenüber dem primitiven Streben des Menschen und parallel von einer aus dem Gleichgewicht geratenen prometheischen Kraft.

Die „ menschenverachtende Brutalität[56] von Eroberern und Herrschern und ihre „ immanente Tendenz zur Gewalttätigkeit[57], sowie die allgegenwärtige „ Sehnsucht nach der eigenen Vernichtung[58], die insgesamt defizitär dargestellte Zivilisation Europas, lässt keine Zweifel an Döblins beabsichtigter sozialkritischer Beurteilung der frühneuzeitlichen Gesellschaft. Mit der Entstehungszeit der Amazonas-Trilogie stets im Hinterkopf, brauch es nicht zu verwundern, dass wir die Gräueltaten der Eroberer direkt mit den „ menschenverachtenden Praktiken der Nationalsozialisten[59] assoziieren. Demnach ist Döblins Versuch, auch hier wieder aktuelle Gegenwartsbezüge herzustellen, geglückt.

b.) Die Siedler und die Indios

Klar abzugrenzen von den innerhalb den Reduktionen lebenden Indios sind die außerhalb, teils als Sklaven gehaltenen, teils noch ursprünglich in den Wäldern wohnenden Indios. Noch bevor die Jesuiten ihre Mission im Urwald begonnen, lebten die Indios noch in Stämmen zusammen und wurden durch Sklavenhändler in die Siedlungen an den Küsten gebracht oder sofort in Lager verfrachtet um später verkauft zu werden. In diesem Zusammenhang muss die Darstellung der Paolisten berücksichtigt werden, die in einer Reihe mit den Eroberern und Abenteurern genannt werden können. Auch bei ihnen überwiegt der prometheische Wille zur Tätigkeit und zum Handeln: ihr ungebrochener Ehrgeiz sich der Natur zu widersetzen, sie gar zu bekämpfen und sich allem zu bemächtigen was sich ihnen in den Weg setzt zeugt erneut von einem Drang Neues zu entdecken und sich diesem habhaft zu machen. Die Rast- und Ruhelosigkeit der Siedler unterstreicht Döblin gleich zu Beginn seiner Ausführungen im Teil II seiner Trilogie: „Sie wurden von ihrer großen inneren Unruhe getrieben und fanden kein Ziel.“[60] Döblins eigene Position in dem Konflikt zwischen Indios und Siedlern wird oftmals in der Forschung thematisiert. Auf welcher steht der Autor selbst? Meiner Ansicht nach ist diese Frage nicht schwer zu beantworten:

Kurz nach Ankunft der Jesuiten in dem Piratennest Santos, wird ihnen ihr Gepäck vor der Nase weggestohlen und sie danken anschließend dem „ frommen Mann “, gemeint ist dem Kapitän und Räuber selbst,[61] für einen klugen Rat. Daraufhin folgt eine komödienhafte Szene, in der die Jesuiten dem Diebesgut auf See entgegenkommen. Schon hier zeigt sich erstens die Naivität und Gutmütigkeit der Jesuiten und zum anderen auch die Skrupellosigkeit und Unehrlichkeit mit der sich die Siedler gegenseitig bestehlen und hintergehen. Ein Maultiertreiber bringt das Verhältnis in den Siedlungen auf den Punkt: „ Hier kann man Sachen annageln, und sie werden einem mit den Nägeln weggestohlen.“[62] Hier haben sich nicht nur alle gegen die Neuankömmlinge verschworen, sondern jeder ist sich selbst der Nächste. Ein Dolmetscher bezeichnet San Paolo als „ blanken Apfel[63], der „ innen von einer Krankheit zerfressen“[64] ist. Das Bild der Krankheit und des Verderbens ist unverkennbar. Sogar die Menschen siechen dahin, aufgezeigt am Beispiel des Stadtaufsehers, der schwer gezeichnet von der indianischen Drüsenkrankheit ist und zudem eine abgebrochene Pfeilspitze in der Lunge trägt, die ihn langsam von innen tötet.[65]. Nur eine Sache kann all diese Menschen vereinen und zusammenhalten: die Gier nach Macht und Geld, welche sie durch Raub und Sklavenhandel stillen. Die Lagerhaltung der Indios verteidigen die Paolisten, indem sie auf die Schutzbedürftigkeit der „ Wilden “ hinweisen. Döblin entlarvt die Hinterhältigkeit und Böswilligkeit nicht allein der Siedler in Südamerika sondern der gesamten zeitgenössischen Gesellschaft durch ironische Passagen, auf die er unzweideutig heuchlerische Aussagen folgen lässt: „Langsam merkten die Soldaten Jesu, in welch gefährlicher Umgebung sie lebten. Die Wilden mussten geschützt werden, und sie selbst mussten geschützt werden, und allen liehen die Paolisten ihren starken Arm.“[66] Dass die Weißen im Urwald nicht einmal Wasser finden würden und deshalb stets auf die Hilfe der Indios angewiesen sind, stellt nochmals ihre Überlegenheit und die ihrer Kultur in Frage.

Auch in dieser Passage stellt Döblin ein Mächteverhältnis heraus, das er dann nach und nach ins Lächerliche zieht und damit entlarvt. Unmissverständlich ist Döblin den totalitären Methoden in den Lagern gegenüber negativ eingestellt und stellt der menschenverachtenden Sklavenhaltung die Gutmütigkeit und Naivität der Jesuiten gegenüber, die damit auch Döblins eigenen Standpunkt verkörpern. Nicht durchweg schlecht sind also die Weißen, denn das Leben der Jesuiten wird zweimal durch ihnen „ wohlgesinnte Weiße[67] gerettet. Durch diese dialektische Darstellung der „ weißen Rasse “, die das Böse ebenso wie das Gute in sich vereint, schafft Döblin erneut einen Zustand des Gleichgewichts und des Ausgleichs zwischen prometheischer und primitiver Kraft.

Auch die Indios werden von Döblin nicht als „homogene Masse“ sondern als interkulturell durchaus vielfältig geschildert. Die „ Distanzlosigkeit[68] des Autors in seinen Ausführungen zum indianischen Volk haben ihn erneut in Verruf gebracht eine „ naive Idealisierung der Indio-Kulturen[69] darzustellen. Vertreten lässt sich diese These durch einzelne Passagen, in denen Döblin zwar indianische Gewohnheiten schildert, sie aber danach nicht erkennbar bewertet: „…und wenn einer die Frauen heranholte, so erwiesen sie sich als die verständigsten Geschöpfe, ihre Ehrerbietung war grenzenlos, sie konnten zu nichts nein sagen, was ihnen ein Weißer anbot, und sie versprachen alles (….)Sie vergaßen alles.“[70] Doch auch hier benutzt Döblin das Mittel der dialektischen Beschreibung, welche jene These unhaltbar macht und zu einer konsequenten Fehleinschätzung führt, da Döblin durch sie beabsichtigt die Darstellung der Indios ins Gegenteilige zu verkehren. Durchaus differenziert berichtet Döblin von jenen Urwald-Völkern, als er sich dem Sonnenstaat Cuzumarras zuwendet, das sich im Nachhinein nicht als Paradies oder gar „ Land ohne Tod “ erweist sondern als Überwachungsstaat, in der die Freiheit der in ihm lebenden Menschen unterdrückt und missachtet wird. Auch wenn die Gesellschaft der Indios der der Europäer entgegengestellt wird, kann auch sie nicht als durchweg positiv angesehen werden:[71] Döblin verherrlicht sie nicht und stellt sie auch keineswegs als Idealbild einer naturverbundenen Gesellschaft dar. Obwohl die positiven Eigenschaften überwiegen, verhüllt der Autor die negativen nicht.[72] Schlussendlich bezeichnet Döblin die indianischen Sklaven als „ Schande der Menschheit[73], wobei er das an ihnen begangene Verbrechen meint, oder auch die „ menschliche Schmach[74] und wendet sich damit erneut dem europäischen Kontinent und einer allumfassenderen Bewertung der Verbrechen an der indianischen Bevölkerung zu. In einen der seltenen auktorialen Behauptungen wird Döblin noch konkreter und festigt seinen Standpunkt indem er über die Eroberer wie folgt urteilt: „Grenzenloser Hochmut der weißen Männer! Verzweiflung der weißen Männer!“[75]

[...]


[1] Vgl. Erhardt S.1.

[2] Siehe Lion oder Kersten.

[3] Vgl. Pfanner S.137.

[4] Pfanner S.148.

[5] Vgl.Pfanner S.148.

[6] Vgl.Kiesel S.238.

[7] Kort S.107.

[8] Vgl. Kobel S.319.

[9] Lion S.357.

[10] Vgl. Pfanner S.136 f.

[11] Auer S.174.

[12] Vgl. Niggl S.263.

[13] Vgl. Niggl S.263 f.

[14] Niggl S.264.

[15] Auer S.167.

[16] Niggl S.264.

[17] Niggl S.267.

[18] Vgl. Auer S.172.

[19] Kittstein S.288.

[20] Kittstein S.288.

[21] Vgl. Döblin: Der historische Roman und wir.

[22] Kittstein S.330.

[23] Vgl. Schmidt-Bergmann S.91.

[24] Kiesel S.232.

[25] Kiesel S.234.

[26] Vgl. Auer S.173.

[27] Vgl. Kiesel S.235.

[28] Auer, Manfred: Das Exil vor der Vertreibung. Motivkontinuität und Quellenproblematik im späten Werk Alfred Döblins. In: Abhandlungen zur Kunst-, Musik- und Literaturwissenschaft. Bd.254, Bonn 1977.

[29] Auer S.46.

[30] Vgl. Auer S.46.

[31] Amazonas Buch I S.149.

[32] Kobel S.317.

[33] Vgl. Kobel S.319.

[34] A I S.145.

[35] Döblin, Alfred: Prometheus und das Primitive. In: Schriften zur Politik und Gesellschaft. S.376- 367

[36] Vgl.Pfanner S.142 f.

[37] Pfanner S.142.

[38] Vgl. Pfanner S.144.

[39] Kittstein S.292.

[40] Kobel S.316.

[41] Heinze S.145.

[42] Vgl. Heinze S.145.

[43] A I S.86.

[44] Pfanner S.139.

[45] Brüggen S.100.

[46] Vgl.Brüggen S.99.

[47] A II S.347.

[48] A II S.353.

[49] A II S.347.

[50] Vgl. Döblin S.350.

[51] Kittstein S.311.

[52] AII S.112.

[53] Vgl. A II S.112.

[54] Maaß S.121.

[55] Maaß S.121.

[56] Kittstein S.304.

[57] Kittstein S.304.

[58] Kittstein S.304.

[59] Kittstein S.302.

[60] A II S.9.

[61] A II S.22.

[62] A II S.22.

[63] A II S.31.

[64] A II S.31.

[65] Vgl A II S.27.

[66] A II S.30.

[67] A II S.54.

[68] Kiesel S.240.

[69] Kittstein S.300.

[70] A II S.35.

[71] Vgl. Kiesel S.243.

[72] Vgl. Maaß S.106.

[73] AII S.45.

[74] AII S.43.

[75] AII S 315.

Ende der Leseprobe aus 29 Seiten

Details

Titel
Die Jesuitenrepubliken als Kritik an totalitären Machtstaaten in Döblins Amazonas Trilogie
Hochschule
Universität Trier
Note
2,0
Autor
Jahr
2009
Seiten
29
Katalognummer
V165803
ISBN (eBook)
9783640815692
ISBN (Buch)
9783640815340
Dateigröße
636 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Döblin Amazonas Trilogie Jesuiten Südamerika
Arbeit zitieren
Jacqueline Turpel (Autor:in), 2009, Die Jesuitenrepubliken als Kritik an totalitären Machtstaaten in Döblins Amazonas Trilogie, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/165803

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