Allegorien und Symbole - Zur narrativen Funktionalisierung der Tiersymbole im "Parzival"


Seminararbeit, 2002
19 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Tiermotive zur Kennzeichnung von Figuren
2.1 Heraldische Tiersymbolik: der „strûz“
2.2 Explizite Tiervergleiche: die „turteltûbe“ und der „lewe“
2.3 Implizite Tiervergleiche: Herzeloydes „Schlangentraum“

3. Die Tierwelt des Grals
3.1 Tiere mit Heilkraft ? - der „pellicânus“ und das „monîcirus“
3.2 Die Tiere des „lapsit exillîs“ - Der „fênîs“ und die „tûbe“

4. Schlussbetrachtung

5. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Vielfältig, kontrovers und annähernd unüberschaubar ist mittlerweile die Forschungsliteratur, die sich mit Wolframs von Eschenbach „Parzival“ auseinander setzt. Kaum wird sich ein Aspekt dieses „dunklen“ Romans finden lassen, der noch nicht Gegestand einer wissenschaftlichen Publikation geworden ist. Vor diesem Kontext mag es ein wenig überraschend sein, dass trotz des vielfachen und vielseitigen Gebrauchs von Tiermotiven in Wolframs Werk bisher keine Arbeit vorliegt, die den Versuch unternimmt, diese systematisch zu erfassen und ihre Funktion in der Gesamtstruktur des Romans zu untersuchen.

Da auch im begrenzten Rahmen der vorliegenden Arbeit ein solches Unterfangen leider unterbleiben muss, soll hier stattdessen versucht werden, anhand einer kleinen Auswahl von Beispielen Wolframs Funktionalisierung von Tiermotiven und der mit ihnen verbundenen allegorischen Bedeutungen darzustellen und sie mit der ding-allegorischen Deutung der Tierwelt im „Physiologus“ zu vergleichen, jenem „Naturkundebuch“ aus dem zweiten nachchristlichen Jahrhundert, das die Vorstellungswelt der Spätantike und des Mittelalters maßgeblich beeinflusst hat und auch die literarische Darstellung von Tieren noch über die Zeit der Aufklärung hinaus prägte.

Auch wird zu klären sein, in wie weit die narrative Verwendung von Tiersymbolen im „Parzival“ einen Beitrag zur interpretatorischen Erschließung des Textes liefern kann.

Die Arbeit ist in zwei Hauptteile gegliedert, im ersten Teil soll die primär zur Charakterisierung von Personen dienende „gewöhnliche“ Tierwelt des „Parzival“ untersucht werden, während im zweiten Teil die Fauna der „ Terre de Salvaesche “ (Pa 251,4) und ihre erzählerische Funktion im Mittelpunkt stehen soll. Diese Einteilung orientiert sich grob an einer Arbeit von GERTRUD JARON LEWIS1, welche ebenfalls die dichterische Funktion von Tiermotiven in der mhd. Epik untersucht.

Die Vergleiche mit dem „Physiologus“ beziehen sich in erster Linie auf den mittelhochdeutschen Physiologus der „Millstätter Reimsfassung“ , die gemeinhin auf das 12. Jahrhundert datiert wird, nur in einigen Fällen musste der griechische Physiologus als Vergleichsgrundlage herangezogen werden, von dem allerdings keine textkritische Ausgabe verwendet werden konnte, sondern nur eine populärwissenschaftliche Ausgabe, die teilweise übersetzte Fragmente der griechischen Redaktion mit späteren oder ungesicherten Textelementen vermischt und den Ursprung des verwendeten Textes nicht eindeutig nachweist.2

Textgrundlage für die „Parzival“ Zitate ist die de Gruyter Studienausgabe, welche der sechsten Ausgabe von KARL LACHMANN folgt.3

2. Tiermotive zur Kennzeichnung von Figuren

Ein Großteil der im „Parzival“ verwendeten Tiermotive dient der Charakterisierung und

Kennzeichnung von Figuren. Teilweise sind es heraldische Tiersymbole, welche die Romanfiguren mit einem Tier und seinen Eigenschaften in Beziehung setzen, teilweise direkte Vergleiche, in anderen Fällen sind die Allegorien aber nur implizit angelegt, wie beispielsweise in Herzeloydes „Schlangentraum“ (Pa 104, 11-19).

Wie zu zeigen sein wird, greift Wolfram bei diesen Tiervergleichen zwar häufig auf die Vorstellungen aus dem Physiologus zurück, zieht allerdings auch andere Traditionslinien heran. Bereits bei diesen Tierdarstellungen wird eine Dominanz des Narrativen im „Parzival“ gegenüber den theologisch-didaktischen Zielsetzungen des Physiologus offenbar, die Auswahl der übernommenen Eigenschaften und Deutungsmuster ist selektiv und orientiert sich an erzählerischer Absicht und Notwendigkeit.

Die wohl am stärksten didaktisch orientierte Tierallegorie findet sich im Prolog des Werkes in Gestalt des „ vliegende[n] bîspel[s] “ (Pa 1,15) der Elster, das im späteren Romanverlauf u.a. in der Gestalt des schwarz-weiß gescheckten Feirefiz wieder aufgegriffen wird. Da sich für dieses Tier allerdings im Physiologus keinerlei direkte Entsprechung findet, soll im Rahmen dieser Arbeit auf diese interessante Tierallegorie nicht weiter eingegangen werden, auch wenn sie in gewisser Weise in nuce einen Deutungsansatz für das Gesamtwerk bereits enthält.4

2.1 Heraldische Tiersymbolik: der „ strûz “

Als Beispiel für die Verwendung von Tiersymbolen der Heraldik zur Kennzeichnung von Figuren soll hier der Strauß herangezogen werden, der im I. Buch als Helmzierde des spanischen Ritters Kaylet erscheint: „ ein strûz erûf dem helme truoc “ (Pa 39, 16).5

Nach dieser Zuordnung von Tiersymbol zu Romanfigur, werden in einem folgenden Schritt die Eigenschaften, die mit diesem Tier verknüpft werden, auf die entsprechende Figur übertragen:

'do rekante abr wol dînen strûz, (...) / dîn strûz stuon h ô ch sunder nest“ (Pa 50,4-6)6

Diese Textstelle spielt auf die Brutgewohnheiten des Vogels Strauß an, welche auch im Physiologus angesprochen werden:

unde so michil hizze ist, so grebet der Struz diu eier in den mist. / so bedechet er sie

danne mit dem sande. / So si danne chumet wider niht mere, agezzil ist er sere. /

dar nach leget si die eier in die hizze und briutet si uz an der sunne mit wizze.“ (Ph 161,4 - 162,3)7 Die Verhaltensweise, welche im „Parzival“ und im Physiologus dem Strauß zugeordnet wird, dass er nicht im Nest verbleibt und brütet, ist in etwa die selbe. Unterschiedlich ist allerdings die Absicht, in der diese Verhaltensweise angeführt wird. Während im Physiologus daraus die belehrende Feststellung gefolgert wird, dass wir Menschen

daz wir ze ubil haben getan, des sculen wir vergezzen unde miden sa. “ (Ph 163,3)8, wie der Strauß seine Eier hinter sich lässt, beziehungsweise in einem Bibelzitat (Matth. 10,37) die Gottesliebe über die Liebe zu den eigenen Kindern gestellt wird (Ph 164), dient diese Attribution im „Parzival“ dem narrativen Zweck, den jungen Kaylet als einen Ritter zu charakterisieren, der sich noch auf Aventiure-Reisen befindet und noch nicht häuslich geworden ist, so beispielsweise gedeutet im Stellenkommentar von NELLMANN.9

Dies setzt ihn in direkten Gegensatz zu Gahmuret, der hier, symbolisiert durch das heraldische Zeichen des Ankers (Pa 50,1), als niedergelassener Ritter und Verteidiger eines Landes auftritt, dessen Suche nach einer Heimat, die durch eben dieses heraldische Zeichen repräsentiert wurde (Pa 14,15-15,9), eigentlich im Königreich Zazamanc ein Ende gefunden hat10. Für die Struktur des Romans interessant wird diese Gegenüberstellung, die wie gezeigt nur über die Tiersymbolik gedeutet werden kann, besonders in Hinblick darauf, dass Gahmuret sich selbst immer mehr als ein Strauß denn als ein Anker erweisen wird - beide Frauen, die ihnen längere Zeit binden konnten, läßt er schwanger zurück und „ chumet wider niht mere11 (Ph 162,2) - um eine Formulierung aus dem Physiologus zu benutzen. Dieses durch den Strauß dargestellte Motiv des Verlassens der Seinen, soll auch später in anderem Zusammenhang weiter besprochen werden. Zunächst soll allerdings noch einmal schematisch und exemplarisch die unterschiedliche Funktion und der unterschiedliche Zeichencharakter der Tiersymbole im „Parzival“ und der Tierallegorien im Physiologus dargestellt werden.

Im Physiologus wird das Tier als eine Art Signifikant genommen, der allegorisch in Bezug auf die Heilsgeschichte oder auf ein für Christen erstrebenswertes Verhalten gedeutet wird. Dem Tier wird sozusagen eine direkte Bedeutung, eine Art Signifikat zugeordnet.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Im „Parzival“ hingegen wird das Tier als Symbol verwendet, als kulturell vorgeprägtes Zeichen, das eine gewisse Bedeutung trägt, die auf eine Figur (oder auch einen Gegenstand) übertragen wird und somit im Kontext des Romans eine eigene Bedeutung entwickelt, bzw. zur Struktur des Romans beiträgt, in dem sie Parallelen zieht oder Entwicklungen veranschaulicht.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Hier diese Prozesse dargestellt anhand des Straußes:

Physiologus: Strauß verlässt sein Nest > Deutung: wende auch du dich ganz Gott zu.

Parzival: Strauß / ohne Bindung an die Seinen, „ohne Nest“ > Übertragung: junger Ritter Kaylet als Reisender > Gahmuret, der die Seinen hinter sich lassen wird, wie der Strauß.12

[...]


1 Lewis, Gertrud Jaron: Das Tier und seine dichterische Funktion in Erec, Iwein, Parzival und Tristan. Bern und Frankfurt/M. 1974 (Kanadische Studien zur deutschen Sprache und Literatur 11).

2 Physiologus. Naturkunde in frühchristlicher Deutung. Übers. und hg. v. Ursula Treu. Hanau 31998.

3 Wolfram von Eschenbach: Parzival. Hg. von Karl Lachmann. Berlin und New York 1998.

4 Auf eine mögliche Parallele in der Physiologus-Darstellung des Blesshuhns wird in Lewis (1974) hingewiesen: S. 86-89.

5 Übers.: „Er trug einen Strauß auf dem Helm.“.

6 Übers.: „Dagegen erkannte ich aber deinen Strauß wohl (...) dein Strauß stand hoch und ohne ein Nest“.

7 Übers.: „Und sobald es sehr heiß ist, dann gräbt der Strauß die Eier in den Dreck. Danach bedeckt er sie dann mit Sand. Wenn er dann wieder her [an die Stelle, MK] kommt, dann hat er [hier ist im Grunde ein Wechsel im Genus des Pronomens, MK] die Eier vergessen und kommt nicht mehr wieder dorthin, er ist sehr vergesslich. Deswegen legt er die Eier in die Hitze und brütet sie mit Klugheit an der Sonne aus.“.

8 Übers.: „das, was wir an Schlechtem getan haben, das sollen wir vergessen und zukünftig meiden“.

9 Wolfram von Eschenbach: Parzival. Hg. von Karl Lachmann. Revidiert und kommentiert von Eberhard Nellmann. Bd. 2. Frankfurt/M. 1994 (Bibliothek des Mittelalters 8). S. 480.

10 Vgl. das Paradoxon des Heimatlosen mit dem Ankerwappen in Lewis (1974). S. 103.

11 Übers.: „und kommt nicht wieder“.

12 Diese sicherlich zu diskutierende Deutung ist oben näher ausgeführt.

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Allegorien und Symbole - Zur narrativen Funktionalisierung der Tiersymbole im "Parzival"
Hochschule
Eberhard-Karls-Universität Tübingen  (Deutsches Seminar - ältere Abteilung)
Veranstaltung
PS II: Der althochdeutsche und der mittelhochdeutsche Physiologus
Note
1,0
Autor
Jahr
2002
Seiten
19
Katalognummer
V16607
ISBN (eBook)
9783638214070
Dateigröße
542 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Zur narrativen Funktionalisierung der aus dem Physiologus entlehnten Tiersymbole/Allegorien in der erzählerischen Gesamtstruktur von Wolframs von Eschenbach &quot,Parzival&quot,
Schlagworte
Allegorien, Symbole, Funktionalisierung, Tiersymbole, Parzival, Physiologus
Arbeit zitieren
Martin Kindtner (Autor), 2002, Allegorien und Symbole - Zur narrativen Funktionalisierung der Tiersymbole im "Parzival", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/16607

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