Traum und Begehren in Arthur Schnitzlers Traumnovelle


Hausarbeit, 2008

32 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Traum
2.1. Schnitzler/ Freud = Doppelgänger?
2.2. Der Traum als Katharsis?
2.3. „Kein Traum ist völlig Traum“

3. Das Begehren Fridolins
3.1. Widerstreit zwischen Wille und Können
3.2. Eros oder Caritas?

4. Das Begehren Albertine
4.1. Albertines Traum als Wunschtraum?
4.2. Aussprache und Ausblick in die Zukunft

5. Schlussbetrachtung

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Arthur Schnitzlers Traumnovelle erscheint im Jahre 1926. Für die damalige Zeit eckt Schnitzler mit seiner Themenwahl eng an die Grenzen der Moral der 20er Jahre an. Das Ehepaar Fridolin und Albertine, welches dem gehobenen Bürgertum angehört, führt eine vorbildliche Beziehung. Er ist berufstätig, sie Hausfrau und Mutter. Im Laufe der Novelle werden sich beide allmählich ihrer Unzufriedenheit und ihrem Unmut gegenüber ihrer nach außen hin fehlerfreien und perfekten Ehe bewusst, finden eine Lösung für den Konflikt und sind am Ende erneut vereint. So oder so ähnlich könnte eine Kurzfassung der Novelle nach einmaligem Lesen klingen. Die von Schnitzler erarbeitete Handlung erscheint auf dem ersten Blick logisch, die einzelnen Etappen chronologisch aufeinander folgend. Man könnte sogar fünf Akte eines klassischen Dramas herausarbeiten, mit einer Peripetie, verschiedenen Lösungszweigen und einer sich zum Guten wendenden Katastrophe am Ende. Doch Arthur Schnitzlers Traumnovelle ist weit vielschichtiger als dass man an diesem Punkt der Interpretation stehen bleiben könnte. Jedes einzelne Wort, jedes Schweigen, jedes Lichtspiel wurde von Schnitzler inszeniert und bildet einen Teil des Gesamtkunstwerks „Traumnovelle“. Unzählige Forscher haben sich mit ihr befasst, sind teilweise zu sehr unterschiedlichen Ergebnissen gekommen und doch scheint noch nicht alles über dieses Werk gesagt zu sein. Zahlreiche Themen, Motive und Symbole müssen erörtert werden um einer Gesamtinterpretation gerecht zu werden. Die folgende Arbeit erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit, was in diesem Fall den Rahmen sprengen würde. Das zu bearbeitende Gebiet musste also stark eingegrenzt werden und beschränkt sich hier auf die Rolle des Traumes in der Novelle, sowie das Begehren der Ehepartner. Wobei zuerst noch kurz der nicht zu verachtenden Einfluss der Psychoanalyse auf Schnitzlers Werk erläutert wird. Die im Jahre 1900 fast zeitgleich erschienene „Traumdeutung“ Freuds legt die Frage nahe inwieweit sich Schnitzler und Freud gegenseitig beeinflusst haben oder ob man gar von einer Art „ Doppelgängertum “ sprechen kann. Welche Rolle fällt dem Traum in der Novelle aus psychoanalytischer Sicht zu? Nachdem sich beide Partner ihre Erlebnisse und Träume erzählt haben, scheint sich am Ende die Krise, in der sich die Ehe befand, zu lösen. Kann der Traum als eine Art Katharsis gesehen werden, ein Mittel also um Konflikte sichtbar zu machen und damit zu reduzieren? In diesem Zusammenhang soll aber auch noch auf die Verschachtelung zwischen Realität und Fiktion hingewiesen werden: Schnitzler versteht es mit Lichtspielen, Beschreibung von Gerüchen oder Temperaturen eine Stimmung aufzubauen die es dem Hauptdarsteller genauso wie dem Leser schwer macht zwischen Wirklichkeit und Traum zu unterscheiden. Im dritten Kapitel möchte ich zunächst auf die einzelnen Frauenfiguren und ihre jeweilige Bedeutung für Fridolins Entwicklung im Laufe der Handlung eingehen. Was hat Fridolin dazu bewogen sich auf die nächtlichen Erlebnisse einzulassen? Warum kann er sein Vorhaben, sich an seiner Frau Albertine für ihren ehebrecherischen Traum zu rächen, nicht in die Tat umsetzen? Kann er sie nicht betrügen oder will er es in seinem tiefsten Innern nicht? Unter Punkt 3.3 soll genauer auf die Gründe für Fridolins Scheitern eingegangen werden. Sind all seine nächtlichen Erlebnisse erotischer Natur, wie vielfach in der Forschungsliteratur angenommen, oder sind sie auf den zweiten Blick eher eine Darstellung von Fridolins Mitgefühl für die meist unglückliche Lage seiner Bekanntschaften? Geht es also im Grunde gar nicht um die Erfüllung sexueller Sehnsüchte sondern um gegenseitige Anerkennung und Gleichberechtigung?[1] Muss Fridolin scheitern aufgrund seiner Nichtakzeptanz der weiblichen Begierde und der Frau als eigenständiges Glied der Gesellschaft? Im 4. Kapitel wende ich mich Albertines Traum und dessen Bedeutung in der Novelle zu. Können die nächtlichen traumhaften Erlebnisse von Fridolin mit dem gleichzeitig stattfindenden Traum Albertines auf eine Stufe gestellt werden? Albertine beichtet Fridolin ihren Traum in allen Einzelheiten. In enger Anlehnung an Freuds Traumdeutung liegt auch hier die Frage nahe, ob sich in ihrem Traum verborgene sexuelle Sehnsüchte ausdrücken, von welchen sie bisher nichts wusste. Abschließend muss die Aussprache der Eheleute erörtert werden: Die gegenseitige Beichte von Träumen, Wünschen und Gefühlen erweckt zunächst den Verdacht einer neuen Offenheit und eines durchweg positiven Abklangs. Trotzdem sollte diese scheinbar heil überstandene Krise hinterfragt werden. Hat der „ unfassbare Wind des Schicksals[2] die Ehe der Beiden nicht doch tief im Innern irreparabel geschädigt oder geht sie aus diesen krisenhaften Erlebnissen sogar noch gestärkt hervor?

2. Der Traum

2.1 Schnitzler/ Freud = Doppelgänger?

Schnitzlers Traumnovelle erscheint 1926 und Freuds „Traumdeutung“ um die Jahrhundertwende. Doch bereits viel früher begann Schnitzler mit der Ausarbeitung seines Werkes, so dass die Entstehung der Traumnovelle und die der Traumdeutung zeitlich in denselben Rahmen fallen. Die Ähnlichkeit in der Titelgestaltung ist offensichtlich. Der Vergleich der beiden Werke und ihrer Autoren liegt also nahe, auch ohne das Wissen dass sich beide intensiv mit der Psychoanalyse und der Bedeutung der Träume beschäftigt haben. Hinzu kommt, dass beide jahrzehntelang in derselben Stadt gearbeitet und nur wenige Straßen voneinander entfernt in Wien gewohnt haben. Schnitzler, Arzt und Schriftsteller zugleich war, schrieb neben den Romanen auch medizinische Abhandlungen und publizierte seine Thesen und Betrachtungen. So ist nicht ungewöhnlich, dass seine Beschäftigungen mit der menschlichen Psyche den Weg in sein schriftstellerisches Werk fanden. Trotz unverkennbarer Gemeinsamkeiten scheinen sich der Tiefenpsychologe Freud und der Schriftsteller Schnitzler nie bewusst begegnet zu sein. Claudio Magris[3] führt dies in seinem Aufsatz darauf zurück, dass sich beide wohl gescheut haben müssen einen persönlichen Kontakt aufzubauen.[4] Die für eine Großstadt doch recht familiäre Atmosphäre, die in Wien herrschte, hätte beide Männer, die doch durch ihre Arbeit sehr viel verband, irgendwann zusammenführen müssen.[5] Dass dies nicht der Fall war, kann also nur auf die Tatsache zurückgeführt werden, dass sich beide bewusst gemieden haben, den Kontakt abgelehnt haben, vielleicht etwa aus einer Art „ Doppelgängerscheu[6]. Freud erkannte in Schnitzler den „ Gefährten[7] in psychologischer und kultureller Hinsicht, der ihm unheimlich wurde, dadurch dass es Schnitzler gelang die von Freud selbst erarbeiteten Thesen über die Bedeutung der Träume als Teil der Dichtung in seine Romane zu integrieren. Als Arzt und Seelenforscher gelangt er, unabhängig von Freud, zu ähnlichen Ergebnissen. Während man von Freud behaupten kann, dass er eher auf theoretischer Basis seine Thesen vertritt, versucht Schnitzler diese durch seine schriftstellerische Arbeit weiterzuführen und damit die Psychoanalyse „ dichterisch auszugestalten[8]. Günter Mahal bezeichnet in Metzlers Literatur Lexikon[9] Schnitzlers Traumnovelle als „ dichterische Umsetzung[10] von Freuds Traumdeutung.

Folgende Thesen Freuds im Bezug auf die menschliche Psyche lassen sich in der Traumnovelle Schnitzlers herausarbeiten:

Freud geht von einer schwer zu überschreitenden Schwelle zwischen dem „Über-Ich“, den Werten und Normen einer Gesellschaft, und dem „Es“, dem Unbewussten und den Trieben, aus, was nicht einmal im Traum zu erreichen ist. Deshalb sind die Trauminhalte selten klar und deutlich, sondern erscheinen dem Träumer „ verschleier t“[11]. Diese bei Freud erkennbare Verschleierung ist vergleichbar mit der von Schnitzler herausgearbeiteten Verschiebung zwischen Traum und Realität, in der es dem Handelnden, in diesem Fall Fridolin, ebenso wie dem Leser unmöglich erscheint einen Anhaltspunkt für eine der beiden Ebenen festzumachen.

Um die Jahrhundertwende, als Freud seine Thesen veröffentlichte, verlangte die Gesellschaft von jedem Einzelnen, dass er bestimmte Regeln befolgte und Normen einhielt, sodass etwa ein freies Ausleben der eigenen Sexualität unmöglich wurde.[12] Freud war also der Meinung, dass sich diese unterdrückten Triebe im Bereich des Über-Ichs festsetzen und sich in Gestalt der Träume wieder entladen. Er erkennt in den meisten Träumen unterdrückte sexuelle Wünsche. Dieser Auffassung war auch Schnitzler, indem er in Albertines Traum unverkennbar sexuelles Begehren und unterbewusste Schuld- und Rachegefühle zu Tage fördert.[13] Zudem verknüpft Albertines Traum persönliche Erlebnisse miteinander und verarbeitet sie weiter. So erscheint ihr auch im Traum der real existierende Däne, während bei Fridolin die Eintrittsparole für die geheime Gesellschaft „ Dänemark “ lautet, welches beides direkt auf die Ferienerlebnisse des Ehepaares an der dänischen Küste verweist.[14] Auch dieses sind Merkmale der Psychoanalyse, an denen sich Schnitzler hier entlehnt. Als letzten gemeinsamen Punkt sollte an dieser Stelle auch noch die „reinigende Wirkung“ des Traumes kurz genannt werden: Mit Hilfe des Traumes glaubt Freud in die tiefsten und verborgensten Regionen des Menschen zu gelangen. Durch die Analyse des Traumes versucht er die Konflikte sichtbar zu machen und sie so zu lösen. Bei Schnitzler kann eine positive Wirkung der „ psychoanalytischen Beichtsituation[15] nur im Werk der Traumnovelle ausgemacht werden, bei der sich das Ehepaar nach dem gegenseitigen erzählen der Träume und Erlebnisse scheinbar wieder annähert.[16] Es kann also nicht verleugnet werden, dass das von Freud aufgestellte psychoanalytische Erklärungsmodell Einlass gefunden hat in die Traumnovelle. Wobei man zudem berücksichtigen muss, dass Schnitzler Kontakt hatte zu Freuds Schüler Theodor Reik und somit Freuds Theorien sehr genau kannte. Trotzdem sollte man den Begriff „ Doppelgänger “ im Zusammenhang mit Freud und Schnitzler nur sehr vorsichtig gebrauchen, da es primäre Unterschiede im Bezug auf ihre Thesen gibt:

Wichtigstes Unterscheidungsmerkmal der Thesen beider Männer besteht in der Existenz des von Schnitzler herausgearbeiteten „ Mittelbewusstseins “. Schnitzler kritisiert an der Psychoanalyse, dass sie „ überdeterminiert[17], d.h. er glaubt nicht an das Unbewusste als Basis des psychischen Lebens und entwickelt deshalb einen „ Rangierbahnhof[18] der zwischen Bewusstsein und Unbewusstem vermittelt.[19] In Schnitzlers Überlegungen besteht keine strikte Trennung zwischen Bewusstem und Unbewusstem, das Mittelbewusstsein verbindet beide Bereiche miteinander und spricht somit dem Individuum größere Verantwortung für sein Handeln zu.[20] Zudem kommt Freud in seiner Traumdeutung zu dem Entschluss, dass der Traum nichts für die Zukunft leiste, wohingegen Schnitzler in der Traumnovelle damit schließt, dass Albertine und Fridolins Zukunft durchaus von ihren Träumen bestimmt wird.[21]

Beide Seelenforscher hatten vieles gemeinsam, jedoch brachte Schnitzler der Psychoanalyse eine gewisse Skepsis entgegen. Man darf also nicht davon ausgehen, dass er die freudschen Thesen einfach in seinem Werk angewandt und übernommen hat. Die Psychoanalyse kann als ein „ Interpretationsschlüssel[22] unter vielen für Schnitzlers Novelle gesehen werden und nicht etwa als den einzig gültigen. Von Doppelgängern zu sprechen würde also zu weit führen, weil beide unabhängig voneinander sich ihre eigenen Gedanken zur menschlichen Psyche gemacht haben und zu durchaus unterschiedlichen Konklusionen gekommen sind.

2.2 Der Traum als Katharsis?

Der Traum spielt in der Novelle Schnitzlers, wie bereits im Titel erkennbar, eine zentrale Rolle. Es bleibt zu klären ob es sich beim Traum um ein „ Mittel der Erkenntnis[23] handelt, welches durch ein kathartisches Erlebnis Menschen in eine Art Krise versetzt aus der sie mit Hilfe der im Traum gemachten Erfahrungen eigene Lösungen für den Konflikt finden und sich so auf eine gewisse Art selbst therapieren oder ob der Traum, ganz wie bei Freud, zwar Wünsche und Probleme zu Tage fördert, selbst jedoch keine zukunftsorientierten Lösungsvorschläge liefert.

Das Ehepaar Albertine und Fridolin führen eine scheinbar harmonische Beziehung, die sich an der klassischen Rollenverteilung des ausgehenden 19. Jahrhunderts orientiert. Eine von Normen und Moral geprägte Gesellschaft verbietet Ausschweifungen jeglicher Art und unterdrückt damit die natürlichen Triebe des Menschen, wie etwa die nach freiem Ausleben von Sexualität. Dass diese Verdrängung, die damit von jedem einzelnen gefordert wird, Spannungen auslöst, die sich in anderen Bereichen entladen können, sollte logisch erscheinen. Auch bei Albertine und Fridolin scheint das Eheleben im Innern nicht so perfekt zu verlaufen wie es nach außen hin scheint. Nach einem harmlosen Maskenball am Abend, sind beide aufgewühlt, verwirrt und erzählen sich gegenseitig ihre Gefühle sowie auch weiter zurückliegende Erlebnisse an einem Badeort in Dänemark. Albertine fühlte sich damals von einem jungen Dänen angezogen und hätte ihren Mann nach eigenen Aussagen auch mit ihm betrogen: „ Wenn er mich riefe (…) ich hätte nicht widerstehen können[24]. Gleichzeitig sah sich Fridolin von einem jungen Mädchen in Versuchung geführt, das er bei einem Spaziergang traf. Beide Erlebnisse bleiben unvollendet und doch zeigen sie die Zerbrechlichkeit der Beziehung auf, sowie auch das „ angeschlagen(e)“[25] Miteinander. Als Fridolin daraufhin zu einem seiner Patienten gerufen wird, umweht ihn ein „ Hauch des kommenden Frühlings[26], welcher mit dem von Albertine später angesprochenen „ unfassbare(n) Wind des Schicksals[27] zu vergleichen ist, der ihre Ehe auf eine harte Probe stellt, indem er sie in geheime und unergründliche Bereiche ihres Innern führt. Der Wind ist also als „ Kraft[28] zu sehen, die den Menschen aus seiner geordneten Bahn wirft und ihn in dieses Niemandsland zwischen Wirklichkeit und Traum führt, das den Handelnden, in diesem Fall Fridolin, zum Innern seines Selbst führt. Albertine erkennt die Gefahr, der ihre Beziehung jetzt ausgesetzt ist. Vieles scheint plötzlich zu zerbrechen, ein Gefühl der Rache keimt in beiden Partnern auf und Albertine unternimmt einen ersten Aussöhnungsversuch indem sie auf die Zeit ihrer Verlobung zu Sprechen kommt. Da Fridolin aber zu einem Patienten gerufen wird und deshalb das Gespräch mit seiner Frau unvollendet bleibt, kann die notwendige Aussprache nach dieser ersten Krise, ausgelöst durch die beidseitigen Geständnisse der Urlaubserlebnisse in Dänemark, nicht stattfinden. Bereits an diesem Punkt der Novelle hätten die erträumten und wunschähnlichen Abenteuer in Dänemark zu einer kathartischen Konfliktlösung führen können. Da dies aber unmöglich gemacht wird durch Fridolins Verpflichtung als Arzt, erschwert sich die Krise nur noch und zieht schwerwiegendere Traumerlebnisse und darauf folgende Beichtsituationen mit sich. Schnitzler stimmt in dem Punkt mit Freud überein, dass der Traum verborgene und unterdrückte Wünsche und Begehren offenbart. Als Fridolin sich in den Fängen seiner nächtlichen Erlebnisse verloren hat, gelingt es ihm nur schwer sich wieder zu lösen. Parallel zu Fridolin erlebt auch Albertine einen, im Vergleich zum Dänemark- Erlebnis, gesteigerten Untreue-Traum. Der „ Wind des Schicksals “ hat beide mit voller Wucht getroffen und lässt beide Partner nicht unverändert in ihr gewohnt bürgerliches Leben zurückkehren. Sie gelangen in eine neue Beichtsituation, für deren erfolgreichen Ausgang nur sie selbst verantwortlich sind. Imboden[29] spricht zwar von einer „ zerstörenden Macht[30] des Windes, die schlussendlich aber das „ Gute[31] zu Tage fördere, in dem sich das Ehepaar vor einem erneuten „ Hinabgleiten[32] in die Tiefe durch ihre Aussprache bewahre. William Rey[33] kommt zu einem ähnlichen Ergebnis und sieht in den Traumerlebnissen der beiden eine Art „ Bewährungsprobe[34] ihrer Beziehung, den Traum selbst als Mittel zum Zweck. Die Forschungsliteratur sieht die Funktion des Traumes innerhalb der Novelle recht einstimmig als Ausleben der unterdrückten „Libido“ und der daraus resultierenden Lösung der Krise aus sich selbst heraus.[35] Der Traum fördert also einen Selbstheilungsprozess: Nachdem Fridolin und Albertine sich der Gefahren, die ihre Ehe bedrohen, mit Hilfe der Träume bewusst geworden sind, entscheiden sich beide für eine ehrliche Aussprache, die die aufgerissenen Wunden wieder verschließen soll. Der „ sieghafte Lichtstrahl[36] und das „ helle Kinderlachen[37] lassen die von Schnitzler gezeichnete perfekte Idylle am Ende der Novelle jedoch als trügerisch erscheinen. Fridolins Frage „ Was sollen wir tun, Albertine ?“[38] passt zur Erkenntnis, dass der Traum nicht eine rein kathartische Rolle in der Novelle spielt. Letzte Zweifel sind nicht aus dem Weg geräumt, die entstandenen Ritze in der Beziehung sind irreparabel und was die Zukunft für Gefahren und Versuchungen birgt, kann zu diesem Zeitpunkt nicht erschlossen werden. Das Wissen um diese Gefahren, verbietet die Rückkehr zu einem „ status quo[39]. Albertine, die in ihrer Entwicklung weiter erscheint als Fridolin, erkennt die Zeichen der Zeit und mahnt zur Vorsicht. Sie sieht in der „ gegenseitigen Offenheit[40] eine Voraussetzung für ein glückliches Zusammenleben, das jedoch keine Garantie für absolutes Gelingen darstellt. Der erstarrten Leidenschaft kann der Traum zu neuem Leben verhelfen, sowie Konflikte und Wünsche bewusst machen. Die Überwindung der Krise aber schafft er nicht allein, dazu bedarf es der Bereitschaft beider Partner, unter ständiger Anstrengung, jeden Tag aufs Neue gegen die triebhaften Mächte des Eros anzukämpfen.

2.3 „Kein Traum ist völlig Traum“

Der Traum kann dem Bereich des Chaos und der Triebe zugeordnet werden, während die Realität dem Bereich der Ordnung und dem bürgerlichen Leben angehört. Schnitzler versteht es in besonderer Weise diese beiden Bereiche zu vermischen und seine Figuren in einen Zwischenraum zu manövrieren, der weder dem einen, noch dem anderen Bereich angehört. Die Grenzen zwischen Wirklichkeit und Traum werden kaum unterscheidbar. Die reale Welt erscheint plötzlich unverständlich und fremd während einem die traumähnlichen Erlebnisse jedoch ebenfalls beängstigend und sonderbar vorkommen. Die zuvor erklärbare und gefestigte reale Welt schwindet zugunsten eines Bezirkes auf den zugleich die Ordnung und das Chaos einwirken können.[41] Sowohl der Handelende als auch der Leser verliert sich zunehmend in den von Schnitzler erzeugten und sich abwechselnden Traum- und Wachwelten. Michael Imboden spricht bei Schnitzlers Gestalten von „ Reisenden[42], die die unterschiedlichen Bewusstseinsebenen besuchen. Diese Phantasiewelten tun sich seiner Meinung nach nur auf, wenn Konflikte im realen Leben unerträglich werden und somit „ Bilder der Seele… nach außen projiziert werden“[43]. In der Traumnovelle beginnt Fridolin nach seinem Besuch bei Marianne und dem toten Hofrat in die Tiefen des surrealen Zwischenreiches abzugleiten. Gleich nach dem Verlassen des Hauses seines Patienten erscheinen ihm die Menschen darin „ gespensterhaft unwirklich[44]. Fridolin gerät nun immer tiefer in die Abgründe seiner Seele und erlebt die nun folgenden Ereignisse wie ein Schlafwandler in einem Zustand der ihm zwar ermöglicht zu handeln, nicht jedoch rational zu verstehen. Alles erscheint fremd und fern, sogar bekannte Menschen oder Situationen. In diesem Zwischenreich fühlt sich Fridolin ständig als Ausgestoßener und Beobachter, niemals aber als aktiv Teilnehmender.[45] Die Grenze zwischen „ Objektivem und Subjektivem[46] verwischt zunehmend, um schlussendlich in einer ausschweifenden Orgie zu gipfeln. Jedes seiner nächtlichen Erlebnisse entführt Fridolin tiefer in die ihm fremde Traumwelt. Einlass in die geheime Gesellschaft erhält Fridolin nur mit Hilfe eines alten Studienfreundes, dessen Namen „ Nachtigall “ bereits auf die „ Verlockung[47] verweist und damit auch gleichzeitig auf den Bereich des unwirklichen und märchenhaften.

Für die These, dass sich Fridolins nächtliche Erlebnisse nur in einer traumhaften Phantasiewelt seines eigenen Innern abspielen, spricht auch die Parole des Hauses, die ihm Eintritt in die geheime Gesellschaft verschafft: „ Dänemark “. Dieses Wort erinnert gleichzeitig an einen real existierenden Ort, an dem Fridolin und Albertine ihre Ferien verbracht haben. Fridolin bindet also hier, getreu dem klassischen Aufbau eines Traumes, Erinnerungen und Überbleibsel des Tages, in seinen Traum mit ein. Die Bezüge zu vorherigen Geschehen sind unverkennbar: die Verletzung seiner Ehre erinnert an das Zusammenstoßen mit dem Couleurstudenten, die Masken und Verkleidungen an Gibisiers Kostümmagazin, sowie die schöne Unbekannte an seine Frau Albertine selbst. Fridolin verarbeitet die Ereignisse in dieser Situation wie in einem Traum.[48] Zudem gibt Schnitzler selten genaue geographische Anhaltspunkte oder explizite Raum- und Figurenbeschreibungen. Eine Beschreibung von Menschen oder Orten finden immer nur dann statt, wenn Fridolin sich ihnen nähert oder sich mit ihnen befasst und in seiner Wahrnehmung einen Eindruck hinterlässt.[49] Auch dies sind Merkmale des Traumes, selten erscheinen einem im Traum Bereiche oder Einzelwesen klar. Zudem weist die Beschreibung der Kutschfahrt von der Villa zurück zur Stadt alptraumhafte Züge auf[50]: „Er klopfte an die Scheiben, er rief, er schrie, der Wagen fuhr weiter.(…)Fridolin, von Unruhe, von Angst erfasst, war eben daran, eines der blinden Fenster zu zerschmettern, als der Wagen plötzlich stillstand.“[51]

Für die These, dass sich Fridolins Erlebnisse doch in der Realität abspielen, spricht die Tatsache, dass er sich am nächsten Tag zu den Schauplätzen der Nacht begibt und diese auch ausnahmslos alle findet. Am Tor zur Villa wird ihm sogar ein Brief überreicht, welcher letzte Zweifel aus dem Weg räumen sollte. Als endgültigen Beweis für die Wirklichkeit und gegen die Fiktionalität seiner Abenteuer kann auch die von Albertine aufs Bett gelegte vergessene Larve der letzten Nacht gesehen werden.

Endgültige „ Fixierungen von Wirklichkeiten[52] können, durch Schnitzlers Begabung mit erzählerischen Mitteln, eine fast untrennbare Verflechtung von Realität und Traum zu erzielen, nicht festgemacht werden. Viel wichtiger als die Frage ob Fridolin alles nur träumt oder ob doch reale Begegnungen stattfinden, scheint es mir zu klären, was Schnitzler mit seiner systematischen und wohlorganisierten Verschleierung und dem Entrücken der Wirklichkeit ins Traumhafte bezwecken möchte. Fridolin sagt in einem Gespräch mit Albertine am Ende der Novelle: „ Und kein Traum (…) ist völlig Traum[53], was soviel bedeutet wie: Auch der Traum beinhaltet einen gewissen Grad an Wirklichkeit und diese im Gegenzug einen Teil traumhafte Elemente.[54] Schnitzler legt Fridolin mit diesem Satz den Schlüssel zur eigenen Erkenntnis selbst in den Mund: den Traum darf man nicht als nichtig ansehen, denn in ihm offenbart sich die Wirklichkeit, zwar in verhüllter und entrückter Weise, und doch tun sich die wahren Empfindungen und tiefsten Wünsche der Seele in ihm auf. Man könnte auch hinzufügen: „ Und keine Realität ist völlig Realität.“, denn beide Bereiche, den der Ordnung und den des Chaos, wirken gegenseitig aufeinander ein und bedingen sich. Durch den Traum wird dem Menschen ermöglicht in sich hineinzublicken und einen Selbstfindungsprozess in Gang zu setzen. Auch wenn die Inhalte des Traumes oftmals fremd und unverständlich bleiben, tun sich doch Ritze auf, die es dem Träumer ermöglichen denen im Traum gemachten Erfahrungen Wahrheiten für das reale Leben abzugewinnen.

[...]


[1] Vgl. Rey S. 40.

[2] Schnitzler, Arthur, S.7.

[3] Magris, Claudio: Arthur Schnitzler und das Karussell der Triebe. In: Hartmut Scheible (Hrsg.), Arthur Schnitzler in neuer Sicht. Paderborn 1981, S. 71- 80

[4] Vgl.Magris S.71.

[5] Vgl. Magris S.71.

[6] Sigmund Freud, Briefe an Arthur Schnitzler. Neue Rundschau 66 1955 S.100.

[7] Magris S. 71.

[8] Lantin S.101.

[9] Metzler Literatur Lexikon. Begriffe und Definitionen. Hrsg. Günther Schweikle 2000.

[10] Mahal S.72.

[11] Vgl. Schuster S. 175.

[12] Vgl. Schuster S.162.

[13] Vgl. Lantin S.76.

[14] Vgl. Lantin S.53.

[15] Lantin S. 102.

[16] Vgl. Lantin S.102.

[17] Arthur Schnitzler über Psychoanalyse. In: Protokolle. Wiener Halbjahreschrift für Literatur , bildende Kunst und Musik2 ,

1976. S277.

[18] Scheible S.102.

[19] Vgl. Kluge S.338.

[20] Vgl Scheible S.102.

[21] Vgl. Kluge S.340.

[22] Magris S.72.

[23] Scheible S.73.

[24] Schnitzler S. 8.

[25] Imboden S.52.

[26] Schnitzler S.14.

[27] Schnitzler S.7.

[28] Imboden S.48.

[29] Imboden, Michael: Die surreale Komponente im erzählenden Werk Arthur Schnitzlers. Europäische Hochschulschriften. Reihe I Deutsche Literatur und Germansitik, Bd.47. Bern u.a. 1971.

[30] Imboden S.63.

[31] Imboden S.63.

[32] Imboden S.63.

[33] Rey, William H.: Das Wagnis de Guten in Schnitzlers „Traumnovelle“. In: The German Quarterly, Vol. 35, 1962 Nb. 1, S. 254- 264

[34] Rey S.263.

[35] Vgl. Krotkoff 1973, S. 202.

[36] Schnitzler S.93.

[37] Schnitzler S.93.

[38] Schnitzler S.92.

[39] Perlmann S.201.

[40] Kluge S.335.

[41] Vgl. Imboden S.27.

[42] Imboden S.38.

[43] Imboden S38.

[44] Schnitzler S.3.

[45] Vgl. Imboden S.54.

[46] Krotkoff 1973, S.208.

[47] Imboden S.56.

[48] Vgl. Knorr S.197 .

[49] Vgl. Vorbrugg S.146.

[50] Vgl. Lantin S.78.

[51] Schnitzler S. 52f.

[52] Knorr S.206.

[53] Schnitzler S.92.

[54] Vgl. Schuster S.166 .

Ende der Leseprobe aus 32 Seiten

Details

Titel
Traum und Begehren in Arthur Schnitzlers Traumnovelle
Hochschule
Universität Trier
Note
2,0
Autor
Jahr
2008
Seiten
32
Katalognummer
V165804
ISBN (eBook)
9783640815708
ISBN (Buch)
9783640815357
Dateigröße
612 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Traum Begehren Scham Schnitzler Traumnovelle Psychoanalyse Freud
Arbeit zitieren
Jacqueline Turpel (Autor), 2008, Traum und Begehren in Arthur Schnitzlers Traumnovelle, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/165804

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