Wie viel Kritik verträgt die Gruppe?

Kernbegriffe der Erforschung der Gruppe und des Individuums


Hausarbeit, 2011
14 Seiten

Leseprobe

Gliederung

1. Einleitung

2. Kernbegriffe
2.1. Erster Kernbegriff: Rolle
2.2. Zweiter Kernbegriff: Identität
2.3. Identität: Versuch einer Projektbeschreibung

3. Die Gruppe
3.1. Die Gruppe als System
3.2. Kommunikation

4. Kritik

5. Zusammenfassende Bewertung

6. Quellenverzeichnis
6.1. Literaturquellen
6.2. Quellen aus dem Internet

1. Einleitung

Wie viel Kritik verträgt die Gruppe?

Desto flexibler wir selbst, unsere Biografien, Möglichkeiten, unsere Bezüge werden, desto wichtiger wird es, sich als Individuum in einer Gruppe zu verorten. Sind wir arm und gescheitert wie der liebe Augustin in dem alten Kinderlied, bleibt doch zumindest sie. Oder soll sie zumindest bleiben. Doch wie bleiben Gruppen stabil? Und wie weit sind sie änderungsflexibel, offen für Kritik?

Wir finden in der modernen Sozialpsychologie und Soziologie mit ihren wunderbar komplizierten Abhandlungen folgende Kette:

Wir sind frei, uns zu entwickeln, aber leider auch in die falsche Richtung.

Wir sind Mängelwesen[1], also machen wir Fehler.

Wir machen Fehler, also sind wir kritisierbar.

Wir sind kritisierbar, also können wir uns weiterentwickeln.

Wir können uns weiterentwickeln, aber leider auch in die falsche Richtung.

Im Folgenden möchte ich anhand einiger Kernbegriffe der Erforschung der Gruppe und des Individuums erläutern, wie viel Kritik eine Gruppe verträgt, ohne dabei handlungsunfähig zu werden.

2. Kernbegriffe

2.1. Erster Kernbegriff: Rolle

Die Geschichte des modernen Individuums beginnt mit einer phantastischen Errungenschaft: Der Freiheit von alten Rollenmustern, von „Mein Vater war Arzt, also werde ich auch Arzt“, „Ein Mädchen benimmt sich so“ etc., und der Freiheit hin zur Gestaltung des eigenen Ichs und der eigenen Individualität[2], in der nicht nur die Geschichte, Außeneinflüsse mein Leben formen, sondern der Mensch aus sich heraus. Doch zuerst: Wie verhält es sich mit diesen Rollen?

Der Begriff der sozialen Rolle ist ein Elementarbegriff der Sozialwissenschaften, der im Zentrum der wissenschaftlichen Diskussion in den 60er und 70er Jahren stand. Er markiert die Nahtstelle von Individuum und Gesellschaft. Rollen sind mit jeder Position im sozialen Gefüge verbunden und können als „Komplex oder Gruppe von Verhaltenserwartungen“ (Dahrendorf, 1965: 26)[3] bezeichnet werden, die mit den jeweiligen Positionen verbunden sind.

In der Moderne sind neue Vergesellschaftungsmuster dominant geworden. Sie hängen kausal eng mit der funktionalen Differenzierung zusammen, mit der Frage, wie weit Rollen in die Identitätsbildung hineinspielen[4]. So wird die Existenz des Bauern, Stadtbürgers und Adligen nicht durch seine Tätigkeit bestimmt, sondern diese durch seine Herkunft (Geburt) und das in aller Regel für die gesamte Lebensspanne. Natürlich gab es soziale Auf- und Abstiegsprozesse, aber sie galten nicht als regelhaft, schienen eher unwahrscheinlich zu sein, anders als heute, wo auch die weniger gebildeten Schichten sich die beste Schulbildung, ein Studium wünschen. Solche Aufstiegswünsche waren in früheren Jahrhunderten oft „undenkbar“. In der Selbstbeschreibung, in der Legitimierung und Verdeckung sozialer Ungleichheiten blieb das geburtsständische Differenzierungsprinzip zentral, da mit qua Geburt erhaltene und nicht durch Leistung errungene Eigenschaften begründet.

Der moderne Mensch hat sich davon befreit, die Gesellschaft ist durchlässiger geworden. Der moderne Mensch wird so zum multiplen Rollenträger (Arbeiter, Familienvater, Parteimitglied, Konsument, Schüler, Rentner). Interaktionistisch gesehen werden Rollen nun zu Verhaltenserwartungen sozialer Akteure an Positionsinhaber, durch deren Befolgung soziale Stabilität gewährleistet wird, ohne dass Rollen individuelles Handeln determiniert[5].

Wichtig ist, dass die Rollentheorie den Mensch in einer doppelten Natur entwirft, ihm eine zweifache Identität zuweist. Einmal als soziales Wesen, als Träger gesellschaftlicher Verhaltenserwartungen und konformes Mitglied einer sozialen Gruppe, zum anderen als einzigartiges Individuum, mit einer rein subjektiven, personalen Identität.

Der Rollenbegriff ist daher heute am ehesten zur Bezeichnung funktionsspezifischer Verhaltenserwartungen, in welche Akteure wie Kostüme je nach individuellem Handlungsziel oder situativem Kontext schlüpfen. Die Einbindung, Integration oder Inklusion des Individuums in die Gesellschaft wird durch Rollenübernahmen realisiert; der Zugriff der Gesellschaft auf das Individuum ist daher immer nur partiell, nur jenen für den aktuellen Kontext relevanten Ausschnitt der Persönlichkeit betreffend.

Doch diese Rollenübernahmen sind fakultativ – es ist heute möglich, sich von ihnen zu distanzieren. Rollendistanz eröffnet dem Individuum die Chance, „die Situation und die Fassaden, das Bühnenbild und sogar die Zuschauer neu zu definieren.“ (Abels, 2006: 329)[6] Sie ist Teil sekundärer Sozialisationsprozesse[7].

Die Gruppe führt dabei zu einer Stabilisierung der nach außen zur Schau gestellten Muster. Denn die Gruppe ist darauf angewiesen – alles andere wäre sehr ineffizient und würde die Marge des Unkontrolierbaren zu stark erhöhen – dass ein Mensch auch morgen noch als das erscheint, als was er sich heute präsentiert[8].

Individuelle Persönlichkeit als Einheit ihrer Komplexität und Vielfältigkeit steht grundsätzlich außerhalb systemischer Interaktionsbezüge, die dennoch davon beeinflusst bleiben. Identität bleibt individuell zu leistende Arbeit, diese Einzelteile in einer individuellen Kombination zu einem konsistenten, halbwegs zeitstabilen Selbstbild zusammenzufügen[9].

2.2. Zweiter Kernbegriff: Identität

Was ist Identität? Ich möchte dieses Kapitel mit einer Definition von Abels einleiten: „ „Wie bin ich geworden, was ich bin?“, „Wer will ich sein?“, „Was tue ich?“ und „Wie sehen mich die anderen?“ Identität ist die Antwort auf diese Fragen.“ (Abels, 2006: 245)

Identität ist harte Arbeit, die Freiheit von Festlegungen bedeutet ein Ausmaß der Verantwortung für sich, die nicht immer leicht zu ertragen ist: „Das Verhältnis des Menschen zu sich selbst ist ein immer prekäreres Verhältnis, es hat keine naturhaft festgelegte Form […].“ (Keupp, 1997: 10) Identität kann nur jenseits von Rollenmustern, überhaupt nur jenseits von Gesellschaftsbezügen als deren Synthese konstruiert werden. Im Gegensatz zu vormodernen Gesellschaften ist Identität in der Moderne zum Problem geworden[10]. Die Frage, wie es balanciert, ist zugleich wichtiger Teil seiner Identität[11].

Identität findet damit nicht nur im luftleeren Raum, in der Abgeschiedenheit von anderen statt, sondern immer auch in sozialen Kontexten: „Identität heißt nicht nur, sich der Differenz zwischen Individuum und Gesellschaft bewusst zu bleiben, sondern die Form dieses Verhältnisses grundsätzlich unter der Perspektive des Möglichen zu bedenken!“ (Abels, 2006: 440) Der Mensch wird durch die Gruppe sozial verortet[12]. Durch die hohe räumliche Flexibilität wird diese Verortung vermutlich noch bedeutsamer – und die Referenzgruppen verändern sich damit auch – werden virtueller.

Früher naturwüchsiges Produkt unreflektierter Sozialisation in lokalen Gemeinschaften wird Identität mit der Herauslösung der Individuen aus überkommenen Gemeinschaftsbezügen zur individuellen Aufgabe. „Aus den verblassenden sozialen Vorgaben schält sich, verletzt und zaghaft, voller Fragen, das nackte, verängstigte, aggressive, Liebe und Hilfe suchende Ich heraus. In der Suche nach sich selbst und einer zärtlichen Sozietät verläuft es sich leicht im Urwald des eigenen Selbst […] Wer im Nebel des eigenen Selbst herumstochert, ist nicht mehr in der Lage zu bemerken, dass diese ‚Einzel-Ich-Haft’ Massenschicksal ist“ (Beck, 1991: 36ff). In ihrem Kern ist hier die Individualisierungsthese formuliert worden[13], die, oft missinterpretiert nicht die Ausweitung von Individualität in modernen Gesellschaften beschreibt, sondern die Zuschreibung und Externalisierung von Identitätsbildung, Integration und Lebensführung auf die Entscheidungskompetenz des Individuums, d.h. die Institutionalisierung von vielfältigen Entscheidungszwängen.

[...]


[1] Vgl. Gehlen in Keupp, 1997: 9

[2] Vgl. Abels, 2006: 241

[3] Vgl. Abels, 2006: 292

[4] Vgl. Krappmann, 2005: 39ff

[5] Vgl. Krappmann, 2005: 39ff

[6] Vgl. Krappmann, 2005: 150ff

[7] Vgl. Krappmann, 2005: 87

[8] Vgl. Abels, 2006: 343

[9] Vgl. Abels, 2006: 297

[10] Vgl. Keupp, 1999: 71

[11] Vgl. Krappmann, 2005: 79

[12] Vgl. Abels, 2006: 345, Krappmann, 2005: 84ff

[13] Beck, 1986: 10ffR, Beck, Beck-Gernsheim, 1994: 49ff

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Details

Titel
Wie viel Kritik verträgt die Gruppe?
Untertitel
Kernbegriffe der Erforschung der Gruppe und des Individuums
Autor
Jahr
2011
Seiten
14
Katalognummer
V165939
ISBN (eBook)
9783640817306
ISBN (Buch)
9783640820696
Dateigröße
463 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Kritik, Gruppe, System, Identität, Rolle
Arbeit zitieren
Dr. phil. Kathrin Kiss-Elder (Autor), 2011, Wie viel Kritik verträgt die Gruppe?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/165939

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