Die Ökonomie der Anarchie: Braucht die Gesellschaft einen Staat?


Bachelorarbeit, 2009

41 Seiten, Note: 1.7


Leseprobe

INHALTSVERZEICHNIS

I. Abbildungsverzeichnis

1. Zielsetzung und Gliederung der Arbeit

2. Ökonomische Konzeptionen in der Anarchie
2.1. Die zwei Sichtweisen in derökonomischen Lehre der Anarchie
2.2. Ökonomische Betrachtung von Kooperation
2.3. Kritische Folgerungen aus der Anarchie

3. Staatliches System als Status Quo
3.1. Staatliche Evolution aus der Kooperation: Eine modelltheoretische Analyse
3.2. Wirtschaftliche und soziale Begründung staatlicher Interventionen

4. Auflösung des staatlichen Verbundes
4.1. Motive und Rechtfertigungsgründe für die Wiederabschaffung des Staates
4.2. Konzeption eines Minimalstaates als alternative Herrschaftsform

5. Zusammenfassung und Politikimplikationen

6. Quellen- und Literaturverzeichnis

7. Anhang

I. Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Produktionsanreize in der Anarchie

Abbildung 2: Einkommen-Aufwand Diagramm

Abbildung 3: Entwicklung der Staatsquote in Deutschland

Abbildung 4: Reaktionskurven

Abbildung 5: Politische Anarchie nach Cuzan: Zustand in der Anarchie

Abbildung 6: Politische Anarchie nach Cuzan: Zustand im Staat

1. Zielsetzung und Gliederung der Arbeit

In Zeiten von wirtschaftlichen Krisen, Bankenkollapsen und Rezessionsängsten wird die Frage laut, wie wirksam staatliche Interventionen sind, inwiefern sie ausgeweitet oder begrenzt werden sollten und obüberhaupt ein System staatlicher Regulierungen den gestellten Anforderungen gerecht wird.

Seit Beginn des 20. Jahrhunderts haben sich die staatlichen Interventionen in ihrer Vielfalt vergrößert. Der Staat schützt nicht mehr lediglich vor Raub und sichert das Eigentum eines jeden Individuums, welches im Einflussbereich des Staates ist. Vielmehr sind nun auch Rassendiskriminierung sowie unternehmensspezifische Regulierungen Gegenstand präsenter staatlicher Eingriffe [Becker 1968: S. 169]. Alsökonomische Rechtfertigung dient dabei das Selektionsprinzip, welches von Hans-Werner Sinn, einem der anerkanntesten deutschen Ökonomen, definiert wurde: „Das Selektionsprinzip besagt, dass Staaten jeneökonomische Aktivitätenübernommen haben, für deren Erledigung sich der private Markt als unfähig erwies.“ [Sinn 1997: S. 248]. Dadurch ergibt sich nach Sinn für den Staat die Implikation, dass dieser als essentielles Glied in das Wirtschaftsgeschehen eingreifen muss, um die Unzulänglichkeit privater Institutionen auszugleichen.

Beispielhaft hierfür ist die Entwicklung der Staatsquote in Deutschland. Seit 1960 hat die Staatsquote bedingt durch Sozialreformen von 32,9% auf 48,5% (2003) zugenommen. Der von Bundesfinanzminister Steinbrück vorangetriebene Konsolidierungskurs führt nun erst seit 2004 zu einer stetigen Abnahme dieser Quote und rangierte im Jahr 2007 bei 43,8%.1 Allgemeineökonomische Ansätze vertreten dabei den Standpunkt, dass eine adäquate Ab- senkung2 der Staatsquote „als positiv für das Wirtschaftswachstum eingeschätzt“ werden kann [Bundesinnenministerium für Finanzen 2008]. Daher ist die Staatsquote, zumindest der Theorie nach, ein Kalkül, um die Einfluss staatlicher Interventionen auf das wirtschaft- liche System zu messen. Vor dem Hintergrund des aktuellen wirtschaftlichen Zusammenbruchs, welcher zumindest teilweise Ausdruck eines Staatsversagens ist, ist es allerdings fraglich, ob die abnehmenden staatlichen Eingriffe zu mehr Prosperität führen. Dies entspricht den Ansichten der Public Choice Theorie, in denen wohlfahrtsfördernde politische Entscheidungen lediglich ein Nebenprodukt egozentrischer Nutzenmaximierung darstellen und somit gemeinschaftliche Prosperität in den Hintergrund gerät. Diese Ent- wicklungen resultieren aus neuen Erkenntnissen in der Mikroökonomie, in denen im Ge gensatz zu keynsianisch geprägten Modellen der Wirtschaftspolitik nun Situationen unter unvollständigen und asymmetrischen Informationen im Vordergrund stehen [vgl. Mueller 2007].

Unter diesem Gesichtspunkt sollen daher die vielfältigen Anforderungen näher beleuchtet werden, die an einen saturierten Staat gestellt werden müssen, um das Ziel der Wohlfahrtsförderung zu erreichen. Diese Anforderungen reichen von größtmöglicher sozialer und individueller Wohlfahrt,über Verteilungsgerechtigkeit bis hin zur Sicherung persönlicher Rechte [vgl. Benz 2001]. Ziel der Arbeit ist es dabei herauszustellen, ob die Anarchie, welche seit Thomas Hobbes Ursprung der klassischen Staatstheorie ist [vgl. Hobbes 1651], eine mögliche und optimalitätsfördernde Alternative zu einem Staat darstellt, wie die Ökonomie der Anarchie beschaffen ist und welche grundlegenden Anforderungen an ein solches staatsfreies System gestellt werden müssen.

Zu Beginn des zweiten Kapitels wird die formale Konzeption der Anarchie ausgearbeitet, wobei die aktuelle Relevanz der thematischen Diskussionenüber die Anarchie sowie des- senökonomische Grundlagen im Vordergrund stehen. Dies ist umso wichtiger, da hier mit Vorurteilen und Fehlinterpretationen aufgeräumt und dem Leser einökonomisches Grund- verständnis dieser Thematik an die Hand gegeben wird. Darauf aufbauend werden wichtigeökonomische Grundsätze der Anarchie ausgeführt. Hierbei werden Bedingungen für die Entstehung von Kooperation in einem staatsfreien System näher beleuchtet, wie sie Robert Axelrod in seinem Buch „Die Evolution der Kooperation“1984 aufgreift oder auch von Breyer/Kolmar 2005 ausgeführt werden. Vor diesem Hintergrund werden relevante Mo- delle herausgearbeitet. Abschließend wird ein Überblicküber die Prämissen der Anarchie beleuchtet und fundamentale Kritik an diesen geübt.

Die Illustrierung der Problematik von Kooperation im staatsfreien Zustand dient als Übergang zu einem staatlichen System, welches im dritten Kapitel thematisiert wird. Hier stehen wissenschaftliche Ansichten im Vordergrund, welche die Entstehung eines Staates aus dem anarchischen Zustand als Kausalitätskette verstehen. Dabei werden die Anforderungen, die an einen Staat gestellt werden, behandelt und deren Problematik dargelegt. Hierbei soll auch dieökonomische Diskussionüber den Umfang von staatlichen Interventionen und deren Rechtfertigung im Blickpunkt stehen.

Im vierten Kapitel werden mögliche Gründe für die Wiederabschaffung des Staates aufge- führt und zum Abschluss der Minimalstaat als mögliche Alternative zwischen den Extremen von Anarchie und Staat erörtert. Abschließend dient die Schlussbemerkung als kritischer Rückblick auf die behandelte Thematik und wird durch Politikimplikationen abgerundet.

2. Ökonomische Konzeptionen der Anarchie

Kerngedanke dieses Kapitels wird es sein, die unterschiedlichenökonomischen Standpunk- te bezüglich der Anarchie und die möglichen nachhaltigen Auswirkungen auf die gesell- schaftlichen Gefüge zu thematisieren und in ein schlüssiges Konstrukt zuüberführen. Da- für werden zunächst die Standpunkte unterschiedlicher Ökonomen aufgegriffen und einan- der gegenüber gestellt, um die unzähligen Intentionen und Strömungen zu vergegenwärti- gen.

An dieses anknüpfend wird dieökonomische Betrachtung der Kooperation zwischen den Individuen in den Vordergrund gerückt. Hierbei soll verdeutlicht werden, welche Möglich- keiten es gibt, auch in einem staatsfreien Zustand Kooperation zu schaffen, die längerfris- tig Bestand hat.

Abgeschlossen wird dieses Kapitel mit einer kritischen Auseinandersetzung der behandel- ten Thematik. Dabei wird herausgestellt, ob der Anarchie in derökonomischen Diskussion eine plausible Möglichkeit des nachhaltigen Bestehens eingeräumt wird und sofern ja, warum der staatslose Zustand auf die Realitätübertragen keine Durchsetzungskraft entwi- ckeln kann.

2.1 Die zwei Sichtweisen in derökonomischen Lehre der Anarchie

Im täglichen Sprachgebrauch und auch in deröffentlichen Presse wird die Anarchie oft- mals als ein Reizwort interpretiert [vgl. Voser 1982]. Dies basiert auf Vorurteilen und auf mangelndem Verständnis, da sich Anarchie keinesfalls lediglich mit Gewalt oder Chaos gleichsetzen lässt. Grundlegend kann man die Ansichten bezüglich der Anarchie in zwei Lager teilen: Die Befürworter und die Gegner. Dabei wurde eine wichtige Grundlageüber Anarchie und ihre mögliche, wohlfahrtserhaltende oder sogar wohlfahrtsverbessernde Ausprägung anstelle eines Staates, durch die sogenannten „Public Choice Scholars“ gelegt. Diese Bewegung entstand in den frühen siebziger Jahren als eine Folge der Publikationen „Explorations in the Theory of Anarchy“ und „Further Explorations in the Theory of Anar- chy“ von Gordon Tullock [1972, 1974].

Diesem Trend folgten weitere Veröffentlichung von bekannten Ökonomen und mitunter Nobelpreisträgern wie James Buchanan, Gordon Tullock, David Friedman, Murray Roth- bard und Robert Nozick, ebenfalls in den frühen siebziger Jahren. Sie hinterfragten die Nützlichkeit des Staates und versuchten Alternativen in Form von anarchischen Gesell- schaftsformen einzuführen und diese einem staatlichen System in Effektivität und mit Er folgsperspektiven für alle Menschen, nicht nur der führenden Elite,überzuordnen [Powell, Stringham 2008: S. 2-3].

Zunächst ist es jedoch wichtig ein Grundverständnis aufzubauen, für was Anarchie einsteht und was sie bedeutet. James M. Buchanan formulierte die Beschaffenheit der Anarchie wie folgt: „No man holds coercive power over any other man, and there is no impersonal bu- reaucracy, military or civil, that imposes external constraint” [Buchanan 1975: S. 3]. Da- neben beschreibt Buchanan, dass für einen Individualisten der herrschaftsfreie Zustand, in dem persönliche Verhaltensnormen einvernehmliche Akzeptanz finden, das Ideal repräsen- tiert. Da niemand Zwang aufeinander ausübt und jedermann innerhalb der Toleranzgrenzen seine Freiheit praktiziert, ergibt sich für den Anarchisten die Ablehnung gegenüber einer staatlichen Gewalt [Buchanan 1984: S. 3].

Der Ökonom Winston Bush unterstützt diese Aussage, indem er Anarchie als einen Zustand beschreibt, der allen denjenigen Individuen zusagt, die persönliche Freiheit als wichtig erachten [Stringham 2005: S.10].

Vorzugsweise dient die folgende Definition der Anarchie zur nachhaltig-verwendeten Be- griffsbestimmung: „An anarchic society is a society of conflict where agents can rely nei- ther on the voluntary respect for individual possession nor on the fulfillment of bilateral or multilateral arrangements“ [Kolmar; Bös 2003: S. 2431]. Auch ist die endgültige Vertei- lung von Gütern in der Anarchie, nämlich durch die Aktivität des Aneignens von Gütern anderer Individuen, häufiger in einer gewaltsamen Form zu finden, als in Frieden und Ab- sprache [Duffy; Kim 2005: S. 298].

An dieser Stelle gilt es jedoch zu verdeutlichen, dass die so definierte Anarchie keinesfalls der einzige Zustand ist, in den eine staatslose Gesellschaft verfallen kann. Vielmehr exis- tiert daneben auch die Vorstellung einer utopischen Welt, in der die Menschen miteinander kooperieren und auf Gewalt untereinander verzichten. Weiterhin gibt es auch die Amor- phie, in der keine Güter produziert würden, die leicht zu stehlen wären. Schließlich wäre eine Art Leviathanismus eine mögliche Ausprägung, in der ein absolutistischer Diktatorüber die Herrschaftsgewalt verfügt, die Gesellschaft vor Gewalt und Unrecht schützt, für diese Dienstleistung jedoch dem Volk Steuern als Vergütung aufbürdet [Duffy; Kim 2005: S. 298]. Der Fokus soll in dieser Arbeit jedoch auf der elementaren Anarchie liegen.

Die zuvor verwendeten Definitionen verdeutlichen zunächst die Prämissen, welche an den Zustand der Anarchie in der Ökonomie gestellt werden. Diese setzen voraus, dass es keineübergeordnete Kontrollinstanz gibt, die vertragliche Verpflichtungen durchsetzen könnte. Auch Eigentumsrechte sind der Idee nach in der Anarchie nicht gesichert. Jack Hirshleifer bringt es dabei wie folgt auf den Punkt: „...anarchy is a social arrangement in which con tenders struggle to conquer and defend durable resources without effective regulation by either higher authorities or social pressures“ [Hirshleifer 1995: S. 27]. Laut H.-H. Hoppe ist es allerdings falsch, aus der Anarchie grundsätzlich auf Konflikte zu schließen. Es sei nämlich von eminenter Bedeutung, dass allein die Verschiedenartigkeit der Interessen von Individuen keine hinreichende Bedingung für das Eintreten von Konflikten darstelle. Vielmehr entstünden Konflikte erst dann, wenn sich die voneinander unterscheidenden Interessen der Individuen auf dieselben Güter richten und somit konfli- gieren. Konflikte würden erst bei Güterknappheit eintreten, welches dadurch die notwendi- ge Bedingung für das Entstehen von eben jenen Konflikten darstelle [Hoppe 2002: S.2]. Diese Räson ist insofern von Bedeutung, als dass hierdurch dem Zustand der Anarchie konzeptionell die Möglichkeit des konfliktlosen Miteinanders zugeschrieben wird. Diesen konfliktlosen Zustand kann man nach Hoppe genau dann erreichen, wenn man sämtliche Güter fortwährend als Privateigentum einzelner Personen festsetzt und somit stets klar ist, welche Güter zu wem gehören [Hoppe 2002: S.2].

Die Erkenntnis aus den Ausführungen von Hoppe hat eine Nähe zu Immanuel Kant und seinem Vernunftbegriff. Immanuel Kant vertritt mit diesem Begriff die Denkweise, dass sich der Mensch als vernünftiges Wesen auch in einem rechtsfreien Raum zu Anstand verpflichten wird [Breyer/Kolmar 2005: S. 86].

Auch Robert Axelrod vertritt diese These. In seinem Buch „Die Evolution der Kooperati- on“1984 macht Axelrod deutlich, dass sich Kooperation in einem staatsfreien Zustand etablieren kann. Jene ist eine Grundvoraussetzung für ein nachhaltiges Bestehen von Anar- chie. Dieser Kernpunkt wird im nachfolgenden Kapitel 2.2 explizit thematisiert. Patrick Gunning unterstreicht in „Towards a Theory of the Evolution of Government“ [Stringham 2005: S. 60 ff] zumindest prinzipiell die Möglichkeit des Verzichts auf einen staatlichen Verbund im Zustand der Anarchie, sofern es eine nicht-endliche Anzahl von interpersonellen Kontakten zwischen den Individuen gibt, welche das Fortbestehen von Kooperation begründen würden.

An dieser Stelle wird deutlich, dass es eine breite Front an Ökonomen gibt, welche die benannten positiven Folgerungen als grundsätzlich in der Realität praktikabel erachten und somit einem anarchischen Zustand die Möglichkeit des nachhaltigen Fortbestehens ein- räumen. Diese Ansichten stehen allerdings im großen Gegensatz zu so bedeutsamen Wer- ken wie Thomas Hobbes` bellum omnium contra omnes [vgl. Hobbes 1651]. Hobbes macht mit seinem misanthropischen Menschenbild deutlich, dass Menschen in einem staatslosen Zustand in Krieg verfallen und erst ein eingesetzter Leviathan mit ausgeprägten Herr- schaftsbefugnissen einen zwischenmenschlichen Frieden herstellen kann. Aus Hobbes` Sicht ist ein Herrscher, zum Beispiel ein Leviathan, eine notwendige Instanz um interindividuelle Kooperation zu ermöglichen [vgl. Axelrod 1984: S. 3].

Den Grundgedanken, dass Menschen in einem rechtsfreien Raum zu Tieren werden, verfolgt eine Vielzahl von Ökonomen. Denn seit Mitte der sechziger Jahre hat die Diskussionsvielfallt rund um den Zustand der Anarchie und die Bewegung diesen herbeizuführen, Anarchismus genannt, an Ausdehnung gewonnen. Nach Ansicht von Winston Bush liegt dies am Umfang der staatlichen Interventionen in das Sozialgefüge der Menschen, der seit Mitte des Jahrhunderts stark zugenommen hat [Stringham 2005: S. 10].

Seitdem wurde eine Vielzahl von wegweisenden Schriften von Ökonomen veröffentlicht. Die Diskussionüber die Anarchie als mögliche Alternative zu einem staatlichen System resultiert aus der Public Choice Perspektive, und dabei in erster Linie aus der Unzuläng- lichkeit des Staates.3 Hierbei vertreten Powell und Stringham [2008: S. 2] die Auffassung, dass die Menschen zwar ein staatliches System mit Gesetzen und Rechten als existent an- nehmen, in der Praxis sich jedoch der Staat oftmals als korrupt, nicht perfekt und auch als nicht-durchsetzungsfähig erweist. Dies führe dazu, so Powell und Stringham weiter, dass sich die Menschen in einem Zustand der Anarchie wiederfinden, da ein Staatsversagen eintritt.

Betrachtet man aktuelle wirtschaftliche Geschehnisse, in denen Aktienmärkte kollabieren, multinationale Unternehmen insolvent gehen und Anleger ihre Ersparnisse verlieren, so wird die Frage nach der adäquaten Funktionalität eines staatlichen Systems besonders laut. Was allerdings bereits deutlich wird, ist, dass der Staat in seiner Funktion als marktregulierendes und stets wohlfahrtserhöhendes Instrument versagen kann und es in Anbetracht der Vorkommnisse augenscheinlich auch tut. Dabei spielt nicht nur der Umfang, sondern auch die Transparenz der Kontrollmöglichkeiten des Staates eine Rolle.

Die kontroversen Diskussionenüber die Vorteilhaftigkeit und Nutzenbringung eines Staates werden nicht abreißen, solange dieser das benannte Unvermögen aufweist. Daher ist eine präzise Analyse von Alternativmöglichkeiten wie der Anarchie eine unumgängliche Aufgabe der Ökonomie, was sich in dem Streben nach höherer sozialer und wirtschaftlicher Wohlfahrt begründet. Ob und unter welchen Bedingungen sich in einem staatsfreien Zustand möglicherweise Optimalitätsverbesserungen ergeben und, im Kontrast dazu, welche Funktionen nur ein Staat erfüllen kann, ist Gegenstand dieser Arbeit.

2.2 Ökonomische Betrachtung von Kooperation

Eine Grundproblematik der Anarchie stellt die interpersonelle Kooperation dar. Jene Kooperation ist jedoch eine Notwendigkeit individueller Entfaltung. Dies hat seinen Ursprung darin, dass es in der Regel einem Individuum unmöglich ist sämtliche Bedürfnisse und Wünsche durch eigene Herstellung von Gütern zu befriedigen. Zum Einen liegt das an den Fähigkeiten, nicht alles selber herstellen zu können. Zum Anderen liegt dies an der zeitlichen Begrenztheit. Bedürfnisse sind vielfältig und die Produkte, die zur Befriedigung dieser Bedürfnisse dienen, brauchen mitunter viel Zeit zur Herstellung.

Diese Einsicht wurde historisch gesehen aus dem Übergang von der Selbstversorgung zum Urkommunismus getätigt, in dem die Bildung von Gemeinschaften zur Lösung wirtschaft- licher Aufgaben, wie das Herstellen verschiedener Güter, eingeführt wurde. Allerdings wurden erst im nächsten Schritt, dem einfachen Tauschhandel, erste Tauschaktivitäten ar- rangiert [Bliemel, Kotler 2007: S. 8]. Mit Tauschaktivitäten ist es daher möglich, eigene Bedürfnisse optimal zu befriedigen und somit eine Wohlfahrtsverbesserung vorzunehmen. Diese Kultivierung setzt daher einen Güteraustausch voraus, dessen Bedingungen in fünf Punkten zusammengefasst werden können: Erstens muss es zwei Parteien geben die, zwei- tens, jeweils etwas haben, dass für die andere Partei von Wert ist. Drittens muss jede Partei im Stande sein mit der anderen Partei in Interaktion zu stehen. Viertens obliegt es der frei- en Entscheidung jeder Partei ein Tauschangebot anzunehmen oder abzulehnen und schließ- lich, fünftens, muss es eine grundsätzliche Tauschbereitschaft geben [vgl. Kotler; Bliemel 2007: S. 14].

In einem staatlichen System gibt es wirtschaftliche Regulierungen, welche für Distributionen und Allokationen auf dem Markt sorgen. Hierbei entsteht Tausch auf Basis von durchgesetzten Eigentumsrechten.4 In der Anarchie gibt es jedoch, wie eingangs er- wähnt, keine staatliche Regulierung zur Durchsetzung dieser Rechte. Bedingt durch Tauschaktivitäten sind durchgesetzte Eigentumsrechte allerdings eine notwendige Bedin- gung für den individuellen Nutzenzuwachs. Als geeignete Modellierung dient hier eine Ausführung von Breyer/Kolmar [2005: S. 82f.] in der Robinson-Ökonomie. Zunächst wird mit dem Übergang von Autarkie in einen Zustand von Interaktion gezeigt, dass Tauschge- schäfte einen individuellen Nutzenzuwachs haben. Aufgrund des interpersonellen Güter- austausches besteht prinzipiell die Möglichkeit, sich gegenüber der Autarkie besser zu stel- len, indem beide Individuen beide Güter konsumieren. Dies kann somit alsökonomische Begründung für Tauschaktivitäten zwischen Individuen aufgefasst werden. Dadurch wird exemplarisch die Begründung erbracht, warum Individuen sich zu Gruppen zusammenschließen und miteinander tauschen. Allerdings stellen Breyer und Kolmar heraus, dass diese Modellierung aufgrund der in der Anarchie herrschenden individuellen Drohpotentiale bei der Güterdistribution nicht ohne weiteres auf eben jenen staatslosen Zustandübertragen werden kann. Dies liegt daran, dass an die Stelle von Kooperation eine gewaltsame Umverteilung treten und somit den individuellen Nutzen beteiligter Personen verringern könnte [Breyer/Kolmar 2005: S. 85-87].

Wie Eingangs geschildert besteht in der Anarchie das Problem des fehlenden Anspruches auf Eigentum, da bei einer fehlenden hoheitlichen Instanz keine konstitutionell- durchgesetzte Menschenrechte existieren. Aus den mathematischen Gleichungen von Breyer und Kolmar lässt sich schließen, dass die Kosten für die Produktion eines jeweili- gen Gutes für das einzelne Individuum zwar gleich bleiben, allerdings nur noch ein Teil- nutzen aus der jeweiligen Produktion gezogen werden kann und somit das Produktionsan- gebot herabgemindert wird [Breyer/Kolmar 2005: S. 83 ff]. Dies hängt damit zusammen, dass sich jedes Individuum vor der Produktion bewusst sein wird, für das jeweilige Produkt zwar die gesamten Produktionskosten tragen zu müssen, jedoch nur einen anteiligen Ertrag daraus erwirtschaften wird und senkt somit die Produktion auf ein ineffizientes Niveau [Breyer/Kolmar 2005: S. 86-87]. Grafisch lassen sich die Produktionsanreize für ein Indi- viduum A wie folgt veranschaulichen:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Aus diesem Grund kann man unter Eigentumsunsicherheit in der Anarchie auf Wohlfahrtsminderung bezüglich der Tauschvereinbarungen sowie Umfang der Güterproduktion schließen (Bewegung von (y1)0 auf (y1)1 ).

Einen anderen Ansatz präsentiert Robert Axelrod. Dieser charakterisiert vorab die zwi- schenmenschliche Kooperation als „eine Konsequenz der Verfolgung individueller Interes- sen“ [Axelrod 1984: S. 5]. Axelrod beschreibt jegliche Interaktion zwischen Menschen originär als ein Gefangenendilemma, welches in der Literatur als ein sehr praktikables Bei spiel geführt wird [Axelrod 1984: S. 7 ff]. In diesem Dilemma, symbolisiert durch zwei Personen, die entweder kooperieren oder defektieren können, führt die Unkenntnisüber das Handeln der jeweils anderen Person zu einem suboptimalen Ergebnis, in welchem bei- de Individuen defektieren. Dabei entsteht ein sogenanntes Nash-Gleichgewicht, in dem der Pay-Off dieser Situation durch einseitiges Abweichen des Individuums nicht erhöht wer- den kann.5

Die Neigung zum Defektieren, so von Axelrod behauptet, besteht allerdings nur im nicht- wiederholten bzw. endlichen Spiel. Bei einer unbestimmten Anzahl von Kooperationszyk- len kann Kooperation entstehen, was im Folgenden näher beleuchtet wird [Axelrod 1984: S. 9]. Hierbei stellt Axelrod klar, dass nur durch wiederkehrende Interaktionen zwischen den Individuen Kooperation entstehen kann, da kontemporäre Entscheidungen nicht nur das ablaufende Treffen beeinflussen, sondern auch der mögliche zukünftige Kontakt aufgrund des Erfahrungswertes bedingt werden kann.

Das grundsätzliche Problem in dieser Situation besteht allerdings darin, dass zukünftige Entscheidungen weitaus weniger ins Gewicht fallen als die Gegenwärtigen. Laut Axelrod liegt dies zum Einen daran, dass zukünftige Auszahlungen immer weniger wichtig erschei- nen als die momentanen Rückflüsse. Zum Anderen sehen sich die Individuen dem Problem gegenübergestellt, dass es keine Sicherheit gibt, den gleichen Kooperationspartner zu ei- nem späteren Zeitpunkt wiederzutreffen, da diese nicht antizipieren können, wo sich der Gegenüber fortan aufhalten wird. Um diesem punctus cnactus adäquat begegnen zu kön- nen, führt Axelrod einen sogenannten Diskontparameter w ein, welcher „das Ausmaß, in dem die Auszahlung eines jeden Zuges relativ zum vorhergehenden diskontiert wird“, repräsentiert [Axelrod 1984: S. 11].

Geht man nun von zwei Individuen aus, welche sich in der beschriebenen Situation befin- den, so stellt sich die Frage, wie eine mögliche Kooperation in der Anarchie aussehen könnte. Wie bereits ausgeführt ist ein Nachhaltigkeitsfaktor oder Diskontfaktor wichtig, um zukunftsorientierte und nicht lediglich gegenwartsorientierte Individuen vorzufinden. Dieser Faktor beschreibt die Wichtigkeit einer zukünftigen Zahlung in der heutigen Zeit. Ist also der Faktor w hinreichend groß, so sind die Individuen bereit, nicht nur auf das Nash-Gleichgewicht mit dem Effekt des suboptimalen Ergebnisses abzuzielen, sondern Kooperation in Erwägung zu ziehen und somit ein paretooptimales Gleichgewicht herzustellen. Als beste Strategie erwies sich hierbei Tit-For-Tat, welche als Gewinner aus einem veranstalteten Computerwettbewerb herausging.6 Unter bestimmten Gegebenheiten ist es also für die Individuen lohnenswerter auf Defektion zu verzichten und in einen stabi- len Zustand von gegenseitiger Kooperation einzutreten. Wie bereits erwähnt, ist der „Schatten der Zukunft“ [Axelrod 1984: S. 113] auf die Gegenwart also ein gewichtiger Bestandteil der persönlichen Entscheidung für oder wider Kooperation. Essentiell an dieser Stelle ist die Frage, unter welchen Umständen ein Zustand der Koope- ration in der Anarchie dauerhaft aufrecht erhalten werden könnte, in dem schon allein die Überlegung zur Defektion nicht aussichtsreich erscheint. Wie bereits angesprochen, be- antwortet Axelrod dies mit der Aussage, dass sofern die Zukunft wichtig genug ist, die Drohung zur Vergeltung bei einer einseitigen Defektion hinreichend signifikant wäre. Die realitätsnahe Transferierung dieser Vorgabe könnte jedoch daran scheitern, dass in der Regel ein Individuum eine heutige Auszahlung einer Auszahlung in der Zukunft vorzieht. Dies hängt unter Anderem damit zusammen, dass man sich nie sicher sein kann, wie oft sich eine interpersonelle Interaktion in der Zukunft wiederholt [Axelrod 1984: S. 115]. Um jedoch Kooperation zu ermöglichen, muss eben jener Schatten der Zukunft fundamen- tal verankert werden. Dies kann dadurch geschehen, dass man entweder die Kooperation dauerhafter macht oder die Interaktionsrate erhöht. Dem Individuum muss die Sicherheit gegeben sein, dass sich eine Kooperation wiederholt und es sich somit durch den Verzicht auf Defektion auf lange Sicht besser stellt, als stellenweise zu defektieren. Besonders die Erhöhung der Interaktionsrate erweist sich als praktikabel, führen doch Unternehmen heut- zutage ihre Lieferabwicklung eben genauso durch. Dies hat den Vorteil, dass jede einzelne Interaktion in ihrer Gewichtung abnimmt, wodurch eine einzelne Defektion in seiner Vor- teilhaftigkeit schwindet, da eine Bestrafung für den Kooperationsbruch schneller und frü- her erfolgen kann, gegenüber wenigen oder einer einzelnen großen Interaktion [Axelrod 1984: S. 119].

Nun stellt sich die Frage, wie nachhaltig eine Kooperation sein kann. Greift man auf Test- werte zurück, so erwies sich wie bereits erwähnt Tit-For-Tat als freundliche Strategie, die nie zuerst defektiert und damit als diejenige mit der größten Auszahlung. Ein Grund dafür ist, dass sich diese Strategie nicht ausnutzen lässt, da sie jede Defektion mit einer jeweili- gen Vergeltung beantwortet und sich daher an seinen Gegenüber anpasst [Axelrod 1984: S. 41].

Was passiert jedoch, wenn in eine Population von Individuen, wo alle Menschen das Prin- zip Tit-For-Tat anwenden, eine Gruppe feindseliger, ausbeuterischer Leute eindringt?

[...]


1 Die komplette Auflistung der Entwicklung der Staatsquote in Deutschland ab 1960 kann im Appendix 1 nachgelesen werden

2 Eine differenzierte Analyseüber den zweckmäßigen Umfang der Staatsquote hat Blankart 2008 an anderer Stelle vorgenommen

3 Auf die spezifischen Kernpunkte von Staatsversagen im Hinblick auf die unzureichende Güterallokation und Ineffizienz in der Produktion wird in diesem Zusammenhang nicht näher eingegangen. Eine präzise Abhandlung dieserökonomischen Grundannahmen findet sich bei Dennis C. Mueller (2007)

4 Als Güter werden hierbei sämtliche Produkte bezeichnet, die von Konsumenten erworben werden können. Darunter fallen demnach nicht nur physische Güter sondern auch Dienstleistungen

5 Robert Axelrod hat zur Verdeutlichung des Gefangenendilemmas auch einen spieltheoretischen Ansatz gewählt. Hierfür betrachtet dieser das Gefangenendilemma unter dem Aspekt der individuellen Nutzenanalyse [Axelrod 1984: S. 8 ff].

6 Die beste Strategie ist in dem Fall nicht diejenigen gewesen, welche sich am häufigsten gegen andere Strategien durchsetzte. Vielmehr gelang es Tit-For-Tat als freundliche Strategie im Durchschnitt mehr Punkte zu sammeln als der Rest, ohne dabei zwingend als Gewinner in einem eins gegen eins Duell vom Platz zu gehen.

Ende der Leseprobe aus 41 Seiten

Details

Titel
Die Ökonomie der Anarchie: Braucht die Gesellschaft einen Staat?
Hochschule
Universität Paderborn
Note
1.7
Autor
Jahr
2009
Seiten
41
Katalognummer
V165867
ISBN (eBook)
9783640817603
ISBN (Buch)
9783640821181
Dateigröße
924 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Freie wissenschaftliche Arbeit zur Erlangung des Grades eines Bachelor of Science an der Fakultät für Wirtschaftswissenschaften der Universität Paderborn WS 2008/2009
Schlagworte
Ökonomie, Sozialstaat, Gesellschaft, Staat, Wirtschaft, Economy, Anarchie, Anarchy, State
Arbeit zitieren
Eugen Dimant (Autor), 2009, Die Ökonomie der Anarchie: Braucht die Gesellschaft einen Staat?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/165867

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